SALERNO
 

Hermann Grote "Stammtafeln" Seite 19
 

Lexikon des Mittelalters: Band VII Seite 1294
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Salerno
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II. DAS LANGOBARDISCHE FÜRSTENTUM

Die histiographische Tradition schreibt einhellig den in Salerno vom Beneventianer Fürsten Arichis II. (758-787) durchgeführten Baumaßnahmen die Tragweite einer Neugründung zu, wenn auch der Wiederaufstieg der Stadt auf eine komplexere Weise und in einer längeren Zeitspanne vor sich ging. Diese Baumaßnahmen bestanden hauptsächlich in der Errichtung eines für den Sitz des fürstlichen Macht bestimmten Palastes und in der Befestigung der Stadtmauern: Palast und Mauern erhielten sofort auch einen bedeutenden Symbolwert, da sie den Willen manifestierten, dem Druck der Franken standzuhalten, die nach der Eroberung des Langobardischen Königreiches auch die Autonomie des Herzogtums Benevent auszulöschen beabsichtigten, das Arichis II. zum Fürstentum erhoben hatte.
Die Gründe, die den Fürsten bewogen, auf der Suche nach einem sicheren Sitz als Benevent gerade Salerno auszuwählen, werden in der Forschung kontrovers diskutiert; die meisten sind der Ansicht, dass außer der von den Franken ausgehenden Gefahr wohl auch andere Überlegungen eine Rolle gespielt haben: die Lage am Meer und die so ermöglichte intensivere Pflege der Beziehungen mit den Byzantinern, die mit den Langobarden gegen die Franken verbündet waren; gute Straßenverbindungen mit Benevent und Capua, den wichtigsten Städten des Fürstentums; das fehlen einer starken Aristokratie, die imstande gewesen wäre, die Stabilität der fürstlichen Macht zu gefährden. Nach Arichis Absicht hätte Salerno nur eine seiner Residenzstädte, nicht die Hauptstadt sein sollen; die Entwicklung verlief jedoch anders. Einerseits band sich die fürstliche Dynastie immer mehr an den neuen Sitz (Arichis und sein Sohn Grimoald III. wurden in der Kathedrale von Salerno beigesetzt), andererseits stieg das Prestige der Stadt auch durch den Zuzug von Familien der langobardischen Aristokratie, die vorher in Benevent von Gewicht gewesen waren: Da diese reichen und politisch erfahrenen Familien eine größere Rolle in der Politik des Fürstentums spielen wollten, entstand ein unheilbarer Zwist zwischenSalerno und Benevent, der in der Folge zu einer Teilung des Fürstentums führte, die 849 nach ca. zehn Jahren Krieg vonLUDWIG II. VON ITALIEN sanktioniert wurde: Fürst Redelchis von Beneventerhielt die Gebiete Samnium, Irpinia, Molise, Nordlukanien und den Teil Apuliens, der nördlich der Linie Acerenza-Tarent liegt; Fürst Sicunulf von Salerno erhielt Tarent, S-Lukanien und die tyrrhenischen Gebiete von der Grenze des Herzogtums Spoleto bis Cosenza (Kalabrien), das heißt Terra di Lavoro, Salerno mit Umland, Cilento und Vallo di Diano.
Dieses Ereignis bedeutete eine wichtige Wende für Salerno, das der Sitz einer souveränen Macht und der Mittelpunkt eines ausgedehnten Territoriums wurde, nicht zuletzt dank des ständigen Zuzugs aristorikratischen Gruppen, die  - obwohl sie ihrer Macht weiterhin auf große Landgüter stützten - in der Stadt Häuser, Kirchen und Klosterbauten und damit die Urbarmachung des Areals innerhalb  der arechianischen Mauern vervollständigten. Die Erneuerung der städtischen Strukturen und die daraus folgende Erweiterung der Funktionen der Stadt erfuhren einen weiteren, entscheidenden Impuls um die Mitte des 9. Jh. mit der Thronbesteigung des Guaiferius (Waifarius)(861-880), des ersten Fürsten der SALERNITANER Dynastie, in dessen Gefolge sich eine neue Führungsschicht in Salerno installierte. Die von ihm erbaute Kirche S. Massimo sollte ein Symbol für die Einigkeit und die Macht seiner Dynastie sein. Zur gleichen Zeit bahnte sich jedoch eine Verkleinerungsprozeß des Territoriums des Fürstentums an, in dessen nördlichen Teil die Grafen von Capua seit Bischof Landulfus begannen, die Macht auszuüben, wobei sie zuerst Guaiferius, danach auch formell dessen Sohn Guaimarius (Waimar) entmachteten; in der Regierungszeit des Atenulfus (887-910) eigneten sie sich sogar Benevent an. Innerhalb einiger Jahrzehnte gingen auch Tarent, Matera und vielleicht Acerenza verloren, die zuerst von den Sarazenen, später von den Byzantinern erobert wurden, während das Salerno am nächsten gelegene Gebiet von raubenden und mordenden Sarazenenbanden durchstreift wurde, die nicht selten sogar im Dienst der verschiedenen kampanischen Machthaber standen und Salerno mehrmahls angriffen (851,871-872,879-880,884-995 und gegen Ende des Jahrhunderts.
Als Guaimarius (Waimar) I. (890-901) seinem Vater Guaiferius nachfolgte, war die Situation besonders schwierig, weil zu dem Druck verschiedener politischer Mächte hinzutrat, angefangen vom byzantinischen Kaiserreich, das damals bestrebt war, seine von den Sarazenen besetzten Territorien zurückzuerobern und seinen Einflußbereich in Süditalien auszuweiten. Besonders skrupellos war die Politik des Bischofs und Herzogs von Neapel, Athanasius, der ohne Bedenken sogar die Sarazenen zu Hilfe rief und Capua zu unterjochen und die Fürstentümer Salerno und Benevent durch ständige Attacken zu zermürben suchte. In die komplexe kampanische Politik schaltete sich auch Markgraf Guido (Wido) II. von Spoleto ein, der mit den Beneventaner Fürsten verwandt war. Um seine Stellung zu festigen, verbündete sich Waimar mit dem byzantinischen Kaiser und erhielt in Konstantinopel den Titel eines kaiserlichen Patrikios. Auch dadurch konnte er nicht vermeiden, dass seine ca. 20-jährige Regierung eine negative Bilanz aufwies. Um die Macht der Familie gegenüber einer gefährlichen inneren Opposition zu retten, setzte ihn sein Sohn Waimar II. ab. In der langen Regierungszeit Waimars II. (901-946) erfolgte einerseits ein Distanzierung von Byzanz und eine erneute Festigung der politischen Beziehungen mit den Langobarden von Benevent, andererseits ein, wenn auch langsamer, wirtschaftlicher und kultureller Aufschwung, der sich in der 2. Hälfte des 10. Jh. verstärken sollte. Krisenreicher war die ebenso lange Regierungszeit seines Sohnes Gisulf I. (946-977), der seine Macht verlor und sie nur dank der Hilfe von Pandulf, des Sohnes Pandulfs "Eisenkopf", Fürst von Benevent-Capua, wiedergewinnen konnte. Nach seinem Tod folgte ihm Pandulf nach, der im Mai 978 seinem Vater Pandulf Eisenkopf zum Mitregenten einsetzte, so dass dieser, wenn auch nur für kurze Zeit, alle langobardischen Gebiete in S-Italien kontrollierte. Als Pandulf Eisenkopf im März 981 starb, konnte Pandulf I. nicht vermeiden, dass Salerno von Herzog Manso von Amalfi erobert wurde, der die Stadt zusammen mit seinem Sohn Johannes bis 983 hielt. In diesem Jahr vertrieben die Bürger von Salernodie beiden Amalfitaner und riefen den Comes palatinus Johannes, Sohn des Lambert, zum Fürsten aus, mit dem eine neue Dynastie begann, die das Fürstentum bis zur normannischen Eroberung (1076-1077) regieren sollte. In den 1. Jahrzehnten des 11. Jh. erreichten die Stadt und das Fürstentum den höchsten Glanz: Anstieg der Bevölkerungszahl, Gründung von neuen Kirchen und Klöster, städtische Entwicklung (das Stadtareal erreichte mit seinen 23,5 ha fast die Ausdehnung, die Salerno Ende des Mittelalters mit 28,8 ha aufwies), Wachstum der Wirtschaft und des Seehandels, Eingliederung in den großen Mittelmeerhandel, Bodenmeliorationen, Vermehrung des kulturellen Ansehens in Italien und im Übrigen Europa, vor allem durch das Wirken des Erzbischofs Alfanus und der medizinischen Schulen. Gleichzeitig dehnte sich der politische Einflußbereich des Fürsten von Salerno aus. Dies gilt vor allem für Waimar IV. (1027-1052), der sich für seine Expansionspläne normannischer Ritter bediente, die nach S-Italien gekommen waren, um ihr Glück zu suchen. Unter diesen stiegen sehr rasch die Brüder HAUTEVILLE auf. Einer von ihnen, Robert Guiscard, verschwägerte sich mit Fürst Gisulf II. durch Heirat mit dessen Schwester Sikelgaita und bemächtigte sich am 13. Dezember 1076 Salernos. Gisulf, der sich in der Burg verschanzt hatte, ergab sich im Mai/Juni des folgenden Jahres und flüchtete zu Papst Gregor VII. nach Rom.

III. VON DER NORMANNISCHEN ZUR ARAGONESISCHEN HERRSCHAFT

Durch die normannische Eroberung verlor Salerno seine Rolle als Hauptstadt. Zwar erbaute Robert Guiscard dort den Terracena-Palast und finanzierte den Bau der neuen Kathedrale, der auf die Initiative des Erzbischofs Alfanus zurückging, seine Politik war jedoch auf den mediterranen Raum ausgerichtet und fühlte sich keiner Stadt besonders verbunden. Seine Nachfolger Roger Borsa und Wilhelm residierten hingegen fast ständig in Salerno; als jedoch Roger II. 1130 das Königreich Sizilien begründete, wurde Palermo die Hauptstadt des neuen Staatsgebildes. Gleichwohl blieb Salerno eine der bedeutendsten Städte des Königreiches; sein stolzes Selbstbewußtsein führte nicht selten zu Konflikten mit der Monarchie.