Tochter des Chasaren-Khagans N.N.;
Schwester des Chasaren-Khagans Ibuzir
Norwich John Julius: Band I Seite 401-414
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."
Bis 702 oder Anfang 703 war Justinian
zu einem solchen Risiko für die örtlichen Beamten geworden, dass
sie beschlossen, ihn nach Konstantinopel zurückzuschaffen. Gerade
noch rechtzeitig erfuhr er von diesem Plan, verließ heimlich die
Stadt und suchte beim Chasaren-Chagan
Ibusir Zuflucht. Dieser nahm ihn erfreut auf und gab ihm seine
Schwester zur Frau. Der erste Eindruck, den
Justinian auf sie machte, ist - vermutlich zum Glück -
nicht überliefert; er kann wahrhaftig keinen schönen Anblick
geboten haben. Es ist jedoch bezeichnend, dass er sie sofort in
Theodora umbenannte. Das Paar ließ sich in Phanagoria
an der Mündung des Asowschen Meeres nieder, um dort die weitere Entwicklung
abzuwarten.
Ihr Eheleben erfuhr jedoch schon bald eine Unterbrechung.
Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis der Aufenthaltsort des
exilierten Kaisers in Konstantinopel bekannt wurde. Im Verlauf des Jahres
704 erhielt Theodora von einer ihrer
Dienerinnen die Nachricht, dass ein kaiserlicher Gesandter am Hof ihres
Bruders eingetroffen sei und ein großes Lösegeld für Justinian
biete - tot oder lebendig. Offenbar war Ibusir
anfangs
fest geblieben, hatte jedoch, als der Ton des Gesandten drohender wurde,
allmählich nachgegeben. Sein Schwager befand sich deshalb in unmittelbarere
Lebensgefahr.
Dieser Bericht wurde wenige Tage später bestätigt,
als plötzlich ein Trupp Soldaten in Phanagoria auftauchte, die vorgaben,
eine neuformierte Leibwache zu sein. Justinian
glaubte ihnen keinen Augenblick. In zweien der Offiziere vermutete er schon
bald seine potentiellen Attentäter. Bevor sie zuschlagen konnten,
lud er sie einzeln zu sich, und kaum waren sie eingetreten, stürzte
er sich auf sie und erwürgte sie eigenhändig. Die unmittelbare
Gefahr war abgewendet. Trotzdem galt es, keine Zeit zu verlieren. Theodora
war
hochschwanger,
und ihr blieb keine andere Wahl, als zu ihrem Bruder zurückzukehren.
Justinian schlich sich zum Hafen hinunter, beschlagnahmte -
oder vielmehr stahl - ein Fischerboot und segelte in die Nacht hinaus,
um die Krim herum und zurück nach Cherson.
Er wollte nur noch zwei Dinge: das eine war Blut - und
wenn es der Lebenssaft des Reiches selbst war, kümmerte ihn das keinen
Deut. Das andere war seine Frau.
Es war unterdessen zwei Jahre her, seit er sie zum letzten
Mal gesehen hatte. Möglicherweise wußte er nicht einmal, ob
sie und das Kind überhaupt noch am Leben waren. Auch war er nicht
sicher, ob ihr Bruder Ibusir ihr überhaupt
gestatten würde, den Hof zu verlassen. Darüber hätte er
sich aber nicht zu sorgen brauchen. Als Chagan
Ibusir von der Wiedereinsetzung des Kaisers hörte, bereute
er seine Treulosigkeit. Er setzte nun alles daran, ihre Freundschaft wiederzubeleben
und in den Genuß der Vergünstigungen eines kaiserlichen Schwagers
zu kommen. Theodora kam mit ihrem kleinen
Jungen, der ungeschickterweise Tiberios
hieß, sicher in Konstantinopel an. Sie war die erste Nicht-Römerin
auf
dem Thron von Byzanz. Justinian kam
in den Hafen, um sie zu empfangen. Und nun verschlug es dem zahlreich anwesenden
Publikum vollends die Sprache, als ihm langsam die Wahrheit dämmerte.
Dieses Monster, ihr Kaiser, dieses unmenschliche Ungeheuer, das
nur Bitterkeit und Haß zu atmen schien, war verliebt. Unweigerlich
gab es da und dort Kopfschütteln, als man sah, wie der Kaiser seiner
Frau und seinem Sohn in der Hagia Sophia die Diademe aufsetzte. Diese Frau
war ja nicht nur eine Fremde. Das allein wäre schon schlimm genug
gewesen. Nein, obendrein war sie eine Barbarin, und ihr Sohn, den
Justinian
gleichzeitig zum Mit-Kaiser machte, war ebenfalls ein halber Barbar. Solche
unstandesgemäßen Ehen, so flüsterte man, wären früher
undenkbar gewesen.
Dasselbe galt schließlich jedoch auch für
einen Kaiser ohne Nase. Derlei altmodische Vorurteile waren in Justinians
Konstantinopel unannehmbar geworden. Bezeichnenderweise hatte er keinem
der Thronräuber die Nase abschneiden lassen. Als lebendiges Beispiel
dafür, dass ein Kaiser auch ohne Nase sein konnte, sah er keinen Grund
mehr dafür. Die einzige Möglichkeit sicherzugehen, dass sie keine
Schwierigkeiten mehr machen würden, war, sie ganz aus dem Weg zu räumen
- was er auch getan hatte. In der Folge hörte man denn auch kaum mehr
von der widerwärtigen Praxis der Rhinokopia, wie man
das Nasenabschneiden nannte. Ebenso war die Chasarin Theodora
nur die erste von vielen Kaiserinnen, die außerhalb auch der entferntesten
Grenze des Reiches geboren war.
Kurz gesagt, dass Byzantinische Reich des 8. Jahrhunderts
unterschied sich stark vom Byzanz des 7. Jahrhunderts. Und das ging trotz
all seiner Gewalttätigkeit und Brutalität in großem Maße
auf Justinian II. zurück.
Kurz gesagt, seine Untertanen waren froh, ihn los zu
sein. Wir mögen mit seiner Mutter Anastasia
fühlen,
von der es heißt, sie sei einmal von Sakallarios Stephan ausgepeitscht
worden, ohne dass ihr Sohn einen Finger zu ihrer Verteidigung gekrümmt
hätte. Oder mit seiner Frau Theodora,
von deren Schicksal wir nichts wissen, die sich aber vermutlich bei ihrem
Mann befand - da sie ja offenbar nicht bei ihrem Sohn war -, als das Ende
kam. Und vor allem mit seinem Sohn, dem armen, verängstigten Tiberios,
der ohne guten Grund kurz vor seinem siebenten Geburtstag ermordet wurde.
Justinian
war
zweizundvierzig, als er starb. Von ihm kann man trotz allem nur sagen,
dass er an diesem 4. November 711 keinen Tag zu spät umkam.
Thiess Frank: Seite 700,703
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"Die griechischen Kaiser. Die Geburt Europas."
Der gestürzte Rhinotmetos
verliebte
sich in die Schwester des Chazaren-Herrschers, und ihm wurde erlaubt,
die Prinzessin zu heiraten. Hier stockt man. Sollte der Chan die Rückkehr
Justinians
auf den Thron für wahrscheinlich gehalten haben? Dafür spricht
nicht viel. Nein, es war eine Liebesheirat
gewesen, und die Neuvermählten
siedelten nach Phanagoria in die ehemals bulgarische Stadt am kimmerischen
Bosporus über.
Da Justinian kein
Prozeß gemacht, sondern er nur abgesetzt und verbannt worden war,
durfte der Chan ihm als Gast die Ehren zuteil werden lassen, welche einem
Exilregenten gegenüber erlaubt waren. Indessen überstieg die
Heirat mit einer Prinzessin den Grad des politisch Zulässigen, und
nachdem die Dame Christin geworden war und sogar den Namen
Theodora
angenommen hatte, brauchte
der Chan sich nicht darüber zu wundern, daß eine Gesandtschaft
des Kaisers Tiberios
in Itil erschien, die Justinians
Auslieferung
oder seinen Kopf verlangte.
Theodora erfuhr,
was geplant war, verriet es Justinian,
der die beiden Füherer der Abordnung zu einer vertraulichen Unterredung
bat und sie nacheinander erwürgte. Danach mußte er sich allerdings
beeilen davonzukommen. Er schickte Theodora zu
ihrem Bruder und floh auf einer Fischerbarke.
In diesem kolossalen Rahmen des Grauen wirkten die grellen
Feiern, in denen der Kaiser seinem Herzen Nahrung gab, wie Fieberträume:
der Riesenpomp, mit dem er Theodora
empfing, nachdem sie auf einer Ehrenflotte mit dem Säugling Tiberios
aus ihrer Heimat zurückgeholt worden war, die Krönung in der
Sophienkirche, bei der sein winziges Kind zum Mit-Kaiser ernannt wurde,
der ungeheuerliche Prunk der Krönungsfeierlichkeiten, der wilde Glanz
seiner Feste, in denen er sich an den falschen Grimassen seiner Gäste
weidete.
oo 2. Justinan II. Kaiser von Byzanz
669 † 10.12.711
Kinder:
Tiberios
698 † 4.11.711
Literatur:
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Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des
oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München
1993 Band I Seite 401 - Thiess Frank: Die griechischen Kaiser. Die
Geburt Europas. Paul ZsolnayVerlag Gesellschaft mbH Hamburg/Wien 1959 Seite
700,703 -