Norwich John Julius: Band III Seite 105-165
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Der zweite Kreuzzug (1143-1149)

Manuel Komnenos war von seinem Vater Johannes im Beisein einer Vielzahl Zeugen zum Basileus ernannt worden, doch sicherte ihm dies noch lange nicht die tatsächliche Nachfolge. Kaiser, das wußte er selbst sehr wohl, wurden in Konstantinopel gemacht, und er befand sich noch immer in der kilikischen Einöde, am völlig falschen Ort also, um sich mit möglichen Rivalen zu befassen, die ihm den Thron streitig zu machen versuchten. Natürlich konnte von einer Weiterführung des Krieges gegen Antiochia nicht die Rede sein. Er mußte so schnell wie möglich in die Hauptstadt zurückkehren, um seine Position zu festigen. Andererseits hatte er seinen Sohnespflichten nachzukommen. So galt es als erstes, das Begräbnis zu organisieren und an der Stelle, an der Johannes gestorben war, ein Kloster zu gründen, dann den Leichnam auf dem Landweg nach Mopsuestia bringen zu lassen, und von dort den Pyramus entlang an die Küste, wo er auf ein Schiff geladen und zur Bestattung an den Bosporus in das von Johannes begründete Pantokratorkloster transportiert werden sollte. Deshalb entschied Manuel sich, Axuch den Titel eines Regenten zu verleihen, und schickte ihn mit der Anweisung nach Konstantinopel voraus, den gefährlichsten seiner potentiellen Widersacher sofort zu verhaften: seinen älteren Bruder Isaak, der, von seinem Vater zwar übergangen, sich dennoch bereits im großen Palast eingerichtet und somit direkten Zugriff auf den Staatsschatz und die kaiserlichen Insignien hatte.
Axuch erledigte seinen Auftrag gut und reiste so zügig, dass er Konstantinopel noch vor der Nachricht von Kaiser Johannes' Tod erreichte. Er bemächtigte sich des protestierenden Isaak und ließ ihn im Pantokratorkloster einsperren; dann ordnete er sicherheitshalber auch die Verhaftung des anderen Isaak an, des Bruders von Johannes und damit Onkel Manuels, der sich im pontischen Heraklea im Exil befand. Die einzige andere Quelle möglicher Schwierigkeiten stellte der Patriarch dar, denn auf ihn war Manuel für die Krönung angewiesen. Wie der Zufall so spielt, fand Axuch dieses Amt gerade unbesetzt vor, war doch der bisherige Inhaber kurz zuvor gestorben und ein Nachfolger noch nicht bestimmt. Um sicherzugehen, dass seinem Herrn die Unterstützung eines jeden möglichen Kandidaten zuteil würde, bestellte der Domestikos alle hohen Geistlichen zu sich in den Palast und präsentierte ihnen eine sehr eindrucksvolle Urkunde mit seidenen Schleifen und scharlachrotem Wachssiegel, in der sich der neue Kaiser zur Zahlung von jährlich 200 Silberlingen an den Klerus der Hagia Sophia verpflichtete. Sie nahmen das Angebot mit allen nur möglichen Zeichen der Dankbarkeit an und versicherten, mit der Krönung werde es keine Schwierigkeiten geben. Sie ahnten nicht, wie billig sie sich verkauften. Unter seiner Robe verborgen, trug Axuch nämlich ein weiteres, ähnliches Schreiben bei sich, das er nötigenfalls hätte verwenden können, und darin wurden ihnen die 200 Münzen nicht in Silber, sondern in Gold geboten!
Dank Axuchs behendem und tüchtigem Handeln kam es zu keinen Unruhen in Konstantinopel - und nur zu einer Verschwörung. Ihr Anführer hieß Johannes Roger, trug den TitelCäsar und war ein Schwiegersohn des verstorbenen Kaisers Johannes; den Titel hatte ihm die Heirat mit Maria eingebracht, einer Schwester des neuen Kaisers Manuel. Dieser Johannes war wahrscheinlich Normanne, einer jener süditalienischen Adligen, die nach ein paar Jahren erfolgloser Rebellion gegen König Roger II. von Sizilien in Konstantinopel Zuflucht gesucht hatten. Roger II. hatte den Thron 1130 bestiegen und sie nach und nach von ihren Ländereien vertreiben lassen; kein Wunder, dass sie hier nun zusammenhielten und Johannes Roger unterstützten. Zum Glück erhielt Axuch bereits zu einem frühen Zeitpunkt von der Verschwörung Kenntnis, und zwar durch Maria höchstpersönlich, und so befand sich ihr Ehemann innerhalb weniger Stunden in Haft.
Erst mehrere Wochen später konnte Manuel Kilikien verlassen und sich nach Konstantinopel begeben. Zuvor gab es noch einen scharfen Briefwechsel mit Raimund von Antiochia, der - durch die unerwartete Wendung vor einer beinahe sicheren Katastrophe bewahrt - wieder die alte Arroganz und Großtuerei an den Tag legte. Aber da die kaiserliche Nachfolge auf dem Spiel stand, mußte die Lagebereinigung im Osten warten. Manuel zog also, kaum hatte er alle Pflichten in Verbindung mit dem Tod seines Vaters erfüllt, mit dem Heer los, und einmal unterwegs, ließ er sich von nichts mehr aufhalten. Weder die Kunde, Raimund sei mit Truppenverbänden in Kilikien einmaschiert, kaum dass er, Manuel, die Gegend verlassen hatte, und habe mehrere Festungen zurückerobert, die ihm Johannes einst abgenommen, noch die Tatsache, dass sein Vetter Andronikos samt Schwiegersohn und einem Trupp Adliger auf einem Jagdausflug in das Landesinnere in die Gewalt seldschukischer Soldaten gerieten, vermochten ihn zu einem Halt zu bewegen. Hatten sie nicht selbst Schuld? Er war gewiß nicht bereit, den Thron für ihre Rettung aufs Spiel zu setzen.
In Konstantinopel - wo er vermutlich Mitte August eintraf - ernannte er als erstes einen gewissen Michael Curcuas zum neuen Patriarchen, und dessen erste Amtsaufgabe bestand in der Krönung des Kaisers. Unmittelbar nach diesen Feierlichkeiten legte Kaiser Manuel zusätzlich zur versprochenen jährlichen Unterstützung 200 Pfund Gold auf den Hochaltar der Hagia Sophia und verfügte, dass zur Feier des Tages jeder Haushalt in der Stadt zwei Goldstücke erhalten solle. Ein paar Tage später ordnete er die Freilassung seines BrudersIsaak an und hob die Verbannung seines gleichnamigen Onkels auf; er hatte nichts mehr zu befürchten, weder vom einem noch vom andern. Sein Vater hatte ihn ernannt, sein Patriarch gekrönt und sein Volk bejubelt. Seine Stellung war gesichert.
Als erstes stach an Manuel Komnenos die Größe ins Auge; in allen Chroniken ist davon die Rede. Heute gälte sie wohl als Durchschnitt, nach den Maßstäben des 12. Jahrhunderts muß sie indes außergewöhnlich gewesen sein. Und hätte er sich beim Gehen ganz gerade gehalten - was er trotz seines jugendlichen Alters offenbar nicht tat -, hätte er noch größer gewirkt. Niketas bezeichnet seine Hautfarbe als dunkel, aber nicht unvorteilhaft dunkel; später jedoch erwähnt er, während der Belagerung von Korfu 1149 hätten sich die Venezianer, um ihn zu ärgern, den Scherz geleistet, einen äthiopischen Sklaven in kaiserliches Ornat zu kleiden, und diese Anekdote deutet darauf hin, dass Manuel die sehr dunkle Gesichtsfarbe seines Vaters aufwies. Er unterschied sich indes zumindest in zwei Punkten deutlich von diesem. Er muß außerordentlich gut ausgesehen haben, und sein Charme, seine Vergnügungssucht und seine Lebensfreude bildeten einen erfrischenden Gegensatz zu Johannes' humorloser und von hohen Grundsätzen geprägter Enthaltsamkeit - auf die sie in der Tat eine ganz natürliche Reaktion gewesen sein könnten. Ob er sich im Blacherenpalast, in einem Jagdhaus oder in einer seiner verschiedenen Villen am Bosporus aufhielt, Manuel fand stets einen Vorwand, um ein Gelage zu feiern.
Doch er war kein oberflächlicher Nichtsnutz. Befand er sich auf einem Feldzug, fiel all seine scheinbare Leichtfertigkeit von ihm ab, und zum Vorschein kam ein guter Soldat und ausgezeichneter Reiter. Mag sein, dass er etwas zu sehr in das Abenteuer als solches verliebt war, um ein ebenso brillanter Feldherr zu sein wie sein Vater - nur wenige seiner Feldzüge zeichneten sich durch außerordentlichen Erfolg aus -, doch konnten weder an seiner Tatkraft noch an seinem Engagement Zweifel bestehen. Weder größte Hitze noch äußerste Kälte setzten ihm zu, seine Ausdauer war legendär, und als einzige Schwäche wird seine Neigung vermerkt, allein in feindliches Gebiet zu reiten und sich unnötig in Gefahr zu bringen. "Im Krieg", schreibt Gibbon, "schien er keinen Frieden zu kennen, in Friedenszeiten nicht fähig, einen Krieg zu führen. "Als gewandter Diplomat legte er in den folgenden Jahren immer wieder den Weitblick und die sichere Hand des geborenen Staatsmannes an den Tag. Gleichzeitig blieb er in gewisser Weise der typische byzantinische Intellektuelle, kultiviert und belesen, sowohl in der Kunst wie in den Wissenschaften, ein Mann, der nichts mehr liebte, als stundenlang mit Klostertheologen zu disputieren und sich in dogmatische Streitfragen der spekulativsten Art zu verstricken; oft rief er mit geradezu unerhörten Argumenten bei seinen Gesprächspartnern blankes Entsetzen hervor. Aber Manuel gab nicht vor, ebenso religiös zu sein wie sein Vater. Er debattierte weniger, um recht zu bekommen oder zur Wahrheit vorzustoßen als aus Freude an der Auseinandersetzung. Kein Wunder, dass er mit Fortschreiten seiner Regentschaft bei der Kirche immer unbeliebter wurde, wo man seinen fortgesetzten Versuchen, eine Wiedervereinigung mit Rom zu erreichen, mißtraute, seine häufigen taktischen Bündnisse mit den Sarazenen mißbilligte und schockiert war, dass er den Sultan von Ikonion nach Konstantinopel einlud und sogar vorschlug, ihn an einer feierlichen Prozession zur Hagia Sophia teilnehmen zu lassen.
Am meisten aber wird die Geistlichkeit wohl sein Privatleben mißbilligt haben. Wenn es um Frauen ging, war Manuel offenbar unersättlich, und er verstand es auch, ihre Gunst zu gewinnen; kurz gesagt, er war ein Frauenheld und Schürzenjäger. Seine erste Frau hinterging er schon kurz nach der Vermählung, und noch auf seinem Sterbelager, 34 Jahre später, vertraute er darauf, bald wieder in die Lage zu kommen, diese Praxis bei seiner zweiten fortsetzen zu können. Was die Identität der anderen Frauen betrifft, sind unsere Quellen schmerzlich diskret; die einzige, die wir beim Namen nennen können, ist seine Nichte Theodora, mit der er einen Sohn hatte. Sie galt als seine offizielle Geliebte und verfügte über einen eigenen Palast, ein Gefolge und eine persönliche Wache. Sie gebärdete sich in jeder Hinsicht, wie es Kaiserinnen und Kaisern, zumal byzantinischen, gebührte: Einmal, so wird überliefert, ließ sie eine Frau, in der sie eine potentielle Rivalin witterte, die ihre einflußreiche Stellung hätte gefährden können, kurzerhand beseitigen.
Manuel wäre so oder so ein untreuer Gatte gewesen; aber diese Neigung erhielt zweifellos zusätzlichen Auftrieb durch die Erscheinung und die Wesensart seiner ersten Frau, die sich nicht mit törichten Umgarnungsversuchen aufhielt, sondern andere Werte pflegte. Bereits 1142 hatte Johannes Komnenos eine dynastisch begründete Vermählung mit Manuel als Bräutigam eingefädelt, um seinen Bund mit KONRAD III., dem designierten Kaiser von West-Rom, gegen König Roger II. von Sizilien zu besiegeln. Von der Idee entzückt, hatte KONRAD zu diesem Zweck seine Schwägerin, die deutsche Prinzessin Bertha von Sulzbach, als Braut vorgeschlagen und nach Konstantinopel gesandt. Manuel, dessen drei ältere Brüder zu diesem Zeitpunkt alle noch am Leben waren, so dass er nicht viel Aussicht auf den Thron hatte, konnte sich für die Idee nicht erwärmen, und eine erste Begegnung zwischen ihm und der für ihn vorgesehenen Braut trug wenig dazu bei, allseits Begeisterung für den Plan zu entfachen. Doch gegen Ende des Jahres 1144 überlegte man sich die Vor- und Nachteile noch einmal, und nach weiteren Verhandlungen mit KONRAD, die in einem Bündnis gipfelten, wurden die entsprechenden Vorkehrungen getroffen. Bertha hatte die Zeit bis dahin in der Abgeschiedenheit der kaiserlichen Frauengemächer verbracht. Nun trat sie wieder in das Licht der Öffentlichkeit, tauschte ihren fremden fränkischen gegen den wohlklingenderen, wenn auch betrüblich unoriginellen griechischen Namen Irene und nahm im Januar 1146 pflichtgetreu Kaiser Manuel zum Mann.
Laut Basil von Ochrid, Erzbischof von Thessaionike, der 1160 für sie die Totenmesse las, soll Kaiserin Bertha-Irene durch ihre schöne Gestalt, den Rhythmus ihrer Bewegungen und ihren blütenzarten Teint selbst unbeseelte Dinge entzückt haben, aber bei einer Totenrede unterliegt niemand einem Eid, und so sei darauf hingewiesen, dass andere, sachlichere Zeugnisse uns ein abweichendes Bild ihrer wirklichen Tugenden vermitteln. So heißt es bei Niketas Choniates:
Sie war indes nicht so sehr auf äußere Schönheit bedacht als auf innere Vorzüge und Seelenschönheit. Deshalb lehnte sie Puder, Untermalung der Augen, Mieder und Schminke, den Ersatz für die natürliche Wangenröte, ab. Das alles überließ sie den törichten unter den Frauen, sie selbst baute auf ihre Tugend, diese war ihr Schmuck. Sie hatte aber auch die Unbeugsamkeit und Starrsinnigkeit ihres Volkes, weshalb die Beziehungen des Kaisers zu ihr kühl blieben. Manuel gewährte ihr jede Ehre, einen prächtigen Thron und herrliche Gewänder, ein Gefolge und alles übrige, was nur einer Kaiserin zusteht, aber die Ehre des Ehebettes verletzte er oft.
Sie starb, ohne sich viel Respekt oder Verehrung verschafft zu haben. Ob sie sich darum bemühte oder nicht - und es ist zu vermuten, dass sie es nicht allzu heftig betrieb -, es gelang Bertha nie, die Zuneigung der byzantinischen Bevölkerung zu gewinnen, der sie zu steif und zu unelegant, kurz, zu deutsch erschien. Dies leistete wohl auch dem Gerücht über ihre legendäre Niedertracht Vorschub. Doch auf dem diplomatischen Parkett bewies sie auf überzeugende Weise ihren Wert, sprang sie doch mehrmals mit Erfolg ein, wenn es darum ging, bei gespannten Beziehungen zwischen ihrem Mann und ihrem Schwager zu vermitteln. Sie spielte zudem eine entscheidende Rolle beim Zustandekommen des politischen Bündnisses zwischen Manuel und KONRAD, das 1148 anläßlich KONRADS Besuchs in Konstantinopel geschlossen wurde. Im allgemeinen aber lebte sie zurückgezogen im Palast und widmete sich gottesfürchtigen Werken und der Erziehung und Ausbildung ihrer beiden Töchter, von denen die eine noch im Kindesalter starb. Berthas Tod rief nur wenig Echo hervor - am wenigsten von seiten ihres Ehemannes.
Manuel Komnenos hatte den byzantinischen Thron mit einem Stachel im Herzen bestiegen. Weder konnte er die Beleidigungen vergessen, die ihm Raimund von Antiochia in Kilikien zugefügt hatte, noch diesem den Eifer vergeben, den er darangesetzt hatte, die eingenommenen Festungen zurückzuerobern und den byzantinischen Städten, Dörfern und Landsitzen soviel Schaden wie nur möglich zuzufügen, kaum dass Manuel ihm den Rücken zugewandt hatte. Ein unrühmlicherer Beginn seiner Regentschaft hätte sich kaum denken lassen, und er war entschlossen, dies nicht einfach hinzunehmen. Leider war es ihm nicht möglich, persönlich einen Feldzug zu führen, sosehr er sich dies auch gewünscht hätte, doch Konstantinopel schon so kurze Zeit nach der Krönung zu verlassen, wäre einer Einladung zum Aufruhr gleichgekommen. So entsandte er zu Beginn des Jahres 1144 eine größere amphibische Expedition Richtung Südosten. Die Flotte vertraute er einem gewissen Demetrios Branas an, das Landheer unterstellte er dem gemeinsamen Befehl der Brüder Johannes und Andronikos Kontostephanos und einem konvertierten Türken namens Bursuk. Die Verbände eroberten die verlorenen Burgen zurück und - um Raimund etwas von seiner eigenen Medizin zu verabreichen - verwüsteten den Landstrich um Antiochia. In der Zwischenzeit fuhren Branas und seine Flotte die gesamte Küste des Fürstentums ab; sie zerstörten sämtliche Schiffe, die sie vorfanden, und nahmen viele Ortsansässige gefangen, darunter auch einen örtlichen Steuereintreiber mitsamt seinen Geldbeuteln.
Ob Raimund von Antiochia sich rächen wollte, ist uns nicht bekannt, denn noch bevor das Jahr zu Ende war, hatte sich die gesamte Situation im Gebiet der Kreuzfahrerstaaten geändert: Am Heiligen Abend, nach einer 25-tägigen Belagerung und begleitet von Szenen brutalsten Gemetzels, eroberte Imad ed-Din Zengi die Kreuzfahrergrafschaft Edessa. Antiochia, so schien es allgemein, würde als nächstes dran glauben müssen. Raimund blieb nur ein Ausweg: seinen Stolz zu begraben, sich nach Konstantinopel zu begeben und Manuel um Hilfe anzugehen. Dieser weigerte sich zunächst, ihn zu empfangen. Erst nachdem Raimund zum Pantokratorkloster gepilgert und in stiller Reue an Johannes' Grab nidergekniet war, wurde ihm eine Audienz gewährt. In der Folge behandelte Manuel ihn mit verblüffender Rücksicht und versprach ihm regelmäßige Unterstützung, wenn auch keine direkte militärische Hilfe. Raimund kehrte recht zufrieden mit dem Erreichten nach Hause zurück. Er wäre noch zufriedener gewesen, hätte er gewußt, dass die Nachricht seines Besuchs - nicht aber das Ergebnis - Zengi übermittelt wurde und dieser daraufhin entschied, die neuerlichen Angriffe auf die fränkischen Stützpunkte, mit deren Vorbereitungen er eben beschäftigt war, zu verschieben. Im Jahr darauf aber wurde der große Atabeg von einem betrunkenen Eunuchen ermordet, und die Kreuzfahrerstaaten waren den mächtigsten Feind los, dem sie sich je gegenübergesehen hatten.
Die Nachricht des Falls von Edessa zeitigte Wirkung weit über Antiochia hinaus; sie erschütterte die ganze christliche Welt. Für die Völker West-Europas, die den Erfolg im ersten Kreuzzug als Zeichen göttlicher Gunst gewertet hatten, stellte er all die bequemen Ansichten, die sie vertraten, in Frage. Wie war es möglich, dass nach weniger als einem halben Jahrhundert das Kreuz einmal mehr dem Halbmond hatte weichen müssen? Schon seit geraumer Zeit berichteten Reisende, die aus dem Osten zurückkehrten, von einer weitverbreiteten Verderbtheit unter den fränkischen Kreuzfahrern. Waren sie möglicherweise in den Augen des Allmächtigen nicht mehr würdig, die heiligen Stätten unter dem Banner ihres Erlösers zu bewachen?
Was die fränkischen Kreuzfahrer an Ort und Stelle betraf, so hatte die lange Vertrautheit mit eben diesen heiligen Stätten ihnen eine prosaischere Einstellung beschieden. Sie wußten recht genau, weshalb Edessa erobert worden war: Schuld daran war ihre militärische Schwäche. Längst war die erste große Woge der Begeisterung für die Kreuzzüge verebbt, die 1099 in der umjubeiten Eroberung Jerusalems gegipfelt hatte. Die Immigrationsflut aus dem Westen hatte sich zu einem Rinnsal verdünnt. Viele Pilger trafen noch immer unbewaffnet ein, wie es die Tradition verlangte, und selbst wer darauf vorbereitet war, das Schwert zu schwingen, hatte nach einem Sommerfeldzug mehr als genug. Die einzige ständig einsatzbereite Armee - falls man sie als solche bezeichnen konnte - bestand aus den beiden militanten Orden der Johanniter und Templer; aber sie allein konnten nicht erwarten, einem konzentrierten Angriff standzuhalten, und benötigten dringend Verstärkung. So zog unter Führung von Hugo, Bischof von Jabala, eine Gesandtschaft von Jerusalem zum Papst, um diesem offiziell Bericht über die Katastrophe zu erstatten und ihn mit größtmöglichem Nachdruck um einen Kreuzzug zu bitten.
Papst Eugen III. befand sich indes selbst nicht in einer allzu sicheren Position; der im mittelalterlichen Rom mit einem Wechsel üblicherweise verbundene Tumult hatte ihn drei Tage nach seiner Wahl in die Flucht getrieben und in Viterbo Zuflucht suchen lassen. Daher konnte er die Führung des neuen Kreuzzugs nicht selbst übernehmen, wie Papst Urban II. dies versucht hatte. Beim Blick in die Runde möglicher Kandidaten aus dem westlichen Adel aber fand er nur einen, der in Frage kam. Der deutsche König KONRAD III., dem die Ehre eigentlich zugestanden hätte, steckte bis über beide Ohren in Schwierigkeiten, der englische König Stephan mußte sich mit einem schwelenden Bürgerkrieg auseinandersetzen, und Roger II. von Sizilien kam aus allen nur möglichen Gründen überhaupt nicht in Frage. Blieb nur der französische König Ludwig VII. Er verbreitete, obwohl erst 24 Jahre alt, eine Aura sittenstrenger Frömmigkeit, die ihn viel älter wirken ließ - und seine glanzvoll auftretende, lebenslustige Frau, Eleonore von Aquitanien, entsetzlich langweilte. Ludwig war zum Pilger geboren, der Kreuzzug für ihn Christenpflicht; auch sprachen familiäre Gründe dafür, denn Eleonore war eine Nichte Raimunds von Antiochia. So verkündete er an Weihnachten des Jahres 1145 seine Absicht, das Kreuz zu nehmen, und setzte den Papst formell davon in Kenntnis; dann sandte er nach dem Abt Bernhard von Clairvaux, auf dass sich in den Herzen all seiner Untertanen ebenso das Kreuzzugsfeuer entzünde wie in seinem eigenen. Von diesem Augenblick an nahm sein Einfluß unaufhaltsam zu, und die letzten 25 Jahre seines Lebens war er rastlos tätig; er predigte, beschwor, argumentierte und debattierte, schrieb unzählige Briefe und stürzte sich wie zwanghaft in jede Kontroverse, in der er christliche Prinzipien angetastet glaubte. Der beabsichtigte Kreuzzug war ein Unternehmen nach seinem Herzen. Bereitwillig erklärte er sich einverstanden, ihn zu fördern, und zwar anläßlich der Versammlung, die König Ludwig VII. für den folgenden Palmsonntag im burgundischen Vezelay einberufen hatte. Bernhards Name zeitigte sofort Wirkung, und als der vereinbarte Tag nahte, ergoß sich eine Flut von Frauen und Männern aus allen Ecken Frankreichs in das kleine Dorf. Da ihrer zu viele waren, als dass sie in der Kirche Platz gefunden hätten, wurde an einem Berghang in aller Eile eine große hölzerne Plattform errichtet. Daselbst hielt Bernhard am 31. März 1146 eine der folgenschwersten Brandreden seines Lebens; ihm zur Seite stand König Ludwig, das Kreuz bereits auf der Brust, das ihm Papst Eugen in Anerkennung seiner Entscheidung gesandt hatte. Was Bernhard sagte, ist im Wortlaut nicht überliefert, doch dürfen wir annehmen, dass weniger was, sondern vielmehr, wie er es sagte, auf sein Publikum übergriff. Während er sprach, begann das Volk, das zuerst still gelauscht hatte, lautstark nach eigenen Kreuzen zu brüllen. In weiser Voraussicht hatte man solche bereits zuvor bündelweise aus rauhem Tuch geschnitten und zur Verteilung vorbereitet. Als der Vorrat erschöpft war, riß sich Bernhard das eigene Gewand vom Leib und in Streifen, um weitere Kreuze zu fertigen. Andere folgten seinem Beispiel, und als es dunkel wurde, waren er und seine Helfershelfer noch immer mit Nähen beschäftigt. Eine wahrhaft hinreißende Leistung. Niemand anders in Europa hätte sie erbringen können. Allein, wie die Ereignisse bald zeigen, wäre all dies besser niemals geschehen.
Im Laufe des Sommers 1146 versuchte Ludwig VII. in einem Brief Manuels Sympathie für den kommenden Kreuzzug zu gewinnen. Manuel mochte die Leute aus dem West-Reich und deren Lebensstil lieber als alle gekrönten byzantinischen Häupter vor ihm; dennoch empfand er die Aussicht auf einen erneuten Großeinfall undisziplinierter französischer und deutscher Landser - Bernhard war inzwischen von Frankreich weiter nach Deutschland gezogen, wo seine Botschaft auf ebenso fanatische Zustimmung und Begeisterung gestoßen war - als äußerst unangenehm. Dass der erste Kreuzzug seinem Großvater ein halbes Jahrhundert zuvor wahre Alpträume verursacht hatte, war ihm in vollem Umfang bewußt, und er wollte nicht, dass sich das wiederholte. Zugegeben, es gab nicht unerhebliche Querelen mit dem Sultan von Ikonion, gegen den er gerade den zweiten nicht sonderlich entschiedenen Feldzug führte, und es war durchaus denkbar, dass diese Kreuzfahrermassen sich besser aufführten als ihre Vorgänger, ja sich auf lange Sicht sogar als Segen erweisen konnten. Doch er zweifelte daran. Seine Antwort an Ludwig fiel daher so lau wie nur möglich aus, ohne direkt Anstoß zu erregen: Er würde zwar Nahrung und Lager für die Truppen bereitstellen, doch all dies nur gegen klingende Münze, und alle Truppenführer müßten auch diesmal für die Zeit der Durchquerung seiner Herrschaftsgebiete ihm, dem byzantinischen Kaiser, den Treueeid leisten.
Doch ach, auch noch die leisesten Hoffnungen, die sich Manuel in bezug auf das Benehmen dieser neuen Helden der Christenheit vielleicht machte, zerschlugen sich rasch. Das deutsche Heer von ungefähr 20.000 Mann, das im Mai 1147 in Ratisbona (Regensburg) loszog, scheint mehr als nur den ihm zustehenden Anteil an unerwünschten Elementen mitgeführt zu haben, von vereinzelten religiösen Fanatikern über den gewohnten Haufen sonst herumlungernder Taugenichtse bis hin zu solchen, die vor dem Gesetz flohen, wie üblich angezogen vom Versprechen der vollumfänglichen Absolution für alle, die das Kreuz nahmen. Kaum hatten sie byzantinisches Gebiet betreten, begannen sie zu plündern, zu zerstören, zu vergewaltigen und zu morden, wie es sie gerade ankam. Oft gingen ihnen ihre Anführer dabei mit schlechtem Beispiel voran. KONRAD, der sich zunächst geweigert hatte, in irgendeiner Form an diesem Kreuzzug teilzunehmen, an Weihnachten jedoch bereut und nachgegeben hatte, nachdem er von Bernhard öffentlich gerügt worden war, bewahrte wie gewohnt Anstand; sein Neffe und stellvertretender Befehlshaber jedoch, der junge Herzog Friedrich von Schwaben - allgemein besser bekannt als FRIEDRICH BARBAROSSA -, brandschatzte mit seiner Horde in Adrianopel (Edirne) vorgeblich zur Vergeltung eines Überfalls durch örtliche Banditen ein Kloster und massakrierte die völlig unschuldigen Mönche. Immer häufiger kam es zu Scharmützeln zwischen den Kreuzfahrern und der byzantinischen Militäreskorte, die Manuel zu deren Kontrolle abkommandiert hatte. Und als die fremden Heere schließlich Mitte September vor den Mauern Konstantinopels auftauchten - KONRAD hatte Manuels Ersuchen, über den Hellespont (die Dardanellen) nach Asien zu ziehen und so die Hauptstadt zu umgehen, empört abgelehnt -, waren die Beziehungen zwischen der deutschen und der griechischen Seite auf dem Tiefpunkt angelangt.
Da, noch bevor sich die Bevölkerung entlang der Marschroute vom Schreck hatte erholen können, tauchte am westlichen Horizont bereits das französische Heer auf. Es war kleiner als das deutsche und wußte sich insgesamt besser zu benehmen; es herrschte mehr Disziplin, und zweifellos übte die Anwesenheit vieler adliger Damen - unter ihnen auch Königin Eleonore von Aquitanien - auf die Männer einen mäßigenden Einfluß aus. Aber auch das Vorrücken des französischen Heers verlief nicht ganz reibungslos. Denn inzwischen legte die Landbevölkerung im Balkan verständlicherweise offene Feindseligkeit an den Tag und verlangte lachhaft hohe Preise für das bißchen Nahrung, das sie noch zu verkaufen hatte. Bald herrschte gegenseitigem Mißtrauen und führte zu gerissenen Gaunereien auf beiden Seiten. So kam es, dass die französischen Kreuzfahrer, lange bevor sie in Konstantinopel eintrafen, eine beträchtliche Abneigung sowohl gegen das deutsche Heer als auch gegen die griechische Bevölkerung empfanden. Und als sie schließlich am 4. Oktober die Hauptstadt erreichten, vernahmen sie zu ihrem Entsetzen, dass Manuel soeben einen Waffenstillstand mit dem türkischen Feind vereinbarte.
Obwohl von König Ludwig nicht erwartet werden konnte, dass er sie guthieß, war die von Manuel getroffene Vorsichtsmaßnahme vernünftig. Die Anwesenheit der französischen und deutschen Soldaten vor den Toren seiner Hauptstadt stellte eine weitaus ernstere unmittelbare Bedrohung dar als das türkische Heer in Asien. Manuel wußte, dass es in beiden Lagern Extremisten gab, die auf einen vereinten westlichen Angriff auf Konstantinopel drängten. Und tatsächlich unterbreitete Gottfried, Bischof von Langres und Vetter Bernards, Ludwig nur wenige Tage später diesen Vorschlag in aller Form. Nur indem Manuel vorsätzlich das Gerücht verbreitete, in Anatolien werde ein riesiges türkisches Heer zusammengezogen, und gleichzeitig durchsickern ließ, die Franken müßten sich sputen, um das feindliche Gebiet ungeschoren durchqueren, ja um überhaupt noch durchkommen zu können, vermochte er die Situation zu retten. Er schmeichelte Ludwig zur Ablenkung mit seinem üblichen Angebot an luxuriösem Zeitvertreib und üppigen Banketten und ließ derweil für ihn und das fränkische Heer die Überquerung des Bosporus zum frühest möglichen Zeitpunkt in die Wege leiten.
Während Manuel seine unwillkommenen Gäste verabschiedete und das Hin und Her der bis zum Dollbord mit Mensch und Tier beladenen Fähren über die Meerenge verfolgte, sah er die Gefahren, welche die Franken auf dem zweiten Teil ihres Zuges erwarteten, klarer voraus als irgend sonst jemand. Er war erst kurz zuvor von einem Feldzug in Anatolien zurückgekehrt; auch wenn seine Geschichten über die türkischen Scharen, die sich angeblich zusammenzogen, übertrieben waren, muß er angesichts der dahinschlurfenden Kreuzfahrer, denen es bereits deutlich an Moral und Disziplin mangelte, gewußt haben, dass für sie nur eine geringe Überlebenschance bestand, wenn sie unversehens einem Angriff der seldschukischen Reiterei ausgesetzt waren. Er hatte sie mit Proviant und Führern ausstatten und über die Wasserknappheit in Kenntnis setzen lassen; und er hatte ihnen geraten, nicht den direkten Weg durch das Hinterland einzuschlagen, sondern sich an die Küste zu halten, die sich noch immer unter byzantinischer Kontrolle befand. Mehr konnte er nicht tun. Wenn die Kreuzfahrer nach all diesen Warnungen darauf beharrten, sich abschlachten zu lassen, so waren sie selbst schuld. Was ihn betraf, so würde es ihm zwar leid tun, doch untröstlich wäre er deshalb nicht.
Es können kaum mehr als ein paar Tage nach diesem Abschied vergangen sein, da erreichten den Kaiser zwei Botschaften aus zwei entgegengesetzten Himmelsrichtungen. Die erste, von Schnellboten aus Kleinasien gebracht, enthielt die Nachricht, dass das deutsche Heer vom türkischen bei Dorylaion überrascht und mehr oder weniger aufgerieben worden war. KONRAD und Friedrich von Schwaben waren entkommen und umgekehrt, um sich den Franzosen bei Nikäa anzuschließen, aber neun Zehntel ihrer Leute waren tot oder siechten zwischen den Trümmern des Lagers dem Tod entgegen. Die zweite enthielt die Nachricht, dass die Flotte König Rogers von Sizilien soeben im Begriff war, mit vollen Segeln gegen Byzanz zu ziehen.
Die sizilianische Flotte stand unter dem KommandoGeorgs von Antiochia, eines abtrünnigen Griechen, der es aus eigener Kraft zum stolzesten Titel gebracht hatte, den ihm seine Wahlheimat verleihen konnte: Emir der Emire, Oberbefehlshaber zur See und höchster Minister des Reichs. Sie war im Herbst 1147 in Otranto ausgelaufen und hatte direkten Kurs über die Adria auf Korfu genommen. Diese Insel fiel kampflos; Niketas berichtet, die Bevölkerung habe, vom Gewicht der byzantinischen Steuern erdrückt und über die süßen Worte des Admirals entzückt, die Normannen als ihre Befreier willkommen geheißen und bereitwillig eine Garnison von eintausend Mann akzeptiert. Dann drehte die Flotte nach Süden ab, umrundete den Peloponnes und ließ jeweils an strategisch wichtigen Stellen Truppenteile zurück; schließlich segelte sie die griechische Ostküste hoch bis nach Euböa. Dort scheint Georg sich gedacht zu haben, er sei weit genug gekommen; die Flotte wendete, fiel kurz über Athen her, umfuhr abermals den Peloponnes und wandte sich auf der Höhe der ionischen Inseln dann erneut nach Osten, in den Golf von Korinth, wobei sie im Vorbeifahren die Küstenstädte plünderte. Niketas beschrieb die Art ihres Vorgehens als die eines Meerungeheuers, das alles verschlingt, was ihm im Weg liegt. Einer der Streifzüge führte weit ins Landesinnere bis nach Theben, dem Zentrum der byzantinischen Seidenherstellung. Neben zahllosen Ballen kostbaren Damasts und Brokats fiel Georgs Soldaten auch eine große Zahl Gefangener in die Hände, Expertinnen sowohl auf dem Gebiet der Zucht und Nutzung der Seidenraupe als auch der Seidenspinnerei und -weberei, die er triumphierend nach Palermo schaffen ließ.
Die Kunde des sizilianischen Verwüstungzuges erzürnte Manuel. Was immer er vom Kreuzzug gehalten haben mag, die Tatsache, dass ein sogenannt christliches Land sich diesen vorsätzlich zunutze machte, um sein Reich anzugreifen, empörte ihn; und das Wissen, dass der kommandierende Admiral Grieche war, dürfte seinen Zorn nicht gerade gemildert haben. 100 Jahre zuvor war Apulien eine reiche byzantinische Provinz gewesen und nun kaum mehr als ein Piratennest. Das konnte er unmöglich dulden. Roger, "diesen Drachen, der droht, die Flammen seines Zorns höher lodern zu lassen als der Krater des Ätna diesen gemeinsamen Feind der ganzen Christenheit und illegalen Besetzer Siziliens", galt es für immer vom Mittelmeer zu vertreiben. Das Abendland hatte es versucht und war gescheitert; nun war es an Byzanz. Manuel rechnete mit Erfolg, vorausgesetzt, er erhielt angemessene Hilfe und war frei von anderen Verpflichtungen. Die Kreuzfahrerheere waren abgezogen. Er selbst hatte bereits ein Waffenstillstandsabkommen mit den Türken geschlossen, welches er jetzt bekräftigte und ausbaute. Es war wesentlich, dass ihm jeder Soldat und Matrose im Reich für sein großes Vorhaben zur Verfügung stand, ein Vorhaben, das sich letztlich vielleicht als krönende Leistung seines Lebens erwies: die Rückführung ganz Süd-Italiens und Siziliens in den Schoß des Byzantinischen Reichs. Es galt allerdings, geeignete Verbündete zu finden. Nachdem Franken und Deutsche nicht mehr in Frage kamen, zog Manuel Venedig in Erwägung. Er wußte sehr gut, dass dort bei der Bevölkerung schon seit geraumer Zeit Besorgnis über das Wachstum der sizilianischen Seemacht herrschte. Venedig konnte das Mittelmeer nicht mehr in dem Maß kontrollieren wie einst; und während die Basare von Palermo, Catania und Syrakus immer betriebsamer wurden, begannen die Geschäfte auf dem Rialto nachzulassen. Sollte es Roger gelingen, seine Stellung auf Korfu und im Küstenstrich Epiros zu festigen, war er überdies in der Lage, die Adria abzuriegeln, und Venedig konnte sich unvermittelt unter sizilianischer Blockade wiederfinden. Die venezianische Regierung feilschte natürlich ein bißchen - als exzellente Kaufleute gaben sie niemals etwas für nichts -, aber im März 1148 erhielt Manuel als Gegenleistung für weiterreichende Handelsprivilegien auf Zypern, Rhodos und in Konstantinopel, was er begehrte, nämlich die vollumfängliche Unterstützung durch ihre Flotte während der kommenden sechs Monate. In der Zwischenzeit war er damit beschäftigt, seine eigene Flotte einsatzbereit zu machen. Johannes Kinnamos, inzwischen zu Manuels Chefsekretär avanciert, schätzt ihre Stärke auf 500 Galeeren und 1.000 Truppenschiffe - eine angemessene Ergänzung für ein Landheer, das 20.000 bis 30.000 Mann umfaßte. Das Landheer vertraute Manuel wie immer Johannes Axuch an, die Flotte Stephan Kontostephanos, dem Ehemann seiner Schwester Anna. Die oberste Befehlsgewalt wollte er persönlich wahrnehmen.
Im April war die riesige Streitmacht marschbereit. Die Schiffe lagen, wieder instand gesetzt und mit Proviant versehen, im Marmarameer vor Anker, das Landheer wartete nur noch auf den Marschbefehl. Dann ging plötzlich alles drunter und drüber. Kumanische Verbände überrannten die Donau und drangen in byzantinisches Hoheitsgebiet ein, die venezianische Flotte wurde durch den plötzlichen Tod des Dogen aufgehalten, und eine Folge launischer Sommerstürme legte die Schiffahrt im östlichen Mittelmeer lahm. Erst im Herbst trafen die beiden Flotten in der südlichen Adria aufeinander, um gemeinsam eine Seeblockade gegen Korfu zu errichten. Die Landoffensive aber verzögerte sich weiterhin. Als Manuel schließlich den kumanischen Einfall abgewickelt hatte, stand fest, dass das Pindosgebirge zugeschneit sein würde, lange bevor die Truppen es überquert hätten. Er ließ sie deshalb in Makedonien das Winterquartier errichten und ritt weiter nach Thessalonike, wo ihn ein wichtiger Gast erwartete: KONRAD VON HOHENSTAUFEN war soeben aus dem Heiligen Land zurückgekehrt.
Der 2. Kreuzzug hatte mit einem Fiasko geendet. KONRAD und die wenigen seiner Gefolgsleute, die das Gemetzel in Dorylaion überlebt hatten, waren mit dem fränkischen Heer nach Ephesos gezogen, und dort erkrankte KONRAD an Weihnachten schwer. Als Manuel und Irene (Bertha von Sulzbach) dies vernahmen, brachen sie umgehend in Konstantinopel auf, um ihn zu holen, und brachten ihn sicher in ihren Palast, wo ihn Manuel, der sich seiner medizinschen Fachkenntnisse rühmte, persönlich gesund pflegte. KONRAD war dann gleich in Konstantinopel geblieben, und Manuel stellte ihm im März 1148 Schiffe für die Reise nach Palästina zur Verfügung. Bis dahin hatten die französischen Kreuzfahrer eine qualvolle Durchquerung Anatoliens hinter sich und schwere Verluste durch die Türken erlitten. Schuld daran trug ausschließlich Ludwig, hatte er doch Manuels guten Rat, sich an die Küste zu halten, einfach ignoriert. Gleichzeitig beharrte er darauf, jedes Zusammentreffen mit dem Feind auf byzantinische Fahrlässigkeit oder auf Verrat oder auf beides zurückzuführen und entwickelte bald einen beinahe krankhaften Groll gegen alles Griechische. Schließlich bestiegen er, sein Gefolge und so viele Reiter, wie sich unterbringen ließen, in letzter Verzweiflung in Attaleia ein Schiff und überließen das übrige Heer und die Pilgerschar einfach ihrem Schicksal. Gegen Ende des Frühjahrs 1148 schleppte sich der kümmerliche Rest des Riesenheers, welches im Vorjahr so selbstsicher ausgezogen war, mühselig nach Antiochia hinein. Doch da fingen die Sorgen erst richtig an. Der mächtige Imad ed-Din Zengi war zwar tot, aber sein Herrschermantel an seinen noch erfolgreicheren Sohn Nur ed-Din übergegangen und dessen Festung Aleppo zum Brennpunkt der moslemischen Opposition gegen den Frankenstaat geworden. Aus diesem Grund sollten die Kreuzfahrer Aleppo als erstes angreifen, und bereits wenige Tage nach seinem Eintreffen in Antiochia fand sich Ludwig durch Raimund unter beachtlichem Druck, einen Sofortangriff auf Aleppo zu unternehmen. Er weigerte sich mit der Begründung, er müsse zuvor am Heiligen Grab beten, worauf Königin Eleonore, deren Zuneigung zu ihrem Gemahl sich durch die Gefahren und Unannehmlichkeiten auf der Reise nicht eben vergrößert hatte - und deren Beziehung zu Raimund bereits im Verdacht stand, etwas über die normale Beziehung einer Nichte zu ihrem Onkel hinauszugehen -, ihre Absicht bekanntgab, in Antiochia zu bleiben und die Scheidung einzureichen. Sie und Ludwig waren entfernte Verwandte; man hatte die Frage der Blutsverwandtschaft bei der Eheschließung zwar gefliessentlich übersehen, doch sie konnte sich gegebenenfalls noch immer als Stolperstein erweisen; und das wußte sie. Ludwig konnte in Krisensituationen bei aller Verdrießlichkeit jedoch einigen Schwung entwickeln. Er ignorierte Eleonores Proteste und schleppte sie nach Jerusalem mit, überwarf sich mit Raimund derart, dass dieser nichts mehr mit dem Kreuzzug zu tun haben wollte, und zog, die schmollende Gemahlin im Schlepptau, im Mai bald nach KONRAD in die Heilige Stadt ein. Dort blieben sie bis zum Treffen für alle Kreuzfahrer in Akko am 24. Juni, wo man einen gemeinsamen Schlachtplan beschließen wollte. Es dauerte nicht lange, bis die Entscheidung fiel: Alle Mann und sämtliche verfügbaren Tiere sollten unverzüglich zum Zwecke eines konzertierten Angriffs auf Damaskus zusammengezogen werden. Weshalb sie ausgerechnet Damaskus als erstes Ziel wählten, bleibt ein Rätsel. Als einziges arabisches Hoheitsgebiet von einiger Bedeutung, das Nur ed-Din nach wie vor feindlich gesinnt war, hätte die Stadt Damaskus für die Franken eine unschätzbar wertvolle Verbündete abgeben können - und sollen. Mit einem Angriff trieben sie sie gegen ihren Willen in die Arme der moslemischen Konföderation Nur ed-Dins - und besiegelten gleichzeitig den eigenen Untergang. Bei ihrem Eintreffen fanden sie Damaskus von starken Mauern umgeben und zur Verteidigung entschlossen. Am zweiten Tag fällten sie eine weitere all der unseligen Entscheidungen, die diesen ganzen Kreuzzug prägten, und verlegten ihr Lager in einen Bereich am östlichen Mauerabschnitt, wo es weder Wasser noch Schatten gab. Und plötzlich verloren die palästinensischen Anführer, die sich bereits hinsichtlich der Zukunft der Stadt nach der Eroberung in den Haaren lagen, die Nerven und begannen auf Rückzug zu drängen. Finstere Gerüchte über Bestechung und Verrat gingen um. Ludwig und KONRAD waren entsetzt und empört, doch auch sie kamen bald nicht mehr umhin, den Tatsachen ins Auge zu blicken. Die Belagerung aufrechtzuerhalten bedeutete nun nicht mehr nur, Damaskus in die Arme von Nur ed-Din zu treiben, sondern - nachdem die Moral völlig zusammengebrochen war - zugleich die fast sichere Vernichtung ihres ganzen Heeres. Am 28. Juli, nur fünf Tage nach Beginn der Kampagne, bliesen sie zum Rückzug.
Kein anderer Teil der syrischen Wüste übt eine so vernichtende Wirkung auf die Gemütsverfassung aus wie die dunkelgraue, monotone Ausdehnung von Sand und Basalt zwischen Damaskus und Tiberias. Diese Gegend im arabischen Hochsommer durchqueren zu müssen, die unbarmherzige Sonne und den glühenden Wind im Gesicht, unter unablässiger Verfolgung durch berittene Araber und gleichzeitig eine stinkende Spur von Menschen- und Pferdeleichen hinter sich lassend, muß die Kreuzfahrer an den Rand der Verzeiflung gebracht haben. Denn das, so wußten sie, bedeutete das Ende. Ihre Verluste sowohl an Menschenleben als auch an Material waren riesig. Sie besaßen weder den Willen noch die Mittel, weiterzumachen. Am schwersten aber wog die Schande. Sie waren einen Gutteil des Jahres unterwegs gewesen, oft unter lebensbedrohenden Umständen, hatten die Qualen von Durst, Hunger und Krankheit und die bittersten Extreme von Hitze und Kälte erduldet, und nun hatte das einst glorreiche Heer mit der sich eigens gestellten Aufgabe, alle Ideale der christlichen Weit zu bewahren, das ganze Unternehmen nach nur viertägigem Kampf aufgegeben, ohne einen Fingerbreit moslemisch besetztes Gebiet wiedergewonnen zu haben. Darin bestand die endgültige Demütigung, und weder sie noch ihre Feinde würden sie jemals vergessen.
Ludwig hatte es nicht eilig, nach Frankreich zurückzukehren. Eleonore war fest entschlossen, sich scheiden zu lassen, und er fürchtete die Schwierigkeiten und Beeinträchtigungen, die die Sache mit sich bringen würde. Abgesehen davon wollte er Ostern in Jerusalem verbringen. KONRAD konnte indes nicht schnell genug wegkommen. Am 8. September verließ er mit seinem Gefolge Akko und trat die Überfahrt nach Thessaionike an, wo er, wie eingangs erwähnt, Manuel traf, der ihn zum zweiten Mal nach Konstantinopel zurückbegleitete. Mittlerweile bestand zwischen den beiden ein sehr vertrautes Verhältnis. Trotz des jüngsten Debakels faszinierte die abendländische Kultur mit ihren Bräuchen Manuel nach wie vor, während KONRAD Manuels Freundlichkeit und Charme erlegen war, ganz abgesehen vom ungewohnten Luxus des kaiserlichen Palastes, der einen erfrischenden Kontrast zu den zugigen Sälen in seiner Heimat bildete.
Weihnachten stand in jenem Jahr im Zeichen einer weiteren Vereinigung der beiden herrschenden Häuser. Theodora, eine Nichte Manuels - Tochter seines verstorbenen Bruders Andronikos -, vermählte sich mit KONRADSStief-Bruder, dem Herzog von Österreich. Bevor KONRAD Anfang Februar die Rückreise in seine Heimat antrat, schlossen er und Manuel noch ein Bündnis gegen Roger von Sizilien und kamen überein, noch im selben Jahr einen gemeinsamen Feldzug gegen Süd-Italien zu unternehmen. Sie hatten sogar bereits eine Vereinbarung über das Schicksal von Apulien und Kalabrien nach dem Sturz des Königs getroffen. Beide Gebiete sollten an KONRAD fallen, der sie jedoch sogleich Manuel übereignen würde als verspätete Mitgift für seine SchwägerinBertha, die gegenwärtige Kaiserin Irene. Dieses Bündnis bewirkte indes wenig; es führte sicher nicht zum Sturz des Königs von Sizilien, und als Manuel einige Jahre später für kurze Zeit Apulien beherrschte, war dies viel eher auf seine eigenen Bemühungen zurückzuführen als auf westliche Großzügigkeit. Und doch stellte es das einzige gute Ergebnis des zweiten Kreuzzugs dar, welcher der Christenheit in jeder anderen Hinsicht zur Schande gereichte. KONRAD persönlich einmal ausgenommen, hatte er gefährliche Zwietracht zwischen Franzosen und Deutschen, Franken und Byzanz, ja selbst zwischen Neuankömmlingen und deren eigenen Landsleuten gesät, die bereits seit langer Zeit in den Kreuzfahrerstaaten lebten, dazu dem Islam unsagbaren Auftrieb, neue Solidarität und Kraft verliehen und den militärischen Ruf des Abendlandes endgültig zerstört. Es sollten viele 100 Jahre vergehen, bis dieser Ruf wiederhergestellt war.

Neuordnung (1149-1158)

Als umsichtiger Gastgeber zeigte Kaiser Manuel Komnenos weder Ungeduld über den sich hinauszögemden Aufenthalt KONRADS III. in Konstantinopel noch den Wunsch, die Abreise seines Gastes zu beschleunigen. Kaum aber hatte er seinem Freund Lebewohl gesagt, kehrte er zu seiner Streitmacht nach Korfu zurück, wo die Belagerung den ganzen Winter über angedauert hatte. Die jüngsten Meldungen über deren Fortgang klangen ungünstig. Die von sizilianischer Hand gehaltene Zitadelle überragte die alte Stadt uneinnehmbar, so dass die byzantinischen Geschosse sie kaum erreichen konnten. Es habe, berichtet Niketas, fast so ausgesehen, als zielten die griechischen Geschosse einfach in die Luft, während die Verteidigung ganze Pfeilschauer und einen wahren Hagel von Steinbrocken auf die Belagerer unten herabsenden könne. (Die Leute frügen sich wirklich, setzt er entwaffnend hinzu, wie die Normannen die Festung im Jahr zuvor so mühelos hätten einnehmen können.) Es zeigte sich immer deutlicher, dass das Aushungern der Garnison die einzige Chance für den Sieg bot. Doch die Verteidigungskräfte hatten ein ganzes Jahr Zeit gehabt, sich mit Proviant einzudecken, und außerdem konnte die byzantinische Blockade praktisch jeden Moment von einer mit Nachschub eintreffenden sizilianischen Flotte durchbrochen werden. Eine lange Belagerung kann auf den angreifenden Truppen ebenso schwer lasten wie auf denen, die sich drinnen befinden. Als das Frühjahr nahte, war eine Verständigung zwischen den griechischen Seeleuten und ihren venezianischen Verbündeten fast unmöglich geworden. Den Gipfel erreichten die Spannungen, als ein venezianischer Verband eine Nachbarinsel besetzte und mehrere byzantinische Handelsschiffe, die vor der Küste ankerten, in Brand steckte. Zu allem Unglück gelang es auch noch, das kaiserliche Flaggschiff zu kapern. Darauf führten sie die im vorangegangenen Kapitel erwähnte Spottschau auf, bei der sie einen äthiopischen Sklaven in die kaiserlichen Gewänder steckten und ihn an Deck vor den Augen der Griechen zum Spaß krönten. Ob der Kaiser rechtzeitig eintraf, um Zeuge dieser Beleidigung zu werden, ist unbekannt. Sicher hat er später davon gehört und sie nicht verziehen; er war aber zu sehr auf Venedig angewiesen, um zu protestieren. Geduld, Takt und sein berühmter Charme vermochten schon bald einigermaßen gute Beziehungen wiederherzustellen. Unterdessen hielt die Belagerung an, nun unter kaiserlichem Oberbefehl. Für Rache würde später noch Zeit genug sein.
Nach einigen Monaten erreichte Manuel sein Ziel: Im Spätsommer fiel Korfu, wahrscheinlich durch Verrat, denn laut Niketas soll der Befehlshaber der Garnison anschließend in kaiserliche Dienste getreten sein. Manuel segelte unverzüglich hinüber in die dalmatische Hafenstadt Awlona. Von dort wollte er über die Adria übersetzen, um sich in Italien mit KONRAD zu treffen. Er wurde jedoch von Stürmen aufgehalten und wartete immer noch auf besseres Wetter, als ihm die Nachricht von einem bedrohlichen Aufstand in Serbien übermittelt wurde, den das benachbarte Königreich Ungarn aktiv militärisch unterstützte. Des weiteren mußte er zähneknirschend zur Kenntnis nehmen, dass Georg von Antiochia seine Abwesenheit dazu benutzt hatte, um eine Flotte von 40 Schiffen durch den Hellespont und das Marmarameer bis vor die Mauern Konstantinopels zu führen. Von dort waren die sizilianischen Schiffe nach einem gescheiterten Landungsversuch in den Bosporus hineingesegelt, hatten mehrere reiche Güter an der asiatischen Küste geplündert und auch noch respektlos mehrere Pfeile in das Areal des Kaiserpalastes geschossen, bevor sie das Weite suchten.
Zwar würde sich Kaiser Manuel auch diese zweite unverzeihliche Beleidigung merken, doch war der serbische Aufstand eine weit ernstere Angelegenheit, besonders da höchstwahrscheinlich der König von Sizilien dahintersteckte. Serbien und Ungarn standen einander ohnehin sehr nahe, und Roger, dessen Base Busilla mitKönig Koloman verheiratet war, hatte schon immer enge freundschaftliche Beziehungen zum ungarischen Ilron gepflegt. Indes war Manuel entgangen, dass Roger sich bei seinen Bemühungen, den gegen ihn geplanten Feldzug zu hintertreiben, einen ähnlichen diplomatischen Schachzug gegen den deutschen König ausgedacht hatte, indem er ein Bündnis deutscher Fürsten unter der Führung Graf Welfs von Bayern finanzierte, der die Hoffnung auf den Kaiserthron als Rivale KONRADS immer noch nicht aufgegeben hatte; es war ihm dadurch gelungen, beide Seiten des gewaltigsten Militärbündnisses, das im Mittelalter denkbar war, nämlich das Ost-Reich und das West-Reich - beide handelten diesmal so einträchtig wie nur selten in den 650 Jahren ihrer gemeinsamen Geschichte - binnen weniger Monate lahmzulegen. Mochte er Manuel auch als Usurpator kaiserlichen Territoriums und noch dazu als prinzipienloser Abenteurer erscheinen, so war er doch ein ihm würdiger Gegner.
Am 29. Juli 1149 gingen König Ludwig VII. und Königin Eleonore von Aquitanien auf ihrer Heimreise von Palästina in Kalabrien an Land und ritten landeinwärts zum Örtchen Potenza, wo Roger von Sizilien sie in Empfang nehmen wollte. Ludwig war nicht sonderlich guter Stimmung. Schlecht beraten, hatten die beiden sich selbst und den ganzen Haushalt sizilianischen Schiffen anvertraut - um byzantinischen Gewässern zu trotzen, ein riskantes Unterfangen - und waren in der Ägäis prompt einer griechischen Schwadron (vermutlich auf dem Weg nach oder von Korfu) begegnet, die sogleich zum Angriff übergegangen war. Ludwig war es zwar gelungen, durch Hissen der französischen Flagge zu entkommen, und Eleonore, deren Beziehung zu ihrem Mann inzwischen so gespannt war, dass sie nicht auf demselben Schiff reiste, wurde noch rechtzeitig von sizilianischen Kriegsschiffen gerettet; aber eines der Begleitschiffe, auf dem sich mehrere Mitglieder des königlichen Haushaltes und fast das gesamte Gepäck befanden, hatten die Griechen gekapert und nach Konstantinopel entführt. Für Ludwig, der sich ohnhein schon längst eingeredet hatte, Manuel Komnenos allein trage die Schuld am Mißlingen des Kreuzzugs, war dieser Vorfall der Tropfen gewesen, der den Krug zum Überlaufen brachte. So ließ er sich nur zu gern auf den Vorschlag ein, den ihm der König von Sizilien unterbreitete.
Kurz gesagt handelte es sich dabei um die Bildung einer europäischen Liga gegen das Byzantinische Reich. Roger legte klar und überzeugend dar, wie Manuel sich in seinem Haß auf die christliche Sache mit den Türken verbündet und diese dann zweifellos über den Vormarsch des Kreuzfahrerheers gründlich informiert habe. über den Ort seiner Lager, den Stand seiner Kriegsvorbereitungen und auch die Routen, die es einzuschlagen gedachte. Mit einer solchen Viper an der Brust, fuhr er fort, sei der Kreuzzug schon vor dem Beginn zum Scheitern verurteilt gewesen. Daher gelte es als vorrangige Aufgabe, den Basileus zu beseitigen und sein verderbtes, abtrünniges Reich völlig zu zerschlagen. Dann und nur dann könnten die Verbündeten einen siegreichen 3. Kreuzzug beginnen und die Demütigungen des zweiten vergessen machen.
Der Vorschlag hätte unehrlicher nicht ausfallen können. König Roger von Sizilien war selbst kein Kreuzfahrer, weder von seiner Veranlagung her noch aus Überzeugung. Das Schicksal der Christen in den Kreuzfahrerstaaten scherte ihn keinen Deut; seiner Ansicht nach hatten sie vielmehr alles verdient, was ihnen widerfahren war. Ihm lag die arabische Seite weit näher am Herzen, deren Angehörige einen beträchtlichen Teil der sizilianischen Bevölkerung ausmachten und überwiegend die Verwaltung seines Landes führten und deren Sprache er perfekt beherrschte. Andererseits stand sein Anspruch auf Antiochia und Jerusalem zur Debatte. Wenn er die Offensive gegen Manuel nicht ergriff, würde dieser sie fraglos gegen ihn ergreifen. War also Angriff hier nicht die beste Verteidigung? Und falls ja, würde es dann jemals eine bessere Gelegenheit dazu geben als gegenwärtig, da er als einziger der Großen Europas sein Ansehen durch den Kreuzzug nicht eingebüßt hatte, während Kaiser Manuel der wohl am meisten verhaßte Mann in West-Europa war?
Die Ironie der Situation, die Roger so deutlich sah, ging Ludwig dagegen nicht auf. Beglückt von der Unterredung, begab er sich nach Tivoli, um die Meinung des Papstes zu erkunden. Eugen reagierte lauwarm. Zwar war auch er dafür, die Allianz zwischen den beiden Reichen zu beenden, doch hielt er nicht das geringste davon, Rogers Position noch mehr zu stärken. Die übrigen Kirchenführer, samt Bernhard von Clairvaux, gaben sich dagegen begeistert, ebenso Suger, der äußerst einflußreiche Abt von Saint-Denis, der nach Ludwigs Rückkehr nach Paris zum Vorkämpfer für den geplanten neuen Kreuzzug wurde. Doch der Plan scheiterte an KONRAD III., dem deutschen König, der nun seinen vielen Gründen, Roger zu verabscheuen, einen weiteren, vielleicht den stärksten hinzufügen konnte. Er wußte wohl, dass sein Ansehen durch den fehlgeschlagenen Kreuzzug schwer gelitten, Rogers dagegen nie besser dagestanden hatte. Dennoch hielt nun einmal der deutsche Kaiser, ob gekrönt oder nicht, historisch und von Gottes Gnaden, Schwert und Schild der westlichen Christenheit in Händen. Und deshalb wies KONRAD diesen Angriff auf sein kaiserliches Vorrecht eifersüchtig als genauso unverzeihlich zurück wie die Usurpation Süd-Italiens. Außerdem hegte er den starken Verdacht, dass Roger die von Welf von Bayern angeführte Liga finanzierte. Bernhard versuchte alles, um seine Haltung zu ändern, jedoch ohne Erfolg. Der Abt von Clairvaux war Franzose, und KONRAD hielt einen Franzosen für kaum besser als einen Sizilianer. Außerdem quälte ihn die Erinnerung daran, dass er schon einmal wider besseres Wissen Bernhards Rat gefolgt war. Bernhards feindselige Haltung Byzanz gegenüber war nur allzugut bekannt. Da er in erster Linie die Schuld am Mißerfolg des Kreuzzugs trug, versuchte er nun mit allen Mitteln, möglichst viel davon abzuwälzen und dem Kaiser des Ostens in die Schuhe zu schieben. In Manuel hatte KONRAD dagegen einen Freund, dem er vertraute. Zudem verband die beiden ein feierliches Treueversprechen, das er nicht aufs Spiel setzen wollte. So kam die große antibyzantinische Liga nicht zustande. Und dass KONRAD und Manuel ihren gemeinsamen Feldzug gegen das Königreich Sizilien zurückstellen mußten, verdankteKönig Roger einzig seiner glänzenden Diplomatie. Doch schon verloren die Hindernisse, die er ihnen in den Weg gelegt hatte, an Wirkung. Bei Flochberg erlitten Graf Welf und seine Freunde 1150 eine Niederlage, von der sie sich nicht wieder erholten, während nach einer Strafexpedition unter Manuels Führung im folgenden Jahr Serbien und Ungarn für eine Weile die Lust am Kampf verging. Nun hatten die Heere der beiden Reiche endlich freie Hand, um nach Süd-Italien zu marschieren. Der immer wieder verzögerte Feldzug wurde heimlich auf den Herbst 1152 angesetzt. Venedig hatte Unterstützung zugesagt, und sogar Papst Eugen war schließlich noch dafür gewonnen worden. Nie zuvor hatte die Zukunft für Roger von Sizilien so düster ausgesehen.
Da starb KONRAD am 15. Februar 1152 in Bamberg im Alter von 59 Jahren. In den rund 200 Jahren seit der Wiederherstellung des Weströmischen Reichs unter der Herrschaft OTTOS DES GROSSEN war er als erster designierter Kaiser nicht in Rom gekrönt worden - ein Versäumnis, das in mancher Hinsicht typisch ist für seine Regierung. Als Seneca im Rat, als Paris von Ansehen und Hektor in der Schlacht hatte man ihn als jungen Mann bezeichnet und große Hoffnungen in ihn gesetzt. Aber er starb, ohne dieses Versprechen einzulösen: nicht als Kaiser, sondern als glückloser König. Da sich um ihn mehrere italienische Ärzte bemühten - vermutlich von der berühmten Universität Salerno -, machten schon bald Gerüchte über sizilianisches Gift die Runde. Doch obwohl König Roger das Verschwinden seines Erzfeindes zur rechten Zeit gewiß gelegen kam, gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass er seine Hand dabei im Spiel hatte.
KONRAD konnte bis zum letzten Augenblick klar denken und beschwor seinen Neffen und Nachfolger Friedrich von Schwaben, genannt BARBAROSSA, seinen Kampf fortzusetzen. Insofern sich diese Bitte auf Roger von Sizilien bezog, kam sie FRIEDRICH entgegen. Bestärkt durch Apulier, die am deutschen Hof im Exil lebten, spielte er einen Augenblick mit dem Gedanken, noch weiterzugehen, als der Plan seines Onkels ursprünglich vorsah, also sofort gegen Roger zu marschieren und sich auf dem Weg dorthin in Rom zum Kaiser krönen zu lassen. Da jedoch die Nachfolge sich wie immer nicht problemlos regeln ließ, mußte er sich an den Gedanken gewöhnen, den Feldzug auf unbestimmte Zeit zu verschieben. In bezug auf Byzanz ging er freilich andere Wege als sein Onkel. Von seiner Veranlagung her konnte er nichts akzeptieren, was Macht und Ansehen des West-Reichs schmälerte. Schon der bloße Gedanke an einen rivalisierenden Kaiser im Osten war kaum zu ertragen. Die fraglichen Provinzen in Süd-Italien zu teilen oder gar abzugeben kam für ihn von vornherein nicht in Frage. Wenn Manuel Komnenos ihm im Kampf gegen das Königreich Sizilien beistehen wollte, schön und gut; aber dann mußte ihm ein jeder Sieg Lohns genug sein. Knapp ein Jahr nach seiner Thronbesteigung schloß FRIEDRICH in Konstanz mit dem Papst einen Vertrag, in dem sich die beiden einigten, dass Byzanz keinerlei Anspruch auf italienisches Territorium erheben könne und dass der byzantinische Kaiser, sollte er dort dennoch gewaltsam Fuß zu fassen versuchen, vertrieben werde. Damit endeten die kurzen Flitterwochen zwischen den beiden Reichen.
Der Tod König KONRADS war nur ein Auftakt. Am 8. Juli 1153 starb unerwartet Papst Eugen in Tivoli. Er war ungern Papst gewesen - bis zum Todestag trug er unter den päpstlichen Gewändern stets die rauhe Kutte eines Zisterziensermönches - und hatte auch für das ihm auferlegte Amt kein großes Talent gezeigt. Trotzdem hatten seine Milde und Schlichtheit ihm die Liebe und den Respekt seiner Herde eingetragen, die nun tief um ihn trauerte. Dasselbe trifft für Bernhard von Clairvaux nicht zu, der ihm nur sechs Wochen später ins Grab folgte. Sein ganzes Leben hindurch hatte Bernhard die zum Glück seltene Erscheinung verkörpert, dass ein eigentlicher Mystiker und Asket sich berufen fühlt, in die Politik einzugreifen. Da er die Welt mit den Augen eines Fanatikers sah, führte seine Einmischung fast ausnahmslos zur Katastrophe. Seine intensive Stimmungsmache für den 2. Kreuzzug trug der Christenheit des Mittelalters ihre wohl tiefste Schmach ein. Viele mögen in ihm einen einflußreichen Mann gesehen haben, aber gewiß nur wenige einen liebenswürdigen.
Als nächster starb am 26. Februar 1154 dann auch König Roger in Palermo. Sein Sohn und Nachfolger Wilhelm, dem man den Spitznamen der Böse anhängte, hat diesen eigentlich gar nicht verdient, denn er bezog sich vor allem auf seine bedrohlich wirkende Erscheinung und herkuleische Körperkraft. Im Grunde war er träge und liebte die Zerstreuung, besaß indes weder die Intelligenz noch das diplomatische Geschick seines Vaters. Roger hätte wohl kaum, wie es Wilhelm kurz nach seiner Krönung tat, an den byzantinischen Kaiser geschrieben und ihm angeboten, als Gegenleistung für einen Friedensvertrag alle griechischen Gefangenen und die Beute aus Georg von Antiochias Feldzug nach Theben zurückzuschicken. Manuel Komnenos schlug denn auch das Angebot rundweg ab. Er folgerte daraus lediglich, dass sich der neue König von Sizilien offenbar vor einer byzantinischen Invasion fürchtete. Wenn er sich aber fürchtete, war er schwach, und wenn er schwach war, würde man ihn besiegen.
Der letzte in der Reihe von Todesfällen, die eine gänzlich neue Besetzung auf die politische Bühne West-Europas brachten, betraf Papst Eugens Nachfolger, den alten und untauglichen Anastasius IV. Seine 17-monatige Regentschaft hatte vor allen Dingen der pompösen Selbstdarstellung gedient, und nach seinem Tod in den letzten Tagen des Jahres 1154 legte man den Leichnam in den eindrucksvollen Porphyrsarkophag, in dem bis dahin die Überreste Kaiserin Helenas geruht hatten; diese aber waren auf Anastasius' Anweisung hin einige Wochen zuvor in eine bescheidene Urne in den Ara coeli überführt worden. Sein Nachfolger war von ganz anderem Zuschnitt: Hadrian IV., der einzige Engländer, der je die Tiara trug, erblickte als Nicholas Brakespear um 1115 in Abbot's Langley, Hertfordshire, das Licht der Weit. Schon während seines Studiums zog es ihn nach Frankreich und von dort nach Rom, wo er durch seine Eioquenz, seine Fähigkeiten und sein außergewöhnlich gutes Aussehen die Aufmerksamkeit von Papst Eugen erregte, einem begeisterten Anhänger alles Englischen; so stieg er rasch auf.
Eine Mission in Norwegen im Jahre 1152, mit dem Ziel, die Kirche in ganz Skandinavien zu reorganisieren, verlief unter seiner Leitung derart erfolgreich, dass er beim Tod Papst Anastasius' zwei Jahre später einstimmig zu dessen Nachfolger gewählt wurde. Wie sich erweisen sollte, erfolgte seine Wahl gerade noch rechtzeitig; binnen eines halben Jahres sah er sich einer schweren Krise gegenüber, die keiner seiner beiden Vorgänger bewältigt hatte: FRIEDRICH BARBAROSSA erschien in Italien, um sich zum Kaiser krönen zu lassen.
Der mittlerweile 32-jährige FRIEDRICH erschien den Deutschen der damaligen Zeit als das Paradebeispiel eines deutschen Ritters. Er war groß und breitschultrig, eher anziehend als schön, und seine Augen funkelten so hell unter dem dichten rotbraunen Haarschopf hervor, als sei er immerzu zum Lachen aufgelegt; so zumindest nach einem Chronisten, der ihn gut kannte. Hinter dem lockeren, freundlichen Äußeren aber lauerte ein stählerner Wille, der sich einem einzigen Ziel verschrieben hatte: das Reich in seiner alten Größe und seinem alten Glanz wiederherzustellen. Dieses Ziel gestattete keinerlei Konzessionen, weder Rücksicht auf den Papst noch auf den byzantinischen Kaiser und auch auf sonst niemanden. FRIEDRICH erschien in den ersten Wochen des Jahres 1155 in Nord-Italien, wo ihn das starke republikanische Empfinden in den größeren und kleineren Städten zuerst in Erstaunen versetzte und dann derart in Rage brachte, dass er von Anfang an Stärke zu demonstrieren beschloß. Zwar erwies sich der ewige Unruheherd Mailand für ihn als zu stark, aber er statuierte an der mit Mailand verbündeten Stadt Tortona ein Exempel, indem seine Truppen sie nach zweimonatiger Belagerung einnahmen und kurzerhand dem Erdboden gleichmachten. Nach dem Osterfest in Pavia, wo man ihm die traditionelle Eisenkrone der Lombardei aufgesetzt hatte, durcheilte FRIEDRICH die Toskana so rasch, dass in der römischen Kurie große Besorgnis aufkam. Einige ältere Kardinäle konnten sich noch erinnern, wie 1111 sein Vorfahre HEINRICH V. im Petersdom Hand an Papst Paschalis II. gelegt und ihn zwei Monate lang gefangengehalten hatte, und sie hatten bisher nichts vom neuen deutschen König gehört, was zu der Annahme berechtigte, er wäre dazu nicht ebenfalls imstande. Deshalb beschloß Papst Hadrian, sich mit ihm zu treffen. Die Begegnung fand am 9. Juni in Campo Grasso bei Sutri statt; allein, sie schlug fehl. Nach altem Brauch sollte der König dem herannahenden Papst entgegengehen, dessen Pferd die letzten paar Meter am Zügel führen und dann den Steigbügel halten, um dem Papst beim Absteigen behilflich zu sein. FRIEDRICH dachte jedoch nicht daran, woraufhin Hadrian ihm den traditionellen Friedenskuß verweigerte.
FRIEDRICH machte geltend, ihn verpflichte nichts zum Dienst als päpstlicher Reitknecht, doch Hadrian blieb unbeugsam. Es gehe hier nicht um eine bloße Frage des Protokolls, sondern handle sich um einen öffentlichen Akt des Aufbegehrens, und dies rühre an die Wurzeln der Beziehung zwischen weltlicher und kirchlicher Gewalt. FRIEDRICH gab schließlich nach und ließ das Lager etwas weiter nach Süden verlegen. Am Morgen des 11. Juni wurde dann die Zeremonie in der Nähe der Kleinstadt Monterosi doch noch vorgenommen. Diesmal ging der König, wie gewünscht, zu Fuß auf den Papst zu, nahm dessen Pferd am Zügel und führte es, wie berichtet wird, einen "Steinwurf" weit. Dann hielt er dem Papst den Steigbügel, um ihm beim Absitzen zu helfen. Hadrian ließ sich auf dem bereitgestellten Thron nieder, FRIEDRICH beugte vor ihm das Knie und küßte ihm die Füße. Dem folgte der Friedenskuß, und da endlich konnte die Unterredung beginnen.
Eigentlich gab es damit keinen Grund mehr, die Krönung weiter zu verzögern. Doch die Bevölkerung Roms hatte, seit diese Zeremonie zum letzten Mal stattgefunden hatte, eine politische Vertretung gebildet und den Senat wiederaufleben lassen. Daher erschien bald darauf eine ebenso großspurig wie herablassend auftretende Abordnung von Senatoren in FRIEDRICHS Lager, die ihm auseinandersetzte, er könne die Krone nur dann in Empfang nehmen, wenn er zuvor sowohl schwöre, künftig die Freiheit der Stadt zu garantieren, als auch auch eine Sonderzahlung (ex gratis) von 5.000 Pfund Gold entrichte. FRIEDRICH gab zur Antwort, er verlange nur, was ihm rechtmäßig zustehe; eine solche Garantie stehe für ihn außer Frage; und was Geldgeschenke betreffe, so werde er solche vergeben, wann und wo es ihm gefalle. Da zogen die Senatoren enttäuscht ab. Aber sie bedeuteten dem Papst, der schon früher mit dieser Gemeinde zu tun gehabt hatte, unmißverständlich, dass es zu ernsthaften Schwierigkeiten kommen werde. Wollten sie diese vermeiden, mußten er wie FRIEDRICH also rasch handeln.
Im Morgengrauen des folgenden Tages, am Samstag, dem 17. Juni, zog FRIEDRICH, der deutsche König, durch das Goldene Tor in Rom ein und begab sich geradewegs zum Petersdom, wo ihn Papst Hadrian, der ein paar Stunden zuvor eingetroffen war, auf der Kirchentreppe erwartete. Nach einer eiligst gefeierten Messe gürtete Hadrian FRIEDRICH direkt über dem Apostelgrab hastig mit dem Schwert des heiligen Petrus und setzte ihm die Kaiserkrone auf. Unmittelbar nach der kurzen Zeremonie ritt der neue Kaiser FRIEDRICH I. BARBAROSSA mit der Krone auf dem Haupt in sein Lager vor der Stadtmauer zurück, während Papst Hadrian im Vatikan Zuflucht suchte, um die weitere Entwicklung abzuwarten.
Bereits vor neun Uhr wurde dem Senat, der im Kapitol beriet, wie die Krönung zu verhindern sei, gemeldet, diese sei soeben erfolgt. Zornbebend darüber, dass man sie ausgetrickst hatte, riefen die Senatoren zu den Waffen. Bald darauf drängte eine riesige Menschenmenge über die Engelsbrücke und eine weitere durch Trastevere nach Norden. Sowie FRIEDRICH wieder im Lager oberhalb der Stadt eintraf, erging an die deutschen Soldaten der Befehl, sich für den Kampf zu rüsten. Hatte der Kaiser nicht noch vor wenigen Stunden vor aller Augen geschworen, Christi Kirche zu verteidigen? Und nun schien sie statt dessen bereits bedroht. Zum zweiten Mal an diesem Tag ritt FRIEDRICH in Rom ein, diesmal jedoch nicht im Krönungsornat, sondern in der Rüstung. Den ganzen Tag über tobte die Schlacht zwischen den Soldaten des römischen Kaisers und seinen Untertanen. Erst bei Einbruch der Nacht trieben die kaiserlichen Truppen die letzten Aufständischen über die Brücken zurück. Auf beiden Seiten hatte es schwere Verluste gegeben. Über die der Deutschen gibt es keine verläßlichen Zahlen; dagegen sollen fast 1.000 auf römischer Seite entweder erschlagen worden oder im Tiber ertrunken und 600 in Gefangenschaft geraten sein. Der Senat hatte seine Arroganz teuer bezahlt, der Kaiser aber auch seine Krone. Sein Sieg verschaffte ihm nicht einmal Zugang zur Stadt, denn bei Sonnenaufgang des folgenden Tages waren alle Tiberbrücken abgeriegelt und die Tore verbarrikadiert. Für eine Belagerung waren er und sein Heer nicht gerüstet. Die Hitze des römischen Sommers forderte bereits ihren Tribut; unter den Soldaten brachen Malaria und Ruhr aus. Der Rückzug schien das einzig Vernünftige. Und da der Vatikan dem Heiligen Stuhl keine Sicherheit mehr bot, mußte man Papst und Kurie mitnehmen. Am 19. Juni ließ FRIEDRICH das Lager abbrechen und zog sich mit seinem Heer in die sabinischen Berge zurück, und einen Monat später begab er sich eilends nach Deutschland. Hadrian blieb allein und machtlos in Tivoli zurück.
Manuel Komnenos, der diese Ereignisse von Konstantinopel aus verfolgte, präsentierte sich eine völlig veränderte Situation. Seit KONRADS Tod brauchte er auf Hilfe aus dem weströmischen Reich nicht mehr zu hoffen. Zwar kannte er den Vertrag von Konstanz nicht bis ins Detail und mag darum eine Aufteilung Italiens immer noch für möglich gehalten haben. FRIEDRICHS Haltung hatte ihm jedoch klar gezeigt, dass er ab sofort darum kämpfen mußte. Falls, was früher oder später wahrscheinlich schien, die Deutschen gegen Wilhelm von Sizilien marschieren würden, galt es eine starke byzantinische Streitmacht bereitzuhalten, um die verbürgten Rechte Konstantinopels zu verteidigen. Und falls dies nicht geschah, mußte er selbst die Initiative ergreifen.
Gelegen kam ihm dagegen die Nachricht, dass die normannischen Barone in Apulien wieder einmal kurz vor der offenen Revolte standen. Sie hatten das Haus HAUTEVILLE schon immer abgelehnt, dessen Stammbaum schließlich um nichts vornehmer war als ihr eigener und das seine Oberherrschaft mindestens ebenso sehr intriganter Verschlagenheit verdankte wie außergewöhnlichem Mut im Feld. Rebelliert hatten sie früher schon öfter, nicht nur gegen König Roger, sondern vor ihm auch gegen Robert Guiscard. Doch Rogers Tod und die Schwäche seines Nachfolgers Wilhelm schienen ihnen nun die Möglichkeit zu bieten, die sizilianischen Fesseln endgültig abzuschütteln. Wie immer benötigten sie dazu Unterstützung. Zunächst setzten sie auf FRIEDRICH, und sein hastiger Abzug enttäuschte sie sehr; doch sie fühlten sich ihm nicht besonders verpflichtet. Nun, da er sie im Stich gelassen hatte, beschlossen sie, Manuel um Hilfe anzugehen. Dazu war Manuel gerne bereit. Zwar konnte er keinen großen Feldzug zusagen, da der Ungarnkrieg wiederaufgeflammt war und er sein Heer an der Donau brauchte. Doch sandte er im Sommer 1155 als einen ersten Schritt die beiden erfahrenen Feldherren Michael Palaiologos, den früheren Gouvemeur von Thessalonike, und Johannes Dukas nach Italien. Sie sollten mit den Zentren des normannischen Widerstandes Kontakt aufnehmen und einen allgemeinen Aufstand koordinieren, der von einem kleinen byzantinischen Heer und an Ort und Stelle ausgehobenen Söldnern unterstützt werden würde. Sollte sich FRIEDRICH noch in Italien aufhalten und eine Möglichkeit bestehen, ihn auf dem Rückmarsch von Rom abzufangen, müßten sie ihn ein letztes Mal mit allen Mitteln zu überreden versuchen, sich ihrer Streitmacht anzuschließen. So unwahrscheinlich diese Aussicht schien, ergaben Nachforschungen bei ihrer Ankunft in Italien schon bald, dass der Kaiser in der Reichstadt Ancona weilte, wo er sie bereitwillig empfing. FRIEDRICH war schweren Herzens nach Norden marschiert. Schon der Papst hatte ihn angefleht, dem ursprünglichen Plan gemäß sein Heer unverzüglich gegen König Wilhelm von Sizilien zu führen. Er selbst hätte dies nur zu gerne getan. Aber seine kranken deutschen Lehnsleute wollten davon nichts wissen. Sie waren die erbarmungslose Sonne, die ungewohnte Nahrung und die Insektenschwärme, die ihnen bringen. Nach dem Vorstoß von Palaiologos und Dukas versuchte FRIEDRICH noch einmal auf sein Gefolge zu übertragen, allein auch diesmal vergebens. Mit Bedauern mußte er den Gesandten gestehen; dass er nichts machen könne; sie müßten ihren Feldzug allein in Angriff nehmen. Manuel bereitete diese Nachricht nicht allzu viel Kopfschmerzen. Zwar wäre es strategisch günstig gewesen, wenn das deutsche Heer für ihn die Schlachten geschlagen hätte, aus diplomatischer Sicht ergab sich dagegen ohne die Deutschen eine weit unkompliziertere Situation; außerdem ging aus den Berichten hervor, dass er auch so genügend Verbündete hatte. Unterdessen breitete die Revolte sich unter dem neuen Anführer Graf Robert von Loritello, einem Vetter König Wilhelms, über ganz Süd-Italien aus. Im Spätsommer 1155 trafen sich Robert und Michael Palaiologos in Viesti. Ein jeder hatte genau das anzubieten, was dem anderen gerade mangelte. Michael Palaiologos verfügte über eine Flotte von 10 Schiffen, anscheinend unerschöpfliche Geldvorräte und die Vollmacht, bei Bedarf weitere Verstärkung von jenseits der Adria anzufordern. Robert konnte die Unterstützung eines großen Teils des normannischen Feudaladels und die Kontrolle über einen langen Küstenabschnitt in die Waagschale werfen. Letzteres war von großer Bedeutung, damit die byzantinischen Kommunikationswege in ausreichendem Maße gesichert blieben. Es kam also schnell zu einer Verständigung; und dann schlug man sogleich los. Das erste Ziel hieß Bari. Bis zur Eroberung durch die Truppen Robert Guiscards 1071 war Bari die bedeutendste byzantinische Stadt in Italien und das letzte griechische Bollwerk auf der Halbinsel gewesen. Die Mehrheit seiner - griechischstämmigen - Bevölkerung lehnte die Regierung in Palermo ab und wartete nur auf eine Gelegenheit, von ihr loszukommen. Unter ihnen gab es ein paar, die den Angreifern die Tore öffneten. Obwohl die sizilianische Garnison von der alten Zitadelle und der Nikolaus-Kirche aus tapfer focht, mußte sie bald kapitulieren und zusehen, wie das Volk von Bari über die Zitadelle, das verhaßte Symbol der sizilianischen Herrschaft, herfiel, und sie dem Erdboden gleich machte, ohne dass Palaiologos dies verhindern konnte. Die Nachricht vom Fall Baris und plötzlich auftauchende Gerüchte über König Wilhelms Tod - er war tatsächlich schwer erkrankt - erschütterten die Moral der Küstenstädte Apuliens. Trani ergab sich als nächste, dann die benachbarte Hafenstadt Giovinazzo. Weiter südlich leistete man dagegen noch heftig Widerstand. Wilhelm von Tyrus berichtet, der Patriarch von Jerusalem habe auf seinem Weg zum Papst im Herbst in Otranto, wo er Station machen wollte, sich sofort wieder eingeschifft und der Küste entlang nach Ancona segeln müssen, ein solcher Tumult habe in der gesamten Gegend geherrscht. Erst Anfang September trat König Wilhelms Heer mit Vizekönig Asclettin an der Spitze auf den Plan. Es umfaßte etwa 2.000 Ritter und eine beträchtliche Streitmacht von Fußsoldaten, vermochte sich jedoch gegen die Rebellen nicht zu behaupten und wurde vor den Mauern von Andria schwer geschlagen. Graf Richard von Andria, das loyale Oberhaupt der Stadt, der heldenhaft für seinen König gekämpft hatte, fiel im Kampfgetümmel vom Pferd, und ein Priester aus Trani soll seinem Leben ein Ende gesetzt haben, indem er ihn mit dem Schwert aufschlitzte und ihm die Innereien herausriß. Als das Volk ihn tot daliegen sah, ergab es sich auf der Stelle. Wer immer noch zu König Wilhelm stand, blickte in eine düstere Zukunft. Papst Hadrian verfolgte diese Ereignisse zunächst von Tivoli und dann von Tusculum aus mit Genugtuung. Sowenig er das griechische Volk mochte, dem sizilianischen zog er es allemal vor. Er frohlockte, dass der verhaßte Wilhelm doch noch bekam, was er verdiente, obwohl er der Rache BARBAROSSAS entkommen war. Ob die Initiative, sich mit Byzanz zu verbünden, von ihm ausging oder der Anstoß von Manuel Komnenos in Konstantinopel oder Michael Palaiologos in Apulien kam, bleibt ungeklärt. Im Spätsommer wurden jedenfalls gemeinsame Gespräche geführt, in deren Verlauf Hadrian in Kampanien einen Söldnerheer aushob, und zwar höchstwahrscheinlich auf Kosten von Byzanz. Dieses setzte sich am 29. September Richtung Süden in Marsch. Es mag verblüffen, nur 100 Jahre nach dem großen Schisma zwischen der Ost- und der West-Kirche einen byzantinischen Kaiser in einer militärischen Allianz mit dem römischen Papst zu sehen. Aber Hadrian witterte in den Vorgängen in Süd-Italien eine einmalige Gelegenheit. Außerdem machten ihm die im Exil lebenden apulischen Vasallen Mut. In der Hoffnung, wieder zu ihren ehemaligen Lehen zu kommen, willigten sie mit Freuden ein, ihn als ihren Oberherrn anzuerkennen, wenn er ihnen dabei behilflich sei. Schon am 9. Oktober erhielten Fürst Robert von Capua und mehrere andere hochrangige normannische Feudalherren ihre angestammten Besitzungen zurück, und noch vor Jahresfrist befand sich ganz Kampanien und der größte Teil Apuliens in byzantinischer oder päpstlicher Hand. Nachdem die wenigen noch verbliebenen Widerstandsnester ausgehoben waren, konnte sich Michael Palaiologos zu einem Erfolg gratulieren, wie er ihn nie zu hoffen gewagt hätte. In nur sechs Monaten hatte sich der griechische Herrschaftsbereich wieder beinahe so weit ausgedehnt wie zuletzt vor 150 Jahren. Ihm war zu Ohren gekommen, sein Kaiser gedenke angesichts einer solch rasanten Entwicklung eine große Streitmacht zu senden, um das Erreichte zu konsolidieren. Bei dieser Erfolgsquote konnte es gut und gern soweit kommen, dass schon bald ganz Süd-Italien die Herrschaft Konstantinopels anerkannte. König Wilhelm würde es nicht mehr geben, Papst Hadrian angesichts der griechischen Triumphe, wo die Deutschen versagt hatten, die Überlegenheit der byzantinischen Waffen anerkennen und seine Politik danach ausrichten, und endlich der große Traum der KOMNENEN, nämlich die Wiedervereinigung des Römischen Reichs unter der Ägide Konstantinopels, Wirklichkeit werden.
Hugo Falcandus, der detaillierteste und weitaus verständlichste Chronist des normannischen Sizilien, dessen Werk erhalten ist, gibt die folgende Beschreibung seines Königs Wilhelm:
König Wilhelm war ein Mann, der seinen Palast am liebsten nie verlassen hätte. Sah er sich jedoch einmal zum Handeln gezwungen, dann stürzte er sich - so wenig Tatkraft er auch vorher gezeigt haben mochte - weniger mit echtem Mut, als vielmehr starrsinnig, ja geradezu tollkühn mitten in die Gefahr.
Bei Hugo finden sich kaum Lobhudeleien; selbst wenn er, wie hier, seinem Oberherrn Tribut zollt, scheint fast stets ein wenig Boshaftigkeit durch, und in dem, was er sagt, liegt ein wahrer Kern. In unserem aktuellen Fall läßt sich Wilhelms anfängliche Unentschlossenheit jedoch erklären. Von September bis Weihnachten lag er schwerkrank in Palermo und überließ die Regierung Siziliens seinem "Emir der Emire", dem Lombarden Maio von Bari. Und in den ersten Wochen des Jahres 1156 hatte er, immer noch nicht ganz genesen, zuerst mit Aufständen in Palermo und dann mit der Rebellion sizilianischer Feudalherren im Süden Siziliens zu tun. Erst im Frühjahr war er dann wieder gesund - und sein Blut in Wallung, bereit, sich das Festland vorzunehmen. Landheer und Flotte kamen in Messina zusammen. Man gedachte, in einer konzertierten Aktion das griechische Heer, die Papstgetreuen und die rebellischen Adligen gleichzeitig vom Meer und vom Land her anzugreifen. In den letzten Apriltagen setzten die Landtruppen zum Festland über und marschierten durch Kalabrien, während die Flotte die Meerenge durchfuhr und dann in nordöstlicher Richtung Kurs auf Brindisi nahm. Die byzantinischen und die Rebellentruppen hatten einen schlechten Winter hinter sich. Zunehmende Arroganz im Auftreten Michael Palaiologos' hatte zunächst zu einem Zerwürfnis geführt, auf das hin Robert von Loritello voller Verachtung davongeritten war. Dann starb Michael Palaiologos nach kurzer Krankheit in Bari. Trotz seines herrischen Wesens war er ein glänzender Stratege gewesen, und sein Tod bedeutete für seine Landsleute einen schweren Schlag. Zwar hatte Johannes Dukas das Heer schließlich wieder in Gang - und sogar eine Versöhnung mit dem Grafen von Loritello zustande - gebracht, doch das frühere Vertrauen zwischen den Verbündeten ließ sich nicht wiederherstellen; der Schwung von 1155 war dahin. Drei Wochen wurde Brindisi nun schon belagert. Die königstreue Besatzung der Zitadelle leistete heroischen Widerstand, wodurch der weitere byzantinische Vormarsch auf der Halbinsel ein Ende fand. Auf die Nachricht hin, Wilhelms Streitkräfte befänden sich auf dem Vormarsch, mußte das griechische Heer mitansehen, wie jenes der verbündeten Rebellen allmählich abbröckelte. Die Söldner forderten nach Söldnerart in diesem besonders kritischen Augenblick eine unmögliche Erhöhung ihres Soldes und machten sich zuhauf auf und davon, als man ihnen diese vorenthielt. Robert von Loritello desertierte zum zweiten Mal, und viele seiner Landsleute taten es ihm nach. Johannes Dukas standen nun nur noch die wenigen Truppen zur Verfügung, die mit ihm und Michael Palaiologos gekommen, sowie jene, die in den vergangenen neun Monaten nach und nach über die Adria getröpfelt waren. Und damit stand er zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen da. Zuerst traf die sizilianische Flotte ein. Ein oder zwei Tage lang konnten sich seine Schiffe behaupten, da die Einfahrt in den Hafen von Brindisi sehr eng, nur gut 30 Meter breit ist. 1200 Jahre zuvor hatte Julius Cäsar sie mit seinen Soldaten für Pompeius' Schiffe blockiert. Nun bediente sich Johannes Dukas einer ganz ähnlichen Taktik, indem er die ihm zur Verfügung stehenden vier Schiffe nebeneinander quer vor der Einmündung plazierte und an beiden Ufern Fußsoldaten aufmarschieren ließ. Als aber Wilhelms Landheer am westlichen Horizont auftauchte, zerstoben die letzten byzantinischen Hoffnungen. Einem gleichzeitigen Angriff vom Meer, vom Land und von der Zitadelle der Stadt her ausgesetzt, würden sich die Wälle unmöglich behaupten lassen. Johannes Dukas und seine Soldaten waren, wie Johannes Kinnamos sich ausdrückte, gefangen wie in einem Netz. Die folgende Schlacht war kurz und blutig, die byzantinische Niederlage total. Die sizilianische Flotte hielt die kleinen Inseln um den Hafeneingang besetzt und vereitelte jegliches Entkommen auf dem Seeweg. Johannes Dukas, die übrigen byzantinischen Überlebenden und jene normannischen Aufständischen, die sich noch nicht aus dem Staub gemacht hatten, gerieten in Gefangenschaft. Die vier griechischen Schiffe wurden erbeutet, außerdem große Mengen Gold und Silber, die Manuel Michael Palaiologos für die Bezahlung der Söldner und zur Bestechung anvertraut hatte. An diesem einen Tag, dem 28. Mai 1156, wurde alles, was Byzanz im vergangenen Jahr in Italien erreicht hatte, fortgewischt, als wären seine Truppen nie dort gewesen.
König Wilhelm behandelte die griechischen Gefangenen gemäß den allgemein anerkannten Kriegsregeln, zeigte jedoch gegenüber seinen rebellischen Untertanen kein Erbarmen. Für ihn galt, wie schon für seinen Vater, Verrat als das einzige unverzeihliche Verbrechen. Nur wenige der Aufständischen, die ihm in die Hände fielen, hatten das Glück, in einem Kerker zu landen. Die übrigen wurden erhängt, geblendet oder mit schweren Gewichten an den Füßen im Meer versenkt. Brindisi, wo man heldenhaft Widerstand geleistet hatte, wurde verschont. Bari, wo sich die Verteidigung den Invasoren kampflos ergeben hatte, mußte dafür büßen. Wilhelm gab der Bevölkerung zwei Tage Frist, um ihre Habseligkeiten zu retten. Am dritten Tag wurde die Stadt samt der Kathedrale zerstört. Nur die große Nikolauskirche und ein paar kleinere Sakralbauten blieben stehen. Wieder einmal hatte sich die alte Lektion bewahrheitet - eine Lektion, die sich eigentlich von selbst versteht, welche aber die europäischen Fürsten im Mittelalter offensichtlich nicht begreifen konnten: dass sich in entlegenen Ländern, in denen es einen organisierten Widerstand gibt, eine Besatzungstreitmacht auf Dauer nicht halten kann. Schnelle Siege ließen sich leicht erringen, besonders wenn mit Bestechung und großzügiger Unterstützung der Unzufriedenen im Lande nachgeholfen wurde. Ging es jedoch um Konsolidierung und Behauptung des Erreichten, half auch kein Gold mehr, es mochte noch so viel sein. Das normannische Reich hatte sich in Süd-Italien und Sizilien nur deswegen erfolgreich entwickeln können, weil die ersten Fremden zwar als Söldner kamen, sich aber dann dort niederließen; und selbst so hatte der Prozeß noch fast volle 100 Jahre in Anspruch genommen. Und kaum brachen dann die normannischen Truppen zu fernen Abenteuern auf, wie zum Beispiel zu den beiden Invasionen in das Byzantinische Reich unter der Führung Robert Guiscards und Bohemunds, waren auch sie zum Scheitern verurteilt. Manuel Komnenos hatte in Apulien und Kalabrien vor allem auf jene Gemeinden gesetzt, die noch griechisch sprachen und ihre griechische Tradition zumindest soweit aufrechterhielten, dass sie sich ihm verbunden fühlten. Die Bevölkerung von Bari hatte entsprechend reagiert. Dabei hatte er jedoch folgende Punkte übersehen: Dass diese Gemeinden lediglich eine verschwindende Minderheit der Gesamtbevölkerung ausmachten und dass die Streitmacht Wilhelms von Sizilien sich in einer viel besseren Ausgangsposition befand, um mit eventuell auftretenden Schwierigkeiten fertig zu werden. Dass dieser Feldzug, der einst so vielversprechend begonnen hatte, so jämmerlich ausging, war daher kein Mißgeschick, sondern unvermeidlich.
Die Nachricht von der Katastrophe wurde in Konstantinopel mit Entsetzen aufgenommen. Der arme Johannes Dukas, der sich von seinem Kerker in Palermo aus nicht rechtfertigen konnte, eignete sich zwar hervorragend als Sündenbock, doch wußten alle, dass die Verantwortung letztlich beim Kaiser lag, und Manuel fühlte sich tief gedemütigt. Es kam noch schlimmer; im Sommer darauf fiel eine sizilianische Flotte von 164 Schiffen mit beinahe 10.000 Mann Besatzung über die blühende Insel Euböa her und verwüstete und plünderte sämtliche Städte und Ortschaften an der Küste. Von dort fuhr sie weiter nach Almira am Golf von Volos, welches das gleiche Schicksal ereilte, und dann ging es, sofern wir Niketas Choniates' Bericht Glauben schenken können, im Eiltempo den Hellespont hinauf und durch das Marmarameer nach Konstantinopel, wo angeblich ein Hagel von Pfeilen mit Silberspitzen auf den kaiserlichen Palast niederprasselte.
Es zeigte sich immer deutlicher, dass die Zeit reif war für eine radikale Änderung der byzantinischen Außenpolitik. Konnte Manuel Komnenos die verlorenen italienischen Provinzen nicht mit Waffengewalt zurückgewinnen, so würde dies - wenigstens auf lange Sicht - auch seinem Rivalen FRIEDRICH BARBAROSSA nicht gelingen. Aber FRIEDRICH, der von Kraft und Ehrgeiz nur so strotzte, würde gewiß, sobald er freie Hand hatte, wieder mit einem Heer in Italien auftauchen und vielleicht sogar Wilhelm vom Thron stoßen. Und würde sein nächstes Ziel nicht Byzanz heißen, da er doch davon träumte (das wußte man), die beiden Reiche unter einem Szepter, natürlich seinem eigenen, vereint zu sehen? Dieser Schluß lag nahe. Wilhelm war als Emporkömmling FRIEDRICH bei weitem vorzuziehen. Irgendeine Verständigung mußte mit ihm zustande kommen, allerdings durfte sie nicht so erniedrigend ausfallen wie die Papst Hadrian IV. aufgezwungene, der, von allen Verbündeten im Stich gelassen, sich bereits auf Verhandlungen hatte einlassen müssen; diese hatten zu dem im Juni 1156 unterzeichneten Vertrag von Benevento geführt, in dem Papst Hadrian nicht nur Wilhelms Herrschaft über Sizilien, Apulien, Kalabrien und das frühere Fürstentum Capua, sondern auch über Neapel, Amalfi, Salerno sowie die Marken und die nördlichen Abruzzen anerkannte, und die Anrede lautete "Wilhelm, glorreicher König von Sizilien und liebster Sohn in Christo, herrlichster an Reichtümern und Leistungen von allen Königen und Großen des Zeitalters. Der Ruhm deines Namens dringt bis an die Grenzen der Erde kraft deiner Gerechtigkeit, deines Friedens, den du deinen Untertanen wiedergebracht hast, und der Furcht, welche deine Großtaten in die Herzen aller Feinde der Christenheit gesenkt haben." Nein, Kaiser Manuel war nicht geneigt, seinen Namen unter ein Dokument dieser Art zu setzen. Er wollte mit dem König von Sizilien wenigstens aus einer Position relativer Stärke verhandeln. Er sandte daher im Sommer 1157 einen neuen Unterhändler nach Italien: Alexis, den vielversprechenden Sohn seines Großdomestikos Johannes Axuch. Alexis' Auftrag lautete nicht viel anders als der zuvor an Michael Palaiologos ergangene, nämlich Kontakt aufzunehmen zu jenen rebellischen Feudalherren, die sich noch in Freiheit befanden, Söldner auszuheben für einen neuen Feldzug die Küste entlang und ganz allgemein möglichst viel Unfrieden zu stiften. Daneben hatte Manuel ihn mit einer zweiten Aufgabe betraut: insgeheim mit Wilhelm in Verbindung zu treten und Friedensverhandlungen zu führen. Die beiden Aufgaben widersprachen sich weniger, als es zunächst den Anschein macht, denn je heftiger die Vorgefechte, desto günstiger würden letztlich Wilhelms Bedingungen für Byzanz ausfallen. Alexis führte beide Teile seiner Mission gleich erfolgreich aus. Innerhalb weniger Wochen nach seiner Ankunft verwüsteten Robert von Loritello und seine Getreuen erneut sizilianisches Territorium in Nord-Sizilien, und ein anderer Rebellenführer, namens Graf Andreas von Rupecanina, machte das Land um Capua unsicher und bedrohte ernsthaft Monte Cassino, an dessen Fuß er mit seinen Leuten einem sizilianischen Heer im Januar 1158 in offener Feldschlacht soar eine Niederlage bereitete. Zwar hinderte Alexis' Beihilfe zu diesen Operationen ihn daran, persönlich Friedensverhandlungen aufzunehmen, doch gelang es ihm, die beiden geachtetsten Griechen, die noch immer in Palermo gefangengehalten wurden, nämlich Johannes Dukas und Alexios Bryennios, für diese Aufgabe zu gewinnen. Durch ihre Vermittlung kam zu Beginn des Frühjahrs eine geheime Übereinkunft zustande. Alexis Axuch ließ seine apulischen Verbündeten im Glauben, er wolle noch mehr Soldaten und Material beschaffen, versetzte sie jedoch und entwischte nach Konstantinopel. Obwohl Wilhelm den byzantinischen Beweggründen immer noch skeptisch gegenüberstand, schenkte er sämtlichen griechischen Gefangenen die Freiheit und entsandte eine diplomatische Delegation unter der Führung seines einstigen Lehrers und engen Freundes Heinrich Aristippus zu Manuel nach Konstantinopel. Es kam dann auch ordnungsgemäß zur Unterzeichnung eines Friedensvertrags, dessen Vereinbarungen jedoch nicht bekannt sind. Und den normannischen Baronen, die sich unversehens ihrer Geldmittel beraubt fanden, blieb nichts anderes übrig, als ihre neuen Eroberungen aufzugeben und einen anderen, zuverlässigeren Vorkämpfer zu suchen.

Manuel Komnenos' zweite Regierungshälfte (1158-1180)

Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des Friedensvertrages mit Sizilien regierte Manuel Komnenos das Byzantinische Reich schon seit 15 Jahren. Mangelnde Aktivität konnte ihm gewiß niemand vorhalten. Ganz abgesehen von der bemerkenswert erfolgreichen Bewältigung aller militärischen, diplomatischen und administrativen Probleme im Zusammenhang mit dem 2. Kreuzzug, hatte er am Krieg gegen die seldschukischen und danischmendidischen Heere Anatolien, die kumanischen Eindringlinge in Thrakien, die sizilianischen Truppenverbände in Korfu sowie gegen die serbischen und ungarischen Aufständischen in den Donauprovinzen persönlich teilgenommen. Hätte er damit nicht alle Hände voll zu tun gehabt, hätte er sich mit Sicherheit auch noch in den jüngsten Feldzug in S-Italien gestürzt. Nur Kilikien, wo er seine Herrschaft angetreten hatte, und den Kreuzfahrerstaaten hatte er relativ wenig Aufmerksamkeit schenken können. Im Herbst 1158 jedoch brach er an der Spitze eines großen Heeres in Konstantinopel auf, um dieses Versäumnis wettzumachen. Er war wütend, und das mit gutem Grund. Als erstes richtete sein Zorn sich gegen Thoros, den ältesten noch lebenden Sohn von Leon Rubenidos. Dieser war 1143 aus seinem Kerker in Konstantinopel entkommen und hatte bei seinem Vetter Joscelin II. von Edessa Zuflucht gesucht, wo er seine drei jüngeren Brüder und eine Gruppe gleichgesinnter Landsleute um sich scharte. Gemeinsam hatten sie bald den Familienstammsitz Vakha hoch im Taurusgebirge wieder an sich gebracht und waren von da 1151 in die kilikische Ebene getürmt, wo sie eine kleine byzantinische Streitmacht besiegten und den Reichsstatthalter von Mamistra umbrachten. Manuel hatte daraufhin unverzüglich seinen Vetter Andronikos mit einem Heer ausgeschickt, doch Thoros und seine Leute überrumpelten sie und schlugen sie in die Flucht. Das war sieben Jahre her und dieser Emporkömmling noch immer ungestraft!
Weit größere Gefahr aber als von allen armenischen Abenteurern zusammen ging von Rainald von Chätillon aus, dem Fürsten von Antiochia. Als nichtältester Sohn einer Familie des niederen französischen Adels hatte er am 2. Kreuzzug teilgenommen und sich dann im Osten niedergelassen. Dort hätte er den Rest seines Leben verdientermaßen verbringen können, ohne den Gang der Geschichte zu beeinflussen, wäre nicht Raimund von Poitiers gestorben. Dieser war am 28. Juni 1149 mitsamt seinem Heer von der Streitmacht Emir Nur ed-Dins umzingelt worden und beim anschließenden Massaker umgekommen. Seinen Kopf hatte Nur ed-Din dem Kalifen von Bagdad in einem Silberbehälter als Geschenk überbringen lassen, wo er vermutlich neben dem seines Vorgängers Bohemund II. zu liegen kam. Zum Glück war der Emir nach seinem Sieg nicht nach Antiochia weitermarschiert. Doch es herrschte die einmütige Ansicht, dass Fürstin Konstanze, Raimunds Witwe, möglichst bald einen neuen Mann finden müsse. Sie selbst teilte diese Meinung durchaus, war indes nur schwer zufriedenzustellen. Sie schlug drei Kandidaten ihres Vetters, König Balduins III. von Jerusalem, aus, ganz zu schweigen von einem, der ihr (auf ihr Gesuch hin) von Manuel Komnenos als ihrem Lehnsherrn vorgeschlagen wurde. Erst 1153 fiel ihr Auge auf Rainald. Balduin, erleichtert, die Verantwortung für Antiochia endlich abtreten zu können, stimmte zu, und die Hochzeit fand sogleich statt.
Sie hätte keine katastrophalere Wahl treffen können. Der neue Fürst galt nicht nur als Parvenu und Abenteurer, sondern erwies sich auch von Anfang an als treu- und zudem völlig verantwortungslos. Er hatte Manuel als Gegenleistung für seine Anerkennung als Fürst versprochen, gegen Thoros und dessen Brüder zu ziehen, machte dann aber nach einem Scharmützel mit ihnen gemeinsame Sache. Und während sie mit stillschweigender Einwilligung seinerseits gegen die wenigen übriggebliebenen byzantinischen Festungen in Kilikien zogen, bereitete er einen Feldzug gegen eine andere, noch bedeutendere byzantinische Besitzung vor: die friedliche, blühende Insel Zypern. Solch ein Unternehmen erforderte allerdings finanzielle Mittel. Kurzerhand verlangte Rainald das Nötige von Aimery, dem Patriarchen von Antiochia, der zum einen für seinen Reichtum bekannt war und dem er zum anderen grollte, weil er sich seiner Heirat entgegengestellt hatte. Aimery weigerte sich, woraufhin er festgenommen, eingekerkert und so lange geschlagen wurde, bis er am Kopf blutete. Auf die Wunden schmierte man Honig und band ihn anschließend auf dem Dach der Zitadelle fest. Dort ließ man ihn einen ganzen Tag in der brütenden antiochischen Sommerhitze schmoren, wehrlos den Myriaden von heißhungrigen Insekten ausgeliefert, die sich auf ihn stürzten - am Abend erklärte er sich zum Zahlen bereit. Wenige Tage später machte er sich in Begleitung zweier Boten, die König Balduin zornbebend mit der Forderung nach seiner sofortigen Freilassung nach Antiochia entsandt hatte, auf den Weg nach Jerusalem. Im Frühjahr 1156 griffen Rainald und sein Verbündeter ThorosZypern an. Zwar wehrte die Besatzung unter Johannes Komnenos, einem NeffenManuels, und dem namhaften Feldherrn Michael Branas sich tapfer, zahlenmäßig war sie jedoch hoffnungslos unterlegen. Beide Anführer gerieten in Gefangenschaft, während die fränkischen und armenischen Invasoren gemeinsam eine Orgie der Verwüstung und Entweihung, des Mordens, der Vergewaltigung und des Raubes veranstalteten, wie sie bis dahin auf der Insel noch nie vorgekommen war. Erst nach drei Wochen gab Rainald den Befehl zur Wiedereinschiffung. Die Beutestücke, welche die Schiffe nicht fassen konnten, wurde an jene, denen man sie geraubt hatte, zurückverkauft. Auch die Gefangenen mußten sich freikaufen. Da jedoch bis dahin nicht mehr genügend Geld auf der Insel zur Verfügung stand, wurden die meisten Angehörigen der ersten Familien und auch Johannes Komnenos und Michael Branas nach Antiochia verschleppt und dort eingekerkert, bis das Lösegeld aufgetrieben war. Etlichen gefangenen griechischen Priestern schnitt man die Nase ab und schickte sie zum Hohn nach Konstantinopel. Die Insel soll sich von dem Schlag nicht erholt haben.
Manuel und sein Heer marschierten, auf Rache sinnend, nach Kilikien. Dann eilte der Kaiser mit 500 Reitern voraus, während die Hauptmasse den engen Felsenpfad die Küste entlang weiterzog. Er gedachte, die armenischen Brüder zu überrumpeln, und dies gelang. Zwei Wochen später befanden sich alle kilikischen Städte bis Anazarbos wieder in byzantinischer Hand. Es galt nur eine Enttäuschung zu verwinden: Thorosund sämtliche Familienmitglieder hatten sich, in Tarsos von einem durchziehenden Pilger gewarnt, gerade noch rechtzeitig in eine Burgruine hoch im Gebirge flüchten können. Wochenlang suchte das Heer vergeblich nach ihnen. Als Manuel sein Heer vor die Mauern von Mamistra führte, hatte sich seine Stimmung daher noch nicht besonders aufgehellt.
Während Manuel im Zorn verharrte, geriet Rainald in Panik. Aus den Berichten, die er erhielt, ging klar hervor, dass gegen das viel zu starke byzantinische Heer kein Widerstand möglich war und seine einzige Hoffnung in demütiger Unterwerfung bestand. So sandte er Boten an Manuel mit dem Angebot, die Zitadelle einer byzantinischen Garnison zu überlassen. Als dieser Vorschlag abgelehnt wurde, erschien er persönlich in Sack und Asche im kaiserlichen Lager. Manuel beeilte sich jedoch nicht die Spur, ihn zu empfangen. Da laufend hochkarätige Gesandte der regionalen Potentaten, ja sogar des Kalifen selbst, nun bei ihm vorsprachen, konnte der Fürst von Antiochia ruhig noch warten. Auf die endlich erfolgende Vorladung hin mußten Rainald und seine Gefolgsleute barfuß und mit entblößtem Haupt durch die ganze Stadt bis hin zum Lager marschieren. Dort wurden sie durch die in Reihen aufgestellten Eliteregimenter des byzantinischen Heeres zu einem Zelt geführt, in dem der Basileus, umgeben von seinem Hofstaat und den ausländischen Gesandten, thronte. Rainald warf sich vor ihm in den Staub, sein Gefolge flehte mit erhobenen Händen um Gnade. Manuel schenkte ihnen geraume Zeit keine Beachtung, sondern führte ungerührt sein Gespräch mit den Personen in seiner Umgebung fort. Als er sich schließlich herabließ, die Unterwerfung des Fürsten zur Kenntnis zu nehmen, stellte er drei Bedingungen: die unverzügliche Übergabe der Zitadelle von Antiochia an eine byzantinische Garnison, die Bereitstellung eines Kontingents für sein Heer und die Ersetzung des lateinischen Patriarchen durch einen griechischen. Erst als Rainald unter Eid schwor, alle drei Forderungen zu erfüllen, wurde er begnadigt und entlassen. Wenige Tage danach traf König Balduin aus Jerusalem ein. Zwar waren Manuel und er einander noch nicht persönlich begegnet, doch bestanden starke familiäre Bande zwischen ihnen, hatte Theodora, die Tochter seines älteren Bruders Isaak, sich doch vor kurzem mit Balduin verheiratet; trotz ihrer erst 13 Jahre war Balduin von ihr hingerissen. Dagegen hatte er mit seiner Unzufriedenheit über die Nachricht von Rainalds Vergebung nicht hinter dem Berg gehalten. Da Manuel zu Unrecht argwöhnte, Balduin beanspruche Antiochia für sich, hatte er ihn zuerst gar nicht empfangen wollen, sich dann aber doch erweichen lassen. Die beiden verstanden sich Anhieb. Balduin III. war 30 Jahre alt, intelligent und gebildet und verfügte über eine Ausstrahlung, die jener Manuels kaum nachstand. Er blieb zehn Tage im Lager. Während dieses Aufenthaltes erreichte er eine Amnestie für Thoros, der zu denselben Bedingungen wie Rainald seine Besitzungen in den Bergen behalten durfte. Auf Balduins Intervention hin wurde wohl auch die Auswechslung des Patriarchen unbestimmte Zeit vertagt. Aimery durfte wieder auf den Patriarchenthron Platz nehmen, nachdem er sich mit Rainald versöhnt hatte. Die beiden dürften indes, nach all dem, was geschehen war, kaum je dicke Freunde geworden sein.
Am 12. April 1159, am Ostersonntag, zog Kaiser Manuel Komnenos feierlich über die befestigte Brücke nach Antiochia ein. Vor 21 Jahren hatte er seinen Vater auf einem ähnlichen Einzug begleitet. Das gegenwärtige Ereignis gestaltete sich noch eindrucksvoller. Die Lokalbehörden hatten alles versucht, es zu verhindern: Es gebe eine Verschwörung, man wolle Manuel ermorden, schützten vor, und sie könnten für seine Sicherheit nicht garantieren. Da forderte Manuel eine ganze Anzahl Geiseln und bestand darauf, dass alle an der Zeremonie teilnehmenden Franken, selbst der König von Jerusalem, keine Waffen trugen; den Festzug aber sagte er nicht ab. Die Spitze bildeten die blonden Riesen der Warägergarde, die Streitäxte auf den breiten Schultern. Dann kam der Kaiser; er trug den Purpurmantel so, dass er die Rüstung nicht verdeckte, und auf dem Kopf das mit Perlen behängte Diadem. An seiner Seite schritt Rainald, der Fürst von Antiochia und "beschäftigte sich" - so drückt sich der Chronist Johannes Kinnamos aus - "mit dem Steigbügelleder am kaiserlichen Sattel". Ihm folgten die übrigen fränkischen Vasallen. Dann kam Balduin III. von Jerusalem, barhäuptig, und schließlich der kaiserliche Hofstaat. Direkt hinter dem Tor erwartete Aimery den Zug im Patriarchenornat an der Spitze seines Klerus; und er führte schließlich die Prozession durch die mit Blumen bestreuten Straßen an, zunächst zur Messe in die Petruskathedrale und anschließend zum Palast.
Die Feierlichkeiten dauerten volle acht Tage. Außer endlosen Gottesdiensten fanden Bankette, Empfänge, Investituren und verschiedene Paraden statt. Den Franken zuliebe veranstaltete Manuel sogar ein Ritterturnier - im Osten sonst unbekannt -, an dem er zum Schrecken fast aller älteren Untertanen persönlich teilnahm. Majestätisch, wo Majestät angebracht war, heiter und freundlich bei weniger förmlichen Angelegenheiten, machte er sich bei der Bevölkerung Antiochias, dem Adel wie der Bürgerschaft, gleichermaßen beliebt. Balduin und er fanden immer mehr Gefallen aneinander. Als Balduin sich bei einem Jagdunfall den Arm brach, bestand Manuel darauf, ihn selbst zu verarzten, so wie vor Jahren den deutschen König KONRAD III.
Als Manuel Antiochia verließ, stand es um die Beziehungen zwischen Byzanz und den Kreuzfahrerstaaten besser als je zuvor. Und dies wäre wahrscheinlich so geblieben, wenn er nun, wie die Franken erwarteten, gegen Aleppo gezogen wäre. An der Grenze traf er jedoch auf eine Gesandtschaft Nur ed-Dins, die über einen Waffenstillstand verhandeln wollte. Das Angebot des Emirs klang recht großzügig. Er versprach nicht nur sämtliche 6.000 christlichen Gefangenen freizulassen, sondern auch ein Heer gegen das Seldschuken-Reich zu schicken. Manuel stimmte, vermutlich erleichtert, zu, den Feldzug abzubrechen, und machte sich mit dem Heer sogleich auf den Heimweg nach Konstantinopel. Die fränkische Reaktion läßt sich leicht vorstellen. Warum war der Kaiser bloß mit einem riesigen Heer durch ganz Kleinasien marschiert, nur um dann, ohne eine einzige militärische Konfrontation mit den feindlichen arabischen Ungläubigen, den ganzen langen Weg wieder zurück zu ziehen? Die 6.000 freigelassenen Gefangenen bedeuteten ihnen nicht viel. Zugegeben, darunter befanden sich auch ein paar bekannte Namen wie Bertrand von Blankford, der Großmeister des Templerordens. Doch die große Mehrheit bildeten während des 2. Kreuzzugs in Gefangenschaft geratene Deutsche, von denen viele gesundheitlich angeschlagen waren und die nur eine zusätzliche Belastung für die erschöpfte Staatskasse darstellen würden. Tatsache war, dass man Manuel mit all der ihm gebührenden Ehre empfangen hatte, im Glauben, er werde die Kreuzfahrerstaaten von einem Feind befreien, der sie in ihrer Existenz bedrohte. Statt dessen hatte er sich schändlich mit dem Feind arrangiert und überließ sie nun ihrem Schicksal. Kein Wunder, dass sie sich verraten fühlten. In Wirklichkeit blieb Manuel keine andere Wahl. Mochte Syrien für die Kreuzfahrer auch lebenswichtig sein, für ihn war dieser Landstrich nur eine, und keineswegs die wichtigste, von vielen Außenprovinzen in seinem Reich. Er saß zwar relativ sicher auf dem Thron, aber nicht so sicher, dass er es sich hätte leisten können, monatelang weit von Konstantinopel entfernt, am Ende sehr langer Nachrichten- und Nachschubwege zu weilen, die von einem Tag auf den andern von arabischen oder türkischen Räuberbanden unterbrochen werden konnten. Außerdem kursierten bereits Gerüchte über eine Verschwörung in Konstantinopel und Schwierigkeiten an der Grenze zu Europa. Es war also Zeit zurückzukehren. Zudem war nicht ausgemacht, ob ihm Nur ed-Din überhaupt Schaden zufügte. Im Gegenteil: Hielt er nicht die Franken in Schach? Manuel war sich völlig im klaren darüber, dass diese nur so lange loyal zu ihm standen, wie sie sich bedroht fühlten. Das Seldschuken-Reich Anatoliens stellte auf jeden Fall eine viel größere Gefahr dar als der Atabeg von Aleppo; dessen Angebot konnte er auf keinen Fall ausschlagen, denn es enthielt die Möglichkeit eines Bündnisses gegen den gefährlicheren Feind.
Die nachfolgenden Ereignisse gaben ihm recht. Im Herbst 1159 befand er sich nach nur dreimonatigem Aufenthalt in Konstantinopel bereits wieder in Anatolien und kämpfte gegen den Seldschuken-Sultan Kilidsch Arslan II. Der Angriff erfolgte von vier Seiten. Der Kaiser stürmte mit der Hauptheeresmasse, noch verstärkt durch Truppen des Fürsten von Serbien, das Mäandertal hoch; Feldherr Johannes Kontostephanos rückte mit Leichtbewaffneten, die, wie vereinbart, Rainald und Thorosstellten, sowie einem Petschenegenkontingent nach Nordwesten über die Pässe des Taurusgebirges vor; Nur ed-Din näherte sich mit seinem Heer vom mittleren Euphrat her; die DANISCHMENDIDEN marschierten vom Nordosten heran. Gegen eine solche Übermacht gab der Sultan den Kampf schnell auf. Im Vertrag von Anfang 1162 verpflichtete er sich, alle in den vergangenen Jahren eroberten griechischen Städte zurückzugeben, die Grenzen zu respektieren und weitere Überfälle zu unterbinden. Außerdem stimmte er zu, bei Bedarf ein Regiment zur Unterstützung des byzantinischen Heeres zu stellen. Im Frühjahr des gleichen Jahres stattete er Konstantinopel schließlich einen Staatsbesuch ab.
Gleich von Anfang an versuchte Kaiser Manuel Kilidsch Arslan zu blenden. Er empfing ihn auf einem erhöhten, ganz mit Goldplatten ummantelten Thron, auf denen eingelassene, mit Perlen gesäumte Karbunkel und Saphire funkelten. Er trug auf dein Haupt das Diadem, um die Schultern einen weiten, ebenfalls mit Perlen und rundgeschliffenen Riesenjuwelen besetzten Purpurmantel. Am Hals prangte an einer goldenen Kette ein Rubin von der Größe eines Apfels. Kinnamos berichtet, der Sultan habe der Aufforderung, sich neben den Kaiser zu setzen, kaum Folge zu leisten gewagt. Und das war erst der Anfang. Während der drei Monate seines Aufenthaltes in Konstantinopel bekam der Sultan zweimal am Tag Getränke und Speisen in Gold- und Silberschüsseln gereicht, die daraufhin in sein Eigentum übergingen; keine gelangte je in den Palast zurück. Nach einem Bankett schenkte ihm Manuel das gesamte Tafelgeschirr. Kaum ein Tag verstrich ohne eine neue ausgefallenene Zerstreuung. Es fanden Bankette, Tumiere, Zirkusvorstellungen, Spiele im Hippodrom statt - sogar eine Darbietung im Wasser, um das Wunder des Griechischen Feuers besonders effektvoll in Szene zu setzen. Während all dieser Festivitäten machte der Kaiser jedoch durch unzählige kleine Gesten, die als einzelne unbedeutend, zusammengenommen aber unmißverständlich waren, immer wieder deutlich, dass der so geehrte Gast nicht etwa ein fremder Monarch, sondern lediglich ein Vasallenfürst war.
Kilidsch Arslans einziger Versuch, all diesem Pomp etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen, ging prompt daneben. Einer seiner Gefolgsleute kündigte eine Vorführung im Fliegen an. In einen Mantel gehüllt, der nur aus gewaltigen, sich blähenden Taschen zu bestehen schien, erklärte er, die Luft werde sich darin verfangen und ihm zu fliegen ermöglichen. Dann stieg er auf eine Plattform hoch über dem Hippodrom und stürzte sich ins Leere. Als man ihn kurz darauf aus der Arena trug, soll sich die versammelte Menge vor Lachen nicht mehr haben halten können, und für die Dauer des Aufenthaltes konnten der Sultan und sein Gefolge in den Straßen dem Spott und Hohn kaum mehr entgehen.
Schon beim Abgang Johannes' II. war die Machtstellung von Byzanz in Kleinasien so stark gewesen wie seit Mantzikert nicht mehr. Sein Sohn hatte sie nun noch mehr gefestigt. Der Seldschuken-Sultan war in die Knie gezwungen worden, und dem Atabeg von Mosul hatte man einen großen Schrecken eingejagt. Zwar stand Manuel inzwischen mit beiden auf gutem Fuß, doch hatten sie ihre Lektion gelernt. Der Landweg ins Heilige Land stand nun der Pilgerschaft aus dem Westen wieder offen. Unter den christlichen Völkern grollten ihm einzig noch die Franken in den Kreuzfahrerstaaten. Und sie bekamen bald noch mehr Grund zur Unzufriedenheit.
Ende 1159 war Kaiserin Irene, geborene Bertha von Sulzbach, in Konstantinopel gestorben; sie hinterließ zwei Töchter. Manuel befand sich gerade auf einem Feldzug in Anatolien. Er richtete ihr ein glanzvolles Begräbnis aus und ließ sie im väterlichen Pantokratorkloster beisetzen. Doch nun fehlte dem Reich für die Nachfolge ein männlicher Erbe. Nach einer angemessenen Trauerzeit sandte Manuel daher eine Gesandtschaft unter der Leitung des Feldherrn Johannes Kontostephanos nach Jerusalem mit der Bitte an König Balduin, ihm eine zweite Gemahlin aus den Reihen der dafür in Frage kommenden Kandidatinnen in den Kreuzfahrerstaaten vorzuschlagen.
Davon gab es zwei, und beide waren mit Balduin verwandt. Die eine, Melisende, war die Tochter des verstorbenen Grafen Raimund II. von Tripolis; die andere, Maria, jene Konstanzes von Antiochia und ihres ersten Mannes Raimund von Poitiers. Da das Haus ANTIOCHIA Balduin fortwährend Ärger bereitete, wäre es nicht verwunderlich gewesen, wenn er sich für Melisende entschieden hätte. Der ganze Kreuzfahrerosten geriet in helle Aufregung. Melisendes Bruder, Graf Raimund III., verschwendete ein Vermögen für die Aussteuer und Hochzeitsvorbereitungen; sogar eine Flotte von 12 Galeeren wurde bereitgestellt, die sie standesgemäß zu ihrem neuen Heim begleiten sollte. Erst allmählich merkte man, dass Konstantinopel noch nichts hatte verlauten lassen. Was war geschehen? Sollte es etwa gar keine Hochzeit geben? Sollten die byzantinischen Gesandten so taktlos gewesen sein, die hartnäckigen Gerüchte um Melisendes illegitime Geburt zu erwähnen, die einzig auf dem aller Welt bekannten gespannten Verhältnis ihrer Eltern beruhten?
Dies könnte zutreffen. Indes gab es andere Gründe, die Manuel nahelegten, die Entscheidung hinauszuzögern. Im November 1160 war Fürst Rainald von Antiochia in Gefangenschaft Nur ed-Dins geraten. Fürstin Konstanze hatte darauf sofort die Macht an sich gebracht. Doch sie war seit je unbeliebt, und eine nicht unbeträchtliche Anzahl der Bevölkerung hätte lieber ihren 15-jährigen Sohn Bohemund, genannt der Stammler, an ihrer Stelle gesehen. Rechtens hätte das Problem dem byzantinischen Kaiser als dem Lehnsherrn von Antiochia zur Entscheidung vorgelegt werden müssen. Tatsächlich pflegte man in Antiochia in derlei Fällen jedoch nach Jerusalem zu blicken, und statt an Manuel hatte man sich an König Balduin gewandt. Dieser hatte sich für den jungen Bohemund ausgesprochen und, bis er alt genug war, den Patriarchen Aimery zum Regenten bestimmt. Aufgebracht hatte die gedemütigte Konstanze daraufhin sogleich den byzantinischen Hof angerufen. Auch Manuel ärgerte sich über Balduins Anmaßung. Daher dürfte wohl mehr diese Angelegenheit und nicht Mutmaßungen über die Identität von Melisendes Vater seine Entscheidung beeinflußt haben. Indes ließ er von sich aus nichts darüber verlauten. Erst als Raimund im Sommer 1161 ungeduldig anfragen ließ, was der Kaiser denn nun beabsichtige, bestätigte dieser, dass die Hochzeit nicht stattfinden werde. Tripolis war konsterniert. Die arme Melisende fiel einer solchen Verstörung anheim, dass sie nie wieder zu sich selbst fand. Ihr Bruder baute die 12 Galeeren zu Kriegsschiffen um und machte mit ihnen die Küstenstädte Zyperns unsicher. Der zutiefst beunruhigte König Balduin ritt nach Antiochia, wo er zu seiner Verwunderung eine hochkarätige Delegation aus Konstantinopel vorfand. An ihrer Spitze stand Anna Komnenas Bruder Alexios Bryennios [Richtigstellung: Alexios war der Sohn der Anna Komnena.]; Konstanze saß wieder auf dem Thron, und gerade wurde der Ehevertrag zwischen Kaiser Manuel und Prinzessin Maria aufgesetzt. Im Dezember 1161 brach Maria in St. Symeon auf, und an Weihnachten wurden Maria und Manuel in Anwesenheit der Patriarchen von Konstantinopel, Antiochia und Alexandria in der Hagia Sophia getraut.
Balduin mußte sich ins Unvermeidliche schicken. Er gab seiner Verwandten seine Glückwünsche mit auf den Weg und reiste über Tripolis heim Richtung Jerusalem. Er traf dort indes nie ein, denn in Tripolis erkrankte er schwer. Obwohl noch nicht wieder bei Kräften, reiste er weiter und schlug sich noch bis Beirut durch, wo er am 10. Februar 1162 im Alter von 32 Jahren starb.
Manuel Komnenos weinte beim Eintreffen der Todesnachricht. Balduin war ein guter König gewesen. Und mit seiner Energie, seiner Intelligenz und seinem natürlichen politischen Gespür wäre aus ihm vielleicht sogar ein großer König geworden. Trotz einiger Differenzen hatte zwischen den beiden regierenden Monarchen eine persönliche Freundschaft bestanden, und sie hatten gerne Umgang miteinander gepflegt - eine Tatsache, der man nicht genug Bedeutung beimessen kann.
Doch Manuels Gedanken weilten schon bald nicht mehr länger im Osten. Am 31. Mai 1161 starb König Geza II. von Ungarn, und die Folgen dieses Todesfalles bekamen in seinem Denken nun Vorrang. Die Ungarn waren immer unruhige Nachbarn gewesen. Eingeklemmt zwischen zwei großen Reichen, verfolgten sie in Kroatien und Dalmatien Interessen, die zwangsläufig mit denen von Byzanz kollidieren mußten. Vor allen Dingen hatte König Geza dem Bündnis zwischen KONRAD und Manuel mißtraut. Während er sich in den ersten Jahren noch nicht an ernstzunehmende Aktionen heranwagte, war er nach KONRADS Tod kühner geworden und hatte schließlich über vier Jahre hinweg immer wieder Krieg gegen Byzanz vom Zaun gebrochen, bis Manuel, um freie Hand in Süd-Italien zu haben, 1156 auf einen Friedensvertrag einging. Beide Seiten gaben sich jedoch keinen Illusionen über dessen Beständigkeit hin. Gezas Ziel bestand in der Errichtung einer starken, unabhängigen Nation, Manuel dagegen strebte die Vernichtung Ungarns als eigenständiges Land und dessen Wiedereingliederung ins Reich an.
Auf Gezas Tod folgten Streitigkeiten um seine Nachfolge, in die Manuel sich von Anfang an einmischte. Er protegierte Gezas Bruder Stephan und unterstützte ihn reichlich mit Geld und Waffen. Aber diesem Stephan war letztlich kein Erfolg beschieden; vielmehr gelangte sein Neffe, Gezas Sohn, als Stephan III. auf den Thron. Zu ihm sandte Manuel 1163 seinen Botschafter Georgios Palaiologos mit einem Angebot. Falls Stephan seinen jüngeren Bruder Bela als Erben von Kroatien und Dalmatien anerkenne, werde er Bela nicht nur die Hand seiner Tochter Maria übergeben, sondern ihn auch als Erben des byzantinischen Kaiserthrones einsetzen. Stephan gab sein Einverständnis, und der junge Prinz reiste in Begleitung von Georgios Palaiologos nach Konstantinopel; dort wurde er christlich-orthodox auf den byzantinischen Namen Alexios getauft und erhielt den Titel Despot. Diesen hatte früher nur der Kaiser geführt, und von nun an bezeichnete er den höchsten Rang nach ihm, stand also sowohl über dem Sebastokrator als auch über dem Cäsar.
Man sollte meinen, dass damit die Feindschaft zwischen Ungarn und Byzanz ein Ende genommen hätte; allein dies war nicht der Fall. Schon 1164 setzten Manuel und Bela über die Donau mit der fadenscheinigen Begründung, Stephan habe sich nicht an die Vereinbarung des vergangenen Jahres gehalten. Es folgten noch weitere Feldzüge, auf denen sich das Seldschuken-Regiment, das Kilidsch Arslan II. vertragsgemäß abkommandiert hatte, durch besonderen Mut auszeichnete. Die Kämpfe zogen sich bis 1167 hin; in diesem Jahr errang das byzantinische Heer unter der Führung von Manuels Neffen Andronikos Kontostephanos' einen bedeutenden Sieg, durch den Byzanz in den Besitz von Dalmatien, Bosnien, Sirmium' und des größten Teils von Kroatien gelangte.
Bei den nachfolgenden Feierlichkeiten spielten Bela-Alexios und Maria eine wichtige Rolle. Nach vier Jahren Wartezeit war ihre Ehe immer noch nicht in greifbare Nähe gerückt. Als 1169 Kaiserin Maria von Antiochia einen Sohn gebar, wurde der Grund für die Verzögerung offenkundig. Nun war es Manuel möglich, seine Versprechungen zurückzunehmen. Kurzerhand löste er Belas Verlobung mit seiner Tochter Maria, vermählte ihn mit Anne von Chatilion, einer Halbschwester Kaiserin Marias von Antiochia, und degradierte ihn gleichzeitig zum Cäsar. Drei Jahre später erhob er seinen Sohn, der gleichfalls Alexios hieß, zum Mit-Kaiser. Belas verständlicher Ärger schwand jedoch rasch: Im Frühjahr des Jahres 1172 starb sein Bruder König Stephan, und er gelangte mit massiver Unterstützung seitens Manuels noch in selben Jahr auf den ungarischen Thron. Bevor er Konstantinopel verließ, leistete er Manuel den Treueid und gelobte die Interessen des Byzantinischen Reichs stets zu respektieren. Und er hielt Wort.
Der Erfolg seiner Ungarnpolitik hatte für Manuel noch andere günstige Auswirkungen: Sie beraubte das ständig aufrührerische Serbien seines wichtigsten Bundesgenossen. Das byzantinische Heer hatte zwar dessen Aufstände stets niederschlagen, ihnen aber nie ein für allemal ein Ende bereiten können. 1167 errang Groß-Zhupan Stephan Nemanja noch einmal einen bemerkenswerten Sieg, so dass es eine Zeitlang den Anschein hatte, als könnte er Manuel standhalten. Doch der Tod König Stephans III. von Ungarn und der große Feldzug im Sommer 1172, den der Kaiser persönlich anführte, machten alle Hoffnung Nemanjas zunichte. Wie Rainald von Chatilion mußte er sich vor ihm niederwerfen und später bei dessen triumphalem Einzug in Konstantinopel als besiegter Rebell im Zug mitmarschieren.
Venedig traf diese Entwicklung von allen westlichen Staaten am schwersten. Auch der Stadtstaat erhob Ansprüche auf Dalmatien, wo er in der Vergangenheit nur zu gern gemeinsame Sache mit Byzanz gegen den ungarischen Expansionsdrang gemacht hatte. Die Reaktion am Rialto auf die kaltschnäuzige Annektierung der gesamten Küste durch Kaiser Manuel läßt sich daher vorstellen. Nicht dass Venedig etwas anderes von ihm erwartet hätte. Schon seit geraumer Zeit beobachtete man mit zunehmender Besorgnis, wie er Genua, Pisa und Amalfi gestattete, in Konstantinopel immer mehr Fuß zu fassen - bislang hatte die Serenissima im Außenhandel das alleinige Vorrecht genossen. Zudem behandelte Manuel die ihm näher liegende Stadt Ancona, deren Bevölkerung überwiegend Griechisch sprach, wie eine byzantinische Kolonie. Ja, es gingen sogar Gerüchte um, er beabsichtige sie in das Byzantinische Reich eingzuliedern und verfolge langfristig das Ziel, das alte Exarchat wiederherzustellen.
Manuel hatte natürlich seine Gründe für diese Politik. Zu der Zeit lebten vermutlich mindestens 80.000 Menschen lateinischer Herkunft in Konstantinopel und erfreuten sich besonderer Privilegien, die er und seine Vorgänger ihnen in Phasen ökonomischer oder politischer Schwäche hatten gewähren müssen. Die venezianische Kolonie stellte darunter die größte, am meisten privilegierte und unangenehmste Gruppe dar. Der Chefsekretär Manuels und Chronist Niketas Choniates schreibt, sie seien so unverschämt reich und wohlhabend geworden, dass sie sogar auf die kaiserliche Macht verächtlich herabsehen könnten. Verständlich also, dass der Kaiser ihre Macht zu beschneiden wünschte. Dazu bot sich ihm schon bald eine ausgezeichnete Gelegenheit. Zu Beginn des Jahres 1171 wurde die neue Genueser Siedlung in Galata, dem Bezirk auf der gegenüberliegenden Seite des Goldenen Horns, angegriffen und großenteils zerstört. Wer für die Verwüstung verantwortlich zeichnete, wurde nie geklärt. Manuel benutzte diesen Vorfall als die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte: Er schob die Schuld daran einfach der venezianischen Niederlassung in die Schuhe und befahl am 12. März, überall auf byzantinischem Boden Angehörige der Republik Venedig sofort gefangenzusetzen sowie ihre Schiffe und ihr Eigentum zu konfiszieren. Einige wenige konnten in einem byzantinischen Kriegsschiff entkommen, das ein in kaiserlichen Diensten stehender Kapitän ihnen zur Verfügung stellte. Die Mehrheit hatte jedoch weniger Glück. Allein in der Hauptstadt wurden 10.000 festgenommen, und als alle Gefängnisse überquollen, mußten Klöster und Konvente herhalten, um die übrigen aufzunehmen. Als die Nachricht am Rialto eintraf, wollte man sie zunächst nicht glauben, geriet dann jedoch außer sich. Der Angriff auf das genuesische Viertel galt allgemein als ein mutwillig von Byzanz geschaffener Vorwand, ein Verdacht, der noch dadurch genährt wurde, dass Genua selbst erklärte, die venezianische Niederlassung habe mit dem Angriff nichts zu tun. Dass die Verhaftungen so glatt und effizient hatten durchgeführt werden können - am selben Tag im ganzen Reich -, zeigte zudem, dass die Aktion schon Wochen im voraus sorgfältig geplant war. Man rief auch in Erinnerung, dass der Kaiser nur zwei Jahre zuvor einer venezianischen Gesandtschaft besondere Garantien für die Sicherheit ihrer Landsleute abgegeben hatte, um so Gerüchte auszuräumen, er führe etwas gegen sie im Schilde. Aufgrund dieser Garantien war noch mehr venezianisches Kapital in den Osten geflossen, was die Beute, die Manuel jetzt in Händen hielt, noch vermehrte.
Damit zerriß das letzte alte Band zwischen Venedig und Byzanz. Die Republik war zum Krieg entschlossen, und die venezianische Bürgerschaft mußte, je nach finanziellen Möglichkeiten, Mittel für eine Zwangsanleihe bereitstellen. Die in der Fremde lebenden Venezianer, wenigstens diejenigen, die nicht in byzantinischen Gefängnissen schmachteten, wurden nach Hause beordert und zum Militärdienst abkommandiert. Schon ein gutes Vierteljahr später hatte der Doge Vitale Michiel eine Flotte von über 120 Seglern aufgerüstet, die er im September aus der Lagune und gegen das Reich im Osten führte. Nachdem an mehreren Orten in lstrien und Dalmatien weitere venezianische Grüppchen an Bord gekommen waren, segelte die Flotte um den Peloponnes und nach Euböa, wo eine byzantinische Gesandtschaft sie erwartete. Diese versuchte im Auftrag ihres Herrn zu beschwichtigen und unterstrich, Byzanz habe kein Interesse an einem Krieg, der Doge brauche nur eine friedliche Abordnung nach Konstantinopel zu schicken, dann könnten alle Differenzen ausgeräumt werden, und zwar zu Bedingungen, über die er sich nicht zu beklagen haben werde. Vitale Michiel ging auf das Angebot ein und beging damit den verhängnisvollsten Fehler seines Lebens. Während seine Gesandten sich auf den Weg zum Bosporus machten, wartete er mit der Flotte auf Chios die weitere Entwicklung ab. Dort ereilte ihn sein Schicksal. Auf den überfüllten Schiffen brach die Pest aus, die sich rasend schnell verbreitete. Zu Beginn des Frühjahrs waren Tausende dahingerafft und die Überlebenden derart geschwächt und demoralisiert, dass man mit ihnen keinen Krieg führen konnte. Zu diesem Zeitpunkt kehrten die Gesandten aus Konstantinopel zurück. Man hatte sie dort schimpflich behandelt, und ihre Mission war vollkommen gescheitert. Der Kaiser hegte offensichtlich nicht die geringste Absicht, seine Haltung zu ändern. Er hatte sie nur aus dem Grund eingeladen, um für die Instandsetzung seiner Verteidungsanlagen Zeit zu gewinnen. Gedemütigt und gebrochen kehrte der Doge nach Hause zurück, um vor die versammelte venezianische Bürgerschaft zu treten. Er wäre besser im Osten geblieben. In ihren Augen hatte er sich krimineller Leichtgläubigkeit schuldig gemacht und war blind in eine typisch byzantinische Falle getappt; und nun hatte er offensichtlich auch noch die Pest nach Venedig eingeschleppt. Vor allem diesen Fehler verzieh man ihm nicht. Die Versammlung erhob sich geschlossen gegen ihn, draußen schrie der Mob nach seinem Blut. Der glücklose Michiel konnte zwar durch eine Hintertür noch aus dem Palast entwischen, doch schon nach wenigen hundert Metern auf dem Weg zum Kloster San Zaccharia, wo er Asyl suchen wollte, wurde er gestellt und erstochen. Erst 14 Jahre später nahmen Venedig und Byzanz wieder diplomatische Beziehungen auf, und erst 32 Jahre danach konnte die Lagunenstadt sich rächen. Doch schon fünf Jahre nach der Rückkehr des Dogen Vitale Michiel und seiner von der Pest heimgesuchten Flotte blickte die gesamte Christenheit gespannt nach Venedig: Am 24. Juli 1177 spielte sein Nachfolger Sebastiano Ziani Gastgeber für die wichtigste politische Zeremonie im 12. Jahrhundert, die offizielle Versöhnung Papst Alexanders III. mit dem weströmischen Kaiser FRIEDRICH BARBAROSSA.
Seit seiner unglückseligen Krönung im Sommer des Jahres 1155 hatten sich FRIEDRICHS Beziehungen zum Papst ständig verschlechtert. Von Anfang an war er entschlossen gewesen, seine Herrschaft in Nord-Italien zu verteidigen, doch zeigten sich die lombardischen Städte mehrheitlich entschlossen, die alten feudalen Fesseln zu sprengen und durch eine republikanische Selbstverwaltung zu ersetzen. Papst Hadrian unterstützte sie darin. Im August 1159 suchte eine Vertretung der Städte Mailand, Crema, Brescia und Piacenza ihn in Agnani auf und legte in Anwesenheit von Gesandten des sizilianischen Königs Wilhelm mit einem feierlichen Schwur den Grundstein für den Lombardischen Städtebund. Die Städte gelobten, sich mit dem gemeinsamen Feind ohne Zustimmung des Papstes nicht ins Benehmen zu setzen, während der Papst Kaiser FRIEDRICH nach der üblichen Frist von 40 Tagen bannen wollte. Dazu kam es jedoch nicht. Noch in Agnani starb Papst Hadrian IV. am 1. September infolge einer Angina. Sein Tod eröffnete FRIEDRICH BARBAROSSA die Gelegenheit, noch mehr Zwist zu säen. Da ihm klar war, dass der nächste Papst, bei einer freien Wahl, die Politik seines Vorgängers weiterführen würde, fädelte er mit Vorbedacht eine Spaltung der päpstlichen Kurie ein. Dies beschwor folgende Situation herauf: Während Kardinal Roland von Siena, der als Kanzler Hadrians dessen Außenpolitik wesentlich mitbestimmt hatte, im Petersdom als Papst Alexander III. inthronisiert wurde, ergriff sein Kollege Kardinal Octavian von Santa Cecilia unversehens den Papstmantel und hängte ihn sich selbst um. Alexanders Anhänger rissen ihn ihm zwar ebenso rasch wieder vom Leib, aber Octavian hatte vorsichtshalber noch einen zweiten mitgebracht, und hüllte sich darein; dabei verhedderte er sich allerdings so, dass er ihn auf links trug. Dann stürzte er zum Thron, setzte sich hin und rief sich als Papst Viktor IV. aus. Keine sehr erhebende Vorstellung; aber er kam damit durch. FRIEDRICHS Gesandte in Rom anerkannten Viktor sofort als den rechtmäßigen Pontifex. Wenn sich auch praktisch das gesamte westliche Europa hinter Alexander stellte, war die Sache doch nicht mehr aus der Welt zu schaffen. In den folgenden 18 Jahren geriet die ohnehin chaotische Politszene Italiens wegen des umstrittenen Papstthrones noch mehr durcheinander. FRIEDRICH, den Alexander im März 1160 mit dem Bann belegte, legte diesem weiterhin alle möglichen Steine in den Weg und ließ unter anderem, als Viktor vier Jahre später starb, durch zwei ihm ergebene Kardinäle einen weiteren Gegen-Papst wählen.
Manuel Komnenos betrachtete den Streit zwischen BARBAROSSA und dem Papst als hervorragende Gelegenheit, die Suprematie von Byzanz über die ganze Christenheit wiederzuerlangen. Da sein Rivale die traditionelle Beschützerrolle der weströmischen Kaiser offensichtlich nicht spielen wollte, würde eben er dies tun. Die Annäherung konnte möglicherweise ja sogar zur Wiedervereinigung der Ost- und West-Kirche führen, die schon über 100 Jahre im Schisma verharrten. Als daher zu Beginn des Jahres 1160 zwei hochrangige päpstliche Gesandte in Konstantinopel eintrafen und um die Unterstützung des Kaisers für Alexander gegen den Gegen-Papst Viktor ersuchten, empfing er sie zuvorkommend. In den folgenden fünf Jahren scheint er mit dem Papst und dem König von Frankreich - Ludwig überwand sein instinktives Mißtrauen gegenüber Byzanz bis zu einem gewissen Grad - geheime Verhandlungen geführt zu haben, in der Hoffnung auf eine allgemeine Allianz der europäischen Fürsten und der italienischen Städte. FRIEDRICH sollte ein für allemal erledigt werden.
Diese Verhandlungen zeitigten jedoch enttäuschende Ergebnisse. 1166 beschloß Manuel, den Stier bei den Hörnern zu fassen und Papst Alexander einen handfesten Vorschlag zu machen. Er würde eine Reihe wichtiger Zugeständnisse in theologischen und liturgischen Belangen machen, mit dem Ziel, das Schisma zu beenden, und Alexander außerdem so reichliche finanzielle Mittel zukommen lassen, dass dieser, wenn er wollte, nicht nur Rom, sondern ganz Italien würde kaufen können. Als Gegenleistung sollte Alexander ihn zum Kaiser krönen und auf diese Weise die ursprüngliche Einheit des Reichs wiederherstellen. Der Zeitpunkt für das Angebot war gut überlegt; der einstige Günstling des Papstes, König Wilhelm von Sizilien, war am 7. Mai gestorben und sein gleichnamiger Sohn noch minderjährig. Also mußte sich Alexander nach einer anderen Schutzmacht umsehen. Da war Konstantinopel die einzig richtige Adresse. Schon bald machten sich zwei weitere Kardinäle auf den Weg zum Bosporus, um genaue Auskünfte über das Vorhaben Kaiser Manuels einzuholen. Doch ihre Reise erwies sich als vergeblich, da die Kirchen sich inzwischen zu weit voneinander entfernt hatten, um einen gemeinsamen Nenner finden zu können. Ober den Inhalt der Gespräche ist nichts bekannt. Johannes Kinnamos berichtet, als erstes habe der Papst die Bedingung gestellt, Manuel müsse seine Residenz wieder nach Rom verlegen. Wenn das zutrifft, muß dieser rundweg abgelehnt haben; ein solcher Vorschlag konnte gar nicht ernst genommen werden. Die Kardinäle kehrten also zurück, ohne die anstehenden Probleme einer Lösung nähergebracht zu haben. Etwa ein Jahr später versuchte Manuel es erneut; auch diesmal ohne Erfolg. Er unterschätzte wohl, wie unpopulär er im Westen war, besonders seit dem 2. Kreuzzug. Man verdächtigte ihn finsterster Absichten in bezug auf Syrien und das Heilige Land, darunter, dass er die fränkischen Fürsten vertreiben und dort den orthodoxen Ritus wieder einführen wolle. Manuel begriff auch nicht, dass er in Alexanders Augen viel zuviel für sich beanspruchte. Wenn der Papst auch Beistand suchte, so gab er seinen Suprematsanspruch noch lange nicht auf; ganz gleich, ob es zwei Reiche gab oder eines, der Stellvertreter Christi auf Erden hatte auf alle Fälle Vorrang.
Die Zeit zwischen 1170 und 1175 sah Manuel Komnenos auf dem Höhepunkt seiner Machtentfaltung. Im Osten hatte er den Kreuzfahrerstaaten seine Oberherrschaft aufgezwungen, durch eine dynastische Heirat gefestigt und den Seldschuken-Sultan in die Knie gezwungen. Im Westen hatte er seinen Freund Bela III. im wahrsten Sinne des Wortes zum König von Ungarn "gemacht" und selbst auf Kosten Ungarns ein großes Gebiet dazugewonnen. Er hatte den serbischen Groß-Zhupan Stephan Nemanja gedemütigt und Venedigs Macht in seinem Reich gebrochen und davon enorm profitiert. Einzig die Rückeroberung Süd-Italiens war ihm mißglückt. Davon abgesehen, hätte er seine Karten kaum besser ausspielen können. Doch Ost und West lagen gut 1.000 Meilen auseinander. Da Manuel nicht überall zugleich sein konnte, hatte er Kleinasien nach dem Vertrag mit Kilidsch Arslan über ein Jahrzehnt lang den Rücken zugewandt. Und der Seldschuken-Sultan war in dieser Zeit nicht untätig geblieben. Zwar hatte er Feindseligkeiten gegenüber dem Reich vermieden, nach und nach indes bis auf Nur ed-Din alle seine moslemischen Rivalen ausgeschaltet. 1173 tauchte in Konstantinopel das Gerücht auf, der Sultan schmiede mit dem Atabeg von Mosul Pläne, und anscheinend laufe das Ganze auf ein Militärbündnis hinaus. (Hätte Manuel nur gewußt, dass er auch mit FRIEDRICH BARBAROSSA Tuchfühlung aufgenommen hatte!) Manuel setzte sofort nach Asien über und stellte den Sultan in Philadelphia (Alachir) zur Rede. Dieser erklärte ihm höflich, aber ungerührt, Nur ed-Din habe ihm sein Bündnis mit dem christlichen Kaiser nicht verziehen, und dessen Wünsche müsse er nun einmal respektieren. Byzanz, so versicherte er Manuel, habe nichts zu befürchten; er würde im Gegenteil die alten Verträge gerne erneuern. Damit war für den Augenblick die Gefahr noch einmal abgewendet. Doch am 15. Mai 1174 starb Nur ed-Din, der mächtige Atabeg von Mosul, wodurch die Danischmendiden, die er lange geschützt und verteidigt hatte, hilflos der starken Seldschuken-Macht ausgeliefert waren. Als Kilidsch Arslan ohne Zaudern ihr Territorium annektierte, wandten sich zwei geflüchtete Fürsten der DANISCHMENDIDEN an Konstantinopel. Zwei Jahre vergingen mit diplomatischen Unterredungen - Kilidsch Arslan machte Ausflüchte und verschleppte die Verhandlungen, indem er immer wieder seinen Wunsch nach Frieden und weiteren Abkommen beteuerte - und kleineren Scharmützeln, während Manuel alles daransetzte, die byzantinischen Festungen im Grenzland zu verstärken. Im Sommer 1176 marschierte er dann an der Spitze seiner Streitmacht gegen Ikonion und gelangte durch das obere Mäandertal bis in die gebirgige Grenzregion zum Sultanat. Hier kam ihm eine Abordnung Kilidsch Arslans mit einem letzten, großzügigen Friedensangebot entgegen. Die meisten erfahrenen Heerführer sprachen sich für die Annahme des Vorschlags aus; sie wiesen auf die Risiken des langen Marsches mit schwerem Kriegsgerät - sie führten ihre Belagerungsmaschinen mit - durch das Gebirge hin, wo die seldschukischen Truppen alle strategisch wichtigen Höhen besetzt hielten. Leider gab es im Heer aber auch eine Reihe junger Adliger, die auf ihre erste Kampferfahrung brannten. Sie machten sich für eine Fortsetzung des Feldzugs stark, und der Kaiser hörte törichterweise auf sie.
Unterhalb der zerstörten Festung Myriokephalon führte der Weg des kaiserlichen Heeres durch den langen Engpaß Tzybritze. Dieser war so eng, dass sich der Troß bei der Durchquerung am 17. September über 10 Meilen auseinanderzog. Bis zu diesem Augenblick hatten die Türken ihre Aktivität auf unbedeutende Überfälle durch kleine Räuberbanden beschränkt. Nun schlugen sie zu. Von allen Seiten fegten sie von den Bergen herab und konzentrierten ihre tödlichen Pfeile auf die Lasttiere, die den Weg blutüberströmt sehr bald unpassierbar machten. Balduin von Antiochia, Kaiserin Marias Bruder und Manuels Schwager, stürmte mit seinem Reiterregiment den Hang hinauf mitten in den Feind hinein; sie kamen mit Mann und Maus um. Hätte Manuel ebenso viel Kampfgeist entwickelt, wäre Rettung vielleicht möglich gewesen. Aber ausgerechnet in diesem entscheidenden Moment verließ ihn der Mut. Bei einer rasch einberufenen Lagebesprechung verkündete er zum Entsetzen der Heerführer, er habe beschlossen zu fliehen. Der kommandierende Feldherr Andronikos Kontostephanos protestierte heftig, und seine Worte wurden von einem Fußsoldaten wie ein Echo wiederholt; dieser hatte das Gespräch mitangehört und warf Manuel nun heftig vor, dass er ein Heer im Stich lassen wolle, dessen Vernichtung doch allein Folge seiner, des Kaisers Unklugheit sei. Widerstrebend versprach Manuel auszuharren. Sein Ansehen erlitt jedoch einen schweren Schlag und erholte sich nie wieder davon. Bei Einbruch der Dämmerung griffen die Seldschuken erneut an. Eine Zeitlang sah es aus, als wäre ein Gemetzel nicht mehr zu vermeiden. Dann wurde der Kampf unvermittelt eingestellt, und ein türkischer Unterhändler führte ein prächtig aufgeputztes Pferd als Geschenk seines Herrn in das kaiserliche Lager. Er berichtete, der Sultan habe kein Verlangen nach weiterem Blutvergießen; falls der Kaiser die Festungen Dorylaion und Sublaion schleifen lasse - die in den vergangenen zwei Jahren verstärkt worden waren -, werde er einen Friedensvertrag mit ihm abschließen. Manuel konnte sein Glück kaum fassen und stimmte sogleich zu.
Laut Niketas Choniates wollte Kaiser Manuel den Rückmarsch auf einem anderen Weg antreten, die Führer bestanden indes darauf, das Schlachtfeld mit ihm abzugehen, damit er das ganze Ausmaß des Gemetzels zu sehen bekam. Der Rückzug wurde ihm zur Qual. Was vorn Heer noch übrig war, sah sich ständigen Angriffen seitens bewaffneter türkischer Seldschukenbanden ausgesetzt, die den Friedensvertrag nicht zur Kenntnis nahmen, da sie sich um die ihnen zustehende Kriegsbeute geprellt sahen. In Sublaion ließ Manuel, wie vereinbart, die Festung schleifen. Von Philadelphia aus sandte er ein paar Tage später Boten nach Konstantinopel; in der Nachricht verglich er das volle Ausmaß der Katastrophe mit jener von Mantzikert. Indes, so betonte er, sei er nicht wie sein Vorgänger Romanos in Gefangenschaft geraten, und Kilidsch Arslan habe von sich aus Frieden angeboten.
Bleibt die Frage, warum der Sultan so gehandelt hat; seinen Truppen bot sich die einmalige Gelegenheit, das Byzantinische Reich militärisch zu vernichten. Warum hat er sie nicht genutzt? Das wird wohl nie mehr zu klären sein. Vielleicht hat er nicht geahnt, wie gewaltig ihr Sieg war. Vermutlich hatten auch sie schwere Verluste erlitten, und er war sich über den Ausgang der Schlacht weniger sicher als Manuel. Vielleicht hat er aber auch angenommen, er benötige künftig die diplomatische und sogar militärische Unterstützung von Byzanz. Wie dem auch sei, dass die beiden Festungen geschliffen wurden, bot seinen Leuten die Möglichkeit, sich ungehindert in den Tälern des Sangarios und Mäander auszubreiten, und dies ist als nicht geringer Vorteil zu werten. Zweifellos hat die Niederlage bei Myriokephalon Manuels Hoffnungen auf Wiedererrichtung seiner Herrschaft über Kleinasien ein Ende bereitet. Er unternahm noch ein, zwei kleinere, eher auf Verteidigung oder Vergeltung ausgerichtete Angriffe, aber nie wieder einen großen Feldzug in den Osten. In Zukunft taugte das dezimierte Heer höchstens noch für den Schutz der Grenzen.
Man kann jedoch nicht behaupten, es sei zu keinen ernsthaften Gefechten mehr gekommen. Als Manuel wieder in Konstantinopel war, zeigte sich schon bald, dass er trotz seines feierlich abgegebenen Versprechens keineswegs die Absicht hatte, die Befestigungsanlagen von Dorylaion anzutasten. Um 1177 - das genaue Datum ist nicht zu ermitteln - führte Kilidsch Arslan seine Truppen zornbebend tief in Reichsgebiet hinein; sie verwüsteten das gesamte Mäandertal und plünderten Tralles und Antiochia in Pisidien. Doch diese Operation sowie weitere, die noch folgten, hatten eher den Charakter eines Überfalls als einer dauernden Invasion und veränderten daher die Landkarte Anatoliens nicht dauerhaft.
Was hat Manuel Komnenos letztlich im Osten erreicht? Was die moslemischen Gebiete betrifft, rein gar nichts - wegen eines einzigen, aber kapitalen Fehlers. Er hat zu sehr auf den 1162 mit Kilidsch Arslan abgeschlossenen Friedensvertrag gebaut und den Sultan dann 11 Jahre lang seine eigenen Interessen verfolgen lassen. Dieses Gewährenlassen, dazu die immensen Mengen an Gold und Silber, die Kilidsch Arslan während seines zwölfwöchigen Aufenthaltes in Konstantinopel erhielt, führten dazu, dass dieser seine moslemischen Konkurrenten ausschalten und sich als einzige ernstzunehmende Macht in Ost-Anatolien etablieren konnte. Durch überbordende Großzügigkeit, gemischt mit einem merkwürdigen Mangel an politischer Weitsicht, hat Manuel sich statt einer Reihe kleiner Fürstentümer, die sich untereinander bekriegen, ein einziges und zielgerichtetes eingehandelt, das ihn schließlich besiegte.
Im Frühjahr 1178 zog Philipp, Graf von Flandern, auf dem Heimweg vom Heiligen Land durch Konstantinopel. Manuel empfing ihn wie gewöhnlich sehr gastfreundlich, stellte ihm den kleinen Alexios vor und regte an, sich in Frankreich bei König Ludwig über die Möglichkeit einer Heirat zwischen dem jungen Prinzen und einer französischen Prinzessin umzuhören. Philipp sagte zu, und innerhalb angemessener Frist gab auch Ludwig seine Zustimmung. So brach an Ostern 1179 Prinzessin Agnes von Frankreich, die Tochter Alix' von der Champagne - Ludwigs dritter Frau - zu einem neuen Leben nach Konstantinopel auf. Am Sonntag, dem 2. März 1180, schloß Patriarch Theodosios im Triklinium des Großen Palastes den Ehebund zwischen Agnes und Alexios und krönte sie mit dem kaiserlichen Diadem. Agnes zählte neun Jahre, ihr Ehebub zehn Jahre.
Es sollte Manuels letzter diplomatischer Erfolg sein. Binnen weniger Wochen erkrankte er schwer. Der geistig und körperlich zusehends verfallende Kaiser, nach Myriokephalon ohnehin nicht mehr der alte, überließ sich mehr und mehr dem Einfluß der Hofastrologen. Sie trösteten ihn mit der Prophezeiung, er habe noch 14 Jahre zu leben und werde seine Heere von Sieg zu Sieg führen. Manuel vertraute ihnen so sehr, dass er sich bis zuletzt weigerte, die Regentschaft bis zum Zeitpunkt der Volljährigkeit seines Sohnes zu regeln. Unterdessen orakelten die Astrologen, um die Aufmerksamkeit von der Ungenauigkeit ihrer Vorhersagen abzulenken, düster von bevorstehenden Erdbeben und anderen Naturkatastrophen. Da geriet der Kaiser in Panik und ordnete die Aushebung tiefer unterirdischer Schutzräume und sogar die Zerstörung einiger Palastbauten an. Die Erdbeben blieben aus; doch Mitte September konnte Manuel nicht länger daran zweifeln, dass ihm der Tod bevorstand. Unter Tränen sprach er zwar von seinem Sohn und den Schwierigkeiten, die er als sein Nachfolger haben werde, war aber nicht mehr imstande, die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Zuletzt beugte er sich den inständigen Bitten des Patriarchen, distanzierte sich offiziell von den Astrologen und schwor seinem Glauben an sie ab. Dann seufzte er tief auf, fühlte nach seinem Puls und verlangte nach einer schlichten Mönchskutte. Die kaiserlichen Insignien wurden entfernt, er zwängte sich, so gut es ging, in das grobe, schmucklose Kleid und starb bald darauf im Alter von etwa 60 Jahren. Er wurde in der Pantokratorkirche, direkt neben dem Eingang, beigesetzt. Viele Jahre zuvor hatte er einen schweren Stein, der unlängst aus Ephesos eingetroffen war und auf dem angeblich Christi Leichnam nach seiner Abnahme vom Kreuz gelegen hatte, auf den Schultern vom Bukoleon-Portal zum Großen Palast getragen. Dieser Stein deckte nun sein Grab.
Es fällt schwer, Manuel nicht zu bedauern. Von den fünf Kaisern aus dem Geschlecht der KOMNENEN war er der schillerndste und auch wohl der einfallsreichste. Gerade dies ist ihm indes wahrscheinlich zum Verhängnis geworden. Sein Vater Johannes und sein Großvater Alexios hatten langsam und geduldig den Schaden, den das Reich durch die Niederlage bei Mantzikert erlitten hatte, zu begrenzen versucht, indem sie vorsichtig zu Werk gingen, Schritt für Schritt. Manuels quecksilbriges Wesen sah überall Möglichkeiten. Kaum gerieten sie ins Blickfeld, wurden sie auch schon am Schopf gepackt. Hätte er sich, gut beraten, auf die Situation im Osten und die Bedrohung durch Kilidsch Arslan konzentriert, hätte vielleicht die Möglichkeit bestanden, die byzantinische Herrschaft über Anatolien wiederherzustellen. Aber er blickte vor allen Dingen fasziniert nach Westen, widmete abwechselnd Italien und Ungarn, Serbien und Venedig, dem weströmischen Kaiser und dem Papst seine Aufmerksamkeit. Er hat viele Siege, militärische und diplomatische, errungen, aber aus keinem wirklich Kapital schlagen können. Bei seinem Tod zeigte sich, dass all seinen Leistungen keine Dauer beschieden war. Vielmehr hinterließ er das Reich in einem schlimmeren Zustand, als er es vorgefunden hatte. Und außerdem ärmer. Seine Diplomatie beruhte noch stärker als die der meisten seiner Gegenspieler auf Subsidien, Handsalben und Bestechung. Er war in seinen persönlichen Belangen verschwenderisch und beinahe krankhaft großzügig gegen seine Freunde, ja alle, mit denen er in Berührung kam. Schließlich bluteten auch die zahlreichen, aufwendigen Feldzüge das Reich an Menschen und Finanzmitteln immer mehr aus. Manuel Komnenos setzte die Politik seines Vaters fort, Kriegsgefangene in verschiedenen Gegenden des Reichs anzusiedeln und sie dadurch für den Militärdienst zu gewinnen. Er belebte dadurch das alte System der landbesitzenden Soldaten wieder, auf die sich das Reich in früheren Jahrhunderten gestützt hatte. Doch solche Maßnahmen erwiesen sich für seine Belange als unzureichend. So mußte er zusätzlich immer mehr Söldner in Dienst nehmen, die auf Kosten der ansässigen Bevölkerung lebten und, laut Niketas Choniates, nicht nur deren Geld einstrichen, sondern ihnen buchstäblich das Hemd vom Leib zogen.
Kein Wunder also, dass Manuel in den Provinzen unbeliebt war. Aber selbst in Konstantinopel hatte er anscheinend nur wenige wirkliche Freunde. Der Stein des Anstoßes war auch in diesem Fall wieder die Anziehungskraft West-Europas, seiner Kunst, Sitten und Institutionen, der er nicht widerstehen konnte. Die Bevölkerung empörte sich darüber, dass Besuche aus dem Westen stets herzlicher empfangen wurden als solche aus dem Osten, und vor allen Dingen auch, dass beim Bau eines neuen Hauses oder Palastes westliche Baumeister stets den Vorzug erhielten. Die Lockerheit seiner Umgangsformen schockierte, zum Beispiel die Unbekümmertheit, mit der er an Turnieren nach westlichem Zuschnitt teilnahm (die ja an sich schon schlimm genug waren) und sich mit fränkischen Rittern schlug, als stünde er mit ihnen auf einer Stufe. Und schließlich war man es leid, ständig als altmodisch, rückständig und an überholten Konzepten und unbrauchbaren Traditionen hängend abgekanzelt zu werden. Kurz, man trauerte ihm nicht nach.
Er hatte Glück, dass er gerade zur rechten Zeit abtreten und seinen Nachfolgern den scharfen Wind ins Gesicht wehen lassen konnte. Er erlebte auch den 3. Kreuzzug nicht mehr, jenen Alptraum - er hatte damit gerechnet, dass es dazu kommen würde -, der ihm in den letzten Lebensjahren auf der Seele lastete. Dafür kann man ihn nicht verantwortlich machen. Das andere Unheil jedoch, das über Byzanz hereinbrach, war weitgehend ein Ergebnis seiner Politik. Er hinterließ ein schweres Erbe, das auch tüchtigere Menschen in die Knie gezwungen hätte als jene, die ihm nachfolgten.