2. Tochter des Königs Balduin II. von
Jerusalem und der Morphia,
Tochter von Gabriel von Melitene
Alice hatte als Regentin für ihre Tochter Konstanze eine selbständige Politik betrieben und sich ihrem Vater nur widerwillig unterworfen. Sie war launenhaft, ehrgeizig und herrschsüchtig. Nach der 1136 vollzogenen Eheschließung ihrer Tochter, die sie bis zuletzt zu verhindern suchte, zog sie sich nach Latakia zurück.
Steven Runciman: Seite 482,489-490,493-494,502-504
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"Geschichte der Kreuzzüge"
König Balduin übergab
Bohemund II. auf
der Stelle und mit peinlichster Genauigkeit das Fürstentum mit allen
seinen Besitzungen. Der König hatte seine 2. Tochter, Prinzessin
Alice, mitgebracht und gemäß der bereits getroffenen
Vereinbarung wurde das junge Paar vermählt.
Im Februar 1130 fiel Bohemund
gegen die Danischmandiden-Türken. Bohemund
hatte die Herrschaft über Antiochia durch Erbrecht angetreten. Das
Gefühl erheischte, dass seine Rechte auf seinen Erben überging.
Aber seiner Ehe mit Alice war nur ein
Kind, die 2 Jahre alte Tochter
Konstanze, entsprossen. Ohne darauf zu warten, dass ihr Vater der
König, gemäß eines Oberherrlichkeitsrechtes einen Regenten
bestelle, nahm Alice unverzüglich
die Regentschaft unverzüglich in eigene Hand. Aber sie war von brennendem
Ehrgeiz erfüllt. Bald wurde in Antiochia geflüstert, sie wolle
nicht als Regentin, sondern als Selbstherrscherin regieren. Konstanze,
so wollte das Gerücht wissen, solle hinter Klostermauern verschwinden
oder so bald wie möglich an irgendeinen nichtadligen Gatten verheiratet
werden. Die widernatürliche Tochter verlor an Beliebtheit im Fürstentum,
wo bereits mancher Mann meinte, in Zeiten wie diesen brauche man einen
Krieger und Feldherrn als Regenten. Als Alice
erfuhr, dass der König schon aus Jerusalem unterwegs sei,
erkannte sie, dass die Macht im Begriff war, ihr zu entgleiten, und sie
tat einen verzweifelten Schritt. Ein Bote, der ein prächtiges, prunkvoll
aufgezäumtes Pferd mitführte, wurde nach Aleppo zum Atabeg
Zengi geschickt, dem Alice mitteilte,
sie sei bereit ihm zu huldigen, wenn er ihr den Besitz Antiochas verbürge.
Auf die Nachricht von Bohemunds
Tod eilte König Balduin
mit seinem Schwiegersohn Fulk nach
Norden, um die Erbin Antiochias in sicheren Gewahrsam zu nehmen und einen
Regenten zu bestellen. Indes er sich der Stadt näherte, griffen seine
Truppen den Abgesandten Alices an Zengi
auf. Der König ließ ihn sofort aufknüpfen. Als
er vor Antiochia erschien, stellte er fest, dass seine Tochter ihm die
Tore vor der Nase zugeschlagen hatte. Er rief Joscelin zu seinem Beistand
herbei und bezog vor der Stadt sein Feldlager. Drinnen hatte Alice
an Soldaten und Volk freigebig Geld aus der fürstlichen
Schatzkammer verteilt und damit zeitweilig Unterstützung gewonnen.
Möglicherweise war sie infolge ihrer armenischen Abkunft unter den
einheimischen Christen beliebt. Aber der fränkische Adel war nicht
gesonnen, eine Frau gegen seinen Souverän zu unterstützen. Nach
einigen Tagen öffneten ein normannischer Ritter namens Wilhelm von
Aversa und ein Mönch genannt Peter der Lateiner die Tore und ließen
Joscelin zum Herzogstor und Fulk zum St. Pauls-Tor herein. Anderntags
betrat der König die Stadt. Alice verbarrikadierte
sich in einem festen Turm und kam erst hervor, als die Standesherren der
Stadt sich für ihr Leben verbürgten. Es kam zu einer peinlichen
Aussprache zwischen Balduin und seiner
Tochter, die vor Angst und Scham vor ihm auf die Knie fiel. Der König
wollte einen Skandal vermeiden; und zweifellos war sein Vaterherz gerührt.
Er verzieh ihr; aber er entfernte sie aus der Regentschaft und verbannte
sie nach Latakia und Dschabala, den Ländern, die Bohemund
II. ihr als Leibgedinge überschrieben hatte.
Fulks Thronbesteigung warf die
ganze Frage auf. Die Opposition gegen seine Oberherrlichkeit wurde von
seiner Schwägerin Alice geführt.
Sie hatte sich ihrem Vater, König Balduin,
nur sehr widersprüchlich unterworfen. Jetzt machte sie neuerlich ihren
Anspruch auf die Regentschaft namens ihrer Tochter geltend. Der Anspruch
war nicht unbegründet, wenn sich erhärten ließ, dass der
König von Jerusalem nicht Oberherr von Antiochia war; denn es war
sowohl in Byzanz wie auch im Abendland durchaus üblich, dass die Mutter
eines minderjährigen Fürsten die Regentschaft erhielt. Der Tod
Joscelins, kaum einen Monat nach dem Hinscheiden Balduins,
bot Alice eine Gelegenheit; denn Joscelin
war Vormund der jungen Fürstin
Konstanze gewesen, und die Barone von Antiochia waren nicht gewillt,
Joscelin II. an seines Vaters Stelle einzusetzen. In seiner Enttäuschung
lieh der neue Graf von Edessa den Schmeichelreden Alices
Gehör. Auch er war zweifellos nicht gewillt, Fulk
als seinen Oberherrn anzuerkennen. Pons von Tripolis bot desgleichen seine
Unterstützung an. Seine Gemahlin Cäcilie
hatte von ihrem 1. Gatten Tankred
als Leibgedinge Chastel Rouge und Arzghan erhalten; und er war
mithin durch sie einer der großen Barone des Fürstentums Antiochia.
Aber die Mehrzahl der antiochenischen Grundherren fürchtete die Herrschaft
einer Frau. Als ihnen Gerüchte von Alices
Verschwörung zu Ohren kamen, schickten sie einen Boten
nach Jerusalem herbeizurufen. Der auf dem Seeweg herbeigeeilte König
besiegte die aufständischen Verschwörer bei Chastel Rouge. Aber
er war nicht stark genug, seine Feinde zu strafen. Pons leistete Abbitte,
und der König söhnte sich mit ihm aus. Alice
blieb nicht unbehelligt zu Latakia auf ihrem Wittums-Besitz.
Der neugewählte Patriarch Radulph knüpfte Verhandlungen mit
der Fürstin-Mutter Alice an, die
weiterhin auf ihren Besitzungen in Lakatia lebte. Alice
erkannte die Gelegenheit, die sich ihr bot, und wandte sich
an ihre Schwester, Königin Melisende.
Fulk traf im August in Antiochia ein
und Alice erhielt die Erlaubnis, nach Antiochia zurückzukehren. Fulk
blieb weiterhin Regent, aber die tatsächliche Macht wurde in unbehaglich-erzwungenem
Bunde zwischen der Fürstin-Mutter und dem Patriarchen geteilt. Radulph
geriet bald mit seiner Geistlichkeit in Streit; und Alice
blieb Herrin der Stadt. Aber ihre Stellung war unsicher. Ihre
Hauptstütze war die einheimische christliche Bevölkerung. Wie
ihre Intrigen auf Zengi bezeugt hatten,
nahm sie auf fränkische Empfindungen wenig Rücksicht. Jetzt ersann
sie einen besseren Plan. Gegen Ende des Jahres 1135 schickte sie einen
Abgesandten nach Konstantinopel, um den jüngsten Kaisersohn
Manuel die Hand ihrer Tochter, der Fürstin
Konstanze, anzutragen. Ihr Schritt war möglicherweise, wie
die entsetzten Kreuzritter erklärten, die Ausgeburt ihres launenhaften
Ehrgeizes; tatsächlich jedoch bot er die beste Lösung für
die Erhaltung des nördlichen Syrien. Die fränkischen Edlen waren
sprachlos vor Entsetzen und schickten einen Boten an den König, dass
schleunigst ein Gatte für Konstanze
gefunden werden müsse. Fulk entschied
sich für Raimund
von Piotiers, den jüngeren Sohn Herzog
Wilhelms IX. von Aquitanien. Das vor Alice
und Königin Melisende geheimgehaltene
Unternehmen gelang trotz der Maßnahmen König
Rogers von Sizilien und im April 1136 langte Raimund
in Antiochia an. Seine Ankunft ließ sich Alice
nicht verbergen. Er suchte deshalb unverzüglich den Patriarchen auf.
Radulph erbot sich, ihm unter gewissen Bedingungen zu helfen. Raimund
mußte ihm huldigen und sich ihm in allem unterordnen. Raimund
willigte ein und Radulph verlangte eine Audienz bei Alice,
um ihr mitzuteilen, ein strahlender Fremder sei als Bewerber um ihre Hand
eingetroffen. Die Geschichte klang überzeugend, denn Raimund
war 37 Jahre alt, Alice noch
keine 30 und Konstanze
kaum 9. Sodann, während Alice in
ihrem Palast wartete, um ihren künftigen Angelobten zu empfangen,
wurde Konstanze
entführt und in die Kathedrale gebracht, wo der Patriarch
in größter Eile ihre Eheschließung mit
Raimund vollzog. Alice war
geschlagen. Gegenüber den rechtmäßigen Gattin einer Erbin
besaß eine Fürstin-Mutter keine Rechte. Sie zog sich abermals
nach Latakia zurück, um dort untröstlich den Rest ihres kurzen
Lebens zu verbringen.
Hans Eberhard Mayer: Seite 80-83
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"Geschichte der Kreuzzüge"
Da Bohemund
nur eine minderjährige Tochter Konstanze
hinterließ, mußte König Balduin
II. erneut die Mühen der Regentschaft auf sich nehmen,
nachdem ein Versuch seiner eigenen Tochter Alice,
als Bohemunds
Witwe die Herrschaft an sich zu reißen, unter beschämenden Umständen
gescheitert war. Unterstützt von Tripolis und Edessa versuchte die
Fürstin-Mutter Alice nach dem
Tode ihres Vaters (+ 21.8.1131) die Herrschaft wieder an sich zu reißen.
König Fulko mußte über
See nach Antiochia, wo er die Regentschaft übernahm, um anschließend
den rebellischen Grafen von Triopolis bei Chastel Rouge zu schlagen. Da
Fulko in den folgenden Jahren erneut
im Süden beschäftigt war, benutzte die Fürstin-Mutter
Alice erneut die Gelegenheit, ihren
Witwensitz Latakia zu verlassen. Sie erschien 1135 in Antiochia, wo sie
sich mit dem unkanonisch gewählten Patriarchen Radulf von Domfront
zu einer unsicheren Herrschaft verband. Hatte sie sich früher nicht
gescheut, mit dem Schutz Zengis von Mosul
zu liebäugeln, so bot sie jetzt die Hand ihrer 9-jährigen Tochter
Konstanze
dem byzantinischen Prinzen Manuel Komnenos
an, obgleich Konstanze
bereits Raimund
von Poitiers versprochen war. Der Plan, der eine byzantinische
Herrschaft in Antiochia vorausahnen ließ, war nicht durchführbar;
Alice brachte die Barone gegen sich
auf und beraubte sich der Stütze des Patriarchen, der keinem griechisch-orthodoxen
Konkurrenten zu weichen dachte. Radulf ging vielmehr zur Partei Raimunds
über und traute diesen 1136 bald nach seiner Ankunft mit
Konstanze. Alice, die in einem
raffinierten Täuschungsmanöver überspielt worden war, räumte
resigniert das Feld und zog sich für den Rest ihrer Tage nach Latakia
zurück.
Regine Pernoud: Seite 61-62,66
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"Frauen zur Zeit der Kreuzzüge"
Die Fürstin Alice hatte von
ihrem schönen Gemahl eine Tochter namens Konstanze,
rechtmäßige Erbin des väterlichen Besitzes. Der Gedanke,
ihre eigene Tochter könne sie eines Tages enterben, war Alice
unerträglich. Sie verfiel auf die absonderliche Idee, sich
an Zengi, den Emir von Aleppo, zu wenden,
und "ließ ihn durch Briefe und Boten wissen, er möge ihr helfen,
das Fürstentum Antiochia zu behalten. Denn sie wußte sehr wohl,
dass es ihr gegen Zengis Willen niemand
gewaltsam entreißen würde und es allen Baronen des Landes zum
Trotz in ihrem Besitz bliebe." Der Bote bestieg ein erlesenes Pferd mit
silbernen Hufen, prächtigem, silbernem Reitzeug und einer weißen
Samtdecke und machte sich auf den Weg nach Aleppo, um bei dem gefürchtesten
muslimischen Herrscher der ganzen Gegend vorzusprechen. Doch der Bote wurde
unterwegs aufgegriffen und dem König - Balduin
II. - vorgeführt, der ihn auf der Stelle hängen ließ.
Alice verlor die Nerven und befahl,
vor den anrückenden Truppen ihres Vaters und der Barone, die er zur
Rettung der bedrohten Stadt zusammengerufen hatte, die Stadttore zu schließen.
Sie hatte versucht, mit großzügigen Geschenken Anhänger
in der Stadt zu gewinnen, was jedoch bei den meisten Bewohnern Empörung
hervorgerufen hatte. Als der König eintraf, wurden die Tore ohne Umschweife
geöffnet, und Alice verbarrikadierte
sich in einem der Türme.
Man kann sich vorstellen, wie Balduin II.
zumute war. Unterdessen schalteten sich einige der angesehensten Persönlichkeiten
der Stadt als Vermittler zwischen Vater und Tochter ein. Alice
stimmte zu, sich ihrem Vater zu unterwerfen. "Sie fiel vor ihm auf die
Knie, bat ihn um Verzeihung und versprach, sich ganz seinen Wünschen
zu beugen." Balduin ließ sich
erweichen. Alice büßte alle
Rechte an der Stadt Antiochia ein. Balduin persönlich
übernahm im Namen seiner Enkelin Konstanze
die Regentschaft, und die Barone leisteten ihr den Treueid. Danach verbannte
er Alice in die Hafenstadt Laodikäa
(Latakia), die sie zusammen mit Gibel (Dschebala) von ihrem Gemahl Bohemund
als Witwensitz erhalten hatte.
Einige Jahre nach Balduins Tod,
als Fulko und Melisendis
bereits regierten, machte Alice erneut
ihre Ansprüche geltend. Diesmal beging sie nicht ein so unerhörtes
Verbrechen wie damals, als sie Zengi
im Hilfe bat. Sie spann jedoch ein Netz von Intrigen, um ihre Rückkehr
nach Antiochia vorzubereiten, indem sie sich der Unterstützung einiger
wohlgesonnener Barone versicherte, darunter Wilhelm, Herr der Festung Saone
(Sahyun), die nur etwa 25 Kilometer von ihrer Residenz entfernt lag. Graf
Joscelin II. von Edessa hatte für die Pläne der verwitweten Fürstin
ebenfalls ein offenes Ohr. Es gelang ihr schließlich auch, Graf Pons
von Tripolis auf ihre Seite zu ziehen. Mit Hilfe dieser 3 mächtigen
Herren wäre sie in der Lage gewesen, ihren Status als Fürstin
von Antiochia wiederherzustellen. Die anderen Barone bekamen Wind von der
Sache und benachrichtigten den König von Jerusalem.
Fulko griff sofort zu den Waffen:
Die Rechte der legitimen Erbin, der kleinen Konstanze,
deren Vormund er war, standen wieder einmal auf dem Spiel. Er hatte mit
seinem Heer gerade Beirut hinter sich gelassen, als ihm an der Grenze zur
Grafschaft Tripolis der Durchzug verweigert wurde. Er behielt nur seinen
Gefährten Anselm von Brie bei sich, bestieg in Beirut ein Schiff nach
St. Simon, dem Hafen von Antiochia. Bei seiner Ankunft wurde er von den
Einwohnern der Stadt mit großem Jubel empfangen. Die Stadt Antiochia
übergab er dem Konnetabel Rainald Mazoir in seine Obhut.
Konstanzes
Mutter Alice gab auf ihrem Besitz Latakia
weiterhin keine Ruhe und appellierte an ihre ältere Schwester, ihren
Einfluß geltend zu machen, um ihr die Rückkehr nach Antiochia
zu ermöglichen. Auf Melisendis Drängen
hin willigte Fulko schließlich
ein. Im Bunde mit dem neugewählten Patriarchen Radulph von Domfront
übte sie Herrschaft aus.
1126
oo Bohemund II. Fürst von Antiochia
1108- Februar 1130
Kinder:
Konstanze I.
1126- 1163/67
Literatur:
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Runciman, Steven: Geschichte der Kreuzzüge, Sonderausgabe in 1
Band Verlag H.C. Beck München 1978, Seite 482-483, 489-490,493-494,502-504,506,517,536,609,706
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