Gerold                                                     Graf im Kraich- und Anglachgau
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um 730-   784/86
               (795 Isenburg)
 

Sohn des fränkischen Grafen
 

Gerold war ein Mitglied der fränkischen Reichsaristokratie. Er wird erst seit 777 faßbar.
 
Michael Mitterauer: Seite 9-25
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"Karolingische Markgrafen im Südosten"

Graf Gerold verband sich durch geschickte Heiratspolitik mit einer Familie, die in der 1. Hälfte des 8. Jahrhunderts in Alemannien über eine besondere Machtstellung verfügte. Er war fränkischer Abkunft. Zusammen mit seiner Gattin Imma schenkte er 784 reiche Besitzungen im Worms-, Lobden-, Anglach-, Uff- und Krainachgau an das Kloster Lorsch. Die Güter lagen hauptsächlich zwischen Worms und Oppenheim sowie zwischen Heidelberg und Bruchsal. Der Amtsbezirk Gerolds umfaßte den Kraich- und Anglachgau. Schon er drang nach Alemannien vor. 779 bis 783 übte er gräfliche Funktionen im nördlichen Teil der Westbaar aus. Vielleicht erwarb er auch Besitz im Elsaß. Seine Rechte in Alemannien sind jedoch sicher nicht ausschließlich auf seine Heirat mit Imma zurückzuführen. Gewiß erleichterte auch ihm, wie vielen anderen fränkischen Großen, die Reichsgewalt das Vordringen in den alemannischen Raum. Graf Gerold dürfte kurz nach 784 gestorben sein.
 
Michael Borgolte
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"Die Grafen Alemanniens"
 

GEROLD (I)
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belegt als Lebender  777 V 27, 784 VII 1
belegt als Graf 779 VI 30 - 779/83 VIII 22
Bereich der Bertoldsbaar 779/83 IV 18

Belege mit comes-Titel:
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CL III Nr. 3617, ? CL III Nr. 3637

Belege ohne comes-Titel:
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CL III Nr. 3289, ? Das Verbrüderungsbuch der Abtei Reichenau 115B5

Literatur:
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LEICHTLEN, Zähringer 42 - STÄLIN, Geschichte I 246 A. 3 - KNAPP, Die Ulriche 18,30 - DERS., Buchhorner Urkunde 215 - GLÖCKNER, Lorsch und Lothringen 318 - DIETRICH, Konradiner 302 - MAYER, Die Anfänge der Reichenau 328 - DIENEMANN-DIETRICH, Der fränkische Adel 182-184 - TFLLENBACH, Der großfränkische Adel 50, 60 - SCHMID, Familie, Sippe und Geschlecht 10f. - MITTERAUER, Markgrafen 9f.,16,20 - WERNER, Adelsfamilien 111f. - GOCKEL, Königshöfe 183,244f.,275f.,278,283f.,286, 288 mit A. 687 - SCHULZE, Grafschaftsverfassung 120f.,204 A. 194 - BERGES, "Gründung der Hildesheimer Kirche" 88 - BILGERI, Geschichte Vorarlbergs 170 - WENSKUS, Sächsischer Stammesadel 425-427 - BORGOLTE, Geschichte der Grafschaften Alemanniens, Kap. V.3, Zusammenfassung

Graf Gerold wird durch die urkundliche Überlieferung des Klosters Lorsch als bedeutender Grundherr vor allem im Mittelrheingebiet faßbar. Am 1. Juli 784 schenkten Geroldus et coniux mea Imma der Reichsabtei umfangreiche Güter im Wormsgau, Lobdengau, Anglachgau, Kraichgau und Uffgau (CL II Nr. 1 880; vgl. GENSICKE, Worms-, Speyer- und Nabegau 474f.; SCHAAB, Lobdengau 565,567; DENS., Kraichgau 597; DENS., Rheinebene 586). Kraichgauer Besitz hatten Geroldus comes und seine Gemahlin Imma bereits früher, am 30. Juni 779, an das Nazariuskloster gelangen lassen (CL III Nr. 2310, vgl. SCHAAB, Kraichgau 594); vom folgenden Tag, dem 1. Juli 779, datiert eine Urkunde, die Graf Gerold allein als Schenker im Anglachgau nennt (CL III Nr. 2503). In das Blickfeld dieser Arbeit führen die Lorscher Traditionsnotizen Nrn. 3617 und 3289. Die erstgenannte von ihnen, die an einem 22.8. der Jahre 779 bis 783 ausgestellt wurde, besagt, dass Isenhart in ducatu Alemannorum in uilla Giselstedem schenkte, quidquid Geroldus comes ibidem habere uisus est. Es handelt sich teilweise wohl um den Vollzug der in der anderen Urkunde niedergelegten Schenkung durch Geroldus (...) in pago Alemannorum in Reistodinger marca et in Giselsteder marca (vgl. SEILER, Nördliches Württemberg 628,633 A. 25). Die carta Gerolds trägt das Datum vom 27. Mai 777 und darf deshalb sicher auf den auch 779 belegten Grafen Gerold bezogen werden.
Durch die Lorscher Urkunden 3617 und 3289 ist Gerold keineswegs als gräflicher Amtswalter in Alemannien ausgewiesen; immerhin darf man aber auch Grafenrechte im Bereich von Gültstein (Karte bei BORGOLTE, Kommentar: M 5) und in der Mark von Reistingen bei Herrenberg (dieses M 5, vgl. GOCKEL 289) nicht ausschließen.
Eine weitere Lorscher Urkunde scheint Gerold, den gräflichen Grundherrn in Alemannien, dagegen sicher als Verwalter eines Comitats zu belegen. Nach CL III Nr. 3637 schenkte nämlich Wanfrit Güter in Glatten (Karte bei BORGOLTE, Kommentar: 17) und Dornstetten (16), die ausdrücklich in Waltgouue in comitatu Geroldi lokalisiert werden (zur Formel: DIETRICH, Traditionsnotiz, bes. 289f.). Die Urkunde wurde in den Jahren 779-83 (18. April) ausgestellt und bezieht sich auf Liegenschaften südöstlich von Gültstein. Mit dem Grafen im Waldgau könnte also Gerold gemeint sein. Freilich amtierte in derselben Gegend seit mindestens 786 ein anderer GEROLD (II), der für die Identifizierung durchaus ebenfalls in Frage kommt (Vgl. JÄNICHEN, Baar und Huntari 97, danach SCHULZE 204 A. 194; zu dem Gerold-Beleg in W I Nr. 107 s. Art. GEROLD II).
Das neben Glatten als Waldgauort genannte Dornstetten wurde in anderen Urkunden aus derselben Zeit auch im Dorn-, Nagold- und Westergau sowie in der Bertoldsbaar lokalisiert (BORGOLTE, Geschichte der Grafschaften Alemanniens 129). Eine eigene (Gau-) Grafschaft läßt sich - entgegen der Annahme der älteren Forschung (BAUMANN, Gaugrafschaften 136ff., vgl. JÄNICHEN, Baar und Huntari 97, SCHULZE 106,116f.,204 A. 194) - nicht erschließen; der Comitat Gerolds, in dem Glatten und Dornstetten ebenso wie im Waldgau gelegen haben, kann nicht genau beschrieben werden, da in den Quellen für den Norden der Bertoldsbaar nur sehr wenige Grafen überliefert sind (BORGOLTE, Geschichte der Grafschaften Alemanniens, Kap. V. 3).
Der jüngere GEROLD (II) tradierte noch vor Ende des 8. Jahrhunderts an die Bodenseeabteien Reichenau und St. Gallen Besitz, der zum Teil am Neckarbogen bei Horb, also in der Nähe von Glatten und Dornstetten, lag. Eine von Gerold (II) ausgestellte Urkunde unterzeichnete Imma genetrix. Die Forschung betrachtet deshalb zurecht Gerold als Vater des Reichenauer und St. Galler Wohltäters (zuerst LEICHTLEN, vgl. STÄLIN; dann KNAPP und - für die neuere Forschung grundlegend - GLÖCKNER). Mit Imma wird die bei Thegan (Vita Hludowici 590 f. cap. 2) genannte Mutter der Königin Hildegart, die Tochter NEBIs, gleichgesetzt; da Hildegart wohl 757 geboren wurde (ABEL-SIMSON, Jbb. Karl der Große I 449 mit A. 3), muß der Eheschluß Immas mit dem mittelrheinischen Magnaten in die 50-er Jahre fallen. Als weitere Kinder der Imma sind Graf UDALRICH (I) und Voto gesichert. Ein Bruder Immas war Graf RUADBERT (I).
Außer Hildegart, Gerold (II), Udalrich (I) und Volo hat man wiederholt noch weitere Kinder Gerolds und Immas zu erschließen versucht. Zwischen 784 und 795, vielleicht am 25.10.790 (so GOCKEL 243 mit A. 183), schenkte Megingoz in Malsch bei Wiesloch und in Rohrbach bei Heidelberg dem Nazariuskloster Giiter, die genitor meus Geroldus morgens dereliquit (CL II Nr. 791); Megingoz könnte mit Meingoz identisch gewesen sein, der 801 seinen von seinem Bruder Gerholt ererbten Anteil an der Lambert-Basilika in Mainz an Lorsch übertragen hat (CL II Nr. 1974). Als Grundbesitzer im Rhein-Main-Gebiet und als Sohn eines älteren und Bruder eines jüngeren Gerold würde Megingoz in die Generation GEROLDs (II) passen (vgl. GOCKEL 243f.; MITTERAUER 16; SCHMID 10). Wenn die Zuordnung des Megingoz stimmt, gewinnt man für den Tod Gerolds einen Terminus ante quem. Bereits im Juli 793 stellte Adrianus filius Geroldi (...) pro anima Erbionis germani mei für Lorsch eine Schenkungsurkunde über Liegenschaften in Flonheim bei Alzcy aus, die er als Traditum Erbios erhalten hatte (CL II Nr. 936). Adrian und sein Bruder werden aufgrund dieser Urkunde als weitere Söhne (vermutungsweise DIETRICH, Konradiner 302f., SCHMID 1O) oder als Enkel Gerolds (MITTERAUER 11,13) angesehen. Für die erste Lösung könnte sprechen, dass GEROLD (II) nach Walahfrid Strabo, der sich dabei wohl auf den Zeitpunkt des Todes bezieht (799), weder Kinder noch Erben hatte, die Forschung aber mindestens von Erbio glaubt, er habe noch im 9. Jahrhundert gelebt (GOCKEL 245f., MITTERAUER 13 f.).
Zu den nicht sicheren Zeugnissen für Gerold gehört neben den beiden Lorscher Urkunden des Megingoz und des Adrian der Einzeleintrag eines Kerolt im Reichenauer Verbrüderungsbuch (115B5). Kerolt wurde auf der 2. Seite der NOMINA DEFUNCTORUM QUI PRESENS COENOBIUM SUA LARGITATE FUNDAUERUNT von einer nach der Anlage tätigen Hand im Anschluß an Nebi comis, Ruadb(er)t comis vermerkt. Da NEBI mit dem Schwiegervater, RUADBERT (I) mit dem Schwager Gerolds identisch gewesen sein dürften, könnte sich der fragliche Eintrag auf Immas Gemahl beziehen (so auch MAYR; zu dem Gerold-Beleg im Reichenauer Verbrüderungsbuch 114D1 s. Art. GEROLD II).
Gerold hatte sich - folgt man dem Zeugnis Thegans über Imma - mit einer Nachfahrin Herzog Gottfrieds verbunden (s. Art. NEBI). Er selbst wird aufgrund seines Besitzschwerpunkts am Mittelthein als Franke betrachtet (GLÖCKNER, danach DIENEMANN-DIETRICH und die weitere Forschung). Gerold dürfte demnach neben CHANCOR, WARIN und RUTHARD zu jenen "Reichsaristokraten" gehört haben, die im Auftrag der KAROLINGER die Integration Alemanniens ins Frankenteich vorantrieben. Durch die Einheirat in eine herausragende alemannische Familie, die ihm vielleicht auch beträchtliche Güter im Norden der Bertoldsbaar eingebracht hat, trug er zweifellos dazu bei, das unterworfene Volk bald nach dem Gericht von Cannstatt mit der fränkischen Herrschaft auszusöhnen. Diese gemäßigte Politik unterschied sich von der Warins und Ruthards, die durch tiefe Eingriffe in die Verwaltungsstruktur die politische Ordnung Alemanniens von Grund auf zu verändern suchten (BORGOLTE).
Im Hinblick auf die Nachkommen Gerolds spricht man heute meistens von den "GEROLDEN" oder "GEROLDINGERN" (MITTERAUER, WERNER, GOCKEL, BERGES, WENSKUS), während früher im Hinblick auf UDALRICH (I) die Bezeichnung "ULRICHE" oder "UDALRICHINGER" gebräuchlich war (so noch BILGERI; zum Problem der Benennung: SCHMID). Neuerdings bemüht sich die Forschung, Verbindungen zwischen den GEROLDEN und den AGILOLFINGERN herzustellen (DIENEMANN-DIETRICH 188f.; WERNER; WENSKUS; s. a. Artt. GEROLD II, NEBT). Dass Gerold der Sohn eines Agilolf war, wie WENSKUS (426) erwogen hat, ist unbeweisbar (GOCKEL 275f.).
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  oo Imma, Tochter des Alemannenherzogs Hnabi (Nebi)
       um 730- nach 784

Imma war die Urenkelin des Herzogs Gotfrid (+ um 708).
 
 
 
 
 
Kinder:

  Gerold
         -1.9.799 (1.11.799 Isenburg)
 
  Udalrich Graf in Pannonien
         -   807 (824 Isenburg)
 
  Hildegard
  758-30.4.783 (7.4.783 Isenburg)
 
  oo 3. KARL I. DER GROSSE
           2.4.747-28.1.814
 
  Roadbert Graf in den Bodenseegrafschaften
          -

  Uto (Voto)
         - vor 803

An das Kloster Fulda schenkte 788 Uto reichen Besitz im Elsaß, vor allem in der Gegend von Straßburg.

  Megingoz
          - nach 808
 
  Adrianus
         -
 
  Erbo
         -   793
 
 
 
 

Literatur:
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Karl Schmid: Gebetsgedenken und adliges Selbstverständnis im Mittelalter. Ausgewählte Beiträge, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1983, Seite 192 -