Begraben: Kloster Weingarten
Einzige Tochter des Grafen
Balduin IV. von Flandern aus seiner 2. Ehe mit der Eleonore
von der Normandie, Tochter von Herzog Richards II.
Brandenburg Erich: Tafel 4 Seite 9
****************
"Die Nachkommen Karls des Großen"
IX. 52 b. JUDITH
-----------------------
* ca. 1033, + 1094 5. III..
Gemahl: a) Tostig, Graf von Northumberland
+ 1066 25. IX.
b) ca. 1071 Welf IV. Herzog von Bayern (siehe XI 53)
+ 1101 8. XI.
Anmerkungen: Seite 131
------------------
IX. 52. Judith
war nicht Tochter, sondern Stiefschwester Balduins V.,
siehe Freeman, Norman conquest 3, 656, und Vanderkindere I, 298. Curschmann
54.
Heyck Dr. Eduard: Seite 179
****************
"Geschichte der Herzöge von Zähringen"
Am 5. März 1094 verlor der ältere Welf seine Gattin, welche der Tod von langem Siechtum erlöste. Sie, die flandrische Judith, war es, welche dem Welf, als sie nach der Verstoßung der Tochter Ottos von Northeims seine zweite Gemahlin geworden, seine Söhne Welf V. und Heinrich den Schwarzen geboren hatte. Ihrem Leichenbegängnis in der Weingartner Familiengruft gab die Anwesenheit Bischof Gebhards eine höhere Feier, zu der auch Welf durch reiche Schenkungen an das Familienstift und dessen Lossprechung und Übergabe an die unmittelbare Schutzgewalt des Stuhles Petri beitrug.
Cleve Hartwig/Hlawitschka Eduard: Seite
511-527
*****************************
"Zur Herkunft der Herzogin Judith von Bayern (+ 1094)"
Das Verhalten Welfs, der seine Gemahlin Ethelinde
verstoßen hatte, wurde als Skandal empfunden, zumal er sich wenig
später wieder verheiratete: und zwar mit der Witwe des am 25. September
1066 im Kampf um das englische Königtum bei Stamford Bridge gefallenen
Earl
Tostig von Northumberland. Diese Witwe war Judith,
die in der welfischen Hausüberlieferung
aus Oberschwaben als flandrische Grafentochter, ja sogar als Königin
von England bezeichnet wird. Da
Judith
die Urgroßmutter Kaiser FRIEDRICH BARBAROSSAS
wie auch seines Gegners Heinrichs des Löwen war, hat man ihr seit
langem größeres Interesse entgegengebracht.
Tostig hatte am 25. September 1066 gegen seinen
Bruder Harold II. bei Stamford Bridge
den Tod gefunden; seine Witwe habe sich danach auf den Kontinent zurückgezogen.
Der sächsische Annalist berichtet, dass Judithdamals
große Schätze, die sie von König
Eduard dem Bekenner (dem Schwager Harolds
und Tostigs), sowie von Harold (richtig:
Tostig) geerbt haben soll, mit sich führte.
Eine Ehe im 6. Verwandtschaftsgrad (3 : 3) würde
sich aber für
Herzog Welf und Judithergeben
haben, wäre Balduin V. Insulanes JudithsVater
gewesen. Nun ist Welfs Wiederverheiratung 1070 mitJudithzwar
als ein "öffentlicher Ehebruch" (publicum Adulterium) von den Zeitgenossen
verurteilt worden; doch ein Verwandtschaftshindernis für die neue
Ehe hat man nicht geltend gemacht. Davon hätte man sicherlich Gebrauch
gemacht, wenn man die karrierebedingte Verstoßung der 1. Gemahlin
und die Wiederverheiratung
Welfs mit Judith
schon als Skandal anprangerte.
Heine Alexander (Hg.): Seite 45
*******************
"Geschichte der Welfen"
Geschichte der Welfen
13. Zur Gemahlin aber nahm er Judith, die verwitwete Königin von England, eine Tochter des edlen Grafen Balduwin von Flandern. Mit ihr zeugte er zwei Söhne, nämlich Welf und Heinrich, welche beide nacheinander das Herzogtum Baiern besaßen.
Jäschke Kurt-Ulrich: Seite 44,73
*****************
"Die Anglonormannen"
Bezeichnenderweise suchten Tostig und seine Gattin
Judith bei deren Halbbruder Zuflucht, nämlich Graf Balduin
V. von Flandern, dem Schwiegervater des Normannen-Herzogs
Wilhelm II.
Demgegenüber hatte die Godwine-Familie die Flandern-Kontakte
intensiviert: Im Sommer 1051 heiratete Godwines Sohn Tostig Balduins
V. Halbschwester Judith, und nach der Vertreibung aus England suchte
Godwine selbst eben in Flandern Zuflucht. Mit flandrischer Unterstützung
gelang ihm 1052 im zweiten Anlauf die Rückkehr nach England.
Schneidmüller Bernd: Seite 134,135
*****************
"Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung."
Die Bindungen an den Vater und die Halbbrüder könnten
bereits für die Auswahl der neuen Ehefrau nach Ethelindes Verstoßung
entscheidend geworden sein: "Zur Frau aber nahm er Judith, die verwitwete
Königin von England, Tochter des hochadligen Grafen Balduin von
Flandern." Hinter dieser Meldung der Historia Welforum, die Herkunft
der Dame ein wenig verzerrend, verbirgt sich ein überraschend anmutender
Angriff in die hochentwickelte westeuropäische Adelsgesellschaft.
Über eine Tochter KARLS "DES KAHLEN"
stammten die Grafen von Flandern von KARL DEM
GROSSEN ab und pflegten dieses genealogische Wissen durch das
ganze Hochmittelalter hindurch. Sie gehörten zu den herausragenden
Fürstenfamilien Frankreichs und spielten im Gefüge von Kaiserreich,
kapetingischem
Königreich und anglonormannischer Monarhie eine bedeutende Rolle.
Daß Welf IV.
1070/71 eine flandrische Grafentochter, die den
Namen der karolingerzeitlichen
welfischen
Kaiserin wie ihrer Enkelin, der Tochter KARLS
"DES KAHLEN" trug, heiraten konnte, zeigt den europäischen
Rang seines Hauses an. Die genaue Einordnung Judiths in die Folge
flandrischer Eltern und Töchter gestaltet sich indes schwierig. Am
ansprechendsten ist die Vermutung, daß Judith die Tochter
Graf
Balduins IV. (+ 1035) aus zweiter Ehe mit der Schwester der normannischen
Herzöge Richard III. und Robert sein könnte. Sie wäre dann
eine Halbschwester Graf Balduins V. von Flandern (+ 1067).
Die neue welfische Herzogin
brachte aber noch weitere Verbindungen mit. Sie war in erster Ehe nämlich
mit Tostig, dem angelsächsischen Earl von Northumbrien, verheiratet.
Nach dem Tod des angelsächsischen Königs
Eduard (des Bekenners) im Januar 1066 machten sich neben dem
normannischen
Herzog Wilhelm(dem Eroberer) auch Tostig und sein Bruder
Harold
Hoffnung
auf die Nachfolge. Zunächst setzte sich für einige Monate
Harold durch.
In einer Schlacht bei Stamfordbridge besiegte er am 25. September 1066
den Bruder, der dort den Tod fand. Nur drei Tage später landete Wilhelm
der Eroberer auf der Insel. In diesen turbulenten Wochen kehrte
Tostigs
Witwe Judith, mit Schätzen beladen, auf den Kontinent zurück.
Spätere Geschichtsschreiber machten sie zur Witwe Harolds
oder ließen Tostig zum englischen König aufsteigen. Beides
ist nicht richtig. Doch diese Erinnerung bescherte Welf IV. eine
englische Königs-Witwe zur Frau.
Das welfische Hauskloster
Weingarten stattete Judith glänzend aus, zuvorderst durch eine
1053 in Mantua im Beisein Papst Leos IX. und Kaiser
HEINRICHS III. geborgene, dann von flandrischen Grafen erworbene
kostbare Heiligblut-Reliquie; zu ihren Ehren findet bis heute am Freitag
nach Christi Himmelfahrt in Weingarten der "Blutritt" statt. Zudem schenkte
die Herzogin mehrere wertvolle Handschriften, die sich bis heute in New
York, Montecassino, Fulda und Stuttgart befinden. Die Fuldaer Handschrift
aus Weingarten, wohl in Flandern oder Nieder-Lothringen mit Miniaturen
ausgestattet, enthält ein Widmungsbild, das Judith mit Christus
darstellt: Erstmals kündet das Stifterhandeln dieser Dame vom hochrangigen
welfischen
Mäzenatentum.
Die Eheverbindung mag nicht allein ein mit Welf
verwandter Trierer Erzbischof vermittelt haben, wie es der Translatiobericht
der Heiligblut-Reliquie nahelegt. Mediator dürfte auch der italienische
Vater Welfs IV. gewesen sein, der 1069/70 in die westeuropäische
Politik eingriff.
Auch in Flandern entbrannten nach dem Tod Graf Balduisn
VI. 1070 Auseinandersetzungen um das Erbe, welche die Stellung der
Grafschaft im Machtfeld zwischen Imperium, französischem und anglonormannischem
Reich berührten. Gerade in dieser Zeit wurde die Ehe Welfs IV.
mit Judith verabredet, der flandrischen Grafentochter und englischen
Adelswitwe. Die westeuropäischen Verbindungen der OTBERTINER
erklären die Brautwahl und rücken den WELFEN
auch wieder deutlicher in den väterlichen Familienverband.
1. oo Tostig Earl von Northumberland
-25.9.1066
1071
2. oo Welf I. Herzog von Bayern
1030/40-9.11.1101
Kinder:
2. Ehe
Welf V.
1072-24.9.1120
Heinrich IX. der Stolze
um 1075-13.12.1026
Kunizza
-6.3.1120
oo Friedrich Rocho Graf von Dießen
-12.11.
Literatur:
------------
Brandenburg Erich: Die Nachkommen Karls des Großen
Verlag Degener & Co Neustadt an der Aisch 1998 Tafel 4 Seite 9 - Cleve,
Hartwig/Hlawitschka, Eduard: Zur Herkunft der Herzogin Judith von
Bayern (+ 1094), in Stirps Regia von Eduard Hlawitschka Seite 511-528,
Verlag Peter Lang Frankfurt am Main - Douglas David C.: Wilhelm
der Eroberer Herzog der Normandie. Diederichs Verlag München 1994
Seite 83,85,399 - Jäschke Kurt-Ulrich: Die Anglonormannen.
Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln Mainz 1981 Seite 44,73
- Schneidmüller Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung.
W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 30, 134,135,143,150
-