EXKURS
Königin Cunicunda und die SUPPONIDEN
Die Genealogie der SUPPONIDEN
ist ein vor allem von der italienischen Forschung lange und häufig
erörtertes Problem. Die Dissertation von E. Hlawitschka brachte hier
eine Klärung, sie müßte allerdings die Frage nach der Herkunft
dieses Adelsgeschlechtes noch offen lassen [1 Vgl. besonders Hlawitschka
Exkurs "Zur Genealogie der Supponiden" Seite 299-309 sowie die betreffenden
Abschnitte der Prosopographie über die Grafen aus dem Hause der SUPPONIDEN.].
Es scheint uns nun möglich, in dieser Frage weiterzukommen,
wenn man davon ausgehnt, daß eine Schwester der Kaiserin
Angilberga Cunicunda hieß [2 Valentini, Codice
necrologico - liturgico di Salvatore 78; dazu vgl. Hlawitschka 111 Anm.
13.]. Da dieser Name damals selten vorkommt [2a Außer den
hier genannten Frauen sind unseres Wissens im 8. und 9. Jahrhundert nur
noch zwei mit diesem Namen bezeugt: 778 im Rheingebiet (Codex Laureshamensis,
ed. K. Glöckner, 2, 1933, Seite 73 Nr. 329) und 838 in der Nordschweiz
(Wartmann, Urkundenbuch von St. Gallen 1, 1863, Seite 349 Nr. 374). Vgl.
auch Förstemann, Altdeutsches Namenbuch 1: Personennamen 379f.], darf
man fragen, ob nicht schon Königin Cunicunda,
die Gattin des 817 geblendeten Königs Bernhard,
mit den SUPPONIDEN verwandt war und ob der Aufstieg der SUPPONIDEN
in
Italien sich nicht gerade auf diese Ehe gründete. Der Bruder der Königin
war ja Bischof von Piacenza [3 siehe oben Seite 54 (8 So
Magni, a.a.O. 278 Anm. 103, und Bognetti in Storia di Milano 2, 357; beide
stützen sich wohl auf F. Ughellli, Italia sacra 2 {1717} 201, wonach
Podo
der Bruder der Königin Cunicunda,
einer Fränkin, war.).], und Suppo,
der vermutliche Stammvater dieses italienischen Adelsgeschlechtes, war
nicht nur wie (ein Sohn?) Mauringus
Graf von Brescia und Herzog von Spoleto, sondern auch Pfalzgraf König
Bernhards.
Tatsächlich weist nicht nur ihr Name auf die Beziehungen
Cunicundas
zu den SUPPONIDEN hin. Das Testament der Königin vom 15. Juni
835 [4 Abgedruckt bei Benassi, Cod. dipl. Parmense 101 Nr. 2.] erweist
sie als Angehörige eines fränkischen Geschlechtes, das im Raum
von Parma, Reggio und Modena reich begütert war, also in einem Gebiet,
in dem auch die Hauptbesitzungen der nach fränkischem Recht lebenden
SUPPONIDEN lagen. Zu den Besitzungen Cunicundas
zählte ein dem hl. Bartholomäus geweihtes Kloster in Parma; demselben
Apostel weihte später Kaiserin Angilberga
ihr neugegründetes Kloster in Piacenza [5 Kehr; Italia Pontifivcia
V, 487f.]. Der Vater der Kaiserin, Graf
Adelgis, wird in dem in Parma ausgestellten Testament Cunicundas
als Zeuge genannt, vielleicht nur deshalb, weil er Graf von Parma war,
vielleicht aber auch, weil er ein naher Verwandter von ihr war.
Daß der oben genannte Suppo 817 LUDWIG
DEM FROMMEN Bernhards Aufstand meldete [6
Astron. c. 29 Seite 623.], spricht unseres Erachtens
nicht gegen unsere These. Denn zu dieser Zeit war die Reichsaristokratie
wohl allgemein noch so sehr dem Kaiser und dem Reichseinheitsgedanken ergeben,
daß ein einzelner ihnen zuliebe unter Umständen auch gegen seine
Familieninteressen handeln konnte. Verwandtschaftliche Beziehungen Cunicundas
zu diesem dem Kaiser in besonderem Maße treuen Manne könnten
vielmehr erklären, weshalb sie und ihr Besitz die Ereignisse von 817/18
völlig unangefochten überstanden und weshalb ihr Sohn Pippin
und ihre Enkel Heribert und Pippin [7 Über die
Nachkommen König Bernhards vgl.
G. Pochettino, I Pippinidi in Italia (sec. VIII-XII), Arch. stor. lomb.
54 (1927) 1-43, und Hlawitschka 231f.] trotz der König
Bernhard widerfahrenen Behandlung später treue Anhänger
LUDWIGS
DES FROMMEN und KARLS
DES KAHLEN wurden.
Zur Rechtfertigung unserer Ansicht, daß Königin
Cunicunda dem Haus der SUPPONIDEN angehörte, lassen
sich noch weitere Argumente beibringen; zugleich wird damit ein Hinweis
auf die Herkunft dieser Familie gewonnen. 804 stattete nämlich Wilhelm
von Toulouse das von ihm gegründete Kloster Gellone mit reichem
Besitz aus. Aus der Schenkungsurkunde erfährt man, daß er -
vermutlich in erster Ehe - mit einer Cunegunda verheiratet war [8
Über diese später in Gellone überarbeitete Urkunde und
ihr Gegenstück, eine in Aniane entstandene Fälschung, vgl. W.
Pückert, Aniane und Gellone (1899) 124-144. Beide Urkunden finden
sich im Anhang zur Vita s. Willelmi monachi Gellonensis, in: AA. SS. Maii
t. 6 (Antwerpen 1688) 820-821. Über die Familie Wilhelms vgl.
J. Calmette, La famille de saint Guilhem, Annales du Midi 18 (1906); ders.,
La familie de saint Guilhem et 1 ascendance de Robert le Fort, Annales
du Midi 40 (1928) 225-245; L. Auzias, L'Aquitaine carolingienne (1937)
passim und besonders 519-525.]. Ihr Name könnte eine Verwandtschaft
zwischen den SUPPONIDEN und der Familie Wilhelms andeuten.
Diese Vermutung erweist sich als berechtigt, da die Urkunde davon berichtet,
daß ein Mauringus der Schenkung als Zeuge beiwohnte: denn
dieser Name gehörte ebenfalls zum Namengut der SUPPONIDEN.
Für eine Verwandtschaft beider Familien und die Zugehörigkeit
der Königin Cunicunda zu ihnen
spricht außerdem die Tatsache, daß der Enkel der Königin
Heribert
hieß. Denn diesen Namen hatte bisher noch kein KAROLINGER
getragen, wohl aber ein Vorfahre und ein Sohn Wilhelms von Toulouse.
Schließlich läßt sich sogar erkennen, wer wahrscheinlich
die Ehe Bernhards mit Cunicunda
vermittelt hat: es war Wala, der 812
Bernhard
als Ratgeber nach Italien begleitete und der eine Tochter Wilhelms zur
Frau hatte [9
Weinreich, Wala 18 Anm. 64.].