Stephan IX.                                     Papst (2.VIII.1057-29.III.1058)
---------------                                    Bischof von Lüttich (1041-1048)
um 1020-29.III.1058                       36. Abt von Monte Cassino
              Florenz

Begraben: Florenz, Dom
 

Jüngerer Sohn des Herzogs Gozelo I. von Ober-Lothringen

eigentlich Friedrich von Ober-Lothringen
 

Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 118
********************
Stephan IX., Papst seit 3. August 1057 (Weihe)
---------------
     + 29. März 1058
      Florenz

Begraben: Florenz, Dom

Zuvor Friedrich, Sohn des Herzogs Gozelo von Ober-Lothringen, Archidiakon der Domkirche zu Lüttich, gelangte 1049/50 durch Papst Leo IX. nach Rom und wurde 1051 Bibliothekar und Kanzler römischen Kirche. Zusammen mit Kardinalbischof Humbert von Silva Candida und Erzbischof Petrus von Amalfi gehörte er 1054 zu der Gesandtschaft nach Konstantinopel, die dort das Morgenländische Schisma auslöste; unklar ist, welchen Anteil er an den damals entstandenen polemischen Schriften gegen die Griechen hatte. Nach der Rückkehr wich er vor dem Konflikt zwischen Kaiser HEINRICH III. und seinem Bruder Herzog Gottfried III. dem Bärtigen ins Kloster Montecassino aus, wo er am 23. Mai 1057 zum Abt gewählt wurde. Seit dem 14. Juni auch Kardinalpresbyter von S. Grisogono, wurde er bereits wenige Tage nach dem Tod Viktors II. und ohne Rücksprache mit dem deutschen Königshof zum Papst gewählt, wohl um einer anderen Wahl durch römische Adelskreise zuvorzukommen und den Schutz Gottfrieds für die Reformer zu sichern. Kaiserin Agnes erteilte nachträglich die Zustimmung. In seinem kurzen Pontifikat wirkte Stephan IX. gegen Priesterehen und Verwandtenheirat, erhob Petrus Damiani zum Kardinal und plante mit Hilfe seines Bruders einen Feldzug gegen die Normannen.

Quellen:
----------
LP II, 278; III, 133 - Jaffe I, 553-556

Literatur:
-----------
Haller II, 310-312 - Seppelt II, 34-36 - DHGE XV, 1198-1203 - J. Wollasch, Die Wahl des Papstes Nikolaus II. (Fschr. G. Tellenbach, 1968), 205-220 - H.-G. Krause, Über den Verf. der Vita Leonis IX papae, DA 32, 1976, 54 Anm. 22 [zu den Schrr.] - G. Tellenbach, Die westl. Kirche vom 10. bis zum frühen 12. Jh. (Die Kirche in ihrer Gesch., II F 1, 1988), 126 u.ö.


Kühner Hans: Seite 138
***********
"Lexikon der Päpste"

Obgleich der Kardinal, Fürst und Abt von Monte Cassino ein Repräsentant der Reform war, ist seine Wahl mitbestimmt worden durch die Tatsache, dass sein Bruder Gottfried der Bärtige von Lothringen und Markgraf von Tuszien inzwischen auch Herrscher von Mantua, Spoleto, Ferrara und Camerino geworden war. Auch ist wahrscheinlich, dass der in der Stille wirkende mächtige Hildebrand die Wahl beeinflußt hat, um das Papsttum von dem bisher unbeschränkten Einfluß der kaiserlichen Macht zu befreien.
Petrus Damiani, vom Papst zum Reformkardinal erhoben, wandte sich scharf gegen die Laieninvestitur, die Verleihung hoher kirchlicher Würden durch Laien. Aus der Frage sollte sich der erste große Zusammenstoß zwischen Papsttum und Kaisertum ergeben. Das Volk wurde für die Reform gewonnen. In Oberitalien kam es zu einer Volksbewegung gegen den simonistischen Klerus: die Pataria, von pattari (Lumpensammler), wie der Adel spöttelte.
Der Papst wurde auf dem Sterbebett Cluniazenser. Doch gehörten die Päpste von ihm bis zu Alexander II. der lothringischen Reform an.

Mittermaier Karl: Seite 128-140
*************
"Die deutschen Päpste"

Friedrich entstammte dem Hause der ARDENNERGRAFEN. Eine Verwandtschaft mit den elsässischen Familien der EGISHEIM und DAGSBURG läßt sich nachweisen. Sein Geburtsjahr ist nicht bekannt. Nur soviel ist sicher, dass er um das Jahr 1020 als drittes Kind zur Welt kam. Seine Erziehung erhielt er von jungen Jahren an in Lüttich, an der Kirche des heiligen Lambert. Die Schule dieser Stadt war zu dieser Zeit unter den wissenschaftlichen Lehrstätten weit um ein Begriff. Von 1041 bis 1048 bekleidete Friedrich das Amt des Bischofs von Lüttich. Schon bald zeichnete er sich als treuer Freund des Kaisers aus, wenn er auch in kirchlichen Belangen von seinen Rechten Gebrauch zu machen wußte. Es ist bekannt, dass er als Bischof besonderen Einsatz bei der Beschaffung einer für sein Bistum wertvollen Reliquie bewies. Papst Leo IX. suchte anläßlich seines Deutschlandbesuchs die Umgebung Friedrichs, dessen einsatzfreudiger, frommer und reforminteressierter Ruf ihm vorausgeeilt war. Der Papst berief ihn in seinen engeren Kreis. Als sittenstrenger und kirchlich überzeugter Ratgeber erhielt er kirchliche Auszeichnungen, wobei die verwandtschaftlichen Bande mitgespielt haben dürften. Der Papst trat sein Bistum Toul ab und erhob 1051 Friedrich zum Kardinaldiakon, worauf er Kanzler und Bibliothekar des päpstlichen Stuhles wurde. Im Herbst dieses Jahres begleitete Friedrich Leo IX. nach Benevent, ein Jahr später nach Deutschland und dann wieder nach Italien, dem Kampf gegen die Normannen entgegen. Bei vielen öffentlichen Auftritten hielt sich zumeist der treue Diener Friedrich in der Nähe des Pontifex auf.
Unter Viktor II. blieb Friedrich bis Ende Oktober 1055 Kanzler des päpstlichen Stuhles. Durch die Heirat Gottfrieds, des Bruders Friedrichs, mit Beatrix von Tuszien gewann der päpstliche Kanzler an Einfluß und Macht, was wiederum den Kaiser besorgte, denn die italienische Metropole war noch immer ein Hort der Ruhe und Sicherheit.
Noch bevor HEINRICH III. in Italien ankam, war Gottfried durch einen Volksaufstand aus Italien vertrieben worden und nach Deutschland geflüchtet. Friedrich mußte im Frühjahr 1055 den offiziellen Begrüßungen bei der Ankunft des Kaisers fernbleiben. Wahrscheinlich deckte ihn der Papst und hielt ihn in einem sicheren päpstlichen Versteck. Friedrich fürchtete den Zorn des Kaisers, weshalb er hinter den Klostermauern von Monte Cassino Zuflucht und Schutz suchte. Um vollständig seine Frömmigkeit und Tadellosigkeit zu beweisen, ließ er sich in diesem Kloster in den Orden des hl. Benedikt einkleiden, worüber dem Kaiser berichtet werden sollte. Dann ließ er sich zuerst auf eine tremitischen Insel im Adriatischen Meer, danach in das Kloster des hl. Johannes im lancianischen Gebiet versetzen. Als HEINRICH in Bodfeld verstarb, kehrte Friedrich nach Monte Cassino zurück. Sein Bruder wurde rehabilitiert, und er selbst konnte neuen Mut fassen. Der Papst hatte bis zuletzt zu Friedrich gestanden, der Kaiser ihm aber mißtraut. Überlieferte schriftliche Quellen wissen zu berichten, dass Friedrich im Zusammenhang mit seiner Klosterwahl und seiner Erhebung zum 36. Abtvon Monte Cassino nicht völlig tadellos zu betrachten sei. Der Verdacht des Kaisers bei Friedrich kann nicht ganz von der Hand gewiesen werden. Der Abt des Klosters mußte sein Amt niederlegen. Bei einer Untersuchung durch Humbert von Silva Candida, den Papst Viktor in das Kloster beordert hatte, wurden Unregelmäßigkeiten bei der Wahl aufgedeckt, weshalb es zu einer Neuwahl am 23. Mai 1057 kam, bei der Friedrich nun einstimmig gewählt wurde; er habe sich durch den Adel seines Geschlechts und hohe Weisheit ausgezeichnet, wie es hieß. Mit Humbert begab sich Friedrich zum Papst und erbat die päpstliche Konsekration zum Abt. Der Papst stand weiterhin zu Friedrich und bedachte ihn mit der Würde eines Kardinals und mit einigen Vorrechten. In Zukunft sollten die Äbte von Monte Cassino bei Versammlungen von Bischöfen und Fürsten den vordersten Platz unter den Äbten einnehmen und zuerst ihre Stimme abgeben dürfen.
Das Klosterleben auf Monte Cassino bedeutete Friedrich ein echtes Anliegen. Darauf kam er später zurück, indem er gegen den Mißstand auftrat, wonach viele Mönche persönliches Eigentum besaßen, was den Klosterregeln widersprach. Die Kardinalserhebung feierte Friedrich am 27. Juli 1057 in Rom im Beisein einer jubelnden Menge, die ihn nach altem Brauch zur Titelkirche begleitete. In der Folge verweilte er am Tiber und besorgte sich nun die ihm angemessene Kleidung und den ihm zustehenden Schmuck. Da ereilte ihn die unerwartete Nachricht vom Tod Viktors in Arezzo.
Als Nachfolger wurde Friedrich, Mönch und Abt von Monte Cassino, Kardinalpriester und päpstlicher Kanzler, bestimmt. Am 2. August erfolgte die Wahl, am 3. wurde er in St. Peter geweiht und gekrönt. Der neue Papst, der sich Stephan IX. nannte, kam ohne Einvernehmen mit der Reichsregierung auf den Stuhl Petri. Die Römer - Volk und Klerus - hatten somit wieder die erste freie Papstwahl ausgeübt.
Die Reformer in Rom suchten nach einem Gleichgesinnten, dabei spielte auch eine Rolle, das Papsttum vor einer erneuten Bevormundung durch die TUSKULANER zu bewahren. In Gottfried dem Bärtigen, dessen finanzielle Möglichkeiten auch von Bedeutung waren, fanden sie einen Verbündeten, also erhoben sie dessen Bruder zum Papst. Die Reichsregentin und Kaiserin-Witwe Agnes erteilte erst Monate später die formelle Anerkennung zur Wahl Stephans nach freiem kanonischem Recht. Die Abordnung mit Hildebrand und Bischof Anselm von Lucca war freilich zu dieser Zeit bei der Regentin vorstellig geworden, um die Zustimmung einzuholen. Stephan selbst war ein Anhänger der Reformbewegung, geistig rege und gebildet, mit reichlich Erfahrung in weltlichen wie in kirchlichen Belangen, und die mächtige Stütze des Bruders im Hintergrund, dessen überzeugender Ruf machtpolitische Erwägungen zuließ; Stephan kannte Italien und Deutschland bestens und war als Gesandter Leos IX. nach Konstantinopel gereist. Vor allem betrachtete er es als eine seiner vorrangigen Aufgaben, gegen Normannen und Griechen in Süditalien aufzutreten und die Würde des Papsttums, die Rechte der römischen Kirche noch weiter anzuheben und zu betonen. Mit ihm nahm die unter Viktor II. angezeigte Wende ihren Lauf, der gezwungen zum Konflikt führen mußte. Denn zusehends mehr Kleriker und jetzt auch der Papst begründeten das Übel der Simonie durch die Vorherrschaft der weltlichen Macht.
Auch als Papst blieb Stephan Abt von Monte Cassino. Es mag ihm schwergefallen sein, auf dessen Einkünfte zu verzichten. Erst als er im Dezember 1057 erkrankte - er hatte schon mehrmals am römischen Fieber gelitten -, wählten die Prioren Desiderius, einen persönlichen Freund Stephans. Das Amt sollte er erst nach dem Tode des Papstes antreten, weil Stephan, solange er lebte, das Kloster an niemanden abgeben wollte. Er gedachte mit den Geldmitteln aus dem Klosterschatz, den er sich nach Rom hatte bringen lassen, einen Feldzug gegen die Normannen zu finanzieren.
Zu den Verdiensten dieses Papstes ist zu sagen, dass er mehrere Synoden abhielt und Simonie und Priesterehe verurteilte; alle Kleriker Roms, die sich vermählt hatten, sollten ihrer Ämter enthoben werden. Auf Veranlassung Hildebrands erhob der Papst Petrus Damiani, Abt von Fonte Avellana, zum Kardinalbischof von Ostia. Die Vertreibung der Normannen sah er als seine primäre Aufgabe an. An der vernichtenden Niederlage Leos IX. trug Friedrich von Lothringen einen Teil der Verantwortung. Er war es nämlich gewesen, der im päpstlichen Auftrag Unterhandlungen mit den Normannen hatte führen sollen. Seine Abneigung gegen sie erlaubte keinen Weg zur Konfliktlösung. Vielmehr drohte er schroff mit der Vernichtung, sollten sie nicht freiwillig das Land verlassen.
Papst Stephan IX., der gewissermaßen durch eine Notlage, bedingt durch den Druck aus seiner Umgebung, auf den päpstlichen Stuhl gelangt war, kränkelte mehrmals während seines Pontifikats. Als er den Tod fühlte, sprach er das Verbot aus und ließ Volk und Klerus von Rom schwören, es dürfe vor der Rückkehr Hildebrands keine Papstwahl vorgenommen werden. Mit letzter Kraft brach der Papst nochmals von Rom zu seinem Bruder auf. Auf dem Weg wollte er den weithin bekannten und geschätzten Abt Johann Gualbert von Vallumbrosa treffen. In Florenz warf das FieberStephanauf das Sterbebett; er verstarb im Beisein Hugos von Cluny am 29. März 1058. In der Florentiner Kirche der heiligen Reparata fand er seine letzte Ruhestätte.
 
 
 
 

Literatur:
-----------
Goez Elke: Beatrix von Canossa und Tuszien. Eine Untersuchung zur Geschichte des 11. Jahrhunderts, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995, Seite 21,22,24,46,70,88,100,131,146,149-154,165,184,193 - Golinello, Paolo: Mathilde und der Gang nach Canossa, Artemis und Winkler Düsseldorf 1998, Seite 118,124,138,161 - Wies, Ernst W.: Kaiser Heinrich IV. Canossa und der Kampf um die Weltherrschaft, Bechtle Esslingen 1996, Seite 24,36,40, 42,44 -