CLX.
UNROCH (I.)
ist uns als Sohn des Markgrafen
Eberhard von Friaul
und der Tochter Kaiser
LUDWIGS DES FROMMEN,
Gisela,
bekannt; und zwar war er nach dem Tode eines ersten Söhnchens (Eberhard)
der älteste unter den vier überlebenden Söhnen und vier
Töchtern dieses Paares. Deshalb folgte er auch nach dem Tode Eberhards
(864 oder 866) in der Verwaltung von Friaul nach und steht im
Testament seines Vaters, das 863/64 in Musestre am Sile in der Grafschaft
Treviso ausgestellt wurde, in bevorzugter Stellung [1 Folgende Söhne
und Töchter erwähnt Markgraf Eberhard in seinem Testament
(Coussemaker, Cartulaire de l'abbaye de Cysoing Seite 1 nr. 1): Unroch,
Berengarius,
Adalardus, Rodulphus, Engeldrud, Judith, Heilvinch. - Unruoch wird
dabei als primogenitus
bezeichnet. Der Name des in zartem
Kindesalter verstorbenen Sohnes
Eberhard ergibt sich aus einem Trostgedicht
des Sedulius (MG Poet. Lat. III Seite 201, nr. 37); die Übergabe einer
Tochter Gisela
an das S. Juliakloster in Brescia ist der Eintragung Domnus Eberardus
dux tradidit filiam suam Gisla im Codice necrol.-liturg., ed.
Valentini Seite 80 (= f. 43 v. des Orig.) zu entnehmen; diese wird auch
erwähnt in der Urkunde ihrer Mutter Gisela
(Cassemaker, Cartulaire de l'abbaye de Cysoing Seite 11, nr. 6 - ohne Datum).];
er erbte allen Besitz in Italien, dazu den in Alemannien außer Balguinet
(Balginga),
das gewöhnlich mit dem württembergischen Balingen identifiziert
wird, und anderes mehr. Diese Besitzlage in zwei Reichsteilen mußte
Unruoch wie schon seinen Vater zwingen, sowohl mit Kaiser
LUDWIG II. wie auch mit Ludwig
dem Deutschen in gutem Einvernehmen zu bleiben, wollte er nicht
in einem Teil seine Güter verlieren [2
Zu den Konfiskationen
von Gütern der in anderen Reichsteilen lebenden Vasallen und Adligen
in Fällen ungenügender fidelitas gegenüber auch dem
zweiten Herrn vgl. Wartmann, UB St. Gallen II Seite 117, nr. 503 und BM²
nr. 963a.]. Da noch sein Nachfolger im Amt und Besitz, sein Bruder BERENGAR,
nach dem Tode Kaiser LUDWIGS II. starke
Anlehnung an die Herrscher Ostfrankens sucht und auch deren volles Vertrauen
genießt, scheint auch unter Unruoch nie ein Bruch mit dem
ostfränkischen König eingetreten zu sein. Mit Kaiser
LUDWIG II. VON ITALIEN blieb er gleichfalls eng verbunden, denn
man sieht ihn 872 in dessen Auftrag in Unteritalien gegen die Sarazenen
im Felde stehen; unweit Capuas wurde damals im Verein mit zwei anderen
Grafen, Egifred und Boso, ein sarazenisches Heer vollständig geschlagen
[3 Andreas Bergom. c. 15 (MG SS rer. Langob.. Seite 228), dazu BM²
nr. 1254d.]. Wie seine Verbindungen nach Westfranken waren, wo sein Vater
auch über ansehnliche Besitzungen (besonders im belgisch-niederländischen
Raum) verfügte, ist nichts bekannt. Eine Urkunde seiner Mutter Gisela
vom 1. Juli 874 weist nur darauf hin, daß er den Leichnam des 866
(oder 864) verstorbenen Vaters nach dem 854 zu Ehren des römischen
Bischofs Calixtus gegründeten Hauskloster Cysoing (13 km südöstlich
von Lille) überführte, sich also auch für einige Zeit dort
aufhielt [4 Coussemaker, Cartulaire de l'abbaye de Cysoing Seite
10, nr. 5.].
Über die Zeit seines Todes ist nichts bekannt. Wenn
BERENGAR
874/75 ihm im Amt nachfolgte, so ist er wohl in diesen Jahren schon verstorben
gewesen. Ob er außer der einen Tochter, die im (S. Julia)Kloster
in Brescia lebte und 887 auf Betreiben des einflußreichen Erzkanzlers
KARLS
III., Liutward für dessen Neffen von einigen Männern
entführt wurde [5 Ann. Fuldens. ad. 887, Seite 105. - Dazu
E. Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reiches III² Seite
276.], noch weitere Nachkommenschaft hatte, ist unbekannt. Seine Gattin
war Ava,
eine Tochter des Grafen Liutfrid I. aus der Familie der ETICHONEN
[6 Vgl. P. Hirsch, Erhebung Berengars I Seite 87. - Dort sind
auch (Seite 40 Anm. 1, Seite 74 Anm. 4, Seite 87 Anm. 2) die Nennungen
Unrochs in Gedenkbücheinträgen zusammengestellt.].
Mit der Mark Friaul verwaltete Unruoch einen der
wichtigsten Landesteile des regnum Langobardiae. Auch er war kein
Einheimischer; die Heimat seiner Sippe lag nördlich der Apen.