Viktor II.                                         Papst (16.IV.1055-28.VII.1057)
------------                                        Bischof von Eichstätt (1042-1055)
um 1012-28.V.1057
              Arezzo

Begraben: Ravenna, S. Maria Rotonda, Grabmal Theoderichs

Jüngerer Sohn Hartwig I. aus dem Geschlecht der ERNSTE (Grafen von Hirschberg) und der Beliza, Tochter oder Schwester des Eichstätter Vogtes Gotabold; Bruder des Grafen Hartwig II. an der unteren Amper

eigentlich Gebhard, Graf von Hirschberg
 

Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 1665
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Viktor II., Papst seit 13. April 1055
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     + 28. Juli 1057
      Arezzo

eigentlich Gerhard

Begraben: Ravenna, S. Maria Rotonda, Grabmal Theoderichs

Aus edelfreiem schwäbischen Geschlecht, wohl von Vorfahren der Grafen von Calw abstammend, dem salischen Königshaus weitläufig verwandt; offenbar in der Regensburger Domschule erzogen, hier Domkanoniker unter seinem Verwandten Bischof Gebhard III., auf dessen Vorschlag König HEINRICH III. ihn 'sehr jung' 1042 zum Bischof von Eichstätt ernannte; seit ca. 1050 maßgeblicher Berater Kaiser HEINRICHS III., Gegner der Normannenpolitik Papst Leos IX. Nach Leos Tod bestimmte der Kaiser nach Verhandlungen mit einer römischen Gesandtschaft unter Führung Hildebrands (Gregor VII.) den heftig widerstrebenden Bischof Gebhard zum Nachfolger erst Anfang März 1055 (Reichstag zu Regensburg) willigte dieser ein, als ihm Beibehaltung seines Bistums und Rückgabe von Gütern an die römische Kirche zugesichert wurden. Viktor II. wurde am 13. April 1055 (Gründonnerstag) in St. Peter inthronisiert und setzte die Kirchenreform in enger Verbindung mit dem Kaiser fort. Zur Sicherung der Reichsinteressen übertrug ihm der Kaiser die Verwaltung des Herzogtums Spoleto und der Markgrafschaft Fermo. Viktor II. traf sich im September 1056 in Goslar mit dem Kaiser, um die Bereinigung der süditalienischen Probleme vorzubereiten, stand aber am 5. Oktober zu Bodfeld an HEINRICHS Sterbelager, der seinen unmündigen Sohn HEINRICH IV. dem besonderen Schutz des Papstes empfahl. Viktor II. setzte den Kaiser in Speyer bei, sicherte die Regentschaft der Kaiserin Agnes, krönte HEINRICH IV. in Aachen, veranlaßte den Treueid ihrer Fürsten und vermittelte (Kölner Hoftag, Dezember) den Frieden mit den bisherigen Hauptgegnern, Balduin V. von Flandern und Gottfried III. von Ober-Lothringen. Im Februar 1057 kehrte er nach Italien zurück, hielt Synoden im Lateran und in Arezzo, wo er starb.

Quellen:
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Anonymus Haserensis de episcopis Eichstetensibus (MGH SS VII), 263-266 - Watterich I, 177-188 - Mansi XIX, 833-862 - LP III, 390 - Jaffe I, 549-553; II, 710f., 750

Literatur:
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LThK X, 769 - Spindler I, 318, 505 - N. Gussone, Thron und Inthronisation des Papstes von den Anfängen bis zum 12. Jh., 1978, 215f. - Frk. Lebensbilder, IX, 1980, 11-21 - St. Weinfurter, Die Gesch. der Eichstätter Bf.e des Anonymus Harensis, 1987, bes. 177-182, 193-200 - G. Martin, Die sal. Herrscher als 'Patricius Romanorum', FMASt 28, 1994, 257-295.


Kühner Hans: Seite 138
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"Lexikon der Päpste"

Gewählt auf Verlangen Kaiser HEINRICHS III. und auf den Rat von Hildebrand, regierte der ehemalige kaiserliche Kanzler ganz im Sinne der Reformen Leos IX. Mit der Erhebung des Papstes zum Herzog erhoffte der Kaiser sich ein Gewicht gegen Herzog und Markgraf Gottfried den Bärtigen von Lothringen und Tuszien, den mächtigsten Teilfürsten Italiens. Nach dem Tode des Kaisers und damit dem Ende des kaiserlichen Einflusses auf das Papsttum, mußte der Papst sich mit Gottfried dem Bärtigen verständigen. Obwohl zum Reichsvikar in Italien erhoben, konnte er den weiteren Aufstieg des machtvollen Hauses LOTHRINGEN-TUSZIEN nicht verhindern.


HERKUNFT UND GESCHICHTE FÜHRENDER BAYERISCH-ÖSTERREICHISCHER GESCHLECHTER IM HOCHMITTELALTER

Gewin Dr. J.P.J.: Seite 159
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28. GEBHARD
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Bischof von Eichstätt 1042-1057: H. Regg. 182-218 (passim)
Papst Viktor II.1055-1057 (+).
1053. Mai 17. Goslar. Kaiser HEINRICH III. verleiht Bischof Gebhard wegen seines wertvollen Dienstes gewisse Gebiete: H. Reg. 196.
1053. Juni 6. Goslar Kaiser HEINRICH III. schenkt wegen treuer Dienste des Bischofs den Markt in den Orten Beilngries und Waltkirchen im Nordgau in der Grafschaft Heinrichs: H. Reg. 197.
1053. Bischof Gebhard wurde dem 3-jährigen Sohn König HEINRICHS III. (HEINRICH IV.) zur Führung der Regierungsgeschäfte zur Seite gegeben. H. Reg. 198.
1054. Bischof Gebhard zwingt, während er in Bayern die Regierung führt, die Grafen von Scheyern, welche sich als Anhänger Herzogs Konrad arge Landfriedenstörungen zu Schulden kommen lassen, von ihrem Unwesen abzustehen: M. G. SS. III. S. 269, H. Reg. 199.
1057. Juli 28. Papst Viktor II. stirbt zu Arezzo: H. Reg. 217.

Note:
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Dass Gebhard, ungefähr im gleichen Alter als König HEINRICH III., so jung die Bischofswürde erhielt, verdankte er nebst seinen großen geistigen Gaben der Tatsache, dass er ein Stiefverwandter des Königs und Neffe des Bischofs Gebhard von Regensburg G. 24. war.
Aus den königlichen Gunstbeweisen erwuchs in den älteren, seinem Bruder Hartwig entstammenden Linien eine stets steigende Machtstellung in der Diözese Eichstätt, wo seine Vorfahren schon früher als Grundbesitzer und Gaugrafen im Sualafeld eine Rolle spielten.


Mittermaier Karl: Seite 121-127
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"Die deutschen Päpste"

Der Nachfolger Leos IX. war wiederum ein Deutscher und vom Kaiser designiert. Der Kandidat hieß bürgerlich Gebhard, leitete sein Geschlecht von alemannischen Vorfahren her und brachte schon in seiner Jugend einen besonderen Einsatz auf. Sein Vater hieß Hartwich, seine Mutter Beliza. Auch Gebhard war ein Verwandter des Kaisers, und zwar über dessen Stiefonkel, Bischof Gebhard III. von Regensburg, der dann auch den jüngeren Gebhard, den der Kaiser bereits in den Kreis seiner Ratgeber geholt hatte, dem Kaiser zum Bischof von Eichstätt vorschlug. Obwohl HEINRICH den Kandidaten noch für sehr jung hielt, ernannte er ihn zu Weihnachten 1042 zum Bischof. Das Alter Gebhards zu dieser Zeit kann auf 30 Jahre geschätzt werden. Er war hochgebildet und politisch versiert, kannte bestens die Rechtsansprüche des Reiches auf Güter der Kirche.
Ein Jahr lang blieb der Stuhl Petri vakant. Der Kaiser benötigte diesmal längere Bedenkzeit um einen würdigen Nachfolger für Leo IX. zu finden. Unter Hildebrands Einfluß, der im November 1054 mit einer Gesandtschaft nach Mainz gekommen war, fiel die Wahl auf Bischof Gebhard von Eichstätt, als Kanzler des Kaisers der rechte Diener Gottes mit außergewöhnlichem Ansehen und besonderem Einfluß bei Hof, Reich an Kenntnis und Erfahrung. Es ist überliefert, dass der Kaiser von diesem Vorschlag des Subdiakons zuerst nicht besonders angetan war: Er wollte nicht auf einen seiner besten Männer verzichten. Es ist ferner überliefert, dass auch Gebhard zuerst nicht viel an dieser Nominierung lag. Er soll Männer nach Rom gesandt haben, die dort die Umgebung des päpstlichen Stuhles überzeugen sollten, dass er nicht der richtige Mann für die Papsttiara sei. Gleichzeitig ließ er ein "kanonisches Bedenken" ausarbeiten, das den Beweis erbringen sollte, dass er gar nicht gewählt werden dürfe. Erst im Frühjahr 1055 fügte er sich dem Willen des Kaisers, der inzwischen von der Notwendigkeit Gebhards als Nachfolger Leos überzeugt war.
Am 16. April fand in Rom die Weihe statt. Viktor II. nannte sich der neue Papst, damit deutete er an, dass er das Werk seiner Vorgänger fortsetzen wollte. Als Bischof war er auf der Seite der päpstlichen Opposition gestanden, vor allem was den Feldzug in Unteritalien gegen die Normannen anlangte; in dem Anliegen der Reformen stand er ganz auf der Seite seines großen Vorgängers. Er mischte sich noch mehr als dieser in die Bistümer ein. Er setzte schon bald den Erzbischof von Narbonne ab, hob die Vermögensverwaltung in Ferrara auf, legte in der Provence zwei Bistümer zusammen, bestimmte den Erzbischof von Embrun, zudem beauftragte er mehrere Legaten, dass sie in seinem Namen Synoden abhielten, leiteten und gegen Simonie und für Ehelosigkeit der Priester auftraten.
Der neue Papst erwies sich von Anfang an als neuer Lichtblick für die römische Kirche. Mit einem unaufschiebbaren Arbeitseifer ging er an die Probleme heran. Auf einer Synode in Florenz bestätigte er in Anwesenheit von 120 Bischöfen und des Kaisers alle Dekrete Leos gegen Simonie und verheiratete Priester.
Viktor verbot bei Strafe der Exkommunikation allen Bischöfen und Äbten, Adelige oder Ritter, also weltliche Großen oder Fürsten, mit Würden und/oder mit kirchlichen Gütern zu belehnen, also Kirchengüter zu verkaufen. Dem spanischen König, Ferdinand von Leon und Kastilien, der den Titel eines Kaisers gebrauchte und HEINRICH III. die Anerkennung versagte, drohte der Papst mit dem Bann. Dies mag Viktor gerade recht gekommen sein, denn Ferdinand erstrebte darüber hinaus für die spanische Kirche eine weitgehende Unabhängigkeit von Rom.
Allgemein suchte der Papst für die Kirche verlorengegangene Besitzungen wiederzugewinnen. Vom Kaiser erhielt er das Herzogtum Spoleto und die Markgrafschaft Fermo, ebenso gewann er für die Kirche jene Burgen wieder, die ihr entzogen worden waren.
Da sich Viktor in der Angelegenheit bei Gottfried dem Bärtigen für Kaiser und Reich ausgesprochen hatte, erhielt er als Dank und Anerkennung Hilfe für Unteritalien in Aussicht gestellt. Zu einer systematischen Aktion kam es aber nicht mehr, denn auch dem Pontifikat Viktors waren zeitlich enge Grenzen gesetzt.
Im Herbst 1056 weilte Viktor in Deutschland, nicht zuletzt deshalb, um eine Lösung der Normannenfrage zu finden. Am 8. September traf er mit dem Kaiser in Goslar zusammen. Der schriftlichen Überlieferung zufolge wurde dem Papst ein ungewöhnlich herzlicher Empfang bereitet, wobei "alle Fürsten des Reiches, geistliche wie weltliche", zugegen waren. Der Papst war der Einladung HEINRICHS gefolgt, der ihn als seinen politischen Ratgeber begehrte. Es lag dem Kaiser viel daran, die Persönlichkeit Viktors in Deutschland, in seiner Umgebung zu wissen; es sollte dem Pontifex gelingen, die Eintracht zwischen den Fürsten und dem Kaiser wiederherzustellen.
Dem Reich stand keine rosige Zukunft bevor: im Inneren zerstritten, angefeindet von den Ungarn im Osten, mißgünstig beneidet vom Widersacher Frankreich im Westen.
Von der Reichsversammlung in Goslar zogen Kaiser und Papst weiter nach Bodfeld. Hier traf die Nachricht von der Niederlage des sächsischen Heeres durch die slawischen Liutizen ein. Wie die Chronik berichtet, soll der ohnehin durch Krankheit geschwächte Kaiser, der zu dieser Zeit dem Jagdvergnügen nachging, einen gesundheitlichen Rückschlag erlitten haben und von einem starken Fieber befallen worden sein, worauf er nach wenigen Tagen am 5. Oktober im Alter von 39 Jahren starb. Durch den unerwarteten Tod war eine politisch ungünstige Lücke aufgerissen. Das zentrale Anliegen dieses Jahrhunderts, die Reform der Kirche, war noch keineswegs abgeschlossen; im Gegenteil: Die kirchliche Erneuerungsbewegung stand noch am Anfang ihrer folgenschweren Wirkung. Politisch war es HEINRICH gelungen, das ottonische Werk zu vollenden. Er führte und lenkte das Reich auf einen Scheitelpunkt seiner Bestimmung.
In Bodfeld fehlten die Erzbischöfe von Mainz und Köln. Dafür fand sich unter den Anwesenden der kaisertreue Viktor, der stets gegenüber Kaiser und ein Reich ein ergebener Diener gewesen war, wenn er auch in der Vertretung kirchlicher Ansprüche durchaus nicht nachgiebig auftrat. Es ist naheliegend, dass der Papst im Einvernehmen mit dem sterbenskrank darniederliegenden Kaiser bezüglich der bevorstehenden Wahl des Nachfolgers mit den anwesenden Fürsten verhandelte und ihnen den Sohn des Kaisers, HEINRICH IV., empfahl und nach Erhalt der Zustimmung die förmliche electio des knapp 6-jährigen Kaisersohnes vornahm.
So wurde der Knabe, der schon mit knapp drei Jahren gewählt und gekrönt worden war, mit knapp sechs Jahren Herr über drei Königtümer: Deutschland, Burgund und Italien. Der sterbende Vater hatte den Sohn und die Mutter Agnes unter den Schutz Papst Viktors gestellt und ihm den Jungen anvertraut, vor allem, was die Wahl betraf; ihre Wiederholung unterstreicht die Notwendigkeit dieses Aktes, an dem der Papst, sei es als Wähler, sei es als Organisator, entscheidend mitwirkte. Viktor zeigte sich in der Folge erneut als ein feinfühliger Politiker, als ein Mann, dem das Reich ein echtes Anliegen bedeutete. Mit politischem Gespür sprach er dem unzufriedenen Gottfried Nieder-Lothringen zu und akzeptierte seine Herrschaft in der Markgrafschaft Toskana. Diese Aussöhnung zwischen der kaiserlichen Familie und Gottfried stellte einen sichtlichen Erfolg für die Reichspolitik dar.
Im Februar kehrte Viktor nach Italien zurück, reiste durch Piemont, durch die Toskana und hielt in Rom eine Synode ab. Freilich hätte es in Deutschland weiterhin seiner Anwesenheit bedurft, denn hier brachen erneut ernste Unruhen aus. Von Italien aus verfolgte er die Entwicklung im Norden und wartete auf den Tag, wieder über die Alpen zu reisen. All diese Aufgaben, die den Papst belasteten, über den ein Biograph schrieb: Noch nie habe ein Nachfolger Petri eine so außerordentliche Macht in sich vereinigt wie Viktor II. bei dem Tod seines kaiserlichen Freundes, drückten zu schwer auf ihn. Es heißt, ein heftiges Fieber habe ihn in Arezzo heimgesucht, dem er am 28. Juli 1057 in der Blüte seiner Schaffenskraft erlag. Wieder kursierte das Gerücht der Vergiftung. Es ist überliefert, dass auch Viktor Morddrohungen erhielt, dass ein Subdiakon Gift in seinen Meßwein mischte, der Papst sei aber der tödlichen Gefahr durch wunderbare Rettung entgangen.
Gleich wie schon bei Clemens II. sollte auch der Leichnam Viktors im Dom seines Eichstätter Bistums die letzte Ruhe finden. Seine deutschen Ratgeber veranlaßten den Transport über die Alpen. In Ravenna wurde der Körper geraubt und vor den Mauern der Stadt in der Kirche der heiligen Maria beigesetzt.
Rückblickend sei nochmals hervorgehoben, dass Viktor II. der politischste deutsche Papst war. Schon als Bischof von Eichstätt trat er als Kenner der Realpolitik hervor. Unter anderem leitete er eine Zeitlang anstelle des Sohnes Kaiser HEINRICHS das Herzogtum Bayern. Er blieb als Papst ein Vermittler zwischen der geistlichen und weltlichen Macht. Hierin erwies er sich als Friedenssucher. Als solcher unterbrach er nicht die eingeleitete Reform Leos, ließ dessen Mitarbeiter weiterhin in diesem Anliegen wirksam sein, wenn ihm selbst daran auch nicht vorrangig gelegen haben mag.
 
 
 
 

Literatur:
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Cawthorne Nigel: Das Sexleben der Päpste. Die Skandalchronik des Vatikans. Benedikt Taschen Verlag 1999 Seite 98 - Goez Elke: Beatrix von Canossa und Tuszien. Eine Untersuchung zur Geschichte des 11. Jahrhunderts, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1995 Seite 10,24-26,46,131,141, 143,148-153,179,198 - Golinello, Paolo: Mathilde und der Gang nach Canossa, Artemis und Winkler Düsseldorf 1998 Seite 121,123,162 - SCHWABEN UND ITALIEN IM HOCHMITTELALTER. Vorträge und Forschungen Band LII Jan Thorbecke Verlag Stuttgart 2001 Seite 145 -