"Verwandtschaftliche Beziehungen des sächsischen Adels zum russischen Fürstenhause im XI. Jahrhundert"
Bei Albert von Stade findet sich zum Jahre 1112 ein ausführlicher
Exkurs über eine nobilis femina de Suevia, Ida
von Elstorpe und ihre Kinder. Es wird erzählt, dass Ida,
die Tochter eines Bruders
HEINRICHS
III. und einer Schwester Papst
Leos IX., sich in 1. Ehe mit einem Lippold vermählte,
von dem sie eine Tochter Oda
hatte, die Nonne in Rinteln war. Diese wurde von Ida
losgekauft,
die dem Kloster pro filia die Villa Stedenthorp bei Heslinge schenkte.
Dann gab sie die Mutter einem rex Ruziae zur Frau. Diesem gebar
Oda
einen
Sohn Warteslaw. Nach dem Tode ihres
Mannes ließ sie unzähliges Geld (infinita pecunia) an
verborgenen Stellen vergraben und kehrte mit ihrem Sohn und einem Teile
des Geldes nach Sachsen zurück. Diejenigen, die beim Vergraben der
Schätze geholfen hatten, ließ sie töten, um nicht von ihnen
verraten zu werden. In Sachsen heiratete sie wieder. Ihr Sohn Warteslaw
aber wurde nach Rußland zurückberufen und regierte an seines
Vaters Stelle. Vor seinem Tode gelang es ihm, das Geld, das seine Mutter
verborgen hatte, wieder aufzufinden. So weit der Stader Annalist.
Diese Erzählung, die manchen legendären Zug
aufweist, scheint doch einen historischen Kern zu enthalten. Es sind von
der Forschung verschiedene Vermutungen über die Persönlichkeit
des russischen Gemahls Odas ausgesprochen
worden. Man hat in ihm bald den einen, bald den anderen Sohn
Jaroslaws
des Weisen gesehen, ohne dabei zu einer endgültigen Entscheidung
zu kommen. Und doch ist gerade diese Frage nach der Persönlichkeit
des russischen Fürsten nicht ganz gleichgültig, wenn man in die
Beziehungen zwischen Rußland und Sachsen einen Einblick gewinnen
will.
Derselbe Stader Annalist, dem wir die Nachricht über
Oda verdanken, nennt einige Zeilen
weiter einen Sohn Idas von Elstorpe, den Trierer
Propst Burchard. Diesen Burchard erwähnt aber Lampert
von Hersfeld in dem Bericht über die Botschaft, die HEINRICH
IV. 1075 auf Bitten Izjaslavs,
des vertriebenen
russischen Großfürsten, an dessen Bruder
Svjatoslav
nach Kiew schickte: Missus
est protinus a rege Burchardus Treverensis ecclesiaepraepositus,
agere cum illo de iniuriis quas fratri inztuleart, et commonere, ut regno
quod iniuste invasisset, ultro decederet. "Dieser
Burchard"
setzt Lampert fort, "war deswegen für eine solche Botschaft besonders
geeignet, weil seine Schwester mit dem Fürsten, zu dem er geschickt
wurde, verheiratet war. Aus diesem Grunde hatte er es mit großer
Mühe vom König erreicht, dass er nicht strenger gegen jenen vorgehe."
Aus der Zusammenstellung der Berichte des Stader Annalisten und Lamperts
ergibt sich mit Deutlichkeit, dass Odadie
Frau Svjatoslavs von Kiew gewesen ist.
Und doch scheinen einige Tatsachen diesem klaren Schluß zu widersprechen.
1. Albert von Stade erzählt, dass Oda
von dem russischen Fürsten einen Sohn Warteslaw
hatte, der
später an seines Vaters Stelle
regierte. Svjatoslav hatte aber keinen
Sohn dieses Namens. Seine
fünf Söhne sind in der russischen
Chronik wohlbekannt. Sie hießen Gleb,
Oleg, Davis,
Roman,
Jaroslav.
2. Im Synodikon (Seelenregister) von Ljubec, einer
mit der Genealogie des Hauses Svjatoslavs
wohl
vertrauten Quelle, wird als dessen
Frau eine Kilikia genannt.
Was den Namen Warteslaw
betrifft, so liegt offenbar bei Albert von Stade, wie schon Edinger richtig
bemerkt hat, eine Verwechslung vor. Es gab in der russischen Geschichte
der Kiever Periode keinen Fürsten dieses Namens. So hieß aber
der bekannte Bundesgenosse HEINRICHS IV.,
der seit 1085 zum König gekrönte böhmische Fürst, wie
auch viele andere in Böhmen und in den in O- und N-Deutschland gelegenen
slavischen Gebieten. Der fremdklingende Name des russischen Fürsten
wurde von dem Annalisten unbewußt durch einen bekannteren ersetzt.
Um diesen Vorgang zu erklären, muß man aber doch eine gewisse
Ähnlichkeit zwischen dem Namen Warteslaw und dem des russischen Fürsten
vermuten. Nun ist aber bekannt, dass Svjatoslavs
jüngster Sohn Jaroslav hieß.
Die Verwechslung von Jaroslav und Warteslaw
ist durchaus möglich.
Der Widerspruch zwischen den Angaben des Stader Annalisten
und denjenigen der russischen Quellen scheint aber immer noch nicht beseitigt
zu sein. Albert von Stade spricht nämlich nur von einem Sohn der Oda;
es ist jedoch allgemein bekannt, dass Svjatoslav
fünf Söhne hatte. Die Möglichkeit einer Erklärung dieses
Widerspruchs bietet eine Miniatur aus dem berühmten Izbornik des Fürsten
Svjatoslav, einer 1073 für diesen Fürsten von einem
russischen Schreiber verfertigten Handschrift. Der Fürst
Svjatoslav wird hier mit seiner ganzen Familie dargestellt.
Zu seiner Rechten steht die Fürstin. Im Hintergrund seine vier Söhne:
Gleb,
Oleg,
David,
Roman,
vorne der fünfte Sohn, ein kleines Kind, dem die Mutter die Hand in
der Schutzgeste auf die Schulter legt. Die Namen der dargestellten Personen
werden oben durch Inschrift angegeben, mit Ausnahme der Gemahlin Svjatoslavs,
die einfach als "Knjaginja", Fürstin, bezeichnet wird. Der
Künstler hat sich offenbar bemüht, den Altersunterschied zwischen
den vier erwachsenen Söhnen Svjatoslavs
und dem kleinen Jaroslaw zu betonen.
Für einen solchen Altersunterschied scheint auch die Tatsache zu sprechen,
dass Jaroslav
zwei seiner Brüder,
die des natürlichen Todes gestorben sind, um viele Jahre überlebt
hat. Es liegt die Vermutung nahe, dass
Svjatoslav
zweimal verheiratet war, und dass die Fürstin auf dem Bilde eben seine
zweite Frau, die Mutter seine jüngsten Sohnes, darstellen soll. Dann
erklärt sich auch die Tatsache, dass im Seelenregister von Ljubec
nicht Oda, sondern Kilikia
als
Frau Svjatoslavs
genannt wird. So hat
offenbar seine erste Frau geheißen. Dem entsprechend stehen hier
nur die Namen der ältesten vier Söhne. Der jüngste,
Jaroslav,
wird mit Schweigen übergangen. Die Frage, warum der Verfasser
des Synodikon die zweite Frau Svjatoslav,
Oda,
in seine Liste nicht eingetragen hat, kann nicht mit voller Sicherheit
beantwortet werden. Ist in diesem Schweigen eine Tendenz zu erkennen, oder
vielleicht hatte man in Rußland diese zweite Frau des Fürsten
von Kiev und Cernigov zur Zeit der Abfassung des Synodikon einfach vergessen,
die ja auch in ihre Heimat zurückgekehrt war, um dort ihr Leben zu
beschließen?
Es scheint also nichts der Annahme zu widersprechen,
dass Oda die Frau Svjatoslavs
gewesen
ist. Es lassen sich aber noch einige Beobachtungen machen, die zur Erkenntnis
des richtigen historischen Kerns im Bericht Alberts von Stade dienen und
zugleich für die Charakteristik der Beziehungen zwischen Rußland
und Sachsen neue Züge bringen können. Albert von Stade berichtet,
dass Oda nach dem Tode ihres Mannes
mit ihrem Sohn Rußland verlassen habe. Aus seiner Erzählung
können wir entnehmen, dass ihr Entschluß, in die Heimat zurückzukehren,
nicht unter ruhigen Verhältnissen gefaßt wurde. Sie hat versucht,
für sich und für ihren Sohn möglichst viel Geld mitzunehmen,
und was sie nicht mitnehmen konnte, ließ sie vergraben. Diejenigen,
die ihr dabei geholfen hatten, wurden von ihr umgebracht, denn sie mußte
sich vor Verrat hüten. Gerade dieser Teil des Berichtes der Stader
Chronik erweckt den Verdacht, dass er ins Reich der Legende gehöre.
Und doch muß bei genauerer Betrachtung festgestellt werden, dass
diese Erzählung in vollem Einklange steht mit dem, was die russischen
Quellen über die Ereignisse nach dem Tode Svjatoslavs
zu sagen wissen.
Der Fürst Svjatoslav Jaroslavic
von Kiev starb am 27. Dezember 1076, nur 49-jährig, infolge
einer ungünstig verlaufenen Operation. Weder in Kiev noch auf der
Seite seiner Feinde hatte man seinen Tod erwartet. Sein ältester Bruder
Izjaslav,
der von ihm durch Gewalt aus Kiev vertrieben war, befand sich damals in
Polen, wo er mit Boleslaw verhandelte,
nachdem ihm HEINRICH IV. seine Hilfe
verweigert hatte. Gleich nach dem Tode Svjatoslavs
versuchte sein jüngerer Bruder Vsevolod,
Fürst
von Perejaslavl, sich Kievs zu bemächtigen, doch die Drohungen
des älteren Bruders, Izjaslav,
der nun mit einem polnischen Heer in Wolynj erschienen war, bewirkten eine
Änderung seiner Politik. Der vorsichtige und schlaue
Vsevolod
schloß
mit seinem Bruder Frieden. Izjaslav
kehrte am 15. Juli 1077 nach Kiev zurück, und nun wirkten beide Fürsten
gemeinsam in dem einen Bestreben, den Söhnen des Verstorbenen ihre
Teilfürstentümer zu entreißen. Aus allen ihren Gebieten
vertrieben, suchten die Söhne
Svjatoslavs
ihr Erbe mit den Waffen zu verteidigen. Die Fehde dauerte lange Jahre.
Izjaslav
hat in ihr den Tod gefunden, und die ganze Regierung Vsevolods,
an den nun die Herrschaft über Kiev übergegangen war, stand unter
dem Zeichen des Kampfes mit den sogenannten "Izgojen", den enterbten jüngeren
Fürsten, "des Kampfes der Oheime mit den Neffen", der durch die Unvollständigkeit
des Erbfolgesystems immer neue Nahrung erhielt.
Wenn wir nach diesem historischen Überblick nun
zu dem Bericht des Stader Annalisten zurückkehren, so erscheint uns
gar nicht erstaunlich, dass Oda nach
dem Tode ihres Mannes sich in ihre Heimat begab und dass sie ihren kleinen
Sohn mitnahm, da ja auch die älteren um ihr Erbe gekommen waren und
es nicht zu verteidigen vermochten, obgleich sie sich nicht scheuten, die
wilden Polovzer auf ihr Vaterland zu hetzen. Unter diesen Umständen
ist es auch durchaus glaubwürdig, dass Oda
auf allen möglichen Wegen gesucht hat, sich und ihrem Sohn
auch für die Zukunft die nötigen finanziellen Mittel zu sichern,
und dass sie sich vor Verrat hüten mußte. Was das "unzählige
Geld" (infinita pecunia) selbst betrifft, von dem Albert von Stade
so anschaulich erzählt, so ist diese Ausdrucksweise zwar übertrieben,
muß aber in eine Reihe gestellt werden mit allen Äußerungen
über den erstaunlichen Reichtum des Kiever Reiches, die uns häufig
in den Quellen begegnen. Angewandt auf Svjatoslavs
Erbe erhalten jedoch diese Worte eine besondere Bedeutung. Svjatoslav
scheint
tatsächlich besondere Reichtümer angehäuft zu haben. Lampert
spricht von den Schätzen, die der Trierer Propst Burchard dem
deutschen König als Geschenk dieses Fürsten mitgebracht hatte.
"So viel war es an Gold und Silber und kostbaren Gewändern, dass man
sich nicht erinnerte, dass jemals so viel auf einmal nach Deutschland gekommen
wäre. Dieser Nachricht entspricht ein kurzer Bericht in der Russischen
Chronik. Zum Jahre 1075 wird erzählt, wie Svjatoslav
den deutschen Gesandten (offenbar war es die Gesandtschaft Burchards)
prahlerisch seinen Reichtum zeigte: "Und als sie die unzählige Menge
von Gold und Silber und Gewändern sahen, so schlossen sie, das sei
alles nichtig und es liege alles tot; das Gefolge, die Krieger wären
besser als das Geld." Und der Chronist fügt belehrend hinzu: "Es prahlte
Hesekias,
der König der Juden, vor Salomon,
dem Könige der Assyrier, und sein ganzer Reichtum wurde nach
Babylon verschleppt. So wurde auch nach dem Tode dieses Fürsten sein
ganzes Vermögen nach allen Seiten zerstreut." War es nicht vielleicht
der Glanz dieses Reichtums, der Ida von Elstorpe bewogen hatte,
ihre Tochter Oda, die Nonne von
Rinteln, aus dem Kloster loszukaufen und sie dem russischen Fürsten
zur Frau zu geben?
Und nun einige Worte über den Sohn der Oda.
Albert von Stade erzählt, er sei nach Rußland zurückberufen
worden und habe an seines Vaters Stelle regiert. Auch dieser Bericht enthält
keinen Widerspruch mit dem, was von russischer Seite über Jaroslav
bekannt
ist. Nachdem er uns als Kind auf der Miniatur von 1073 begegnet ist, verschwindet
er für viele Jahre aus der Geschichte. Die Chronik erwähnt ihn
erst zum Jahre 1096, und zwar als Gehilfen seines Bruders Oleg
bei seinem Kampfe um den Besitz der Fürstentümer Murom und Rostov.
Im nächsten Jahr war er auf der Fürstenversammlung zu Ljubec
anwesend, die zum Zwecke der Herstellung des Friedens im Lande berufen
wurde. Dort wurde jedem Fürsten sein Teilfürstentum aufs neue
zugewiesen nach dem Prinzip, dass jeder sein väterliches Erbe erhalten
sollte. Bei dieser Teilung erhielt Jaroslav das
Fürstentum Murom. 1123 erhielt er nach dem Tode seines Bruders David
das
Fürstentum Cernigov, wo schon früher sein Vater regiert hatte,
so dass der Bericht des Stader Annalisten auch in diesem Punkte der Wirklichkeit
nicht widerspricht. Es bleibt aber dahingestellt, ob Jaroslav
tatsächlich
in den Besitz der von seiner Mutter geborgenen Schätze vor seinem
Tode gelangt ist. 1128 wurde er von seinem Neffen
Vsevolo
Olgovic aus Cernigov vertrieben. Im Kampf mit diesem vergingen
seine letzten Jahre. Er starb 1130 in Murom.