Die süditalienischen Normannen hatten noch nie Abneigung
gezeigt, wenn es galt, gen Osten zu ziehen. Einer der mächtigsten
Feudalherren war der etwa 40-jährige Bohemund
von Tarent, der älteste Sohn Robert
Guiskards. Sein Sinn stand eindeutig nach mehr Macht, als
er in Italien besaß. Denn dort hatte Roberts
jüngerer Sohn Roger
Borsa die Nachfolge angetreten, während Bohemund
die Gebiete östlich der Adria hatte erhalten sollen, woraus aber wegen
des Zusammenbruchs des normannisch-byzantinischen Krieges 1085 nichts geworden
war. Es war verständlich, wenn Bohemund sich
jetzt anderwärts schadlos halten wollte. Unter allen Anführern
des Kreuzzuges darf man ihn getrost als den ehrgeizigsten und skrupellosteten
bezeichnen. Von einem echten Kreuzfahrer hatte er wenig an sich, um so
mehr aber von normannischer Unrast und Machtgier. Dennoch wußte Bohemund
die religiöse Idee durchaus für seine Zwecke zu benutzen und
verteilte, als er sich anläßlich einer Belagerung Amalfis zum
Kreuzzug entschloß, bereitwillig und eigenhändig Stoffkreuze
an seine Gefährten. Seine Truppe war kleiner als die Gottfrieds;
unter seinen Gefährten ragte sein junger Neffe Tankred hervor.
Die Normannen setzten zu Schiff über die Adria und nahmen von dort
den Weg über Land entlang der alten Via Egnatia nach Byzanz.
Bohemund
war
scharf auf Disziplin bedacht, wollte er doch in Konstantinopel einen guten
Eindruck erwecken, da man seinem Kommen dort mit gemischten Gefühlen
entgegensah; man hatte den Normannenkrieg nicht vergessen. Nach dem Übersetzen
der Truppen
Gottfrieds von Bouillon
gelangte Bohemund nach Byzanz. Da er
aus dem byzantinischen Normannenkrieg her als alter Reichsfeind galt, legte
er es darauf an, bei Kaiser Alexios
jetzt einen guten Eindruck zu machen. Bereits Mitte April leistete er den
Eid und gelobte, keine Reichsteile wegzunehmen und auch die Wegnahme durch
andere nicht zuzulassen. Möglicherweise hatte er die Absicht, von
Alexios
zum
Oberbefehlshaber der kaiserlichen Truppen in Asien ernannt zu werden, was
die Gewichte innerhalb der Führungsgruppe des Kreuzzuges erheblich
verschoben hätte, aber Alexios
mißtraute ihm viel zu sehr, als dass er sich darauf eingelassen hätte.
Als das Kreuzfahrerheer am 21. Oktober 1097 vor Antiochia
ankam, verzichtete man trotz des Drängens des Grafen von Toulouse
und ungeachtet der Tatsache, dass man Antiochia nicht völlig einschließen
konnte, auf einen raschen Sturm, der durchaus Aussicht auf Erfolg gehabt
hätte. Vor allem Bohemund trat
entschieden für eine regelrechte Belagerung ein, hoffte er doch, Antiochia
für sich behalten zu können, wozu ihn Balduins
Staatsgründung
in Edessa angeregt haben mochte. Mit Hilfe eines Unterführers namens
Firuz, der die Kreuzfahrer über die Mauern ließ, nahm Bohemund
mit seinen Rittern in den Morgenstunden des 3. Juni 1098 die Stadt Antiochia
ein. Am 5. November trat der Fürstenrat erneut in der Peterskathedrale
zusammen. Bohemund konnte diesmal seine
Ansprüche auf Antiochia praktisch durchsetzen, die von den meisten
Fürsten ohnehin schon lange unterstützt wurden. Um Weihnachten
herum bot ein Großteil des Kreuzheeres dem Grafen von Toulouse, Bohemunds
altem
Feind, das Oberkommando an, wenn er den Zug nach Jerusalem führe.
Raimund
nahm an, und am 13. Januar 1099 zog man von Maarrat an-Numan aus. Bohemund
ließ sich trotz seines Versprechens, den Zug nach Jerusalem mitzumachen,
nicht aus Antiochia locken, aus dem er Anfang Januar die letzten provenzalischen
Truppen vertrieben hatte.
Nach der Aufhebung der Belagerung Latakias reiste Erzbischof
Daimbert von Pisa und Bohemund nach
Jerusalem, wo sie zu Weihnachten zusammen mit Balduin
von Edessa, der sich ihnen angeschlossen hatte, eintrafen. Bohemund
und Balduin hatten ja noch immer ihr
Pilgergelübde zu erfüllen. Die Politik ließen sie dabei
nicht außer acht. Gottfried benötigte
Bohemunds
und Balduins
Ritter ebenso dringend
wie Daimberts Flotte; er hatte ihren Wünschen daher nichts entgegenzusetzen.
Dem Normannen Arnulf wurde die Leitung der Kirche von Jerusalem entzogen
und Daimbert an seiner Stelle zum ersten lateinischen Patriarchen erhoben.
Anschließend erfolgte eine Investitur Gottfrieds
mit Jerusalem durch den Patriarchen, und auch Bohemund
ließ
sich von Daimbert mit Antiochia investieren, während
Balduin
von Edessa diesem Beispiel offenbar nicht folgte. Für Bohemund
bot diese Lösung nur Vorteile, denn Daimberts tatsächliche Macht
in Antiochia war gering, solange er Patriarch in Jerusalem war, während
Bohemund
als
Lehnsmann des lateinischen Patriarchen nunmehr einen festen Rechtsanspruch
auf Antiochia besaß, das er bisher nur unrechtmäßig und
im Widerspruch zu seinem dem byzantinischen Kaiser geleisteten Eid beherrscht
hatte.
Patriarch Daimbert versuchte nach dem Tode Gottfrieds
von Bouillon (+ 18.7.1100), die Nachfolge Balduins
zu blockieren, indem er den Fürsten von Antiochia bat, Balduin
an der Reise nach Jerusalem zu hindern. Der Brief erreichte seinen Empfänger
nie. Der ahnungslose Bohemund zog im August 1100 nach Norden, um
seine Grenzen dort zu konsolidieren, geriet dabei aber in Gefangenschaft
des danischmendidischen Emirs. Antiochia wurde durch Balduin
von Edessa gerettet. Bohemund von Antiochia
wurde 1103 gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes freigelassen, das
auf Betreiben Balduins von Bourcq zusammengebracht
worden war, dem Tankred
allmählich zu mächtig wurde. Er übernahm wieder die
Herrschaft in Antiochia, wo Tankred
auch verblieb. Bohemund
begann sofort eine Offensive gegen Ridwan
von Aleppo, wobei er von Balduin
von Bourcq und Joscelin von Courtenay unterstützt wurde.
Dabei bildete sich 1104 der Plan heraus, die große Festung Harran
südöstlich von Edessa anzugreifen. Die Franken wurden unweit
Harrans am Flusse Balih vernichtend geschlagen (1104). Balduin
von Bourcq und Joscelin gerieten in Gefangenschaft. Die Niederlage
hatte weitreichende politische Folgen, die sich freilich nicht sofort zeigten.
Zusammen mit dem Mißerfolg des Kreuzzuges von 1101 beseitigte die
Schlacht von Harran die Legende von der Unbesiegbarkeit der Kreuzfahrer.
Bohemund
fürchtete, da auch die Byzantiner in Kilikien eingriffen, ernstlich
um seinen Staat. Er übertrug
Tankred
erneut die Regentschaft
und ging 1104 nach Europa zurück, zunächst in seine apulischen
Besitzungen, dann nach Rom und Frankreich, wo er mit allen Mitteln, die
Geld und propagandistisches Geschick ihm boten, ein Heer zu einem Feldzug
gegen Byzanz sammelte. Das Ansehen seines Hauses erhöhte er durch
geschickt arrangierte Heiraten für sich und seinen Neffen Tankred.
Im Juli 1107 fiel er von Italien aus über die Adria in Albanien ein
und belagerte die große Seefestung Dyrrhachion. Eine Aussicht auf
Erfolg hatte das Unternehmen nicht, denn Bohemund
hatte keine eigene Flotte, und Byzanz war jetzt stärker als zur Zeit
des letzten Normannenkrieges. Nach einem Jahr mußte er 1108 im Vertrag
von Deabolis seinem alten Gegner Alexios beugen.
Er verpflichtete sich, das um Kilikien und Latakia verkleinerte Fürstentum
Antiochia vom byzantinischen Kaiser zu Lehen zu nehmen und den orthodoxen
Patriarchen wieder zu restaurieren. Zum Ausgleich sicherte ihm der Kaiser
das noch zu erobernde Gebiet um Aleppo zu. Doch traute sich Bohemund
nach diesem Vertrag, mit dessen Hilfe Alexios
wohl
Tankred
in Syrien entmachten wollte, nicht mehr in den Osten zurück,
sondern ging wieder nach Apulien, wo er etwa 1111 vergessen starb.
Mit ihm verschwand der unruhigste, gewissenloseste, aber
wohl auch klügste Führer des 1. Kreuzzuges. Die Nachfolge
in Antiochia trat 1108 endgültig
Tankred an, formell als Regent
für Bohemund, in Wahrheit als
selbständiger Herrscher.