Offergeld Thilo: Seite 301-303
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"Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter."

Pippin der Mittlere, als princeps der Neubegründer der pippinidischen Machtstellung, hatte nach den frühen Todesfällen seiner Söhne Drogo und Grimoald seine ursprünglichen Nachfolgepläne noch kurz vor seinem Tod (714) ändern müssen; er entschied sich nicht etwa für einen der erbrechtlich eindeutig favorisierten Söhne Drogos als Nachfolger, sondern für die Fortführung des zu Lebzeiten schon praktizierten Systems der "abgestuften Samtherrschaft", in dem statt Pippin und der Söhne nun seine Witwe Plektrud und ihre Enkel die Führungspositionen übernahmen: Pippins Nachfolger als austrasischer dux wurde der älteste Drogo-Sohn, Arnulf, das - anscheinend weniger wichtige - Hausmeieramt übernahm Grimoalds Konkubinen-Sohn Theudoald, während die faktische Leitung durch das discretum reginem Plektruds erfolgte [7 Vgl. Liber historiae Francorum c. 51, Seite 325. Plectrudis quoque cum nepotibus suis vel rege cuncta gubernabat sub discreto regimine. Plektrud hatte dank ihrer hochadligen Abkunft bekanntlich schon zur Begründung von Pippins Herrschaftstellung entscheidend beigetragen und zu seinen Lebzeiten geradezu als Mitregentin fungiert; vgl. Hlawitschka, Grundlagen, bes. 6-8, 59-61, in Auseinandersetzung mit Matthias Werner, Adelsfamilien im Umkreis der frühen Karolinger. Die Verwandtschaft Irminas von Oeren und Adelas von Pfalzel (VuF Sdbd. 28), Sigmaringen 1982, besonders Seite 241-258; ferner Schieffer, Karolinger Seite 23f.]. Die jüngeren Brüder Arnulfs, Pippin und Godefrid, waren vermutlich minderjährig und spielten nur eine untergeordnete Rolle. Ausgeschlossen von der Herrschaftsbeteiligung wurden die beiden nicht von Plektrud geborenen Söhne Pippins, Karl Martell und Childebrand, wobei auch der letztere noch minderjährig gewesen sein könnnte, vor allem aber wohl einer weniger angesehenen Verbindung entstammmte [8 Kasten, Königssöhne Seite 81 mit Anm. 102.]. Entscheidend war in beiden Fällen jedoch weder Erbbrecht noch Volljährigkeit, sondern eindeutig der politische Wille Plektruds und ihres sterbenden Gemahls, dem zufolge die Sukzession auf ihre gemeinsamen Nachkommen beschränkt bleiben sollte.
Die Nachfolge des Konkubinen-Sohnes Theudoald als Hausmeier belegt, wie wenig eherechtliche Kriterien bei der Herrschaftssukzession galten. Daß auch Theudoald überdies noch minderjährig (parvulus) gewesen sei, wie einige Quellen behaupten [9 Continuationes Fredegarii c. 7, Seite 173.], ist dagegen vermutlich der auf Karl Martell fixierten Sicht der späteren Chronistik zuzuschreiben, die Pippins tatkräftigen und ennergischen Sohn als berufenen Herrscher darstellen und diesem Idealbild mit dem minderjährigen, unehelich geborenen Enkel einen möglichst prägnanten Kontrast entgegenstellen wollte [10 Vgl. Kasten, Königssöhne Seite 85f. Zweifel an der Minderjährigkeit Theudoalds auch bei Semmler, Sukzessionskride Seite 3f. mit Anm. 20 und 22; Schieffer, Karolinger Seite 33; sowie schon bei Heinrich Eduard Bonnell, Die Anfänge des karolingischen Hauses (JDG), Berlin 1866 (ND 1975), Seite 130. Anders, ohne nähere Begründung, Hlawitschka, Grundlagen Seite 6f. mit Anm. 15; und Gerberding, Rise Seite 115 mit Anm. 50, die sein Alter zu 714 mit sechs Jahren angeben. Ohne die Diskussion übber Theudoalds Alter zur Kenntnis zu nehmen, geht Collins, Deception Seite 229-235, von dessen Minderjährigkeit aus, so daß er auch - unter Berufung auf die Namensgleichheit und gegen das Zeugnis des Liber historiae Francorumm c. 49, Seite 324 - vermuten kann, Theudoald sei nicht aus einer illegitimen Verbindung, sondern aus der etwa 710/11 geschlossenen (vgl. Annales Mettenses Seite 18 zu 711) Ehe Grimoalds mit Theudesinde hervorgegangen. Zu den zweifelhaften Belegen für Collins Hypothese, daß Theudoald noch bis 741 gelebt und politische Bedeutung gehabt habe, vgl. Kaiser, Zeit Seite 396; sowie schon Semmler, Sukzessionskrise Seite 6 Anm. 40; vgl. auch Heidrich, Titular Seite 241f. -  Ist Theudoalds Volljährigkeit somit einigermaßen wahrscheinlich, so steht die seines Vetters, des Drogo-Sohns und dux Arnulf, außer Zweifel; vgl. etwa Theodor Breysig, Jahrbücher des fränkischen Reiches 714-741. Die Zeit Karl Martells (JDG), Leipzig 1869 (ND Berlin 1975), Seite 3. Es waren demnach keineswegs nur minderjährige Konkurrenten, gegen die sich Karl Martell durchsetzte (so verschiedentlich die ältere Literatur, zum Beispiel Tangl, Sendung Seite 27; und noch Schieffer, Väter Seite 151).]. Die zeitgenössischen Quellen bezeugen demgegenüber Theudoalds persönliche Beteiligung, ja, sein entscheidendes persönliches Versagen in der Schlacht gegen die rebellierenden Neustrier [11 Liber historiae Francorum c. 51, Seite 325; Continuationes Fredegarii c. 7, Seite 173, wo das Element der Untauglichkeit eindeutig gegenüber der ebenfalls erwähnten (siehe oben Anm. 9) Minderjährigkeit dominiert.].
In den Wirren, die auf die Niederlage folgten, gelang es Karl Martell, die Führung der austrasisch-pippinidischen Partei an sich zu bringen und seine Stiefmutter Plektrud mit ihren Enkeln auszuschalten.