Spindler Max: Seite 166
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"Handbuch der bayerischen Geschichte"

Die Herrschaft des letzten AGILOLFINGERS, Tassilos III., begann ganz im Zeichen der Abhängigkeit von den Franken. Wahrscheinlich 741 geboren, hat er im Jahre 748 seines Vaters Odilo unter der Hoheit seines Onkels, des fränkischen Hausmeiers Pippin, und der Vormundschaft seiner Mutter Hiltrud seine Herrschaft angetreten, die allerdings gleich zu Beginn durch die Rebellion Grifos unterbrochen wurde. Wieweit schon damals eine lehnsrechtliche Bindung geschaffen wurde, ist nicht sicher. Nach dem Tod seiner Mutter im Jahre 754 scheint Pippin selbst die Vormundschaft innegehabt zu haben. Im Jahr 756 nahm Tassilo an Pippins Feldzug gegen die Langobarden teil, und im folgenden Jahr 757 leistete der jetzt 16-jährige Tassilo in Compiegne Pippin und seinen beiden Söhnen den vasallitischen Lehenseid, der aber in seiner streng juristischen Bedeutung auch wieder angezweifelt wurde. Diese Lehensbindung sollte hinfort die Grundlage der Beziehungen zwischen Franken und Bayern werden, und wie sehr man dabei auch an die Zukunft dachte, zeigt die Tatsache, dass der junge Tassilo seinen Eid nicht nur Pippin, sondern auch dessen beiden Söhnen KARL und Karlmann leisten mußte, und dass in Compiegne auch eine Anzahl bayerischer Adliger in die fränkische Vasallität eintrat. Andererseits war Tassilo in Compiegne für mündig erklärt worden, und das bedeutete, dass sein Onkel die vormundschaftliche Regierung niederlegte und Tassilo im Innern seines Herzogtums frei schalten konnte. Eine Abhängigkeit vom Frankenreich bestand nur auf dem Gebiet der Außenpolitik, sie gründete auf der Treueverpflichtung des Lehnsmannes, der den Interessen des Lehnsherrn nicht zuwiderhandeln durfte, und daraus ergab sich auch die Verpflichtung des Herzogs, dass er dem Franken-Herrscher bei dessen Kriegen Heeresfolge leisten mußte. Ausdrücklich überliefert ist diese Heeresfolge allerdings erst für den vierten Kriegszug gegen Aquitanien, den Pippin im Jahre 763 antrat. Tassilo erschien zwar noch auf dem Hoftag, doch hier kam es zum Bruch: er schützte Krankheit vor und kehrte mit seinen Truppen heim, mit dem zornigen Schwur, seinen Oheim nie wiedersehen zu wollen. Das war zweifellos eine einseitige Lösung des Lehensverhältnisses, über deren Anlaß und letzte Gründe man allerdings keine Klarheit gewinnt. Auf jeden Fall war es nicht der unüberlegte Trotz eines jungen Mannes und keine spontane Handlung. Die Tat war geplant und berechnet, die fränkischen Reichsannalen sprechen von trügerischen Machenschaften. Vielleicht stand Tassilo im Einverständnis mit Herzog Waifar von Aquitanien, dem alten Bundesgenossen seines Vaters; zumindest hat er nicht dazu beitragen wollen, "seinen Bundesgenossen im Westen zu vernichten". Auf dem Wormser Reichstag des Jahres 764 verhandelte man über Tassilo, kam jedoch zu keinem Ergebnis; ein Kriegszug gegen ihn, wie ihn Pippin gegen Odilo unternommen hatte, unterblieb. Tassilo scheint eine militärische Intervention befürchtet zu haben, er wandte sich um Unterstützung an die beiden Mächte, die dafür allein in Frage kamen, an das Papsttum und die Langobarden. Tassilo suchte seine Beziehungen zum südlichen Nachbarn durch seine Heirat mit Liutbirc, der Tochter des Langobarden-Königs Desiderius, zu stärken. Liutburc ist als Gemahlin Tassilos natürlich vielfach bezeugt, wenn auch die Tatsache der Hochzeit nirgends erwähnt ist, so dass die Datierung nicht ganz sicher ist. Man nimmt allgemein an, dass er bei dieser Gelegenheit Gebiete in Süd-Tirol zurückerhielt, die Bayern anläßlich der Auseinandersetzung zwischen Grimoald und Hucbert an die Langobarden verloren hatte. Im Endergebnis war jedenfalls die fränkische Politik gegenüber Bayern trotz aller Kriegszüge und Verschwägerungen seit 725 gescheitert, denn es war Pippin nicht mehr gelungen, das Land in irgendeiner Weise für die Franken zurückzugewinnen.
Das Herausstreben aus dem Verband des fränkischen Reiches und der Bruch der Lehenseide finden ihre Erklärung und Rechtfertigung darin, dass Bayern mit dem Westen und Norden kaum verbunden war, dass vielmehr seine politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und zum Teil auch seine kirchlich-missionarischen Interessen und seine geschichtlichen Aufgaben im Süden und Osten lagen. Hier gelang Herzog Tassilo auch noch eine wesentliche Erweiterung seines Herrschaftsbereiches. Nach der Darstellung der Conversio hätten die Bayern nach ihrem Sieg über die Awaren die Karantanen "der Herrschaft der Könige" unterworfen. Ein heidnischer Aufstand der Karantanen konnte erst 772 von Herzog Tassilo niedergeworfen werden. Tassilo ist es offenbar auch gelungen, auf dem Höhepunkt seiner Auseinandersetzung mit KARL DEM GROSSEN mit den Awaren ein Bündnis zu schließen.
Tassilos Unabhängigkeit wurde in allen diesen Jahren nicht gestört, und auch als KARL DER GROSSE sich die Alleinherrschaft erkämpft hatte, stellte er das bayerische Problem vorläufig zurück und begann 772 mit der Lösung der sächsischen Frage. Auf die bayerischen Verhältnisse wirkte mehr die geschäftige Tätigkeit der Mutter KARLS, Bertrada, ein. Ihr Ziel war eine fränkisch-langobardische Versöhnung, und dafür scheint sie auch die bayerische Unterstützung gewonnen zu haben; vielleicht vermittelte der gebürtige Bayer Abt Sturm von Fulda hier den Ausgleich im Jahr 769. Im gleichen Jahr reiste Tassilo zu seinem Schwiegervater Desiderius nach Italien, und wenig später nahm auch Bertrada auf ihrer Reise ins Langobarden-Reich ihren Weg über Bayern. Wegen seiner Verwandtschaft mit Desiderius war Tassilo zu einer solchen Vermittlung besonders geeignet, und die 770 zustande gekommene Heirat KARLS mit einer Tochter des Desiderius, die KARL und Tassilo zu Schwägern machte, hatte sicher das Ziel, durch diesen fränkisch-bayerisch-langobardischen Dreibund einen dauerhaften Frieden herzustellen. Tassilo steht in diesen Jahren zweifellos auf einem Höhepunkt seiner Macht, der sich auch in seinen Karantanensieg dokumentiert. Das zeigt ferner die Taufe und Salbung seines Sohnes durch den Papst in Rom, sowie die erstmalige Führung des Herzogtitels, der sich eng an Pippins Königstitel anschloß. Vielleicht 770, sicher 772 sind Synoden bekannt, deren Protokolle Tassilo an der Spitze einer bayerischen Landeskirche zeigen, und in die Jahre 769 bzw. 777 fällt die Gründung von Innichen und Kremsmünster. Schließlich wird man darauf hinweisen können, dass der wohl 767 begonnene Bau der Rupertikirche in Salzburg, mit den gleichen Ausmaßen wie St. Denis, 774 mit der Weihe vollendet wurde und damit die "Metropolitankirche der bayerischen Kirchenprovinz und (oder) agilolfingische Königskirche", die "Krönungskirche" der AGILOLFINGER, vielleicht für die Königskrönung Tassilos bestimmt, geschaffen war. Bereits das Jahr 771 leitete eine allmähliche Änderung der Verhältnisse ein: nach dem Tode seines Bruders brachte KARL unter Zurücksetzung der Gemahlin und der Kinder Karlmanns dessen Erbe an sich; zugleich verstieß er seine langobardische Gemahlin, die ebenso wie die Familie Karlmanns an den Hof des Desiderius flüchtete, der jetzt zu einem Sammelpunkt aller Gegner des Franken-Königs wurde. Von Bayern und Tassilo hören wir in diesem Zusammenhang nichts; er unterließ es, seinen Schwiegervater in den Kämpfen der Jahre 773/74 zu unterstützen, die zum Zusammenbruch des Langobarden-Reiches führten. Die Gründe sind dafür nicht bekannt, und sein Verhalten bleibt um so unerklärlicher, als ihn der Ausfall der Langobarden ja seines einzigen Bundesgenossen beraubte. Möglich wäre natürlich auch, dass Tassilo durch die von Abt Sturm vermittelten Abmachungen irgendwie gebunden war.
Anläßlich eines Besuches in Rom im Jahre 781 gewann KARL den Papst zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen den Bayern und beraubte Tassilo damit seines letzten außerbayerischen Rückhalts. Eine gemeinsame Gesandtschaft von Papst Hadrian I. und König KARL erinnerte Tassilo an die Einhaltung der in Compiegne geschworenen Eide. Gegen die Verbürgung freien Geleits stellte Tassilo sich daraufhin im gleichen Jahre 781 in Worms ein, erneuerte seinen Lehenseid und stellte 12 Geiseln. Wahrscheinlich geschah es damals auch, dass er von KARL die 725/28 von Bayern abgetrennten Höfe Ingolstadt und Lauterhofen auf dem Nordgau zurückerhielt. Doch war das nicht nur ein Geschenk im Zeichen der wieder erneuerten Freundschaft, sondern bedeutete, dass er zu der bisher rein persönlichen Bindung, dieTassilo durch die vasallitische Kommendation eingegangen war, jetzt auch noch eine dingliche Bindung trat.
Die 782 erneuerten Beziehungen zwischen den beiden Herrschern wurden abermals getrübt, vielleicht auf Grund kriegerischer Verwicklungen, die sich im Jahre 784 an der bayerisch-langobardischen Grenze ereigneten. Tassilo muß in diesen Jahren die Überzeugung gewonnen haben, dass KARL zu einem entscheidenden Schlag gegen ihn ausholte, denn er bat im Jahre 787 den Papst um Vermittlung zwischen ihm und dem Franken-König. Das blieb ohne Erfolg; vielmehr erinnerte der Papst ihn anläßlich der Heerfahrt KARLS gegen Tassilos Schwager Arichis von Benevent unter Androhung des Bannes an die Einhaltung seiner Eide, hielt allerdings vielleicht auch KARL von einem Angriff auf Bayern ab, zugleich lud ihn der König nach Worms vor. Als Tassilo sich hier nicht einfand, unternahm KARL, mit drei getrennten Heeresgruppen operierend, einen Feldzug gegen Bayern. Doch ehe es überhaupt zur Schlacht kam, mußte Tassilo kapitulieren, da sein Adel ihm die Gefolgschaft versagte, die vasallitische Bindung an den Franken-König also offenbar für höher erachtete als die landrechtliche an den Bayern-Herzog. Tassilo mußte daraufhin erneut die Lehenshoheit des fränkischen Königs anerkennen, diesmal aber in noch bindenderer Form als früher: er übergab mit der symbolischen Überreichung eines Szepters Land und Herrschaft dem König und erhielt beides als Lehen zurück. Darüber hinaus mußte er wiederum zwölf Geiseln stellen und als 13. seinen Sohn Theodo. Jetzt war die dingliche Bindung des Herzogs über die Güterkomplexe Ingolstadt und Lauterhofen hinaus auf das ganze Land ausgedehnt und Bayern war ein Lehen des fränkischen Königs. Vielleicht ist zu diesem Zeitpunkt auch die Bestimmung in die Lex Baiwariorum eingefügt worden, die strenge Sanktionen gegen den dem König ungehorsamen Herzog vorsieht. Auch der ganze bayerische Adel ist damals dem Franken eidlich verpflichtet worden.
Das geschickte Vorgehen des Königs, das den bayerischen Herzog schließlich in ein ganzes Netz von Bindungen verstrickt und zudem von seinem eigenen Adel isoliert hatte, führte schließlich zum vollen Erfolg. Als Tassilo im Jahre 788 in Erfüllung seiner Vasallenpflichten auf einem Hoftag in Ingelheim erschien, wurde er unter der von den Bayern erhobenen Anklage verhaftet, er habe ein Bündnis mit den Awaren geschlossen, er gehe gegen die königlichen Vasallen in Bayern vor, habe auch seine eigenen Leute angewiesen, dem Franken-König nur unter Vorbehalt die Treue zu schwören. Nach der fränkischen Berichterstattung wurde Tassilo aller dieser Vergehen auch überführt, doch reichte das zu einer Verurteilung offensichtlich nicht aus. So griff man auf das 25 Jahre zurückliegende Verbrechen des "harisliz", der eigenmächtigen Entfernung vom Heer auf dem aquitanischen Feldzug, zurück und fällt daraufhin ein Todesurteil. Dadurch wurde es möglich, nicht nur Tassilo, sondern auch die im bayerischen Gesetzbuch verankerten rechtlichen Ansprüche der AGILOLFINGER auf die Herrschaft in Bayern zu treffen. Offensichtlich waren in Ingelheim auch Tassilos Gemahlin Liutpurc, seine Söhne Theodo und Theodebert und seine Töchter Rotrud und Cotani anwesend. Durch einen bedeutsamen Fund Bischoffs können wir aus zeitgenössischen Briefen noch neue Einblicke in die Zeit des Untergangs eines selbständigen bayerischen Herzogtums gewinnen. Ein Brief berichtet von Verhandlungen, die ein Priester Liudprand und ein weiterer ungenannter bayerischer Priester am fränkischen Königshof geführt haben, und enthält schließlich den Befehl an die Herzogs-Tochter Cotani, sich an den Königshof zu begeben. Zwei weitere Briefe von einem Geistlichen Promo und vermutlich von Fater, dem Abt von Kremsmünster und Kaplan Tassilos, bestätigen die annalistischen Notizen, dass mit Tassilo auch mehrere seiner bayerischen Anhänger verurteilt worden sind. War ein Todesurteil über Tassilo gefällt, kam es auf dessen Vollstreckung nicht mehr an und Tassilo konnte vom König zu Klosterhaft "begnadigt" werden. In St. Goar erhielt er die Tonsur, später kam er nach Jumieges, noch später nach Lorsch. Doch auch jetzt war noch kein Abschluß erreicht. Sechs Jahre später, 794, wurde Tassilo auf einer Reichsversammlung in Frankfurt vorgeführt, und hier "verzichtete er auf jeden Rechtsanspruch und auf allen Eigenbesitz, soweit er ihm oder seinen Söhnen und Töchtern im Herzogtum rechtmäßig zugestanden war". Über die Hintergründe dieses erneuten Verzichts können wir nur Vermutungen anstellen, etwa, ob ein Zusammenhang mit der zwei Jahre zuvor erfolgten Empörung des Königs-Sohnes Pippin bestand. In Lorsch ist Tassilo am 11. Dezember eines unbekannten Jahres gestorben. Auch seine Frau und seine Kinder kamen hinter Klostermauern, bekannt ist nur der Aufenthalt des ältesten Sohnes Theodo in St. Maximin in Trier und seiner Töchter Cotani in Chelles und Rotrud in Soissons.