MAILAND
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 117
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Mailand
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II. STADT, BISTUM, WIRTSCHAFT VON 1200-1500

[1] Die Herrschaft der Della Torre und der Visconti

Die langen Auseinandersetzungen zwischen den Faktionen, die von einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, von Kämpfen, Exilierungen und Repressalien begleitet waren, verlangten dringend nach einer Lösung, die schließlich – kurz nach der Mitte des 13. Jh. – in der Errichtung einer Signorie gefunden wurde: dabei trat die neue Form des Stadtregiments nicht in scharfen Gegensatz zu den kommunalen Institutionen, sondern entwickelte sich aus diesen und leitete ihren Legitimationsanspruch offenbar von ihnen ab. Nicht nur die Notwendigkeit, den Kämpfen zwischen der alten kommunalen Aristokratie der Motta und den in der Credenza di Sant' Ambrogio organiserten Elementen des Popolo (vor allem Großkaufleute) ein Ende zu setzen, sondern auch die ambitiösen Programme der politischen und wirtschaftlichen Expansion der Stadt erforderten ein starkes und einheitliches Stadtregiment vom Typus einer Signorie. So erhielt im Laufe der Kämpfe gegen Ezzelino da Romano (1258/59) der Capitano del popolo und Podesta Martino della Torre, der die Unterstützung der Credenza di Sant' Ambrogio genoß und an der Spitze einer philo-guelfischen Partei stand, außergewöhnliche Machtbefugnisse und den Titel "Anziano perpetuo del popolo di Milano". Nach seinem Tod (1263) wurden sein Bruder Filippo und darauf (1265-1273) Raimondo della Torre, Bischof von Como, ein angesehener Vetreter des italienischen Guelfentums, sein Nachfolger. Die guelfische Torriani-Partei wurde jedoch von der Familie VISCONTI verdrängt (Vertretern jenes milites-Aristokratie, die sich nicht zuletzt dank ihrer kriegerischen Traditionen im unruhigen Klima der Spätzeit der Kommune durchsetzen konnten). 1277 wurde Ottone Visconti nach der Niederlage der Torriani bei Desio Stadtherr. Eine Stärke  der neuen Signorie war die Politik, zwischen den städtischen Faktionen zu vermitteln. (Die Handwerker und Kaufleute schlossen sich aus diesem Grunde nicht zu neuen Organisationen des Popolo zusammen, da sie ihre Interessen hinreichend durch den Signore vetreten fanden): Der Neffe und designierte Nachfolger des Erzbischofs, Matteo Visconti, hatte das Amt des Capitano de popolo 1287, 1289 und von da an für jeweils 5 Jahre bis 1302 inne. 1294 hatte er zudem von ADOLF VON NASSAU den Titel eiens Reichsvikars erwirkt, der seine Autorität eine zusätzliche Legitimität verlieh. Die Herrschaft der Familie VISCONTI nahm immer deutlicher die Züge einer Signorie an. Dennoch gelang es den Torriani unter Guido della Torre für knapp zehn Jahre (1302-1310), die Stadtherrschaft an sich zu bringen. Dank der Unterstützung HEINRICHS VII. gewann sie Matteo Visconti jedoch zurück. 1330 erhielt Azzone (trotz seiner Spannungen mit LUDWIG DEM BAYERN) den Titel "dominus generalis", und wenige Jahre danach wurde die Erblichkeit der Nachfolge innerhalb der Familie festgesetzt und sanktioniert.

III. DER TERRITORIALSTAAT MAILAND (ANFANG 14. JH.-ANFANG 16. JH.)

[1] Der Visconti-Staat

Die Voraussetzung zur Bildung eines "Staats" Mailand - der nicht nur den Mailänder Contado umfaßte, sondern auch zahlreiche Nachbarstädte mit ihren Territorien - bildete der bereits sehr früh von Mailand entwickelte Hegemonieanspruch auf einen großen Teil der westlichen Lombardei, basierend auf seiner günstigen geographischen Lage und als Stütze des Erzbistums, das seinen religisen und politischen Einfluß auf die benachbarten Diözesen und Städte ausdehnte, sowie als beachtliche wirtschaftliche und militärische Zentren. Die Vorrrangstellung Mailands gegenüber den anderen lombardischen Städten war bereits zur Zeit der verschiedenen anti-staufischen Ligen evident; sie verstärkte sich in der 2. Hälfte des 13. Jh. in der Mitte und im Westen der Poebene, einem geographischen und wirtschaftlich homogenen Gebiet, in dem das System selbständiger Stadtstaaten sich infolge beständiger interner Spannungen und Kriege gegen Nachbarstädte als nicht mehr lebensfähig erwies. Das Aufkommen der starken VISCONTI-Signoerie in der Stadt Mailand berwirkte, daß die Stadtkommunen der Mittel- und West-Lombardei fast naturgemäß in einem Territorialorganismus aufgingen, der - um den Preis politischer Unterwerfung - der ganzen Region den Frieden garantierte Die Konsolidierung der Signorie unter Azzone, seit 1330 dominus generalis, entsprach der Festigung einer Konstellation von Städten und Territorien, die seit geraumer Zeit von Mailand abhängig waren: Außer den Städten, die bereits seit langem Mailand untertan waren (wie Lodi und Como) erkannten in rascher Folge Bergamo und Novara (1332), Cremona (1334), Piacenza (1336), Brescia (1337), Asti (1341), Parma (1346) und Pavia (1359) die VISCONTI als Signoren an. Mailand erhielt damit die Anerkennung jener Hauptstadtfunktion, die es seit langem in Ansätzen ausgeübt hatte.
Der VISCONTI-Staat - Erbe der Macht und des Hegemonianspruchs der ambrosianischen Metropole und Ausdruck der politischen und militärischen Dynamik der jungen Dynastie - wurde seit dieser Zeit das stäkste und aktivste Element der italienischen Politik. Eine lange Expansionsphase führte zur zeitweiligen Besetzung zaghleicher wichtiger Städte: Bologna (1350-1355), Genua (1353-1356), in der Folge auch Reggio Emilia (1471 bis zum Beginn des 15. Jh.). Der 'Staat' besaß jedoch keine festgefügte politische Einheit; es handelte sich dabei eher um ein Agglomerat von Städten, denen gemeinsam war, daß sie sich alle ein und derselben Dynastie unterworfen hatten (die jedoch ihren autonomen Traditionen treu blieben und nur widerstrebend in einem größeren, vom Signore beherrschten Staatsgebilde aufgingen), als um eine geschlossen territoriale Einheit. Ein weiteres Motiv für den schwachen Zusammenhalt innerhalb des VISCONTI-'Staates' war die Praxis der Erbteilungen unter den verschiedenen Mitgliedern der Familie (zum Beispiel unter Luchino und Giovanni, den Söhnen Azzones, nach 1339 sowie 1354 unter den Neffen des Erzbischofs Giovanni Matteo, Galeazzo und Bernabo). Im wesentlichen konnte jedoch die Einheit der Herrschaft bewahrt werden, da die verschiedenen VISCONTI eine relativ erfolgreiche Italienpolitik betrieben.
Der Territorialstaat Mailand erlebte seinen Höhepunkt Ende des 14. Jh. als der ganze Herrschaftsbereich in den Händen des Gian Galeazzo Visconti vereinigt war, teils ererbt von seinem Vater Galeazzo, dem Signore von Pavia (+ 1378), teils durch rücksichtslose Ausschaltung seines Onkels Bernabo (Signore von Mailand und Chef des Hauses). Gian Galeazzo führte eine Reihe erfolgreicher Kriege im Veneto, durch die er Verona, Vicenza und Padua erwarb (1387-1388) und die Signorien der SCALIGER und der DA CARRARA verdrängte; in Mittelitalien gewann er Perugia, Assisi, Siena (1399), Pisa (1400), Bologna (1402) und umstellte mit seinen Truppen die große Rivalin Florenz. Gian Galeazzo, der 1395 von König WENZEL zum Herzog erhoben wurde - was seine Macht auf eine festere rechtliche Basis stellte und ihm einen höheren Rang verlieh, als ihn alle anderen Signoren Mittel- und Nord-Italiens besaßen -, schien im Begriff, einen großen Teil der Apenninen-Halbinsel unter seine Herrschaft zu bringen: ein neues Königreich, wie die Hofdichter sagten, das Ordnung und Frieden zurückbringen würde. Diese Pläne erwiesen sich jedioch rasch als Illusion, als Gian Galeazzo plötzlich starb (+ 1402), und da auch Florenz entschieden Widerstand leistete. In diesem Widerstand (der mit lebhafter anti-visconteischer Propaganda im Namen der republikanischen Freiheiten einherging) zeigte sich deutlich, daß eine politische Welt wie die italienische, in ihrer starken Zersplitterung und ihrem Partikularismus, sich nicht ohne weiteres zu einer aus mehreren Städten bestehenden, von einem Herrscher regierten, festen Staatskonstruktion zusammenschließen konnte.
Der Tod des Herzogs führte zu einer schweren inneren Krise des Mailänder Territorialstaats: von neuem unter die drei jungen Söhne Gian Galeazzos aufgeteilt (der Herzogstitel und der Kern des Herzogtums, die Gebiete im Umkreis von Miland, fielen an den Erstgeborenen Giovanni Maria), zerfiel er in eine Großzahl kleinerer Signorien, die in verschiedenen Städten von Condottieri oder örtlichen Adligen begründet wurden (wie Facino Cane in Alessandria und Novara, Cabrino Fondulo in Cremona, die Beccaria in Pavia, die Terzi in Parma usw.). Erst nach rund 20 Jahren Anarchie gelang es dem weiten Sohn des Gian Galeazzo, Filippo Maria, der 1412 die Nachfolge seines Bruders angetreten hatte, den Kern des Herrschaftsgebietes Gian Galeazzos wieder zu konsolidieren; die Dimension dieser auf die Lombardei beschränkten Gebiete entsprach besser dem System des Gleichgewichts, das sich zwischen den großen Territorialstaaten der Halbinsel (neben Mailand Venedig, Florenz, das Königreich Neapel und der Kirchenstaat) herausgebildet hatte; ein System, das offenbar niemand von ihnen um des eigenen Vorteils willen zu durchbrechen versuchte, wie es ein Jahrhundert früher den VISCONTI zum Teil gelungen war. Den Versuch Filippo Marias, die expansionistische Politik des Vaters wiederaufzunehmen, war letztlich kein Erfolg beschieden, weder gegen Venedig (das nun seine Terrafermapolitik betrieb, durch die es die ehemals zur VISCONTI-Herrschaft gehörenden Städte Bergamo und Brescia in seinen Besitz brachte) noch gegend en Kirchenstaat, trotz dessen Schwächung durch das Schisma.

[3] Krise des Herzogtums. Neuer Anfang unter den Sforza und schließlich Dekadenz

Wie fragil die Struktur des Mailänder Staates im Grunde war, zeigt sich in der neuen Krise, die auf das Erlöschen der VISCONTI-Dynastie (Filippo Maria, + 1447) folgte; viele Städte, unter ihnen Mailand selbst, erklärten sich frei, und verschiedene “Signorien” (Pallavicini, Rossi, Rusca, Del Verme u.a.) begannen eine autonome Politik zu betreiben. Die Auflösung des Herzogtums wurde durch die mühevolle Restaurationspolitik Francesco Sforzas abgewendet; erst im März 1450 gelang es ihm, sich als neuer Herzog von Mailand anerkennen zu lassen. Der Widerstand Venedigs führte zum Krieg, der schließlich durch den Frieden von Lodi (1454) beendet wurde, in dem - um den Preis des Verlustes von Cremona - die Eroberungen des SFORZA definitiv anerkannt wurden. Das erreichte Gleichgewichtssystem und die Stärkung der Achse Mailand-Florenz sicherten der gesamten Apenninenhalbinsel eine lange Friedenszeit.
Für das Herzogtum bedeutete dies eine Periode allgeminen, wenn auch langsamen Aufschwungs, sowohl in wirtschaftlicher wie in demographischer Hinsicht. Es folgte rasch eine Periode politischer Stabilität (an der Spitze der Kanzlei stand bis 1478 der äußerst fähige Cicco Simonetta), die bis zu jener inneren Krise anhielt, die durch die zentralistische Politik Galeazzo Maria Sforzas hervorgerufen wurde und in der der Ermordung des Herzogs (1476) gipfelte. Aus den anschließenden Nachfolgekämpfen ging Ludovico il Moro als Sieger hervor (1479). Das innere Gefüge des Staates war jedoch geschwächt, nicht zuletzt durch die unüberwinbare Finanzkriese. Der Ferrara-Krieg (1482-1484) wwar ein zeichen, daß das Gleichgewicht der Mächte Italiens ins Schwanken geriet. Der Friede dauerte jedoch noch weitere zwanzig Jahre und mit ihm die Herrschaft der SFORZA über Mailand.