Erb-Tochter des Königs
Heinrich I. der Dicke von Navarra-Champagne und der Blanka
von Artois, Tochter von Graf Robert
I.
Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 523
********************
Johanna I., Königin von Navarra
---------------
* um 1270, + 1305
Tochter des letzten Königs von Navarra aus dem Hause CHAMPAGNE, Heinrich ‚le Gros‘, und der Blanche von Artois
Durch Johanna, die
nur die ersten fünf Jahre in Navarra verbrachte, kam das Erbe ihres
Hauses an die KAPETINGER. Nach dem
Tod ihres ungeschickt regierenden Vaters brachen offene Konflikte aus (städtischer
Aufstand in Pamplona, 1275-1276); es drohten Invasionen der mächtigen
Nachbarn (1275 Kastilien). Als kapetingische
Prinzessinen unterstellten sich Blanche von Artois
und ihre Tochter Johanna I. dem Schutz
Philipps
III., der Navarra durch seine Truppen unter dem energischen
Eustache von Beaumarchais befrieden ließ. Der König leitete
die Vermählung der Johanna mit
seinem Sohn Philipp dem Schönen
in die Wege, der somit dank seiner Gattin Titel und Erbe des Königreiches
Navarra und der Grafschaften Champagne und Brie wieder mit der Krone Frankreichs
vereinigte. Er und seine Nachfolger (mit Ausnahme Ludwigs
X., 1308) haben aber Navarra, das weiterhin von Gobernadoren
verwaltet wurde, nicht besucht.
Königin Johanna,
die stark im Schatten ihres Gemahls stand, stiftete zu Paris das College
‚de Navarre‘ für Studenten aus der Champagne und Navarra.
JOHANNA VON NAVARRA - die einzige Frau des großen Königs
* 14. Januar 1273, + 2. April 1305
Bar-sur-Seine Vincennes
Gemahlin Philipps IV. des Schönen (* 1268; König: 1285-1314) Heirat 16. August 1284 Paris
Viele Zufälle kommen zusammen, um aus
Johanna eine Königin von Frankreich und die Ehefaru eines
der größten französischen Könige des Mittelalters
zu machen. Philipp der Schöne
wird sie so sehr lieben, daß er nach ihrem Tod eine Wiederverheiratung
ablehnt.
Johanna von Navarra
ist nicht "Spanierin", wie es ihr Name vermuten ließe. Ihre Mutter
ist Blanche von Artois, eine Nichte
Ludwigsdes
Heiligen, ihr Vater Heinrich II. von
der Champagne, Graf von Brie und später König von
Navarra. Während ihre Eltern in Pamplona regieren, wächst
Johanna
in Provins, der Grafschaft Brie, auf. Sie ist erst wenige Monate alt, als
ihre kleine Hand zum ersten Mal vergeben wird: an Heinrich
von England. Sie ist eineinhalb, als ihr Vater am 21. Juli 1274
stirbt. Die Nachbarn aus Kastilien und Aragon setzen zum Sturm auf Navarra
an, und Blanche von Artois muß
ihre Politik ändern. Sie verspricht
Johanna
dem Sohn des Königs von Aragon. Dann übergibt sie Pamplona einem
Statthalter und reist zu ihrer Tochter in die Champagne.
Da sich doe Situation in Spanien zuspitzt, wendet sich
Blanche
mit einem Hilfeersuchen an
Philipp III., König
von Frankreich. Ein Vertrag wird in Orleans im Mai 1275 geschlossen.
Der König wird Navarra beistehen. Im Gegenzug soll Johanna
einen seiner Söhne heiraten. Im zweiten Lebensjahr hat sie damit ihren
dritten Verlobten. Man wählt Philipp,
den zweiten Sohn des französischen Hauses. Papst Gregor erteilt den
Ehedispens ausdrücklich nur für den jüngeren Sohn. Eine
Vorsichtsmaßnahme: die Vereinigung der Champagne und Navarras mit
der Krone würde Frankreich allzu mächtig machen. Aber selbst
päpstliche Vorsichtsmaßnahmen sind nicht unfehlbar. Der Kronprinz
Ludwig stirbt 1276. Darüber wird am Hof gemunkelt: Maria
von Brabant wird beschuldigt. Ein anderer wird gehängt.
Aber Nutznießer wird die Dreijährige sein.
Johannas Verlobter
ist fortan Thronerbe. Philipp III.
- der eine neue Kehrtwende ihrer Mutter fürchtet - fordert, daß
ihm Johanna übergeben wird, um
am französischen Hof erzogen zu werden. Das Kind wird künftig
in der königlichen KAPETINGER-Familie
leben, seine Erziehung mit dem um einige Jahre älteren Philippteilen
- dafür gibt es Vorbilder: Blanche von Kastilien
ist genauso mit ihrem Mann aufgewachsen. Am 16. August 1284 heiratet die
elfjährige Johanna in der Kathedrale
Notre-Dame de Paris den Prinzen Philipp.
Der ist groß, stark, blond, blauäugig: Philipp
der Schöne. Aber in sich gekehrt, verschlossen. Ein Jahr
darauf greift das Schicksal in das Leben des jungen Thronfolgerpaares ein.
Philipp
III. stirbt am 5. Oktober 1285 vorzeitig an den Folgen seines
Krieges gegen Aragon in Perpignan. Am 6. Januar 1286 werden Philipp
mit
achtzehn und Johanna mit dreizehn in
Reims gekrönt.
Philipp nimmt energisch
die Leitung des Landes in die Hand. Johanna kümmert
sich um die Nachfolge. Sechs Kinder werden aus dieser Verbindzung hervorgehen,
aber nur vier erwachsen, drei davon Könige und die Tochter Königin
werden. Da ist zunächst Ludwig,
1289 geboren, der von 1305 bis 1316 König von Navarra und dann von
1314 bis 1316 König Ludwig X., der Zänker,
von Frankreich sein wird. 1293 kommt Philipp,
der künftige König Philipp V., der Lange,
zur Welt, 1294 Karl, der von 122 bis
1328 König sein wird. Mit ihrem Vater zusammen wird man sie die "verwünschten
Könige" nennen, nachdem Philipp der Schöne
den Tempelorden vernichtet hat. Maurice Druon wird die packende Geschichte
dieser "unseligen Könige" schreiben, zu der auch deren Schwester Isabella
beiträgt, die Eduard II., den
König von England heiratet.
Ihr ganzes Leben lang wird sich
Johanna vom politischen Spiel fernhalten, wohl aber ihre Güter
Navarra und Champagne nach französischem Modell verwalten.
Philipp IV. wird eine kriegerische Politik gegen die Verbündeten
England und Flandern treiben. Woher das nötige Geld nehmen? Die Besteuerung
der Einkommen, neue Geldarten von minderem Gewicht bleiben unzureichend.
Daß Philipp an den stabilen sakrosankten
Goldtaler, den Ludwig IX., der Heilige eingeführt
hat, rührte, hat ihm den Vorwurf der Geldfälscherei eingebracht.
Auf Anraten seiner bürgerlichen - und dem Papst wenig freundlich gesinnten
- Juristen beschließt der König, den Klerus mit dem "Zehnten"
zu besteuern und trifft auf den erbitterten Widerstand Bonifaz' VIII.,
der ihm einige außerordentlich heftige Bulllen entgegenschleudert
und klauthals die Vorherrschaft der Kirche über die weltliche Gewalt
proklamiert. In einer Phase der Verständigung wird der Papst zwar
den Großvater des Königs, Ludwig,
heiligsprechen, der ideologisch-politische Krieg wird danach aber um so
heftiger aufleben. Besonders angekreidet wird dem König sein Vorgehen
gegen den Templerorden. Sicher war Philipp der
immense Reichtum des Ordens ein Dorn im Auge. Weit von seiner ursprünglichen
Armut entfernt, war er zum Bankier der Christenheit aufgestiegen. Deshalb
war er auch überaus mächtig. Und es gab zweckdienliche Gerüchte
über orientalische Einflüsse, die die Regel des heiligen Bernhard
unterminiert hätten. Philipp IV.
vernichtet den Orden, der Großmeister Jacques de Molay stirbt auf
dem Scheiterhaufen, verflucht den König und seine Söhne - und
irgendqwie scheint der Fluch auch zu wirken.
Die drei Söhne des Königs hatten hübsche
Prinzesinnen geheiratet: Karl Blanche von Artois,
Philipp
Johanna und Ludwig Margaretevon Burgund.
Zu Beginn bringen die Schwiegertöchter des Königs wieder Jugendfrische
und Fröhlichkeit an den Hof zurück. Ihre Koketterie führt
aber bald zu Ausschweifungen.
Margarete
und Blanche nehmen zwei Brüder,
Philipp und Gauthier d'Aulnay, zu Liebhabern und begehen so viele Unvorsichtigkeiten,
daß alles aufkommt. Johanna ihrerseits
hat keinen Ehebruch begangen, aber gewußt und geschwiegen, was als
Majestätsverbrechen betrachtet wird. Der "marmorne König" schlägt
hart in dieser Staats-"Affäre der Schwiegertöchter" zu. Die Brüder
d'Aulnay zahlen mit ihrem Leben für die Augenblicke der Lust und der
Kühnheit. Die zwei schuldigen Prinzesinnen büßen in finsteren
Verliesen ihr Vergehen. Margarete stirbt
nach zwei Jahren an dieser Behandlung, die naive Blanche
fällt, nach verschiedenen Gefängnissen, dem Vergessen in einem
Kloster anheim.
Johanna, die Königin,
die die Führung ihrer ererbten Staaten behalten hat, muß sich
ihrerseits 1297 eines Einfalsl des Grafen von Bar in die Champagne erwehren.
Sie zögert nicht, sich an die Spitze der Armee zu setzen, setzt den
Schuldigen gefangen, schleppt ihn nach Paris und läßt ihn nicht
eher frei, bis er künftiges Wohlverhalten schwört. Mit gleicher
Effizienz kümmert sie sich um ihr Königreich Navarra. Die kastilischen
und aragonischen Nachbarn haben es besetzt. Sie vertreibt sie, reorganisiert
das Land und sorgt für dauerhaften Frieden. Philip
ist übrigens der erste, der den Titel "König von Frankreich
und Navarra" trägt.
Johanna folgt ihrem
Mann oft auf seinen Reisen. 1299 steht sie ihm zur Seite, als er gegen
die Flamen zieht. Sie besucht mit ihrem Mann die Städte Lillie, Tournai,
Gent, Jeper und Brügge. Schockiert vom Luxus, den die Damen von Brügge
zur Schau stellen, läßt sie den Tribut der Stadt erhöhen.
Im gleichen Jahr wird zu Montreuil ein Vertrag unterzeichnet, der Flandern
isoliert und die Königshäuser England und Frankreich einander
annähert. Eduard I. heiratet Margarete,
die Tochter aus der Ehe Philipps III. mit
Maria
von Brabant. Ludwig, ihr
ältester Sohn, wird mit einer englischen Prinzessin verlobt.
Die Auseinandersetzung mit Bonifaz VIII. aber ist nicht
zu Ende. In seiner berühmten Bulle "Ausculta filii" beschuldigt der
Papst den französischen König, den Klerus zu unterdrücken
und den Geldwert zu verändern. Im Gegenzug läßt Philipp
am 10. April 1303 zu Notre-Dame den Vertretern der drei Stände eine
Erklärung radikaler Unabhängigkeit von Rom zu verlesen. Dann
kommt es zum Zwischenfalls von Anagni. Bonifaz bereitet dort den Kirchenbann
gegen Frankreich vor. Philipps Juristen
aber haben Gründe gefunden, an der Rechtmäßigkeit des Papstes
zu zweifeln. Der päpstliche Palast wird am 7. September gestürmt.
Der sechsundachtzigjährige Papst stirbt einen Monat später, am
11. Oktober 1303.
Johanna ist fromm.
Sie gründet in Paris das College de Navarre, eine Geste, die zu jener
Zeit ihrer Urheberin hoch angerechnet wird. Die religiöse Spannung
ist groß; die Franziskaner versuchen, den Beichtvater der Königin
gegen den des Königs, einen Dominikaner, auszuspielen. In diesem Klima
religiös-leidenschaftlicher Auseinandersetzung stirbt
Johanna am 2. April 1305. Man steht nicht an, den Tod
der Königin finsteren Machenschaften zuzuschreiben, derer bald der
Bischof von Troyes angeschuldigt wird. Man stellt ihn 1308 vor Gericht,
muß ihn aber aus Mangel an Beweisen freisprechen.
Die Zeiten haben sich geändert. Am 5. Juni 1305
ist der Erzbischof von Bordeaux, Bertrand de Got, unter dem Namen Clemens
V. zum Papst gewählt worden, weigert sich nach Rom zu ziehen und errichtet
1309 den päpstlichen Hof zu Avignon. Zu Beginn seines Pontifikates
ernennt er neun französische Kardinäle.
Johanna wird im Cordeliers-Kloster
zu Paris bestattet.
16.8.1284
oo Philipp IV. der Schöne König
von Frankreich
1268-29.11.1314
7 Kinder:
Margarete
1288- nach 1294 (1300)
Ludwig X. der Zänker
4.10.1289-5.6.1316
Blanka
1290- 1314
Philipp V. der Lange
1291-3.1.1322
Isabella
1292-27.8.1357
25.1.1306
oo Eduard II. König von England
25.4.1284-22.9.1327
Karl IV. der Schöne
1295-1.2.1328
Robert
1297- 8.1308
Literatur:
-----------
Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer
GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 167,188,194,197,223,236 - Ehlers
Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987
Seite 167-169,179,198,202,233 - Ehlers Joachim/Müller
Heribert/
Schneidmüller Bernd: Die französischen
Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C.
H. Beck München 1996 Seite 199,203,231 - Favier, Jean: Frankreich
im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
1989 Seite 201,256,283 - Le Goff Jacques: Ludwig der Heilige, Klett-Cotta
Stuttgart 2000 Seite 75,417,422,528 - Treffer Gerd: Die französischen
Königinnen. Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert)
Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1996 Seite 161-164 -