(1118-1143)
Wer von allen Kaisern der Rhomäer (der Byzantiner)
hat jemals seinen eigenen, thronfähigen Sohn übergangen und seinem
Schwiegersohn das Zepter übertragen?
Und sollte sich das jemals ereignet haben, so wollen
wir eine Ausnahme nicht als Regel betrachten. In meinem Fall würde
auch das ganze Reich der Rhomäer laut auflachen und meinen, ich hätte
den Verstand verloren, wenn ich, der ich nicht auf rechtmäßige
Weise [... ], sondern durch das Blut meiner Verwandten und unchristliche
Empörung in den Besitz der Herrschaft gelangt bin, bei der Bestimmung
des Nachfolgers mein eigen Fleisch und Blut überginge und diesen Makedonier
einsetzte.
Kaiser Alexios
Komnenos zu Kaiserin
Irene, zitiert nach Niketas Choniates
Die im vorhergehenden Kapitel wiedergegebene Schilderung
vom Ableben Alexios Komnenos' basiert
zur Hauptsache auf den Zeugnissen von Johannes Zonaras und Niketas
Choniates' und hat nur wenig gemein mit der Fassung, mit der
Anna Komnena ihre Schrift Alexias
beendet. Sie malt ein ergreifendes Bild von hervorragenden medizinischen
Kapazitäten, die um das Krankenbett huschen, vom zunehmenden Schrecken
der Leiden des kranken Kaisers, von der Selbstlosigkeit Kaiserin
Irenes, die mehr Tränen vergießt,
als der Nil Wasser führt, während sie ihn all die langen und
qualvollen Tage und Nächte pflegt, von der treusorgenden Hilfe der
Töchter Maria,
Eudokia
und natürlich ihr, Anna, selbst,
von den Kerzen, die entzündet und den Kirchenliedern, die gesungen
werden und nicht zuletzt davon, wie die verwitwete Kaiserin beim Eintritt
des Todes ihre purpurfarbenen Pantoffeln von sich schleudert, den Schleier
wegreißt, ein Messer ergreift und ihr wunderschönes Haar abschneidet.
Indes macht Anna keine Anspielung auf
den letzten, nicht gerade rühmlichen Streich ihres Vaters, mit dem
er ihre Nachfolge und die ihres Mannes zugunsten von Johannes,
dem rechtmäßigen Thronerben, vereitelte. Johannes
erwähnt sie übrigens im ganzen Kapitel nur einmal und geruht
nicht einmal da, ihn beim Namen zu nennen.
Annas Haß auf
Johannes währte ihr Leben lang und gründete auf verständlicher
Eifersucht. Als Irenes und Alexios'
ältestes
Kind war sie schon als Säugling mit dem jugendlichen
Prinzen
Konstantin - einem Sohn Michaels
VII.
- verlobt worden und galt die ersten fünf Jahre ihres
Lebens als mutmaßliche Erbin des byzantinischen Throns. Dann gebar
Kaiserin
Irene am 13. September 1087 einen Sohn, nämlich
besagten Johannes, und
Annas Träume von der kaiserlichen Krone zerschlugen sich.
Doch nicht für lange. Nach Konstantins
frühzeitigem
Tod heiratete sie 1097 Nikephoros Bryennios, Sohn des gleichnamigen
Feldherrn, der nach einem versuchten Aufstand gegen den erbärmlich
unfähigen Kaiser
Michael VII. Dukas 1077 von ihrem
Vater Alexios geblendet und gefangengesetzt
worden war. Auch dieser Nikephoros Bryennios
hatte sich als guter
Soldat und Anführer erwiesen, so dass ihm
Alexios
wohl 1111 - sicher ist das Jahr nicht bekannt - den Titel eines Cäsaren
verlieh. Und sofort witterte
Anna eine
neue Chance für ihre Ambitionen auf den Thron. Dass sie Mutter
Irene und Bruder Andronikos
für ihre Zwecke gewann, wurde bereits erwähnt und
auch, dass sie damit letztlich scheiterte. Aber die zähe Anna
warf die Flinte noch nicht ins Korn. Aller Wahrscheinlichkeit nach steckte
sie hinter der Verschwörung mit dem Ziel, Johannes
während des Begräbnisses von Alexios
umzubringen - welchem ihr Bruder aber vernünftigerweise fernblieb,
nachdem man ihn gewarnt hatte. Einige Wochen nach seiner Thronbesteigung
schmiedete sie erneut ein Komplott. Ein Mordkommando unter der Leitung
ihres Ehemannes Bryennios sollte Johannes
in
seinem Landsitz Philopation direkt außerhalb des Goldenen Tores umbringen.
Dummerweise bekam BRYENNIOS es
im letzten Moment mit der Angst zu tun und hielt die vereinbarte Verabredung
nicht ein. In der Zwischenzeit wurden die Mitverschworeren, die er von
seinem Rückzug nicht in Kenntnis gesetzt hatte, im Palast ertappt
und sofort festgenommen.
Der neue Kaiser zeigte sich verblüffend gnädig.
Es folgten weder Blendungen noch Verstümmelungen. Das Schlimmste,
was den Schuldigen widerfuhr, war die Beschlagnahmung ihres Besitztums
- und selbst das erlangten die meisten von ihnen später wieder. Nikephoros
Bryennios kam straffrei davon; er diente Johannes
ergeben weitere 20 Jahre, bis zu seinem Tod, im Feld und verbrachte seine
Mußestunden mit dem Verfassen eines bemerkenswert langweiligen Geschichtswerks.
Die Drahtzieherin Anna kam weniger
glimpflich davon. Nachdem sie vernommen hatte, was im Philopation geschehen
war, geriet sie außer sich und verfluchte die Vorsehung aufs unflätigste
dafür, dass ihr Gatte mit gewissen männlichen Attributen ausgestattet
worden war, die besser ihr verliehen worden wären. Auch sie wurde
mit der vorübergehenden Konfiszierung ihres Besitzes bestraft und,
schlimmer noch, auf Lebzeiten vom kaiserlichen Hof verwiesen. Verlassen
und erniedrigt ließ sie sich im Nonnenkloster Theotokos Kecharitomene
nieder, wo sie die folgenden 35 Jahre lebte und die Ereignisse zu Lebzeiten
ihres Vaters zu Papier brachte. Sie ließ nicht ab, das ihr angetane
Unrecht zu beklagen, an dem sie allerdings - soviel Ehrlichkeit und Intelligenz
besaß sie, dass sie dies einsah - zur Hauptsache selbst die Schuld
trug.
Johannes Komnenos
bestieg den Thron einen Monat vor seinem 30. Geburtstag. Aufgrund der Zurückhaltung
seiner Schwester wissen wir enttäuschend wenig über seine Jugend;
immerhin liefert sie uns eine kurze Beschreibung über sein Aussehen
gleich nach der Geburt:
Das Kind hatte eine sehr dunkle Haut, eine breite Stirn,
eher schmale Wangen, eine Nase, die weder platt noch hakenförmgig
war, sondern etwas dazwischen, und recht dunkle Augen, die, soweit der
Blick eines Neugeborenen dies erahnen läßt, auf einen lebhaften
Geist schließen ließen.
Für einmal ließ Anna
ihren Bruder ungeschoren: Selbst Wilhelm von Tyrus, der große
Bewunderer
Johannes Komnenos', gesteht,
dass dieser gedrungen und ungewöhnlich häßlich war,
mit Augen, Haar und einem Teint so dunkel, dass er "der Mohr"
genannt wurde. Doch er besaß noch einen weiteren Spitznamen, nämlich
Kaloiannis, was wörtlich "Johannes der Schöne"
bedeutet. Und den Schluß, dies sei ironisch zu verstehen, läßt
auch eine noch so oberflächliche Lesart der Chroniken nicht zu. Die
Bezeichnung bezog sich nicht auf seine körperliche Gestalt, sondern
auf seine Seele. Beide Eltern waren - sosehr sie in anderer Hinsicht versagt
haben mögen - selbst nach damaligen Maßstäben außerordentlich
fromm gewesen, aber Johannes übertraf
sie noch. Leichtfertigkeit und gemeine Rede waren ihm ein Greuel; von den
Höflingen erwartete er, dass sie ihre Unterhaltungen auf ernsthafte
Themen beschränkten und sonst schwiegen. Auch von Luxus hielt er nichts.
Das Essen an der kaiserlichen Tafel war frugal bis zum Extrem; wohlhabende
Adlige, die ihn durch die Opulenz ihrer Paläste oder die Pracht ihrer
Gewänder zu beeindrucken suchten, mußten sich statt dessen einen
Vortrag über die Eitelkeit solchen Zierats anhören, der in seinen
Augen nur zu Niedergang und Laster führen konnte.
Heutzutage würden vielleicht die meisten von uns
Johannes
Komnenos für einen unerträglichen Zeitgenossen halten,
doch im Byzanz des 12. Jahrhunderts liebte man ihn. Er war, vor allen Dingen,
kein Scheinheiliger. Seine Prinzipien mögen streng gewesen sein, aber
er hielt an ihnen mit Überzeugung fest; seine Frömmigkeit war
absolut echt und seine Integrität hundertprozentig. Daneben verfügte
er über sanfte, barmherzige Wesenszüge, und das gab es damals
in der Tat selten. Niketas Choniates' Zeugnis, er habe keine Todesurteile
ausgesprochen und keine Verstümmelungen angeordnet, mag uns vielleicht
als schwaches Lob erscheinen; die Milde, die Johannes
seiner Schwester Anna und ihren Mitverschworeren
angedeihen ließ, ist rückblickend indes fast als gefährlich
einzustufen. Trotz der eigenen Enthaltsamkeit verhielt er sich anderen
gegenüber großzügig und verteilte Almosen so freigebig
wie niemand je auf dem Thron. Auch erhoben sich keine Beschuldigungen,
dass er, wie weiland sein Vater, die eigene Familie auf Kosten seiner Untertanen
bevorzugt hätte; er hielt seine Geschwister wie auch entferntere Verwandte
im Gegenteil ganz bewußt auf Distanz und wählte für Ministerposten
und seinen engsten Ratgeberkreis nicht ungern Personen eher niederer Herkunft.
Sein höchstes Vertrauen genoß ein gewisser Johannes Axuch,
ein Türke, der im kaiserlichen Haushalt aufgewachsen war, nachdem
ein Kreuzfahrertrupp ihn als Kind in Nikäa entführt und Alexios
Komnenos als Präsent überreicht hatte. Kaum saß
Kaiser
Johannes auf dem Thron, stellte er ihn in seine Dienste, und
damit war sein schneller Aufstieg gesichert. Es dauerte nicht lange, da
wurde der zweite Johannes zum Domestikos oder Oberbefehlshaber der
Streitkräfte ernannt.
Es war eine sinnvolle Ernennung für einen Mann,
den der Kaiser an seiner Seite zu behalten wünschte, denn Johannes
war wie sein Vater durch und durch Soldat. Wie zuvor Alexios
glaubte auch er, der Allmächtige habe ihm das Reich als heiliges Gut
zu treuen Händen überantwortet, mit der Verpflichtung, es zu
schützen. Doch während Alexios sich
im großen und ganzen damit zufriedengegeben hatte, es gegen die vielen
Feinde ringsum zu verteidigen, verstand Johannes
seine Pflicht in einem sehr bestimmten Sinn, nämlich sämtliche
ehemaligen Gebiete, die nun von Ungläubigen besetzt waren, zu befreien
und dem Reich den Glanz und die Macht zurückzugeben, die es unter
Basileios II. oder gar unter Justinian
genossen hatte - ein in der Tat beachtliches Unterfangen; allein er machte
sich mit Entschiedenheit und Energie ans Werk und führte die vom Vater
begonnene militärischen Reorganisation fort, indem er dessen Drillmethoden
noch weiter verbesserte. Gleichzeitig war er seinen Soldaten immer wieder
ein Vorbild an Mut und Ausdauer, das zu erreichen nur wenige von
ihnen hoffen durften. Dem byzantinischen Volk kam sein ganzes Leben vor
wie ein einziger langer Feldzug. Obwohl er Kaiserin
Piriska
- eine ungarische Prinzessin, die den wohlklingenderen,
doch schon fast peinlich wenig originellen byzantinischen Namen
Irene angenommen hatte - geliebt zu
haben scheint und ihr sein Leben lang ergeben blieb, verbrachte er weit
mehr Zeit im Feld als im Palast in Konstantinopel. Dasselbe galt für
ihre vier Söhne, die ihn begleiteten, sobald sie alt genug
waren. In einer Hinsicht hatte Johannes Komnenos
mehr Glück als sein Vater. Zu Alexios'
Zeiten
hatte sich die Situation im Westen selten als so stabil erwiesen, dass
er sich auf die islamische Bedrohung in Asien hätte konzentrieren
können. Zum Zeitpunkt, da Johannes
den
Thron bestieg, und noch mehrere Jahre danach stellten sich ihm in Europa
dagegen vergleichsweise wenig unmittelbare Probleme. Jenseits der Donau
verhielten sich die kumanischen wie die petschenegischen Stämme ruhig,
auf der Balkanhalbinsel anerkannten die serbischen Gemeinden die byzantinische
Oberhoheit und waren zudem zerstritten, so dass sie keine Schwierigkeiten
bereiten konnten, während man in Ungarn vollauf damit beschäftigt
war, die Stellung an der dalmatischen Küste zu festigen, die, obwohl
theoretisch eine kaiserliche Provinz, in Wirklichkeit bereits lange an
Venedig abgetreten worden war. Noch weiter westlich lagen der Papst und
der Kaiser im Heiligen Römischen Reich sich noch immer in den Haaren
um die Vorherrschaft, und was die Normannen in Apulien betraf - die dem
armen Alexios mehr Sorgen bereitet
hatten als alle anderen europäischen Feinde zusammen -, war es Robert
Guiscards Sohn Roger Borsa und nach dessen Tod 1111 dessen ebenso untauglichem
Sohn Wilhelm gänzlich mißlungen, ihre Autorität
den örtlichen Feudalherren gegenüber zu behaupten, und so versank
ihr Herzogtum Schritt für Schritt im Chaos. Gewiß, ihr Vetter,
Graf
Roger von Sizilien, machte sich rasch einen Namen und vereinigte
schließlich bis 1130 als König
Roger II. alle normannischen Ländereien im Süden unter
seinem Zepter, doch bis dahin sollten noch 12 Jahre vergehen. Und wir werden
sehen, dass Johannes ein viel zu guter Diplomat war, um den König
von Sizilien zu einer unmittelbaren Gefahr für Byzanz werden zu lassen.
So konnte er sich also ganz auf Kleinasien konzentrieren,
wo sich fast ein halbes Jahrhundert nach Mantzikert allerdings nach wie
vor eine hoffnungslos wirre Situation präsentierte. Vereinfacht gesagt,
kontrollierte Byzanz die Nord, West- und Süd-Küsten sowie das
ganze Gebiet nordwestlich einer reichlich unregelmäßig verlaufenden
Linie von der Mündung des Mäander einige Kilometer südlich
von Ephesos bis zur Südostecke des Schwarzen Meeres, etwas über
Trapezunt hinaus - ein Lehen mit einem eigenem Oberhaupt namens Konstantin
Gabras. Südöstlich jener Linie herrschten Turkvölker,
zumeist dem seldschukischen Sultan Mas'ud
von Ikonion untertan, dessen Macht im Lauf der Jahre allerdings
immer schneller schwand. Dies ging auf den Aufstieg eines anderen türkischen
Geschlechts zurück, nämlich der DANISCHMENDIDEN,
deren Emir Ghazi II. nun das Gebiet zwischen Halys (Kizil Irmak)
und Euphrat kontrollierte und stetig westwärts nach Paphlagonien drängte.
Daneben gab es auch eine große Anzahl bewaffneter türkischstämmiger
Sippen, die dem einen oder anderen dieser Potentaten zwar Lippendienst
geschworen hatten, tatsächlich aber taten, was sie wollten. Während
Alexios'
zweiter Amtshälfte waren diese Nomadensippen allmählich in die
fruchtbaren Täler von Phrygien und Pisidien eingedrungen, wo das Klima
milder und das Weideland für ihre Herden unvergleichlich reichhaltiger
war als in den struppigen zentralanatolischen Hochebenen. Auf diese Weise
war es ihnen nach und nach gelungen, die byzantinische Hafenstadt Attaleia
(Antalya) zu isolieren, so dass diese nur noch über den Seeweg erreichbar
war. Ihnen galt der erste Feldzug Kaiser Johannes'
daher
ebenso sehr wie den Seldschuken.
Im Frühjahr 1119 brach sein Heer direkt Richtung
Laodikea am Lykos auf, der alten phrygischen Hauptstadt wenige Kilometer
nördlich des heutigen Denizli. Von seldschukischen Truppen 1071 erobert,
gelangte Laodikea 25 Jahre später durch einen Feldzug Alexios,
wieder in die Hände von Byzanz, war aber wie viele andere Städte
und Dörfer entlang dieser allzu nachgiebigen Grenze seither wieder
verlorengegangen. Johannes hatte einen
Trupp unter der Leitung von Axuch vorausgeschickt, um die Belagerung
vorzubereiten, und sein Domestikos erledigte den Auftrag bestens. Der Widerstand
brach schon beim dem ersten Angriff zusammen. Der lokale Emir Abu-Shara
floh, und Johannes ließ die Stadt
mit einer neuen Mauerbefestigen, um seine Rückkehr sicher zu verhindern.
Danach kehrte Johannes aus unbekannten Gründen eiligst nach Konstantinopel
zurück. Dass gegen ihn gerichtete Pläne Annas
etwas mit dieser Entscheidung zu tun hatte, wie ein Historiker
vermutet, kann nicht zutreffen, denn der Zeitpunkt für ihr mißglücktes
Komplott kann erst festgelegt worden sein, als Johannes
sich schon in der Stadt aufhielt. Aber es gab außer Anna
gewiß noch weitere Personen mit ähnlichen Ambitionen, und so
dürfte Kaiser
Johannes Konstantinopel während der ersten, möglicherweise
unsicheren Jahre seiner Herrschaft nur ungern länger verlassen haben.
Auf alle Fälle war er wenige Wochen später beim Fall der rund
40 Kilometer von Attaleia entfernten Stadt Sozopolis wieder mit von der
Partie, ebenso bei der Eroberung einer ganzen Kette von Festungen und militärischen
Stützpunkten zur Überwachung der Straße, die vom Mäandertal
in die Hochebene führte. Im Spätherbst 1119 war die lebenswichtige
Verbindung zu Attaleia wiederhergestellt, und Johannes
und
Axuch kehrten an den Bosporus zurück, zufrieden mit dem, was
sie erreicht hatten.
Möglicherweise hielten sie sich 1120 wieder in Kleinasien
auf; unsere Hauptchronisten legen, so bewundernswert sie in vielerlei Hinsicht
sind, bezüglich exakter Chronologie aufreizend wenig Interesse an
den Tag. Sicher jedoch zwang im Jahr darauf Johannes
ein gefährlicher Petschenegeneinfall über die Donau hinweg, seine
Aufmerksamkeit auf Europa zu lenken. Seit dieses ruhelose Volk von Alexios'
Heer 1091 am Levunion geschlagen und fast vernichtet worden war, hatte
es Byzanz nur mehr wenig Probleme verursacht. Doch das war 30 Jahre her,
und inzwischen war eine neue Generation herangewachsen. Im Sommer 1121
überrannten petschenegische Stammesangehörige zu Tausenden Thrakien
und verursachten die übliche Verwüstung. Vom Ausmaß her
ließ sich die Invasion zwar keinesfalls mit früheren vergleichen,
aber Johannes' ehrgeiziges Asienprogramm
hing ganz vom Frieden in Europa ab, und daher mußte er rasch und
hart auf den Einfall reagieren. Während er seine Truppen darauf vorbereitete
und in Stellung brachte, versuchte er gleichzeitig Zeit zu gewinnen, indem
er Zwietracht unter den einzelnen Stämmen säte - die zum Glück
nicht unter einem gemeinsamen Oberhaupt vereint waren - und ihnen kostbare
Geschenke anbot, wie es schon Konstantin Porphyrogennetos
fast 300 Jahre zuvor empfohlen hatte. Allein das petschnegische Volk hatte
seit den Zeiten Konstantins viel dazugelernt
und zeigte sich gänzlich unbeeindruckt.
Es spielte keine Rolle. Kaum stand das byzantinische
Heer zum Einsatz bereit, sah Johannes
keinen Grund, das Unternehmen länger auf zuschieben. Die erste Etappe
der Schlacht ging unentschieden aus. Johannes
wurde leicht verwundet. Obwohl ziemlich viele gegnerische Kämpfer
gefangengenommen wurden, gelang es doch dem Großteil ihrer Truppen,
in das Lager zurückzukehren, wo sie mit ihren Streitwagen einen großen,
kreisförmigen Schutzwall bildeten und sich eingruben. Die byzantinische
Reiterei griff mehrmals an, doch die Wagenburg wankte nicht. Schließlich
gab Johannes - der die Zeit, in der
er nicht aktiv am Kampfgeschehen teilnahm, auf den Knien vor dem Bildnis
der Muttergottes verbrachte - Befehl zum Absteigen und rückte, flankiert
von seiner Warägergarde mit den langen Schilden und riesigen Streitäxten,
zu Fuß vor. Die Äxte machten kurzen Prozeß mit den Streitwagen,
und der Kampfgeist der Petschenegen brach zusammen. Manche vermochten zu
fliehen, die übrigen wurden gefangengenommen. Viele erhielten indes
später die Freiheit wieder, dazu ein Stück Land innerhalb der
Reichsgrenzen, wo sie sich niederlassen durften, sofern die fähigen
Männer als Gegenleistung sofort in die kaiserliche Armee eintraten
oder sich verpflichteten, dies in Zukunft zu tun. Zweifellos erinnerte
sich Johannes an den unschätzbaren
Wert der petschenegischen Truppenverbände für seinen Vater
Alexios
bei der Überwachung der Kreuzfahrerroute
durch den Balkan. Gewiß hoffte er inbrünstig, sie nicht noch
einmal in dieser Eigenschaft einsetzen zu müssen, aber als nützlich
konnten sie sich in den kommenden Jahren auf alle Fälle erweisen.
Zur Feier des Sieges führte er den jährlichen "Petschenegentag"
ein, der noch bis zur Jahrhundertwende regelmäßig eingehalten
wurde.
Nach der Unterwerfung der petschenegischen Stämme
- und zwar so wirkungsvoll, dass sie das Byzantinische Reich niemals mehr
belästigten - hätte sich Johannes am
liebsten so rasch wie möglich wieder Kleinasien zugewandt. Doch leider
war seine Arbeit in Europa noch nicht zu Ende. Venedig befand sich auf
dem Kriegspfad, und sowohl Ungarn als auch Serbien, so still und wohlerzogen
sie sich während der ersten Jahre seiner Herrschaft verhalten hatten,
waren offenbar in ähnlicher Stimmung.
Während der Regierungszeit Alexios
Komnenos' hatte Venedig zu den engsten Verbündeten des
Byzantinischen Reichs gehört - wohl oder übel, kam der venezianischen
Flotte doch im Kampf gegen die Normannen in Süd-Italien lebenswichtige
Bedeutung zu, zuerst gegen Robert Guiscard und dann gegen Bohemund.
Um sich Venedigs Wohlwollen zu sichern, hatte Alexios
1082 nicht gezögert, in einem Ausmaß Handelsprivilegien
zu gewähren, wie sie keine anderen fremden Kaufleute genossen, darunter
den Erlaß sämtlicher Zollabgaben. So gedieh die venezianische
Kolonie am Goldenen Horn und wurde immer größer und reicher,
bis sie heftigen Unwillen bei der Bevölkerung erregte, wo die schrecklichsten
Geschichten über die Arroganz und den Hochmut venezianischer Kaufleute
kolportiert wurden. Als Johannes den
Thron bestieg, war die normannische Gefahr indes verblaßt. Und als
der im selben Jahr gewählte Doge Domenico Michiel eine Delegation
entsandte, welche um die Erneuerung der laufenden Vereinbarungen und die
Bestätigung der alten Privilegien ersuchte, weigerte sich der neue
Kaiser schlankweg. Von nun an, so teilte er ihnen mit, würden sie
sich derselben Behandlung erfreuen wie ihre Konkurrenz. In Venedig reagierte
man zornig, und am 8. August 1122 verließ das Flaggschiff des Dogen
mit 71 Kriegsschaluppen im Schlepptau die Lagune.
Ihr Ziel war Korfu, ein wichtiger byzantinischer Vorposten,
der von einer starken und entschlossenen Garnison verteidigt wurde. Der
venezianische Flottenverband belagerte die Insel sechs Monate lang und
hätte dies auch fortgesetzt, wäre nicht im Frühjahr 1123
ein verzweifelter Ruf aus Palästina an die Soldaten ergangen: König
Balduin sei gefangen und ihre Hilfe, sollte der lateinische
Osten überleben, unentbehrlich. So hoben sie die Belagerung auf, und
Korfu genoß eine kurze Ruhepause. Allein die venezianischen Kriegsschiffe
setzten in den folgenden drei Jahren ihre Aktivitäten im östlichen
Mittelmeer fort und nahmen Rhodos, Chios, Samos, Lesbos und Andros ein.
Als sie zu Beginn des Jahres 1126 Truppen nach Kephalionia entsandten,
hatte Johannes Komnenos es schließlich
satt. Seine Flotte vermochte das Vordringen, das ihn längst viel mehr
kostete als die vorenthaltenen Handelsprivilegien, nicht zu unterbinden;
im August überwand er daher seinen Stolz und stellte diese wieder
her. Selbst in Anbetracht des unvermeidlichen Gesichtsverlust für
das Byzantinische Reich hielt sich der Preis in Grenzen.
Was Ungarn betraf, so gingen die Probleme für Byzanz
auf das Jahr 1095 zurück, als der neugekrönte König
Koloman seinen Bruder Almos
enteignete und später mitsamt dessen Sohn Bela
hatte blenden lassen. Kurz vor Johannes'
Thronbesteigung hatten Almos
und die mit ihm verwandte spätere Kaiserin
Irene in Konstantinopel um Zuflucht ersucht und waren freundlich
aufgenommen worden. Man hatte ihnen sogar ein Anwesen in Makedonien
überlassen, das schnell zum Treffpunkt für ihre vielen - freiwillig
oder unfreiwillig - im Exil lebenden Landsleute wurde.
Koloman hatte dagegen offenbar nichts einzuwenden, doch sein
Bruder und Thronfolger Stephan II., den
die Aktivität dieses Kreises von Unzufriedenen zunehmend beunruhigte,
reichte beim byzantinischen Hof formell Protest ein und verlangte gleichzeitig
Almos' Ausweisung aus Byzanz. Wie erwartet, weigerte sich Johannes,
und im Sommer 1128 ging Stephan zum
Angriff über. Seine Truppen überquerten die Donau, eroberten
Belgrad und Naissus (Nis), stießen dann in das heutige Bulgarien
vor und plünderten das ganze Gebiet bis nach Serdika (Sofia) und Philippopel
(Plowdiw), bevor sie sich wieder in den Norden zurückzogen. Aber Johannes
und sein Heer setzten sich ebenfalls in Marsch. Sie erreichten kurz nach
dem Abzug der ungarischen Verbände Philippopel und rückten -
wahrscheinlich das lskartal hoch - Richtung Norden vor, um sich an der
Donau mit einer Abteilung der kaiserlichen Flotte zu treffen. Inzwischen
hatte sich Stephan auf das Nordufer
zurückgezogen; er war erkrankt und hatte von seinem Krankenlager aus
die strikte Anweisung erlassen, dass seine Truppen die Donau unter keinen
Umständen erneut überqueren dürften. Angesichts der folgenden
Ereignisse bekamen sie auch keine Gelegenheit dazu. Die byzantinischen
Kundschafter stellten fest, dass sie ihr Lager unterhalb der Festung Haram
beim Zusammenfluß der Donau mit dem Nebenfluß Nera aufgeschlagen
hatten, und die Reichssoldaten nutzten ihre Flotte, um etwas flußabwärts
in aller Heimlichkeit ebenfalls an das andere Ufer überzusetzen. Daraufhin
fielen sie den Ungarn in den Rücken und kesselten sie am Ufer ein.
Von den Überlebenden vermochten einige zu fliehen, doch ein weitaus
größerer Teil geriet in Gefangenschaft. Es gelang, alle von
ihnen eroberten Städte zurückzugewinnen.
Entweder kurz vor oder nach diesen Ereignissen schlugen
sich Johannes Komnenos' Truppen ähnlich
erfolgreich mit serbischen Verbänden unter der Führung Bolkans,
des Zhupan von Rascien. Danach ließ Johannes
eine
stattliche Anzahl der Unterlegenen wie zuvor die Petschenegen in Kleinasien
ansiedeln. Unsere Kenntnisse dieser Ereignisse sind, wie im übrigen
aller serbischen Angelegenheiten dieser Zeit, beklagenswert gering; klar
scheint immerhin, dass serbische Stämme Byzanz während
Johannes'
Regentschaft nie mehr ernsthaft Sorgen bereiteten, wenn sie auch nach wie
vor über die kaiserliche Bevormundung empört waren und diese
- oft mit ungarischer Unterstützung - von Zeit zu Zeit weiterhin abzuschütteln
versuchten. Um 1130 war
Johannes soweit,
dass er Europa sich selbst überlassen und seine Aufmerksamkeit einmal
mehr dem Osten zuwenden konnte. In den zehn Jahren seiner Abwesenheit hatte
sich die Lage in Anatolien deutlich verschlechtert. Die DANISCHMENDIDEN
hatten sich weiterhin auf Kosten des Sultanats Ikonion ausgebreitet,
dessen Handlungsfähigkeit aufgrund innerer Zwiste praktisch auf Null
gesunken war. Emir Ghazi II. - der 1124 Melitene (Malatya) annektiert
und im Verlauf der folgenden drei Jahre seinem Einzugsbereich zusätzlich
Cäsarea (Kayseri), Ankyra (Ankara), Kastamon (Kastamonu) und Gangra
(Chankiri) einverleibt hatte - vertrat nun die bedrohlichste Macht in ganz
Kleinasien. Drei Jahre danach, im Februar 1130, hatte sein Heer am Ufer
des Pyramus (Jeyhan) in Kilikien unter den Truppen des jungen Bohemund
II. von Antiochia ein verheerendes Blutbad angerichtet. Bohemunds
abgeschlagenes Haupt hatte man Emir Ghazi überbracht; dieser
ließ es einbalsamieren und dem Kalifen von Bagdad als Geschenk senden.
Johannes Komnenos
vergoß keine Tränen über den Tod des Fürsten von Antiochia,
dessen Fürstentum er als rechtmäßiges Eigentum des Byzantinischen
Reichs betrachtete, doch war ihm klar, dass er sich mit Ghazi auseinandersetzen
mußte, solange noch Zeit dazu blieb. Zwischen 1130 und 1135 zog er
nicht weniger als fünfmal gegen die Danischmendiden.
Während der ersten drei Jahre behinderten ihn die Ränke seines
Bruders, des dritten Sohnes von Irene
und Alexios; dieser Sebastocrator
Isaak
setzte alles daran, die Feinde des Reichs mit dem Ziel
zu einem Bündnis zu vereinen, Johannes vom
Kaiserthron zu verdrängen. Kaum aber war Isaak
im
Jahre 1132 in das Heilige Land gezogen - ob aus Frömmigkeit oder unwürdigeren
Gründen ist nicht bekannt -, erzielte Johannes
rasch
Fortschritte. Ende 1132 und zu Beginn des Jahres 1133 konnten er und seine
Truppen einen Erfolg nach dem anderen verbuchen. Sie marschierten durch
Bithynien und Paphiagonien, nahmen die wichtige Festung Kastamon ein und
rückten weit über den Halys hinaus vor. Im Verlauf dieses Vorstoßes
sammelten sich sowohl Christen als auch Moslems unter dem byzantinischen
Banner, und mehrere lokale Emirate ergaben sich beim Herannahen des Heeres
kampflos.
Johannes gestaltete
seine Rückkehr nach Konstantinopel in Form eines traditionellen Triumphzugs
- des ersten, den man dort seit Johannes Tzimiskes
im Jahre 972 zu sehen bekam. Den schwierigen Zeiten geziemend war der zeremonielle
Streitwagen, der ihn mit seinen vier schneeweißen Pferden am Goldenen
Tor erwartetete, mit Silber statt Gold geschmückt, aber die Straßen
hatte man wie immer bei solchen Anlässen mit Damast und Brokat versehen,
und aus den Fenstern der Häuser hingen kostbare Teppiche. Die ganze
Route von der Stadtmauer bis zur Hagia Sophia säumten eigens dafür
errichtete Tribünen, auf denen sich praktisch die ganze Stadtbevölkerung
versammelt hatte, um den vorüberziehenden Zug zu bejubeln. Erst kamen
die Gefangenen, dann die Kampftruppen, dann die Feldherren und schließlich
der Kaiser selbst, der zu Fuß ging und ein Kreuz trug. Wie Tzimiskes
vor ihm hatte er den Ehrenplatz auf dem Streitwagen dem Marienbildnis vorbehalten,
das ihn auf all seinen Feldzügen begleitet hatte.
Aber seine Arbeit war damit noch nicht getan. Im Jahr
darauf zog er erneut ins Feld. Allerdings wurde dieser Feldzug in Bithynien
durch den plötzlichen Tod von Kaiserin
Irene
unterbrochen. Sofort verließen Johannes
und seine Söhne das Heer, um ihren Leichnam nach Konstantinopel zu
begleiten. Unmittelbar nach den Begräbnisfeierlichkeiten kehrten sie
jedoch zurück und stießen auf der Straße nach Gangra wieder
zu ihren Truppen, wo sie im Spätsommer die Nachricht eines weiteren
Todesfalles erreichte, den sie allerdings begrüßten. Emir
Ghazi hatte das Zeitliche gesegnet. Seine letzten Stunden dürften
durch die Ankunft eines Gesandten des Kalifen erhellt worden sein, der
ihn darüber in Kenntnis setzte, dass ihm und seinen Nachkommen der
Titel Malik (König) verliehen worden sei und ihm "vier
schwarze Flaggen und Trommeln, deren Wirbel von seiner Ankunft künden
sollten, wann immer er in der Öffentlichkeit erschien, eine goldene
Halskette sowie ein goldenes Zepter überreichte, mit dem ihn die Gesandten
zum Zeichen der Anerkennung seines neuen Ranges und Titels auf die Schulter
zu tippen hatten" - doch ach, all dies nützte ihm wenig. Er starb
fast unmittelbar danach, und so ging der Titel auf seinen Sohn Mohammed
über.
Das Durcheinander, welches fast unweigerlich auf das
Ableben eines moslemischen Oberhaupts in der Regel folgte, sorgte dafür,
dass Byzanz fürs erste nur wenig Gegenwehr seitens der danischmendidischen
Streitkräfte zu erwarten hatten; indes bereiteten vereinzelte Garnisonen
noch Schwierigkeiten. So leistete zum Beispiel Gangra, wo der Gouverneur
zwar erst kurz zuvor ebenfalls gestorben war, das Kommando aber seiner
Frau übertragen hatte, so energisch Widerstand, dass Johannes
entschied, vorerst nach Kastamon weiterzuziehen, wo Ghazis Leute
seit einem Jahr am Ruder waren. Sie ergaben sich recht schnell - unter
ein, zwei Bedingungen, die Johannes gerne
erfüllte -, worauf das byzantinische Heer sofort nach Gangra zurückkehrte,
diesmal, um die Stadt ernsthaft zu belagern. Die Garnison hielt für
kurze Zeit stand, in der Hoffnung, dass ihr die türkischen Truppen,
von denen es hieß, sie befänden sich in der Gegend, zu Hilfe
eilen würden, doch war inzwischen ein ungewöhnlich kalter Winter
eingebrochen, und die Lebensmittelvorräte gingen bereits zu Ende.
Als es nach ein oder zwei Wochen noch immer keine Anzeichen dafür
gab, dass Hilfe nahte, stellte die energische Gouverneurswitwe daher ihre
Übergabebedingungen, darunter das Zugeständnis an alle, die dies
wünschten, die Stadt ungeschoren verlassen zu können, und die
Freilassung eines Teils der anläßlich einer früheren Auseinandersetzung
gemachten Gefangenen. Einmal mehr stimmte Kaiser
Johannes bereitwillig zu, und Johannes
Kinnamos weiß zu berichten, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung
von seinem Angebot Gebrauch machte und viele Männer es vorzogen, sich
in den Dienst der kaiserlichen Armee zu stellen.
Johannes beließ
eine byzantinische Besatzung von 2.000 Mann in Gangra und begab sich Anfang
1135 nach Konstantinopel. In den vergangenen fünf Jahren hatte er
einiges erreicht. Ghazis Ableben konnte er sich natürlich nicht
als Verdienst anrechnen, aber ihm war mit der Rückgewinnung weiter
Gebiete, die das Byzantinische Reich über ein halbes Jahrhundert hatte
entbehren müssen, alles gelungen, was er sich vorgenommen hatte. Zwar
war die türkische Macht nicht gebrochen, aber sie hatte mehrere lähmende
Schläge einstecken müssen, und es würde einige Zeit dauern,
bevor sie erneut zum Angriff blasen konnte. Johannes
verfügte nun beinahe über die Freiheit, sich an die Umsetzung
seines ehrgeizigsten Planes zu machen und statt gegen ein moslemisches
Heer gegen die beiden christlichen Staaten ins Feld zu ziehen, die zu der
Zeit ein Gebiet besetzt hielten, welches er als kaiserliches Territorium
betrachtete, das armenische Königreich Kilikien und dessen enge Verbündete,
das normannische Fürstentum von Antiochia.
Beinahe, doch noch nicht ganz. Zuvor galt es, sich mit
einem anderen potentiellen Feind auseinandersetzen. Roger
II. von Sizilien trug seine Krone nun seit etwas mehr als vier
Jahren und hatte in dieser Zeit stetig an Macht und Einfluß gewonnen.
Auch er träumte von neuen Eroberungen. Die apulischen Häfen lagen
nur gut 100 Kilometer von den kaiserlichen Ländereien jenseits der
Adria entfernt, und die reichen Städte Daimatiens stellten eine ständige
Versuchung für ein bißchen Freibeuterei dar, der die sizilianischen
Seefahrer in den letzten Jahren nicht immer hatten widerstehen können.
Weitere Raubzüge an der nordafrikanischen Küste deuteten darauf
hin, dass der König von Sizilien sich nicht mehr lange mit seinen
gegenwärtigen Grenzen zufriedengeben würde und dass er, falls
man ihn nicht im Auge behielt, bald in der Lage sein würde, das zentrale
Mittelmeer nach Belieben abzuriegeln. Auch wußte man, dass er begehrlich
nach den Kreuzfahrerstaaten schielte. Als Vetter Bohemunds II.
hegte er einen berechtigten Anspruch auf Antiochia; seine Mutter
Adelaide hatte die Eheschließung
mit Balduin I. als dessen dritte Frau
1113 unter der klaren Übereinkunft vollzogen, dass die Krone von Jerusalem
bei Kinderlosigkeit - und diese war in Anbetracht des Alters der beiden
Eheleute fast sicher - an ihren Sohn Roger
übergehen werde. Dass Balduin
daraufhin zuerst Adelaides ganze und
beträchtliche Mitgift durchbrachte, dann die Ehe annullierte und Adelaide
kurzerhand
zurück in ihre Heimat nach Sizilien verfrachten ließ, war eine
Beleidigung, die ihm weder sie noch Roger
verzieh, und verringerte ihrer Ansicht nach seinen berechtigten Anspruch
in keiner Weise. Allerdings besaß er keinen ähnlichen Anspruch
auf Konstantinopel, doch hatten sich weder sein Onkel Robert Guiscard
noch sein Vetter Bohemund von derlei Erwägungen abhalten lassen.
Und selbst wenn er seine Energie darauf beschränkte, gegen die Kreuzfahrerstaaten
zu ziehen, konnten sich die Folgen für Byzanz längerfristig als
bedenklich erweisen.
Also machte sich zu Beginn des Jahres 1135 am Bosporus
eine Gesandtschaft auf den Weg in deutsche Lande zum weströmischen
Kaiser
LOTHAR, und schon im Herbst wurde man sich einig. Als Gegenleistung
für großzügige finanzielle Unterstützung durch Byzanz
würde LOTHAR im Frühjahr
1137 einen größeren Feldzug gegen den König von Sizilien
führen, um diesen zu vernichten. Bei ihrer Rückkehr hieß
Johannes seine Gesandtschaft auf das herzlichste willkommen.
Nun, da sein Rücken zufriedenstellend geschützt war, konnte er
endlich nach Osten ziehen.
Die Geschichte der armenischen Besiedlung von Kilikien
- der Gegend zwischen der Südküste Anatoliens und dem Taurusgebirge,
das in der Nähe von Alanya beginnt und sich bis zum Golf von Alexandretta
erstreckt - geht auf das frühe 11. Jahrhundert zurück, als
Basileios II. sich in verblüffend friedlicher Weise des
größten Teils von Armenien bemächtigte, indem er den Fürsten
von Waspurkan als Gegenleistung ausgedehnte Ländereien von Sebastea
bis zum Euphrat anbot. Seine Nachfolger nahmen ähnliche Abtretungen
vor, so dass bis etwa 1070 ein stetiges Ernigrationsrinnsal vom rauhen
armenischen Hochland in den wärmeren und üppigeren Süden
floß. Nach der Schlacht von Mantzikert verwandelte sich das Rinnsal
in eine Flut und führte allmählich zur Entstehung mehrerer halbunabhängiger
Fürstentümer, welche sich ständig in den Haaren lagen. So
präsentierte sich die Lage in Kilikien mehr oder weniger, als die
Kreuzfahrtruppen das Gebiet auf ihrem Weg nach Palästina durchquerten.
Sie war nicht von Dauer. Nachdem die fränkischen
Kreuzfahrer in ihren Staaten die eigenen Angelegenheiten einigermaßen
in Ordnung gebracht hatten, beschlossen sie, in Kilikien ebenso zu verfahren.
Da durch dieses Gebiet ihre Hauptverbindung zum Westen verlief, wollten
sie es unter ihrer Herrschaft wissen. So wurden die meisten armenischen
Adligen umgebracht; nur eine Familie war stark oder schlau genug, um zu
überleben, nämlich jene eines gewissen Ruben,
der behauptete, mit Gagik II., dem letzten BAGRATIDEN-König
von Armenien," verwandt zu sein und sich 1071 im Taurusgebirge eingenistet
hatte. Sein Enkel Leon war ihm 1129
auf den Thron von Kleinarmenien gefolgt, wie das Gebiet inzwischen hieß,
und drei Jahre später zu einem ehrgeizigen Feldzug aufgebrochen, der
ihm Tarsos, Adana und Mopsuestia (auch Mopsos, später Misis und Mamistra)
einbrachte, wobei man nicht genau weiß, ob er diese Siedlungen Byzanz
oder den Kreuzfahrern abgenommen hat. Bald darauf wagte sich Leon
jedoch zu weit vor. Ende 1136 führte ein Racheakt an Raimund von
Poitiers, dem neuen Fürsten von Antiochia, zu seiner Gefangennahme
und kurzer Einkerkerung, aus der er erst freikam, nachdem er seinem Überwältiger
Adana und Mopsuestia - nicht jedoch offenbar Tarsos - überlassen hatte
und 60.000 Goldstücke obendrein. Kaum hatte er indes die Freiheit
wiedergewonnen, da überbrachten ihm Boten im Frühjahr 1137 die
schlechteste aller Nachrichten. Johannes Komnenos
war
gegen ihn aufgebrochen.
Johannes überließ
nichts dem Zufall. Er hatte nicht nur sein altes, nach fast 20 Jahren im
Feld erprobtes, vertrautes und abgehärtetes Heer mitgebracht, sondern
gleich mehrere neue Verbände dazu, darunter einen aus petschenegischen
Gefangenen und andere aus Angehörigen jener türkischen Gruppen,
die sich in den vorangegangenen Jahren so begeistert seiner Fahne angeschlossen
hatten. Darunter kann sich sogar eine beträchtliche Anzahl Armenier
befunden haben, waren Ruben und seine
Gefolgschaft doch beim Großteil ihrer Landsleute ebenso unbeliebt
wie die fränkischen Kreuzfahrer, so dass die Zahl derer, die sich
vor beiden Regimen auf der Flucht befanden und den Weg nach Konstantinopel
gefunden hatten, groß war. Dieser gebauten Macht war der Sieg
vom ersten Moment, da sie in Kilikien auftauchte, sicher. Einmal mehr wechselten
die drei oben erwähnten Städte ihre Übermacht, dazu Seleukia
(Selfike) und nach 37 Tage dauernder Belagerung auch die als uneinnehmbar
geltende Festung Anazarbos (Anavarza) auf ihrer 250 Meter über dem
Pyramus gelegenen Schanze. Leon aber
ergab sich selbst da noch nicht, sondern zog sich mit seinen beiden Söhnen
und allen Getreuen tief in das Taurusgebirge zurück. Johannes,
darauf bedacht, keine Zeit zu verlieren, machte sich nicht die Mühe,
ihnen nachzusetzen; er rückte mit seinem Heer weiter über Issos
und Alexandretta vor und hielt nur an, um unterwegs ein paar armenische
Stützpunkte einzuheimsen. Am 29. August zog er sein Heer vor Antiochia
zusammen.
Antiochia hatte kritische Zeiten hinter sich. Bohemund
II., 1126 im Alter von 18 Jahren aus Apulien eingetroffen, war keine
vier Jahe später von Emir Gahzi umgebracht worden; er und seine
Frau Alice, Tochter
König Balduins von Jerusalem,
hatten eine gemeinsame zwei Jahre alte Tochter namens Konstanze.
Ohne rechtmäßige Befugnis ausgestattet, hätte
Alice nach Bohemunds Tod warten müssen, bis ihr
Vater als nominelles Oberhaupt einen Nachfolger bestimmte. Statt dessen
übernahm sie die Regenschaft selbst, und als sie vernahm, dass Balduin
sich rasend vor Zorn auf dem Marsch nach Antiochia befand, um
die Angelegenheit so zu regeln, wie er sie für richtig hielt, sandte
sie einen Boten zu Imad ed-Din Zengi, dem Atabeg von Mosul
und eigentlichen Herrscher über Nord-Syrien, um ihm zusammen mit einem
prachtvoll aufgeputzten Pferd den Vorschlag zu unterbreiten, ihn als Lehnsherrn
anzuerkennen, sofern er als Gegenleistung ihre Rechte, als Fürstin
über Antiochia zu regieren, unangetastet lasse.
Aber der Bote kam nie an. Von Balduins
Männern abgefangen, war er ihrem Herrn vorgeführt und hingerichtet
worden. Dann führte der König von Jerusalem seine Reise nach
Antiochia fort, doch dort stieß er auf verschlossene Tore. Es dauerte
mehrere Tage, bis es zweien seiner Leute in der Stadt gelang, die Tore
im Schutz der Dunkelheit zu öffnen und ihn und seine Truppen einzulassen.
Alice
aber hatte sich in einem Turm verschanzt und kam erst heraus, als man sich
für ihre Sicherheit verbürgte. Vater Balduin
vergab ihr, verbannte sie indes auf ihr Landgut in Laodikea
und übernahm die Regentschaft selbst. Nach seinem Tod 1131 ging sie
auf seinen Schwiegersohn
Fulk von Anjou
über, den Mann
Melisendes,
Balduins
ältester Tochter und
Alices
Schwester. Vier Jahre lang harrte
Alice
aus. Dann erreichte Melisende, dass
Fulk ihrer Schwester die Rückkehr gestattete - und prompt
sandte Alice wieder einen Boten los,
diesmal nach Konstantinopel und mit dem Angebot, ihre Tochter Konstanze
(die inzwischen 7 Jahre alt war) mit Manuel,
dem jüngsten Sohn Johannes',
zu verheiraten.
Unter den gegebenen Umständen wäre eine derartige
Verbindung für Antiochia keine schlechte Lösung gewesen, aber
unter dem fränkischen Bevölkerungsteil wirkte die Vorstellung,
Konstanze könnte einen Griechen heiraten - selbst wenn es sich
um einen Kaiser-Sohn handelte -, wie ein Schock, und Fulk
reagierte
nicht anders, als er davon vernahm. Es war klar, dass es galt, einen anderen
Heiratskandidaten für Konstanze zu finden, und es dauerte nicht
lange, bis Fulk sich entschieden hatte.
Seine Wahl fiel auf Raimund von Poitiers, den jüngeren Sohn
Herzog Wilhelms IX. von Aquitanien, der sich zu dem Zeitpunkt gerade
in England am Hofe
Heinrichs I. aufhielt.
Fulk
sandte heimlich einen seiner Ritter los, um ihn holen zu lassen, und im
April 1136 traf Raimund - der Gefangennahme durch König
Roger von Sizilien, der, wie wir gehört haben, das Fürstentum
für sich beanspruchte, nur knapp entgangen - rechtzeitig in Antiochia
ein. Das Problem, Alices Zustimmung
zu erlangen, wurde von Patriarch Radulf mit kalter Berechnung geschickt
umgangen. Er teilte ihr mit, der stattliche junge Fürst sei gekommen,
um um ihre Hand anzuhalten. Die ebenfalls noch junge Alice,
die sich gerne wieder verheiratet hätte, gab ihr Einverständnis
und zog sich in ihren Palast zurück, um alles für seinen Empfang
vorzubereiten. In der Zwischenzeit wurde Konstanze zur Kathedrale
geschleppt, wo der Patriarch sie auf der Stelle mit Raimund vermählte.
Vor vollendete Tatsachen gestellt, gab sich ihre Mutter geschlagen. Wutentbrannt
kehrte sie nach Laodikea zurück, wo sie bald darauf starb.
Als die byzantinische Belagerungsmaschinerie mit dem
Beschuß der Stadtmauern von Antiochia begann und die byzantinischen
Pioniere einen Tunnel zu graben begannen, dürfte mehr als nur ein
paar Leuten in der Stadt schmerzlich bewußt geworden sein, dass sie
sich nicht in dieser mißlichen Lage befänden, wenn man
Alice ihren Willen gelassen und Konstanze Manuel
geheiratet
hätte. Wieviel besser wäre es gewesen, so müssen sie gedacht
haben, wenn der neue Fürst in England geblieben wäre. Raimund
von Poitiers sah es wahrscheinlich ähnlich. Was war Antiochia
für ihn und er für Antiochia? Nach kaum mehr als einem Jahr im
Osten hatte er bereits nichts mehr für das neue Fürstentum übrig,
wo er den gewohnten abendländischen Schliff vermißte. Er langweilte
sich und fühlte sich einsam, und von seiner Kindfrau hatte der fast
30 Jahre ältere Ehemann nichts zu erwarten. Zudem wußte er,
dass es kaum möglich war, der Macht Johannes
Komnenos' lange Widerstand zu leisten, und es bestand
nicht die geringste Aussicht, dass ihm ein Kreuzfahrerheer zu Hilfe eilen
würde. Um den Schein zu wahren, wartete er einige Tage ab und sandte
dann eine Nachricht ins Feindeslager. Ob Johannes
ihm zugestehen würde, kaiserlicher Verweser oder Vizekönig zu
bleiben, wenn er ihn seinerseits als Oberherrn anerkennen würde?
Aber diesmal hatte Johannes
offenbar keine Lust zu feilschen. Er verlangte nur eines: bedingungslose
Kapitulation. Darauf antwortete Raimund, dass es nicht in seiner
Macht stehe, eine solche Entscheidung zu treffen, ohne erst mit dem König
von Jerusalem Rücksprache zu halten. Fulks
Antwort
war vorsichtig. Zengi wurde von Tag zu Tag stärker und stellte
für das Oberleben der Kreuzfahrerstaaten inzwischen eine ernsthafte
Bedrohung dar; es wäre Torheit gewesen, sich mit der einzigen christlichen
Macht zu verfeinden, die stark genug war, ihn im Zaum zu hatten. Abgesehen
davon fragte er sich, wie weit nach Syrien und Palästina Johannes
vorzudringen beabsichtigte. Wenn er ihn durch den Verzicht auf
Antiochia davon abhalten konnte, weiter nach Süden vorzustoßen,
konnte das Opfer Antiochia sich womöglich lohnen. Auf jeden Fall war
seine Reaktion besser als Raimund - oder Johannes
- gehofft haben dürften:
Von unseren Vorfahren wissen wir nur zu gut, dass Antiochia Teil des Reiches von Konstantinopel war, bis es die Türken eroberten und 14 Jahre lang beherrschten, und dass die Ansprüche des Kaisers in bezug auf die Verträge, welche unsere Ahnen abgeschlossen haben, berechtigt sind. Weshalb also sollten wir die Wahrheit leugnen und etwas bekämpfen, von dem wir wissen, dass es recht ist?"
Und so ergab sich Antiochia, und Johannes
zeigte sich einmal mehr großmütig. Raimund
mußte zu Fuß in sein Lager kommen, ihm Untertanenpflicht schwören
und freien Zutritt zur Stadt und zur Zitadelle gewähren. Auch mußte
er sich verpflichten, dass er Johannes
Antiochia als Gegenleistung überlassen würde, falls es diesem
auf seinem nächsten Feldzug gelingen sollte, für ihn Aleppo,
Shaizar, Emessa (Homs) und Harna zurückzugewinnen und ihm diese Siedlungen
als dauerndes Lehen zu übergeben. Dann wurde die kaiserliche Standarte
über der Stadt gehißt, Johannes
überschüttete Raimund und den gesamten lateinischen Lokaladel
mit kostbaren Geschenken, und in der 1. Septemberhälfte brach das
siegreiche Heer das Lager ab. Inzwischen war das Jahr jedoch bereits zu
weit fortgeschritten, als dass ein neuer größerer Feldzug in
Frage gekommen wäre. So beschloß Johannes,
seine unvollendeten armenischen Geschäfte zum Abschluß zu bringen,
und machte sich in Richtung oberen Taurus auf, wo sich Leon
und seine Getreuen verschanzt hatten. Nur wenige Wochen später war
ihr Widerstand gebrochen. Alle mit Ruben
verwandten Adligen befanden sich in kaiserlichem Gewahrsam und wurden nach
Konstantinopel in Gefangenschaft gebracht.
Nun, da Armenien überwältigt und seine Stellung
in Antiochia gesichert war, konnte Johannes
mit der Umsetzung des nächsten Schrittes in seinem Plan beginnen:
sich mit den Streitkräften seiner Kreuzfahrervasallen gegen die arabische
Macht Syriens zusammenzutun. Ende März des Jahres 1138 kehrte er mit
seinem Heer nach Antiochia zurück, wo sich ihm und Raimunds
Verbänden ein Templerritterregiment sowie ein weiterer Trupp unter
dem Befehl Joscelins II. von Courtenay, Graf von Edessa,
anschlossen. Joscelin war inzwischen 24 Jahre alt und wirkte weder
sympathisch noch vertrauenswürdig. Von seiner armenischen Mutter
- einer Schwester Leons, dessen
drei Söhne einige Monate zuvor bei ihm Zuflucht gesucht hatten - hatte
er eine ungewöhnlich dunkle Hautfarbe geerbt, deren Wirkung leider
durch eine platte Nase und ein stark pockennarbiges Gesicht beeinträchtigt
wurde. Verschlagen und falsch, faul und lüstern, war er in jeder Hinsicht
das Gegenteil dessen, was man sich allgemein unter einem idealen Kreuzritter
vorstellt. Auf Johannes Komnenos, durch
und durch Soldat, machte er noch weniger Eindruck als Raimund, der
Fürst von Antiochia.
Mit diesen beiden gänzlich unbefriedigenden Verbündeten
setzte sich der Kaiser also zusammen, um seinen nächsten Feldzug zu
planen. Erstes Ziel war Aleppo. Einen Monat vor dem Aufbruch ordnete er
die Festnahme aller Kaufleute und Reisenden in und um Aleppo an, um zu
verhindern, dass der Bevölkerung etwas über seine Vorbereitungen
zu Ohren kam; dann zog das byzantinische Heer gegen Osten. Es gelang, nebenbei
ein oder zwei kleinere Festungen einzunehmen, doch ein kurzer Blick auf
Aleppo und dessen - gerade rechtzeitig - durch Zengis Leute verstärkte
Garnison, machte klar, dass gewaltiger Widerstand zu erwarten war. Statt
durch eine lange Belagerung Zeit und Kraft zu verlieren, zogen die Truppen
weiter nach Süden, wo sie am 28. April Shaizar erreichten. Im Vergleich
zu Aleppo war dies eine kleine, kommerziell unbedeutende Ansiedlung mit
einem ebenso unbedeutenden Emir, aber sie kontrollierte den Mittellauf
des Orontes und bot Aussicht auf unschätzbaren Wert, wenn es darum
ging, ein weiteres Vorrücken Zengis nach Syrien zu unterbinden. Die
kaiserliche Streitmacht umzingelte die Stadt und grub sich ein; ihre 18
riesigen Schleudern wurden an strategischen Stellen der Mauer entlang in
Stellung gebracht; die Belagerung begann.
Sämtliche Quellen, christliche wie moslemische,
äußern sich einhellig über Johannes'
Tatkraft
und Mut. An seinem Goldhelm leicht erkennbar, schien er überall gleichzeitig
zu sein; er stachelte die Mutlosen an, putzte die Faulpelze herunter, tröstete
die Verwundeten, schrie Anweisungen für die Techniker an der Belagerungsmaschinerie
und riß all seine Soldaten - Griechen, Waräger, Petschenegen
und Türken - durch seinen unbezwingbaren Karnpfgeist mit. Hätten
sich seine lateinischen Verbündeten ihm als würdig erwiesen,
wäre Shaizar vielleicht in ihre Hände gefallen. Doch weder Raimund
von Antiochia noch Joscelin von Edessa entwickelten viel Kampflust.
Für Raimund bestand stets die Gefahr, dass Johannes
zu viele Eroberungen zufielen und er sie, gemäß ihren letzten
Vereinbarungen, gegen Antiochia eintauschen würde; und ihm wurde schon
beim Gedanken übel, sich an die Kampffront begeben zu müssen.
Joscelin, der Raimund beinahe ebensosehr haßte wie
Johannes
und keine Lust hatte, mitansehen
zu müssen, wie sich das Territorium seines Mitfürsten gegen Süden
oder Osten hin ausdehnte, ließ keine Gelegenheit aus, um dessen Argwohn
und Mißtrauen zu erregen. Resultat war laut Wilhelm von Tyrus,
dass sich die beiden wenig bis überhaupt nicht an der Belagerung beteiligten
und die meiste Zeit bei endlosen Würfelpartien im Lager verbrachten.
Mitlerweile rückte Zengis Heer immer näher,
unterstützt von einem starken Kontingent des Kalifen von Bagdad. Nur
auf seine eigenen Leute gestützt, hätte Johannes
ihn fast mit Sicherheit besiegen können, aber er konnte die Belagerungsmaschinen
nicht ohne Verteidigung lassen, und den Franken war nicht zu trauen. Noch
beriet er das Problem mit seinen Söhnen, da erreichte ihn die Nachricht,
dass der Emir von Shaizar sich bereit erkläre, seine Oberhoheit anzuerkennen
sowie einen jährlichen Tribut und eine großzügige Entschädigung
zu leisten; zugleich ließ er ihm neben vielen anderen Geschenken
seine beiden kostbarsten Besitztümer überbringen: einen mit einer
Einlegearbeit aus Edelsteinen verzierten Tisch und ein mit Rubinen besetztes
Kreuz, das sich früher im Besitz Kaiser
Romanos Diogenes' befunden
und das dieser nach der Niederlage bei Mantzikert verloren hatte. Selbst
beim tatsächlich geglückten Sturm auf die Stadt hätte
Johannes nicht mehr erwarten können. So hob er am 21. Mai
die Belagerung auf und marschierte los, zurück nach Antiochia.
Bei seiner Ankunft machte er erstmals von seinen Rechten
als Lehnsherr der Stadt Gebrauch und zog mit seinen Söhnen, dem Hofstaat
und einigen Repräsentanten des Heers feierlich in Antiochia ein. Am
Tor vom Patriarchen empfangen, ritt er hoch zu Roß durch die geschmückten
Straßen, während ein deutlich mürrisch blickender Fürst
Raimund von Antiochia und Joscelin, Graf von Edessa,
ihm wie Knappen zu Fuß folgten. Nach der Messe in der Hauptkirche
zog er weiter zum Palast, wo er sich niederließ. Nach ein paar Ruhetagen
schickte er nach Raimund, Joscelin und deren führenden
lateinischen Gefolgsleuten. Der Krieg, so teilte er ihnen mit, sei nicht
zu Ende; nach wie vor befinde sich Aleppo in heidnischer Hand, und es sei
ihm noch nicht möglich, Raimund die versprochenen Gebiete zu
übergeben. Daher gelte es weitere Feldzüge in Antiochia zu planen.
Zudem benötige er einen sicheren Ort, um seine Kriegsausrüstung
und seinen Schatz zu lagern, und Raimund müsse ihm, gemäß
dem vor Jahresfrist abgeschlossenen Vertrag, ab sofort die Zitadelle überlassen.
Nach dieser Rede herrschte Stille. Bis dahin hatte
Johannes Antiochia wie eine geachtete Verbündete behandelt;
nun stellte er der Stadt Bedingungen wie einer besiegten feindlichen Macht.
Mit der Aussicht einer längerfristigen Besetzung ihrer Stadt konfrontiert,
waren die beiden Franken vorübergehend sprachlos. Schließlich
faßte sich Joscelin und ersuchte um Zeit, damit Raimund
und seine Getreuen über das soeben Gehörte nachdenken könnten.
Dann schlüpfte er unbeobachtet aus dem Palast und befahl seinen Leuten,
der lateinischen Bevölkerung überall mitzuteilen, der Kaiser
habe ihre unverzügliche Vertreibung angeordnet, und sie zum Angriff
auf ihre griechische Mitbevölkerung anzustachein. Innerhalb einer
Stunde war der Aufruhr im Gange. Da stürmte Joscelin in vollem
Galopp zum Palast zurück und warf sich Johannes
zu Füßen. Er sei nur knapp dem Tod durch die Hand eines wütenden
Pöbels entgangen, man habe die Tür seines Hauses eingetreten,
ihn beschuldigt, die Stadt an die Griechen verraten zu haben, und gedroht,
ihn umzubringen.
Nach zwei Monaten in Gesellschaft des Grafen von Edessa
wußte Johannes sehr wohl um dessen
Falschheit; doch da war der Tumult auch im Palast schon deutlich zu hören.
Es galt unter allen Umständen ein Massaker zwischen der griechischen
und der lateinischen Bevölkerung zu verhindern. Johannes
erkannte auch die Gefahr, dass sein Heer, abgesehen von einigen Angehörigen
seiner Leibgarde, das Lager mehrere Kilometer weit entfernt jenseits des
Orontes aufgeschlagen hatte und er somit in einer zunehmend feindseligen
Stadt exportiert war. Unter so radikal veränderten Bedingungen stand
eine frühzeitige Wiederaufnahme des syrischen Feldzuges außer
Frage. Er teilte Raimund und Joscelin mit, dass er sich für
den Moment mit der Erneuerung ihres Eides zufriedengebe und sich entschieden
habe, nach Konstantinopel zurückzukehren. Dann schloß er sich
wieder seinen Truppen an und brach ein, zwei Tage später in Richtung
Heimat auf.
Dort erwarteten ihn gute Neuigkeiten. Sein Bruder
Isaak
und dessen Sohn Johannes,
welche die letzten acht Jahre mit den moslemischen Fürsten gegen ihn
gemeinsame Sache gemacht und Intrigen angezettelt hatten, hatten sich ergeben.
Ob sie ihr früheres Verhalten tatsächlich bereuten oder ob Johannes
Komnenos' jüngste Erfolge im Osten und seine damit
verbundene zunehmende Beliebtheit im Reich sie davon überzeugten,
dass ihr Vorhaben zum Scheitern verurteilt war, können wir nur raten.
Es wurde ihnen indes volle Vergebung zuteil - und das war mehr, als sie
erwartet oder verdient hatten.
Die Geschichte von Johannes'
letzten Feldzügen ist rasch erzählt. In den Jahren 1139 und 1140
war er vollauf mit dem Sohn seines alten Feindes Emir Ghazi II. beschäftigt,
dem DANISCHMENDIDEN-Emir Mohammed.
Seine Aufgabe komplizierte sich durch die Tatsache, dass Konstantin
Gabras, Herzog von Trapezunt, gegen seine Oberhoheit rebellierte
und sich mit den DANISCHMENDIDEN verbündete.
1139 verlief für Byzanz alles gut: Johannes
und sein Heer zogen ostwärts, durch Bithynien und Paphlagonien, die
südliche Schwarzmeerküste entlang, und seine Feinde wichen stetig
vor ihm zurück. Noch vor Ablauf des Jahres hatte sich der treulose
Herzog ihm unterworfen, worauf Johannes sich
nach Süden wandte und gegen die DANISCHMENDIDEN-Feste
Neucäsarea zog. Dort ließ ihn sein Glück erstmals im Stich.
Diese natürliche, von Mohammeds Besatzung hervorragend verteidigte
Festung Niksar erwies sich als uneinnehmbar; das wilde Bergland erschwerte
den Nachschub, und die byzantinischen Verluste lagen hoch. Die größte
Demütigung aber erlebte Johannes,
als sein Neffe und Namensvetter, jener besagte Sohn seines Bruders
Isaak, der ihn erst vor kurzem für
seine frühere Untreue um Verzeihung gebeten hatte, zum Feind überlief
und nicht nur zum Islam übertrat, sondern auch noch die Tochter
des seldschukischen Sultans Mas'ud
zur Frau nahm. Gegen Ende 1140 hob Kaiser
Johannes die Belagerung auf, bei der, nebenbei bemerkt, sein
jüngster Sohn Manuel
anläßlich
eines plötzlichen Ausfalls der Verteidigungstruppen großen Mut
bewiesen hatte. Das byzantinische Heer kehrte mitsamt seinem Kaiser und
Oberbefehlshaber nach Konstantinopel zurück, mit der Absicht, die
Operation im Jahr darauf wieder aufzunehmen. Als es soweit war, war Mohammed
tot, und der übliche Zwist um sein Erbe ermöglichte
Johannes,
seine Pläne zu ändern und seine Kräfte einmal mehr auf die
Situation in Syrien zu konzentrieren.
In den drei Jahren seiner Abwesenheit hätten die
lateinischen Fürsten viel erreichen können, denn Zengi war
vollauf mit der Eroberung von Damaskus beschäftigt. Statt dessen hatten
sie sämtliche Gelegenheiten vertan. Weder gegen die Sarazenen waren
Fortschritte erzielt worden, noch war es ihnen auch nur gelungen, die früheren
Eroberungen von Johannes zu halten;
fast alle befanden sich längst wieder in moslemischer Hand. Das bedeutete
zwar nicht, dass eine weitere syrische Expedition sinnlos war, bewies aber
sehr wohl, dass die Regenten von Antiochia und Edessa keinerlei Vertrauen
verdienten. Johannes ließ die
nötigen Vorbereitungen treffen, und im Frühjahr 1142 brach er
einmal mehr mit seinen vier Söhnen auf, diesmal zur letzten Reise
gegen Osten.
Sie zogen Richtung Attaleia (Antalya) an der Südküste,
deren Nachschublinien zu Land wieder einmal in Gefahr waren. Die ersten
Wochen verwandten sie darauf, die nomadisierenden Turkstämme und deren
seldschukische Herrscher zurückzudrängen und, wo nötig,
die Grenzbefestigungen zu verstärken. Im Hochsommer trafen sie dann
in Attaleia ein - und dort nahm das Trauerspiel seinen Lauf. Johannes'
ältester Sohn Alexios,
rechtmäßiger Thronfolger des Reiches, erkrankte und starb
innerhalb weniger Tage.
Johannes, der
ihm sehr zugetan war, wies seinen zweiten Sohn Andronikos
und
seinen dritten Sohn Isaak an,
den Leichnam ihres Bruders auf dem Seeweg nach Konstantinopel zu begleiten;
auf dieser Fahrt starb auch Andronikos;
vermutlich erlag er derselben Krankheit. Diesen doppelten Schlag vermochte
Johannes fast nicht zu verkraften. Dennoch rückte er mit
den Truppen in Gewaltmärschen weiter vor, durch Kilikien und immer
weiter ostwärts, bis er Mitte September unvermutet in Turbessel (Teil
el-Bashir), der zweitgrößten Stadt der Grafschaft Edessa, eintraf,
wo der überrumpelte Joscelin ihm unverzüglich seine
kleine Tochter Isabella als Geisel anbot. Am 25. September hielt er
sich in der gewaltigen Templerhochburg Baghtas auf und sandte von dort
aus eine Botschaft an Raimund, in der er von ihm die sofortige Übergabe
von Antiochia forderte - und sein früheres Versprechen erneuerte,
ihn dafür in Form künftiger Eroberungen zu entschädigen.
Diesen Augenblick hatte Raimund seit langer Zeit
gefürchtet. Es war ihm nicht möglich, wie Joscelin vier
Jahre zuvor einen Aufruhr zu provozieren, hatte seine Unfähigkeit
ihn doch derart unbeliebt gemacht, dass die Mehrheit der einheimischen
christlichen Bevölkerung nur zu gerne den Kaiser an seiner Statt empfangen
hätte. Seine einzige Chance bestand darin, Zeit zu gewinnen. Er gab
mit vollendeter Höflichkeit zur Antwort, dass er sich mit seinen Vasallen
beraten müsse, was er auch sofort tat. Und die Vasallen weigerten
sich. Sie wiesen darauf hin, dass Raimund die Stadt nur als Angetrauter
der rechtmäßigen Erbin regiere; er habe kein Recht, über
ihren Besitz zu verfügen und selbst wenn Konstanze ihre Einwilligung
zur Übergabe Antiochias gäbe, so wäre diese ohne ihre Zustimmung
ungültig und sie würden eine solche unter keinen Umständen
geben: jeder Versuch, Antiochia auszuliefern, werde daher die sofortige
Entthronung Raimunds und Konstanzes zur Folge haben.
Johannes, den diese
Botschaft in Baghras erreichte, erkannte sogleich, dass dies Krieg hieß.
Doch der Winter nahte, und die Soldaten waren erschöpft. Er beschloß
den Angriff auf das Frühjahr zu verschieben, und gestattete seinen
Männern, ein, zwei Wochen lang in den umliegenden fränkischen
Gütern zu wüten, um Raimund und seinen Freunden einen
Vorgeschmack darauf zu geben, was sie erwartete, und begab sich dann mit
ihnen zurück nach Mikien, um sich mit den noch verbliebenen danischmendidischen
Vorposten auseinanderzusetzen, den Winter zu verbringen und die entsprechenden
Vorbereitungen für den Feldzug zu treffen, weicher der entscheidendste
seines Lebens zu werden versprach.
Leider traf er diese Vorbereitungen umsonst. Im März
1143, als alles bereit stand, brach er zu einem kurzen Jagdausflug in den
Taurus auf und wurde in dessen Verlauf versehentlich durch einen Pfeil
an der Hand verletzt. Die Wunde schien geringfügig, und er beachtete
sie zunächst nicht. Doch rasch entzündete sie sich, und er
bekam eine Blutvergiftung. Bald erkannte er, dass er sterben würde.
So oft hatte er in seinem Leben dem Tod gegenübergestanden, dass er
ihn offenbar nicht mehr fürchtete. Ruhig und kompetent machte er sich
an die Vorkehrungen für seine Nachfolge. Von den beiden überlebenden
Söhnen hielt sich der ältere,
Isaak, noch in Konstantinopel auf, Manuel,
der jüngste, bei ihm. Beide hatten Fürsprecher, und Johannes
hörte sich deren Argumente aufmerksam an, aber er wies
sie alle unmißverständlich darauf hin, dass die endgültige
Entscheidung allein ihm vorbehalten bleibe.
Am Ostersonntag, dem 4. April, empfing der sterbende
Kaiser die heilige Kommunion. Entschlossen, nichts Unerledigtes zu hinterlassen,
veranlaßte er, dass die Türen zu seinem Gemach für alle
im Lager offenstehen sollten, so dass ein jeder mit einer Bitte offen zu
ihm sprechen könne. Tags darauf - das ganze Lager ertrank fast im
Regen und Schlamm - standen sie ebenfalls offen, und er verteilte seine
letzten Geschenke an die, welche ihm am treusten gedient hatten, darunter
auch Nahrungsmittel von der kaiserlichen Tafel. Dann - und erst dann -
berief er eine Versammlung ein, um seinen Nachfolger bekanntzugeben. Beide
Söhne, so sagte er, seien vortreffliche junge Männer, stark,
intelligent und voller Elan. Isaak neige
jedoch zu Wutanfällen, während Manuel
zusätzlich zu allen Qualitäten seines Bruders über eine
einzigartige Milde gebiete und daher imstande sei, gegebenen Rat geduldig
zur Kenntnis zu nehmen und dem Diktat der Vernunft zu folgen. Deshalb werde
Manuel, das jüngste seiner Kinder, seine Nachfolge antreten.
Er wandte sich seinem Sohn zu, der neben seinem Bett kniete, und brachte
noch die Kraft auf, zuerst das kaiserliche Diadem auf das Haupt des jungen
Mannes zu setzen und ihm dann den kaiserlichen Purpur um die Schultern
zu legen.
Johannes lebte, zusehends
schwächer werdend, noch weitere drei Tage. Am 8. April 1143
ließ er einen heiligen Mönch aus Pamphylien rufen, damit er
ihm die Beichte abnehme und die letzte Ölung spende. Sein Tod, der
fast unmittelbar danach eintrat, vollzog sich damit ebenso gottesfürchtig,
effizient und wohlgeordnet wie sein Leben. In der Tat, kaum ein anderer
Kaiser hat härter gearbeitet oder sich ausschließlicher dem
Wohl des Reichs hingegeben. Gewiß starb er enttäuscht: Wären
ihm nur noch ein paar Jahre mehr vergönnt gewesen, hätte er die
byzantinische Macht wahrscheinlich bis tief nach Syrien, ja vielleicht
sogar bis nach Palästina ausgedehnt und möglicherweise die ihr
bei Mantzikert zugefügten schrecklichen Schäden weitgehend wiedergutgemacht.
Nun aber mußte er schon im Alter von 53 Jahren sterben und sein Lebenswerk
im Osten unvollendet lassen. Immerhin durfte er sich mit der Gewißheit
trösten, dass er an seinen Sohn Manuel ein
stärkeres und größeres, vor allem aber ungleich höher
geachtetes Reich weitergab, als es dies in den ganzen 72 Jahren nach der
großen Niederlage gewesen war. Und es blieb ihm noch ein weiterer
Trost: Manuel selbst. Er würde
sich, dessen war er sicher, als würdiger Nachfolger erweisen.