Sohn des N.N. (Langobarde)
Hlawitschka, Eduard: Seite 186
******************
"Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien
(774-962)"
LXXIV.
GISELBERT I.
ist einer derjenigen Großen, die im besonderen Maße
die Politik der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts mitbestimmten. Aus
kleinen Verhältnissen kommend, so daß uns nicht einmal sein
Vater bekannt ist, hatte er sich hochgedient; er war königlicher Vasall
geworden, hatte - vielleicht während der Kämpfe mit WIDO
- die Gunst König BERENGARS erlangt,
sich aber doch wiederum nicht so fest an ihn gebunden, daßer nicht
bei einem sich anbahnenden Umschwung die Partei des neuen Prätendenten,
König
Rudolf, ergreifen konnte, ja dann sogar beim Einfall Hugos
von der Provence auch sofort in dessen Gunst zu stehen vermochte.
Er muß ein besonderes politisches Geschick und einen klaren Blick
für die richtige Einschätzung aller Möglichkeiten und Kräfte
gehabt haben. Sein kometenhafter Aufstieg, der ihn vom königlichen
Vasallen bis zum Pfalzgrafen, also dem ersten Mann nach dem König
führte, ist umso mehr der Beachtung wert, als er selbst nicht der
fränkischen Herrenschicht und auch nicht den einfachen Zuwanderen
aus dem Norden, die damals die führende Schicht stellten, angehörte.
Er war Langobarde und der erste dieses Stammes, dem es nach der langen
Prädominanz des fränkischen Elements in Oberitalien, die wir
zwischen 830 und 930 feststellen können, in die führende Schicht
einzudringen gelang. Aber einmal aufgestiegen, konnte er seiner Familie
sogar eine solche gefestigte Stellung hinterlassen, daß aus ihr noch
zwei weitere Generationen hindurch die Pfalzgrafen bestimmt wurden, so
Lanfranc
I., sein Sohn, und Giselbert
II., sein Enkel.
Die erste sichere Kunde, die wir von Giselbert
haben, ist seine Anwesenheit als vassus et missus Kaiser
BERENGARS bei einem Gerichtstag in Bonate Superiore bei Bergamo
im November 919, wo ein Güterstreit zwischen einigen Privatleuten
und Bischof Adalbert von Bergamo ausgetragen wurde. Nicht sicher ist es
dagegen, ob er mit den Giselbertus vassus domni regis, der mit anderen
als iudex in einem am 4. März 899 in Pavia abgehaltenen Placitum
zu Gericht saß, idenfiziert werden darf. - War Giselbert
als
missus schon in BERENGARS Gunst,
so hinderte ihn dieser Umstand aber nicht, sich eine oppositionellen Adelsgruppe
anzuschließen. Liudprand, der uns im Buch II seiner Antapodosis von
der wachsenden Unzufriedenheit der oberitaliensichen Großen mit
Kaiser
BERENGAR und von seiner 921 ausgebrochenen Rebellion des Markgrafen
Adelbert von Ivrea, des Pfalzgrafen Odelrich, des Erzbischofs Lambert von
Mailand und einiger anderer principes Italiae gegen ihren Kaiser
berichtet, erwähnt auch Giselbert
als Teilnehmer am Komplott - und zwar als Gislebertus
predives comes et strenuus. Den Comestitel scheint Liudprand ihm allerdings
schon aus späterer Sicht beizulegen. - Boten mit der Einladung an
König
Rudolf II. von Hoch-Burgund, nach Italien zu kommen, waren bereits
abgegangen, als BERENGAR die Hilfe
der Ungarn erlangte und die in den Alpenvorbergen bei Brescia versammelten
Aufständischen überfallen lassen konnte. Während der Pfalzgraf
Odelrich im Kampfe fiel, geriet der Markgraf Adalbert mit
Giselbert
in Gefangenschaft. Der erste konnte sich listig von einem eigenen Vasallen
loskaufen lassen; Giselbert hingegen
wurde dem Kaiser vorgeführt, erhielt aber Vergebung und Freiheit.
Sofort setzte er sich mit den anderen Rebellen wieder in Verbindung; als
Bote eilte er dann selbst nach Burgund und vermochte König
Rudolf zu bewegen, binnen 30 Tagen in Italien zu erscheinen.
Selbstverständlich stand Giselbert
dann bei Rudolf in hoher Gunst. Wenn
man ihn in einer Urkunde Rudolfs vom
3. Dezember 922 zum ersten Mal als comes und dannach in einer Gerichtsurkunde
aus dem jahre 923 als Giselbertus comes
et missus domni regis (sc. Rudolf)
comitatus istius Bergomensis genannt findet, so scheint es, daß
er zum Dank für seinen Einsatz von Rudolf
mit
der Grafschaft Bergamo ausgestattet wurde. Er wurde damit Nachfolger Suppos
IV., der 919 noch inluster comes Bergomensis war. Als Intervenienten
in verschiedenen Belangen sieht man Giselbert
nun in Rudolfs Urkunden. Im
Diplom vom 3. Dezember 922 für den Bischof Adalbert von Bergamo werden
die Intervenienten, Erzbischof Lambert von Mailand, die Bischöfe Wido
von Piacenza und Beatus von Tortona sowie der illustris comes
Giselbertus, als dilecti consiliarii Rudolfs
bezeichnet.
924 sind es die dilectissimi fidelis Erzbischof Lambert, Graf Giselbert,
Graf Samson und Graf Wilhelm, die als Fürsprecher für Bischof
Wido auftreten und der Piacentiner Kirche ein Stück der Stadtmauer
von Pavia mit angrenzendem Bauland erwirken. Auch in der im Mittelteil
verfälschten, aber in den Einleitungs- und Schlußstücken
auf echter Grundlage beruhenden Urkunde König
Rudolfs, die das Datum des 18. Juli 925 trägt, tritt Giselbert
neben
dem Grafen Samson und den Bischöfen Leo von Pavia, Beatus von Tortona
und Haichard von Parma als Intervenient auf.
Rechtzeitig muß er aber seine engen Beziehungen
zu diesem König gelöst haben; sofort nach dem Erscheinen Hugos
aus der Provence finden wir ihn in der Gunst des neuen Herrschers. Diese
Verschiebung der Machtverhältnisse während des Sommers 926 brachte
ihm das Pfalzgrafenamt ein. Als comes palatii interveniert er bereits
am 3. September 926 in einer Urkunde König
Hugos für das S.-Sisto-Kloster in Piacenza und am 12. November
desselben Jahres in einem Diplom für die Kirche von Asti. Dilectusfidelis
noster wird er dabei wieder genannt. - Auf Intercession des Bischofs
Adalbert von Bergamo und der "Giselbertus,
des edlen Pfalzgrafen und geliebten Getreuen", bestätigte König
Hugo am 28. November 926 schließlcih der Antoninus- und
Justinakirche in Piacenza die Abtei Sancta Cristina in Pavia. Wie man sieht,
war Giselbert eine auch beim König
Hugo äußerst einflußreiche Persönlichkeit
geworden.
Zum letzten Mal findet man Giselbert
am 14. Mai 927 in Pavia aktiv in der Reichsverwaltung. In seinem eigenen
Hause in der Hauptstadt des regnum hält er einen Gerichtstag
ab, wobei unter anderem auch sechs seiner Vasallen als Beisitzer fungieren.
- Wann Giselbert I. verstarb, ist unbekannt.
Da aber am 19. November 929 Samson als comes palatii auftritt, muß
sein Tod in der Zwischenzeit eingetreten sein.
Giselbert hatte Rotruda,
eine Tochter des angesehenen Königsrichters Walpert aus Pavia, zur
Frau genommen; ein Sohn, der spätere Pfalzgraf Lanfranc I.,
ging aus dieser Ehe hervor [Von dieser Ehe berichtet auch Liudprand, Antapod.
lib.- III, cap. 39 bei der Darlegung des Aufstandes der Königsrichter
Walpert und Heverardus Gezo, der von König
Hugo leicht niedergeworfen werden konnte; vgl. L. M. Hartmann,
Geschichte Italiens im MA III, 2 Seite 199ff.].
Das Neue an dieser Urkunde ist, daß der grafenfeindliche
Passus von BERENGARS Privileg wegelassen
wurde, weil sich mit Giselbert, dem
ehemaligen Vasallen BERENGARS, einer
der hervorragendsten Helfer Rudolfs
im Kampf um die italienische Krone als Graf von Bergamo etabliert
hatte. Im Jahre 926 wandten sich sowohl Bischof Adalbert als auch Graf
Giselbert gegen König Rudolf
und unterstützten gemeinsam den neuen Prätendenten auf die italienische
Krone, den Grafen Hugo von Vienne,
obwohl sie als consiliarii regis zu den einflußreichsten Männern
im Gefolge Rudolfs zählten.
Graf Giselbert stieg
unter Hugo zum Pfalzgrafen auf, gewann
also noch an Macht, während für Bischof Adalbert die Privilegien
nicht bestätigt wurden. In der zweiten Hälfte des Jahres 927
scheinen Giselbert und Adalbert in
einen Aufstand gegen Hugo verwickelt
gewesen zu sein und verloren jegliche reichspolitische Bedeutung; die Familie
Giselberts
behielt allerdings die Grafenwürde.
Jarnut ist es Beleg genug, eine dauernde Feindschaft
der GISELBERTINER mit dem König
anzunehmen, daß das Pfalzgrafenamt nach 927 auf Graf Samson überging,
und Giselberts Sohn Lanfranc es unter
dem Einfluß des Markgrafen Berengar von
Ivrea zurückerhielt.
oo Rotruda, Tochter des Königrichters Walpert
-29.3.945
Kinder:
Lanfranc I. Pfalzgraf von Italien
- um
952
Franca
-
Literatur:
-----------
Hlawitschka, Eduard: Franken, Alemannen, Bayern
und Burgunder in Oberitalien (774-962), in Forschungen zur Oberrheinischen
Landesgeschichte Band VIII Eberhard Albert Verlag Freiburg im Breisgau
1960 Seite 33,74,83,89,95,102-104,128,175,186-188,189,202, 216,233,243,258,260,274,278,291,295
- Pauler Roland: Das Regnum Italiae in ottonischer Zeit. Max Niemeyer
Verlag Tübingen 1982 Seite 134 -