Fischer, Joachim: Seite 205
**************
"Königtum, Adel und Kirche im Königreich Italien (774-875)"

EXKURS
Königin Cunicunda und die SUPPONIDEN

Die Genealogie der SUPPONIDEN ist ein vor allem von der italienischen Forschung lange und häufig erörtertes Problem. Die Dissertation von E. Hlawitschka brachte hier eine Klärung, sie müßte allerdings die Frage nach der Herkunft dieses Adelsgeschlechtes noch offen lassen [1 Vgl. besonders Hlawitschka Exkurs "Zur Genealogie der Supponiden" Seite 299-309 sowie die betreffenden Abschnitte der Prosopographie über die Grafen aus dem Hause der SUPPONIDEN.].
Es scheint uns nun möglich, in dieser Frage weiterzukommen, wenn man davon ausgehnt, daß eine Schwester der Kaiserin Angilberga Cunicunda hieß [2 Valentini, Codice necrologico - liturgico di Salvatore 78; dazu vgl. Hlawitschka 111 Anm. 13.]. Da dieser Name damals selten vorkommt [2a Außer den hier genannten Frauen sind unseres Wissens im 8. und 9. Jahrhundert nur noch zwei mit diesem Namen bezeugt: 778 im Rheingebiet (Codex Laureshamensis, ed. K. Glöckner, 2, 1933, Seite 73 Nr. 329) und 838 in der Nordschweiz (Wartmann, Urkundenbuch von St. Gallen 1, 1863, Seite 349 Nr. 374). Vgl. auch Förstemann, Altdeutsches Namenbuch 1: Personennamen 379f.], darf man fragen, ob nicht schon Königin Cunicunda, die Gattin des 817 geblendeten Königs Bernhard, mit den SUPPONIDEN verwandt war und ob der Aufstieg der SUPPONIDEN in Italien sich nicht gerade auf diese Ehe gründete. Der Bruder der Königin war ja Bischof von Piacenza [3 siehe oben Seite 54 (8 So Magni, a.a.O. 278 Anm. 103, und Bognetti in Storia di Milano 2, 357; beide stützen sich wohl auf F. Ughellli, Italia sacra 2 {1717} 201, wonach Podo der Bruder der Königin Cunicunda, einer Fränkin, war.).], und Suppo, der vermutliche Stammvater dieses italienischen Adelsgeschlechtes, war nicht nur wie (ein Sohn?) Mauringus Graf von Brescia und Herzog von Spoleto, sondern auch Pfalzgraf König Bernhards.
Tatsächlich weist nicht nur ihr Name auf die Beziehungen Cunicundas zu den SUPPONIDEN hin. Das Testament der Königin vom 15. Juni 835 [4 Abgedruckt bei Benassi, Cod. dipl. Parmense 101 Nr. 2.] erweist sie als Angehörige eines fränkischen Geschlechtes, das im Raum von Parma, Reggio und Modena reich begütert war, also in einem Gebiet, in dem auch die Hauptbesitzungen der nach fränkischem Recht lebenden SUPPONIDEN lagen. Zu den Besitzungen Cunicundas zählte ein dem hl. Bartholomäus geweihtes Kloster in Parma; demselben Apostel weihte später Kaiserin Angilberga ihr neugegründetes Kloster in Piacenza [5 Kehr; Italia Pontifivcia V, 487f.]. Der Vater der Kaiserin, Graf Adelgis, wird in dem in Parma  ausgestellten Testament Cunicundas als Zeuge genannt, vielleicht nur deshalb, weil er Graf von Parma war, vielleicht aber auch, weil er ein naher Verwandter von ihr war.
Daß der oben genannte Suppo 817 LUDWIG DEM FROMMEN Bernhards Aufstand meldete [6
Astron. c. 29 Seite 623.], spricht unseres Erachtens nicht gegen unsere These. Denn zu dieser Zeit war die Reichsaristokratie wohl allgemein noch so sehr dem Kaiser und dem Reichseinheitsgedanken ergeben, daß ein einzelner ihnen zuliebe unter Umständen auch gegen seine Familieninteressen handeln konnte. Verwandtschaftliche Beziehungen Cunicundas zu diesem dem Kaiser in besonderem Maße treuen Manne könnten vielmehr erklären, weshalb sie und ihr Besitz die Ereignisse von 817/18 völlig unangefochten überstanden und weshalb ihr Sohn Pippin und ihre Enkel Heribert und Pippin [7 Über die Nachkommen König Bernhards vgl. G. Pochettino, I Pippinidi in Italia (sec. VIII-XII), Arch. stor. lomb. 54 (1927) 1-43, und Hlawitschka 231f.] trotz der König Bernhard widerfahrenen Behandlung später treue Anhänger LUDWIGS DES FROMMEN und KARLS DES KAHLEN wurden.
Zur Rechtfertigung unserer Ansicht, daß Königin Cunicunda dem Haus der SUPPONIDEN angehörte, lassen sich noch weitere Argumente beibringen; zugleich wird damit ein Hinweis auf die Herkunft dieser Familie gewonnen. 804 stattete nämlich Wilhelm von Toulouse das von ihm gegründete Kloster Gellone mit reichem Besitz aus. Aus der Schenkungsurkunde erfährt man, daß er - vermutlich in erster Ehe - mit einer Cunegunda verheiratet war [8 Über diese später in Gellone überarbeitete Urkunde und ihr Gegenstück, eine in Aniane entstandene Fälschung, vgl. W. Pückert, Aniane und Gellone (1899) 124-144. Beide Urkunden finden sich im Anhang zur Vita s. Willelmi monachi Gellonensis, in: AA. SS. Maii t. 6 (Antwerpen 1688) 820-821. Über die Familie Wilhelms vgl. J. Calmette, La famille de saint Guilhem, Annales du Midi 18 (1906); ders., La familie de saint Guilhem et 1 ascendance de Robert le Fort, Annales du Midi 40 (1928) 225-245; L. Auzias, L'Aquitaine carolingienne (1937) passim und besonders 519-525.]. Ihr Name könnte eine Verwandtschaft zwischen den SUPPONIDEN und der Familie Wilhelms andeuten. Diese Vermutung erweist sich als berechtigt, da die Urkunde davon berichtet, daß ein Mauringus der Schenkung als Zeuge beiwohnte: denn dieser Name gehörte ebenfalls zum Namengut der SUPPONIDEN. Für eine Verwandtschaft beider Familien und die Zugehörigkeit der Königin Cunicunda zu ihnen spricht außerdem die Tatsache, daß der Enkel der Königin Heribert hieß. Denn diesen Namen hatte bisher noch kein KAROLINGER getragen, wohl aber ein Vorfahre und ein Sohn Wilhelms von Toulouse. Schließlich läßt sich sogar erkennen, wer wahrscheinlich die Ehe Bernhards mit Cunicunda vermittelt hat: es war Wala, der 812 Bernhard als Ratgeber nach Italien begleitete und der eine Tochter Wilhelms zur Frau hatte [9 Weinreich, Wala 18 Anm. 64.].