Tochter des N.N.
Treffer Gerd: Seite 40-41
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"Die französischen Königinnen. Von Bertrada
bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert)"
Gerswind - Die Beutefrau
* 782, + um 829
Sechste Gemahlin KARLS DES GROSSEN (* 747, König 768-814; Kaiser 800) Heirat: 808
Gerswind ist drei
Jahre alt, als ihr Vater, der Sachsen-König
Widukind, sich KARL
ergeben und taufen lassen muß, nachdem er einen heroischen Kampf
geliefert hat, um sein Volk vor der fränkisch-christlichen Kolonisierung
zu bewahren. Nach dem Capitulare Saxonicum muß er Geiseln stellen,
darunter seine kleine Tochter (es sei denn sie wäre - erst - 804 gefangen
genommen worden, nach einem letzten Aufbäumen ihres Vaters gegen die
vereinte Macht von KARL und Kirche).
Jedenfalls ist das Mädchen Gerswind
Geisel in Aachen, für den Fall einer neuerlichen Rebellion. Nach Widukinds
Tod - 807 - gewinnt die inzwischen 25-jährige KARLS
besonderes Interesse: er will seine Autorität über die Sachsen
verstärken und die Ansprüche von Widukinds
Sohn schwächen. So heiratet er dessen Schwester. Gerswind
ist 26 Jahre alt - KARL 35 Jahre älter.
Gerswind wird zur
Gefährtin des alternden Kaisers und fügt seiner beachtlichen
Nachkommenschaft eine weitere Tochter, Adeltrude,
an. Bekannt sind nunmehr - ungeachtet etwaiger weiterer Kinder von außerehelichen
Beischläferinen - 18 Kinder KARLS.
Gerswind
weiß, daß sie politisch keine Rolle (mehr) spielen kann. Sie
ist die "Beutefrau", die - vielleicht unter einer Reihe von Konkubinen
ausgewählt - nur dazu da ist, die letzten Jahere eines großen
Monarchen zu versüßen.
Schon 805 hat KARL
über sein Erbe entschieden: Er hat das traditionelle fränkische
Recht respektiert: die Söhne teilen zu gleichen Teilen, kein Vorrang
für den Ältesten. Die Töchter sind ausgeschlossen, damit
auch Gerswinds einziges Kind von KARL.
Am 28. Januar 814 stirbt KARL in Aachen.
Gerswind steht ihm im Tode bei, nimmt
am gleichen Tag an der Bestattung teil, die dich in aller Einfachheit vollzieht.
Die Witwe überläßt LUDWIG
(DEM FROMMEN), dem Sohn ihrer Vorgängerin Hildegard,
das politische Terrain. Sie weiß, auf die Dynastie der KAROLINGER
hat sei keinen Einfluß. Sie weiß auch, daß ihre andere
Vorgängerin Desiderata
wie sie nur ein Heiratsobjekt gewesen war. Sie weiß ferner, daß
KARL
schon vor ihrer Verbindung sein politisches Vermächtnis geregelt hatte.
Aber von Kindheit auf am Hofe erzogen, war ihr der Titel einer "Königin"
durchaus erstrebenswert erschienen. Vielleicht liebte sie den alten KARL
ja wirklich. Vielleicht wollte sie durch einen Sohn, der ihr verwehrt blieb,
ihre Sachsen teilhaben lassen an der Herrschaft der jungen KAROLINGER.
Ihre Träume, ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte, ihre Ambitionen
sind nicht überliefert.
KARL ist tot. So
verabschiedet sich Gerswind diskret
aus der Geschichte. Sie wird noch 15 Jahre leben. Die Chronisten fanden
es nicht wert, über ihr weiteres Leben zu berichten. Vermutlich stirbt
sie mit 41 Jahren im Jahre 829.
Was bleibt: Sie allein trägt unter den Ehefrauen
KARLS
DES GROSSEN den Tite einer "Kaiserin".
Nach Liutgards
Tod im Jahre 800 bevorzugte KARL endgültig
den Konkubinat. Die drei Konkubinen aus der Zeit seines Alters waren von
unbedeutender, vielleicht auch unfreier Herkunft.
Gersvind
war
sächsischer Abstammung, also eine Angehörige jenes Voles, das
KARL
noch nicht lange unterworfen hatte. Vielleicht sollte die Verbindung
mit ihr die friedliche Beziehung zu diesem Volk zusätzlich sichern.
Sofern diese Absicht bestand, war Gersvind
vielleicht nur aus fränkischer Sicht für eine Vollehe zu unbedeutend.
Literatur:
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Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C.
H. Beck München 1994, Seite 59 - Epperlein Siegfried: Karl
der Große. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1974, Seite
138 - Herm, Gerhard: Karl der Große. ECON Verlag GmbH, Düsseldorf,
Wien, New York 1987, Seite 289 - Illig Heribert: Das erfundene Mittelalter.
Die größte Zeitfälschung der Geschichte. ECON Verlag GmbH,
Düsseldorf und München 1996, Seite 50 - Kalckhoff Andreas:
Karl der Große. Profile eines Herrschers. R. Piper GmbH & Co.
KG, München 1987, Seite 81 - Konecny Silvia: Die Frauen des
karolingischen Königshauses. Die politische Bedeutung der Ehe und
die Stellung der Frau in der fränkischen Herrscherfamilie vom 7. bis
zum 10. Jahrhundert. Dissertation der Universität Wien 1976, Seite70
- Schnith Karl Rudolf: Mittelalterliche Herrscher in Lebensbildern.
Von den Karolingern zu den Staufern. Verlag Styria Graz Wien Köln
1990, Seite 22,42 - Treffer Gerd: Die französischen Königinnen.
Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert) Verlag Friedrich
Pustet Regensburg 1996, Seite 39,45 - Wies Ernst W.: Karl der Große.
Kaiser und Heiliger. Bechtle Verlag Esslingen 1986, Seite 253,257 -