Die Herrschaft des letzten AGILOLFINGERS,
Tassilos
III., begann ganz im Zeichen der Abhängigkeit von den Franken.
Wahrscheinlich 741 geboren, hat er im Jahre 748 seines Vaters
Odilo
unter der Hoheit seines Onkels, des fränkischen
Hausmeiers Pippin,
und der Vormundschaft seiner Mutter Hiltrud
seine Herrschaft angetreten, die allerdings gleich zu Beginn durch die
Rebellion
Grifos unterbrochen wurde.
Wieweit schon damals eine lehnsrechtliche Bindung geschaffen wurde, ist
nicht sicher. Nach dem Tod seiner Mutter im Jahre 754 scheint
Pippin
selbst die Vormundschaft innegehabt zu haben. Im Jahr 756 nahm Tassilo
an
Pippins
Feldzug gegen die Langobarden teil, und im folgenden Jahr 757 leistete
der jetzt 16-jährige
Tassilo in
Compiegne Pippin
und seinen beiden
Söhnen den vasallitischen Lehenseid, der aber in seiner streng juristischen
Bedeutung auch wieder angezweifelt wurde. Diese Lehensbindung sollte hinfort
die Grundlage der Beziehungen zwischen Franken und Bayern werden, und wie
sehr man dabei auch an die Zukunft dachte, zeigt die Tatsache, dass der
junge Tassilo
seinen Eid nicht nur
Pippin, sondern
auch dessen beiden Söhnen KARL und
Karlmann
leisten mußte, und dass in Compiegne auch eine Anzahl bayerischer
Adliger in die fränkische Vasallität eintrat. Andererseits war
Tassilo
in Compiegne für mündig erklärt worden, und das bedeutete,
dass sein Onkel die vormundschaftliche Regierung niederlegte und Tassilo
im Innern seines Herzogtums frei schalten konnte. Eine Abhängigkeit
vom Frankenreich bestand nur auf dem Gebiet der Außenpolitik, sie
gründete auf der Treueverpflichtung des Lehnsmannes, der den Interessen
des Lehnsherrn nicht zuwiderhandeln durfte, und daraus ergab sich auch
die Verpflichtung des Herzogs, dass er dem Franken-Herrscher bei dessen
Kriegen Heeresfolge leisten mußte. Ausdrücklich überliefert
ist diese Heeresfolge allerdings erst für den vierten Kriegszug gegen
Aquitanien, den Pippin im Jahre 763
antrat. Tassilo erschien zwar noch
auf dem Hoftag, doch hier kam es zum Bruch: er schützte Krankheit
vor und kehrte mit seinen Truppen heim, mit dem zornigen Schwur, seinen
Oheim nie wiedersehen zu wollen. Das war zweifellos eine einseitige Lösung
des Lehensverhältnisses, über deren Anlaß und letzte Gründe
man allerdings keine Klarheit gewinnt. Auf jeden Fall war es nicht der
unüberlegte Trotz eines jungen Mannes und keine spontane Handlung.
Die Tat war geplant und berechnet, die fränkischen Reichsannalen sprechen
von trügerischen Machenschaften. Vielleicht stand Tassilo
im Einverständnis mit Herzog Waifar von Aquitanien, dem alten
Bundesgenossen seines Vaters; zumindest hat er nicht dazu beitragen wollen,
"seinen Bundesgenossen im Westen zu vernichten". Auf dem Wormser Reichstag
des Jahres 764 verhandelte man über Tassilo,
kam jedoch zu keinem Ergebnis; ein Kriegszug gegen ihn, wie ihn
Pippin gegen Odilo unternommen hatte, unterblieb. Tassilo
scheint eine militärische Intervention befürchtet zu haben, er
wandte sich um Unterstützung an die beiden Mächte, die dafür
allein in Frage kamen, an das Papsttum und die Langobarden. Tassilo
suchte seine Beziehungen zum südlichen Nachbarn durch seine Heirat
mit Liutbirc,
der Tochter des Langobarden-Königs
Desiderius,
zu stärken. Liutburc ist als Gemahlin
Tassilos
natürlich vielfach bezeugt, wenn auch die Tatsache der
Hochzeit nirgends erwähnt ist, so dass die Datierung nicht ganz sicher
ist. Man nimmt allgemein an, dass er bei dieser Gelegenheit Gebiete in
Süd-Tirol zurückerhielt, die Bayern anläßlich der
Auseinandersetzung zwischen Grimoald
und
Hucbert
an die Langobarden verloren hatte.
Im Endergebnis war jedenfalls die fränkische Politik gegenüber
Bayern trotz aller Kriegszüge und Verschwägerungen seit 725 gescheitert,
denn es war Pippin nicht mehr gelungen,
das Land in irgendeiner Weise für die Franken zurückzugewinnen.
Das Herausstreben aus dem Verband des fränkischen
Reiches und der Bruch der Lehenseide finden ihre Erklärung und Rechtfertigung
darin, dass Bayern mit dem Westen und Norden kaum verbunden war, dass vielmehr
seine politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und zum Teil auch seine
kirchlich-missionarischen Interessen und seine geschichtlichen Aufgaben
im Süden und Osten lagen. Hier gelang
Herzog
Tassilo auch noch eine wesentliche Erweiterung seines Herrschaftsbereiches.
Nach der Darstellung der Conversio hätten die Bayern nach ihrem Sieg
über die Awaren die Karantanen "der Herrschaft der Könige" unterworfen.
Ein heidnischer Aufstand der Karantanen konnte erst 772 von Herzog
Tassilo niedergeworfen werden. Tassilo
ist es offenbar auch gelungen, auf dem Höhepunkt seiner Auseinandersetzung
mit KARL DEM GROSSEN mit den Awaren
ein Bündnis zu schließen.
Tassilos Unabhängigkeit
wurde in allen diesen Jahren nicht gestört, und auch als KARL
DER GROSSE sich die Alleinherrschaft erkämpft hatte, stellte
er das bayerische Problem vorläufig zurück und begann 772 mit
der Lösung der sächsischen Frage. Auf die bayerischen Verhältnisse
wirkte mehr die geschäftige Tätigkeit der Mutter KARLS,
Bertrada,
ein. Ihr Ziel war eine fränkisch-langobardische Versöhnung, und
dafür scheint sie auch die bayerische Unterstützung gewonnen
zu haben; vielleicht vermittelte der gebürtige Bayer Abt Sturm von
Fulda hier den Ausgleich im Jahr 769. Im gleichen Jahr reiste
Tassilo
zu seinem Schwiegervater Desiderius
nach Italien, und wenig später nahm auch Bertrada
auf
ihrer Reise ins Langobarden-Reich ihren Weg über Bayern. Wegen seiner
Verwandtschaft mit Desiderius war Tassilo
zu einer solchen Vermittlung besonders geeignet, und die 770 zustande gekommene
Heirat KARLS mit einer Tochter des
Desiderius,
die
KARL und Tassilo
zu
Schwägern machte, hatte sicher das Ziel, durch diesen fränkisch-bayerisch-langobardischen
Dreibund einen dauerhaften Frieden herzustellen. Tassilo
steht in diesen Jahren zweifellos auf einem Höhepunkt seiner Macht,
der sich auch in seinen Karantanensieg dokumentiert. Das zeigt ferner die
Taufe und Salbung seines Sohnes durch den Papst in Rom, sowie die erstmalige
Führung des Herzogtitels, der sich eng an
Pippins Königstitel anschloß. Vielleicht 770, sicher
772 sind Synoden bekannt, deren Protokolle Tassilo
an der Spitze einer bayerischen Landeskirche zeigen, und in die Jahre 769
bzw. 777 fällt die Gründung von Innichen und Kremsmünster.
Schließlich wird man darauf hinweisen können, dass der wohl
767 begonnene Bau der Rupertikirche in Salzburg, mit den gleichen Ausmaßen
wie St. Denis, 774 mit der Weihe vollendet wurde und damit die "Metropolitankirche
der bayerischen Kirchenprovinz und (oder) agilolfingische
Königskirche", die "Krönungskirche" der AGILOLFINGER,
vielleicht für die Königskrönung Tassilos
bestimmt, geschaffen war. Bereits das Jahr 771 leitete eine allmähliche
Änderung der Verhältnisse ein: nach dem Tode seines Bruders brachte
KARL unter Zurücksetzung der Gemahlin und der Kinder Karlmanns
dessen Erbe an sich; zugleich verstieß er seine langobardische Gemahlin,
die ebenso wie die Familie Karlmanns
an den Hof des Desiderius flüchtete,
der jetzt zu einem Sammelpunkt aller Gegner des Franken-Königs wurde.
Von Bayern und Tassilo hören wir
in diesem Zusammenhang nichts; er unterließ es, seinen Schwiegervater
in den Kämpfen der Jahre 773/74 zu unterstützen, die zum Zusammenbruch
des Langobarden-Reiches führten. Die Gründe sind dafür nicht
bekannt, und sein Verhalten bleibt um so unerklärlicher, als ihn der
Ausfall der Langobarden ja seines einzigen Bundesgenossen beraubte. Möglich
wäre natürlich auch, dass Tassilo
durch die von Abt Sturm vermittelten Abmachungen irgendwie gebunden
war.
Anläßlich eines Besuches in Rom im Jahre 781
gewann KARL den Papst zu einem gemeinsamen
Vorgehen gegen den Bayern und beraubte Tassilo
damit seines letzten außerbayerischen Rückhalts. Eine gemeinsame
Gesandtschaft von Papst Hadrian I. und König
KARL erinnerte Tassilo an
die Einhaltung der in Compiegne geschworenen Eide. Gegen die Verbürgung
freien Geleits stellte Tassilo sich daraufhin im gleichen Jahre
781 in Worms ein, erneuerte seinen Lehenseid und stellte 12 Geiseln. Wahrscheinlich
geschah es damals auch, dass er von KARL
die 725/28 von Bayern abgetrennten Höfe Ingolstadt und Lauterhofen
auf dem Nordgau zurückerhielt. Doch war das nicht nur ein Geschenk
im Zeichen der wieder erneuerten Freundschaft, sondern bedeutete, dass
er zu der bisher rein persönlichen Bindung, dieTassilo
durch die vasallitische Kommendation eingegangen war, jetzt auch noch eine
dingliche Bindung trat.
Die 782 erneuerten Beziehungen zwischen den beiden Herrschern
wurden abermals getrübt, vielleicht auf Grund kriegerischer Verwicklungen,
die sich im Jahre 784 an der bayerisch-langobardischen Grenze ereigneten.
Tassilo
muß in diesen Jahren die Überzeugung gewonnen haben, dass
KARL zu einem entscheidenden Schlag gegen ihn ausholte, denn
er bat im Jahre 787 den Papst um Vermittlung zwischen ihm und dem Franken-König.
Das blieb ohne Erfolg; vielmehr erinnerte der Papst ihn anläßlich
der Heerfahrt KARLS gegen Tassilos
Schwager Arichis von Benevent unter
Androhung des Bannes an die Einhaltung seiner Eide, hielt allerdings vielleicht
auch KARL von einem Angriff auf Bayern
ab, zugleich lud ihn der König nach Worms vor. Als Tassilo
sich hier nicht einfand, unternahm KARL,
mit drei getrennten Heeresgruppen operierend, einen Feldzug gegen Bayern.
Doch ehe es überhaupt zur Schlacht kam, mußte Tassilo
kapitulieren, da sein Adel ihm die Gefolgschaft versagte, die vasallitische
Bindung an den Franken-König also offenbar für höher erachtete
als die landrechtliche an den Bayern-Herzog. Tassilo mußte
daraufhin erneut die Lehenshoheit des fränkischen Königs anerkennen,
diesmal aber in noch bindenderer Form als früher: er übergab
mit der symbolischen Überreichung eines Szepters Land und Herrschaft
dem König und erhielt beides als Lehen zurück. Darüber hinaus
mußte er wiederum zwölf Geiseln stellen und als 13. seinen Sohn
Theodo.
Jetzt war die dingliche Bindung des Herzogs über die Güterkomplexe
Ingolstadt und Lauterhofen hinaus auf das ganze Land ausgedehnt und Bayern
war ein Lehen des fränkischen Königs. Vielleicht ist zu diesem
Zeitpunkt auch die Bestimmung in die Lex Baiwariorum eingefügt worden,
die strenge Sanktionen gegen den dem König ungehorsamen Herzog vorsieht.
Auch der ganze bayerische Adel ist damals dem Franken eidlich verpflichtet
worden.
Das geschickte Vorgehen des Königs, das den bayerischen
Herzog schließlich in ein ganzes Netz von Bindungen verstrickt und
zudem von seinem eigenen Adel isoliert hatte, führte schließlich
zum vollen Erfolg. Als Tassilo im Jahre
788 in Erfüllung seiner Vasallenpflichten auf einem Hoftag in Ingelheim
erschien, wurde er unter der von den Bayern erhobenen Anklage verhaftet,
er habe ein Bündnis mit den Awaren geschlossen, er gehe gegen die
königlichen Vasallen in Bayern vor, habe auch seine eigenen Leute
angewiesen, dem Franken-König nur unter Vorbehalt die Treue zu schwören.
Nach der fränkischen Berichterstattung wurde Tassilo
aller dieser Vergehen auch überführt, doch reichte das zu einer
Verurteilung offensichtlich nicht aus. So griff man auf das 25 Jahre zurückliegende
Verbrechen des "harisliz", der eigenmächtigen Entfernung vom Heer
auf dem aquitanischen Feldzug, zurück und fällt daraufhin ein
Todesurteil. Dadurch wurde es möglich, nicht nur Tassilo,
sondern auch die im bayerischen Gesetzbuch verankerten rechtlichen Ansprüche
der AGILOLFINGER auf die Herrschaft
in Bayern zu treffen. Offensichtlich waren in Ingelheim auch Tassilos
Gemahlin
Liutpurc,
seine Söhne Theodo und
Theodebert
und seine Töchter Rotrud
und
Cotani
anwesend. Durch einen bedeutsamen Fund Bischoffs können
wir aus zeitgenössischen Briefen noch neue Einblicke in die Zeit des
Untergangs eines selbständigen bayerischen Herzogtums gewinnen. Ein
Brief berichtet von Verhandlungen, die ein Priester Liudprand und ein weiterer
ungenannter bayerischer Priester am fränkischen Königshof geführt
haben, und enthält schließlich den Befehl an die Herzogs-Tochter
Cotani,
sich an den Königshof zu begeben. Zwei weitere Briefe von einem Geistlichen
Promo und vermutlich von Fater, dem Abt von Kremsmünster und Kaplan
Tassilos,
bestätigen die annalistischen Notizen, dass mit Tassilo
auch mehrere seiner bayerischen Anhänger verurteilt worden sind. War
ein Todesurteil über Tassilo gefällt,
kam es auf dessen Vollstreckung nicht mehr an und Tassilo
konnte vom König zu Klosterhaft "begnadigt" werden. In St. Goar erhielt
er die Tonsur, später kam er nach Jumieges, noch später nach
Lorsch. Doch auch jetzt war noch kein Abschluß erreicht. Sechs Jahre
später, 794, wurde Tassilo auf
einer Reichsversammlung in Frankfurt vorgeführt, und hier "verzichtete
er auf jeden Rechtsanspruch und auf allen Eigenbesitz, soweit er ihm oder
seinen Söhnen und Töchtern im Herzogtum rechtmäßig
zugestanden war". Über die Hintergründe dieses erneuten Verzichts
können wir nur Vermutungen anstellen, etwa, ob ein Zusammenhang mit
der zwei Jahre zuvor erfolgten Empörung des Königs-Sohnes
Pippin bestand. In Lorsch ist Tassilo
am 11. Dezember eines unbekannten Jahres gestorben. Auch seine Frau
und seine Kinder kamen hinter Klostermauern, bekannt ist nur der Aufenthalt
des ältesten Sohnes Theodo in St. Maximin in Trier und
seiner Töchter Cotani
in
Chelles und Rotrud in Soissons.