VISCONTI
 

Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 1717
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Visconti, Familie
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Die von Herzog Gian Galeazzo Ende des 14. Jh. in Auftrag gegebene Genealogie (Rückführung auf Grafen von Angera, denen Gregor der Große 606 die Königshöfe in Mailand, Monza, Treviglio und Angern verliehen habe, mythische Gestalten wie Ottone, der während des 1. Kreuzzugs einen Sarazenen-König vor Jerusalem getötet und dessen Schlangenemblem übernommen habe und Galvano, dem wegen seiner Verteidigung Mailands FRIEDRICH I. BARBAROSSA die Signorie und die Grafenwürde von Angera entzogen und ihn zum Vicecomes, "Visconte", degradiert habe), ist als legendär zu betrachten. 1397 erwirkte der 1. Herzog von Mailand aufgrund dieses Stammbaums von König WENZEL die Anerkennung seiner adligen Herkunft und die Grafenwürde von Angera.
Wahrscheinlich ist die Familie mit der in karolingischer Zeit in Mailand auftretenden Vicecomes-Würde in Zusammenhang zu bringen - 863 ein Valdericus Visconti-, die mit den OTBERTINERN, den Grafen der Stadt, verbunden war, die offenbar kein Interesse daran hatten, die Macht über die Stadt selbst auszuüben. Der erste urkundliche Beleg der VISCONTI (1157) bezeugt, dass die Familie ein Drittel des Zehnts des Taufkirche von Marliano besaß und wahrscheinlich zur Gruppe der großen Valvassoren (capitanei) gehörte, die sich zur Zeit Erzbischof Landulfs (Ende des 10. Jh.) gebildet hatte. Mit dem Capitanat von Marliano traten die VISCONTI offenbar in die Militia sancti Ambrosii ein, wurden Vasallen des Erzbischofs und erwirkten den erblichen Vizegrafentitel. Die vizegräflichen Privilegien (Ehrensitz neben dem Bischof sowie Rechte auf die Abgaben auf Maße und Gewichte, die Curadia [Marktzoll] hatte die Familie noch Mitte des 13. Jh. inne. Als Fahnenwappen führten die VISCONTIeine Schlange, vielleicht ein Abbild der Schlange der Basilica S. Amgrogio, die seit dem 1. Kreuzzug einen Sarazenen im Rachen hält. Anselmo Visconti (1065 zusammen mit einem Ottone, Sohn des Eriprando belegt), wurde vom Bischof von Mailand 1067 zum Papst gesandt, Ottone Visconti, Widersacher des Erzbischofs Grozzolanus 1105, starb 1111 in Rom, als er HEINRICH V. vor dem Volkszorn verteidigte. 1134 wurde Guido di Ottone vom Abt von St. Gallen mit dem Fronhof Massino (Novara) investiert: von diesem Kernbesitz ging im 13. Jh. die territoriale Expansion der Familie in jenem Gebiet aus. Der uns bekannte Spitzenahn der städtischen Linie, Uberto Visconti (+ 1249) hinterließ die Söhne Azzone, Andreotto und Obizzo. Azzone, zuerst Kanoniker der Kathedrale, wurde Bischof von Ventimiglia (1251-1262); Obizzo, Consul iustitiae in Mailand (1263), wird 1258-1259 unter den Capitanen und Valvassoren genannt. Auch Erzbischof Ottone, dem der Aufstieg der Familie zu verdanken ist, war wahrscheinlich ein Sohn Ubertos, da er als Großonkel Matteos I. Visconti bezeichnet wird. Von Urban IV., der die Macht der Römischen Kirche gegenüber der Kirche von Mailand und Mastino Della Torre, dem faktischen Signore der Stadt, durchsetzen wollte, zum Erzbischof ernannt, konnte Ottone, von den Torriani verbannt, vorerst sein Erzbistum nicht in Besitz nehmen und dirigierte aus dem Exil die Pars nobilium, die in erbitterter Gegnerschaft zu den DELLA TORRE stand, deren Macht sich auf die Popularen stützte. Schließlich gelang es ihm, die DELLA TORRE in der Person Napos 1277 bei Desio zu besiegen. Mailand anerkannte ihn nicht nur als Erzbischof, sondern auch als Signore an, womit die Grundlagen für den Aufstieg der Dynastie gelegt waren. Sein Großneffe Matteo erhielt zudem das Amt des Capitano del Popolo (1287) und wurde von ADOLF VON NASSAU 1294 zum Reichsvikar ernannt. Die guelfische Reaktion auf den Machtzuwachs der VISCONTI verband sich mit dem Widerstand der Torriani und führte zu einer Reihe politischer und kriegerischer Auseinandersetzungen, an denen sich die Mitglieder der VISCONTI-Familie mit wechselndem Erfolg beteiligten. Galeazzo I., der Sohn und Nachfolger Matteos in der Signorie (1322), wurde schließlich von LUDWIG DEM BAYERN seiner Macht enthoben und gefangengesetzt, weil er der Schaukelpolitik seines Verbündeten müde war. Nach Galeazzos Tod (1328) trat sein Sohn Azzo(ne) die Nachfolge an, der die Macht des Hauses wiederherstellte, ebenso wie seine Onkel - Luchino und Erzbischof Giovanni -, die von 1339 bis 1354 über Mailand und sein Gebiet herrschten, die Grenzen des Territoriums erweiterten und den politischen Einfluß auf den Großteil von Mittel- und N-Italien ausdehnten. Giovanni, der seiner Familie die Erblichkeit des Signorentitels von Mailand gesichert hatte, aber ihn als Kirchenmann nicht seinem illegitimen Sohn Leonardo vererben konnte, wählte als Nachfolger die drei Söhne seines Bruders Stefano (+ 1327), Matteo II., Bernabo und Galeazzo II. und schloß gewaltsam die Nachkommen Luchinos aus. Die äußerst geschickte Heiratspolitik Galeazzos II. und vor allem Bernabos führte zur Verbindung der VISCONTI mit den Spitzen des europäischen Hochadels (siehe Stammtafel V.). Als Gian Galeazzo seinem Onkel Bernabo und dessen Söhnen die Herrschaft entriß, ging die Nachfolge in dem 1395 von König WENZEL zum Herzogtum erhobenen Dominium auf seine legitimen Erben über: Valentina, Giovanni Maria und Filippo Maria. Nach dem Tod des Vaters (1402) wurde Giovanni Maria Herzog, fiel aber, ohne Erben zu hinterlassen, einer Mailänder Adelsverschwörung zum Opfer (1412). Die Herzogswürde ging auf seinen fähigeren Bruder Filippo Maria über, der jedoch ebenfalls ohne männliche Erben starb. Unter den zahlreichen Prätendenten auf die Nachfolge waren seine legitimierte natürliche Tochter Bianca Maria, Gemahlin Francesco Sforzas, und Charles d' Orleans, Sohn der Valentina Visconti. Die Hauptlinie der VISCONTIerlosch mit Filippo Maria bzw. mit Bianca Maria, die dank der politischen und militärischen Fähigkeiten ihres Gemahls Herzogin von Mailand wurde. Die meisten Nebenlinien starben im 18. Jh. aus; von Ubertino, Bruder Matteos I. leitet sich die noch bestehende Mailänder Familie der VISCONTI, Markgrafen und später Herzöge von Modrone, ab.



Italienisches Adelsgeschlecht, herrschte von 1277-1447 in Mailand, seit 1395 als Herzöge
Die Familie war alteingesessen, wohl sogar langobardischen Ursprungs und leitete ihren Namen vom Amt eines Vizegrafen ab, das sie innehatte. Sie spielte seit dem 11. Jahrhundert eine Rolle in Mailand; andere Familien VISCONTI, die es gab, verdankten ihren Namen der Tatsache, dass Herzog Gian Galeazzo es verdienstvollen Männern erlaubte, den Namen Visconti anzunehmen.