Der zweite Kreuzzug (1143-1149)
Manuel Komnenos war
von seinem Vater Johannes im Beisein
einer Vielzahl Zeugen zum Basileus ernannt worden, doch sicherte
ihm dies noch lange nicht die tatsächliche Nachfolge. Kaiser, das
wußte er selbst sehr wohl, wurden in Konstantinopel gemacht, und
er befand sich noch immer in der kilikischen Einöde, am völlig
falschen Ort also, um sich mit möglichen Rivalen zu befassen, die
ihm den Thron streitig zu machen versuchten. Natürlich konnte von
einer Weiterführung des Krieges gegen Antiochia nicht die Rede sein.
Er mußte so schnell wie möglich in die Hauptstadt zurückkehren,
um seine Position zu festigen. Andererseits hatte er seinen Sohnespflichten
nachzukommen. So galt es als erstes, das Begräbnis zu organisieren
und an der Stelle, an der Johannes gestorben
war, ein Kloster zu gründen, dann den Leichnam auf dem Landweg nach
Mopsuestia bringen zu lassen, und von dort den Pyramus entlang an die Küste,
wo er auf ein Schiff geladen und zur Bestattung an den Bosporus in das
von Johannes begründete Pantokratorkloster transportiert werden sollte.
Deshalb entschied Manuel sich, Axuch
den Titel eines Regenten zu verleihen, und schickte ihn mit der
Anweisung nach Konstantinopel voraus, den gefährlichsten seiner potentiellen
Widersacher sofort zu verhaften: seinen älteren Bruder
Isaak, der, von seinem Vater zwar übergangen, sich dennoch
bereits im großen Palast eingerichtet und somit direkten Zugriff
auf den Staatsschatz und die kaiserlichen Insignien hatte.
Axuch erledigte seinen Auftrag gut und reiste
so zügig, dass er Konstantinopel noch vor der Nachricht von Kaiser
Johannes' Tod erreichte.
Er bemächtigte sich des protestierenden
Isaak
und ließ ihn im Pantokratorkloster einsperren; dann ordnete er sicherheitshalber
auch die Verhaftung des anderen
Isaak an,
des Bruders von Johannes und
damit Onkel Manuels, der sich im pontischen
Heraklea im Exil befand. Die einzige andere Quelle möglicher Schwierigkeiten
stellte der Patriarch dar, denn auf ihn war Manuel
für die Krönung angewiesen. Wie der Zufall so spielt, fand Axuch
dieses Amt gerade unbesetzt vor, war doch der bisherige Inhaber kurz zuvor
gestorben und ein Nachfolger noch nicht bestimmt. Um sicherzugehen, dass
seinem Herrn die Unterstützung eines jeden möglichen Kandidaten
zuteil würde, bestellte der Domestikos alle hohen Geistlichen
zu sich in den Palast und präsentierte ihnen eine sehr eindrucksvolle
Urkunde mit seidenen Schleifen und scharlachrotem Wachssiegel, in der sich
der neue Kaiser zur Zahlung von jährlich 200 Silberlingen an den Klerus
der Hagia Sophia verpflichtete. Sie nahmen das Angebot mit allen nur möglichen
Zeichen der Dankbarkeit an und versicherten, mit der Krönung werde
es keine Schwierigkeiten geben. Sie ahnten nicht, wie billig sie sich verkauften.
Unter seiner Robe verborgen, trug Axuch nämlich ein weiteres,
ähnliches Schreiben bei sich, das er nötigenfalls hätte
verwenden können, und darin wurden ihnen die 200 Münzen nicht
in Silber, sondern in Gold geboten!
Dank Axuchs behendem und tüchtigem Handeln
kam es zu keinen Unruhen in Konstantinopel - und nur zu einer Verschwörung.
Ihr Anführer hieß Johannes Roger, trug den TitelCäsar
und war ein Schwiegersohn des verstorbenen Kaisers
Johannes; den Titel hatte ihm die Heirat mit Maria
eingebracht,
einer
Schwester des neuen Kaisers Manuel.
Dieser Johannes war wahrscheinlich Normanne, einer jener süditalienischen
Adligen, die nach ein paar Jahren erfolgloser Rebellion gegen König
Roger
II. von Sizilien in Konstantinopel Zuflucht gesucht hatten.
Roger
II. hatte den Thron 1130 bestiegen und sie nach und nach von
ihren Ländereien vertreiben lassen; kein Wunder, dass sie hier nun
zusammenhielten und Johannes Roger unterstützten. Zum Glück
erhielt Axuch bereits zu einem frühen Zeitpunkt von der Verschwörung
Kenntnis, und zwar durch Maria höchstpersönlich,
und so befand sich ihr Ehemann innerhalb weniger Stunden in Haft.
Erst mehrere Wochen später konnte Manuel
Kilikien verlassen und sich nach Konstantinopel begeben. Zuvor gab es noch
einen scharfen Briefwechsel mit Raimund von Antiochia, der - durch
die unerwartete Wendung vor einer beinahe sicheren Katastrophe bewahrt
- wieder die alte Arroganz und Großtuerei an den Tag legte. Aber
da die kaiserliche Nachfolge auf dem Spiel stand, mußte die Lagebereinigung
im Osten warten. Manuel zog also, kaum
hatte er alle Pflichten in Verbindung mit dem Tod seines Vaters erfüllt,
mit dem Heer los, und einmal unterwegs, ließ er sich von nichts mehr
aufhalten. Weder die Kunde, Raimund sei mit Truppenverbänden
in Kilikien einmaschiert, kaum dass er, Manuel,
die Gegend verlassen hatte, und habe mehrere Festungen zurückerobert,
die ihm Johannes einst abgenommen,
noch die Tatsache, dass sein Vetter Andronikos
samt
Schwiegersohn und einem Trupp Adliger auf einem Jagdausflug in das Landesinnere
in die Gewalt seldschukischer Soldaten gerieten, vermochten ihn zu einem
Halt zu bewegen. Hatten sie nicht selbst Schuld? Er war gewiß nicht
bereit, den Thron für ihre Rettung aufs Spiel zu setzen.
In Konstantinopel - wo er vermutlich Mitte August eintraf
- ernannte er als erstes einen gewissen Michael Curcuas zum neuen
Patriarchen, und dessen erste Amtsaufgabe bestand in der Krönung des
Kaisers. Unmittelbar nach diesen Feierlichkeiten legte Kaiser
Manuel
zusätzlich zur versprochenen jährlichen Unterstützung
200 Pfund Gold auf den Hochaltar der Hagia Sophia und verfügte, dass
zur Feier des Tages jeder Haushalt in der Stadt zwei Goldstücke erhalten
solle. Ein paar Tage später ordnete er die Freilassung seines BrudersIsaak
an und hob die Verbannung seines gleichnamigen Onkels auf; er hatte nichts
mehr zu befürchten, weder vom einem noch vom andern. Sein Vater hatte
ihn ernannt, sein Patriarch gekrönt und sein Volk bejubelt. Seine
Stellung war gesichert.
Als erstes stach an Manuel Komnenos
die Größe ins Auge; in allen Chroniken ist davon die Rede. Heute
gälte sie wohl als Durchschnitt, nach den Maßstäben des
12. Jahrhunderts muß sie indes außergewöhnlich gewesen
sein. Und hätte er sich beim Gehen ganz gerade gehalten - was er trotz
seines jugendlichen Alters offenbar nicht tat -, hätte er noch größer
gewirkt. Niketas bezeichnet seine Hautfarbe als dunkel, aber
nicht unvorteilhaft dunkel; später jedoch erwähnt er, während
der Belagerung von Korfu 1149 hätten sich die Venezianer, um ihn zu
ärgern, den Scherz geleistet, einen äthiopischen Sklaven in kaiserliches
Ornat zu kleiden, und diese Anekdote deutet darauf hin, dass Manuel
die sehr dunkle Gesichtsfarbe seines Vaters aufwies. Er unterschied
sich indes zumindest in zwei Punkten deutlich von diesem. Er muß
außerordentlich gut ausgesehen haben, und sein Charme,
seine
Vergnügungssucht und seine Lebensfreude bildeten einen
erfrischenden Gegensatz zu Johannes'
humorloser
und von hohen Grundsätzen geprägter Enthaltsamkeit - auf die
sie in der Tat eine ganz natürliche Reaktion gewesen sein könnten.
Ob er sich im Blacherenpalast, in einem Jagdhaus oder in einer seiner verschiedenen
Villen am Bosporus aufhielt, Manuel fand
stets einen Vorwand, um ein Gelage zu feiern.
Doch er war kein oberflächlicher Nichtsnutz. Befand
er sich auf einem Feldzug, fiel all seine scheinbare Leichtfertigkeit von
ihm ab, und zum Vorschein kam ein guter Soldat und ausgezeichneter Reiter.
Mag sein, dass er etwas zu sehr in das Abenteuer als solches verliebt war,
um ein ebenso brillanter Feldherr zu sein wie sein Vater - nur wenige seiner
Feldzüge zeichneten sich durch außerordentlichen Erfolg aus
-, doch konnten weder an seiner Tatkraft noch an seinem Engagement Zweifel
bestehen. Weder größte Hitze noch äußerste Kälte
setzten ihm zu, seine Ausdauer war legendär, und als einzige Schwäche
wird seine Neigung vermerkt, allein in feindliches Gebiet zu reiten und
sich unnötig in Gefahr zu bringen. "Im Krieg", schreibt Gibbon, "schien
er keinen Frieden zu kennen, in Friedenszeiten nicht fähig, einen
Krieg zu führen. "Als gewandter Diplomat legte er in den folgenden
Jahren immer wieder den Weitblick und die sichere Hand des geborenen Staatsmannes
an den Tag. Gleichzeitig blieb er in gewisser Weise der typische byzantinische
Intellektuelle, kultiviert und belesen, sowohl in der Kunst wie in den
Wissenschaften, ein Mann, der nichts mehr liebte, als stundenlang mit Klostertheologen
zu disputieren und sich in dogmatische Streitfragen der spekulativsten
Art zu verstricken; oft rief er mit geradezu unerhörten Argumenten
bei seinen Gesprächspartnern blankes Entsetzen hervor. Aber Manuel
gab
nicht vor, ebenso religiös zu sein wie sein Vater. Er debattierte
weniger, um recht zu bekommen oder zur Wahrheit vorzustoßen als aus
Freude an der Auseinandersetzung. Kein Wunder, dass er mit Fortschreiten
seiner Regentschaft bei der Kirche immer unbeliebter wurde, wo man seinen
fortgesetzten Versuchen, eine Wiedervereinigung mit Rom zu erreichen, mißtraute,
seine häufigen taktischen Bündnisse mit den Sarazenen mißbilligte
und schockiert war, dass er den Sultan von Ikonion nach Konstantinopel
einlud und sogar vorschlug, ihn an einer feierlichen Prozession zur Hagia
Sophia teilnehmen zu lassen.
Am meisten aber wird die Geistlichkeit wohl sein Privatleben
mißbilligt haben. Wenn es um Frauen ging, war Manuel
offenbar unersättlich, und er verstand es auch, ihre Gunst zu gewinnen;
kurz gesagt, er war ein Frauenheld und Schürzenjäger.
Seine erste Frau hinterging er schon kurz nach der Vermählung, und
noch auf seinem Sterbelager, 34 Jahre später, vertraute er darauf,
bald wieder in die Lage zu kommen, diese Praxis bei seiner zweiten fortsetzen
zu können. Was die Identität der anderen Frauen betrifft, sind
unsere Quellen schmerzlich diskret; die einzige, die wir beim Namen nennen
können, ist seine Nichte Theodora,
mit der er einen Sohn hatte. Sie galt als seine offizielle Geliebte
und verfügte über einen eigenen Palast, ein Gefolge und eine
persönliche Wache. Sie gebärdete sich in jeder Hinsicht, wie
es Kaiserinnen und Kaisern, zumal byzantinischen, gebührte: Einmal,
so wird überliefert, ließ sie eine Frau, in der sie eine potentielle
Rivalin witterte, die ihre einflußreiche Stellung hätte gefährden
können, kurzerhand beseitigen.
Manuel wäre
so oder so ein untreuer Gatte gewesen; aber diese Neigung erhielt zweifellos
zusätzlichen Auftrieb durch die Erscheinung und die Wesensart seiner
ersten Frau, die sich nicht mit törichten Umgarnungsversuchen aufhielt,
sondern andere Werte pflegte. Bereits 1142 hatte Johannes
Komnenos eine dynastisch begründete Vermählung mit
Manuel
als
Bräutigam eingefädelt, um seinen Bund mit KONRAD
III., dem designierten Kaiser von West-Rom, gegen König
Roger II. von Sizilien zu besiegeln. Von der Idee entzückt,
hatte KONRAD zu diesem Zweck seine
Schwägerin, die deutsche Prinzessin Bertha
von Sulzbach, als Braut vorgeschlagen und nach Konstantinopel
gesandt.
Manuel, dessen drei ältere
Brüder zu diesem Zeitpunkt alle noch am Leben waren, so dass er nicht
viel Aussicht auf den Thron hatte, konnte sich für die Idee nicht
erwärmen, und eine erste Begegnung zwischen ihm und der für ihn
vorgesehenen Braut trug wenig dazu bei, allseits Begeisterung für
den Plan zu entfachen. Doch gegen Ende des Jahres 1144 überlegte man
sich die Vor- und Nachteile noch einmal, und nach weiteren Verhandlungen
mit KONRAD, die in einem Bündnis
gipfelten, wurden die entsprechenden Vorkehrungen getroffen. Bertha
hatte
die Zeit bis dahin in der Abgeschiedenheit der kaiserlichen Frauengemächer
verbracht. Nun trat sie wieder in das Licht der Öffentlichkeit, tauschte
ihren fremden fränkischen gegen den wohlklingenderen, wenn auch betrüblich
unoriginellen griechischen Namen Irene und nahm im Januar 1146 pflichtgetreu
Kaiser
Manuel
zum Mann.
Laut Basil von Ochrid, Erzbischof von Thessaionike,
der 1160 für sie die Totenmesse las, soll Kaiserin
Bertha-Irene durch ihre schöne Gestalt, den Rhythmus ihrer
Bewegungen und ihren blütenzarten Teint selbst unbeseelte Dinge entzückt
haben, aber bei einer Totenrede unterliegt niemand einem Eid, und so sei
darauf hingewiesen, dass andere, sachlichere Zeugnisse uns ein abweichendes
Bild ihrer wirklichen Tugenden vermitteln. So heißt es bei Niketas
Choniates:
Sie war indes nicht so sehr auf äußere Schönheit
bedacht als auf innere Vorzüge und Seelenschönheit. Deshalb lehnte
sie Puder, Untermalung der Augen, Mieder und Schminke, den Ersatz für
die natürliche Wangenröte, ab. Das alles überließ
sie den törichten unter den Frauen, sie selbst baute auf ihre Tugend,
diese war ihr Schmuck. Sie hatte aber auch die Unbeugsamkeit und Starrsinnigkeit
ihres Volkes, weshalb die Beziehungen des Kaisers zu ihr kühl blieben.
Manuel
gewährte ihr jede Ehre, einen prächtigen Thron und herrliche
Gewänder, ein Gefolge und alles übrige, was nur einer Kaiserin
zusteht, aber die Ehre des Ehebettes verletzte er oft.
Sie starb, ohne sich viel Respekt oder Verehrung verschafft
zu haben. Ob sie sich darum bemühte oder nicht - und es ist zu vermuten,
dass sie es nicht allzu heftig betrieb -, es gelang Bertha
nie, die Zuneigung der byzantinischen Bevölkerung zu gewinnen, der
sie zu steif und zu unelegant, kurz, zu deutsch erschien. Dies leistete
wohl auch dem Gerücht über ihre legendäre Niedertracht Vorschub.
Doch auf dem diplomatischen Parkett bewies sie auf überzeugende Weise
ihren Wert, sprang sie doch mehrmals mit Erfolg ein, wenn es darum ging,
bei gespannten Beziehungen zwischen ihrem Mann und ihrem Schwager zu vermitteln.
Sie spielte zudem eine entscheidende Rolle beim Zustandekommen des politischen
Bündnisses zwischen Manuel und
KONRAD,
das 1148 anläßlich
KONRADS Besuchs
in Konstantinopel geschlossen wurde. Im allgemeinen aber lebte sie zurückgezogen
im Palast und widmete sich gottesfürchtigen Werken und der Erziehung
und Ausbildung ihrer beiden Töchter, von denen die eine noch im Kindesalter
starb. Berthas
Tod rief nur wenig Echo
hervor - am wenigsten von seiten ihres Ehemannes.
Manuel Komnenos hatte
den byzantinischen Thron mit einem Stachel im Herzen bestiegen. Weder konnte
er die Beleidigungen vergessen, die ihm Raimund von Antiochia in
Kilikien zugefügt hatte, noch diesem den Eifer vergeben, den er darangesetzt
hatte, die eingenommenen Festungen zurückzuerobern und den byzantinischen
Städten, Dörfern und Landsitzen soviel Schaden wie nur möglich
zuzufügen, kaum dass Manuel ihm
den Rücken zugewandt hatte. Ein unrühmlicherer Beginn seiner
Regentschaft hätte sich kaum denken lassen, und er war entschlossen,
dies nicht einfach hinzunehmen. Leider war es ihm nicht möglich, persönlich
einen Feldzug zu führen, sosehr er sich dies auch gewünscht hätte,
doch Konstantinopel schon so kurze Zeit nach der Krönung zu verlassen,
wäre einer Einladung zum Aufruhr gleichgekommen. So entsandte er zu
Beginn des Jahres 1144 eine größere amphibische Expedition Richtung
Südosten. Die Flotte vertraute er einem gewissen Demetrios Branas
an, das Landheer unterstellte er dem gemeinsamen Befehl der Brüder
Johannes
und
Andronikos Kontostephanos und einem konvertierten
Türken namens
Bursuk. Die Verbände eroberten die verlorenen Burgen zurück
und - um Raimund etwas von seiner eigenen Medizin zu verabreichen
- verwüsteten den Landstrich um Antiochia. In der Zwischenzeit fuhren
Branas
und seine Flotte die gesamte Küste des Fürstentums ab; sie zerstörten
sämtliche Schiffe, die sie vorfanden, und nahmen viele Ortsansässige
gefangen, darunter auch einen örtlichen Steuereintreiber mitsamt seinen
Geldbeuteln.
Ob Raimund von Antiochia sich rächen wollte,
ist uns nicht bekannt, denn noch bevor das Jahr zu Ende war, hatte sich
die gesamte Situation im Gebiet der Kreuzfahrerstaaten geändert: Am
Heiligen Abend, nach einer 25-tägigen Belagerung und begleitet von
Szenen brutalsten Gemetzels, eroberte Imad ed-Din Zengi die Kreuzfahrergrafschaft
Edessa. Antiochia, so schien es allgemein, würde als nächstes
dran glauben müssen. Raimund blieb nur ein Ausweg: seinen Stolz
zu begraben, sich nach Konstantinopel zu begeben und
Manuel um Hilfe anzugehen. Dieser weigerte sich zunächst,
ihn zu empfangen. Erst nachdem Raimund zum Pantokratorkloster gepilgert
und in stiller Reue an Johannes'
Grab
nidergekniet war, wurde ihm eine Audienz gewährt. In der Folge behandelte
Manuel
ihn
mit verblüffender Rücksicht und versprach ihm regelmäßige
Unterstützung, wenn auch keine direkte militärische Hilfe. Raimund
kehrte recht zufrieden mit dem Erreichten nach Hause zurück. Er wäre
noch zufriedener gewesen, hätte er gewußt, dass die Nachricht
seines Besuchs - nicht aber das Ergebnis - Zengi übermittelt
wurde und dieser daraufhin entschied, die neuerlichen Angriffe auf die
fränkischen Stützpunkte, mit deren Vorbereitungen er eben beschäftigt
war, zu verschieben. Im Jahr darauf aber wurde der große Atabeg
von einem betrunkenen Eunuchen ermordet, und die Kreuzfahrerstaaten
waren den mächtigsten Feind los, dem sie sich je gegenübergesehen
hatten.
Die Nachricht des Falls von Edessa zeitigte Wirkung weit
über Antiochia hinaus; sie erschütterte die ganze christliche
Welt. Für die Völker West-Europas, die den Erfolg im ersten Kreuzzug
als Zeichen göttlicher Gunst gewertet hatten, stellte er all die bequemen
Ansichten, die sie vertraten, in Frage. Wie war es möglich, dass nach
weniger als einem halben Jahrhundert das Kreuz einmal mehr dem Halbmond
hatte weichen müssen? Schon seit geraumer Zeit berichteten Reisende,
die aus dem Osten zurückkehrten, von einer weitverbreiteten Verderbtheit
unter den fränkischen Kreuzfahrern. Waren sie möglicherweise
in den Augen des Allmächtigen nicht mehr würdig, die heiligen
Stätten unter dem Banner ihres Erlösers zu bewachen?
Was die fränkischen Kreuzfahrer an Ort und Stelle
betraf, so hatte die lange Vertrautheit mit eben diesen heiligen Stätten
ihnen eine prosaischere Einstellung beschieden. Sie wußten recht
genau, weshalb Edessa erobert worden war: Schuld daran war ihre militärische
Schwäche. Längst war die erste große Woge der Begeisterung
für die Kreuzzüge verebbt, die 1099 in der umjubeiten Eroberung
Jerusalems gegipfelt hatte. Die Immigrationsflut aus dem Westen hatte sich
zu einem Rinnsal verdünnt. Viele Pilger trafen noch immer unbewaffnet
ein, wie es die Tradition verlangte, und selbst wer darauf vorbereitet
war, das Schwert zu schwingen, hatte nach einem Sommerfeldzug mehr als
genug. Die einzige ständig einsatzbereite Armee - falls man sie als
solche bezeichnen konnte - bestand aus den beiden militanten Orden der
Johanniter und Templer; aber sie allein konnten nicht erwarten, einem konzentrierten
Angriff standzuhalten, und benötigten dringend Verstärkung. So
zog unter Führung von Hugo, Bischof von Jabala, eine Gesandtschaft
von Jerusalem zum Papst, um diesem offiziell Bericht über die Katastrophe
zu erstatten und ihn mit größtmöglichem Nachdruck um einen
Kreuzzug zu bitten.
Papst Eugen III. befand sich indes selbst nicht
in einer allzu sicheren Position; der im mittelalterlichen Rom mit einem
Wechsel üblicherweise verbundene Tumult hatte ihn drei Tage nach seiner
Wahl in die Flucht getrieben und in Viterbo Zuflucht suchen lassen. Daher
konnte er die Führung des neuen Kreuzzugs nicht selbst übernehmen,
wie Papst Urban II. dies versucht hatte. Beim Blick in die Runde
möglicher Kandidaten aus dem westlichen Adel aber fand er nur einen,
der in Frage kam. Der deutsche König
KONRAD III., dem die Ehre eigentlich zugestanden hätte,
steckte bis über beide Ohren in Schwierigkeiten, der
englische König Stephan mußte
sich mit einem schwelenden Bürgerkrieg auseinandersetzen, und Roger
II. von Sizilien kam aus allen nur möglichen Gründen
überhaupt nicht in Frage. Blieb nur der französische
König Ludwig VII. Er
verbreitete, obwohl erst 24 Jahre alt, eine Aura sittenstrenger Frömmigkeit,
die ihn viel älter wirken ließ - und seine glanzvoll auftretende,
lebenslustige Frau, Eleonore von Aquitanien,
entsetzlich langweilte. Ludwig war
zum Pilger geboren, der Kreuzzug für ihn Christenpflicht; auch sprachen
familiäre Gründe dafür, denn Eleonore
war eine Nichte Raimunds von Antiochia. So verkündete er an
Weihnachten des Jahres 1145 seine Absicht, das Kreuz zu nehmen, und setzte
den Papst formell davon in Kenntnis; dann sandte er nach dem Abt Bernhard
von Clairvaux, auf dass sich in den Herzen all seiner Untertanen ebenso
das Kreuzzugsfeuer entzünde wie in seinem eigenen. Von diesem Augenblick
an nahm sein Einfluß unaufhaltsam zu, und die letzten 25 Jahre seines
Lebens war er rastlos tätig; er predigte, beschwor, argumentierte
und debattierte, schrieb unzählige Briefe und stürzte sich wie
zwanghaft in jede Kontroverse, in der er christliche Prinzipien angetastet
glaubte. Der beabsichtigte Kreuzzug war ein Unternehmen nach seinem Herzen.
Bereitwillig erklärte er sich einverstanden, ihn zu fördern,
und zwar anläßlich der Versammlung, die König
Ludwig
VII. für den folgenden Palmsonntag im burgundischen Vezelay
einberufen hatte. Bernhards Name zeitigte sofort Wirkung, und als
der vereinbarte Tag nahte, ergoß sich eine Flut von Frauen und Männern
aus allen Ecken Frankreichs in das kleine Dorf. Da ihrer zu viele waren,
als dass sie in der Kirche Platz gefunden hätten, wurde an einem Berghang
in aller Eile eine große hölzerne Plattform errichtet. Daselbst
hielt Bernhard am 31. März 1146 eine der folgenschwersten Brandreden
seines Lebens; ihm zur Seite stand König
Ludwig, das Kreuz bereits auf der Brust, das ihm Papst Eugen
in Anerkennung seiner Entscheidung gesandt hatte. Was Bernhard sagte,
ist im Wortlaut nicht überliefert, doch dürfen wir annehmen,
dass weniger was, sondern vielmehr, wie er es sagte, auf sein Publikum
übergriff. Während er sprach, begann das Volk, das zuerst still
gelauscht hatte, lautstark nach eigenen Kreuzen zu brüllen. In weiser
Voraussicht hatte man solche bereits zuvor bündelweise aus rauhem
Tuch geschnitten und zur Verteilung vorbereitet. Als der Vorrat erschöpft
war, riß sich Bernhard das eigene Gewand vom Leib und in Streifen,
um weitere Kreuze zu fertigen. Andere folgten seinem Beispiel, und als
es dunkel wurde, waren er und seine Helfershelfer noch immer mit Nähen
beschäftigt. Eine wahrhaft hinreißende Leistung. Niemand anders
in Europa hätte sie erbringen können. Allein, wie die Ereignisse
bald zeigen, wäre all dies besser niemals geschehen.
Im Laufe des Sommers 1146 versuchte Ludwig
VII. in einem Brief Manuels
Sympathie für den kommenden Kreuzzug zu gewinnen. Manuel
mochte
die Leute aus dem West-Reich und deren Lebensstil lieber als alle gekrönten
byzantinischen Häupter vor ihm; dennoch empfand er die Aussicht auf
einen erneuten Großeinfall undisziplinierter französischer und
deutscher Landser - Bernhard war inzwischen von Frankreich weiter
nach Deutschland gezogen, wo seine Botschaft auf ebenso fanatische Zustimmung
und Begeisterung gestoßen war - als äußerst unangenehm.
Dass der erste Kreuzzug seinem Großvater ein halbes Jahrhundert zuvor
wahre Alpträume verursacht hatte, war ihm in vollem Umfang bewußt,
und er wollte nicht, dass sich das wiederholte. Zugegeben, es gab nicht
unerhebliche Querelen mit dem Sultan von Ikonion, gegen den er gerade den
zweiten nicht sonderlich entschiedenen Feldzug führte, und es war
durchaus denkbar, dass diese Kreuzfahrermassen sich besser aufführten
als ihre Vorgänger, ja sich auf lange Sicht sogar als Segen erweisen
konnten. Doch er zweifelte daran. Seine Antwort an Ludwig
fiel daher so lau wie nur möglich aus, ohne direkt Anstoß zu
erregen: Er würde zwar Nahrung und Lager für die Truppen bereitstellen,
doch all dies nur gegen klingende Münze, und alle Truppenführer
müßten auch diesmal für die Zeit der Durchquerung seiner
Herrschaftsgebiete ihm, dem byzantinischen Kaiser, den Treueeid leisten.
Doch ach, auch noch die leisesten Hoffnungen, die sich
Manuel
in bezug auf das Benehmen dieser neuen Helden der Christenheit vielleicht
machte, zerschlugen sich rasch. Das deutsche Heer von ungefähr 20.000
Mann, das im Mai 1147 in Ratisbona (Regensburg) loszog, scheint mehr als
nur den ihm zustehenden Anteil an unerwünschten Elementen mitgeführt
zu haben, von vereinzelten religiösen Fanatikern über den gewohnten
Haufen sonst herumlungernder Taugenichtse bis hin zu solchen, die vor dem
Gesetz flohen, wie üblich angezogen vom Versprechen der vollumfänglichen
Absolution für alle, die das Kreuz nahmen. Kaum hatten sie byzantinisches
Gebiet betreten, begannen sie zu plündern, zu zerstören, zu vergewaltigen
und zu morden, wie es sie gerade ankam. Oft gingen ihnen ihre Anführer
dabei mit schlechtem Beispiel voran. KONRAD,
der sich zunächst geweigert hatte, in irgendeiner Form an diesem Kreuzzug
teilzunehmen, an Weihnachten jedoch bereut und nachgegeben hatte, nachdem
er von Bernhard öffentlich gerügt worden war, bewahrte
wie gewohnt Anstand; sein Neffe und stellvertretender Befehlshaber jedoch,
der junge
Herzog
Friedrich von Schwaben - allgemein besser bekannt als
FRIEDRICH BARBAROSSA -, brandschatzte mit seiner Horde in Adrianopel
(Edirne) vorgeblich zur Vergeltung eines Überfalls durch örtliche
Banditen ein Kloster und massakrierte die völlig unschuldigen Mönche.
Immer häufiger kam es zu Scharmützeln zwischen den Kreuzfahrern
und der byzantinischen Militäreskorte, die Manuel
zu deren Kontrolle abkommandiert hatte. Und als die fremden Heere schließlich
Mitte September vor den Mauern Konstantinopels auftauchten - KONRAD
hatte Manuels Ersuchen, über den
Hellespont (die Dardanellen) nach Asien zu ziehen und so die Hauptstadt
zu umgehen, empört abgelehnt -, waren die Beziehungen zwischen der
deutschen und der griechischen Seite auf dem Tiefpunkt angelangt.
Da, noch bevor sich die Bevölkerung entlang der
Marschroute vom Schreck hatte erholen können, tauchte am westlichen
Horizont bereits das französische Heer auf. Es war kleiner als das
deutsche und wußte sich insgesamt besser zu benehmen; es herrschte
mehr Disziplin, und zweifellos übte die Anwesenheit vieler adliger
Damen - unter ihnen auch Königin
Eleonore von Aquitanien - auf die Männer einen mäßigenden
Einfluß aus. Aber auch das Vorrücken des französischen
Heers verlief nicht ganz reibungslos. Denn inzwischen legte die Landbevölkerung
im Balkan verständlicherweise offene Feindseligkeit an den Tag und
verlangte lachhaft hohe Preise für das bißchen Nahrung, das
sie noch zu verkaufen hatte. Bald herrschte gegenseitigem Mißtrauen
und führte zu gerissenen Gaunereien auf beiden Seiten. So kam es,
dass die französischen Kreuzfahrer, lange bevor sie in Konstantinopel
eintrafen, eine beträchtliche Abneigung sowohl gegen das deutsche
Heer als auch gegen die griechische Bevölkerung empfanden. Und als
sie schließlich am 4. Oktober die Hauptstadt erreichten, vernahmen
sie zu ihrem Entsetzen, dass Manuel
soeben einen Waffenstillstand mit dem türkischen Feind vereinbarte.
Obwohl von König
Ludwig nicht erwartet werden konnte, dass er sie guthieß,
war die von Manuel
getroffene Vorsichtsmaßnahme
vernünftig. Die Anwesenheit der französischen und deutschen Soldaten
vor den Toren seiner Hauptstadt stellte eine weitaus ernstere unmittelbare
Bedrohung dar als das türkische Heer in Asien.
Manuel
wußte,
dass es in beiden Lagern Extremisten gab, die auf einen vereinten westlichen
Angriff auf Konstantinopel drängten. Und tatsächlich unterbreitete
Gottfried,
Bischof
von Langres und Vetter Bernards,
Ludwig
nur wenige Tage später diesen Vorschlag in aller Form. Nur indem Manuel
vorsätzlich
das Gerücht verbreitete, in Anatolien werde ein riesiges türkisches
Heer zusammengezogen, und gleichzeitig durchsickern ließ, die Franken
müßten sich sputen, um das feindliche Gebiet ungeschoren durchqueren,
ja um überhaupt noch durchkommen zu können, vermochte er die
Situation zu retten. Er schmeichelte
Ludwig zur
Ablenkung mit seinem üblichen Angebot an luxuriösem Zeitvertreib
und üppigen Banketten und ließ derweil für ihn und das
fränkische Heer die Überquerung des Bosporus zum frühest
möglichen Zeitpunkt in die Wege leiten.
Während Manuel seine
unwillkommenen Gäste verabschiedete und das Hin und Her der bis zum
Dollbord mit Mensch und Tier beladenen Fähren über die Meerenge
verfolgte, sah er die Gefahren, welche die Franken auf dem zweiten Teil
ihres Zuges erwarteten, klarer voraus als irgend sonst jemand. Er war erst
kurz zuvor von einem Feldzug in Anatolien zurückgekehrt; auch wenn
seine Geschichten über die türkischen Scharen, die sich angeblich
zusammenzogen, übertrieben waren, muß er angesichts der dahinschlurfenden
Kreuzfahrer, denen es bereits deutlich an Moral und Disziplin mangelte,
gewußt haben, dass für sie nur eine geringe Überlebenschance
bestand, wenn sie unversehens einem Angriff der seldschukischen Reiterei
ausgesetzt waren. Er hatte sie mit Proviant und Führern ausstatten
und über die Wasserknappheit in Kenntnis setzen lassen; und er hatte
ihnen geraten, nicht den direkten Weg durch das Hinterland einzuschlagen,
sondern sich an die Küste zu halten, die sich noch immer unter byzantinischer
Kontrolle befand. Mehr konnte er nicht tun. Wenn die Kreuzfahrer nach all
diesen Warnungen darauf beharrten, sich abschlachten zu lassen, so waren
sie selbst schuld. Was ihn betraf, so würde es ihm zwar leid tun,
doch untröstlich wäre er deshalb nicht.
Es können kaum mehr als ein paar Tage nach diesem
Abschied vergangen sein, da erreichten den Kaiser zwei Botschaften aus
zwei entgegengesetzten Himmelsrichtungen. Die erste, von Schnellboten aus
Kleinasien gebracht, enthielt die Nachricht, dass das deutsche Heer vom
türkischen bei Dorylaion überrascht und mehr oder weniger aufgerieben
worden war. KONRAD und Friedrich
von Schwaben waren entkommen und umgekehrt, um sich den Franzosen
bei Nikäa anzuschließen, aber neun Zehntel ihrer Leute waren
tot oder siechten zwischen den Trümmern des Lagers dem Tod entgegen.
Die zweite enthielt die Nachricht, dass die Flotte König
Rogers von Sizilien soeben im Begriff war, mit vollen Segeln
gegen Byzanz zu ziehen.
Die sizilianische Flotte stand unter dem KommandoGeorgs
von Antiochia, eines abtrünnigen Griechen, der es aus eigener
Kraft zum stolzesten Titel gebracht hatte, den ihm seine Wahlheimat verleihen
konnte: Emir der Emire, Oberbefehlshaber zur See und höchster Minister
des Reichs. Sie war im Herbst 1147 in Otranto ausgelaufen und hatte direkten
Kurs über die Adria auf Korfu genommen. Diese Insel fiel kampflos;
Niketas
berichtet, die Bevölkerung habe, vom Gewicht der byzantinischen
Steuern erdrückt und über die süßen Worte des Admirals
entzückt, die Normannen als ihre Befreier willkommen geheißen
und bereitwillig eine Garnison von eintausend Mann akzeptiert. Dann drehte
die Flotte nach Süden ab, umrundete den Peloponnes und ließ
jeweils an strategisch wichtigen Stellen Truppenteile zurück; schließlich
segelte sie die griechische Ostküste hoch bis nach Euböa. Dort
scheint Georg sich gedacht zu haben, er sei weit genug gekommen; die Flotte
wendete, fiel kurz über Athen her, umfuhr abermals den Peloponnes
und wandte sich auf der Höhe der ionischen Inseln dann erneut nach
Osten, in den Golf von Korinth, wobei sie im Vorbeifahren die Küstenstädte
plünderte. Niketas beschrieb die Art ihres Vorgehens als die
eines Meerungeheuers, das alles verschlingt, was ihm im Weg liegt. Einer
der Streifzüge führte weit ins Landesinnere bis nach Theben,
dem Zentrum der byzantinischen Seidenherstellung. Neben zahllosen Ballen
kostbaren Damasts und Brokats fiel Georgs Soldaten auch eine große
Zahl Gefangener in die Hände, Expertinnen sowohl auf dem Gebiet der
Zucht und Nutzung der Seidenraupe als auch der Seidenspinnerei und -weberei,
die er triumphierend nach Palermo schaffen ließ.
Die Kunde des sizilianischen Verwüstungzuges erzürnte
Manuel. Was immer er vom Kreuzzug gehalten haben mag, die Tatsache,
dass ein sogenannt christliches Land sich diesen vorsätzlich zunutze
machte, um sein Reich anzugreifen, empörte ihn; und das Wissen, dass
der kommandierende Admiral Grieche war, dürfte seinen Zorn nicht gerade
gemildert haben. 100 Jahre zuvor war Apulien eine reiche byzantinische
Provinz gewesen und nun kaum mehr als ein Piratennest. Das konnte er unmöglich
dulden. Roger, "diesen Drachen, der droht, die Flammen seines Zorns höher
lodern zu lassen als der Krater des Ätna diesen gemeinsamen Feind
der ganzen Christenheit und illegalen Besetzer Siziliens", galt es für
immer vom Mittelmeer zu vertreiben. Das Abendland hatte es versucht und
war gescheitert; nun war es an Byzanz. Manuel
rechnete mit Erfolg, vorausgesetzt, er erhielt angemessene Hilfe und war
frei von anderen Verpflichtungen. Die Kreuzfahrerheere waren abgezogen.
Er selbst hatte bereits ein Waffenstillstandsabkommen mit den Türken
geschlossen, welches er jetzt bekräftigte und ausbaute. Es war wesentlich,
dass ihm jeder Soldat und Matrose im Reich für sein großes Vorhaben
zur Verfügung stand, ein Vorhaben, das sich letztlich vielleicht als
krönende Leistung seines Lebens erwies: die Rückführung
ganz Süd-Italiens und Siziliens in den Schoß des Byzantinischen
Reichs. Es galt allerdings, geeignete Verbündete zu finden. Nachdem
Franken und Deutsche nicht mehr in Frage kamen, zog Manuel
Venedig
in Erwägung. Er wußte sehr gut, dass dort bei der Bevölkerung
schon seit geraumer Zeit Besorgnis über das Wachstum der sizilianischen
Seemacht herrschte. Venedig konnte das Mittelmeer nicht mehr in dem Maß
kontrollieren wie einst; und während die Basare von Palermo, Catania
und Syrakus immer betriebsamer wurden, begannen die Geschäfte auf
dem Rialto nachzulassen. Sollte es Roger
gelingen, seine Stellung auf Korfu und im Küstenstrich Epiros zu festigen,
war er überdies in der Lage, die Adria abzuriegeln, und Venedig konnte
sich unvermittelt unter sizilianischer Blockade wiederfinden. Die venezianische
Regierung feilschte natürlich ein bißchen - als exzellente Kaufleute
gaben sie niemals etwas für nichts -, aber im März 1148 erhielt
Manuel
als
Gegenleistung für weiterreichende Handelsprivilegien auf Zypern, Rhodos
und in Konstantinopel, was er begehrte, nämlich die vollumfängliche
Unterstützung durch ihre Flotte während der kommenden sechs Monate.
In der Zwischenzeit war er damit beschäftigt, seine eigene Flotte
einsatzbereit zu machen. Johannes Kinnamos, inzwischen zu Manuels
Chefsekretär
avanciert,
schätzt ihre Stärke auf 500 Galeeren und 1.000 Truppenschiffe
- eine angemessene Ergänzung für ein Landheer, das 20.000 bis
30.000 Mann umfaßte. Das Landheer vertraute Manuel
wie
immer Johannes Axuch an, die Flotte Stephan Kontostephanos,
dem Ehemann seiner Schwester Anna.
Die oberste Befehlsgewalt wollte er persönlich wahrnehmen.
Im April war die riesige Streitmacht marschbereit. Die
Schiffe lagen, wieder instand gesetzt und mit Proviant versehen, im Marmarameer
vor Anker, das Landheer wartete nur noch auf den Marschbefehl. Dann ging
plötzlich alles drunter und drüber. Kumanische Verbände
überrannten die Donau und drangen in byzantinisches Hoheitsgebiet
ein, die venezianische Flotte wurde durch den plötzlichen Tod des
Dogen aufgehalten, und eine Folge launischer Sommerstürme legte die
Schiffahrt im östlichen Mittelmeer lahm. Erst im Herbst trafen die
beiden Flotten in der südlichen Adria aufeinander, um gemeinsam eine
Seeblockade gegen Korfu zu errichten. Die Landoffensive aber verzögerte
sich weiterhin. Als Manuel schließlich
den kumanischen Einfall abgewickelt hatte, stand fest, dass das Pindosgebirge
zugeschneit sein würde, lange bevor die Truppen es überquert
hätten. Er ließ sie deshalb in Makedonien das Winterquartier
errichten und ritt weiter nach Thessalonike, wo ihn ein wichtiger Gast
erwartete: KONRAD VON HOHENSTAUFEN
war soeben aus dem Heiligen Land zurückgekehrt.
Der 2. Kreuzzug hatte mit einem Fiasko geendet. KONRAD
und
die wenigen seiner Gefolgsleute, die das Gemetzel in Dorylaion überlebt
hatten, waren mit dem fränkischen Heer nach Ephesos gezogen, und dort
erkrankte KONRAD an Weihnachten schwer.
Als Manuel und
Irene
(Bertha
von Sulzbach) dies vernahmen, brachen sie umgehend in Konstantinopel
auf, um ihn zu holen, und brachten ihn sicher in ihren Palast, wo ihn Manuel,
der sich seiner medizinschen Fachkenntnisse rühmte, persönlich
gesund pflegte.
KONRAD
war dann gleich
in Konstantinopel geblieben, und Manuel
stellte ihm im März 1148 Schiffe für die Reise nach Palästina
zur Verfügung. Bis dahin hatten die französischen Kreuzfahrer
eine qualvolle Durchquerung Anatoliens hinter sich und schwere Verluste
durch die Türken erlitten. Schuld daran trug ausschließlich
Ludwig, hatte er doch Manuels guten
Rat, sich an die Küste zu halten, einfach ignoriert. Gleichzeitig
beharrte er darauf, jedes Zusammentreffen mit dem Feind auf byzantinische
Fahrlässigkeit oder auf Verrat oder auf beides zurückzuführen
und entwickelte bald einen beinahe krankhaften Groll gegen alles Griechische.
Schließlich bestiegen er, sein Gefolge und so viele Reiter, wie sich
unterbringen ließen, in letzter Verzweiflung in Attaleia ein Schiff
und überließen das übrige Heer und die Pilgerschar einfach
ihrem Schicksal. Gegen Ende des Frühjahrs 1148 schleppte sich der
kümmerliche Rest des Riesenheers, welches im Vorjahr so selbstsicher
ausgezogen war, mühselig nach Antiochia hinein. Doch da fingen die
Sorgen erst richtig an. Der mächtige
Imad ed-Din Zengi war
zwar tot, aber sein Herrschermantel an seinen noch erfolgreicheren Sohn
Nur ed-Din übergegangen und dessen Festung Aleppo zum Brennpunkt
der moslemischen Opposition gegen den Frankenstaat geworden. Aus diesem
Grund sollten die Kreuzfahrer Aleppo als erstes angreifen, und bereits
wenige Tage nach seinem Eintreffen in Antiochia fand sich Ludwig
durch Raimund unter beachtlichem Druck, einen Sofortangriff auf
Aleppo zu unternehmen. Er weigerte sich mit der Begründung, er müsse
zuvor am Heiligen Grab beten, worauf Königin
Eleonore, deren Zuneigung zu ihrem Gemahl sich durch die Gefahren
und Unannehmlichkeiten auf der Reise nicht eben vergrößert hatte
- und deren Beziehung zu Raimund bereits im Verdacht stand, etwas
über die normale Beziehung einer Nichte zu ihrem Onkel hinauszugehen
-, ihre Absicht bekanntgab, in Antiochia zu bleiben und die Scheidung einzureichen.
Sie und Ludwig waren entfernte Verwandte;
man hatte die Frage der Blutsverwandtschaft bei der Eheschließung
zwar gefliessentlich übersehen, doch sie konnte sich gegebenenfalls
noch immer als Stolperstein erweisen; und das wußte sie. Ludwig
konnte
in Krisensituationen bei aller Verdrießlichkeit jedoch einigen Schwung
entwickeln. Er ignorierte Eleonores
Proteste und schleppte sie nach Jerusalem mit, überwarf sich mit Raimund
derart,
dass dieser nichts mehr mit dem Kreuzzug zu tun haben wollte, und zog,
die schmollende Gemahlin im Schlepptau, im Mai bald nach KONRAD
in
die Heilige Stadt ein. Dort blieben sie bis zum Treffen für alle Kreuzfahrer
in Akko am 24. Juni, wo man einen gemeinsamen Schlachtplan beschließen
wollte. Es dauerte nicht lange, bis die Entscheidung fiel: Alle Mann und
sämtliche verfügbaren Tiere sollten unverzüglich zum Zwecke
eines konzertierten Angriffs auf Damaskus zusammengezogen werden. Weshalb
sie ausgerechnet Damaskus als erstes Ziel wählten, bleibt ein Rätsel.
Als einziges arabisches Hoheitsgebiet von einiger Bedeutung, das Nur
ed-Din nach wie vor feindlich gesinnt war, hätte die Stadt Damaskus
für die Franken eine unschätzbar wertvolle Verbündete abgeben
können - und sollen. Mit einem Angriff trieben sie sie gegen ihren
Willen in die Arme der moslemischen Konföderation Nur ed-Dins
- und besiegelten gleichzeitig den eigenen Untergang. Bei ihrem Eintreffen
fanden sie Damaskus von starken Mauern umgeben und zur Verteidigung entschlossen.
Am zweiten Tag fällten sie eine weitere all der unseligen Entscheidungen,
die diesen ganzen Kreuzzug prägten, und verlegten ihr Lager in einen
Bereich am östlichen Mauerabschnitt, wo es weder Wasser noch Schatten
gab. Und plötzlich verloren die palästinensischen Anführer,
die sich bereits hinsichtlich der Zukunft der Stadt nach der Eroberung
in den Haaren lagen, die Nerven und begannen auf Rückzug zu drängen.
Finstere Gerüchte über Bestechung und Verrat gingen um. Ludwig
und KONRAD waren entsetzt und empört,
doch auch sie kamen bald nicht mehr umhin, den Tatsachen ins Auge zu blicken.
Die Belagerung aufrechtzuerhalten bedeutete nun nicht mehr nur, Damaskus
in die Arme von Nur ed-Din zu treiben, sondern - nachdem die Moral
völlig zusammengebrochen war - zugleich die fast sichere Vernichtung
ihres ganzen Heeres. Am 28. Juli, nur fünf Tage nach Beginn der Kampagne,
bliesen sie zum Rückzug.
Kein anderer Teil der syrischen Wüste übt eine
so vernichtende Wirkung auf die Gemütsverfassung aus wie die dunkelgraue,
monotone Ausdehnung von Sand und Basalt zwischen Damaskus und Tiberias.
Diese Gegend im arabischen Hochsommer durchqueren zu müssen, die unbarmherzige
Sonne und den glühenden Wind im Gesicht, unter unablässiger Verfolgung
durch berittene Araber und gleichzeitig eine stinkende Spur von Menschen-
und Pferdeleichen hinter sich lassend, muß die Kreuzfahrer an den
Rand der Verzeiflung gebracht haben. Denn das, so wußten sie, bedeutete
das Ende. Ihre Verluste sowohl an Menschenleben als auch an Material waren
riesig. Sie besaßen weder den Willen noch die Mittel, weiterzumachen.
Am schwersten aber wog die Schande. Sie waren einen Gutteil des Jahres
unterwegs gewesen, oft unter lebensbedrohenden Umständen, hatten die
Qualen von Durst, Hunger und Krankheit und die bittersten Extreme von Hitze
und Kälte erduldet, und nun hatte das einst glorreiche Heer mit der
sich eigens gestellten Aufgabe, alle Ideale der christlichen Weit zu bewahren,
das ganze Unternehmen nach nur viertägigem Kampf aufgegeben, ohne
einen Fingerbreit moslemisch besetztes Gebiet wiedergewonnen zu haben.
Darin bestand die endgültige Demütigung, und weder sie noch ihre
Feinde würden sie jemals vergessen.
Ludwig hatte es nicht
eilig, nach Frankreich zurückzukehren. Eleonore
war fest entschlossen, sich scheiden zu lassen, und er fürchtete die
Schwierigkeiten und Beeinträchtigungen, die die Sache mit sich bringen
würde. Abgesehen davon wollte er Ostern in Jerusalem verbringen. KONRAD
konnte
indes nicht schnell genug wegkommen. Am 8. September verließ er mit
seinem Gefolge Akko und trat die Überfahrt nach Thessaionike an, wo
er, wie eingangs erwähnt, Manuel
traf, der ihn zum zweiten Mal nach Konstantinopel zurückbegleitete.
Mittlerweile bestand zwischen den beiden ein sehr vertrautes Verhältnis.
Trotz des jüngsten Debakels faszinierte die abendländische Kultur
mit ihren Bräuchen Manuel nach
wie vor, während KONRAD Manuels
Freundlichkeit und Charme erlegen war, ganz abgesehen vom ungewohnten Luxus
des kaiserlichen Palastes, der einen erfrischenden Kontrast zu den zugigen
Sälen in seiner Heimat bildete.
Weihnachten stand in jenem Jahr im Zeichen einer weiteren
Vereinigung der beiden herrschenden Häuser. Theodora,
eine Nichte Manuels - Tochter
seines verstorbenen Bruders Andronikos
-, vermählte sich mit KONRADSStief-Bruder,
dem Herzog von Österreich. Bevor KONRAD
Anfang
Februar die Rückreise in seine Heimat antrat, schlossen er und Manuel
noch
ein Bündnis gegen Roger von Sizilien
und kamen überein, noch im selben Jahr einen gemeinsamen Feldzug gegen
Süd-Italien zu unternehmen. Sie hatten sogar bereits eine Vereinbarung
über das Schicksal von Apulien und Kalabrien nach dem Sturz des Königs
getroffen. Beide Gebiete sollten an KONRAD
fallen, der sie jedoch sogleich Manuel
übereignen würde als verspätete Mitgift für seine
SchwägerinBertha, die gegenwärtige
Kaiserin
Irene. Dieses Bündnis bewirkte indes wenig; es führte
sicher nicht zum Sturz des Königs von Sizilien, und als Manuel
einige
Jahre später für kurze Zeit Apulien beherrschte, war dies viel
eher auf seine eigenen Bemühungen zurückzuführen als auf
westliche Großzügigkeit. Und doch stellte es das einzige gute
Ergebnis des zweiten Kreuzzugs dar, welcher der Christenheit in jeder anderen
Hinsicht zur Schande gereichte. KONRAD
persönlich einmal ausgenommen, hatte er gefährliche Zwietracht
zwischen Franzosen und Deutschen, Franken und Byzanz, ja selbst zwischen
Neuankömmlingen und deren eigenen Landsleuten gesät, die bereits
seit langer Zeit in den Kreuzfahrerstaaten lebten, dazu dem Islam unsagbaren
Auftrieb, neue Solidarität und Kraft verliehen und den militärischen
Ruf des Abendlandes endgültig zerstört. Es sollten viele 100
Jahre vergehen, bis dieser Ruf wiederhergestellt war.
Neuordnung (1149-1158)
Als umsichtiger Gastgeber zeigte Kaiser
Manuel Komnenos weder Ungeduld über den sich hinauszögemden
Aufenthalt KONRADS III. in Konstantinopel
noch den Wunsch, die Abreise seines Gastes zu beschleunigen. Kaum aber
hatte er seinem Freund Lebewohl gesagt, kehrte er zu seiner Streitmacht
nach Korfu zurück, wo die Belagerung den ganzen Winter über angedauert
hatte. Die jüngsten Meldungen über deren Fortgang klangen ungünstig.
Die von sizilianischer Hand gehaltene Zitadelle überragte die alte
Stadt uneinnehmbar, so dass die byzantinischen Geschosse sie kaum erreichen
konnten. Es habe, berichtet Niketas, fast so ausgesehen, als zielten
die griechischen Geschosse einfach in die Luft, während die Verteidigung
ganze Pfeilschauer und einen wahren Hagel von Steinbrocken auf die Belagerer
unten herabsenden könne. (Die Leute frügen sich wirklich, setzt
er entwaffnend hinzu, wie die Normannen die Festung im Jahr zuvor so mühelos
hätten einnehmen können.) Es zeigte sich immer deutlicher, dass
das Aushungern der Garnison die einzige Chance für den Sieg bot. Doch
die Verteidigungskräfte hatten ein ganzes Jahr Zeit gehabt, sich mit
Proviant einzudecken, und außerdem konnte die byzantinische Blockade
praktisch jeden Moment von einer mit Nachschub eintreffenden sizilianischen
Flotte durchbrochen werden. Eine lange Belagerung kann auf den angreifenden
Truppen ebenso schwer lasten wie auf denen, die sich drinnen befinden.
Als das Frühjahr nahte, war eine Verständigung zwischen den griechischen
Seeleuten und ihren venezianischen Verbündeten fast unmöglich
geworden. Den Gipfel erreichten die Spannungen, als ein venezianischer
Verband eine Nachbarinsel besetzte und mehrere byzantinische Handelsschiffe,
die vor der Küste ankerten, in Brand steckte. Zu allem Unglück
gelang es auch noch, das kaiserliche Flaggschiff zu kapern. Darauf führten
sie die im vorangegangenen Kapitel erwähnte Spottschau auf, bei der
sie einen äthiopischen Sklaven in die kaiserlichen Gewänder steckten
und ihn an Deck vor den Augen der Griechen zum Spaß krönten.
Ob der Kaiser rechtzeitig eintraf, um Zeuge dieser Beleidigung zu werden,
ist unbekannt. Sicher hat er später davon gehört und sie nicht
verziehen; er war aber zu sehr auf Venedig angewiesen, um zu protestieren.
Geduld, Takt und sein berühmter Charme vermochten schon bald einigermaßen
gute Beziehungen wiederherzustellen. Unterdessen hielt die Belagerung an,
nun unter kaiserlichem Oberbefehl. Für Rache würde später
noch Zeit genug sein.
Nach einigen Monaten erreichte
Manuel sein Ziel: Im Spätsommer fiel Korfu, wahrscheinlich
durch Verrat, denn laut Niketas soll der Befehlshaber der Garnison
anschließend in kaiserliche Dienste getreten sein. Manuel
segelte unverzüglich hinüber in die dalmatische Hafenstadt Awlona.
Von dort wollte er über die Adria übersetzen, um sich in Italien
mit KONRAD zu treffen. Er wurde jedoch
von Stürmen aufgehalten und wartete immer noch auf besseres Wetter,
als ihm die Nachricht von einem bedrohlichen Aufstand in Serbien übermittelt
wurde, den das benachbarte Königreich Ungarn aktiv militärisch
unterstützte. Des weiteren mußte er zähneknirschend zur
Kenntnis nehmen, dass Georg von Antiochia seine Abwesenheit dazu benutzt
hatte, um eine Flotte von 40 Schiffen durch den Hellespont und das Marmarameer
bis vor die Mauern Konstantinopels zu führen. Von dort waren die sizilianischen
Schiffe nach einem gescheiterten Landungsversuch in den Bosporus hineingesegelt,
hatten mehrere reiche Güter an der asiatischen Küste geplündert
und auch noch respektlos mehrere Pfeile in das Areal des Kaiserpalastes
geschossen, bevor sie das Weite suchten.
Zwar würde sich Kaiser
Manuel auch diese zweite unverzeihliche Beleidigung merken,
doch war der serbische Aufstand eine weit ernstere Angelegenheit, besonders
da höchstwahrscheinlich der König von Sizilien dahintersteckte.
Serbien und Ungarn standen einander ohnehin sehr nahe, und Roger,
dessen
Base Busilla mitKönig
Koloman
verheiratet war, hatte schon immer enge freundschaftliche Beziehungen zum
ungarischen Ilron gepflegt. Indes war Manuel entgangen,
dass Roger
sich bei seinen Bemühungen,
den gegen ihn geplanten Feldzug zu hintertreiben, einen ähnlichen
diplomatischen Schachzug gegen den deutschen König ausgedacht hatte,
indem er ein Bündnis deutscher Fürsten unter der Führung
Graf
Welfs von Bayern finanzierte, der die Hoffnung auf den Kaiserthron
als Rivale KONRADS immer noch nicht
aufgegeben hatte; es war ihm dadurch gelungen, beide Seiten des gewaltigsten
Militärbündnisses, das im Mittelalter denkbar war, nämlich
das Ost-Reich und das West-Reich - beide handelten diesmal so einträchtig
wie nur selten in den 650 Jahren ihrer gemeinsamen Geschichte - binnen
weniger Monate lahmzulegen. Mochte er Manuel
auch als Usurpator kaiserlichen Territoriums und noch dazu als prinzipienloser
Abenteurer erscheinen, so war er doch ein ihm würdiger Gegner.
Am 29. Juli 1149 gingen König
Ludwig VII. und Königin
Eleonore von Aquitanien auf ihrer Heimreise von Palästina
in Kalabrien an Land und ritten landeinwärts zum Örtchen Potenza,
wo Roger von Sizilien sie in Empfang
nehmen wollte. Ludwig
war nicht sonderlich
guter Stimmung. Schlecht beraten, hatten die beiden sich selbst und den
ganzen Haushalt sizilianischen Schiffen anvertraut - um byzantinischen
Gewässern zu trotzen, ein riskantes Unterfangen - und waren in der
Ägäis prompt einer griechischen Schwadron (vermutlich auf dem
Weg nach oder von Korfu) begegnet, die sogleich zum Angriff übergegangen
war. Ludwig war es zwar gelungen, durch
Hissen der französischen Flagge zu entkommen, und Eleonore,
deren Beziehung zu ihrem Mann inzwischen so gespannt war, dass sie nicht
auf demselben Schiff reiste, wurde noch rechtzeitig von sizilianischen
Kriegsschiffen gerettet; aber eines der Begleitschiffe, auf dem sich mehrere
Mitglieder des königlichen Haushaltes und fast das gesamte Gepäck
befanden, hatten die Griechen gekapert und nach Konstantinopel entführt.
Für Ludwig, der sich ohnhein schon
längst eingeredet hatte, Manuel Komnenos
allein
trage die Schuld am Mißlingen des Kreuzzugs, war dieser Vorfall der
Tropfen gewesen, der den Krug zum Überlaufen brachte. So ließ
er sich nur zu gern auf den Vorschlag ein, den ihm der König von Sizilien
unterbreitete.
Kurz gesagt handelte es sich dabei um die Bildung einer
europäischen Liga gegen das Byzantinische Reich. Roger
legte klar und überzeugend dar, wie Manuel
sich in seinem Haß auf die christliche Sache mit den Türken
verbündet und diese dann zweifellos über den Vormarsch des Kreuzfahrerheers
gründlich informiert habe. über den Ort seiner Lager, den Stand
seiner Kriegsvorbereitungen und auch die Routen, die es einzuschlagen gedachte.
Mit einer solchen Viper an der Brust, fuhr er fort, sei der Kreuzzug schon
vor dem Beginn zum Scheitern verurteilt gewesen. Daher gelte es als vorrangige
Aufgabe, den Basileus zu beseitigen und sein verderbtes, abtrünniges
Reich völlig zu zerschlagen. Dann und nur dann könnten die Verbündeten
einen siegreichen 3. Kreuzzug beginnen und die Demütigungen des zweiten
vergessen machen.
Der Vorschlag hätte unehrlicher nicht ausfallen
können. König
Roger von Sizilien war selbst kein Kreuzfahrer, weder von seiner
Veranlagung her noch aus Überzeugung. Das Schicksal der Christen in
den Kreuzfahrerstaaten scherte ihn keinen Deut; seiner Ansicht nach hatten
sie vielmehr alles verdient, was ihnen widerfahren war. Ihm lag die arabische
Seite weit näher am Herzen, deren Angehörige einen beträchtlichen
Teil der sizilianischen Bevölkerung ausmachten und überwiegend
die Verwaltung seines Landes führten und deren Sprache er perfekt
beherrschte. Andererseits stand sein Anspruch auf Antiochia und Jerusalem
zur Debatte. Wenn er die Offensive gegen Manuel
nicht
ergriff, würde dieser sie fraglos gegen ihn ergreifen. War also Angriff
hier nicht die beste Verteidigung? Und falls ja, würde es dann jemals
eine bessere Gelegenheit dazu geben als gegenwärtig, da er als einziger
der Großen Europas sein Ansehen durch den Kreuzzug nicht eingebüßt
hatte, während Kaiser
Manuel der wohl am meisten verhaßte
Mann in West-Europa war?
Die Ironie der Situation, die Roger
so deutlich sah, ging Ludwig dagegen
nicht auf. Beglückt von der Unterredung, begab er sich nach Tivoli,
um die Meinung des Papstes zu erkunden. Eugen reagierte lauwarm.
Zwar war auch er dafür, die Allianz zwischen den beiden Reichen zu
beenden, doch hielt er nicht das geringste davon, Rogers
Position noch mehr zu stärken. Die übrigen Kirchenführer,
samt Bernhard von Clairvaux, gaben sich dagegen begeistert, ebenso
Suger,
der äußerst einflußreiche Abt von Saint-Denis,
der nach
Ludwigs Rückkehr nach
Paris zum Vorkämpfer für den geplanten neuen Kreuzzug wurde.
Doch der Plan scheiterte an KONRAD III.,
dem deutschen König, der nun seinen vielen Gründen,
Roger
zu
verabscheuen, einen weiteren, vielleicht den stärksten hinzufügen
konnte. Er wußte wohl, dass sein Ansehen durch den fehlgeschlagenen
Kreuzzug schwer gelitten,
Rogers
dagegen
nie besser dagestanden hatte. Dennoch hielt nun einmal der deutsche Kaiser,
ob gekrönt oder nicht, historisch und von Gottes Gnaden, Schwert und
Schild der westlichen Christenheit in Händen. Und deshalb wies KONRAD
diesen Angriff auf sein kaiserliches Vorrecht eifersüchtig als genauso
unverzeihlich zurück wie die Usurpation Süd-Italiens. Außerdem
hegte er den starken Verdacht, dass Roger die
von Welf von Bayern angeführte Liga finanzierte. Bernhard
versuchte alles, um seine Haltung zu ändern, jedoch ohne Erfolg. Der
Abt von Clairvaux war Franzose, und KONRAD hielt
einen Franzosen für kaum besser als einen Sizilianer. Außerdem
quälte ihn die Erinnerung daran, dass er schon einmal wider besseres
Wissen Bernhards Rat gefolgt war. Bernhards feindselige Haltung
Byzanz gegenüber war nur allzugut bekannt. Da er in erster Linie die
Schuld am Mißerfolg des Kreuzzugs trug, versuchte er nun mit allen
Mitteln, möglichst viel davon abzuwälzen und dem Kaiser des Ostens
in die Schuhe zu schieben. In Manuel hatte
KONRAD
dagegen
einen Freund, dem er vertraute. Zudem verband die beiden ein feierliches
Treueversprechen, das er nicht aufs Spiel setzen wollte. So kam die große
antibyzantinische Liga nicht zustande. Und dass
KONRAD
und Manuel
ihren gemeinsamen Feldzug
gegen das Königreich Sizilien zurückstellen mußten, verdankteKönig
Roger
einzig
seiner glänzenden Diplomatie. Doch schon verloren die Hindernisse,
die er ihnen in den Weg gelegt hatte, an Wirkung. Bei Flochberg erlitten
Graf Welf und seine Freunde 1150 eine Niederlage, von der sie sich
nicht wieder erholten, während nach einer Strafexpedition unter Manuels
Führung im folgenden Jahr Serbien und Ungarn für eine
Weile die Lust am Kampf verging. Nun hatten die Heere der beiden Reiche
endlich freie Hand, um nach Süd-Italien zu marschieren. Der immer
wieder verzögerte Feldzug wurde heimlich auf den Herbst 1152 angesetzt.
Venedig hatte Unterstützung zugesagt, und sogar Papst Eugen
war schließlich noch dafür gewonnen worden. Nie zuvor hatte
die Zukunft für Roger von Sizilien
so düster ausgesehen.
Da starb KONRAD am
15. Februar 1152 in Bamberg im Alter von 59 Jahren. In den rund 200 Jahren
seit der Wiederherstellung des Weströmischen Reichs unter der Herrschaft
OTTOS
DES GROSSEN war er als erster designierter Kaiser nicht in Rom
gekrönt worden - ein Versäumnis, das in mancher Hinsicht typisch
ist für seine Regierung. Als Seneca im Rat, als Paris von Ansehen
und Hektor in der Schlacht hatte man ihn als jungen Mann bezeichnet und
große Hoffnungen in ihn gesetzt. Aber er starb, ohne dieses Versprechen
einzulösen: nicht als Kaiser, sondern als glückloser König.
Da sich um ihn mehrere italienische Ärzte bemühten - vermutlich
von der berühmten Universität Salerno -, machten schon bald Gerüchte
über sizilianisches Gift die Runde. Doch obwohl König
Roger das Verschwinden seines Erzfeindes zur rechten Zeit gewiß
gelegen kam, gibt es keinen Anhaltspunkt dafür, dass er seine Hand
dabei im Spiel hatte.
KONRAD konnte bis
zum letzten Augenblick klar denken und beschwor seinen Neffen und
Nachfolger
Friedrich von Schwaben,
genannt BARBAROSSA, seinen Kampf fortzusetzen.
Insofern sich diese Bitte auf Roger von Sizilien
bezog, kam sie FRIEDRICH
entgegen.
Bestärkt durch Apulier, die am deutschen Hof im Exil lebten, spielte
er einen Augenblick mit dem Gedanken, noch weiterzugehen, als der Plan
seines Onkels ursprünglich vorsah, also sofort gegen
Roger
zu marschieren und sich auf dem Weg dorthin in Rom zum Kaiser krönen
zu lassen. Da jedoch die Nachfolge sich wie immer nicht problemlos regeln
ließ, mußte er sich an den Gedanken gewöhnen, den Feldzug
auf unbestimmte Zeit zu verschieben. In bezug auf Byzanz ging er freilich
andere Wege als sein Onkel. Von seiner Veranlagung her konnte er nichts
akzeptieren, was Macht und Ansehen des West-Reichs schmälerte. Schon
der bloße Gedanke an einen rivalisierenden Kaiser im Osten war kaum
zu ertragen. Die fraglichen Provinzen in Süd-Italien zu teilen oder
gar abzugeben kam für ihn von vornherein nicht in Frage. Wenn Manuel
Komnenos ihm im Kampf gegen das Königreich Sizilien beistehen
wollte, schön und gut; aber dann mußte ihm ein jeder Sieg Lohns
genug sein. Knapp ein Jahr nach seiner Thronbesteigung schloß FRIEDRICH
in Konstanz mit dem Papst einen Vertrag, in dem sich die beiden einigten,
dass Byzanz keinerlei Anspruch auf italienisches Territorium erheben könne
und dass der byzantinische Kaiser, sollte er dort dennoch gewaltsam Fuß
zu fassen versuchen, vertrieben werde. Damit endeten die kurzen Flitterwochen
zwischen den beiden Reichen.
Der Tod König
KONRADS war nur ein Auftakt. Am 8. Juli 1153 starb unerwartet
Papst
Eugen in Tivoli. Er war ungern Papst gewesen - bis zum Todestag trug
er unter den päpstlichen Gewändern stets die rauhe Kutte eines
Zisterziensermönches - und hatte auch für das ihm auferlegte
Amt kein großes Talent gezeigt. Trotzdem hatten seine Milde und Schlichtheit
ihm die Liebe und den Respekt seiner Herde eingetragen, die nun tief um
ihn trauerte. Dasselbe trifft für Bernhard von Clairvaux nicht
zu, der ihm nur sechs Wochen später ins Grab folgte. Sein ganzes Leben
hindurch hatte Bernhard die zum Glück seltene Erscheinung verkörpert,
dass ein eigentlicher Mystiker und Asket sich berufen fühlt, in die
Politik einzugreifen. Da er die Welt mit den Augen eines Fanatikers sah,
führte seine Einmischung fast ausnahmslos zur Katastrophe. Seine intensive
Stimmungsmache für den 2. Kreuzzug trug der Christenheit des Mittelalters
ihre wohl tiefste Schmach ein. Viele mögen in ihm einen einflußreichen
Mann gesehen haben, aber gewiß nur wenige einen liebenswürdigen.
Als nächster starb am 26. Februar 1154 dann auch
König
Roger in Palermo. Sein Sohn und Nachfolger Wilhelm,
dem man den Spitznamen der Böse anhängte,
hat diesen eigentlich gar nicht verdient, denn er bezog sich vor allem
auf seine bedrohlich wirkende Erscheinung und herkuleische Körperkraft.
Im Grunde war er träge und liebte die Zerstreuung, besaß indes
weder die Intelligenz noch das diplomatische Geschick seines Vaters. Roger
hätte wohl kaum, wie es Wilhelm
kurz nach seiner Krönung tat, an den byzantinischen Kaiser geschrieben
und ihm angeboten, als Gegenleistung für einen Friedensvertrag alle
griechischen Gefangenen und die Beute aus Georg von Antiochias Feldzug
nach Theben zurückzuschicken. Manuel Komnenos
schlug
denn auch das Angebot rundweg ab. Er folgerte daraus lediglich, dass sich
der neue König von Sizilien offenbar vor einer byzantinischen Invasion
fürchtete. Wenn er sich aber fürchtete, war er schwach, und wenn
er schwach war, würde man ihn besiegen.
Der letzte in der Reihe von Todesfällen, die eine
gänzlich neue Besetzung auf die politische Bühne West-Europas
brachten, betraf Papst Eugens Nachfolger, den alten und untauglichen
Anastasius IV. Seine 17-monatige Regentschaft hatte vor allen Dingen
der pompösen Selbstdarstellung gedient, und nach seinem Tod in den
letzten Tagen des Jahres 1154 legte man den Leichnam in den eindrucksvollen
Porphyrsarkophag, in dem bis dahin die Überreste Kaiserin
Helenas geruht hatten; diese aber waren auf Anastasius'
Anweisung hin einige Wochen zuvor in eine bescheidene Urne in den Ara coeli
überführt worden. Sein Nachfolger war von ganz anderem Zuschnitt:
Hadrian
IV., der einzige Engländer, der je die Tiara trug, erblickte als
Nicholas
Brakespear um 1115 in Abbot's Langley, Hertfordshire, das Licht der
Weit. Schon während seines Studiums zog es ihn nach Frankreich und
von dort nach Rom, wo er durch seine Eioquenz, seine Fähigkeiten und
sein außergewöhnlich gutes Aussehen die Aufmerksamkeit von
Papst
Eugen erregte, einem begeisterten Anhänger alles Englischen; so
stieg er rasch auf.
Eine Mission in Norwegen im Jahre 1152, mit dem Ziel,
die Kirche in ganz Skandinavien zu reorganisieren, verlief unter seiner
Leitung derart erfolgreich, dass er beim Tod Papst Anastasius' zwei
Jahre später einstimmig zu dessen Nachfolger gewählt wurde. Wie
sich erweisen sollte, erfolgte seine Wahl gerade noch rechtzeitig; binnen
eines halben Jahres sah er sich einer schweren Krise gegenüber, die
keiner seiner beiden Vorgänger bewältigt hatte: FRIEDRICH
BARBAROSSA erschien in Italien, um sich zum Kaiser krönen
zu lassen.
Der mittlerweile 32-jährige FRIEDRICH
erschien
den Deutschen der damaligen Zeit als das Paradebeispiel eines deutschen
Ritters. Er war groß und breitschultrig, eher anziehend als schön,
und seine Augen funkelten so hell unter dem dichten rotbraunen Haarschopf
hervor, als sei er immerzu zum Lachen aufgelegt; so zumindest nach einem
Chronisten, der ihn gut kannte. Hinter dem lockeren, freundlichen Äußeren
aber lauerte ein stählerner Wille, der sich einem einzigen Ziel verschrieben
hatte: das Reich in seiner alten Größe und seinem alten Glanz
wiederherzustellen. Dieses Ziel gestattete keinerlei Konzessionen, weder
Rücksicht auf den Papst noch auf den byzantinischen Kaiser und auch
auf sonst niemanden. FRIEDRICH erschien
in den ersten Wochen des Jahres 1155 in Nord-Italien, wo ihn das starke
republikanische Empfinden in den größeren und kleineren Städten
zuerst in Erstaunen versetzte und dann derart in Rage brachte, dass er
von Anfang an Stärke zu demonstrieren beschloß. Zwar erwies
sich der ewige Unruheherd Mailand für ihn als zu stark, aber er statuierte
an der mit Mailand verbündeten Stadt Tortona ein Exempel, indem seine
Truppen sie nach zweimonatiger Belagerung einnahmen und kurzerhand dem
Erdboden gleichmachten. Nach dem Osterfest in Pavia, wo man ihm die traditionelle
Eisenkrone der Lombardei aufgesetzt hatte, durcheilte FRIEDRICH
die
Toskana so rasch, dass in der römischen Kurie große Besorgnis
aufkam. Einige ältere Kardinäle konnten sich noch erinnern, wie
1111 sein Vorfahre HEINRICH V.
im Petersdom Hand an Papst Paschalis II. gelegt und ihn zwei Monate
lang gefangengehalten hatte, und sie hatten bisher nichts vom neuen deutschen
König gehört, was zu der Annahme berechtigte, er wäre dazu
nicht ebenfalls imstande. Deshalb beschloß Papst Hadrian,
sich mit ihm zu treffen. Die Begegnung fand am 9. Juni in Campo Grasso
bei Sutri statt; allein, sie schlug fehl. Nach altem Brauch sollte der
König dem herannahenden Papst entgegengehen, dessen Pferd die letzten
paar Meter am Zügel führen und dann den Steigbügel halten,
um dem Papst beim Absteigen behilflich zu sein.
FRIEDRICH
dachte jedoch nicht daran, woraufhin Hadrian ihm den traditionellen
Friedenskuß verweigerte.
FRIEDRICH machte
geltend, ihn verpflichte nichts zum Dienst als päpstlicher Reitknecht,
doch Hadrian blieb unbeugsam. Es gehe hier nicht um eine bloße
Frage des Protokolls, sondern handle sich um einen öffentlichen Akt
des Aufbegehrens, und dies rühre an die Wurzeln der Beziehung zwischen
weltlicher und kirchlicher Gewalt. FRIEDRICH
gab schließlich nach und ließ das Lager etwas weiter nach Süden
verlegen. Am Morgen des 11. Juni wurde dann die Zeremonie in der Nähe
der Kleinstadt Monterosi doch noch vorgenommen. Diesmal ging der König,
wie gewünscht, zu Fuß auf den Papst zu, nahm dessen Pferd am
Zügel und führte es, wie berichtet wird, einen "Steinwurf" weit.
Dann hielt er dem Papst den Steigbügel, um ihm beim Absitzen zu helfen.
Hadrian
ließ sich auf dem bereitgestellten Thron nieder,
FRIEDRICH beugte vor ihm das Knie und küßte ihm die
Füße. Dem folgte der Friedenskuß, und da endlich konnte
die Unterredung beginnen.
Eigentlich gab es damit keinen Grund mehr, die Krönung
weiter zu verzögern. Doch die Bevölkerung Roms hatte, seit diese
Zeremonie zum letzten Mal stattgefunden hatte, eine politische Vertretung
gebildet und den Senat wiederaufleben lassen. Daher erschien bald darauf
eine ebenso großspurig wie herablassend auftretende Abordnung von
Senatoren in FRIEDRICHS Lager, die
ihm auseinandersetzte, er könne die Krone nur dann in Empfang nehmen,
wenn er zuvor sowohl schwöre, künftig die Freiheit der Stadt
zu garantieren, als auch auch eine Sonderzahlung (ex gratis) von
5.000 Pfund Gold entrichte. FRIEDRICH gab
zur Antwort, er verlange nur, was ihm rechtmäßig zustehe; eine
solche Garantie stehe für ihn außer Frage; und was Geldgeschenke
betreffe, so werde er solche vergeben, wann und wo es ihm gefalle. Da zogen
die Senatoren enttäuscht ab. Aber sie bedeuteten dem Papst, der schon
früher mit dieser Gemeinde zu tun gehabt hatte, unmißverständlich,
dass es zu ernsthaften Schwierigkeiten kommen werde. Wollten sie diese
vermeiden, mußten er wie FRIEDRICH
also rasch handeln.
Im Morgengrauen des folgenden Tages, am Samstag, dem
17. Juni, zog FRIEDRICH, der deutsche
König, durch das Goldene Tor in Rom ein und begab sich geradewegs
zum Petersdom, wo ihn Papst Hadrian, der ein paar Stunden zuvor
eingetroffen war, auf der Kirchentreppe erwartete. Nach einer eiligst gefeierten
Messe gürtete Hadrian FRIEDRICH
direkt über dem Apostelgrab hastig mit dem Schwert des heiligen Petrus
und setzte ihm die Kaiserkrone auf. Unmittelbar nach der kurzen Zeremonie
ritt der neue Kaiser
FRIEDRICH I. BARBAROSSA mit der Krone auf dem Haupt in sein
Lager vor der Stadtmauer zurück, während Papst Hadrian
im Vatikan Zuflucht suchte, um die weitere Entwicklung abzuwarten.
Bereits vor neun Uhr wurde dem Senat, der im Kapitol
beriet, wie die Krönung zu verhindern sei, gemeldet, diese sei soeben
erfolgt. Zornbebend darüber, dass man sie ausgetrickst hatte, riefen
die Senatoren zu den Waffen. Bald darauf drängte eine riesige Menschenmenge
über die Engelsbrücke und eine weitere durch Trastevere nach
Norden. Sowie FRIEDRICH wieder im Lager
oberhalb der Stadt eintraf, erging an die deutschen Soldaten der Befehl,
sich für den Kampf zu rüsten. Hatte der Kaiser nicht noch vor
wenigen Stunden vor aller Augen geschworen, Christi Kirche zu verteidigen?
Und nun schien sie statt dessen bereits bedroht. Zum zweiten Mal an diesem
Tag ritt FRIEDRICH in Rom ein, diesmal
jedoch nicht im Krönungsornat, sondern in der Rüstung. Den ganzen
Tag über tobte die Schlacht zwischen den Soldaten des römischen
Kaisers und seinen Untertanen. Erst bei Einbruch der Nacht trieben die
kaiserlichen Truppen die letzten Aufständischen über die Brücken
zurück. Auf beiden Seiten hatte es schwere Verluste gegeben. Über
die der Deutschen gibt es keine verläßlichen Zahlen; dagegen
sollen fast 1.000 auf römischer Seite entweder erschlagen worden oder
im Tiber ertrunken und 600 in Gefangenschaft geraten sein. Der Senat hatte
seine Arroganz teuer bezahlt, der Kaiser aber auch seine Krone. Sein Sieg
verschaffte ihm nicht einmal Zugang zur Stadt, denn bei Sonnenaufgang des
folgenden Tages waren alle Tiberbrücken abgeriegelt und die Tore verbarrikadiert.
Für eine Belagerung waren er und sein Heer nicht gerüstet. Die
Hitze des römischen Sommers forderte bereits ihren Tribut; unter den
Soldaten brachen Malaria und Ruhr aus. Der Rückzug schien das einzig
Vernünftige. Und da der Vatikan dem Heiligen Stuhl keine Sicherheit
mehr bot, mußte man Papst und Kurie mitnehmen. Am 19. Juni ließ
FRIEDRICH
das Lager abbrechen und zog sich mit seinem Heer in die sabinischen Berge
zurück, und einen Monat später begab er sich eilends nach Deutschland.
Hadrian blieb allein und machtlos in Tivoli zurück.
Manuel Komnenos,
der diese Ereignisse von Konstantinopel aus verfolgte, präsentierte
sich eine völlig veränderte Situation. Seit KONRADS
Tod
brauchte er auf Hilfe aus dem weströmischen Reich nicht mehr zu hoffen.
Zwar kannte er den Vertrag von Konstanz nicht bis ins Detail und mag darum
eine Aufteilung Italiens immer noch für möglich gehalten haben.
FRIEDRICHS
Haltung hatte ihm jedoch klar gezeigt, dass er ab sofort darum kämpfen
mußte. Falls, was früher oder später wahrscheinlich schien,
die Deutschen gegen
Wilhelm von Sizilien
marschieren würden, galt es eine starke byzantinische Streitmacht
bereitzuhalten, um die verbürgten Rechte Konstantinopels zu verteidigen.
Und falls dies nicht geschah, mußte er selbst die Initiative ergreifen.
Gelegen kam ihm dagegen die Nachricht, dass die normannischen
Barone in Apulien wieder einmal kurz vor der offenen Revolte standen. Sie
hatten das Haus HAUTEVILLE
schon immer abgelehnt, dessen Stammbaum schließlich um nichts vornehmer
war als ihr eigener und das seine Oberherrschaft mindestens ebenso sehr
intriganter Verschlagenheit verdankte wie außergewöhnlichem
Mut im Feld. Rebelliert hatten sie früher schon öfter, nicht
nur gegen König
Roger, sondern vor ihm auch gegen Robert Guiscard. Doch
Rogers
Tod und die Schwäche seines Nachfolgers Wilhelm
schienen ihnen nun die Möglichkeit zu bieten, die sizilianischen Fesseln
endgültig abzuschütteln. Wie immer benötigten sie dazu Unterstützung.
Zunächst setzten sie auf FRIEDRICH,
und sein hastiger Abzug enttäuschte sie sehr; doch sie fühlten
sich ihm nicht besonders verpflichtet. Nun, da er sie im Stich gelassen
hatte, beschlossen sie, Manuel um Hilfe
anzugehen. Dazu war Manuel gerne bereit.
Zwar konnte er keinen großen Feldzug zusagen, da der Ungarnkrieg
wiederaufgeflammt war und er sein Heer an der Donau brauchte. Doch sandte
er im Sommer 1155 als einen ersten Schritt die beiden erfahrenen Feldherren
Michael Palaiologos, den früheren Gouvemeur von Thessalonike,
und Johannes Dukas nach Italien. Sie sollten mit den Zentren des
normannischen Widerstandes Kontakt aufnehmen und einen allgemeinen Aufstand
koordinieren, der von einem kleinen byzantinischen Heer und an Ort und
Stelle ausgehobenen Söldnern unterstützt werden würde. Sollte
sich FRIEDRICH noch in Italien aufhalten
und eine Möglichkeit bestehen, ihn auf dem Rückmarsch von Rom
abzufangen, müßten sie ihn ein letztes Mal mit allen Mitteln
zu überreden versuchen, sich ihrer Streitmacht anzuschließen.
So unwahrscheinlich diese Aussicht schien, ergaben Nachforschungen bei
ihrer Ankunft in Italien schon bald, dass der Kaiser in der Reichstadt
Ancona weilte, wo er sie bereitwillig empfing. FRIEDRICH
war schweren Herzens nach Norden marschiert. Schon der Papst hatte ihn
angefleht, dem ursprünglichen Plan gemäß sein Heer unverzüglich
gegen König
Wilhelm von Sizilien zu führen. Er selbst hätte dies
nur zu gerne getan. Aber seine kranken deutschen Lehnsleute wollten davon
nichts wissen. Sie waren die erbarmungslose Sonne, die ungewohnte Nahrung
und die Insektenschwärme, die ihnen bringen. Nach dem Vorstoß
von Palaiologos und Dukas versuchte
FRIEDRICH
noch einmal auf sein Gefolge zu übertragen, allein auch diesmal vergebens.
Mit Bedauern mußte er den Gesandten gestehen; dass er nichts machen
könne; sie müßten ihren Feldzug allein in Angriff nehmen.
Manuel
bereitete
diese Nachricht nicht allzu viel Kopfschmerzen. Zwar wäre es strategisch
günstig gewesen, wenn das deutsche Heer für ihn die Schlachten
geschlagen hätte, aus diplomatischer Sicht ergab sich dagegen ohne
die Deutschen eine weit unkompliziertere Situation; außerdem ging
aus den Berichten hervor, dass er auch so genügend Verbündete
hatte. Unterdessen breitete die Revolte sich unter dem neuen Anführer
Graf
Robert von Loritello, einem Vetter König
Wilhelms, über ganz Süd-Italien aus. Im Spätsommer
1155 trafen sich Robert
und Michael Palaiologos in Viesti.
Ein jeder hatte genau das anzubieten, was dem anderen gerade mangelte.
Michael
Palaiologos verfügte über eine Flotte von 10 Schiffen, anscheinend
unerschöpfliche Geldvorräte und die Vollmacht, bei Bedarf weitere
Verstärkung von jenseits der Adria anzufordern. Robert
konnte
die Unterstützung eines großen Teils des normannischen Feudaladels
und die Kontrolle über einen langen Küstenabschnitt in die Waagschale
werfen. Letzteres war von großer Bedeutung, damit die byzantinischen
Kommunikationswege in ausreichendem Maße gesichert blieben. Es kam
also schnell zu einer Verständigung; und dann schlug man sogleich
los. Das erste Ziel hieß Bari. Bis zur Eroberung durch die Truppen
Robert Guiscards 1071 war Bari die bedeutendste byzantinische Stadt
in Italien und das letzte griechische Bollwerk auf der Halbinsel gewesen.
Die Mehrheit seiner - griechischstämmigen - Bevölkerung lehnte
die Regierung in Palermo ab und wartete nur auf eine Gelegenheit, von ihr
loszukommen. Unter ihnen gab es ein paar, die den Angreifern die Tore öffneten.
Obwohl die sizilianische Garnison von der alten Zitadelle und der Nikolaus-Kirche
aus tapfer focht, mußte sie bald kapitulieren und zusehen, wie das
Volk von Bari über die Zitadelle, das verhaßte Symbol der sizilianischen
Herrschaft, herfiel, und sie dem Erdboden gleich machte, ohne dass Palaiologos
dies verhindern konnte. Die Nachricht vom Fall Baris und plötzlich
auftauchende Gerüchte über
König
Wilhelms Tod - er war tatsächlich schwer erkrankt - erschütterten
die Moral der Küstenstädte Apuliens. Trani ergab sich als nächste,
dann die benachbarte Hafenstadt Giovinazzo. Weiter südlich leistete
man dagegen noch heftig Widerstand. Wilhelm von Tyrus berichtet,
der Patriarch von Jerusalem habe auf seinem Weg zum Papst im Herbst in
Otranto, wo er Station machen wollte, sich sofort wieder eingeschifft und
der Küste entlang nach Ancona segeln müssen, ein solcher Tumult
habe in der gesamten Gegend geherrscht. Erst Anfang September trat König
Wilhelms Heer mit Vizekönig Asclettin an der Spitze
auf den Plan. Es umfaßte etwa 2.000 Ritter und eine beträchtliche
Streitmacht von Fußsoldaten, vermochte sich jedoch gegen die Rebellen
nicht zu behaupten und wurde vor den Mauern von Andria schwer geschlagen.
Graf
Richard von Andria, das loyale Oberhaupt der Stadt, der heldenhaft
für seinen König gekämpft hatte, fiel im Kampfgetümmel
vom Pferd, und ein Priester aus Trani soll seinem Leben ein Ende gesetzt
haben, indem er ihn mit dem Schwert aufschlitzte und ihm die Innereien
herausriß. Als das Volk ihn tot daliegen sah, ergab es sich auf der
Stelle. Wer immer noch zu König
Wilhelm stand, blickte in eine düstere Zukunft. Papst
Hadrian verfolgte diese Ereignisse zunächst von Tivoli und dann
von Tusculum aus mit Genugtuung. Sowenig er das griechische Volk mochte,
dem sizilianischen zog er es allemal vor. Er frohlockte, dass der verhaßte
Wilhelm
doch noch bekam, was er verdiente, obwohl er der Rache BARBAROSSAS
entkommen war. Ob die Initiative, sich mit Byzanz zu verbünden, von
ihm ausging oder der Anstoß von Manuel Komnenos
in Konstantinopel oder Michael Palaiologos in Apulien kam, bleibt
ungeklärt. Im Spätsommer wurden jedenfalls gemeinsame Gespräche
geführt, in deren Verlauf Hadrian in Kampanien einen Söldnerheer
aushob, und zwar höchstwahrscheinlich auf Kosten von Byzanz. Dieses
setzte sich am 29. September Richtung Süden in Marsch. Es mag verblüffen,
nur 100 Jahre nach dem großen Schisma zwischen der Ost- und der West-Kirche
einen byzantinischen Kaiser in einer militärischen Allianz mit dem
römischen Papst zu sehen. Aber Hadrian witterte in den Vorgängen
in Süd-Italien eine einmalige Gelegenheit. Außerdem machten
ihm die im Exil lebenden apulischen Vasallen Mut. In der Hoffnung, wieder
zu ihren ehemaligen Lehen zu kommen, willigten sie mit Freuden ein, ihn
als ihren Oberherrn anzuerkennen, wenn er ihnen dabei behilflich sei. Schon
am 9. Oktober erhielten Fürst Robert von Capua und mehrere
andere hochrangige normannische Feudalherren ihre angestammten Besitzungen
zurück, und noch vor Jahresfrist befand sich ganz Kampanien und der
größte Teil Apuliens in byzantinischer oder päpstlicher
Hand. Nachdem die wenigen noch verbliebenen Widerstandsnester ausgehoben
waren, konnte sich Michael Palaiologos zu einem Erfolg gratulieren,
wie er ihn nie zu hoffen gewagt hätte. In nur sechs Monaten hatte
sich der griechische Herrschaftsbereich wieder beinahe so weit ausgedehnt
wie zuletzt vor 150 Jahren. Ihm war zu Ohren gekommen, sein Kaiser gedenke
angesichts einer solch rasanten Entwicklung eine große Streitmacht
zu senden, um das Erreichte zu konsolidieren. Bei dieser Erfolgsquote konnte
es gut und gern soweit kommen, dass schon bald ganz Süd-Italien die
Herrschaft Konstantinopels anerkannte. König
Wilhelm
würde es nicht mehr geben, Papst Hadrian angesichts der griechischen
Triumphe, wo die Deutschen versagt hatten, die Überlegenheit der byzantinischen
Waffen anerkennen und seine Politik danach ausrichten, und endlich der
große Traum der
KOMNENEN, nämlich
die Wiedervereinigung des Römischen Reichs unter der Ägide Konstantinopels,
Wirklichkeit werden.
Hugo Falcandus, der detaillierteste und weitaus
verständlichste Chronist des normannischen Sizilien, dessen Werk erhalten
ist, gibt die folgende Beschreibung seines Königs
Wilhelm:
König
Wilhelm war ein Mann, der seinen Palast am liebsten nie verlassen
hätte. Sah er sich jedoch einmal zum Handeln gezwungen, dann stürzte
er sich - so wenig Tatkraft er auch vorher gezeigt haben mochte - weniger
mit echtem Mut, als vielmehr starrsinnig, ja geradezu tollkühn mitten
in die Gefahr.
Bei Hugo finden sich kaum Lobhudeleien; selbst
wenn er, wie hier, seinem Oberherrn Tribut zollt, scheint fast stets ein
wenig Boshaftigkeit durch, und in dem, was er sagt, liegt ein wahrer Kern.
In unserem aktuellen Fall läßt sich Wilhelms
anfängliche Unentschlossenheit jedoch erklären. Von September
bis Weihnachten lag er schwerkrank in Palermo und überließ die
Regierung Siziliens seinem "Emir der Emire", dem Lombarden Maio von
Bari. Und in den ersten Wochen des Jahres 1156 hatte er, immer noch
nicht ganz genesen, zuerst mit Aufständen in Palermo und dann mit
der Rebellion sizilianischer Feudalherren im Süden Siziliens zu tun.
Erst im Frühjahr war er dann wieder gesund - und sein Blut in Wallung,
bereit, sich das Festland vorzunehmen. Landheer und Flotte kamen in Messina
zusammen. Man gedachte, in einer konzertierten Aktion das griechische Heer,
die Papstgetreuen und die rebellischen Adligen gleichzeitig vom Meer und
vom Land her anzugreifen. In den letzten Apriltagen setzten die Landtruppen
zum Festland über und marschierten durch Kalabrien, während die
Flotte die Meerenge durchfuhr und dann in nordöstlicher Richtung Kurs
auf Brindisi nahm. Die byzantinischen und die Rebellentruppen hatten einen
schlechten Winter hinter sich. Zunehmende Arroganz im Auftreten Michael
Palaiologos' hatte zunächst zu einem Zerwürfnis geführt,
auf das hin Robert von Loritello voller Verachtung davongeritten
war. Dann starb Michael Palaiologos nach kurzer Krankheit in Bari.
Trotz seines herrischen Wesens war er ein glänzender Stratege gewesen,
und sein Tod bedeutete für seine Landsleute einen schweren Schlag.
Zwar hatte Johannes Dukas das Heer schließlich wieder in Gang
- und sogar eine Versöhnung mit dem Grafen von Loritello zustande
- gebracht, doch das frühere Vertrauen zwischen den Verbündeten
ließ sich nicht wiederherstellen; der Schwung von 1155 war dahin.
Drei Wochen wurde Brindisi nun schon belagert. Die königstreue Besatzung
der Zitadelle leistete heroischen Widerstand, wodurch der weitere byzantinische
Vormarsch auf der Halbinsel ein Ende fand. Auf die Nachricht hin, Wilhelms
Streitkräfte befänden sich auf dem Vormarsch, mußte das
griechische Heer mitansehen, wie jenes der verbündeten Rebellen allmählich
abbröckelte. Die Söldner forderten nach Söldnerart in diesem
besonders kritischen Augenblick eine unmögliche Erhöhung ihres
Soldes und machten sich zuhauf auf und davon, als man ihnen diese vorenthielt.
Robert
von Loritello desertierte zum zweiten Mal, und viele seiner Landsleute
taten es ihm nach. Johannes Dukas standen nun nur noch die wenigen
Truppen zur Verfügung, die mit ihm und Michael Palaiologos
gekommen, sowie jene, die in den vergangenen neun Monaten nach und nach
über die Adria getröpfelt waren. Und damit stand er zahlenmäßig
hoffnungslos unterlegen da. Zuerst traf die sizilianische Flotte ein. Ein
oder zwei Tage lang konnten sich seine Schiffe behaupten, da die Einfahrt
in den Hafen von Brindisi sehr eng, nur gut 30 Meter breit ist. 1200 Jahre
zuvor hatte Julius Cäsar sie mit
seinen Soldaten für Pompeius' Schiffe blockiert. Nun bediente
sich Johannes Dukas einer ganz ähnlichen Taktik, indem er die
ihm zur Verfügung stehenden vier Schiffe nebeneinander quer vor der
Einmündung plazierte und an beiden Ufern Fußsoldaten aufmarschieren
ließ. Als aber Wilhelms Landheer
am westlichen Horizont auftauchte, zerstoben die letzten byzantinischen
Hoffnungen. Einem gleichzeitigen Angriff vom Meer, vom Land und von der
Zitadelle der Stadt her ausgesetzt, würden sich die Wälle unmöglich
behaupten lassen. Johannes Dukas und seine Soldaten waren, wie Johannes
Kinnamos sich ausdrückte, gefangen wie in einem Netz. Die folgende
Schlacht war kurz und blutig, die byzantinische Niederlage total. Die sizilianische
Flotte hielt die kleinen Inseln um den Hafeneingang besetzt und vereitelte
jegliches Entkommen auf dem Seeweg. Johannes Dukas, die übrigen
byzantinischen Überlebenden und jene normannischen Aufständischen,
die sich noch nicht aus dem Staub gemacht hatten, gerieten in Gefangenschaft.
Die vier griechischen Schiffe wurden erbeutet, außerdem große
Mengen Gold und Silber, die Manuel Michael
Palaiologos für die Bezahlung der Söldner und zur Bestechung
anvertraut hatte. An diesem einen Tag, dem 28. Mai 1156, wurde alles, was
Byzanz im vergangenen Jahr in Italien erreicht hatte, fortgewischt, als
wären seine Truppen nie dort gewesen.
König Wilhelm
behandelte die griechischen Gefangenen gemäß den allgemein anerkannten
Kriegsregeln, zeigte jedoch gegenüber seinen rebellischen Untertanen
kein Erbarmen. Für ihn galt, wie schon für seinen Vater, Verrat
als das einzige unverzeihliche Verbrechen. Nur wenige der Aufständischen,
die ihm in die Hände fielen, hatten das Glück, in einem Kerker
zu landen. Die übrigen wurden erhängt, geblendet oder mit schweren
Gewichten an den Füßen im Meer versenkt. Brindisi, wo man heldenhaft
Widerstand geleistet hatte, wurde verschont. Bari, wo sich die Verteidigung
den Invasoren kampflos ergeben hatte, mußte dafür büßen.
Wilhelm
gab
der Bevölkerung zwei Tage Frist, um ihre Habseligkeiten zu retten.
Am dritten Tag wurde die Stadt samt der Kathedrale zerstört. Nur die
große Nikolauskirche und ein paar kleinere Sakralbauten blieben stehen.
Wieder einmal hatte sich die alte Lektion bewahrheitet - eine Lektion,
die sich eigentlich von selbst versteht, welche aber die europäischen
Fürsten im Mittelalter offensichtlich nicht begreifen konnten: dass
sich in entlegenen Ländern, in denen es einen organisierten Widerstand
gibt, eine Besatzungstreitmacht auf Dauer nicht halten kann. Schnelle Siege
ließen sich leicht erringen, besonders wenn mit Bestechung und großzügiger
Unterstützung der Unzufriedenen im Lande nachgeholfen wurde. Ging
es jedoch um Konsolidierung und Behauptung des Erreichten, half auch kein
Gold mehr, es mochte noch so viel sein. Das normannische Reich hatte sich
in Süd-Italien und Sizilien nur deswegen erfolgreich entwickeln können,
weil die ersten Fremden zwar als Söldner kamen, sich aber dann dort
niederließen; und selbst so hatte der Prozeß noch fast volle
100 Jahre in Anspruch genommen. Und kaum brachen dann die normannischen
Truppen zu fernen Abenteuern auf, wie zum Beispiel zu den beiden Invasionen
in das Byzantinische Reich unter der Führung Robert Guiscards
und Bohemunds, waren auch sie zum Scheitern verurteilt. Manuel
Komnenos hatte in Apulien und Kalabrien vor allem auf jene Gemeinden
gesetzt, die noch griechisch sprachen und ihre griechische Tradition zumindest
soweit aufrechterhielten, dass sie sich ihm verbunden fühlten. Die
Bevölkerung von Bari hatte entsprechend reagiert. Dabei hatte er jedoch
folgende Punkte übersehen: Dass diese Gemeinden lediglich eine verschwindende
Minderheit der Gesamtbevölkerung ausmachten und dass die Streitmacht
Wilhelms
von
Sizilien sich in einer viel besseren Ausgangsposition befand, um mit eventuell
auftretenden Schwierigkeiten fertig zu werden. Dass dieser Feldzug, der
einst so vielversprechend begonnen hatte, so jämmerlich ausging, war
daher kein Mißgeschick, sondern unvermeidlich.
Die Nachricht von der Katastrophe wurde in Konstantinopel
mit Entsetzen aufgenommen. Der arme Johannes Dukas, der sich von
seinem Kerker in Palermo aus nicht rechtfertigen konnte, eignete sich zwar
hervorragend als Sündenbock, doch wußten alle, dass die Verantwortung
letztlich beim Kaiser lag, und Manuel
fühlte sich tief gedemütigt. Es kam noch schlimmer; im Sommer
darauf fiel eine sizilianische Flotte von 164 Schiffen mit beinahe 10.000
Mann Besatzung über die blühende Insel Euböa her und verwüstete
und plünderte sämtliche Städte und Ortschaften an der Küste.
Von dort fuhr sie weiter nach Almira am Golf von Volos, welches das gleiche
Schicksal ereilte, und dann ging es, sofern wir Niketas Choniates'
Bericht Glauben schenken können, im Eiltempo den Hellespont hinauf
und durch das Marmarameer nach Konstantinopel, wo angeblich ein Hagel von
Pfeilen mit Silberspitzen auf den kaiserlichen Palast niederprasselte.
Es zeigte sich immer deutlicher, dass die Zeit reif war
für eine radikale Änderung der byzantinischen Außenpolitik.
Konnte Manuel Komnenos die verlorenen
italienischen Provinzen nicht mit Waffengewalt zurückgewinnen, so
würde dies - wenigstens auf lange Sicht - auch seinem Rivalen FRIEDRICH
BARBAROSSA nicht gelingen. Aber FRIEDRICH,
der von Kraft und Ehrgeiz nur so strotzte, würde gewiß, sobald
er freie Hand hatte, wieder mit einem Heer in Italien auftauchen und vielleicht
sogar Wilhelm vom Thron stoßen.
Und würde sein nächstes Ziel nicht Byzanz heißen, da er
doch davon träumte (das wußte man), die beiden Reiche unter
einem Szepter, natürlich seinem eigenen, vereint zu sehen? Dieser
Schluß lag nahe. Wilhelm war
als Emporkömmling FRIEDRICH bei
weitem vorzuziehen. Irgendeine Verständigung mußte mit ihm zustande
kommen, allerdings durfte sie nicht so erniedrigend ausfallen wie die Papst
Hadrian IV. aufgezwungene, der, von allen Verbündeten im Stich
gelassen, sich bereits auf Verhandlungen hatte einlassen müssen; diese
hatten zu dem im Juni 1156 unterzeichneten Vertrag von Benevento geführt,
in dem Papst Hadrian nicht nur Wilhelms
Herrschaft über Sizilien, Apulien, Kalabrien und das frühere
Fürstentum Capua, sondern auch über Neapel, Amalfi, Salerno sowie
die Marken und die nördlichen Abruzzen anerkannte, und die Anrede
lautete "Wilhelm, glorreicher König
von Sizilien und liebster Sohn in Christo, herrlichster an Reichtümern
und Leistungen von allen Königen und Großen des Zeitalters.
Der Ruhm deines Namens dringt bis an die Grenzen der Erde kraft deiner
Gerechtigkeit, deines Friedens, den du deinen Untertanen wiedergebracht
hast, und der Furcht, welche deine Großtaten in die Herzen aller
Feinde der Christenheit gesenkt haben." Nein, Kaiser
Manuel
war
nicht geneigt, seinen Namen unter ein Dokument dieser Art zu setzen. Er
wollte mit dem König von Sizilien wenigstens aus einer Position relativer
Stärke verhandeln. Er sandte daher im Sommer 1157 einen neuen Unterhändler
nach Italien:
Alexis, den vielversprechenden
Sohn seines Großdomestikos
Johannes Axuch. Alexis' Auftrag lautete nicht viel anders als
der zuvor an Michael Palaiologos ergangene, nämlich Kontakt
aufzunehmen zu jenen rebellischen Feudalherren, die sich noch in Freiheit
befanden, Söldner auszuheben für einen neuen Feldzug die Küste
entlang und ganz allgemein möglichst viel Unfrieden zu stiften. Daneben
hatte Manuel ihn mit einer zweiten
Aufgabe betraut: insgeheim mit Wilhelm
in Verbindung zu treten und Friedensverhandlungen zu führen. Die beiden
Aufgaben widersprachen sich weniger, als es zunächst den Anschein
macht, denn je heftiger die Vorgefechte, desto günstiger würden
letztlich Wilhelms Bedingungen für
Byzanz ausfallen. Alexis führte beide Teile seiner Mission
gleich erfolgreich aus. Innerhalb weniger Wochen nach seiner Ankunft verwüsteten
Robert
von Loritello und seine Getreuen erneut sizilianisches Territorium
in Nord-Sizilien, und ein anderer Rebellenführer, namens Graf Andreas
von Rupecanina, machte das Land um Capua unsicher und bedrohte ernsthaft
Monte Cassino, an dessen Fuß er mit seinen Leuten einem sizilianischen
Heer im Januar 1158 in offener Feldschlacht soar eine Niederlage bereitete.
Zwar hinderte Alexis' Beihilfe zu diesen Operationen ihn daran,
persönlich Friedensverhandlungen aufzunehmen, doch gelang es ihm,
die beiden geachtetsten Griechen, die noch immer in Palermo gefangengehalten
wurden, nämlich Johannes Dukas und Alexios Bryennios,
für diese Aufgabe zu gewinnen. Durch ihre Vermittlung kam zu Beginn
des Frühjahrs eine geheime Übereinkunft zustande. Alexis Axuch
ließ seine apulischen Verbündeten im Glauben, er wolle noch
mehr Soldaten und Material beschaffen, versetzte sie jedoch und entwischte
nach Konstantinopel. Obwohl Wilhelm
den byzantinischen Beweggründen immer noch skeptisch gegenüberstand,
schenkte er sämtlichen griechischen Gefangenen die Freiheit und entsandte
eine diplomatische Delegation unter der Führung seines einstigen Lehrers
und engen Freundes Heinrich Aristippus zu Manuel
nach
Konstantinopel. Es kam dann auch ordnungsgemäß zur Unterzeichnung
eines Friedensvertrags, dessen Vereinbarungen jedoch nicht bekannt sind.
Und den normannischen Baronen, die sich unversehens ihrer Geldmittel beraubt
fanden, blieb nichts anderes übrig, als ihre neuen Eroberungen aufzugeben
und einen anderen, zuverlässigeren Vorkämpfer zu suchen.
Manuel Komnenos' zweite Regierungshälfte (1158-1180)
Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des Friedensvertrages
mit Sizilien regierte Manuel Komnenos
das Byzantinische Reich schon seit 15 Jahren. Mangelnde Aktivität
konnte ihm gewiß niemand vorhalten. Ganz abgesehen von der bemerkenswert
erfolgreichen Bewältigung aller militärischen, diplomatischen
und administrativen Probleme im Zusammenhang mit dem 2. Kreuzzug, hatte
er am Krieg gegen die seldschukischen und danischmendidischen Heere Anatolien,
die kumanischen Eindringlinge in Thrakien, die sizilianischen Truppenverbände
in Korfu sowie gegen die serbischen und ungarischen Aufständischen
in den Donauprovinzen persönlich teilgenommen. Hätte er damit
nicht alle Hände voll zu tun gehabt, hätte er sich mit Sicherheit
auch noch in den jüngsten Feldzug in S-Italien gestürzt. Nur
Kilikien, wo er seine Herrschaft angetreten hatte, und den Kreuzfahrerstaaten
hatte er relativ wenig Aufmerksamkeit schenken können. Im Herbst 1158
jedoch brach er an der Spitze eines großen Heeres in Konstantinopel
auf, um dieses Versäumnis wettzumachen. Er war wütend, und das
mit gutem Grund. Als erstes richtete sein Zorn sich gegen Thoros,
den ältesten noch lebenden Sohn von Leon
Rubenidos. Dieser war 1143 aus seinem Kerker in Konstantinopel
entkommen und hatte bei seinem Vetter Joscelin II. von Edessa Zuflucht
gesucht, wo er seine drei jüngeren Brüder und eine Gruppe gleichgesinnter
Landsleute um sich scharte. Gemeinsam hatten sie bald den Familienstammsitz
Vakha hoch im Taurusgebirge wieder an sich gebracht und waren von da 1151
in die kilikische Ebene getürmt, wo sie eine kleine byzantinische
Streitmacht besiegten und den Reichsstatthalter von Mamistra umbrachten.
Manuel
hatte daraufhin unverzüglich seinen Vetter Andronikos
mit einem Heer ausgeschickt, doch Thoros
und seine Leute überrumpelten sie und schlugen sie in die Flucht.
Das war sieben Jahre her und dieser Emporkömmling noch immer ungestraft!
Weit größere Gefahr aber als von allen armenischen
Abenteurern zusammen ging von Rainald von Chätillon aus, dem
Fürsten
von Antiochia. Als nichtältester Sohn einer Familie des niederen
französischen Adels hatte er am 2. Kreuzzug teilgenommen und sich
dann im Osten niedergelassen. Dort hätte er den Rest seines Leben
verdientermaßen verbringen können, ohne den Gang der Geschichte
zu beeinflussen, wäre nicht Raimund von Poitiers gestorben.
Dieser war am 28. Juni 1149 mitsamt seinem Heer von der Streitmacht Emir
Nur ed-Dins umzingelt worden und beim anschließenden Massaker
umgekommen. Seinen Kopf hatte Nur ed-Din dem Kalifen von Bagdad
in einem Silberbehälter als Geschenk überbringen lassen, wo er
vermutlich neben dem seines Vorgängers Bohemund II. zu liegen
kam. Zum Glück war der Emir nach seinem Sieg nicht nach Antiochia
weitermarschiert. Doch es herrschte die einmütige Ansicht, dass Fürstin
Konstanze, Raimunds Witwe, möglichst bald einen neuen Mann
finden müsse. Sie selbst teilte diese Meinung durchaus, war indes
nur schwer zufriedenzustellen. Sie schlug drei Kandidaten ihres Vetters,
König
Balduins III. von Jerusalem, aus, ganz zu schweigen von einem,
der ihr (auf ihr Gesuch hin) von Manuel Komnenos
als ihrem Lehnsherrn vorgeschlagen wurde. Erst 1153 fiel ihr Auge auf Rainald.
Balduin,
erleichtert, die Verantwortung für Antiochia endlich abtreten zu können,
stimmte zu, und die Hochzeit fand sogleich statt.
Sie hätte keine katastrophalere Wahl treffen können.
Der neue Fürst galt nicht nur als Parvenu und Abenteurer, sondern
erwies sich auch von Anfang an als treu- und zudem völlig verantwortungslos.
Er hatte Manuel als Gegenleistung für
seine Anerkennung als Fürst versprochen, gegen Thoros
und dessen Brüder zu ziehen, machte dann aber nach einem Scharmützel
mit ihnen gemeinsame Sache. Und während sie mit stillschweigender
Einwilligung seinerseits gegen die wenigen übriggebliebenen byzantinischen
Festungen in Kilikien zogen, bereitete er einen Feldzug gegen eine andere,
noch bedeutendere byzantinische Besitzung vor: die friedliche, blühende
Insel Zypern. Solch ein Unternehmen erforderte allerdings finanzielle Mittel.
Kurzerhand verlangte Rainald das Nötige von Aimery,
dem Patriarchen von Antiochia, der zum einen für seinen Reichtum
bekannt war und dem er zum anderen grollte, weil er sich seiner Heirat
entgegengestellt hatte. Aimery weigerte sich, woraufhin er festgenommen,
eingekerkert und so lange geschlagen wurde, bis er am Kopf blutete. Auf
die Wunden schmierte man Honig und band ihn anschließend auf dem
Dach der Zitadelle fest. Dort ließ man ihn einen ganzen Tag in der
brütenden antiochischen Sommerhitze schmoren, wehrlos den Myriaden
von heißhungrigen Insekten ausgeliefert, die sich auf ihn stürzten
- am Abend erklärte er sich zum Zahlen bereit. Wenige Tage später
machte er sich in Begleitung zweier Boten, die König
Balduin
zornbebend
mit der Forderung nach seiner sofortigen Freilassung nach Antiochia entsandt
hatte, auf den Weg nach Jerusalem. Im Frühjahr 1156 griffen Rainald
und sein Verbündeter ThorosZypern
an. Zwar wehrte die Besatzung unter Johannes Komnenos, einem NeffenManuels,
und dem namhaften
Feldherrn Michael Branas sich tapfer, zahlenmäßig
war sie jedoch hoffnungslos unterlegen. Beide Anführer gerieten in
Gefangenschaft, während die fränkischen und armenischen Invasoren
gemeinsam eine Orgie der Verwüstung und Entweihung, des Mordens, der
Vergewaltigung und des Raubes veranstalteten, wie sie bis dahin auf der
Insel noch nie vorgekommen war. Erst nach drei Wochen gab Rainald den Befehl
zur Wiedereinschiffung. Die Beutestücke, welche die Schiffe nicht
fassen konnten, wurde an jene, denen man sie geraubt hatte, zurückverkauft.
Auch die Gefangenen mußten sich freikaufen. Da jedoch bis dahin nicht
mehr genügend Geld auf der Insel zur Verfügung stand, wurden
die meisten Angehörigen der ersten Familien und auch Johannes Komnenos
und Michael Branas nach Antiochia verschleppt und dort eingekerkert,
bis das Lösegeld aufgetrieben war. Etlichen gefangenen griechischen
Priestern schnitt man die Nase ab und schickte sie zum Hohn nach Konstantinopel.
Die Insel soll sich von dem Schlag nicht erholt haben.
Manuel und sein Heer
marschierten, auf Rache sinnend, nach Kilikien. Dann eilte der Kaiser mit
500 Reitern voraus, während die Hauptmasse den engen Felsenpfad die
Küste entlang weiterzog. Er gedachte, die armenischen Brüder
zu überrumpeln, und dies gelang. Zwei Wochen später befanden
sich alle kilikischen Städte bis Anazarbos wieder in byzantinischer
Hand. Es galt nur eine Enttäuschung zu verwinden: Thorosund
sämtliche Familienmitglieder hatten sich, in Tarsos von einem durchziehenden
Pilger gewarnt, gerade noch rechtzeitig in eine Burgruine hoch im Gebirge
flüchten können. Wochenlang suchte das Heer vergeblich nach ihnen.
Als Manuel sein Heer vor die Mauern
von Mamistra führte, hatte sich seine Stimmung daher noch nicht besonders
aufgehellt.
Während Manuel
im Zorn verharrte, geriet Rainald in Panik. Aus den Berichten, die
er erhielt, ging klar hervor, dass gegen das viel zu starke byzantinische
Heer kein Widerstand möglich war und seine einzige Hoffnung in demütiger
Unterwerfung bestand. So sandte er Boten an Manuel
mit
dem Angebot, die Zitadelle einer byzantinischen Garnison zu überlassen.
Als dieser Vorschlag abgelehnt wurde, erschien er persönlich in Sack
und Asche im kaiserlichen Lager. Manuel
beeilte
sich jedoch nicht die Spur, ihn zu empfangen. Da laufend hochkarätige
Gesandte der regionalen Potentaten, ja sogar des Kalifen selbst, nun bei
ihm vorsprachen, konnte der Fürst von Antiochia ruhig noch warten.
Auf die endlich erfolgende Vorladung hin mußten Rainald und seine
Gefolgsleute barfuß und mit entblößtem Haupt durch die
ganze Stadt bis hin zum Lager marschieren. Dort wurden sie durch die in
Reihen aufgestellten Eliteregimenter des byzantinischen Heeres zu einem
Zelt geführt, in dem der Basileus, umgeben von seinem Hofstaat und
den ausländischen Gesandten, thronte. Rainald warf sich vor
ihm in den Staub, sein Gefolge flehte mit erhobenen Händen um Gnade.
Manuel
schenkte ihnen geraume Zeit keine Beachtung, sondern führte ungerührt
sein Gespräch mit den Personen in seiner Umgebung fort. Als er sich
schließlich herabließ, die Unterwerfung des Fürsten zur
Kenntnis zu nehmen, stellte er drei Bedingungen: die unverzügliche
Übergabe der Zitadelle von Antiochia an eine byzantinische Garnison,
die Bereitstellung eines Kontingents für sein Heer und die Ersetzung
des lateinischen Patriarchen durch einen griechischen. Erst als Rainald
unter Eid schwor, alle drei Forderungen zu erfüllen, wurde er begnadigt
und entlassen. Wenige Tage danach traf König
Balduin aus Jerusalem ein. Zwar waren Manuel
und er einander noch nicht persönlich begegnet, doch bestanden starke
familiäre Bande zwischen ihnen, hatte Theodora,
die Tochter seines älteren Bruders Isaak,
sich doch vor kurzem mit Balduin verheiratet;
trotz ihrer erst 13 Jahre war Balduin von
ihr hingerissen. Dagegen hatte er mit seiner Unzufriedenheit über
die Nachricht von Rainalds Vergebung nicht hinter dem Berg gehalten.
Da
Manuel
zu Unrecht argwöhnte,
Balduin
beanspruche
Antiochia für sich, hatte er ihn zuerst gar nicht empfangen wollen,
sich dann aber doch erweichen lassen. Die beiden verstanden sich Anhieb.
Balduin
III. war 30 Jahre alt, intelligent und gebildet und verfügte
über eine Ausstrahlung, die jener Manuels
kaum
nachstand. Er blieb zehn Tage im Lager. Während dieses Aufenthaltes
erreichte er eine Amnestie für Thoros,
der zu denselben Bedingungen wie Rainald seine Besitzungen in den
Bergen behalten durfte. Auf Balduins
Intervention hin wurde wohl auch die Auswechslung des Patriarchen unbestimmte
Zeit vertagt. Aimery durfte wieder auf den Patriarchenthron Platz
nehmen, nachdem er sich mit Rainald versöhnt hatte. Die beiden
dürften indes, nach all dem, was geschehen war, kaum je dicke Freunde
geworden sein.
Am 12. April 1159, am Ostersonntag, zog Kaiser
Manuel Komnenos feierlich über die befestigte Brücke
nach Antiochia ein. Vor 21 Jahren hatte er seinen Vater auf einem ähnlichen
Einzug begleitet. Das gegenwärtige Ereignis gestaltete sich noch eindrucksvoller.
Die Lokalbehörden hatten alles versucht, es zu verhindern: Es gebe
eine Verschwörung, man wolle Manuel ermorden,
schützten vor, und sie könnten für seine Sicherheit nicht
garantieren. Da forderte Manuel eine
ganze Anzahl Geiseln und bestand darauf, dass alle an der Zeremonie teilnehmenden
Franken, selbst der König von Jerusalem, keine Waffen trugen; den
Festzug aber sagte er nicht ab. Die Spitze bildeten die blonden Riesen
der Warägergarde, die Streitäxte auf den breiten Schultern. Dann
kam der Kaiser; er trug den Purpurmantel so, dass er die Rüstung nicht
verdeckte, und auf dem Kopf das mit Perlen behängte Diadem. An seiner
Seite schritt Rainald, der Fürst von Antiochia und "beschäftigte
sich" - so drückt sich der Chronist Johannes Kinnamos aus -
"mit dem Steigbügelleder am kaiserlichen Sattel". Ihm folgten die
übrigen fränkischen Vasallen. Dann kam Balduin
III. von Jerusalem, barhäuptig, und schließlich der
kaiserliche Hofstaat. Direkt hinter dem Tor erwartete Aimery den
Zug im Patriarchenornat an der Spitze seines Klerus; und er führte
schließlich die Prozession durch die mit Blumen bestreuten Straßen
an, zunächst zur Messe in die Petruskathedrale und anschließend
zum Palast.
Die Feierlichkeiten dauerten volle acht Tage. Außer
endlosen Gottesdiensten fanden Bankette, Empfänge, Investituren und
verschiedene Paraden statt. Den Franken zuliebe veranstaltete Manuel
sogar
ein Ritterturnier - im Osten sonst unbekannt -, an dem er zum Schrecken
fast aller älteren Untertanen persönlich teilnahm. Majestätisch,
wo Majestät angebracht war, heiter und freundlich bei weniger förmlichen
Angelegenheiten, machte er sich bei der Bevölkerung Antiochias, dem
Adel wie der Bürgerschaft, gleichermaßen beliebt.
Balduin
und er fanden immer mehr Gefallen aneinander. Als Balduin
sich
bei einem Jagdunfall den Arm brach, bestand Manuel
darauf,
ihn selbst zu verarzten, so wie vor Jahren den deutschen
König KONRAD III.
Als Manuel Antiochia
verließ, stand es um die Beziehungen zwischen Byzanz und den Kreuzfahrerstaaten
besser als je zuvor. Und dies wäre wahrscheinlich so geblieben, wenn
er nun, wie die Franken erwarteten, gegen Aleppo gezogen wäre. An
der Grenze traf er jedoch auf eine Gesandtschaft Nur ed-Dins, die
über einen Waffenstillstand verhandeln wollte. Das Angebot des Emirs
klang recht großzügig. Er versprach nicht nur sämtliche
6.000 christlichen Gefangenen freizulassen, sondern auch ein Heer gegen
das Seldschuken-Reich zu schicken. Manuel
stimmte, vermutlich erleichtert, zu, den Feldzug abzubrechen, und machte
sich mit dem Heer sogleich auf den Heimweg nach Konstantinopel. Die fränkische
Reaktion läßt sich leicht vorstellen. Warum war der Kaiser bloß
mit einem riesigen Heer durch ganz Kleinasien marschiert, nur um dann,
ohne eine einzige militärische Konfrontation mit den feindlichen arabischen
Ungläubigen, den ganzen langen Weg wieder zurück zu ziehen? Die
6.000 freigelassenen Gefangenen bedeuteten ihnen nicht viel. Zugegeben,
darunter befanden sich auch ein paar bekannte Namen wie Bertrand von
Blankford, der Großmeister des Templerordens. Doch die
große Mehrheit bildeten während des 2. Kreuzzugs in Gefangenschaft
geratene Deutsche, von denen viele gesundheitlich angeschlagen waren und
die nur eine zusätzliche Belastung für die erschöpfte Staatskasse
darstellen würden. Tatsache war, dass man Manuel
mit all der ihm gebührenden Ehre empfangen hatte, im Glauben, er werde
die Kreuzfahrerstaaten von einem Feind befreien, der sie in ihrer Existenz
bedrohte. Statt dessen hatte er sich schändlich mit dem Feind arrangiert
und überließ sie nun ihrem Schicksal. Kein Wunder, dass sie
sich verraten fühlten. In Wirklichkeit blieb Manuel
keine andere Wahl. Mochte Syrien für die Kreuzfahrer auch lebenswichtig
sein, für ihn war dieser Landstrich nur eine, und keineswegs die wichtigste,
von vielen Außenprovinzen in seinem Reich. Er saß zwar relativ
sicher auf dem Thron, aber nicht so sicher, dass er es sich hätte
leisten können, monatelang weit von Konstantinopel entfernt, am Ende
sehr langer Nachrichten- und Nachschubwege zu weilen, die von einem Tag
auf den andern von arabischen oder türkischen Räuberbanden unterbrochen
werden konnten. Außerdem kursierten bereits Gerüchte über
eine Verschwörung in Konstantinopel und Schwierigkeiten an der Grenze
zu Europa. Es war also Zeit zurückzukehren. Zudem war nicht ausgemacht,
ob ihm Nur ed-Din überhaupt Schaden zufügte. Im Gegenteil:
Hielt er nicht die Franken in Schach? Manuel war
sich völlig im klaren darüber, dass diese nur so lange loyal
zu ihm standen, wie sie sich bedroht fühlten. Das Seldschuken-Reich
Anatoliens stellte auf jeden Fall eine viel größere Gefahr dar
als der Atabeg von Aleppo; dessen Angebot konnte er auf keinen Fall
ausschlagen, denn es enthielt die Möglichkeit eines Bündnisses
gegen den gefährlicheren Feind.
Die nachfolgenden Ereignisse gaben ihm recht. Im Herbst
1159 befand er sich nach nur dreimonatigem Aufenthalt in Konstantinopel
bereits wieder in Anatolien und kämpfte gegen den Seldschuken-Sultan
Kilidsch Arslan II. Der Angriff erfolgte von vier Seiten. Der
Kaiser stürmte mit der Hauptheeresmasse, noch verstärkt durch
Truppen des Fürsten von Serbien, das Mäandertal hoch; Feldherr
Johannes Kontostephanos rückte mit Leichtbewaffneten, die, wie
vereinbart, Rainald und Thorosstellten,
sowie einem Petschenegenkontingent nach Nordwesten über die Pässe
des Taurusgebirges vor; Nur ed-Din näherte sich mit seinem
Heer vom mittleren Euphrat her; die DANISCHMENDIDEN
marschierten vom Nordosten heran. Gegen eine solche Übermacht gab
der Sultan den Kampf schnell auf. Im Vertrag von Anfang 1162 verpflichtete
er sich, alle in den vergangenen Jahren eroberten griechischen Städte
zurückzugeben, die Grenzen zu respektieren und weitere Überfälle
zu unterbinden. Außerdem stimmte er zu, bei Bedarf ein Regiment zur
Unterstützung des byzantinischen Heeres zu stellen. Im Frühjahr
des gleichen Jahres stattete er Konstantinopel schließlich einen
Staatsbesuch ab.
Gleich von Anfang an versuchte Kaiser
Manuel Kilidsch Arslan zu blenden. Er empfing ihn auf einem
erhöhten, ganz mit Goldplatten ummantelten Thron, auf denen eingelassene,
mit Perlen gesäumte Karbunkel und Saphire funkelten. Er trug auf dein
Haupt das Diadem, um die Schultern einen weiten, ebenfalls mit Perlen und
rundgeschliffenen Riesenjuwelen besetzten Purpurmantel. Am Hals prangte
an einer goldenen Kette ein Rubin von der Größe eines Apfels.
Kinnamos berichtet, der Sultan habe der Aufforderung, sich neben den Kaiser
zu setzen, kaum Folge zu leisten gewagt. Und das war erst der Anfang. Während
der drei Monate seines Aufenthaltes in Konstantinopel bekam der Sultan
zweimal am Tag Getränke und Speisen in Gold- und Silberschüsseln
gereicht, die daraufhin in sein Eigentum übergingen; keine gelangte
je in den Palast zurück. Nach einem Bankett schenkte ihm Manuel
das
gesamte Tafelgeschirr. Kaum ein Tag verstrich ohne eine neue ausgefallenene
Zerstreuung. Es fanden Bankette, Tumiere, Zirkusvorstellungen, Spiele im
Hippodrom statt - sogar eine Darbietung im Wasser, um das Wunder des Griechischen
Feuers besonders effektvoll in Szene zu setzen. Während all dieser
Festivitäten machte der Kaiser jedoch durch unzählige kleine
Gesten, die als einzelne unbedeutend, zusammengenommen aber unmißverständlich
waren, immer wieder deutlich, dass der so geehrte Gast nicht etwa ein fremder
Monarch, sondern lediglich ein Vasallenfürst war.
Kilidsch Arslans
einziger Versuch, all diesem Pomp etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen,
ging prompt daneben. Einer seiner Gefolgsleute kündigte eine Vorführung
im Fliegen an. In einen Mantel gehüllt, der nur aus gewaltigen, sich
blähenden Taschen zu bestehen schien, erklärte er, die Luft werde
sich darin verfangen und ihm zu fliegen ermöglichen. Dann stieg er
auf eine Plattform hoch über dem Hippodrom und stürzte sich ins
Leere. Als man ihn kurz darauf aus der Arena trug, soll sich die versammelte
Menge vor Lachen nicht mehr haben halten können, und für die
Dauer des Aufenthaltes konnten der Sultan und sein Gefolge in den Straßen
dem Spott und Hohn kaum mehr entgehen.
Schon beim Abgang Johannes'
II.
war die Machtstellung von Byzanz in Kleinasien so stark
gewesen wie seit Mantzikert nicht mehr. Sein Sohn hatte sie nun noch mehr
gefestigt. Der Seldschuken-Sultan war in die Knie gezwungen worden, und
dem Atabeg von Mosul hatte man einen großen Schrecken eingejagt.
Zwar stand
Manuel inzwischen mit beiden
auf gutem Fuß, doch hatten sie ihre Lektion gelernt. Der Landweg
ins Heilige Land stand nun der Pilgerschaft aus dem Westen wieder offen.
Unter den christlichen Völkern grollten ihm einzig noch die Franken
in den Kreuzfahrerstaaten. Und sie bekamen bald noch mehr Grund zur Unzufriedenheit.
Ende 1159 war Kaiserin
Irene, geborene Bertha von Sulzbach, in Konstantinopel
gestorben; sie hinterließ zwei Töchter. Manuel
befand sich gerade auf einem Feldzug in Anatolien. Er richtete ihr ein
glanzvolles Begräbnis aus und ließ sie im väterlichen Pantokratorkloster
beisetzen. Doch nun fehlte dem Reich für die Nachfolge ein männlicher
Erbe. Nach einer angemessenen Trauerzeit sandte Manuel
daher eine Gesandtschaft unter der Leitung des Feldherrn Johannes Kontostephanos
nach
Jerusalem mit der Bitte an König
Balduin,
ihm eine zweite Gemahlin aus den Reihen der dafür in Frage kommenden
Kandidatinnen in den Kreuzfahrerstaaten vorzuschlagen.
Davon gab es zwei, und beide waren mit
Balduin verwandt. Die eine, Melisende, war die Tochter
des verstorbenen Grafen Raimund II. von Tripolis; die andere,
Maria, jene Konstanzes von Antiochia
und ihres ersten Mannes Raimund von Poitiers. Da das
Haus ANTIOCHIA Balduin
fortwährend Ärger bereitete, wäre es nicht verwunderlich
gewesen, wenn er sich für Melisende entschieden hätte.
Der ganze Kreuzfahrerosten geriet in helle Aufregung. Melisendes
Bruder, Graf Raimund III., verschwendete ein Vermögen
für die Aussteuer und Hochzeitsvorbereitungen; sogar eine Flotte von
12 Galeeren wurde bereitgestellt, die sie standesgemäß zu ihrem
neuen Heim begleiten sollte. Erst allmählich merkte man, dass Konstantinopel
noch nichts hatte verlauten lassen. Was war geschehen? Sollte es etwa gar
keine Hochzeit geben? Sollten die byzantinischen Gesandten so taktlos gewesen
sein, die hartnäckigen Gerüchte um Melisendes illegitime Geburt
zu erwähnen, die einzig auf dem aller Welt bekannten gespannten
Verhältnis ihrer Eltern beruhten?
Dies könnte zutreffen. Indes gab es andere Gründe,
die Manuel nahelegten, die Entscheidung
hinauszuzögern. Im November 1160 war Fürst Rainald von Antiochia
in Gefangenschaft Nur ed-Dins geraten. Fürstin Konstanze
hatte darauf sofort die Macht an sich gebracht. Doch sie war seit je unbeliebt,
und eine nicht unbeträchtliche Anzahl der Bevölkerung hätte
lieber ihren 15-jährigen Sohn Bohemund, genannt der Stammler,
an ihrer Stelle gesehen. Rechtens hätte das Problem dem byzantinischen
Kaiser als dem Lehnsherrn von Antiochia zur Entscheidung vorgelegt werden
müssen. Tatsächlich pflegte man in Antiochia in derlei Fällen
jedoch nach Jerusalem zu blicken, und statt an Manuel
hatte
man sich an König Balduin
gewandt. Dieser hatte sich für den jungen Bohemund ausgesprochen
und, bis er alt genug war, den Patriarchen Aimery zum Regenten bestimmt.
Aufgebracht hatte die gedemütigte Konstanze daraufhin sogleich
den byzantinischen Hof angerufen. Auch Manuel
ärgerte sich über Balduins
Anmaßung. Daher dürfte wohl mehr diese Angelegenheit und nicht
Mutmaßungen über die Identität von Melisendes Vater
seine Entscheidung beeinflußt haben. Indes ließ er von sich
aus nichts darüber verlauten. Erst als Raimund im Sommer 1161
ungeduldig anfragen ließ, was der Kaiser denn nun beabsichtige, bestätigte
dieser, dass die Hochzeit nicht stattfinden werde. Tripolis war konsterniert.
Die arme Melisende fiel einer solchen Verstörung anheim, dass
sie nie wieder zu sich selbst fand. Ihr Bruder baute die 12 Galeeren zu
Kriegsschiffen um und machte mit ihnen die Küstenstädte Zyperns
unsicher. Der zutiefst beunruhigte König
Balduin ritt nach Antiochia, wo
er zu seiner Verwunderung eine hochkarätige Delegation aus Konstantinopel
vorfand. An ihrer Spitze stand Anna Komnenas
Bruder Alexios Bryennios [Richtigstellung: Alexios war der Sohn
der Anna Komnena.]; Konstanze
saß wieder auf dem Thron, und gerade wurde der Ehevertrag zwischen
Kaiser Manuel
und Prinzessin Maria
aufgesetzt. Im Dezember 1161 brach Maria
in St. Symeon auf, und an Weihnachten wurden Maria
und Manuel in Anwesenheit der Patriarchen
von Konstantinopel, Antiochia und Alexandria in der Hagia Sophia getraut.
Balduin mußte
sich ins Unvermeidliche schicken. Er gab seiner Verwandten seine Glückwünsche
mit auf den Weg und reiste über Tripolis heim Richtung Jerusalem.
Er traf dort indes nie ein, denn in Tripolis erkrankte er schwer. Obwohl
noch nicht wieder bei Kräften, reiste er weiter und schlug sich noch
bis Beirut durch, wo er am 10. Februar 1162 im Alter von 32 Jahren starb.
Manuel Komnenos weinte
beim Eintreffen der Todesnachricht. Balduin war
ein guter König gewesen. Und mit seiner Energie, seiner Intelligenz
und seinem natürlichen politischen Gespür wäre aus ihm vielleicht
sogar ein großer König geworden. Trotz einiger Differenzen hatte
zwischen den beiden regierenden Monarchen eine persönliche Freundschaft
bestanden, und sie hatten gerne Umgang miteinander gepflegt - eine Tatsache,
der man nicht genug Bedeutung beimessen kann.
Doch Manuels Gedanken
weilten schon bald nicht mehr länger im Osten. Am 31. Mai 1161 starb
König
Geza II. von Ungarn, und die Folgen dieses Todesfalles bekamen
in seinem Denken nun Vorrang. Die Ungarn waren immer unruhige Nachbarn
gewesen. Eingeklemmt zwischen zwei großen Reichen, verfolgten sie
in Kroatien und Dalmatien Interessen, die zwangsläufig mit denen von
Byzanz kollidieren mußten. Vor allen Dingen hatte König
Geza dem Bündnis zwischen KONRAD
und
Manuel mißtraut. Während
er sich in den ersten Jahren noch nicht an ernstzunehmende Aktionen heranwagte,
war er nach KONRADS Tod kühner
geworden und hatte schließlich über vier Jahre hinweg immer
wieder Krieg gegen Byzanz vom Zaun gebrochen, bis Manuel,
um freie Hand in Süd-Italien zu haben, 1156 auf einen Friedensvertrag
einging. Beide Seiten gaben sich jedoch keinen Illusionen über dessen
Beständigkeit hin. Gezas Ziel
bestand in der Errichtung einer starken, unabhängigen Nation, Manuel
dagegen strebte die Vernichtung Ungarns als eigenständiges Land und
dessen Wiedereingliederung ins Reich an.
Auf Gezas Tod folgten
Streitigkeiten um seine Nachfolge, in die Manuel
sich
von Anfang an einmischte. Er protegierte Gezas
Bruder Stephan und unterstützte
ihn reichlich mit Geld und Waffen. Aber diesem Stephan
war letztlich kein Erfolg beschieden; vielmehr gelangte sein Neffe,
Gezas Sohn, als Stephan
III. auf den Thron. Zu ihm sandte Manuel
1163 seinen Botschafter Georgios Palaiologos mit einem
Angebot. Falls Stephan
seinen jüngeren
Bruder Bela als Erben von Kroatien und
Dalmatien anerkenne, werde er Bela
nicht nur die Hand seiner Tochter Maria
übergeben, sondern ihn auch als Erben des byzantinischen Kaiserthrones
einsetzen. Stephan gab sein Einverständnis,
und der junge Prinz reiste in Begleitung von Georgios Palaiologos
nach Konstantinopel; dort wurde er christlich-orthodox auf den byzantinischen
Namen Alexios getauft und erhielt den Titel Despot. Diesen
hatte früher nur der Kaiser geführt, und von nun an bezeichnete
er den höchsten Rang nach ihm, stand also sowohl über dem Sebastokrator
als auch über dem Cäsar.
Man sollte meinen, dass damit die Feindschaft zwischen
Ungarn und Byzanz ein Ende genommen hätte; allein dies war nicht der
Fall. Schon 1164 setzten Manuel und
Bela
über die Donau mit der fadenscheinigen Begründung, Stephan
habe sich nicht an die Vereinbarung des vergangenen Jahres gehalten. Es
folgten noch weitere Feldzüge, auf denen sich das Seldschuken-Regiment,
das Kilidsch Arslan II. vertragsgemäß
abkommandiert hatte, durch besonderen Mut auszeichnete. Die Kämpfe
zogen sich bis 1167 hin; in diesem Jahr errang das byzantinische Heer unter
der Führung von Manuels Neffen
Andronikos
Kontostephanos' einen bedeutenden Sieg, durch den Byzanz in
den Besitz von Dalmatien, Bosnien, Sirmium' und des größten
Teils von Kroatien gelangte.
Bei den nachfolgenden Feierlichkeiten spielten Bela-Alexios
und Maria eine wichtige Rolle. Nach
vier Jahren Wartezeit war ihre Ehe immer noch nicht in greifbare Nähe
gerückt. Als 1169 Kaiserin Maria
von Antiochia einen Sohn gebar, wurde der Grund für die
Verzögerung offenkundig. Nun war es Manuel
möglich, seine Versprechungen zurückzunehmen. Kurzerhand
löste er Belas Verlobung mit
seiner Tochter Maria, vermählte
ihn mit Anne von Chatilion, einer
Halbschwester Kaiserin Marias von Antiochia,
und degradierte ihn gleichzeitig zum Cäsar. Drei Jahre später
erhob er seinen Sohn, der gleichfalls Alexios
hieß, zum Mit-Kaiser. Belas verständlicher
Ärger schwand jedoch rasch: Im Frühjahr des Jahres 1172 starb
sein Bruder König
Stephan, und er gelangte mit massiver Unterstützung seitens
Manuels noch in selben Jahr auf den
ungarischen Thron. Bevor er Konstantinopel verließ, leistete er Manuel
den Treueid und gelobte die Interessen des Byzantinischen Reichs
stets zu respektieren. Und er hielt Wort.
Der Erfolg seiner Ungarnpolitik hatte für Manuel
noch
andere günstige Auswirkungen: Sie beraubte das ständig aufrührerische
Serbien seines wichtigsten Bundesgenossen. Das byzantinische Heer hatte
zwar dessen Aufstände stets niederschlagen, ihnen aber nie ein für
allemal ein Ende bereiten können. 1167 errang Groß-Zhupan
Stephan Nemanja noch einmal einen
bemerkenswerten Sieg, so dass es eine Zeitlang den Anschein hatte, als
könnte er Manuel standhalten.
Doch der Tod König
Stephans III. von Ungarn und der große Feldzug im Sommer
1172, den der Kaiser persönlich anführte, machten alle Hoffnung
Nemanjas zunichte. Wie Rainald von Chatilion mußte er sich
vor ihm niederwerfen und später bei dessen triumphalem Einzug in Konstantinopel
als besiegter Rebell im Zug mitmarschieren.
Venedig traf diese Entwicklung von allen westlichen Staaten
am schwersten. Auch der Stadtstaat erhob Ansprüche auf Dalmatien,
wo er in der Vergangenheit nur zu gern gemeinsame Sache mit Byzanz gegen
den ungarischen Expansionsdrang gemacht hatte. Die Reaktion am Rialto auf
die kaltschnäuzige Annektierung der gesamten Küste durch Kaiser
Manuel läßt sich daher vorstellen. Nicht dass Venedig
etwas anderes von ihm erwartet hätte. Schon seit geraumer Zeit beobachtete
man mit zunehmender Besorgnis, wie er Genua, Pisa und Amalfi gestattete,
in Konstantinopel immer mehr Fuß zu fassen - bislang hatte die Serenissima
im Außenhandel das alleinige Vorrecht genossen. Zudem behandelte
Manuel die ihm näher liegende
Stadt Ancona, deren Bevölkerung überwiegend Griechisch sprach,
wie eine byzantinische Kolonie. Ja, es gingen sogar Gerüchte um, er
beabsichtige sie in das Byzantinische Reich eingzuliedern und verfolge
langfristig das Ziel, das alte Exarchat wiederherzustellen.
Manuel hatte natürlich
seine Gründe für diese Politik. Zu der Zeit lebten vermutlich
mindestens 80.000 Menschen lateinischer Herkunft in Konstantinopel und
erfreuten sich besonderer Privilegien, die er und seine Vorgänger
ihnen in Phasen ökonomischer oder politischer Schwäche hatten
gewähren müssen. Die venezianische Kolonie stellte darunter die
größte, am meisten privilegierte und unangenehmste Gruppe dar.
Der Chefsekretär Manuels und Chronist
Niketas Choniates schreibt, sie seien so unverschämt reich und
wohlhabend geworden, dass sie sogar auf die kaiserliche Macht verächtlich
herabsehen könnten. Verständlich also, dass der Kaiser ihre Macht
zu beschneiden wünschte. Dazu bot sich ihm schon bald eine ausgezeichnete
Gelegenheit. Zu Beginn des Jahres 1171 wurde die neue Genueser Siedlung
in Galata, dem Bezirk auf der gegenüberliegenden Seite des Goldenen
Horns, angegriffen und großenteils zerstört. Wer für die
Verwüstung verantwortlich zeichnete, wurde nie geklärt. Manuel
benutzte diesen Vorfall als die Gelegenheit, auf die er gewartet hatte:
Er schob die Schuld daran einfach der venezianischen Niederlassung in die
Schuhe und befahl am 12. März, überall auf byzantinischem Boden
Angehörige der Republik Venedig sofort gefangenzusetzen sowie ihre
Schiffe und ihr Eigentum zu konfiszieren. Einige wenige konnten in einem
byzantinischen Kriegsschiff entkommen, das ein in kaiserlichen Diensten
stehender Kapitän ihnen zur Verfügung stellte. Die Mehrheit hatte
jedoch weniger Glück. Allein in der Hauptstadt wurden 10.000 festgenommen,
und als alle Gefängnisse überquollen, mußten Klöster
und Konvente herhalten, um die übrigen aufzunehmen. Als die Nachricht
am Rialto eintraf, wollte man sie zunächst nicht glauben, geriet dann
jedoch außer sich. Der Angriff auf das genuesische Viertel galt allgemein
als ein mutwillig von Byzanz geschaffener Vorwand, ein Verdacht, der noch
dadurch genährt wurde, dass Genua selbst erklärte, die venezianische
Niederlassung habe mit dem Angriff nichts zu tun. Dass die Verhaftungen
so glatt und effizient hatten durchgeführt werden können - am
selben Tag im ganzen Reich -, zeigte zudem, dass die Aktion schon Wochen
im voraus sorgfältig geplant war. Man rief auch in Erinnerung, dass
der Kaiser nur zwei Jahre zuvor einer venezianischen Gesandtschaft besondere
Garantien für die Sicherheit ihrer Landsleute abgegeben hatte, um
so Gerüchte auszuräumen, er führe etwas gegen sie im Schilde.
Aufgrund dieser Garantien war noch mehr venezianisches Kapital in den Osten
geflossen, was die Beute, die Manuel jetzt
in Händen hielt, noch vermehrte.
Damit zerriß das letzte alte Band zwischen Venedig
und Byzanz. Die Republik war zum Krieg entschlossen, und die venezianische
Bürgerschaft mußte, je nach finanziellen Möglichkeiten,
Mittel für eine Zwangsanleihe bereitstellen. Die in der Fremde lebenden
Venezianer, wenigstens diejenigen, die nicht in byzantinischen Gefängnissen
schmachteten, wurden nach Hause beordert und zum Militärdienst abkommandiert.
Schon ein gutes Vierteljahr später hatte der Doge Vitale Michiel
eine Flotte von über 120 Seglern aufgerüstet, die er im September
aus der Lagune und gegen das Reich im Osten führte. Nachdem an mehreren
Orten in lstrien und Dalmatien weitere venezianische Grüppchen an
Bord gekommen waren, segelte die Flotte um den Peloponnes und nach Euböa,
wo eine byzantinische Gesandtschaft sie erwartete. Diese versuchte im Auftrag
ihres Herrn zu beschwichtigen und unterstrich, Byzanz habe kein Interesse
an einem Krieg, der Doge brauche nur eine friedliche Abordnung nach Konstantinopel
zu schicken, dann könnten alle Differenzen ausgeräumt werden,
und zwar zu Bedingungen, über die er sich nicht zu beklagen haben
werde. Vitale Michiel ging auf das Angebot ein und beging damit
den verhängnisvollsten Fehler seines Lebens. Während seine Gesandten
sich auf den Weg zum Bosporus machten, wartete er mit der Flotte auf Chios
die weitere Entwicklung ab. Dort ereilte ihn sein Schicksal. Auf den überfüllten
Schiffen brach die Pest aus, die sich rasend schnell verbreitete. Zu Beginn
des Frühjahrs waren Tausende dahingerafft und die Überlebenden
derart geschwächt und demoralisiert, dass man mit ihnen keinen Krieg
führen konnte. Zu diesem Zeitpunkt kehrten die Gesandten aus Konstantinopel
zurück. Man hatte sie dort schimpflich behandelt, und ihre Mission
war vollkommen gescheitert. Der Kaiser hegte offensichtlich nicht die geringste
Absicht, seine Haltung zu ändern. Er hatte sie nur aus dem Grund eingeladen,
um für die Instandsetzung seiner Verteidungsanlagen Zeit zu gewinnen.
Gedemütigt und gebrochen kehrte der Doge nach Hause zurück, um
vor die versammelte venezianische Bürgerschaft zu treten. Er wäre
besser im Osten geblieben. In ihren Augen hatte er sich krimineller Leichtgläubigkeit
schuldig gemacht und war blind in eine typisch byzantinische Falle getappt;
und nun hatte er offensichtlich auch noch die Pest nach Venedig eingeschleppt.
Vor allem diesen Fehler verzieh man ihm nicht. Die Versammlung erhob sich
geschlossen gegen ihn, draußen schrie der Mob nach seinem Blut. Der
glücklose Michiel konnte zwar durch eine Hintertür noch
aus dem Palast entwischen, doch schon nach wenigen hundert Metern auf dem
Weg zum Kloster San Zaccharia, wo er Asyl suchen wollte, wurde er gestellt
und erstochen. Erst 14 Jahre später nahmen Venedig und Byzanz wieder
diplomatische Beziehungen auf, und erst 32 Jahre danach konnte die Lagunenstadt
sich rächen. Doch schon fünf Jahre nach der Rückkehr des
Dogen Vitale Michiel und seiner von der Pest heimgesuchten Flotte
blickte die gesamte Christenheit gespannt nach Venedig: Am 24. Juli 1177
spielte sein Nachfolger Sebastiano Ziani Gastgeber für die
wichtigste politische Zeremonie im 12. Jahrhundert, die offizielle Versöhnung
Papst Alexanders III. mit dem weströmischen
Kaiser FRIEDRICH BARBAROSSA.
Seit seiner unglückseligen Krönung im Sommer
des Jahres 1155 hatten sich FRIEDRICHS Beziehungen
zum Papst ständig verschlechtert. Von Anfang an war er entschlossen
gewesen, seine Herrschaft in Nord-Italien zu verteidigen, doch zeigten
sich die lombardischen Städte mehrheitlich entschlossen, die alten
feudalen Fesseln zu sprengen und durch eine republikanische Selbstverwaltung
zu ersetzen. Papst Hadrian unterstützte sie darin. Im August 1159
suchte eine Vertretung der Städte Mailand, Crema, Brescia und Piacenza
ihn in Agnani auf und legte in Anwesenheit von Gesandten des sizilianischen
Königs Wilhelm mit einem feierlichen
Schwur den Grundstein für den Lombardischen Städtebund. Die Städte
gelobten, sich mit dem gemeinsamen Feind ohne Zustimmung des Papstes nicht
ins Benehmen zu setzen, während der Papst
Kaiser FRIEDRICH nach der üblichen
Frist von 40 Tagen bannen wollte. Dazu kam es jedoch nicht. Noch in Agnani
starb Papst Hadrian IV. am 1. September infolge einer Angina. Sein
Tod eröffnete FRIEDRICH BARBAROSSA
die Gelegenheit, noch mehr Zwist zu säen. Da ihm klar war, dass der
nächste Papst, bei einer freien Wahl, die Politik seines Vorgängers
weiterführen würde, fädelte er mit Vorbedacht eine Spaltung
der päpstlichen Kurie ein. Dies beschwor folgende Situation herauf:
Während Kardinal Roland von Siena, der als Kanzler Hadrians
dessen Außenpolitik wesentlich mitbestimmt hatte, im Petersdom als
Papst Alexander III. inthronisiert wurde, ergriff sein Kollege Kardinal
Octavian von Santa Cecilia unversehens den Papstmantel und hängte
ihn sich selbst um. Alexanders Anhänger rissen ihn ihm zwar
ebenso rasch wieder vom Leib, aber Octavian hatte vorsichtshalber
noch einen zweiten mitgebracht, und hüllte sich darein; dabei verhedderte
er sich allerdings so, dass er ihn auf links trug. Dann stürzte er
zum Thron, setzte sich hin und rief sich als Papst Viktor IV. aus.
Keine sehr erhebende Vorstellung; aber er kam damit durch. FRIEDRICHS
Gesandte in Rom anerkannten Viktor sofort als den rechtmäßigen
Pontifex. Wenn sich auch praktisch das gesamte westliche Europa hinter
Alexander stellte, war die Sache doch nicht mehr aus der Welt zu
schaffen. In den folgenden 18 Jahren geriet die ohnehin chaotische Politszene
Italiens wegen des umstrittenen Papstthrones noch mehr durcheinander. FRIEDRICH,
den Alexander im März 1160 mit dem Bann belegte, legte diesem
weiterhin alle möglichen Steine in den Weg und ließ unter anderem,
als Viktor vier Jahre später starb, durch zwei ihm ergebene
Kardinäle einen weiteren Gegen-Papst wählen.
Manuel Komnenos betrachtete
den Streit zwischen BARBAROSSA und
dem Papst als hervorragende Gelegenheit, die Suprematie von Byzanz über
die ganze Christenheit wiederzuerlangen. Da sein Rivale die traditionelle
Beschützerrolle der weströmischen Kaiser offensichtlich nicht
spielen wollte, würde eben er dies tun. Die Annäherung konnte
möglicherweise ja sogar zur Wiedervereinigung der Ost- und West-Kirche
führen, die schon über 100 Jahre im Schisma verharrten. Als daher
zu Beginn des Jahres 1160 zwei hochrangige päpstliche Gesandte in
Konstantinopel eintrafen und um die Unterstützung des Kaisers für
Alexander gegen den Gegen-Papst Viktor ersuchten, empfing
er sie zuvorkommend. In den folgenden fünf Jahren scheint er mit dem
Papst und dem König von Frankreich - Ludwig
überwand sein instinktives Mißtrauen gegenüber Byzanz bis
zu einem gewissen Grad - geheime Verhandlungen geführt zu haben, in
der Hoffnung auf eine allgemeine Allianz der europäischen Fürsten
und der italienischen Städte. FRIEDRICH sollte
ein für allemal erledigt werden.
Diese Verhandlungen zeitigten jedoch enttäuschende
Ergebnisse. 1166 beschloß Manuel,
den Stier bei den Hörnern zu fassen und Papst Alexander einen
handfesten Vorschlag zu machen. Er würde eine Reihe wichtiger Zugeständnisse
in theologischen und liturgischen Belangen machen, mit dem Ziel, das Schisma
zu beenden, und Alexander außerdem so reichliche finanzielle
Mittel zukommen lassen, dass dieser, wenn er wollte, nicht nur Rom, sondern
ganz Italien würde kaufen können. Als Gegenleistung sollte Alexander
ihn zum Kaiser krönen und auf diese Weise die ursprüngliche
Einheit des Reichs wiederherstellen. Der Zeitpunkt für das Angebot
war gut überlegt; der einstige Günstling des Papstes, König
Wilhelm von Sizilien, war am 7.
Mai gestorben und sein gleichnamiger Sohn noch minderjährig. Also
mußte sich Alexander nach einer anderen Schutzmacht umsehen.
Da war Konstantinopel die einzig richtige Adresse. Schon bald machten sich
zwei weitere Kardinäle auf den Weg zum Bosporus, um genaue Auskünfte
über das Vorhaben Kaiser
Manuels einzuholen. Doch ihre Reise erwies sich als vergeblich,
da die Kirchen sich inzwischen zu weit voneinander entfernt hatten, um
einen gemeinsamen Nenner finden zu können. Ober den Inhalt der Gespräche
ist nichts bekannt. Johannes Kinnamos berichtet, als erstes habe
der Papst die Bedingung gestellt, Manuel müsse
seine Residenz wieder nach Rom verlegen. Wenn das zutrifft, muß dieser
rundweg abgelehnt haben; ein solcher Vorschlag konnte gar nicht ernst genommen
werden. Die Kardinäle kehrten also zurück, ohne die anstehenden
Probleme einer Lösung nähergebracht zu haben. Etwa ein Jahr später
versuchte Manuel es erneut; auch diesmal
ohne Erfolg. Er unterschätzte wohl, wie unpopulär er im Westen
war, besonders seit dem 2. Kreuzzug. Man verdächtigte ihn finsterster
Absichten in bezug auf Syrien und das Heilige Land, darunter, dass er die
fränkischen Fürsten vertreiben und dort den orthodoxen Ritus
wieder einführen wolle. Manuel
begriff auch nicht, dass er in Alexanders Augen viel zuviel für
sich beanspruchte. Wenn der Papst auch Beistand suchte, so gab er seinen
Suprematsanspruch noch lange nicht auf; ganz gleich, ob es zwei Reiche
gab oder eines, der Stellvertreter Christi auf Erden hatte auf alle Fälle
Vorrang.
Die Zeit zwischen 1170 und 1175 sah Manuel
Komnenos auf dem Höhepunkt
seiner Machtentfaltung. Im Osten hatte er den Kreuzfahrerstaaten seine
Oberherrschaft aufgezwungen, durch eine dynastische Heirat gefestigt und
den Seldschuken-Sultan in die Knie gezwungen. Im Westen hatte er seinen
Freund Bela III. im wahrsten Sinne
des Wortes zum König von Ungarn "gemacht" und selbst auf Kosten Ungarns
ein großes Gebiet dazugewonnen. Er hatte den serbischen
Groß-Zhupan Stephan Nemanja gedemütigt
und Venedigs Macht in seinem Reich gebrochen und davon enorm profitiert.
Einzig die Rückeroberung Süd-Italiens war ihm mißglückt.
Davon abgesehen, hätte er seine Karten kaum besser ausspielen können.
Doch Ost und West lagen gut 1.000 Meilen auseinander. Da Manuel
nicht überall zugleich sein konnte, hatte er Kleinasien nach dem Vertrag
mit Kilidsch Arslan über ein Jahrzehnt
lang den Rücken zugewandt. Und der Seldschuken-Sultan war in dieser
Zeit nicht untätig geblieben. Zwar hatte er Feindseligkeiten gegenüber
dem Reich vermieden, nach und nach indes bis auf Nur ed-Din alle
seine moslemischen Rivalen ausgeschaltet. 1173 tauchte in Konstantinopel
das Gerücht auf, der Sultan schmiede mit dem Atabeg von Mosul Pläne,
und anscheinend laufe das Ganze auf ein Militärbündnis hinaus.
(Hätte Manuel nur gewußt,
dass er auch mit FRIEDRICH BARBAROSSA Tuchfühlung
aufgenommen hatte!) Manuel setzte sofort
nach Asien über und stellte den Sultan in Philadelphia (Alachir) zur
Rede. Dieser erklärte ihm höflich, aber ungerührt, Nur
ed-Din habe ihm sein Bündnis mit dem christlichen Kaiser nicht
verziehen, und dessen Wünsche müsse er nun einmal respektieren.
Byzanz, so versicherte er Manuel, habe
nichts zu befürchten; er würde im Gegenteil die alten Verträge
gerne erneuern. Damit war für den Augenblick die Gefahr noch einmal
abgewendet. Doch am 15. Mai 1174 starb Nur ed-Din, der mächtige
Atabeg von Mosul, wodurch die Danischmendiden, die er lange geschützt
und verteidigt hatte, hilflos der starken Seldschuken-Macht ausgeliefert
waren. Als Kilidsch Arslan ohne Zaudern
ihr Territorium annektierte, wandten sich zwei geflüchtete Fürsten
der DANISCHMENDIDEN an Konstantinopel.
Zwei Jahre vergingen mit diplomatischen Unterredungen - Kilidsch
Arslan machte Ausflüchte und verschleppte die Verhandlungen,
indem er immer wieder seinen Wunsch nach Frieden und weiteren Abkommen
beteuerte - und kleineren Scharmützeln, während Manuel
alles daransetzte, die byzantinischen Festungen im Grenzland zu verstärken.
Im Sommer 1176 marschierte er dann an der Spitze seiner Streitmacht gegen
Ikonion und gelangte durch das obere Mäandertal bis in die gebirgige
Grenzregion zum Sultanat. Hier kam ihm eine Abordnung Kilidsch
Arslans mit einem letzten, großzügigen Friedensangebot
entgegen. Die meisten erfahrenen Heerführer sprachen sich für
die Annahme des Vorschlags aus; sie wiesen auf die Risiken des langen Marsches
mit schwerem Kriegsgerät - sie führten ihre Belagerungsmaschinen
mit - durch das Gebirge hin, wo die seldschukischen Truppen alle strategisch
wichtigen Höhen besetzt hielten. Leider gab es im Heer aber auch eine
Reihe junger Adliger, die auf ihre erste Kampferfahrung brannten. Sie machten
sich für eine Fortsetzung des Feldzugs stark, und der Kaiser hörte
törichterweise auf sie.
Unterhalb der zerstörten Festung Myriokephalon führte
der Weg des kaiserlichen Heeres durch den langen Engpaß Tzybritze.
Dieser war so eng, dass sich der Troß bei der Durchquerung am 17.
September über 10 Meilen auseinanderzog. Bis zu diesem Augenblick
hatten die Türken ihre Aktivität auf unbedeutende Überfälle
durch kleine Räuberbanden beschränkt. Nun schlugen sie zu. Von
allen Seiten fegten sie von den Bergen herab und konzentrierten ihre tödlichen
Pfeile auf die Lasttiere, die den Weg blutüberströmt sehr bald
unpassierbar machten. Balduin von Antiochia, Kaiserin
Marias Bruder und Manuels Schwager,
stürmte mit seinem Reiterregiment den Hang hinauf mitten in den Feind
hinein; sie kamen mit Mann und Maus um. Hätte Manuel
ebenso viel Kampfgeist entwickelt, wäre Rettung vielleicht möglich
gewesen. Aber ausgerechnet in diesem entscheidenden Moment verließ
ihn der Mut. Bei einer rasch einberufenen Lagebesprechung verkündete
er zum Entsetzen der Heerführer, er habe beschlossen zu fliehen. Der
kommandierende Feldherr Andronikos Kontostephanos protestierte heftig,
und seine Worte wurden von einem Fußsoldaten wie ein Echo wiederholt;
dieser hatte das Gespräch mitangehört und warf
Manuel nun heftig vor, dass er ein Heer im Stich lassen wolle,
dessen Vernichtung doch allein Folge seiner, des Kaisers Unklugheit sei.
Widerstrebend versprach Manuel auszuharren.
Sein Ansehen erlitt jedoch einen schweren Schlag und erholte sich nie wieder
davon. Bei Einbruch der Dämmerung griffen die Seldschuken erneut an.
Eine Zeitlang sah es aus, als wäre ein Gemetzel nicht mehr zu vermeiden.
Dann wurde der Kampf unvermittelt eingestellt, und ein türkischer
Unterhändler führte ein prächtig aufgeputztes Pferd als
Geschenk seines Herrn in das kaiserliche Lager. Er berichtete, der Sultan
habe kein Verlangen nach weiterem Blutvergießen; falls der Kaiser
die Festungen Dorylaion und Sublaion schleifen lasse - die in den vergangenen
zwei Jahren verstärkt worden waren -, werde er einen Friedensvertrag
mit ihm abschließen. Manuel konnte
sein Glück kaum fassen und stimmte sogleich zu.
Laut Niketas Choniates wollte Kaiser
Manuel den Rückmarsch auf
einem anderen Weg antreten, die Führer bestanden indes darauf, das
Schlachtfeld mit ihm abzugehen, damit er das ganze Ausmaß des Gemetzels
zu sehen bekam. Der Rückzug wurde ihm zur Qual. Was vorn Heer noch
übrig war, sah sich ständigen Angriffen seitens bewaffneter türkischer
Seldschukenbanden ausgesetzt, die den Friedensvertrag nicht zur Kenntnis
nahmen, da sie sich um die ihnen zustehende Kriegsbeute geprellt sahen.
In Sublaion ließ Manuel, wie
vereinbart, die Festung schleifen. Von Philadelphia aus sandte er ein paar
Tage später Boten nach Konstantinopel; in der Nachricht verglich er
das volle Ausmaß der Katastrophe mit jener von Mantzikert. Indes,
so betonte er, sei er nicht wie sein Vorgänger
Romanos
in Gefangenschaft geraten, und Kilidsch Arslan
habe von sich aus Frieden angeboten.
Bleibt die Frage, warum der Sultan so gehandelt hat;
seinen Truppen bot sich die einmalige Gelegenheit, das Byzantinische Reich
militärisch zu vernichten. Warum hat er sie nicht genutzt? Das wird
wohl nie mehr zu klären sein. Vielleicht hat er nicht geahnt, wie
gewaltig ihr Sieg war. Vermutlich hatten auch sie schwere Verluste erlitten,
und er war sich über den Ausgang der Schlacht weniger sicher als Manuel.
Vielleicht hat er aber auch angenommen, er benötige künftig die
diplomatische und sogar militärische Unterstützung von Byzanz.
Wie dem auch sei, dass die beiden Festungen geschliffen wurden, bot seinen
Leuten die Möglichkeit, sich ungehindert in den Tälern des Sangarios
und Mäander auszubreiten, und dies ist als nicht geringer Vorteil
zu werten. Zweifellos hat die Niederlage bei Myriokephalon Manuels
Hoffnungen
auf Wiedererrichtung seiner Herrschaft über Kleinasien ein Ende bereitet.
Er unternahm noch ein, zwei kleinere, eher auf Verteidigung oder Vergeltung
ausgerichtete Angriffe, aber nie wieder einen großen Feldzug in den
Osten. In Zukunft taugte das dezimierte Heer höchstens noch für
den Schutz der Grenzen.
Man kann jedoch nicht behaupten, es sei zu keinen ernsthaften
Gefechten mehr gekommen. Als Manuel
wieder in Konstantinopel war, zeigte sich schon bald, dass er trotz seines
feierlich abgegebenen Versprechens keineswegs die Absicht hatte, die Befestigungsanlagen
von Dorylaion anzutasten. Um 1177 - das genaue Datum ist nicht zu ermitteln
- führte Kilidsch Arslan seine
Truppen zornbebend tief in Reichsgebiet hinein; sie verwüsteten das
gesamte Mäandertal und plünderten Tralles und Antiochia in Pisidien.
Doch diese Operation sowie weitere, die noch folgten, hatten eher den Charakter
eines Überfalls als einer dauernden Invasion und veränderten
daher die Landkarte Anatoliens nicht dauerhaft.
Was hat Manuel Komnenos
letztlich im Osten erreicht? Was die moslemischen Gebiete betrifft, rein
gar nichts - wegen eines einzigen, aber kapitalen Fehlers. Er hat zu sehr
auf den 1162 mit Kilidsch Arslan abgeschlossenen
Friedensvertrag gebaut und den Sultan dann 11 Jahre lang seine eigenen
Interessen verfolgen lassen. Dieses Gewährenlassen, dazu die immensen
Mengen an Gold und Silber, die Kilidsch Arslan
während seines zwölfwöchigen Aufenthaltes in Konstantinopel
erhielt, führten dazu, dass dieser seine moslemischen Konkurrenten
ausschalten und sich als einzige ernstzunehmende Macht in Ost-Anatolien
etablieren konnte. Durch überbordende Großzügigkeit, gemischt
mit einem merkwürdigen Mangel an politischer Weitsicht, hat Manuel
sich statt einer Reihe kleiner Fürstentümer, die sich untereinander
bekriegen, ein einziges und zielgerichtetes eingehandelt, das ihn schließlich
besiegte.
Im Frühjahr 1178 zog Philipp, Graf von
Flandern, auf dem Heimweg vom Heiligen Land durch Konstantinopel. Manuel
empfing
ihn wie gewöhnlich sehr gastfreundlich, stellte ihm den kleinen Alexios
vor
und regte an, sich in Frankreich bei König
Ludwig über die Möglichkeit einer Heirat zwischen
dem jungen Prinzen und einer französischen Prinzessin umzuhören.
Philipp sagte zu, und innerhalb angemessener Frist gab auch Ludwig
seine Zustimmung. So brach an Ostern 1179 Prinzessin
Agnes von Frankreich, die Tochter Alix'
von der Champagne - Ludwigs
dritter Frau - zu einem neuen Leben nach Konstantinopel auf. Am
Sonntag, dem 2. März 1180, schloß Patriarch Theodosios
im Triklinium des Großen Palastes den Ehebund zwischen Agnes
und
Alexios und krönte sie mit dem kaiserlichen Diadem. Agnes
zählte
neun Jahre, ihr Ehebub zehn Jahre.
Es sollte Manuels
letzter diplomatischer Erfolg sein. Binnen weniger Wochen erkrankte er
schwer. Der geistig und körperlich zusehends verfallende Kaiser,
nach Myriokephalon ohnehin nicht mehr der alte, überließ sich
mehr und mehr dem Einfluß der Hofastrologen. Sie trösteten ihn
mit der Prophezeiung, er habe noch 14 Jahre zu leben und werde seine Heere
von Sieg zu Sieg führen. Manuel vertraute
ihnen so sehr, dass er sich bis zuletzt weigerte, die Regentschaft bis
zum Zeitpunkt der Volljährigkeit seines Sohnes zu regeln. Unterdessen
orakelten die Astrologen, um die Aufmerksamkeit von der Ungenauigkeit ihrer
Vorhersagen abzulenken, düster von bevorstehenden Erdbeben und anderen
Naturkatastrophen. Da geriet der Kaiser in Panik und ordnete die Aushebung
tiefer unterirdischer Schutzräume und sogar die Zerstörung einiger
Palastbauten an. Die Erdbeben blieben aus; doch Mitte September konnte
Manuel
nicht
länger daran zweifeln, dass ihm der Tod bevorstand. Unter Tränen
sprach er zwar von seinem Sohn und den Schwierigkeiten, die er als sein
Nachfolger haben werde, war aber nicht mehr imstande, die nötigen
Vorkehrungen zu treffen. Zuletzt beugte er sich den inständigen Bitten
des Patriarchen, distanzierte sich offiziell von den Astrologen und schwor
seinem Glauben an sie ab. Dann seufzte er tief auf, fühlte nach seinem
Puls und verlangte nach einer schlichten Mönchskutte. Die kaiserlichen
Insignien wurden entfernt, er zwängte sich, so gut es ging, in das
grobe, schmucklose Kleid und starb bald darauf im Alter von etwa 60 Jahren.
Er wurde in der Pantokratorkirche, direkt neben dem Eingang, beigesetzt.
Viele Jahre zuvor hatte er einen schweren Stein, der unlängst aus
Ephesos eingetroffen war und auf dem angeblich Christi Leichnam nach seiner
Abnahme vom Kreuz gelegen hatte, auf den Schultern vom Bukoleon-Portal
zum Großen Palast getragen. Dieser Stein deckte nun sein Grab.
Es fällt schwer, Manuel
nicht
zu bedauern. Von den fünf Kaisern aus dem Geschlecht der KOMNENEN
war er der schillerndste und auch wohl der einfallsreichste. Gerade
dies ist ihm indes wahrscheinlich zum Verhängnis geworden. Sein
Vater Johannes und sein Großvater
Alexios hatten langsam und geduldig
den Schaden, den das Reich durch die Niederlage bei Mantzikert erlitten
hatte, zu begrenzen versucht, indem sie vorsichtig zu Werk gingen, Schritt
für Schritt. Manuels quecksilbriges
Wesen sah überall Möglichkeiten. Kaum gerieten sie ins Blickfeld,
wurden sie auch schon am Schopf gepackt. Hätte er sich, gut beraten,
auf die Situation im Osten und die Bedrohung durch
Kilidsch
Arslan konzentriert, hätte vielleicht die Möglichkeit
bestanden, die byzantinische Herrschaft über Anatolien wiederherzustellen.
Aber er blickte vor allen Dingen fasziniert nach Westen, widmete abwechselnd
Italien und Ungarn, Serbien und Venedig, dem weströmischen Kaiser
und dem Papst seine Aufmerksamkeit. Er hat viele Siege, militärische
und diplomatische, errungen, aber aus keinem wirklich Kapital schlagen
können. Bei seinem Tod zeigte sich, dass all seinen Leistungen keine
Dauer beschieden war. Vielmehr hinterließ er das Reich in einem schlimmeren
Zustand, als er es vorgefunden hatte. Und außerdem ärmer. Seine
Diplomatie beruhte noch stärker als die der meisten seiner Gegenspieler
auf Subsidien, Handsalben und Bestechung. Er war in seinen persönlichen
Belangen verschwenderisch und beinahe krankhaft großzügig gegen
seine Freunde, ja alle, mit denen er in Berührung kam. Schließlich
bluteten auch die zahlreichen, aufwendigen Feldzüge das Reich an Menschen
und Finanzmitteln immer mehr aus. Manuel Komnenos
setzte die Politik seines Vaters fort, Kriegsgefangene in verschiedenen
Gegenden des Reichs anzusiedeln und sie dadurch für den Militärdienst
zu gewinnen. Er belebte dadurch das alte System der landbesitzenden Soldaten
wieder, auf die sich das Reich in früheren Jahrhunderten gestützt
hatte. Doch solche Maßnahmen erwiesen sich für seine Belange
als unzureichend. So mußte er zusätzlich immer mehr Söldner
in Dienst nehmen, die auf Kosten der ansässigen Bevölkerung lebten
und, laut Niketas Choniates, nicht nur deren Geld einstrichen, sondern
ihnen buchstäblich das Hemd vom Leib zogen.
Kein Wunder also, dass Manuel
in
den Provinzen unbeliebt war. Aber selbst in Konstantinopel hatte er anscheinend
nur wenige wirkliche Freunde. Der Stein des Anstoßes war auch in
diesem Fall wieder die Anziehungskraft West-Europas, seiner Kunst, Sitten
und Institutionen, der er nicht widerstehen konnte. Die Bevölkerung
empörte sich darüber, dass Besuche aus dem Westen stets herzlicher
empfangen wurden als solche aus dem Osten, und vor allen Dingen auch, dass
beim Bau eines neuen Hauses oder Palastes westliche Baumeister stets den
Vorzug erhielten. Die Lockerheit seiner Umgangsformen schockierte, zum
Beispiel die Unbekümmertheit, mit der er an Turnieren nach westlichem
Zuschnitt teilnahm (die ja an sich schon schlimm genug waren) und sich
mit fränkischen Rittern schlug, als stünde er mit ihnen auf einer
Stufe. Und schließlich war man es leid, ständig als altmodisch,
rückständig und an überholten Konzepten und unbrauchbaren
Traditionen hängend abgekanzelt zu werden. Kurz, man trauerte ihm
nicht nach.
Er hatte Glück, dass er gerade zur rechten Zeit
abtreten und seinen Nachfolgern den scharfen Wind ins Gesicht wehen lassen
konnte. Er erlebte auch den 3. Kreuzzug nicht mehr, jenen Alptraum - er
hatte damit gerechnet, dass es dazu kommen würde -, der ihm in den
letzten Lebensjahren auf der Seele lastete. Dafür kann man ihn nicht
verantwortlich machen. Das andere Unheil jedoch, das über Byzanz hereinbrach,
war weitgehend ein Ergebnis seiner Politik. Er hinterließ ein schweres
Erbe, das auch tüchtigere Menschen in die Knie gezwungen hätte
als jene, die ihm nachfolgten.