Jüngster Sohn der Isabeau
von Bayern-Ingolstadt, Tochter von Herzog
Stephan III.
Markale Jean: Seite 166
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„Isabeau de Bavarie“
Unter diesen Voraussetzungen ist stark zu bezweifeln, dass die Königin noch ehelichen Verkehr mit Karl VI. hatte, selbst wenn dieser zuzeiten ganz oder teilweise wieder bei klarem Verstand war. Wie ist aber dann zu erklären, dass Isabeau de Bavarie im Jahr 1407 zum zwölften Mal schwanger war? Natürlich war man auf den Gedanken gekommen diese Schwangerschaft sei das Ergebnis ihrer Liaison mit dem Herzog von Orleans gewesen. Aber dafür gibt es keinerlei Beweise. Das Rätsel bleibt bestehen, obwohl die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass das Kind, das am 23. November zur Welt kam und noch am gleichen Tag starb, nicht von Karl stammte.
Saller Martin: Seite 175,321
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"Königin Isabeau. Die Wittelsbacherin auf dem Lilienthron."
Zwei Wochen zuvor, am 10. November, hat Isabeau
ihr letztes, ihr zwölftes Kind zur Welt gebracht, das aber nach der
offiziellen Überlieferung schon wenige Stunden nach der Geburt starb,
Philipp benannt. Am Hofe tuschelt man Vermutungen über
die Vaterschaft. Es liegt auch der Schleier einer merkwürdigen Diskretion
über der Wochenstube, was später - und schließlich wieder
in unseren Tagen - Anlaß ist für bohrende Fragen und interessante
Schlußfolgerungen. War es wirklich ein Knabe und lebte das Neugeborene
nur ein paar Stunden? Doch darauf wird später zurückzukommen
sein.
Um diese Zeit arbeitete Isabeau
in Regierungsgeschäften schon eng mit Ludwig
von Orleans zusammen, der den Burgunder-Herzog
Johann Ohnefurcht immer mehr beiseite drängte und in Paris
souverän die Szene beherrschte. Aus der politischen Allianz begann
sich aber erst eine enge Freundschaft zu entwickeln, die dann von 1404
an Anlaß bot für Klatsch und Gerüchte. Der 'Mönch
von St. Denis' erwähnte um diese Zeit erstmals tadelnd das abträgliche
fama
publica. Ab 1405 verschlimmerte sich dann der Zustand
Karls
so sehr, daß auch während der Erholungsphasen Gefahr plötzlicher
Anfälle bestand. Der 'Mönch' notierte: "Da man ernsthaft befürchteet,
daß der König wegen seiner Krankheit gewalttätig gegen
die Königin werden würde, ließ man ihn nicht mehr mit ihr
schlafen." Man fürchtet sogar um ihr Leben. Erst Jahre später,
am 29. März 1408, findet sich in den Erinnerungen des hohen Hofbeamten
Juvenal des Ursins unvermittelt die Notiz: "Diese Nacht ging der König
mit der Königin schlafen" - ein wohl verwunderter Vermerk einer ganz
ungewöhnlichen ehelichen Begegnung.
Während der Zeit der weitgehenden, wenn auch vielleicht
nicht völligen ehelichen Trennung gebar Isabeau
am 10. November 1407 in der Abgeschiedenheit ihres privaten Palais Barbette
das zwölfte Kind, das nach dem 'Mönch von St. Denis' de Namen
Philipp
erhalten haben und schon wenige Stunden nach der Geburt gestorben sein
soll. Es war die einzige Niederkunft
Isabaeus,
die nicht in der Residenz Saint-Pol oder in einem königlichen Schloß
unter offizieller Zeugenschaft erfolgte.
Über die diskrete Niederkunft
Isabeaus vom 10. November 1407 rätseln bis heute die Historiker.
War es wirklich ein Junge, der nur ein paar Stunden lebte? Oder schenkte
Isabeau
einem Mädchen das Leben, das wegen seine Illegitimität im Einvernehmen
mit Herzog Ludwig heimlich aus Paris
weggeschafft und dem Ehepaar d'Arc in Domremy in Pflege gegeben wurde,
während man einen totgeborenen Jungen unterschob? Die Befürworter
dieser These verweisen auf eine überlieferte Notiz aus dem Jahre 1408,
wonach eine Dame namens Romme in die Residenz gekommen sei und dem König
Blumen gebracht habe. Isabella de Romme nannte sich auch die offiziell
ausgewiesene Mutter - oder die Pflegemutter Jeanne d'Arcs ...
In seinem Buch "Le dossier de Jehanne" verweist
Maurice David-Darnac darauf, daß in der Ausgabe der "Histoire
de France" von Villaret vom Jahre 1764 von einem Jungen die Rede
ist, während die späteren Ausgaben von 1770 und 1783 die Geburt
eines Mädchens mit Namen Jehanne vermerken. Es sei noch erwähnt,
daß die offiziöse Geschichtsschreibung die nicht registrierte
Geburtszeit der Jungfrau etwas später legt, etwa um 1412. Doch das
wirkliche Alter Jehannes ist auch während des Prozesses in
Rouen nicht verbindlich geklärt worden.
Wenn Jehanne wirklich einer Romanze Isabeaus
mit
Ludwig von Orleans entsproß,
so konnte nur der einflußreiche Vater für diskrete Betreuung
des illegitimen Kindes sorgen, und nach seinerm Tod die Freunde des Hauses
ORLEANS. Isabeau war in
ihrer königlichen Stellung zu exponiert. Überdies geriet sie
bald nach dem Meuchelmord an ihrem Freund und Beschützer in den Bannkreis
der burgundischen Macht. Das idyllische Örtchen Domremy, wo die junge
Jehanne abseits der Kriegswirren heranwuchs, lag in einer dem Dauphin
Karl ergebenen Enklave der Aragnaken inmitten lothringischen
Besitzes. Mochte der alte Herzog von Lothringen auch mit Burgund sympathisieren:
seine Erbtochter Isabella war mit Rene,
dem Sohn Yolandes von Anjou verheiratet,
der auch das angrenzende Herzogtum Bar besaß. Jehanne wuchs
somit ganz im Kreis von Vertrauensleuten der Herzogin
Yolande heran, unter deren diskreter Regie sie dann auch ihren
wundersamen Weg begann.
Ein halbes Jahrtausend danach ist das wirkliche Geschehen
nicht mehr zu ergründen. Auffallend ist aber, daß sich Jeanne
d'Arc dem Hause ORLEANS besonders
verbunden fühlte, dessen Enblem: die Brennessel, sie auf ihren Kleidern
trug, und daß ihr Karl VII. ein
Wappen verlieh, das zwei Lilien des Königshauses zeigt, unterteilt
durch ein Schwert mit Knoten, in dem Heraldiker einen Bastard-Balken sehen
wollen - einen Hinwies auf eine illegitime königliche Nebenlinie.
Literatur:
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Markale, Jean: Isabeau de Bavarie. Eugen Diederichs
Verlag München 1994 Seite 166 - Saller Martin: Königin
Isabeau. Die Wittelsbacherin auf dem Lilienthron. Nymphenburger Verlagshandlung
GmbH, München 1979 Seite 175,321 -