Theodora                                        Kaiserin von Byzanz
------------
um 680/85 711
 

Tochter des Chasaren-Khagans N.N.; Schwester des Chasaren-Khagans Ibuzir
 

Norwich John Julius: Band I Seite 401-414
*****************
"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Bis 702 oder Anfang 703 war Justinian zu einem solchen Risiko für die örtlichen Beamten geworden, dass sie beschlossen, ihn nach Konstantinopel zurückzuschaffen. Gerade noch rechtzeitig erfuhr er von diesem Plan, verließ heimlich die Stadt und suchte beim Chasaren-Chagan Ibusir Zuflucht. Dieser nahm ihn erfreut auf und gab ihm seine Schwester zur Frau. Der erste Eindruck, den Justinian auf sie machte, ist - vermutlich zum Glück - nicht überliefert; er kann wahrhaftig keinen schönen Anblick geboten haben. Es ist jedoch bezeichnend, dass er sie sofort in Theodora umbenannte. Das Paar ließ sich in Phanagoria an der Mündung des Asowschen Meeres nieder, um dort die weitere Entwicklung abzuwarten.
Ihr Eheleben erfuhr jedoch schon bald eine Unterbrechung. Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis der Aufenthaltsort des exilierten Kaisers in Konstantinopel bekannt wurde. Im Verlauf des Jahres 704 erhielt Theodora von einer ihrer Dienerinnen die Nachricht, dass ein kaiserlicher Gesandter am Hof ihres Bruders eingetroffen sei und ein großes Lösegeld für Justinian biete - tot oder lebendig. Offenbar war Ibusir anfangs fest geblieben, hatte jedoch, als der Ton des Gesandten drohender wurde, allmählich nachgegeben. Sein Schwager befand sich deshalb in unmittelbarere Lebensgefahr.
Dieser Bericht wurde wenige Tage später bestätigt, als plötzlich ein Trupp Soldaten in Phanagoria auftauchte, die vorgaben, eine neuformierte Leibwache zu sein. Justinian glaubte ihnen keinen Augenblick. In zweien der Offiziere vermutete er schon bald seine potentiellen Attentäter. Bevor sie zuschlagen konnten, lud er sie einzeln zu sich, und kaum waren sie eingetreten, stürzte er sich auf sie und erwürgte sie eigenhändig. Die unmittelbare Gefahr war abgewendet. Trotzdem galt es, keine Zeit zu verlieren. Theodora war hochschwanger, und ihr blieb keine andere Wahl, als zu ihrem Bruder zurückzukehren. Justinian schlich sich zum Hafen hinunter, beschlagnahmte - oder vielmehr stahl - ein Fischerboot und segelte in die Nacht hinaus, um die Krim herum und zurück nach Cherson.
Er wollte nur noch zwei Dinge: das eine war Blut - und wenn es der Lebenssaft des Reiches selbst war, kümmerte ihn das keinen Deut. Das andere war seine Frau.
Es war unterdessen zwei Jahre her, seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Möglicherweise wußte er nicht einmal, ob sie und das Kind überhaupt noch am Leben waren. Auch war er nicht sicher, ob ihr Bruder Ibusir ihr überhaupt gestatten würde, den Hof zu verlassen. Darüber hätte er sich aber nicht zu sorgen brauchen. Als Chagan Ibusir von der Wiedereinsetzung des Kaisers hörte, bereute er seine Treulosigkeit. Er setzte nun alles daran, ihre Freundschaft wiederzubeleben und in den Genuß der Vergünstigungen eines kaiserlichen Schwagers zu kommen. Theodora kam mit ihrem kleinen Jungen, der ungeschickterweise Tiberios hieß, sicher in Konstantinopel an. Sie war die erste Nicht-Römerin auf dem Thron von Byzanz. Justinian kam in den Hafen, um sie zu empfangen. Und nun verschlug es dem zahlreich anwesenden Publikum vollends die Sprache, als ihm langsam die Wahrheit dämmerte. Dieses Monster, ihr Kaiser, dieses unmenschliche Ungeheuer, das nur Bitterkeit und Haß zu atmen schien, war verliebt. Unweigerlich gab es da und dort Kopfschütteln, als man sah, wie der Kaiser seiner Frau und seinem Sohn in der Hagia Sophia die Diademe aufsetzte. Diese Frau war ja nicht nur eine Fremde. Das allein wäre schon schlimm genug gewesen. Nein, obendrein war sie eine Barbarin, und ihr Sohn, den Justinian gleichzeitig zum Mit-Kaiser machte, war ebenfalls ein halber Barbar. Solche unstandesgemäßen Ehen, so flüsterte man, wären früher undenkbar gewesen.
Dasselbe galt schließlich jedoch auch für einen Kaiser ohne Nase. Derlei altmodische Vorurteile waren in Justinians Konstantinopel unannehmbar geworden. Bezeichnenderweise hatte er keinem der Thronräuber die Nase abschneiden lassen. Als lebendiges Beispiel dafür, dass ein Kaiser auch ohne Nase sein konnte, sah er keinen Grund mehr dafür. Die einzige Möglichkeit sicherzugehen, dass sie keine Schwierigkeiten mehr machen würden, war, sie ganz aus dem Weg zu räumen - was er auch getan hatte. In der Folge hörte man denn auch kaum mehr von der widerwärtigen Praxis der Rhinokopia, wie man das Nasenabschneiden nannte. Ebenso war die Chasarin Theodora nur die erste von vielen Kaiserinnen, die außerhalb auch der entferntesten Grenze des Reiches geboren war.
Kurz gesagt, dass Byzantinische Reich des 8. Jahrhunderts unterschied sich stark vom Byzanz des 7. Jahrhunderts. Und das ging trotz all seiner Gewalttätigkeit und Brutalität in großem Maße auf Justinian II. zurück.
Kurz gesagt, seine Untertanen waren froh, ihn los zu sein. Wir mögen mit seiner Mutter Anastasia fühlen, von der es heißt, sie sei einmal von Sakallarios Stephan ausgepeitscht worden, ohne dass ihr Sohn einen Finger zu ihrer Verteidigung gekrümmt hätte. Oder mit seiner Frau Theodora, von deren Schicksal wir nichts wissen, die sich aber vermutlich bei ihrem Mann befand - da sie ja offenbar nicht bei ihrem Sohn war -, als das Ende kam. Und vor allem mit seinem Sohn, dem armen, verängstigten Tiberios, der ohne guten Grund kurz vor seinem siebenten Geburtstag ermordet wurde. Justinian war zweizundvierzig, als er starb. Von ihm kann man trotz allem nur sagen, dass er an diesem 4. November 711 keinen Tag zu spät umkam.

Thiess Frank: Seite 700,703
***********
"Die griechischen Kaiser. Die Geburt Europas."

Der gestürzte Rhinotmetos verliebte sich in die Schwester des Chazaren-Herrschers, und ihm wurde erlaubt, die Prinzessin zu heiraten. Hier stockt man. Sollte der Chan die Rückkehr Justinians auf den Thron für wahrscheinlich gehalten haben? Dafür spricht nicht viel. Nein, es war eine Liebesheirat gewesen, und die Neuvermählten siedelten nach Phanagoria in die ehemals bulgarische Stadt am kimmerischen Bosporus über.
Da Justinian kein Prozeß gemacht, sondern er nur abgesetzt und verbannt worden war, durfte der Chan ihm als Gast die Ehren zuteil werden lassen, welche einem Exilregenten gegenüber erlaubt waren. Indessen überstieg die Heirat mit einer Prinzessin den Grad des politisch Zulässigen, und nachdem die Dame Christin geworden war und sogar den Namen Theodora angenommen hatte, brauchte der Chan sich nicht darüber zu wundern, daß eine Gesandtschaft des Kaisers Tiberios in Itil erschien, die Justinians Auslieferung oder seinen Kopf verlangte.
Theodora erfuhr, was geplant war, verriet es Justinian, der die beiden Füherer der Abordnung zu einer vertraulichen Unterredung bat und sie nacheinander erwürgte. Danach mußte er sich allerdings beeilen davonzukommen. Er schickte Theodora zu ihrem Bruder und floh auf einer Fischerbarke.
In diesem kolossalen Rahmen des Grauen wirkten die grellen Feiern, in denen der Kaiser seinem Herzen Nahrung gab, wie Fieberträume: der Riesenpomp, mit dem er Theodora empfing, nachdem sie auf einer Ehrenflotte mit dem Säugling Tiberios aus ihrer Heimat zurückgeholt worden war, die Krönung in der Sophienkirche, bei der sein winziges Kind zum Mit-Kaiser ernannt wurde, der ungeheuerliche Prunk der Krönungsfeierlichkeiten, der wilde Glanz seiner Feste, in denen er sich an den falschen Grimassen seiner Gäste weidete.
 
 
 
 

  oo 2. Justinan II. Kaiser von Byzanz
           669 10.12.711
 
 
 
 

Kinder:

  Tiberios
  698 4.11.711
 
 
 
 

Literatur:
-----------
Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München 1993 Band I Seite 401 - Thiess Frank: Die griechischen Kaiser. Die Geburt Europas. Paul ZsolnayVerlag Gesellschaft mbH Hamburg/Wien 1959 Seite 700,703 -