Johanna                                                     Königin von Frankreich
-----------                                        als J. I. Königin von Navarra (1274-1305)
1271-2.4.1304
Bar-sur-Seine Vincennes
 

Erb-Tochter des Königs Heinrich I. der Dicke von Navarra-Champagne und der Blanka von Artois, Tochter von Graf Robert I.
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 523
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Johanna I., Königin von Navarra
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* um 1270, + 1305

Tochter des letzten Königs von Navarra aus dem Hause CHAMPAGNE, Heinrich ‚le Gros‘, und der Blanche von Artois

Durch Johanna, die nur die ersten fünf Jahre in Navarra verbrachte, kam das Erbe ihres Hauses an die KAPETINGER. Nach dem Tod ihres ungeschickt regierenden Vaters brachen offene Konflikte aus (städtischer Aufstand in Pamplona, 1275-1276); es drohten Invasionen der mächtigen Nachbarn (1275 Kastilien). Als kapetingische Prinzessinen unterstellten sich Blanche von Artois und ihre Tochter Johanna I. dem Schutz Philipps III., der Navarra durch seine Truppen unter dem energischen Eustache von Beaumarchais befrieden ließ. Der König leitete die Vermählung der Johanna mit seinem Sohn Philipp dem Schönen in die Wege, der somit dank seiner Gattin Titel und Erbe des Königreiches Navarra und der Grafschaften Champagne und Brie wieder mit der Krone Frankreichs vereinigte. Er und seine Nachfolger (mit Ausnahme Ludwigs X., 1308) haben aber Navarra, das weiterhin von Gobernadoren verwaltet wurde, nicht besucht. Königin Johanna, die stark im Schatten ihres Gemahls stand, stiftete zu Paris das College ‚de Navarre‘ für Studenten aus der Champagne und Navarra.


Treffer Gerd: Seite 161-164
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"Die französischen Königinnen. Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert)"

                                     JOHANNA VON NAVARRA - die einzige Frau des großen Königs
                                              * 14. Januar 1273, + 2. April 1305
                                               Bar-sur-Seine         Vincennes

Gemahlin Philipps IV. des Schönen (* 1268; König: 1285-1314) Heirat 16. August 1284 Paris

Viele Zufälle kommen zusammen, um aus Johanna eine Königin von Frankreich und die Ehefaru eines der größten französischen Könige des Mittelalters zu machen. Philipp der Schöne wird sie so sehr lieben, daß er nach ihrem Tod eine Wiederverheiratung ablehnt.
Johanna von Navarra ist nicht "Spanierin", wie es ihr Name vermuten ließe. Ihre Mutter ist Blanche von Artois, eine Nichte Ludwigsdes Heiligen, ihr Vater Heinrich II. von der Champagne, Graf von Brie und später König von Navarra. Während ihre Eltern in Pamplona regieren, wächst Johanna in Provins, der Grafschaft Brie, auf. Sie ist erst wenige Monate alt, als ihre kleine Hand zum ersten Mal vergeben wird: an Heinrich von England. Sie ist eineinhalb, als ihr Vater am 21. Juli 1274 stirbt. Die Nachbarn aus Kastilien und Aragon setzen zum Sturm auf Navarra an, und Blanche von Artois muß ihre Politik ändern. Sie verspricht Johanna dem Sohn des Königs von Aragon. Dann übergibt sie Pamplona einem Statthalter und reist zu ihrer Tochter in die Champagne.
Da sich doe Situation in Spanien zuspitzt, wendet sich Blanche mit einem Hilfeersuchen an Philipp III., König von Frankreich. Ein Vertrag wird in Orleans im Mai 1275 geschlossen. Der König wird Navarra beistehen. Im Gegenzug soll Johanna einen seiner Söhne heiraten. Im zweiten Lebensjahr hat sie damit ihren dritten Verlobten. Man wählt Philipp, den zweiten Sohn des französischen Hauses. Papst Gregor erteilt den Ehedispens ausdrücklich nur für den jüngeren Sohn. Eine Vorsichtsmaßnahme: die Vereinigung der Champagne und Navarras mit der Krone würde Frankreich allzu mächtig machen. Aber selbst päpstliche Vorsichtsmaßnahmen sind nicht unfehlbar. Der Kronprinz Ludwig stirbt 1276. Darüber wird am Hof gemunkelt: Maria von Brabant wird beschuldigt. Ein anderer wird gehängt. Aber Nutznießer wird die Dreijährige sein.
Johannas Verlobter ist fortan Thronerbe. Philipp III. - der eine neue Kehrtwende ihrer Mutter fürchtet - fordert, daß ihm Johanna übergeben wird, um am französischen Hof erzogen zu werden. Das Kind wird künftig in der königlichen KAPETINGER-Familie leben, seine Erziehung mit dem um einige Jahre älteren Philippteilen - dafür gibt es Vorbilder: Blanche von Kastilien ist genauso mit ihrem Mann aufgewachsen. Am 16. August 1284 heiratet die elfjährige Johanna in der Kathedrale Notre-Dame de Paris den Prinzen Philipp. Der ist groß, stark, blond, blauäugig: Philipp der Schöne. Aber in sich gekehrt, verschlossen. Ein Jahr darauf greift das Schicksal in das Leben des jungen Thronfolgerpaares ein. Philipp III. stirbt am 5. Oktober 1285 vorzeitig an den Folgen seines Krieges gegen Aragon in Perpignan. Am 6. Januar 1286 werden Philipp mit achtzehn und Johanna mit dreizehn in Reims gekrönt. Philipp nimmt energisch die Leitung des Landes in die Hand. Johanna kümmert sich um die Nachfolge. Sechs Kinder werden aus dieser Verbindzung hervorgehen, aber nur vier erwachsen, drei davon Könige und die Tochter Königin werden. Da ist zunächst Ludwig, 1289 geboren, der von 1305 bis 1316 König von Navarra und dann von 1314 bis 1316 König Ludwig X., der Zänker, von Frankreich sein wird. 1293 kommt Philipp, der künftige König Philipp V., der Lange, zur Welt, 1294 Karl, der von 122 bis 1328 König sein wird. Mit ihrem Vater zusammen wird man sie die "verwünschten Könige" nennen, nachdem Philipp der Schöne den Tempelorden vernichtet hat. Maurice Druon wird die packende Geschichte dieser "unseligen Könige" schreiben, zu der auch deren Schwester Isabella beiträgt, die Eduard II., den König von England heiratet.
Ihr ganzes Leben  lang wird sich Johanna vom politischen Spiel fernhalten, wohl aber ihre Güter Navarra und Champagne nach französischem Modell verwalten. Philipp IV. wird eine kriegerische Politik gegen die Verbündeten England und Flandern treiben. Woher das nötige Geld nehmen? Die Besteuerung der Einkommen, neue Geldarten von minderem Gewicht bleiben unzureichend. Daß Philipp an den stabilen sakrosankten Goldtaler, den Ludwig IX., der Heilige eingeführt hat, rührte, hat ihm den Vorwurf der Geldfälscherei eingebracht. Auf Anraten seiner bürgerlichen - und dem Papst wenig freundlich gesinnten - Juristen beschließt der König, den Klerus mit dem "Zehnten" zu besteuern und trifft auf den erbitterten Widerstand Bonifaz' VIII., der ihm einige außerordentlich heftige Bulllen entgegenschleudert und klauthals die Vorherrschaft der Kirche über die weltliche Gewalt proklamiert. In einer Phase der Verständigung wird der Papst zwar den Großvater des Königs, Ludwig, heiligsprechen, der ideologisch-politische Krieg wird danach aber um so heftiger aufleben. Besonders angekreidet wird dem König sein Vorgehen gegen den Templerorden. Sicher war Philipp der immense Reichtum des Ordens ein Dorn im Auge. Weit von seiner ursprünglichen Armut entfernt, war er zum Bankier der Christenheit aufgestiegen. Deshalb war er auch überaus mächtig. Und es gab zweckdienliche Gerüchte über orientalische Einflüsse, die die Regel des heiligen Bernhard unterminiert hätten. Philipp IV. vernichtet den Orden, der Großmeister Jacques de Molay stirbt auf dem Scheiterhaufen, verflucht den König und seine Söhne - und irgendqwie scheint der Fluch auch zu wirken.
Die drei Söhne des Königs hatten hübsche Prinzesinnen geheiratet: Karl Blanche von Artois, Philipp Johanna und Ludwig Margaretevon Burgund. Zu Beginn bringen die Schwiegertöchter des Königs wieder Jugendfrische  und Fröhlichkeit an den Hof zurück. Ihre Koketterie führt aber bald zu Ausschweifungen. Margarete und Blanche nehmen zwei Brüder, Philipp und Gauthier d'Aulnay, zu Liebhabern und begehen so viele Unvorsichtigkeiten, daß alles aufkommt. Johanna ihrerseits hat keinen Ehebruch begangen, aber gewußt und geschwiegen, was als Majestätsverbrechen betrachtet wird. Der "marmorne König" schlägt hart in dieser Staats-"Affäre der Schwiegertöchter" zu. Die Brüder d'Aulnay zahlen mit ihrem Leben für die Augenblicke der Lust und der Kühnheit. Die zwei schuldigen Prinzesinnen büßen in finsteren Verliesen ihr Vergehen. Margarete stirbt nach zwei Jahren an dieser Behandlung, die naive Blanche fällt, nach verschiedenen Gefängnissen, dem Vergessen in einem Kloster anheim.
Johanna, die Königin, die die Führung ihrer ererbten Staaten behalten hat, muß sich ihrerseits 1297 eines Einfalsl des Grafen von Bar in die Champagne erwehren. Sie zögert nicht, sich an die Spitze der Armee zu setzen, setzt den Schuldigen gefangen, schleppt ihn nach Paris und läßt ihn nicht eher frei, bis er künftiges Wohlverhalten schwört. Mit gleicher Effizienz kümmert sie sich um ihr Königreich Navarra. Die kastilischen und aragonischen Nachbarn haben es besetzt.  Sie vertreibt sie, reorganisiert das Land und sorgt für dauerhaften Frieden. Philip ist übrigens der erste, der den Titel "König von Frankreich und Navarra" trägt.
Johanna folgt ihrem Mann oft auf seinen Reisen. 1299 steht sie ihm zur Seite, als er gegen die Flamen zieht. Sie besucht mit ihrem Mann die Städte Lillie, Tournai, Gent, Jeper und Brügge. Schockiert vom Luxus, den die Damen von Brügge zur Schau stellen, läßt sie den Tribut der Stadt erhöhen. Im gleichen Jahr wird zu Montreuil ein Vertrag unterzeichnet, der Flandern isoliert und die Königshäuser England und Frankreich einander annähert. Eduard I. heiratet Margarete, die Tochter aus der Ehe Philipps III. mit Maria von Brabant. Ludwig, ihr ältester Sohn, wird mit einer englischen Prinzessin verlobt.
Die Auseinandersetzung mit Bonifaz VIII. aber ist nicht zu Ende. In seiner berühmten Bulle "Ausculta filii" beschuldigt der Papst den französischen König, den Klerus zu unterdrücken und den Geldwert zu verändern. Im Gegenzug läßt Philipp am 10. April 1303 zu Notre-Dame den Vertretern der drei Stände eine Erklärung radikaler Unabhängigkeit von Rom zu verlesen. Dann kommt es zum Zwischenfalls von Anagni. Bonifaz bereitet dort den Kirchenbann gegen Frankreich vor. Philipps Juristen aber haben Gründe gefunden, an der Rechtmäßigkeit des Papstes zu zweifeln. Der päpstliche Palast wird am 7. September gestürmt. Der sechsundachtzigjährige Papst stirbt einen Monat später, am 11. Oktober 1303.
Johanna ist fromm. Sie gründet in Paris das College de Navarre, eine Geste, die zu jener Zeit ihrer Urheberin hoch angerechnet wird. Die religiöse Spannung ist groß; die Franziskaner versuchen, den Beichtvater der Königin gegen den des Königs, einen Dominikaner, auszuspielen. In diesem Klima religiös-leidenschaftlicher Auseinandersetzung stirbt Johanna am 2. April 1305. Man steht nicht an, den Tod der Königin finsteren Machenschaften zuzuschreiben, derer bald der Bischof von Troyes angeschuldigt wird. Man stellt ihn 1308 vor Gericht, muß ihn aber aus Mangel an Beweisen freisprechen.
Die Zeiten haben sich geändert. Am 5. Juni 1305 ist der Erzbischof von Bordeaux, Bertrand de Got, unter dem Namen Clemens V. zum Papst gewählt worden, weigert sich nach Rom zu ziehen und errichtet 1309 den päpstlichen Hof zu Avignon. Zu Beginn seines Pontifikates ernennt er neun französische Kardinäle.
Johanna wird im Cordeliers-Kloster zu Paris bestattet.


Johanna wurde, in früher Jugend aus Navarra geflohen, am Hofe Philipps III. von Frankreich erzogen, der sie 1284 mit Kronprinz Philipp vermählte. Sie bewährte sich später als Regentin von Champagne-Navarra und schlug in der Schlacht bei Commines 1297 den Grafen von Bar zurück. Durch diese Ehe blieb Navarra bis 1328 bei der Krone und wurde Nebenland der Krone. Johanna war eine rachsüchtige, geldgierige und grausame Regentin.
 
 
 
 

 16.8.1284
    oo Philipp IV. der Schöne König von Frankreich
         1268-29.11.1314
 
 
 
 

7 Kinder:

  Margarete
  1288- nach 1294 (1300)

  Ludwig X. der Zänker
  4.10.1289-5.6.1316

  Blanka
  1290-   1314

  Philipp V. der Lange
  1291-3.1.1322

  Isabella
  1292-27.8.1357

25.1.1306
   oo Eduard II. König von England
        25.4.1284-22.9.1327

  Karl IV. der Schöne
  1295-1.2.1328

  Robert
  1297- 8.1308
 
 
 
 

Literatur:
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Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 167,188,194,197,223,236 - Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 167-169,179,198,202,233 - Ehlers Joachim/Müller Heribert/
Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 Seite 199,203,231 - Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite 201,256,283 - Le Goff Jacques: Ludwig der Heilige, Klett-Cotta Stuttgart 2000 Seite 75,417,422,528 - Treffer Gerd: Die französischen Königinnen. Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert) Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1996 Seite 161-164 -
 
 
 
 
 
 
 
 


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