Raissa Bloch:

"Verwandtschaftliche Beziehungen des sächsischen Adels zum russischen Fürstenhause im XI. Jahrhundert"

Wenn durch die Heirat Kunigundens mit Jaropolk verwandtschaftliche Beziehungen des Adels der Thüringischen Mark zu dem russischen Fürstenhause hergestellt wurden, so führt uns die Heirat von Jaroslavs Enkelin Eupraxia mit dem Fürsten Heinrich von Stade wieder in das Gebiet der Nordmark und in die Kreise desselben Adels zurück, denen schon Svjatoslavs Gemahlin Oda angehört hatte. Der Markgraf der Nordmark Heinrich war der Sohn jenes Markgrafen Udo von Stade, der nach dem Bericht Alberts von Stade und des Rosenfelder Chronikon den Sohn Idas von Elstorpe, seinen Verwandten Ekbert, getötet hatte und später von ihr zum Erben eingesetzt worden war. Er gehörte also demselben Hause wie Oda und der Trierer Propst Burchard an. Große Besitzungen waren in seinen Händen vereinigt. Auch war die Braut, die ihm aus Kiev zugeschickt wurde, die Tochter des mächtigsten und reichsten aller russischen Fürsten.
Der Großfürst Vsevolod Jaroslavic stand im Mittelpunkt aller jener verwandtschaftlichen Beziehungen, die durch die jahrzehntelange Heiratspolitik seines Hauses entstanden waren. Er selbst setzte diese Politik fort. Er war in erster Ehe mit einer Tochter des Kaisers Konstantin Monomachos verheiratet. Eine seiner Töchter, deren Namen wir nicht kennen, war mit Leo, dem Sohn des Kaisers Diogenes vermählt, die andere, Janka, mit Konstantin Dukas verlobt. Sein Sohn Vladimir Monomach hatte zur Frau Githa, die Tochter Haralds, des letzten angelsächsischen Königs, die Nichte des Königs Sven von Dänemark. Er war mit dem französischen, dem ungarischen, dem polnischen, dem schwedischen Königshause verwandt [Seine Schwester Anna war mit Heinrich I. von Frankreich vermählt, die zweite Schwester mit Andreas I. von Ungarn, die dritte mit Harald von Norwegen und dann mit Sven von Dänemark. Sein Bruder Izjaslav hatte Gertrud, die Tochter Mieszkos II. von Polen und Schwester Kasimirs I., zur Frau.]. Innerhalb des russischen Reiches hatte er sich durch vorsichtige und kluge Politik eine hervorragende Stellung errungen. Der russische Annalist sagt von ihm, er habe, als er Großfürst von Kiev wurde, die Herrschaft über ganz Rußland in seiner Hand gehabt. Jedenfalls waren die bedeutendsten Fürstentümer ihm und seinen Söhnen unterstellt.
Eupraxia oder Praxedis, wie sie in den deutschen Quellen gewöhnlich genannt wird, war aus der zweiten Ehe Vsevolods mit einer Polovzer Fürsten-Tochter nach 1067 geboren. Das Jahr ihrer Heirat mit dem Markgrafen Heinrich ist unbekannt. Wir wissen auch nichts über die Verhandlungen, die dieser Heirat vorangegangen sind. Die Vermutung Rozanovs, dass Oda von Stade dabei die Vermittlerrolle gespielt hat, findet in den Quellen keine Unterstützung und bleibt eine bloße Hypothese. Im Rosenfelder Chronikon wird erzählt, dass die Tochter des russischen Königs mit großem Prunk nach Sachsen gekommen sei; ihr folgten Kamele, die mit reichen Kleidern, Kostbarkeiten und unzähligen Schätzen beladen waren. Wenn auch dieser Bericht der spät entstandenen Chronik legendäre Züge aufweist, so scheint er doch das Wesentliche zu treffen. Ohne Zweifel war für den sächsischen Markgrafen die Heirat mit der Tochter Vsevolods erwünscht und vorteilhaft.
1087 starb der Markgraf Heinrich, ohne Kinder zu hinterlassen. Schon 1088 wurde Praxedis die Braut HEINRICHS IV., und am 14. August 1089 fand in Köln die Krönung durch den Erzbischof Hartwig von Magdeburg statt, der unmittelbar die Hochzeit folgte. An dieser Stelle möchte in nicht wieder Einzelheiten der für HEINRICH IV. so verhängnisvollen Praxedis-Episode schildern, da dieses bereits mehrmals mit großer Ausführlichkeit geschehen ist. Ich möchte nur einiges über die Motive sagen, die HEINRICH IV. vermutlich zu dieser Heirat bewegt haben. Denn bloß an eine gegenseitige Zuneigung zu denken, ist in diesem Falle schwer, besonders da die politischen Vorteile, die HEINRICH sich von der Vermählung mit Praxedis versprechen konnte, gar nicht so "gering" und "unsicher" waren, wie es Kirchner behauptet.
Selbstverständlich war es nicht die Herstellung der freundschaftlichen Beziehungen zu Sachsen, die der Kaiser durch diese Heirat erstrebte. Dann hätte sich HEINRICH besser die Tochter eines sächsischen Fürsten zur Frau genommen, nicht eine Fremde. Auch ist es schwer zu vermuten, dass die 19-jährige Witwe des Markgrafen Heinrich in besonders freundschaftlichen Beziehungen zum sächsischen Adel gestanden hat. Nicht als sächsische Fürstin, sondern als Tochter Vsevolods von Kiew war Praxedis für HEINRICH IV. eine erwünschte Gemahlin. Dieselben Motive, die den Adel der Nordmark und der Thüringischen Mark bewogen hatten, Anschluß an das Kiever Reich zu suchen, mußten auch bei dieser Heirat des deutschen Kaisers den Ausschlag gegeben haben. Schon früher war er mehrere Male mit diesem Reich in Berührung gekommen und hat Gelegenheit gehabt, sich von dessen Reichtum zu überzeugen. Ohne Zweifel konnte HEINRICH aus der Verwandtschaft mit dem mächtigen Vsevolod manchen Vorteil für sich erwarten.
Dazu gesellten sich aber andere Motive, die mit der gesamten Kirchenpolitk des Kaisers in engster Verbindung standen. Bekanntlich wurden damals vom kaiserlichen Papst Clemens III. Versuche gemacht, mit der orientalischen Kirche Verhandlungen anzuknüpfen, deren Ziel die Kirchenunion sein sollte. In dieser Angelegenheit stand er mit dem Patriarchen von Konstantinopel in Briefwechsel. Er schickte auch einen Bischof zum Kiever Metropoliten Johannes II. Wahrscheinlich steht die Sendung dieses Bischofs mit einer Gesandtschaft HEINRICHS IV. an Vsevolod in Zusammenhang, die in Angelegenheit der Heirat des Kaisers mit Praxedis 1088-1089 nach Kiev gegangen war. Die Interessen beider, Wiberts und des Kaisers, berührten sich hier aufs engste. Wäre es Wibert gelungen, die Anerkennung durch die orientalische Kirche zu und das Beseitigen des Schismas zu erreichen, so war dadurch die Sache Urbans II. verloren. HEINRICH IV. aber wäre dann zum Verteidiger des wahren Glaubens und der christlichen Einheit geworden. Die Heirat mit Praxedis und die Freundschaft mit ihrem Vater, dem Großfürsten von Kiev, konnte bei der Durchführung dieser weitgehenden Pläne erhebliche Hilfe leisten.
Wie bekannt, hatte die orientalische Politik Wiberts keinen Erfolg. Der Kiever Metropolit Johannes verwies ihn in einem sehr freundlichen Brief an den Patriarchen von Konstantinopel mit dem damals bereits Urban II. Verhandlungen führte. Ungefähr um dieselbe Zeit verfaßte Johannes II. seine bekannten "Kanonischen Antworten" auf verschiedene Fragen des Kirchenlebens, wo im 13. Kapitel der Fürst getadelt wird, der seine Töchter nach Ländern verheiratet, in denen man ungesäuerte Brote zum Abendmahl verwendet. Über einen solchen Fürsten soll die kirchliche Strafe verhängt werden. Es ist ohne weiteres klar, dass diese Bestimmungen eine Anspielung auf Vsevolod enthält, dessen Tochter sich ja gerade damals mit dem deutschen Kaiser vermählt hatte. Die kirchlichen Kreise in Kiev waren offenbar gegen die Annäherung an den ketzerischen Westen. Auch übergehen die russischen Annalen die Verhandlungen, die um 1089 zwischen Kiev und Deutschland geführt wurden, mit Schweigen.
Die Heirat HEINRICHS IV. mit Praxedis erscheint als letzte in der Reihe der Ehen, die zwischen den Vertretern der deutschen und russischen Fürstengeschlechter in der 2. Hälfte des 11. Jahrhunderts geschlossen wurde. Sie fallen alle in denselben ziemlich engen Zeitraum und sprechen deutlich für rege gegenseitige Beziehungen des Kiever Fürstentums zu Deutschland, genau genommen zu den östlichen sächsischen Marken, unter den älteren Nachfolgern Jaroslavs des Weisen. In den darauffolgenden Jahrzehnten erfahren wir nichts mehr von solchen Heiratsverbindungen. Vielleicht war man sich der Glaubensverschiedenheit bewußter geworden, vielleicht waren die Zustände im Kiever Reich, die Fehden der Fürsten, die ständig von den Polovzern drohende Gefahr, die Ursache, dass man sich mehr auf sich selbst konzentrierte und weniger nach dem Westen hinübersah.