Lexikon des Mittelalters: Band III Spalte 681
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Della Torre
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Mailänder capitaneale Familie ("illi de la Turre")
aus der Valsassina stammend, mit Martino, Graf von Valsassina,
wegen seiner Statur "der Große" genannt (+ im Heiligen Land
während des 2. Kreuzzugs), in der 1. Hälfte des 12. Jh. mehrmals
urkundlich belegt. Nach Fiamma (es handelt sich jedoch dabei um eine legendäre
Tradition) waren die
DELLA TORRE zu
jener Zeit "capitanei" der Porto Nuova in Mailand. Unter den zahlreichen
Kindern des Martino sind Pagano, Giustamonte, Cassone
und Jacopo zu erwähnen, die verschiedene weltliche und
geistliche Ämter innehatten, wie es in der damaligen Zeit üblich
war. Die Familie ist 1173 in Mailand belegt (Konsulat des Pagano),
behielt jedoch ihre Besitzungen in der Valsassina, wie zahlreiche spätere
Nachrichten bezeugen. Am Ende des 12. Jh. schloß sich der "pars populi"
an, deren eifrigste Anhängerin sie wurde, wobei jedoch einige ihrer
Mitglieder auf der Seite der "capitanei" und "valvassori" verblieben. Die
Familie besaß zahlreiche befestigte Plätze (neben einer nicht
identifizierten Grafschaft Venafro werden die Burgen Pessano
bei Mailand, Trezzo und Vaprio an der Adda, Bregnano
bei Como und Castelletto Ticino sowie viele andere Besitzungen in
der Stadt und deren Umland genannt); sie ist daher ein sehr bezeichnendes
Beispiel dafür, dass die "populari" nicht streng einer bestimmten
Schicht zuzurechnen sind, sondern eine echte politische Partei bildeten,
die in Opposition zur "pars militum" (konsularische Aristokratie oder "nobili")
nach der Regierungsgewalt strebte. In den ständigen Parteikämpfen,
die den politischen Alltag der Mailänder Kommune und derjenigen, die
ihrer Einflußsphäre angehörten, äußerst unruhig
gestalteten, trat der genannte Pagano hervor, der am Ende des 12. Jh. auch
in anderen Städten N-Italiens öffentliche Ämter bekleidete.
Von einem anderen Sohn Martinos, Jacopo, stammt ein zweiter,
berühmterer Pagano (+ 6. Januar 1241), der während
der Herrschaft FRIEDRICHS II. erstmals
1227 im öffentlichen Leben auftrat. Er war Podesta in Brescia und
Bergamo und unterzeichnete ebenso wie viele andere vornehme guelfische
Familien Mailands mit FRIEDRICHS II.
aufrührerischem Sohn HEINRICH
einen Bündnisvertrag, dem kein Erfolg beschieden war. Nach
der Niederlage von Cortenuova (1237) gewährte er den Mailändern
und Bergamasken, die sich auf dem Rückzug befanden, in seinen Ländereien
in der Valsassina Zuflucht. 1240 wurde er der Anführer der "Credenza
di S. Ambrogio" (die Mailänder "populare" Vereinigung schlechthin)
und begründete damit eine Art von Kryptosignorie, welche die Macht
auf dynastischem Wege weitergab. Nach seinem Tod (1241) folgte ihm sein
Neffe Martino (+ 1263) nach, der 1247 von den Mailändern
auf Lebenszeit das Anzianat der "Credenza di S. Ambrogio" erhielt und mehrmals
das Podestariat in "guelfischen" Kommunen bekleidete. 1256 Podesta der
"Credenza" und Senator von Rom, verkörperte er vielleicht den
Höhepunkt des Guelfentums in Mailand und in der Poebene, das jedoch
rasch durch die Politik der DELLA TORRE selbst,
die auf die Seite des Ghibellinen Pelavicino getreten waren, und damit
die Befürchtungen der römischen Kurie erregten, in eine Krise
geriet. 1259 trotz der Opposition des päpstlichen Legaten zum Signore
von Mailand proklamiert, brachte er Ezzelino da Romano und der "pars
nobilium" bei Cassano (d'Adda) eine Niederlage bei. Der rasche Aufstieg
der Familie DELLA TORRE
und ihre undurchsichtige Politik veranlaßten jedoch
Papst Urban IV., Ottone Visconti, aus einem vom Lagio Maggiore stammenden
Adelsverband, statt Raimondo Della Torre (später Patriarch
von Aquileia,
+ 1299) nach Giulini IV, 788), zum Erzbischof von
Mailand zu ernennen. Die DELLA
TORRE besetzten
im Gegenzug sofort die Besitzungen des Erzbistums; die Stadt wurde mit
dem Interdikt belegt, war jedoch dem VISCONTI, der zugleich Anführer
der ghibellinsichen "pars noblium" Mailands geworden war, nicht ermöglichte,
seine Diözese in Besitz zu nehmen. Auf Martino folgte sein
Bruder Filippo, der das Amt eines ständigen Podesta des "Popolo"
erhielt und seine Macht durch die Signorien von Como, Novara, Lodi, Bergamo
und Vercelli stärken konnte. Filippos Bündnis mit Karl
von Anjou (1265) und eine Vereinbarung mit dem Grafen von San
Bonifacio - der gegen die DELLA TORRE
rebellierte - sowie mit Obizzo d' Este und den Städten
Mantua, Ferrara und Brescia brachten nicht die erhofften Vorteile, da sich
inzwischen die Zeitströmung geändert hatte, und das italienische
Guelfentum nicht zuletzt durch Betreiben der römischen Kurie in eine
Krise geriet. Unter Filippos Neffen Napoleone, genannt Napo,
erhielt die Familie das Reichsvikariat von RUDOLF
VON HABSBURG (1265), gleichzeitig wuchs jedoch die Unzufriedenheit
der Mailänder immer stärker, da ihnen unerträgliche außerordentliche
Steuerbelastungen auferlegt wurden, die zur Deckung des Ausgaben für
das Heer und den Hofhalt der Signorien notwendig waren. Die im Kernland
der DELLA TORRE
geschlagene Schlacht von Desio (1277) wurde von Ottone Visconti
und der mailändischen "pars nobilium" gewonnen und führte die
DELLA TORRE ins
Exil. Das Stadtvolk erhob sich gegen sie, und ihre Häuser in Mailand
wurden zerstört (heute via Caserotte). Napo wurde im Turm des
Baradello in Como gefangengesetzt und starb kurz danach. Seine Unterwerfung
unter den VISCONTI ist auf Fresken des Trecento in der Burg von Angera
dargestellt. Die überlebenden
DELLA TORRE
flüchteten zu Raimondo Della Torre nach Friaul und
begründeten dort neue Machtzentren. Nach einem Wiedererstarken der
Familie entriß Guido, der Enkel des ersten Pagano,
1302 Matteo Visconti, dem Neffen des Erzbischofs Ottone, die Herrschaft
über Mailand, allerdings nur für kurze Zeit. 1311 wurde Matteo
Reichsvikar und 1312 setzte der Tod Guidos der historischen Rolle
der DELLA TORRE
in Mailand für immer ein Ende.