Andronikos der Schreckliche (1180-1185)
"Im Leben dieses Prinzen, so brillant und doch so korrupt, widerwärtiger Tyrann und hervorragender Staatsmann zugleich, der das Reich hätte retten können, doch nur dessen Untergang beschleunigte, finden wir wie in einer grandiosen Zusammenfassung alte wesentlichen Merkmale, alte Gegensätze der byzantiniscben Gesellschaft vereint: diese seltsame Mischung von Gut und Böse - grausam, abscheulich und dekadent, aber auch des Großmuts, der Tatkraft und Anstrengung fähig; einer Gesellschaft, der es über so viele Jahrhunderte hinweg, in all den sorgenvollen Zeiten ihrer Geschichte stets gelang, die notwendigen Mittel zum Leben und Überleben aus sich selbst zu scböpfen, und zwar nicht ohne Glanz." Charles Diehl Figures Byzantines
Alexios Komnenos II. war
ein unscheinbares Kind. Der Chronist Niketas Choniates berichtet. "Der
junge Herrscher, unreif und unfähig, für das Staatswohl zu sorgen,
kümmerte sich um keine einzige seiner Pflichten. Ohne ernsthafte Erziehung
aufwachsend, ohne schon wahre Freude und wahren Schmerz kennengelernt zu
haben, hatte er nur für Jagd und Pferderennen Sinn. Sein ganzer Umgang
waren seine gleichaltrigen Spielgefährten, und das prägte seinem
Wesen die übelsten Züge ein." In der Zwischenzeit herrschte seine
Mutter, Kaiserin
Maria von Antiochia, an seiner Statt als Regentin. Nie
zuvor hatte jemand lateinischer Abstammung in Konstantinopel regiert, und
so trat sie ihr Amt mit einem schwerwiegenden Nachteil belastet an. Dem
byzantinischen Volk war, wie wir gesehen haben, schon die Vorliebe Manuels
für alles Westliche ein Dorn im Auge gewesen; nun befürchtete
man - und mit gutem Grund - eine weitere Ausdehnung der Handelsrechte und
Privilegien für die italienischen und fränkischen Kaufleute.
Die Besorgnis wuchs zusehends, als Maria eine
weitere äußerst prowestlich eingestellte Persönlichkeit
zu ihrem obersten Ratgeber ernannte, nämlich den Protosebastos
Alexios, Manuels Neffen
und Onkel Königin
Theodoras von Jerusalem. Es dauerte nicht lange, bis allgemein
gemunkelt wurde, sie habe ihren Berater auch zu ihrem Geliebten gemacht,
obwohl aus der Beschreibung von Niketas nicht recht zu ersehen ist, was
sie, die Kaiserin - deren Schönheit in der ganzen christlichen Welt
gerühmt wurde -, an ihm hätte finden können, denn er schreibt:
Er war sehr verweichlicht und vergeudete nicht bloß
den Morgen mit tiefem Schlaf, sondern opferte sogar einen großen
Teil des Tages seinem Schlummer. Damit ihm nun nicht die Sonne, wenn sie,
von allen freudig begrüßt, ihre Augen aufschlägt, seine
eigenen Augen öffne, verdunkelte er sein Schlafgemach mit dichteren
Vorhängen [...] Oder wahrer gesagt: Die Nacht durchschwelgte er und
brach das nächtliche Dunkel durch künstliches Licht; wenn aber
die Sonne am östlichen Horizont heraufstieg, verkroch er sich wie
ein wildes Tier in seinem Schlafgemach und sperrte das Licht durch Decken
und Vorhänge aus. Er putzte sich aber auch seine faulenden Zähne
und ersetzte jene, die ihm mit der Zeit ausfielen, durch künstliche.
Nun, die Unzufriedenheit wuchs also, und es begannen sich
verschiedene Verschwörungsnester zu bilden, insbesondere jenes, in
dem die gleichnamige Stieftochter Kaiserin
Marias als Drahtzieherin wirkte. Das Komplott wurde indes aufgedeckt,
und diese
Maria, ihr Ehemann
Rainier von Montferrat
und die übrigen Verbündeten schafften
gerade noch die Flucht in die Hagia Sophia und verbarrikadierten sich dort.
Aber Kaiserin Maria
von Antiochia scherte sich nicht um die Anerkennung kirchlichen
Asylrechts. Sie sandte umgehend die kaiserliche Wache mit der Order aus,
sich der Verschwörerin und ihres Gefolges zu bemächtigen, und
einzig die persönliche Vermittlung des Patriarchen bewahrte die Hagia
Sophia vor der Entweihung. Dieser Vorfall erschütterte die byzantinische
Bevölkerung zutiefst, und die ihm folgende Exilierung und Verfügung
seiner Heiligkeit in ein Kloster zur Strafe für seine Einmischung
machte die Regierung so unbeliebt wie nie zuvor. Das Ausmaß öffentlichen
Unwillens, der Kaiserin Maria
entgegenschlug, war derart groß, dass sie nie wagte, ihre Stieftochter
Maria
zu bestrafen. Auch rührte
sie sich nicht, als das Volk später geschlossen zum Kloster des Patriarchen
marschierte und ihn zurück nach Konstantinopel trug. Die ganze Angelegenheit
hätte nicht undiplomatischer gehandhabt werden können.
Der erste Staatsstreich war also fehlgeschlagen. Doch
drohte bald darauf von einem anderen Mitglied der kaiserlichen Verwandtschaft
Gefahr, diesmal von einem Mann, und zwar einem solchen ganz anderer Größenordnung.
Andronikos
Komnenos, der leibliche Vetter Kaiser
Manuels, Sohn des Sebastocrator
Isaak, muß ein wahres Wunderwesen gewesen sein. Im Jahre
1182 war er bereits 64 Jahre alt, soll jedoch ausgesehen haben wie 40.
Über 1,80 m groß und in hervorragender körperlicher Verfassung,
hatte er sich das gute Aussehen, die geistige Frische und den charmanten
Umgangston, Witz, Eleganz und ein ungetrübtes Selbstbewußtsein
bewahrt, was ihm zusammen mit dem Ruhm für seine fast legendären
Großtaten im Bett und auf dem Schlachtfeld einen beispiellosen Ruf
eingetragen hatte. Die Liste seiner Eroberungen schien endlos, jene der
Skandale, in die er verwickelt war, nur geringfügig kürzer. Insbesondere
drei Fälle hatten
Manuel in Wut
versetzt. Einmal, dass
Andronikos ein
offenkundiges Verhältnis mit seiner Kusine - und Manuels
Nichte
- Eudokia Komnena unterhielt und
diesbezügliche Kritik mit dem Hinweis abzutun wagte, dass Untertanen
doch stets dem Beispiel ihres Oberhauptes folgen müßten und
zwei Dinge nach dem gleichen Strickmuster in der Regel auch gleichermaßen
annehmbar seien. Das war eindeutig eine Anspielung auf die Verbindung Manuels
und
Theodoras,
einer Schwester
Eudokias, für
die der Kaiser eine mehr als nur onkelhafte Zuneigung hegte. Der zweite
Punkt war, dass Andronikos einige Jahre
später in Kilikien die ihm anvertrauten Truppen ohne weiteres mit
der Absicht im Stich ließ, die liebliche Philippa von Antiochia
zu
gewinnen, obwohl er gewußt haben muß, dass dies ernsthafte
Folgen nach sich ziehen würde. Philippa war sowohl die Schwester
des regierenden Fürsten von Antiochia, Bohemund III., als
auch Kaiserin Marias,
also
Manuels Schwägerin.
Dies verlieh dem Ganzen, soweit es Andronikos
betraf, indes höchstens noch etwas mehr Würze. Obwohl er bereits
48 Jahre zählte und seine Angebetete erst 20, erwies sie den süßen
Tönen unter ihrem Fenster offenbar die Ehre, so dass er nach einigen
Tagen der Liste seiner Auserwählten einen neuen Namen hinzufügte.
Danach blieb den beiden allerdings nur wenig Zeit, sich
ihres Glücks zu erfreuen. Außer sich ordnete der empörte
Manuel
Andronikos' sofortige Abberufung an, und auch Bohemund
gab zu verstehen, dass er nicht die Absicht habe, einen derartigen Skandal
zuzulassen. Vielleicht war damit Andronikos'
Eitelkeit
aber ohnehin schon Genüge getan, und er - oder sie? - hatte das Interesse
verloren. Auf jeden Fall begab sich Andronikos
eilends ins Heilige Land, um sich König
Amalrich von Jerusalem zur Verfügung zu stellen. Dort,
in Akko, begegnete er erstmals seiner Verwandten
Königin Theodora, der 21-jährigen
Witwe König
Balduins III., Amalrichs
Vorgänger.
Sie wurde die Liebe seines Lebens. Als er bald darauf sein neues
Lehen in Beirut antrat, das ihm Almarich
kurz
zuvor in Anerkennung seiner Dienste verliehen hatte, schloß Theodora
sich ihm an. Ihre Blutsverwandtschaft verbot ihnen die Eheschließung,
und so lebten die beiden in offener Sünde zusammen, bis der Boden
auch in Beirut zu heiß für sie wurde.
Nach einer langen Irrfahrt im moslemischen Osten ließen
sich Theodora und Andronikos
schließlich
in Kolonea nieder, direkt jenseits der östlichen Reichsgrenze, und
lebten dort eine Weile unbehelligt von den Mitteln, die sie hatten mitnehmen
können und mit dem Erlös aus kleineren Plünderzügen
ergänzten. Aber ihre Idylle fand ein jähes Ende, als Theodora
und ihre beiden noch kleinen Söhne von den Schergen des Herzogs von
Trapezunt verschleppt und nach Konstantinopel geschafft wurden. Gepeinigt
vom Verlust, eilte Andronikos ihr in
die Hauptstadt nach, wo er sich sofort aus freien Stücken
Manuel theatralisch vor die Füße warf und ihm alles
versprach, wenn er nur die geliebte Frau und die Kinder zurückerhalte.
Manuel
zeigte sich gewohnt großzügig; schließlich war Theodora
seine Nichte. Indes konnte er eine zugleich so ungehörige
wie öffentlich bekannte Verbindung in Konstantinopel nicht dulden;
so erhielten die beiden denn eine komfortable Festung an der Schwarzmeerküste,
um dort in einigermaßen ehrenvollem Exil und - so hoffte man allgemein
- friedlicher Zurückgezogenheit zu leben.
Allein, dem sollte nicht so sein. Andronikos
hatte immer schon nach der kaiserlichen Krone geschielt, und als ihm nach
Manuels
Tod Berichte über den wachsenden Aufruhr gegen die Regentschaft
Kaiserin Marias
zu Ohren kamen, bedurfte es nur wenig, um ihn davon zu überzeugen,
dass seine Chance endlich gekommen war. Anders als Maria
von Antiochia, "die Fremde", wie ihre Untertanen sie verächtlich
nannten, war er ein echter KOMNENOS.
Auch verfügte er über Tatkraft, Geschick und Entschlußkraft.
Und was sich in solchen Situationen oft als noch entscheidender erweist.
Seine romantische Vergangenheit verlieh ihm eine allgemeine Anziehungskraft,
die im ganzen Reich ihres gleichen suchte. Im August 1182 zog er gegen
die Hauptstadt Konstantinopel. Sein altes Zaubermittel wirkte so stark
wie eh und je. Die gegen ihn ausgesandten Truppen verweigerten den Kampf;
deren Befehlshaber Andronikos Angelos ergab sich und schloß sich
ihm an, ein Beispiel, dem bald darauf der befehlshabende Admiral der kaiserlichen
Flotte auf dem Bosporus folgte. Andronikos Komnenos
zog weiter, und das Volk strömte aus den Häusern, um ihm zuzujubeln;
bald war die Straße von seinen Gefolgsleuten gesäumt. Noch bevor
er die Meerenge überquert hatte, brach in Konstantinopel der Aufstand
los, und mit ihm explodierte die aufgestaute Fremdenfeindlichkeit, die
die Ereignisse der vorangegangenen zwei Jahre so sehr begünstigt hatten.
In der Folge wurde praktisch die gesamte lateinischstämmige Bevölkerung
der Stadt niedergemetzelt - Frauen und Kinder, Alte und Gebrechliche, selbst
die Kranken - und das ganze von ihr bewohnte Viertel bis auf die Grundmauern
niedergebrannt. Im Palast fand man den vor Furcht sich windenden Protosebastos
Alexios, zu verängstigt, um die Flucht auch nur zu erwägen;
er wurde in ein Verlies geworfen und später, auf Andronikos'
Geheiß hin, geblendet. Der junge Kaiser
Alexios II. Komnenos und seine Mutter, Kaiserin
Maria, wurden in die kaiserliche Villa des Philopation überführt,
wo sie ausharren mußten, bis Andronikos
nach Belieben über sie verfügen würde.
Ihr Schicksal muß ihre sämtlichen Befürchtungen
übertroffen haben. Der Triumph förderte die andere Seite von
Andronikos'
Charakter zutage: eine Grausamkeit und Brutalität, die wenige in ihm
vermutet hätten und die weder durch einen Funken Mitleid noch durch
Skrupel oder Moral gemildert wurden. Obwohl inzwischen allmächtig,
war er noch nicht Kaiser; und so begann er methodisch und kaltblütig
alle zu eliminieren, die zwischen ihm und dem Thron standen. Prinzessin
Maria und ihr Ehemann mußten als erste über die Klinge
springen; sie starben rasch und unter mysteriösen Umständen,
doch niemand zweifelte daran, dass sie vergiftet worden waren. Dann war
die Reihe an Kaiserin
Maria von Antiochia. Ihr
13-jähriger Sohn Alexios wurde
gezwungen, das Todesurteil eigenhändig zu unterschreiben, und sie
wurde in ihrer Zelle erdrosselt. Im September des Jahres 1183 ließ
sich Andronikos zum Mit-Kaiser
krönen, und zwei Monate später fand auch der junge Kaiser
Alexios II. Komnenos durch eine Bogensehne den Tod; seinen Leichnam
warf man in den Bosporus. Damit waren, wie Niketas sich ausdrückte,
alle Bäume im kaiserlichen Garten gefällt. Lediglich eine Formalität
galt es noch zu erledigen. Die letzten dreieinhalb Jahre seines kurzen
Lebens war Alexios mit Agnes
von Frankreich verheiratet gewesen, die inzwischen den byzantinischeren
Namen Anna trug. Kaum war ihr 13-jähriger Gemahl beseitigt,
nahm der neue, mittlerweile 64-jährige Kaiser die zwölfjährige
Kaiserin zur Frau.
Keine Herrschaft hätte weniger glücklich beginnen
können. Nur in einer Hinsicht war Kaiser
Andronikos dem Reich zuträglicher
als Manuel. Er zog gegen sämtliche
administrativen Mißbräuche ins Feld, wo immer er sie fand und
in welcher Form sie auch auftraten. Nur wurde er leider selbst bei der
Ausübung seiner Macht immer verdorbener, während er der Regierungsmaschinerie
die Korruption allmählich austreiben ließ. Gewalttätigkeit
und Roheit schienen seine einzigen Waffen zu sein; der berechtigte Kampf
gegen die Auswüchse des Militäradels artete rasch in ein Blutbad
nach dem anderen und willkürliches Gemetzel aus. So soll Andronikos
die Weinstöcke in Brussa von aufgeknüpften Leichnamen
niederhängend zurückgelassen und verboten haben, diese loszuschneiden
und zu bestatten, da er wollte, dass sie in der Sonne trockneten und dann
schaukelten und flatterten, wenn sie vom Wind ergriffen wurden, wie die
Vogelscheuchen in den Obstgärten zur Abschreckung der Vögel.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis Kaiser
Andronikos selbst Grund zur Angst bekam. Seine Beliebtheit war
verflogen, denn der Reichsretter hatte sich als Ungeheuer entlarvt. Einmal
mehr lagen Aufstand und Umsturz in der Luft; Verschwörungen schossen
wie Unkraut aus dem Boden, in der Hauptstadt wie in den Provinzen. Überall
gab es Verräter. Wer Andronikos
und seinen Schergen in die Hände fiel, wurde zu Tode gefoltert, oft
in seiner Gegenwart, manchmal durch seine eigene Hand. Doch viele entkamen
in den Westen, wo sie sicher sein durften, dass man sie mit offenen Armen
aufnahm. Denn dort, dessen war sich Kaiser
Andronikos
wohl bewußt, hatte man das Massaker von 1182
nicht vergessen; und so zogen auch von jener Seite dunkle Wolken auf. Bereits
1181 hatte König
Bela III. von Ungarn - bis dahin nur durch seine persönliche
Verbindung mit Manuel im Zaum gehalten
- Dalmatien, einen Großteil von Kroatien und den Bezirk Sirmium zurückerobert,
Gebiete, die Byzanz nur ein paar Jahre zuvor unter großen Verlusten
errungen hatte. 1183 fielen Belas Truppen
gemeinsam mit denen des serbischen Groß-Zhupan
Stephan Nemaja in byzantinisches
Reichsgebiet ein. Belgrad, Branicewtza, Naissus (Nis) und Serdika (Sofia)
wurden in solchem Ausmaß geplündert, dass die Kreuzfahrer des
3. Kreuzzugs diese Städte auf ihrer Marschroute noch sechs Jahre später
verlassen und zerstört vorfanden.
Auch in Asien gab es Schwierigkeiten - nicht von moslemischer
Seite, sondern seitens des landbesitzenden Militäradels, gegen den
Andronikos
(obwohl er ihm selber angehörte) besonderen Haß hegte. So setzte
sich einer seiner Verwandten, nämlich
Manuels
Großneffe Isaak Komnenos, auf der strategisch wichtigen
Insel Zypern formell als Oberhaupt ein und erklärte sie als reichunabhängig,
der erste Schritt, so könnte man folgern, zum Zerfall des Reichs.
Die größte Bedrohung aber ging von einer der ältesten und
entschiedensten aller Feindmächte des Byzantinischen Reichs aus: vom
normannischen Sizilien.
Anfang Januar 1185 befand sich der arabische Handlungsreisende
ibn Jubair im sizilianischen Hafenort Trapani und hatte gerade eine Überfahrt
an Bord eines genuesischen Schiffes gebucht, das ihn zurück in seine
spanische Heimat bringen sollte. Ein, zwei Tage vor der planmäßigen
Abfahrt traf in Trapani eine Weisung der Regierung aus Palermo ein: Bis
auf weiteres sei der Hafen für den gesamten Ausreiseverkehr zu sperren.
Eine riesige Kriegsflotte werde einsatzbereit gemacht, und kein anderes
Schiff dürfe auslaufen, bevor diese sich nicht auf ihrem Kurs befinde.
Ein ähnlicher Befehl erging an sämtliche Häfen
auf Sizilien: eine Sicherheitssperre von noch nie dagewesenem Ausmaß.
Sogar auf der Insel selbst schienen nur wenige wirklich zu wissen, was
vorging. In Trapani, so berichtet Ibn Jubair, hatten alle ihre eigenen
Vorstellungen, was die Flotte, ihre Größe, ihren Zweck und ihr
Ziel betraf. Manche nannten als Bestimmungshafen Alexandria, wo eine sizilianische
Marineexpedition elf Jahre zuvor mit einer Katastrophe geendet hatte; andere
vermuteten einen Angriff auf Mallorca, seit einigen Jahren ein beliebtes
Ziel sizilianischer Übergriffe. Unweigerlich fanden sich aber auch
viele, die fest überzeugt waren, dass die Flotte gegen Konstantinopel
ziehen sollte. In den vergangenen Jahren war kaum ein Schiff aus dem Osten
eingelaufen, ohne sein eigenes Kontingent an grausigen Berichten über
Andronikos' neueste Greueltaten mitzubringen, und inzwischen
ging das Gerücht um, unter den immer zahlreicheren byzantinischen
Flüchtlingen, die auf Sizilien Schutz suchten,
befinde sich ein geheimnisvoller Jüngling, der behaupte, er sei der
rechtmäßige Kaiser
Alexios II. Und falls er, wie es hieß, tatsächlich
vom König empfangen worden war und diesen von der Wahrheit seiner
Geschichte hatte überzeugen können, war es doch nicht mehr als
natürlich, dass Wilhelm der Gute einen
Feldzug unternahm, um diesem Jüngling seinen Thron zurückzugewinnen.
Wir werden nie wissen, ob ein solcher Anwärter tatsächlich
am Hof in Palermo vorstellig wurde. Der Geschichte haftet nichts Unwahrscheinliches
an. Staatsstreiche der Art, wie Andronikos
einen vollbracht hatte, rufen in der Regel ein oder zwei Thronprätendenten
auf den Plan. Robert Guiscard hatte selbst einen ausgegraben, um
sich vor seinem byzantinischen Abenteuer 1081 den Rücken zu stärken,
und Erzbischof Eustathios von Thessalonike - über den wir in
Kürze mehr erfahren werden - betrachtet es als erwiesen, dass kurz
bevor der Bericht des Ibn Jubair entstand, ein Pseudo-Alexios
durch Nord-Griechenland zog. Aber ob das Gerücht nun wahr oder
falsch war, sicher ist, dass es Wilhelm nicht
an Ermutigung für sein Unternehmen mangelte: ein Neffe Manuels
- der verwirrenderweise ebenfalls Alexios
hieß - war erst kürzlich nach Sizilien geflohen und
am Hof empfangen worden und drängte den König von Sizilien seither
nachdrücklich, gegen Konstantinopel zu ziehen und den rechtswidrigen
Throninhaber zu stürzen.
Den ganzen Winter 1184/85 verbrachte Wilhelm
II. in Messina. Er haßte den Kriegsdienst und nahm, wenn
es sich irgendwie vermeiden ließ, nie persönlich an einem Feldzug
teil. Doch diesmal hatte er die Verantwortung für die Vorbereitungen
persönlich übernommen. Obwohl er dies niemandem gegenüber
zugab, bestand sein höchstes Ziel in nichts Geringerem als der Krone
von Byzanz, und er war entschlossen, zu diesem Behuf eine Streitmacht auszusenden,
die sich eines solchen Preises als würdig erwies sowie stärker
zu Land und zu Wasser denn jede andere, die je von einem sizilianischen
Küstenstreifen ausgelaufen war. Und so verhielt es sich denn auch.
Als die Flotte schließlich unter dem Kommando seines Vetters
Tankred von Lecce die Segel setzte,
soll sie zwischen 200 und 300 Schiffe mit rund 80.000 Mann, unter ihnen
5.000 Ritter und eine Sonderabteilung berittener Bogenschützen, umfaßt
haben. Diese riesige Bodentruppe wurde dem gemeinsamen Oberbefehl von Tankreds
Schwager
Graf Richard von Acerra und eines gewissen Balduin unterstellt,
von dem nichts bekannt ist, außer einer unglaublichen Beschreibung
von Niketas Choniates:
Er stammte zwar aus keiner vornehmen Familie, stand wegen
seiner Tüchtigkeit im Kampfe aber beim König im Ansehen und nahm
damals die erste Stelle unter allen Heeresführern ein. Prahlend mit
seinen früheren Siegen über die Rhomäer, hatte er sich mit
dem großen Alexander aus Makedonien
verglichen, nur dass ihm nicht wie jenem auf seiner Brust Haare in
der Form von Adlerflügeln und -krallen wuchsen; dafür rühmte
er sich, er habe in kurzer Zeit und ohne Blutvergießen größere
Taten als jener vollbracht.
Die Expedition setzte am 11. Juni 1185 in Messina die
Segel und nahm direkten Kurs auf Durazzo (Dyrrhachion). Obwohl König
Wilhelms Versuch, sämtliche sizilianischen Häfen abzuriegeln,
nicht gänzlich gelungen war - Ibn Jubairs genuesischen Kapitänen
hatte es nur geringe Schwierigkeiten bereitet, sich ihren Weg aus Trapani
hinaus mit Schmiergeldern zu erkaufen -, scheinen seine Sicherheitsvorkehrungen
einige Wirkung gezeigt zu haben. Anders läßt sich nur schwer
erklären, warum Andronikos sich
so völlig ahnungslos überrumpeln ließ. Wie wir wissen,
hegte er dem Westen gegenüber schon lange Mißtrauen. Und er
muß gewußt haben, dass Durazzo als größter Adriahafen
seines Reiches und Ausgangspunkt der Reichsstraße Via Egnatia, die
ostwärts über Makedonien und Thrakien nach Konstantinopel führte,
für Sizilien den naheliegendsten, wenn nicht sogar einzig möglichen
Brückenkopf darstellte. Dennoch hatte er so gut wie nichts vorgekehrt,
um die Festungsmauern der Stadt zu verstärken oder die Bevölkerung
für den Fall einer Belagerung mit Lebensmittelvorräten zu versorgen.
Als er dann endlich vom bevorstehenden Angriff erfuhr, sandte er zwar rasch
Johannes Branas, einen seiner erfahrensten Heerführer,
los, um sich der Sache anzunehmen; aber Branas traf nur ein, zwei
Tage vor der sizilianischen Flotte in Durazzo ein, zu spät, um noch
etwas Sinnvolles in die Wege leiten zu können.
Durazzo war 1082, also etwas über 100 Jahre zuvor,
schon einmal unter normannische Herrschaft gefallen; doch damals geschah
dies nach einem langen, erbitterten Kampf, der auf beiden Seiten mit großem
Einsatz ausgefochten wurde, einem Kampf, in dem das byzantinische Heer
vom Kaiser persönlich und das normannische von den beiden herausragendsten
Kriegern ihrer Zeit, Robert Guiscard und seinem Sohn Bohemund,
geführt wurden und in dem sich die mit Robert Guiscard verheiratete
lombardische Fürstin Sicheigaita als ebenso kühn erwies,
so dass die durchtrainierten Angeln der warägischen Garde bis auf
den letzten Mann umkamen. Diesmal lag die Sache völlig anders. Branas,
der wußte, dass keine Chance bestand, ergab sich kampflos. Und so
befand sich Durazzo am 24. Juni, keine zwei Wochen nachdem die Flotte in
Messina in See gestochen war, in sizilianischer Hand.
Der folgende Marsch durch die Balkanhalbinsl verlief
rasch und ohne Zwischenfall. Kein einziger Versuch wurde unternommen, um
dem Vorrücken der Eindringlinge Einhalt zu gebieten. Schon am 6. August
lagerte das gesamte Landheer vor den Stadtmauern von Thessalonike, und
am 15. August bezog auch die Flotte, welche den Peleponnes hatte umsegeln
müssen, in der Reede Stellung. Die Belagerung begann. Thessalonike
war eine blühende, wohlhabende Stadt mit bereits anderthalbtausendjähriger
Geschichte sowie einer christlichen Tradition, die bis auf Paulus zurückging.
Als Flottenstützpunkt beherrschte sie die Ägäis, als kommerzielles
Zentrum wetteiferte sie mit der Hauptstadt Konstantinopel, die sie während
der jährlichen Oktobermesse sogar übertraf, wenn Kaufleute aus
ganz Europa hinströmten, um mit arabischen, jüdischen und armenischen
Kollegen aus Afrika und der Levante Geschäfte abzuschließen.
Dank der Messe wies die Stadt zudem eine feste Gemeinde westlicher Handelsleute
auf, die in ihrem eigenen Viertel direkt außerhalb der Mauern lebten.
Sie stammten weitgehend aus Italien, was sich für die Belagerungstruppen
während der folgenden Tage als wertvoll erweisen sollte. Doch die
Hauptschuld für die Katastrophe, welche Thessalonike im Sommer 1185
ereilte, liegt nicht bei den Fremden, sondern beim örtlichen Militärgouverneur
David Komnenos. Entgegen der strikten Anweisung von Andronikos,
den Feind bei jeder sich bietenden Gelegenheit und mit seiner gesamten
Stärke anzugreifen, und obwohl er - im Gegesatz zu Branas in Durazzo
- genügend Zeit gehabt hätte, die Verteidigung vorzubereiten
und Proviant einzulagern, unternahm er nichts. Binnen wenigen Tagen nach
Beginn der Belagerung gingen seinen Bogenschützen die Pfeile aus.
Bald waren nicht einmal mehr Steine für die Katapulte vorhanden. Aber
schlimmer noch. Sehr bald war klar, dass David Komnenos versäumt
hatte, die Zisternen auf ihren Wasserstand hin überprüfen zu
lassen; mehrere davon leckten, und das stellte sich erst später -
zu spät - heraus. Dennoch legte er keinen Augenblick auch nur die
geringsten Anzeichen von Scham oder Unbehagen an den Tag. So schreibt Niketas
Choniates, der ihn wahrscheinlich persönlich kannte:
Die Feinde, die sich anschickten, ihn samt der Stadt
gefangenzunehmen, wußten gar nicht, dass er sie geradezu aus weiter
Ferne herbeigesehnt hatte, dass er sich die ganze Zeit über bemühte,
sich selbst als willige Beute in ihre Hände zu spielen. Als der Augenblick
des Kampfes gekommen war und die verschiedenen Belagerungsgeräte und
Waffen gegen die Stadt heranrückten, da benahm er sich, als wäre
es seine Aufgabe, den Feinden zuzuschauen, und nicht, zu kämpfen.
Während der ganzen Belagerung wurde er bei keinem Ausfall gesehen,
obgleich die Vorkämpfer der Stadt ihn nicht wenig dazu ermunterten,
ja er erlaubte ihnen nicht einmal, einen Ausfall zu unternehmen, sondern
unterband und unterdrückte die Kampfeslust der Bürger, wie ein
Jäger, der von seinem Handwerk aber schon gar nichts versteht, das
Feuer edler Hunde. Niemand von allen Leuten in der Stadt sah ihn je in
Rüstung [...] Als die Belagerungsgeräte die Mauer beabeiteten
und Steine auf die Stadt warfen, machte er sich über das Sausen der
hineingeschleuderten Felsbrocken und das Ächzen der getroffenen Stadtmauer
lustig, und während die losgebrochenen Stücke herabstürzten,
sagte dieser kindische Tropf zu den nichtsnutzigen Kerlen, die sich mit
ihm in einem festen Gewölbe der Mauer drängten. "Hört nur,
wie das alte Weib brüllt!" "Altes Weib" nannte er nämlich die
größte der Belagerungsmaschinen, von der die Stadtmauer zugrunde
gerichtet wurde, weil sie die Steine aus ihrem Gefüge warf.
Niketas hielt sich während dieser furchtbaren Zeit
nicht in Thessalonike auf; sein Bericht über die Ereignisse beruht
jedoch auf der Darstellung des bestmöglichen Augenzeugen, nämlich
Erzbischof Eustathios von Thessalonike. Obwohl ein gefeierter Gelehrter
und Homerspezialist, war Eustathios kein Meister des Stils; auch versuchte
er als guter griechischer Patriot gar nicht erst, seine Abneigung gegen
die Lateiner zu verhehlen, die er - aus seiner Sicht zu Recht - ohnehin
als Wilde betrachtete. Doch ist seine Schilderung Die Normannen in Thessalonike,
so schwülstig und tendenziös sie auch sein mag, der einzige erhaltene
Augenzeugenbericht über die Belagerung und deren Folgen. Die Geschichte,
die darin erzählt wird, ist unschön.
Selbst wenn man sich in Thessalonike hinlänglich
vorbereitet und verteidigt hätte, scheint es kaum wahrscheinlich,
dass die thessalische Metropole sich sehr lange gegen derart wütende
und vielseitige Angriffe hätte wehren können, wie sie die normannischen
Truppen vom Stapel ließen. Die Garnison setzte ihnen so tapfer Widerstand
entgegen, wie es ihr Befehlshaber zuließ, aber es dauerte nicht lange,
da begannen die östlichen Bollwerke zu bröckeln. Inzwischen wurden
auf der Westseite einige deutsche Söldner, die innerhalb der Mauern
wohnten, bestochen, damit sie die Tore öffneten. Am 24. August brachen
die sizilianischen Truppen dann von beiden Seiten gleichzeitig über
die zweitwichtigste Stadt des Byzantinischen Reichs herein. In den Reihen
eines derart großen sizilianischen Heers muß es Hunderte von
Soldaten griechischer Abstammung gegeben haben, daneben Hunderte aus Apulien
und Kalabrien sowie aus Sizilien selbst, die in der Nähe griechischer
Gemeinden aufgewachsen und mit deren Bräuchen und religiösen
Traditionen vertraut waren, ja sogar einige Worte ihrer Sprache beherrschten.
Es wäre wohltuend, festhalten zu können, dass diese mäßigend
auf ihre weniger aufgeklärten Kampfgefährten einwirkten, doch
sie taten nichts dergleichen, oder falls doch, so fruchtete der Versuch
nicht das geringste. Das sizilianische Heer gab sich einem blutrünstigen
und orgiastischen Gemetzel sondergleichen hin, im Ausmaß seiner Auswirkungen
auf Thessalonike nur jenem vergleichbar, das die Truppen auf Befehl Kaiser
Theodosius'
des Großen 800 Jahre zuvor angerichtet hatten
und im Laufe dessen 7.000 Menschen im Hippodrom massakriert worden waren.
Vielleicht gab Eustathios die Anzahl der griechischen Zivilpersonen,
die dabei umkamen, nicht zufällig ebenfalls mit 7.000 an, doch selbst
die normannischen Befehlshaber schätzten die Zahl der Toten auf 5.000,
so dass er kaum stark übertrieben haben dürfte. Die entfesselten
Schlächter beschränkten das Grauen nicht auf Mord allein; sie
ergriffen Frauen und Kinder und schändeten sie, plünderten Häuser
und steckten sie in Brand, entweihten Kirchen und zerstörten sie.
Die letztgenannten Greueltaten lassen aufhorchen; in der ganzen Geschichte
des normannischen Sizilien finden sich auffallend wenige Vorkommnisse der
Entweihung und Schändung und keines von diesem Ausmaß. Selbst
griechische Zeugnisse geben sich, obwohl sie vom Benehmen der Lateiner
nur wenig hielten, darob erstaunt und erschüttert. Niketas gesteht:
Die Barbaren machten zwischen göttlichen und menschlichen
Dingen keinen Unterschied, sie wußten nicht das, was Gottes ist zu
ehren und achteten nicht das Recht auf Unverletzlichkeit der Schutzsuchenden
in den Kirchen [...] Dass sie gottgeweihte Geräte freventlich plünderten,
dass sie mit unreinen Händen nach Unberührbarem langten, dass
sie mit hündisch unverschämten Augen das Heilige angafften, vor
dem man die Augen niederschlagen soll, das wäre noch keine unerhörte,
noch nie dagewesene Schändung gewesen, wohl aber, dass sie die allerheiligsten
Ikonen Christi und seiner Diener zu Boden schleuderten und auf ihnen herumtrampelten,
dass sie den Schmuck aus Edelmetall, wenn einer an den Bildern war, so
gut es ging, abbrachen und die Bilder selbst auf die Straße warfen,
auf dass die Vorübergehenden darauftreten sollten, oder dass sie mit
ihnen das Feuer für den Kochtopf nährten. Das schändlichste
und allen frommen Ohren schmerzlichste war, dass einige auf den Altar -
auf den selbst den Engeln verehrungswürdigen Altartisch! - sprangen
und dort unanständige Tänze aufführten, zu denen sie in
ihrer Sprache häßlich klingende, wilde Lieder grölten.
Dann entblößtem sie ihre Scham, ließen ihr Wasser rinnen
und pißten ringsum auf den geweihten Boden."
Mit Plünderung hatte man rechnen müssen; diesen
bekannten Lohn der Soldaten für eine erfolgreiche Belagerung hätte
auch das griechische Heer ohne Zögern für sich in Anspruch genommen,
wären die Rollen umgekehrt verteilt gewesen. Anders verhielt es sich
mit den erwähnten Greueltaten, und Feldherr Balduin griff unverzüglich
hart durch. Die Stadt war in den frühen Morgenstunden gefallen; bis
zum Mittag war es gelungen, wieder annähernd Ordnung herzustellen.
Dann begannen die logistischen Probleme. Thessalonike war nicht darauf
eingerichtet, einen plötzlichen Zuwachs von 80.000 Mann zu verkraften.
Die vorhandenen Nahrungsmittel verschwanden fast ausschließlich in
sizilianischen Kehlen, und bald war die Stadtbevölkerung halb verhungert.
Das Bestatten der Leichen verursachte zusätzliche Schwierigkeiten.
Es dauerte mehrere Tage, bis diese Aufgabe erledigt war, und bis dahin
hatte die Augusthitze längst ihr Werk getan. Als Folge davon brach
eine Epidemie aus und raffte aufgrund der drangvoll engen Verhältnisse
und, so behauptet zumindest Eustathios, noch verschärft wegen
des übermäßigen Genusses von jungem Wein, allein etwa 3.000
Angehörige des Besatzungsheeres sowie eine unbekannte Anzahl Menschen
der Stadtbevölkerung dahin.
Von Anfang an schwelten auch ernsthafte religiöse
Konflikte. Die Romtreuen bemächtigten sich vieler Kirchen für
eigene Zwecke, was indes gewisse Elemente der Soldateska nicht davon abhielt,
in andere hineinzustürmen, die in griechischer Hand geblieben waren,
dort den Gottesdienst zu unterbrechen und die messelesenden Geistlichen
niederzuschreien. Ein besonders gefährlicher Zwischenfall drohte,
als ein Trupp sizilianischer Soldaten ein drängendes, rhythmisches
Hämmern als Zeichen zum Aufstand verstand und aufgeschreckt zu den
Waffen eilte. Gerade noch rechtzeitig konnte man ihnen klarmachen, dass
es sich um den Klang eines Semantron handelte, jenes Holzinstruments, mit
dem orthodoxe Gläubige zu ihren Andachten gerufen wurden. Nach ein
bis zwei Wochen hatte man zu einer knapp erträglichen Art des Zusammenlebens
gefunden. Balduin erwies sich als gewiefter Befehlshaber und Eustathios,
obwohl theoretisch ein Gefangener, scheint viel zur Vermeidung unnötiger
Spannungen beigetragen zu haben. Seine Herde wiederum fand bald heraus,
dass an diesen Fremden, die so wenig von realen Preisen und echten Werten
verstanden, Geld zu verdienen war. Bald jammerte Eusthatios über
die Unbeschwertheit, mit der die Frauen von Thessalonike die sizilianischen
Soldaten zu umgarnen pflegten. Dennoch blieb die Atmosphäre in der
Stadt und ihrer Umgebung explosiv, und sowohl die griechische Bevölkerung
als auch die sizilianischen Soldaten müssen aufgeatmet haben, als
sich die Truppen wieder in Kampfformation aufreihten und, eine kleine Garnison
zurücklassend, gegen Osten zogen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Kaiser
Andronikos nicht weniger als fünf Heere nach Thessalonike
entsandt, die das Vorrücken des Feindes verhindern sollten. Das Zersplittern
der Streitkräfte wirkt wie ein weiterer Hinweis darauf, dass sein
Thron wackelte. Unter dem Befehl eines einzigen, fähigen Anführers
vereint, hätten sie Thessalonike vielleicht retten können; so
aber zogen sich die fünf Heere auf die Anhöhen nördlich
der Straße zurück und sahen gleichsam hypnotisiert zu, wie die
sizilianischen Truppen gegen ihre Hauptstadt marschierten. Als Balduins
Vorhut die fast auf halbem Weg nach Konstantinopel gelegene Stadt Mosynopolis
erreichte, ereignete sich indes ein Vorfall, der die Lage drastisch und,
was die Eindringlinge betraf, auf verhängnisvolle Weise veränderte.
Andronikos
Komnenos hatte das erträgliche Maß endgültig
überschritten: Seine Untertanen erhoben sich gegen ihn und brachten
ihn um.
Wie überall hatten die Nachrichten aus Thessalonike
auch die Bevölkerung von Konstantinopel an den Rand der Panik gebracht.
Andronikos'
Reaktionen darauf waren bezeichnend für seinen widersprüchlichen
Charakter. Einerseits traf er entschiedene Vorkehrungen, um die Befestigungsanlagen
der Stadt zu stärken; so wurde der Zustand der Mauern sorgfältig
überprüft, Häuser, die zu nahe daran gebaut worden waren,
eingerissen, wenn man zum Schluß kam, sie könnten dem Feind
das Eindringen erleichtern, sowie eiligst eine Flotte von 100 Schiffen
mobilisiert und mit Lebensmitteln versehen. Sie war zwar nicht einmal halb
so groß wie die sizilianische, von der es hieß, dass sie sich
der Stadt rasch nähere, hatte indes in den engen Gewässern Marmarameer
und Bosporus möglicherweise immerhin eine Chance.
Andererseits gab es Zeiten und Situationen, da Andronikos
dem Ernstfall völlig gleichgültig gegenüberzustehen schien
und sich ganz seiner privaten Vergnügungssucht und einem Leben der
Ausschweifung überließ. In den drei Jahren seit seiner Thronbesteigung
hatte er zunehmnend einem lasterhaften Leben gefrönt.
Mit der Geilheit des Polypen geschlagen, jagte er der Liebe nach und raste vor Gier [...] Für seine Ausschweifungen fehlten ihm freilich die entsprechenden Kräfte. Wie Herakles jedoch beim Kampf mit der Hydra Ioliaos zum Gehilfen hatte, so stärkte er sein Geschlechtsglied durch Einreiben mit Salben und reichliche Anwendung verschiedener Mittel. So pflegte er Skingon zu essen, das ist ein im Nil lebendes, krokodilähnliches Tier; es verursacht jedem Ekel, außer denen, die glauben, solche Mittel einnehmen zu müssen, regt aber das Geschlecht an und macht fähig zum Beischlaf.
Dazu hatte er eine regelrechte Hinrichtungsmanie entwickelt,
die ihn zu neuen Grausamkeitsexzessen verleitete. Laut Niketas hielt er
einen Tag, an dem er keine Todesstrafe verhängte, für verloren.
Frauen wie Männer lebten in Angst und Sorge; nicht einmal die Nacht
bescherte ihnen Ruhe, da die entsetzlichen Erscheinungen all derer, die
massakriert worden waren, sie in ihren Träumen heimsuchten. Konstantinopel
erlebte eine der schlimmsten Terrorherrschaften seiner langen,
dunklen Geschichte; sie erreichte den Höhepunkt im September 1185,
als Andronikos ein Dekret erließ,
das die Hinrichtung sämtlicher Gefangener und Exilierter und deren
Familienangehöriger anordnete, da er sie der Komplizenschaft mit dem
eindringenden Feind verdächtigte. Zum Glück brach die Revolution
gerade noch rechtzeitig aus, um diese Tragödie zu verhindern. Der
zündende Funke sprang durch IsaakAngelos
über, einen Verwandten
Kaiser
Andronikos'
und bis dahin
unauffälligen Adligen, der des Kaisers Mißgunst erregte, als
eine Wahrsagerin ihn als zukünftigen Thronfolger bezeichnete. Er stürzte
sich auf den zu seiner Festnahme ausgesandten kaiserlichen Schergen und
erstach ihn; danach stob er im vollen Galopp zur Hagia Sophia und verkündete
allen Anwesenden, was er getan hatte. Die Nachricht verbreitete sich in
Windeseile. Die Menschen liefen zusammen, unter ihnen auch Adlige wie Isaaks
Onkel
Johannes Dukas und viele andere, die wußten, dass sie sich angesichts
der herrschenden Atmosphäre des Mißtrauens unmöglich von
der Tat würden distanzieren können, auch wenn sie sich persönlich
daran nicht beteiligt hatten. "Da sie", so Niketas, "jeden Augenblick die
Häscher erwarteten und den Tod vor Augen hatten, waren sie in großer
Furcht und klapperten mit den Zähnen und flehten die in die Kirche
geströmte, immer mehr anwachsende Menge mit leutseligen, gewinnenden
Worten an, bei ihnen zu bleiben und ihnen, so gut es gehe, beizustehen,
denn sie befänden sich in höchster Gefahr."
Und die Menge kam ihrer Bitte nach. Nachdem sie die Nacht
in der von Fackeln erleuchteten Hagia Sophia verbracht hatten, eilten die
einen am nächsten Morgen durch die Stadt und riefen aus allen Häusern
die Verantwortlichen zu den Waffen; andere brachen die Gefängnisse
auf, und die Gefangenen schlossen sich ihnen an. In der Zwischenzeit aber
wurde Isaak Angelos in der großen
Kirche zum Basileus ausgerufen.
Ein Kirchendiener holte mit einer Leiter die Krone des
Großen Konstantin, die über
dem Altar aufgehängt war, herunter und machte sie für das Haupt
des Isaakios zurecht [...] Isaakios
wies mißmutig und ärgerlich die Krone zurück, nicht weil
er nicht Kaiser hätte werden wollen, sondern weil ihn die Schwierigkeit
und Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens schreckte, ja er glaubte, nur
ein Traum, nicht die Wirklichkeit biete ihm die Krone an. Er fürchtete
auch die Wut des Andronikos und wollte
ihn durch seine Krönung nicht noch mehr in Raserei versetzen. Da nahm
der neben ihm stehende Dukas seine Kopfbedeckung ab, wobei ein ganz kahler,
wie der Vollmond leuchtende Schädel zum Vorschein kam, und flehte,
man möge ihm das Diadem aufsetzen. Das Volk weigerte sich und schrie,
es wolle nicht, dass wieder ein Greis herrsche und Kaiser sei, sie hätten
genug Schlechtes von dem Graukopf Andronikos
zu ertragen gehabt. Seinetwegen haßten und verabscheuten sie jedes
hochbejahrte Grabgespenst, besonders wenn es einen langen Bart hat, der
zweigeteilt ist und dünn wie ein Mäuseschwanz endet.
Die Nachricht vom Aufstand in Konstantinopel erreichte
Kaiser
Andronikos auf seinem Landsitz in Meludion, und er begab sich
selbstbewußt und im Vertrauen, seine Herrschaft wieder geltend machen
zu können, in die Hauptstadt. Er ritt auf direktem Weg in den Großen
Palast an der Mündung des Goldenen Horns und befahl seinen Wachen,
Pfeile in die Menge zu schießen. Als er feststellte, dass sie ihm
nur zögernd gehorchten, bemächtigte er sich eines Bogens und
begann wie ein Rasender selbst um sich zu schießen, bis er die Lage
plötzlich erkannte:
Da wandte sich Andronikos
zur Flucht, zog sich die purpurgefärbten Schuhe von den Füßen
[...], stülpte sich eine barbarische Filzmütze, die, spitz zulaufend,
einer Pyramide glich, über den Kopf und rannte wieder auf die kaiserliche
Triere, mit der er von Meludion zum Großen Palast gekommen war. Dorthin
kehrte er wieder zurück und nahm zwei Frauen mit, Anna,
die Braut des Alexios [...]
und die
Dirne Maraptike, in die Andronikos
leidenschaftlich verliebt war [...] So strebte also Andronikos
mit
aller Kraft nach dem Ziel, das er ausersehen hatte. Und zwar wollte er
zu den Tauroskythen.
Gleichzeitig drang der Pöbel in den Palast ein und
fiel über alles Wertvolle her. Allein 1.200 Münzbarren in Gold
und 3.000 in Silber sowie zahllose Schmuckstücke und Kunstwerke wurden
weggetragen. Nicht einmal die kaiserliche Kapelle wurde verschont. Die
Wütenden rissen Ikonen von den Wänden und raubten Meßkelche
vom Altar. Und der allerheiligste aller Schätze - das Reliquienkästchen
mit dem Brief, den Jesus eigenhändig an König Abgar
von Edessa geschrieben hatte -
verschwand auf Nimmerwiedersehen.
Es dauerte nicht lange, bis man des Kaisers, der Kaiserin
und Maraptike habhaft wurde. Die Frauen, die durchweg Würde
und Mut bewahrten, wurden verschont, doch Andronikos,
gefesselt und mit einer schweren Kette um den Hals im Zaum gehalten, zu
Issak
geführt, auf dass er seine Strafe erhalte. Man hackte ihm die rechte
Hand ab und warf ihn ins Gefängnis; nach ein paar Tagen ohne Nahrung
und Wasser wurde er an
einem Auge geblendet und auf ein Kamel gepackt,
um dem Zorn seiner ehemaligen Untertanen zu begegnen. Sie hatten sehr unter
ihm gelitten und waren begierig, sich zu rächen. Niketas berichtet:
Aber die stumpfsinnigen, ganz und gar ungebildeten Einwohner Konstantinopels [...] strömten von überall her [...] Die einen schlugen ihn mit Knütteln auf den Kopf, andere steckten ihm Mist in die Nase oder tauchten Schwämme in den Urin von Rindern und Menschen und drückten sie über sein Gesicht aus [...] Eine freche Dirne holte einen Topf mit heißem Wasser aus der Küche und leerte ihn über seine Wangen [...] So wurde Andronikos schmählich in einem lächerlichen Umzug, auf dem Rücken des Kamels elendiglich dem Spott preisgegeben, in das Theater (das Hippodrom) gebracht und mit einem Bastseil an den Füßen aufgehängt [...] Trotz so vieler Leiden und noch unzähliger anderer, die ich gar nicht erwähne, benahm sich Andronikos dem Grauenhaften gegenüber, das ihm widerfuhr, mannhaft und vornehm, er war auch noch bei vollem Bewußtsein. Zu seinen Bedrängern gewendet, sagte er nichts anderes als: "Herr, erbarme dich!" und "Warum zerbracht ihr ein geknicktes Rohr?" [...] Unter so vielen Drangsalen und Leiden gab Andronikos endlich qualvoll seinen Geist auf. Er streckte schmerzlich seinen rechten Arm aus und führte ihn so zum Mund, dass die meisten glaubten, er wolle das aus dem Stumpf noch hervortropfende Blut - die Hand war ihm ja erst vor kurzem abgeschlagen worden - aussaugen.
Eustathios von Thessalonike bezeichnet Andronikos
Komnenos als einen Mann so voller Widersprüche, dass man
ihn mit ebenso großer Berechtigung loben wie auch bitter verurteilen
könne, einen Koloß, der über jede Gabe verfügte, außer
über die der Mäßigung, der ebenso dramatisch starb, wie
er gelebt hatte; Held und Bösewicht, Bewahrer und Zerstörer,
Vorbild und Warnung zugleich.