Einziger Sohn des Kaisers Justinan
II. von Byzanz aus seiner 2. Ehe mit der Theodora
Norwich John Julius: Band I Seite 405,413,415
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."
Es war unterdessen zwei Jahre her, seit er sie zum letzten
Mal gesehen hatte. Möglicherweise wußte er nicht einmal, ob
sie und das Kind überhaupt noch am Leben waren. Auch war er nicht
sicher, ob ihr Bruder Ibusir ihr überhaupt
gestatten würde, den Hof zu verlassen. Darüber hätte er
sich aber nicht zu sorgen brauchen. Als Chagan
Ibusir von der Wiedereinsetzung des Kaisers hörte, bereute
er seine Treulosigkeit. Er setzte nun alles daran, ihre Freundschaft wiederzubeleben
und in den Genuß der Vergünstigungen eines kaiserlichen Schwagers
zu kommen. Theodora kam mit ihrem kleinen
Jungen, der ungeschickterweise Tiberios
hieß, sicher in Konstantinopel an. Sie war die erste Nicht-Römerin
auf dem Thron von Byzanz. Justinian
kam in den Hafen, um sie zu empfangen. Und nun verschlug es dem zahlreich
anwesenden Publikum vollends die Sprache, als ihm langsam die Wahrheit
dämmerte. Dieses Monster, ihr Kaiser, dieses unmenschliche Ungeheuer,
das nur Bitterkeit und Haß zu atmen schien, war verliebt.
Unweigerlich gab es da und dort Kopfschütteln, als man sah, wie der
Kaiser seiner Frau und seinem Sohn in der Hagia Sophia die Diademe aufsetzte.
Diese Frau war ja nicht nur eine Fremde. Das allein wäre schon schlimm
genug gewesen. Nein, obendrein war sie eine Barbarin, und ihr Sohn, den
Justinian
gleichzeitig zum Mit-Kaiser machte, war ebenfalls ein halber
Barbar. Solche unstandesgemäßen Ehen, so flüsterte
man, wären früher undenkbar gewesen.
Oder mit seiner Frau Theodora,
von deren Schicksal wir nichts wissen, die sich aber vermutlich bei ihrem
Mann befand - da sie ja offenbar nicht bei ihrem Sohn war -, als das Ende
kam. Und vor allem mit seinem Sohn, dem armen, verängstigten Tiberios,
der ohne guten Grund kurz vor seinem siebenten Geburtstag ermordet wurde.
Als die Nachricht vom Tod Justinians
in Konstantinopel die Runde machte, suchte dessen Mutter, Kaiserin
Anastasia, mit ihrem Enkel Tiberios
eilig
in der Blachernenkirche Zuflucht. Sie war kaum mit ihm dort angekommen,
als zwei Bevolmächtigte von Philippikos
erschienen und verlangten, dass Tiberios ihrem
Gewahrsam übergeben werde. Die Kaiserin versuchte sich für Tiberios
einzusetzen, und einer der beiden schien auch geneigt, ihr zuzuhören.
Aber derweil stürzte sein Kollege, ein gewisser Johannes Strouthos
("der Sperling"), auf das verängstigte Kind, das sich mit der
einen Hand am Altar fest- und mit der anderen ein Stück des echten
Kreuzes Christi umklammert hielt. Kein Byzantiner durfte über einen
so heiligen Gegenstand einfach hinweggehen, doch von seinem Auftrag ließ
sich Strouthos deswegen nicht abbringen. Er entwand Tiberios
das Holzstück und legte es ehrfürchtig auf den Altar. Darauf
löste er ein Behältnis mit weiteren Reliqien von dessen Hals
und hängte es sich selbst um. Dann aber schleift er seinen kleinen
Gefangenen zur Tür einer angrenzenden Kirche, riß ihm die Kleider
vom Leib und schlachtete ihn, wie es ein Chronist sehr anschaulich
beschreibt, "wie ein Schaf" ab. Damit wurde die herakleische
Dynastie mit dem kaltblütigen
Mord an einem knapp siebenjährigen Jungen für immer ausgelöscht.
Thiess Frank: Seite 703,706,712
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"Die griechischen Kaiser. Die Geburt Europas."
In diesem kolossalen Rahmen des Grauen wirkten die grellen
Feiern, in denen der Kaiser seinem Herzen Nahrung gab, wie Fieberträume:
der Riesenpomp, mit dem er Theodora
empfing, nachdem sie auf einer Ehrenflotte mit dem Säugling Tiberios
aus ihrer Heimat zurückgeholt worden war, die Krönung in der
Sophienkirche, bei der sein winziges Kind zum Mit-Kaiser ernannt wurde,
der ungeheuerliche Prunk der Krönungsfeierlichkeiten, der wilde Glanz
seiner Feste, in denen er sich an den falschen Grimassen seiner Gäste
weidete.
Alle Revolutionen besudeln sich mit unschuldigem Blut,
doch das unschuldigste, welches jetzt Mazuros und ein Spatharios Johannes
vergießen sollten, war das des Kindes Tiberios.
In der Hofkirche des Blachernenpalastes fand man den Kleinen auf dem Schoße
seiner Großmutter, der Kaiserin Anastasia.
Nur den Tod des Thronfolgers schildert Theophanes
mit einer quälenden Genauigkeit wie einst die Ermordung des Kaisers
Maurikios und seiner Söhne. Der Kleine klammerte sich mit
einer Hand an eine Altarsäule, in der anderen hielt er ein Bild der
Muttergottes unter dem Kreuze Christi, um seinen Hals hatte Anstasia
ihm kostbare Reliquien gehängt. Als sie nun sah, daß der Spatharios
Johannes, der mit Beinamen "Spatz" genannt wurde,
auf sie zukam, ließ sie ihren Enkel los und umklammerte die Knie
des Mannes, um Gnade für das Kind flehend. Doch der Spatz durfte keine
Gnade üben, war er doch abermals nur ein Vollzugsorgan des neuen Herrschers
und wußte wohl auch, daß Tiberios
einmal gefährlicher werden konnte als jeder andere und also vom Erdboden
verschwinden mußte. Vielleicht aber dachten er und Mauros
nicht einmal daran sondern sie fühlten nur den brennenden Haß
gegen den kaiserlichen Massenmörder, dessen Brut sie ausrotten wollten,
damit nichts nehr übrigbliebe, was noch an ihn erinenrn konnte. Der
Spatz, wie Theophanes ihn zynisch während seiner Schilderung
der Mordszene nennt, riß das Kind vom Altar und die Reliquien von
seinem Halse und schleppte es in die Sakristei. Seine Begleiter entkleideten
den Sechsjährigen noch auf der Schwelle des heiligen Raums und "schlachteten
ihn wie ein Schaf."
Das Schweigen um die Mutter Justinians,
die es hilflos mit ansehen mußte, wie ein Geschlecht, aus dem sechs
Kinder hervorgegangen waren, in ihrem Enkel vernichtet wurde, deckt die
brutale Welt des Mannes auf, in der für das Leiden der Mütter
kein Raum bleibt. Ihren Gatten, Konstantin
IV., hatte sie zu früh verloren, in ihrem Sohn einen Teufel
erkennen müssen, dessen Kraeturen sie prügeln durften. Ihre verzweifelte
Liebe gehörte dem kleinen Prinzen, der nun in der Kapelle der Heiligen
Jungfrau im Blachernenpalast verblutet war. So ging die Dynastie des
Herakleios unter Donner und Blitz, unter
Mord und Schuld ruhmlos zu Ende.
Literatur:
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Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des
oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München
1993 Band I Seite 405,413,415 - Thiess Frank: Die griechischen Kaiser.
Die Geburt Europas. Paul ZsolnayVerlag Gesellschaft mbH Hamburg/Wien 1959
Seite 703,706,712 -