Norwich John Julius: Band III Seite 165-184
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Andronikos der Schreckliche (1180-1185)

"Im Leben dieses Prinzen, so brillant und doch so korrupt, widerwärtiger Tyrann und hervorragender Staatsmann zugleich, der das Reich hätte retten können, doch nur dessen Untergang beschleunigte, finden wir wie in einer grandiosen Zusammenfassung alte wesentlichen Merkmale, alte Gegensätze der byzantiniscben Gesellschaft vereint: diese seltsame Mischung von Gut und Böse - grausam, abscheulich und dekadent, aber auch des Großmuts, der Tatkraft und Anstrengung fähig; einer Gesellschaft, der es über so viele Jahrhunderte hinweg, in all den sorgenvollen Zeiten ihrer Geschichte stets gelang, die notwendigen Mittel zum Leben und Überleben aus sich selbst zu scböpfen, und zwar nicht ohne Glanz."   Charles Diehl Figures Byzantines

Alexios Komnenos II. war ein unscheinbares Kind. Der Chronist Niketas Choniates berichtet. "Der junge Herrscher, unreif und unfähig, für das Staatswohl zu sorgen, kümmerte sich um keine einzige seiner Pflichten. Ohne ernsthafte Erziehung aufwachsend, ohne schon wahre Freude und wahren Schmerz kennengelernt zu haben, hatte er nur für Jagd und Pferderennen Sinn. Sein ganzer Umgang waren seine gleichaltrigen Spielgefährten, und das prägte seinem Wesen die übelsten Züge ein." In der Zwischenzeit herrschte seine Mutter, Kaiserin Maria von Antiochia, an seiner Statt als Regentin. Nie zuvor hatte jemand lateinischer Abstammung in Konstantinopel regiert, und so trat sie ihr Amt mit einem schwerwiegenden Nachteil belastet an. Dem byzantinischen Volk war, wie wir gesehen haben, schon die Vorliebe Manuels für alles Westliche ein Dorn im Auge gewesen; nun befürchtete man - und mit gutem Grund - eine weitere Ausdehnung der Handelsrechte und Privilegien für die italienischen und fränkischen Kaufleute. Die Besorgnis wuchs zusehends, als Maria eine weitere äußerst prowestlich eingestellte Persönlichkeit zu ihrem obersten Ratgeber ernannte, nämlich den Protosebastos Alexios, Manuels Neffen und Onkel Königin Theodoras von Jerusalem. Es dauerte nicht lange, bis allgemein gemunkelt wurde, sie habe ihren Berater auch zu ihrem Geliebten gemacht, obwohl aus der Beschreibung von Niketas nicht recht zu ersehen ist, was sie, die Kaiserin - deren Schönheit in der ganzen christlichen Welt gerühmt wurde -, an ihm hätte finden können, denn er schreibt:
Er war sehr verweichlicht und vergeudete nicht bloß den Morgen mit tiefem Schlaf, sondern opferte sogar einen großen Teil des Tages seinem Schlummer. Damit ihm nun nicht die Sonne, wenn sie, von allen freudig begrüßt, ihre Augen aufschlägt, seine eigenen Augen öffne, verdunkelte er sein Schlafgemach mit dichteren Vorhängen [...] Oder wahrer gesagt: Die Nacht durchschwelgte er und brach das nächtliche Dunkel durch künstliches Licht; wenn aber die Sonne am östlichen Horizont heraufstieg, verkroch er sich wie ein wildes Tier in seinem Schlafgemach und sperrte das Licht durch Decken und Vorhänge aus. Er putzte sich aber auch seine faulenden Zähne und ersetzte jene, die ihm mit der Zeit ausfielen, durch künstliche.

Nun, die Unzufriedenheit wuchs also, und es begannen sich verschiedene Verschwörungsnester zu bilden, insbesondere jenes, in dem die gleichnamige Stieftochter Kaiserin Marias als Drahtzieherin wirkte. Das Komplott wurde indes aufgedeckt, und diese Maria, ihr Ehemann Rainier von Montferrat und die übrigen Verbündeten schafften gerade noch die Flucht in die Hagia Sophia und verbarrikadierten sich dort. Aber Kaiserin Maria von Antiochia scherte sich nicht um die Anerkennung kirchlichen Asylrechts. Sie sandte umgehend die kaiserliche Wache mit der Order aus, sich der Verschwörerin und ihres Gefolges zu bemächtigen, und einzig die persönliche Vermittlung des Patriarchen bewahrte die Hagia Sophia vor der Entweihung. Dieser Vorfall erschütterte die byzantinische Bevölkerung zutiefst, und die ihm folgende Exilierung und Verfügung seiner Heiligkeit in ein Kloster zur Strafe für seine Einmischung machte die Regierung so unbeliebt wie nie zuvor. Das Ausmaß öffentlichen Unwillens, der Kaiserin Maria entgegenschlug, war derart groß, dass sie nie wagte, ihre Stieftochter Maria zu bestrafen. Auch rührte sie sich nicht, als das Volk später geschlossen zum Kloster des Patriarchen marschierte und ihn zurück nach Konstantinopel trug. Die ganze Angelegenheit hätte nicht undiplomatischer gehandhabt werden können.
Der erste Staatsstreich war also fehlgeschlagen. Doch drohte bald darauf von einem anderen Mitglied der kaiserlichen Verwandtschaft Gefahr, diesmal von einem Mann, und zwar einem solchen ganz anderer Größenordnung. Andronikos Komnenos, der leibliche Vetter Kaiser Manuels, Sohn des Sebastocrator Isaak, muß ein wahres Wunderwesen gewesen sein. Im Jahre 1182 war er bereits 64 Jahre alt, soll jedoch ausgesehen haben wie 40. Über 1,80 m groß und in hervorragender körperlicher Verfassung, hatte er sich das gute Aussehen, die geistige Frische und den charmanten Umgangston, Witz, Eleganz und ein ungetrübtes Selbstbewußtsein bewahrt, was ihm zusammen mit dem Ruhm für seine fast legendären Großtaten im Bett und auf dem Schlachtfeld einen beispiellosen Ruf eingetragen hatte. Die Liste seiner Eroberungen schien endlos, jene der Skandale, in die er verwickelt war, nur geringfügig kürzer. Insbesondere drei Fälle hatten Manuel in Wut versetzt. Einmal, dass Andronikos ein offenkundiges Verhältnis mit seiner Kusine - und Manuels Nichte - Eudokia Komnena unterhielt und diesbezügliche Kritik mit dem Hinweis abzutun wagte, dass Untertanen doch stets dem Beispiel ihres Oberhauptes folgen müßten und zwei Dinge nach dem gleichen Strickmuster in der Regel auch gleichermaßen annehmbar seien. Das war eindeutig eine Anspielung auf die Verbindung Manuels und Theodoras, einer Schwester Eudokias, für die der Kaiser eine mehr als nur onkelhafte Zuneigung hegte. Der zweite Punkt war, dass Andronikos einige Jahre später in Kilikien die ihm anvertrauten Truppen ohne weiteres mit der Absicht im Stich ließ, die liebliche Philippa von Antiochia zu gewinnen, obwohl er gewußt haben muß, dass dies ernsthafte Folgen nach sich ziehen würde. Philippa war sowohl die Schwester des regierenden Fürsten von Antiochia, Bohemund III., als auch Kaiserin Marias, also Manuels Schwägerin. Dies verlieh dem Ganzen, soweit es Andronikos betraf, indes höchstens noch etwas mehr Würze. Obwohl er bereits 48 Jahre zählte und seine Angebetete erst 20, erwies sie den süßen Tönen unter ihrem Fenster offenbar die Ehre, so dass er nach einigen Tagen der Liste seiner Auserwählten einen neuen Namen hinzufügte.
Danach blieb den beiden allerdings nur wenig Zeit, sich ihres Glücks zu erfreuen. Außer sich ordnete der empörte Manuel Andronikos' sofortige Abberufung an, und auch Bohemund gab zu verstehen, dass er nicht die Absicht habe, einen derartigen Skandal zuzulassen. Vielleicht war damit Andronikos' Eitelkeit aber ohnehin schon Genüge getan, und er - oder sie? - hatte das Interesse verloren. Auf jeden Fall begab sich Andronikos eilends ins Heilige Land, um sich König Amalrich von Jerusalem zur Verfügung zu stellen. Dort, in Akko, begegnete er erstmals seiner Verwandten Königin Theodora, der 21-jährigen Witwe König Balduins III., Amalrichs Vorgänger. Sie wurde die Liebe seines Lebens. Als er bald darauf sein neues Lehen in Beirut antrat, das ihm Almarich kurz zuvor in Anerkennung seiner Dienste verliehen hatte, schloß Theodora sich ihm an. Ihre Blutsverwandtschaft verbot ihnen die Eheschließung, und so lebten die beiden in offener Sünde zusammen, bis der Boden auch in Beirut zu heiß für sie wurde.
Nach einer langen Irrfahrt im moslemischen Osten ließen sich Theodora und Andronikos schließlich in Kolonea nieder, direkt jenseits der östlichen Reichsgrenze, und lebten dort eine Weile unbehelligt von den Mitteln, die sie hatten mitnehmen können und mit dem Erlös aus kleineren Plünderzügen ergänzten. Aber ihre Idylle fand ein jähes Ende, als Theodora und ihre beiden noch kleinen Söhne von den Schergen des Herzogs von Trapezunt verschleppt und nach Konstantinopel geschafft wurden. Gepeinigt vom Verlust, eilte Andronikos ihr in die Hauptstadt nach, wo er sich sofort aus freien Stücken Manuel theatralisch vor die Füße warf und ihm alles versprach, wenn er nur die geliebte Frau und die Kinder zurückerhalte. Manuel zeigte sich gewohnt großzügig; schließlich war Theodora seine Nichte. Indes konnte er eine zugleich so ungehörige wie öffentlich bekannte Verbindung in Konstantinopel nicht dulden; so erhielten die beiden denn eine komfortable Festung an der Schwarzmeerküste, um dort in einigermaßen ehrenvollem Exil und - so hoffte man allgemein - friedlicher Zurückgezogenheit zu leben.
Allein, dem sollte nicht so sein. Andronikos hatte immer schon nach der kaiserlichen Krone geschielt, und als ihm nach Manuels Tod Berichte über den wachsenden Aufruhr gegen die Regentschaft Kaiserin Marias zu Ohren kamen, bedurfte es nur wenig, um ihn davon zu überzeugen, dass seine Chance endlich gekommen war. Anders als Maria von Antiochia, "die Fremde", wie ihre Untertanen sie verächtlich nannten, war er ein echter KOMNENOS. Auch verfügte er über Tatkraft, Geschick und Entschlußkraft. Und was sich in solchen Situationen oft als noch entscheidender erweist. Seine romantische Vergangenheit verlieh ihm eine allgemeine Anziehungskraft, die im ganzen Reich ihres gleichen suchte. Im August 1182 zog er gegen die Hauptstadt Konstantinopel. Sein altes Zaubermittel wirkte so stark wie eh und je. Die gegen ihn ausgesandten Truppen verweigerten den Kampf; deren Befehlshaber Andronikos Angelos ergab sich und schloß sich ihm an, ein Beispiel, dem bald darauf der befehlshabende Admiral der kaiserlichen Flotte auf dem Bosporus folgte. Andronikos Komnenos zog weiter, und das Volk strömte aus den Häusern, um ihm zuzujubeln; bald war die Straße von seinen Gefolgsleuten gesäumt. Noch bevor er die Meerenge überquert hatte, brach in Konstantinopel der Aufstand los, und mit ihm explodierte die aufgestaute Fremdenfeindlichkeit, die die Ereignisse der vorangegangenen zwei Jahre so sehr begünstigt hatten. In der Folge wurde praktisch die gesamte lateinischstämmige Bevölkerung der Stadt niedergemetzelt - Frauen und Kinder, Alte und Gebrechliche, selbst die Kranken - und das ganze von ihr bewohnte Viertel bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Im Palast fand man den vor Furcht sich windenden Protosebastos Alexios, zu verängstigt, um die Flucht auch nur zu erwägen; er wurde in ein Verlies geworfen und später, auf Andronikos' Geheiß hin, geblendet. Der junge Kaiser Alexios II. Komnenos und seine Mutter, Kaiserin Maria, wurden in die kaiserliche Villa des Philopation überführt, wo sie ausharren mußten, bis Andronikos nach Belieben über sie verfügen würde.
Ihr Schicksal muß ihre sämtlichen Befürchtungen übertroffen haben. Der Triumph förderte die andere Seite von Andronikos' Charakter zutage: eine Grausamkeit und Brutalität, die wenige in ihm vermutet hätten und die weder durch einen Funken Mitleid noch durch Skrupel oder Moral gemildert wurden. Obwohl inzwischen allmächtig, war er noch nicht Kaiser; und so begann er methodisch und kaltblütig alle zu eliminieren, die zwischen ihm und dem Thron standen. Prinzessin Maria und ihr Ehemann mußten als erste über die Klinge springen; sie starben rasch und unter mysteriösen Umständen, doch niemand zweifelte daran, dass sie vergiftet worden waren. Dann war die Reihe an Kaiserin Maria von Antiochia. Ihr 13-jähriger Sohn Alexios wurde gezwungen, das Todesurteil eigenhändig zu unterschreiben, und sie wurde in ihrer Zelle erdrosselt. Im September des Jahres 1183 ließ sich Andronikos zum Mit-Kaiser krönen, und zwei Monate später fand auch der junge Kaiser Alexios II. Komnenos durch eine Bogensehne den Tod; seinen Leichnam warf man in den Bosporus. Damit waren, wie Niketas sich ausdrückte, alle Bäume im kaiserlichen Garten gefällt. Lediglich eine Formalität galt es noch zu erledigen. Die letzten dreieinhalb Jahre seines kurzen Lebens war Alexios mit Agnes von Frankreich verheiratet gewesen, die inzwischen den byzantinischeren Namen Anna trug. Kaum war ihr 13-jähriger Gemahl beseitigt, nahm der neue, mittlerweile 64-jährige Kaiser die zwölfjährige Kaiserin zur Frau.
Keine Herrschaft hätte weniger glücklich beginnen können. Nur in einer Hinsicht war Kaiser Andronikos dem Reich zuträglicher als Manuel. Er zog gegen sämtliche administrativen Mißbräuche ins Feld, wo immer er sie fand und in welcher Form sie auch auftraten. Nur wurde er leider selbst bei der Ausübung seiner Macht immer verdorbener, während er der Regierungsmaschinerie die Korruption allmählich austreiben ließ. Gewalttätigkeit und Roheit schienen seine einzigen Waffen zu sein; der berechtigte Kampf gegen die Auswüchse des Militäradels artete rasch in ein Blutbad nach dem anderen und willkürliches Gemetzel aus. So soll Andronikos die Weinstöcke in Brussa von aufgeknüpften Leichnamen niederhängend zurückgelassen und verboten haben, diese loszuschneiden und zu bestatten, da er wollte, dass sie in der Sonne trockneten und dann schaukelten und flatterten, wenn sie vom Wind ergriffen wurden, wie die Vogelscheuchen in den Obstgärten zur Abschreckung der Vögel.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis Kaiser Andronikos selbst Grund zur Angst bekam. Seine Beliebtheit war verflogen, denn der Reichsretter hatte sich als Ungeheuer entlarvt. Einmal mehr lagen Aufstand und Umsturz in der Luft; Verschwörungen schossen wie Unkraut aus dem Boden, in der Hauptstadt wie in den Provinzen. Überall gab es Verräter. Wer Andronikos und seinen Schergen in die Hände fiel, wurde zu Tode gefoltert, oft in seiner Gegenwart, manchmal durch seine eigene Hand. Doch viele entkamen in den Westen, wo sie sicher sein durften, dass man sie mit offenen Armen aufnahm. Denn dort, dessen war sich Kaiser Andronikos wohl bewußt, hatte man das Massaker von 1182 nicht vergessen; und so zogen auch von jener Seite dunkle Wolken auf. Bereits 1181 hatte König Bela III. von Ungarn - bis dahin nur durch seine persönliche Verbindung mit Manuel im Zaum gehalten - Dalmatien, einen Großteil von Kroatien und den Bezirk Sirmium zurückerobert, Gebiete, die Byzanz nur ein paar Jahre zuvor unter großen Verlusten errungen hatte. 1183 fielen Belas Truppen gemeinsam mit denen des serbischen Groß-Zhupan Stephan Nemaja in byzantinisches Reichsgebiet ein. Belgrad, Branicewtza, Naissus (Nis) und Serdika (Sofia) wurden in solchem Ausmaß geplündert, dass die Kreuzfahrer des 3. Kreuzzugs diese Städte auf ihrer Marschroute noch sechs Jahre später verlassen und zerstört vorfanden.
Auch in Asien gab es Schwierigkeiten - nicht von moslemischer Seite, sondern seitens des landbesitzenden Militäradels, gegen den Andronikos (obwohl er ihm selber angehörte) besonderen Haß hegte. So setzte sich einer seiner Verwandten, nämlich Manuels Großneffe Isaak Komnenos, auf der strategisch wichtigen Insel Zypern formell als Oberhaupt ein und erklärte sie als reichunabhängig, der erste Schritt, so könnte man folgern, zum Zerfall des Reichs. Die größte Bedrohung aber ging von einer der ältesten und entschiedensten aller Feindmächte des Byzantinischen Reichs aus: vom normannischen Sizilien.
Anfang Januar 1185 befand sich der arabische Handlungsreisende ibn Jubair im sizilianischen Hafenort Trapani und hatte gerade eine Überfahrt an Bord eines genuesischen Schiffes gebucht, das ihn zurück in seine spanische Heimat bringen sollte. Ein, zwei Tage vor der planmäßigen Abfahrt traf in Trapani eine Weisung der Regierung aus Palermo ein: Bis auf weiteres sei der Hafen für den gesamten Ausreiseverkehr zu sperren. Eine riesige Kriegsflotte werde einsatzbereit gemacht, und kein anderes Schiff dürfe auslaufen, bevor diese sich nicht auf ihrem Kurs befinde.
Ein ähnlicher Befehl erging an sämtliche Häfen auf Sizilien: eine Sicherheitssperre von noch nie dagewesenem Ausmaß. Sogar auf der Insel selbst schienen nur wenige wirklich zu wissen, was vorging. In Trapani, so berichtet Ibn Jubair, hatten alle ihre eigenen Vorstellungen, was die Flotte, ihre Größe, ihren Zweck und ihr Ziel betraf. Manche nannten als Bestimmungshafen Alexandria, wo eine sizilianische Marineexpedition elf Jahre zuvor mit einer Katastrophe geendet hatte; andere vermuteten einen Angriff auf Mallorca, seit einigen Jahren ein beliebtes Ziel sizilianischer Übergriffe. Unweigerlich fanden sich aber auch viele, die fest überzeugt waren, dass die Flotte gegen Konstantinopel ziehen sollte. In den vergangenen Jahren war kaum ein Schiff aus dem Osten eingelaufen, ohne sein eigenes Kontingent an grausigen Berichten über Andronikos' neueste Greueltaten mitzubringen, und inzwischen ging das Gerücht um, unter den immer zahlreicheren byzantinischen Flüchtlingen, die auf Sizilien Schutz suchten, befinde sich ein geheimnisvoller Jüngling, der behaupte, er sei der rechtmäßige Kaiser Alexios II. Und falls er, wie es hieß, tatsächlich vom König empfangen worden war und diesen von der Wahrheit seiner Geschichte hatte überzeugen können, war es doch nicht mehr als natürlich, dass Wilhelm der Gute einen Feldzug unternahm, um diesem Jüngling seinen Thron zurückzugewinnen.
Wir werden nie wissen, ob ein solcher Anwärter tatsächlich am Hof in Palermo vorstellig wurde. Der Geschichte haftet nichts Unwahrscheinliches an. Staatsstreiche der Art, wie Andronikos einen vollbracht hatte, rufen in der Regel ein oder zwei Thronprätendenten auf den Plan. Robert Guiscard hatte selbst einen ausgegraben, um sich vor seinem byzantinischen Abenteuer 1081 den Rücken zu stärken, und Erzbischof Eustathios von Thessalonike - über den wir in Kürze mehr erfahren werden - betrachtet es als erwiesen, dass kurz bevor der Bericht des Ibn Jubair entstand, ein Pseudo-Alexios durch Nord-Griechenland zog. Aber ob das Gerücht nun wahr oder falsch war, sicher ist, dass es Wilhelm nicht an Ermutigung für sein Unternehmen mangelte: ein Neffe Manuels - der verwirrenderweise ebenfalls Alexios hieß - war erst kürzlich nach Sizilien geflohen und am Hof empfangen worden und drängte den König von Sizilien seither nachdrücklich, gegen Konstantinopel zu ziehen und den rechtswidrigen Throninhaber zu stürzen.
Den ganzen Winter 1184/85 verbrachte Wilhelm II. in Messina. Er haßte den Kriegsdienst und nahm, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, nie persönlich an einem Feldzug teil. Doch diesmal hatte er die Verantwortung für die Vorbereitungen persönlich übernommen. Obwohl er dies niemandem gegenüber zugab, bestand sein höchstes Ziel in nichts Geringerem als der Krone von Byzanz, und er war entschlossen, zu diesem Behuf eine Streitmacht auszusenden, die sich eines solchen Preises als würdig erwies sowie stärker zu Land und zu Wasser denn jede andere, die je von einem sizilianischen Küstenstreifen ausgelaufen war. Und so verhielt es sich denn auch. Als die Flotte schließlich unter dem Kommando seines Vetters Tankred von Lecce die Segel setzte, soll sie zwischen 200 und 300 Schiffe mit rund 80.000 Mann, unter ihnen 5.000 Ritter und eine Sonderabteilung berittener Bogenschützen, umfaßt haben. Diese riesige Bodentruppe wurde dem gemeinsamen Oberbefehl von Tankreds Schwager Graf Richard von Acerra und eines gewissen Balduin unterstellt, von dem nichts bekannt ist, außer einer unglaublichen Beschreibung von Niketas Choniates:
Er stammte zwar aus keiner vornehmen Familie, stand wegen seiner Tüchtigkeit im Kampfe aber beim König im Ansehen und nahm damals die erste Stelle unter allen Heeresführern ein. Prahlend mit seinen früheren Siegen über die Rhomäer, hatte er sich mit dem großen Alexander aus Makedonien verglichen, nur dass ihm nicht wie  jenem auf seiner Brust Haare in der Form von Adlerflügeln und -krallen wuchsen; dafür rühmte er sich, er habe in kurzer Zeit und ohne Blutvergießen größere Taten als jener vollbracht.
Die Expedition setzte am 11. Juni 1185 in Messina die Segel und nahm direkten Kurs auf Durazzo (Dyrrhachion). Obwohl König Wilhelms Versuch, sämtliche sizilianischen Häfen abzuriegeln, nicht gänzlich gelungen war - Ibn Jubairs genuesischen Kapitänen hatte es nur geringe Schwierigkeiten bereitet, sich ihren Weg aus Trapani hinaus mit Schmiergeldern zu erkaufen -, scheinen seine Sicherheitsvorkehrungen einige Wirkung gezeigt zu haben. Anders läßt sich nur schwer erklären, warum Andronikos sich so völlig ahnungslos überrumpeln ließ. Wie wir wissen, hegte er dem Westen gegenüber schon lange Mißtrauen. Und er muß gewußt haben, dass Durazzo als größter Adriahafen seines Reiches und Ausgangspunkt der Reichsstraße Via Egnatia, die ostwärts über Makedonien und Thrakien nach Konstantinopel führte, für Sizilien den naheliegendsten, wenn nicht sogar einzig möglichen Brückenkopf darstellte. Dennoch hatte er so gut wie nichts vorgekehrt, um die Festungsmauern der Stadt zu verstärken oder die Bevölkerung für den Fall einer Belagerung mit Lebensmittelvorräten zu versorgen. Als er dann endlich vom bevorstehenden Angriff erfuhr, sandte er zwar rasch Johannes Branas, einen seiner erfahrensten Heerführer, los, um sich der Sache anzunehmen; aber Branas traf nur ein, zwei Tage vor der sizilianischen Flotte in Durazzo ein, zu spät, um noch etwas Sinnvolles in die Wege leiten zu können.
Durazzo war 1082, also etwas über 100 Jahre zuvor, schon einmal unter normannische Herrschaft gefallen; doch damals geschah dies nach einem langen, erbitterten Kampf, der auf beiden Seiten mit großem Einsatz ausgefochten wurde, einem Kampf, in dem das byzantinische Heer vom Kaiser persönlich und das normannische von den beiden herausragendsten Kriegern ihrer Zeit, Robert Guiscard und seinem Sohn Bohemund, geführt wurden und in dem sich die mit Robert Guiscard verheiratete lombardische Fürstin Sicheigaita als ebenso kühn erwies, so dass die durchtrainierten Angeln der warägischen Garde bis auf den letzten Mann umkamen. Diesmal lag die Sache völlig anders. Branas, der wußte, dass keine Chance bestand, ergab sich kampflos. Und so befand sich Durazzo am 24. Juni, keine zwei Wochen nachdem die Flotte in Messina in See gestochen war, in sizilianischer Hand.
Der folgende Marsch durch die Balkanhalbinsl verlief rasch und ohne Zwischenfall. Kein einziger Versuch wurde unternommen, um dem Vorrücken der Eindringlinge Einhalt zu gebieten. Schon am 6. August lagerte das gesamte Landheer vor den Stadtmauern von Thessalonike, und am 15. August bezog auch die Flotte, welche den Peleponnes hatte umsegeln müssen, in der Reede Stellung. Die Belagerung begann. Thessalonike war eine blühende, wohlhabende Stadt mit bereits anderthalbtausendjähriger Geschichte sowie einer christlichen Tradition, die bis auf Paulus zurückging. Als Flottenstützpunkt beherrschte sie die Ägäis, als kommerzielles Zentrum wetteiferte sie mit der Hauptstadt Konstantinopel, die sie während der jährlichen Oktobermesse sogar übertraf, wenn Kaufleute aus ganz Europa hinströmten, um mit arabischen, jüdischen und armenischen Kollegen aus Afrika und der Levante Geschäfte abzuschließen. Dank der Messe wies die Stadt zudem eine feste Gemeinde westlicher Handelsleute auf, die in ihrem eigenen Viertel direkt außerhalb der Mauern lebten. Sie stammten weitgehend aus Italien, was sich für die Belagerungstruppen während der folgenden Tage als wertvoll erweisen sollte. Doch die Hauptschuld für die Katastrophe, welche Thessalonike im Sommer 1185 ereilte, liegt nicht bei den Fremden, sondern beim örtlichen Militärgouverneur David Komnenos. Entgegen der strikten Anweisung von Andronikos, den Feind bei jeder sich bietenden Gelegenheit und mit seiner gesamten Stärke anzugreifen, und obwohl er - im Gegesatz zu Branas in Durazzo - genügend Zeit gehabt hätte, die Verteidigung vorzubereiten und Proviant einzulagern, unternahm er nichts. Binnen wenigen Tagen nach Beginn der Belagerung gingen seinen Bogenschützen die Pfeile aus. Bald waren nicht einmal mehr Steine für die Katapulte vorhanden. Aber schlimmer noch. Sehr bald war klar, dass David Komnenos versäumt hatte, die Zisternen auf ihren Wasserstand hin überprüfen zu lassen; mehrere davon leckten, und das stellte sich erst später - zu spät - heraus. Dennoch legte er keinen Augenblick auch nur die geringsten Anzeichen von Scham oder Unbehagen an den Tag. So schreibt Niketas Choniates, der ihn wahrscheinlich persönlich kannte:
Die Feinde, die sich anschickten, ihn samt der Stadt gefangenzunehmen, wußten gar nicht, dass er sie geradezu aus weiter Ferne herbeigesehnt hatte, dass er sich die ganze Zeit über bemühte, sich selbst als willige Beute in ihre Hände zu spielen. Als der Augenblick des Kampfes gekommen war und die verschiedenen Belagerungsgeräte und Waffen gegen die Stadt heranrückten, da benahm er sich, als wäre es seine Aufgabe, den Feinden zuzuschauen, und nicht, zu kämpfen. Während der ganzen Belagerung wurde er bei keinem Ausfall gesehen, obgleich die Vorkämpfer der Stadt ihn nicht wenig dazu ermunterten, ja er erlaubte ihnen nicht einmal, einen Ausfall zu unternehmen, sondern unterband und unterdrückte die Kampfeslust der Bürger, wie ein Jäger, der von seinem Handwerk aber schon gar nichts versteht, das Feuer edler Hunde. Niemand von allen Leuten in der Stadt sah ihn je in Rüstung [...] Als die Belagerungsgeräte die Mauer beabeiteten und Steine auf die Stadt warfen, machte er sich über das Sausen der hineingeschleuderten Felsbrocken und das Ächzen der getroffenen Stadtmauer lustig, und während die losgebrochenen Stücke herabstürzten, sagte dieser kindische Tropf zu den nichtsnutzigen Kerlen, die sich mit ihm in einem festen Gewölbe der Mauer drängten. "Hört nur, wie das alte Weib brüllt!" "Altes Weib" nannte er nämlich die größte der Belagerungsmaschinen, von der die Stadtmauer zugrunde gerichtet wurde, weil sie die Steine aus ihrem Gefüge warf.
Niketas hielt sich während dieser furchtbaren Zeit nicht in Thessalonike auf; sein Bericht über die Ereignisse beruht jedoch auf der Darstellung des bestmöglichen Augenzeugen, nämlich Erzbischof Eustathios von Thessalonike. Obwohl ein gefeierter Gelehrter und Homerspezialist, war Eustathios kein Meister des Stils; auch versuchte er als guter griechischer Patriot gar nicht erst, seine Abneigung gegen die Lateiner zu verhehlen, die er - aus seiner Sicht zu Recht - ohnehin als Wilde betrachtete. Doch ist seine Schilderung Die Normannen in Thessalonike, so schwülstig und tendenziös sie auch sein mag, der einzige erhaltene Augenzeugenbericht über die Belagerung und deren Folgen. Die Geschichte, die darin erzählt wird, ist unschön.
Selbst wenn man sich in Thessalonike hinlänglich vorbereitet und verteidigt hätte, scheint es kaum wahrscheinlich, dass die thessalische Metropole sich sehr lange gegen derart wütende und vielseitige Angriffe hätte wehren können, wie sie die normannischen Truppen vom Stapel ließen. Die Garnison setzte ihnen so tapfer Widerstand entgegen, wie es ihr Befehlshaber zuließ, aber es dauerte nicht lange, da begannen die östlichen Bollwerke zu bröckeln. Inzwischen wurden auf der Westseite einige deutsche Söldner, die innerhalb der Mauern wohnten, bestochen, damit sie die Tore öffneten. Am 24. August brachen die sizilianischen Truppen dann von beiden Seiten gleichzeitig über die zweitwichtigste Stadt des Byzantinischen Reichs herein. In den Reihen eines derart großen sizilianischen Heers muß es Hunderte von Soldaten griechischer Abstammung gegeben haben, daneben Hunderte aus Apulien und Kalabrien sowie aus Sizilien selbst, die in der Nähe griechischer Gemeinden aufgewachsen und mit deren Bräuchen und religiösen Traditionen vertraut waren, ja sogar einige Worte ihrer Sprache beherrschten. Es wäre wohltuend, festhalten zu können, dass diese mäßigend auf ihre weniger aufgeklärten Kampfgefährten einwirkten, doch sie taten nichts dergleichen, oder falls doch, so fruchtete der Versuch nicht das geringste. Das sizilianische Heer gab sich einem blutrünstigen und orgiastischen Gemetzel sondergleichen hin, im Ausmaß seiner Auswirkungen auf Thessalonike nur jenem vergleichbar, das die Truppen auf Befehl Kaiser Theodosius' des Großen 800 Jahre zuvor angerichtet hatten und im Laufe dessen 7.000 Menschen im Hippodrom massakriert worden waren. Vielleicht gab Eustathios die Anzahl der griechischen Zivilpersonen, die dabei umkamen, nicht zufällig ebenfalls mit 7.000 an, doch selbst die normannischen Befehlshaber schätzten die Zahl der Toten auf 5.000, so dass er kaum stark übertrieben haben dürfte. Die entfesselten Schlächter beschränkten das Grauen nicht auf Mord allein; sie ergriffen Frauen und Kinder und schändeten sie, plünderten Häuser und steckten sie in Brand, entweihten Kirchen und zerstörten sie. Die letztgenannten Greueltaten lassen aufhorchen; in der ganzen Geschichte des normannischen Sizilien finden sich auffallend wenige Vorkommnisse der Entweihung und Schändung und keines von diesem Ausmaß. Selbst griechische Zeugnisse geben sich, obwohl sie vom Benehmen der Lateiner nur wenig hielten, darob erstaunt und erschüttert. Niketas gesteht:
Die Barbaren machten zwischen göttlichen und menschlichen Dingen keinen Unterschied, sie wußten nicht das, was Gottes ist zu ehren und achteten nicht das Recht auf Unverletzlichkeit der Schutzsuchenden in den Kirchen [...] Dass sie gottgeweihte Geräte freventlich plünderten, dass sie mit unreinen Händen nach Unberührbarem langten, dass sie mit hündisch unverschämten Augen das Heilige angafften, vor dem man die Augen niederschlagen soll, das wäre noch keine unerhörte, noch nie dagewesene Schändung gewesen, wohl aber, dass sie die allerheiligsten Ikonen Christi und seiner Diener zu Boden schleuderten und auf ihnen herumtrampelten, dass sie den Schmuck aus Edelmetall, wenn einer an den Bildern war, so gut es ging, abbrachen und die Bilder selbst auf die Straße warfen, auf dass die Vorübergehenden darauftreten sollten, oder dass sie mit ihnen das Feuer für den Kochtopf nährten. Das schändlichste und allen frommen Ohren schmerzlichste war, dass einige auf den Altar - auf den selbst den Engeln verehrungswürdigen Altartisch! - sprangen und dort unanständige Tänze aufführten, zu denen sie in ihrer Sprache häßlich klingende, wilde Lieder grölten. Dann entblößtem sie ihre Scham, ließen ihr Wasser rinnen und pißten ringsum auf den geweihten Boden."
Mit Plünderung hatte man rechnen müssen; diesen bekannten Lohn der Soldaten für eine erfolgreiche Belagerung hätte auch das griechische Heer ohne Zögern für sich in Anspruch genommen, wären die Rollen umgekehrt verteilt gewesen. Anders verhielt es sich mit den erwähnten Greueltaten, und Feldherr Balduin griff unverzüglich hart durch. Die Stadt war in den frühen Morgenstunden gefallen; bis zum Mittag war es gelungen, wieder annähernd Ordnung herzustellen. Dann begannen die logistischen Probleme. Thessalonike war nicht darauf eingerichtet, einen plötzlichen Zuwachs von 80.000 Mann zu verkraften. Die vorhandenen Nahrungsmittel verschwanden fast ausschließlich in sizilianischen Kehlen, und bald war die Stadtbevölkerung halb verhungert. Das Bestatten der Leichen verursachte zusätzliche Schwierigkeiten. Es dauerte mehrere Tage, bis diese Aufgabe erledigt war, und bis dahin hatte die Augusthitze längst ihr Werk getan. Als Folge davon brach eine Epidemie aus und raffte aufgrund der drangvoll engen Verhältnisse und, so behauptet zumindest Eustathios, noch verschärft wegen des übermäßigen Genusses von jungem Wein, allein etwa 3.000 Angehörige des Besatzungsheeres sowie eine unbekannte Anzahl Menschen der Stadtbevölkerung dahin.
Von Anfang an schwelten auch ernsthafte religiöse Konflikte. Die Romtreuen bemächtigten sich vieler Kirchen für eigene Zwecke, was indes gewisse Elemente der Soldateska nicht davon abhielt, in andere hineinzustürmen, die in griechischer Hand geblieben waren, dort den Gottesdienst zu unterbrechen und die messelesenden Geistlichen niederzuschreien. Ein besonders gefährlicher Zwischenfall drohte, als ein Trupp sizilianischer Soldaten ein drängendes, rhythmisches Hämmern als Zeichen zum Aufstand verstand und aufgeschreckt zu den Waffen eilte. Gerade noch rechtzeitig konnte man ihnen klarmachen, dass es sich um den Klang eines Semantron handelte, jenes Holzinstruments, mit dem orthodoxe Gläubige zu ihren Andachten gerufen wurden. Nach ein bis zwei Wochen hatte man zu einer knapp erträglichen Art des Zusammenlebens gefunden. Balduin erwies sich als gewiefter Befehlshaber und Eustathios, obwohl theoretisch ein Gefangener, scheint viel zur Vermeidung unnötiger Spannungen beigetragen zu haben. Seine Herde wiederum fand bald heraus, dass an diesen Fremden, die so wenig von realen Preisen und echten Werten verstanden, Geld zu verdienen war. Bald jammerte Eusthatios über die Unbeschwertheit, mit der die Frauen von Thessalonike die sizilianischen Soldaten zu umgarnen pflegten. Dennoch blieb die Atmosphäre in der Stadt und ihrer Umgebung explosiv, und sowohl die griechische Bevölkerung als auch die sizilianischen Soldaten müssen aufgeatmet haben, als sich die Truppen wieder in Kampfformation aufreihten und, eine kleine Garnison zurücklassend, gegen Osten zogen.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Kaiser Andronikos nicht weniger als fünf Heere nach Thessalonike entsandt, die das Vorrücken des Feindes verhindern sollten. Das Zersplittern der Streitkräfte wirkt wie ein weiterer Hinweis darauf, dass sein Thron wackelte. Unter dem Befehl eines einzigen, fähigen Anführers vereint, hätten sie Thessalonike vielleicht retten können; so aber zogen sich die fünf Heere auf die Anhöhen nördlich der Straße zurück und sahen gleichsam hypnotisiert zu, wie die sizilianischen Truppen gegen ihre Hauptstadt marschierten. Als Balduins Vorhut die fast auf halbem Weg nach Konstantinopel gelegene Stadt Mosynopolis erreichte, ereignete sich indes ein Vorfall, der die Lage drastisch und, was die Eindringlinge betraf, auf verhängnisvolle Weise veränderte. Andronikos Komnenos hatte das erträgliche Maß endgültig überschritten: Seine Untertanen erhoben sich gegen ihn und brachten ihn um.
Wie überall hatten die Nachrichten aus Thessalonike auch die Bevölkerung von Konstantinopel an den Rand der Panik gebracht. Andronikos' Reaktionen darauf waren bezeichnend für seinen widersprüchlichen Charakter. Einerseits traf er entschiedene Vorkehrungen, um die Befestigungsanlagen der Stadt zu stärken; so wurde der Zustand der Mauern sorgfältig überprüft, Häuser, die zu nahe daran gebaut worden waren, eingerissen, wenn man zum Schluß kam, sie könnten dem Feind das Eindringen erleichtern, sowie eiligst eine Flotte von 100 Schiffen mobilisiert und mit Lebensmitteln versehen. Sie war zwar nicht einmal halb so groß wie die sizilianische, von der es hieß, dass sie sich der Stadt rasch nähere, hatte indes in den engen Gewässern Marmarameer und Bosporus möglicherweise immerhin eine Chance.
Andererseits gab es Zeiten und Situationen, da Andronikos dem Ernstfall völlig gleichgültig gegenüberzustehen schien und sich ganz seiner privaten Vergnügungssucht und einem Leben der Ausschweifung überließ. In den drei Jahren seit seiner Thronbesteigung hatte er zunehmnend einem lasterhaften Leben gefrönt.

Mit der Geilheit des Polypen geschlagen, jagte er der Liebe nach und raste vor Gier [...] Für seine Ausschweifungen fehlten ihm freilich die entsprechenden Kräfte. Wie Herakles jedoch beim Kampf mit der Hydra Ioliaos zum Gehilfen hatte, so stärkte er sein Geschlechtsglied durch Einreiben mit Salben und reichliche Anwendung verschiedener Mittel. So pflegte er Skingon zu essen, das ist ein im Nil lebendes, krokodilähnliches Tier; es verursacht jedem Ekel, außer denen, die glauben, solche Mittel einnehmen zu müssen, regt aber das Geschlecht an und macht fähig zum Beischlaf.

Dazu hatte er eine regelrechte Hinrichtungsmanie entwickelt, die ihn zu neuen Grausamkeitsexzessen verleitete. Laut Niketas hielt er einen Tag, an dem er keine Todesstrafe verhängte, für verloren. Frauen wie Männer lebten in Angst und Sorge; nicht einmal die Nacht bescherte ihnen Ruhe, da die entsetzlichen Erscheinungen all derer, die massakriert worden waren, sie in ihren Träumen heimsuchten. Konstantinopel erlebte eine der schlimmsten Terrorherrschaften seiner langen, dunklen Geschichte; sie erreichte den Höhepunkt im September 1185, als Andronikos ein Dekret erließ, das die Hinrichtung sämtlicher Gefangener und Exilierter und deren Familienangehöriger anordnete, da er sie der Komplizenschaft mit dem eindringenden Feind verdächtigte. Zum Glück brach die Revolution gerade noch rechtzeitig aus, um diese Tragödie zu verhindern. Der zündende Funke sprang durch IsaakAngelos über, einen Verwandten Kaiser Andronikos' und bis dahin unauffälligen Adligen, der des Kaisers Mißgunst erregte, als eine Wahrsagerin ihn als zukünftigen Thronfolger bezeichnete. Er stürzte sich auf den zu seiner Festnahme ausgesandten kaiserlichen Schergen und erstach ihn; danach stob er im vollen Galopp zur Hagia Sophia und verkündete allen Anwesenden, was er getan hatte. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Die Menschen liefen zusammen, unter ihnen auch Adlige wie Isaaks Onkel Johannes Dukas und viele andere, die wußten, dass sie sich angesichts der herrschenden Atmosphäre des Mißtrauens unmöglich von der Tat würden distanzieren können, auch wenn sie sich persönlich daran nicht beteiligt hatten. "Da sie", so Niketas, "jeden Augenblick die Häscher erwarteten und den Tod vor Augen hatten, waren sie in großer Furcht und klapperten mit den Zähnen und flehten die in die Kirche geströmte, immer mehr anwachsende Menge mit leutseligen, gewinnenden Worten an, bei ihnen zu bleiben und ihnen, so gut es gehe, beizustehen, denn sie befänden sich in höchster Gefahr."
Und die Menge kam ihrer Bitte nach. Nachdem sie die Nacht in der von Fackeln erleuchteten Hagia Sophia verbracht hatten, eilten die einen am nächsten Morgen durch die Stadt und riefen aus allen Häusern die Verantwortlichen zu den Waffen; andere brachen die Gefängnisse auf, und die Gefangenen schlossen sich ihnen an. In der Zwischenzeit aber wurde Isaak Angelos in der großen Kirche zum Basileus ausgerufen.
Ein Kirchendiener holte mit einer Leiter die Krone des Großen Konstantin, die über dem Altar aufgehängt war, herunter und machte sie für das Haupt des Isaakios zurecht [...] Isaakios wies mißmutig und ärgerlich die Krone zurück, nicht weil er nicht Kaiser hätte werden wollen, sondern weil ihn die Schwierigkeit und Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens schreckte, ja er glaubte, nur ein Traum, nicht die Wirklichkeit biete ihm die Krone an. Er fürchtete auch die Wut des Andronikos und wollte ihn durch seine Krönung nicht noch mehr in Raserei versetzen. Da nahm der neben ihm stehende Dukas seine Kopfbedeckung ab, wobei ein ganz kahler, wie der Vollmond leuchtende Schädel zum Vorschein kam, und flehte, man möge ihm das Diadem aufsetzen. Das Volk weigerte sich und schrie, es wolle nicht, dass wieder ein Greis herrsche und Kaiser sei, sie hätten genug Schlechtes von dem Graukopf Andronikos zu ertragen gehabt. Seinetwegen haßten und verabscheuten sie jedes hochbejahrte Grabgespenst, besonders wenn es einen langen Bart hat, der zweigeteilt ist und dünn wie ein Mäuseschwanz endet.
Die Nachricht vom Aufstand in Konstantinopel erreichte Kaiser Andronikos auf seinem Landsitz in Meludion, und er begab sich selbstbewußt und im Vertrauen, seine Herrschaft wieder geltend machen zu können, in die Hauptstadt. Er ritt auf direktem Weg in den Großen Palast an der Mündung des Goldenen Horns und befahl seinen Wachen, Pfeile in die Menge zu schießen. Als er feststellte, dass sie ihm nur zögernd gehorchten, bemächtigte er sich eines Bogens und begann wie ein Rasender selbst um sich zu schießen, bis er die Lage plötzlich erkannte:
Da wandte sich Andronikos zur Flucht, zog sich die purpurgefärbten Schuhe von den Füßen [...], stülpte sich eine barbarische Filzmütze, die, spitz zulaufend, einer Pyramide glich, über den Kopf und rannte wieder auf die kaiserliche Triere, mit der er von Meludion zum Großen Palast gekommen war. Dorthin kehrte er wieder zurück und nahm zwei Frauen mit, Anna, die Braut des Alexios [...] und die Dirne Maraptike, in die Andronikos leidenschaftlich verliebt war [...] So strebte also Andronikos mit aller Kraft nach dem Ziel, das er ausersehen hatte. Und zwar wollte er zu den Tauroskythen.
Gleichzeitig drang der Pöbel in den Palast ein und fiel über alles Wertvolle her. Allein 1.200 Münzbarren in Gold und 3.000 in Silber sowie zahllose Schmuckstücke und Kunstwerke wurden weggetragen. Nicht einmal die kaiserliche Kapelle wurde verschont. Die Wütenden rissen Ikonen von den Wänden und raubten Meßkelche vom Altar. Und der allerheiligste aller Schätze - das Reliquienkästchen mit dem Brief, den Jesus eigenhändig an König Abgar von Edessa geschrieben hatte - verschwand auf Nimmerwiedersehen.
Es dauerte nicht lange, bis man des Kaisers, der Kaiserin und Maraptike habhaft wurde. Die Frauen, die durchweg Würde und Mut bewahrten, wurden verschont, doch Andronikos, gefesselt und mit einer schweren Kette um den Hals im Zaum gehalten, zu Issak geführt, auf dass er seine Strafe erhalte. Man hackte ihm die rechte Hand ab und warf ihn ins Gefängnis; nach ein paar Tagen ohne Nahrung und Wasser wurde er an einem Auge geblendet und auf ein Kamel gepackt, um dem Zorn seiner ehemaligen Untertanen zu begegnen. Sie hatten sehr unter ihm gelitten und waren begierig, sich zu rächen. Niketas berichtet:

Aber die stumpfsinnigen, ganz und gar ungebildeten Einwohner Konstantinopels [...] strömten von überall her [...] Die einen schlugen ihn mit Knütteln auf den Kopf, andere steckten ihm Mist in die Nase oder tauchten Schwämme in den Urin von Rindern und Menschen und drückten sie über sein Gesicht aus [...] Eine freche Dirne holte einen Topf mit heißem Wasser aus der Küche und leerte ihn über seine Wangen [...] So wurde Andronikos schmählich in einem lächerlichen Umzug, auf dem Rücken des Kamels elendiglich dem Spott preisgegeben, in das Theater (das Hippodrom) gebracht und mit einem Bastseil an den Füßen aufgehängt [...] Trotz so vieler Leiden und noch unzähliger anderer, die ich gar nicht erwähne, benahm sich Andronikos dem Grauenhaften gegenüber, das ihm  widerfuhr, mannhaft und vornehm, er war auch noch bei vollem Bewußtsein. Zu seinen Bedrängern gewendet, sagte er nichts anderes als: "Herr, erbarme dich!" und "Warum zerbracht ihr ein geknicktes Rohr?" [...] Unter so vielen Drangsalen und Leiden gab Andronikos endlich qualvoll seinen Geist auf. Er streckte schmerzlich seinen rechten Arm aus und führte ihn so zum Mund, dass die meisten glaubten, er wolle das aus dem Stumpf noch hervortropfende Blut - die Hand war ihm ja erst vor kurzem abgeschlagen worden - aussaugen.

Eustathios von Thessalonike bezeichnet Andronikos Komnenos als einen Mann so voller Widersprüche, dass man ihn mit ebenso großer Berechtigung loben wie auch bitter verurteilen könne, einen Koloß, der über jede Gabe verfügte, außer über die der Mäßigung, der ebenso dramatisch starb, wie er gelebt hatte; Held und Bösewicht, Bewahrer und Zerstörer, Vorbild und Warnung zugleich.