Brunhofer, Ursula: Seite 158,166-169
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"Arduin von Ivrea. Untersuchungen zum letzten italienischen Königtum des Mittelalters."

Eine ansgarische Abstammung Arduins von Ivrea ist nicht belegbar, es gibt lediglich einige Indizien, die eine solche als denkbar erscheinen lassen. Zu diesen gehören die Sukzession in der Markgrafschaft Ivrea, die zuletzt der jüngste Berengar-Sohn Conrad-Cuno innegehabt hatte [10 Hartmann IV, 1, Seite 127, etwa geht von einer Zustimmung OTTOS III. zur Nachfolge Arduins in der Markgrafschaft Ivrea aus, da dieser dort reich begütert und mit der Sippe Berengars verschwägert gewesen sei. Ähnlich Gabotto, millennio, Seite 19 und Groneur, die weltlichen Gewalten, Seite 31, der betont, die Nachfolge weitläufiger Verwandter sei nicht unüblich gewesen. Carutti, conte Umberto, Seite 277, ist der Meinung, daß OTTO III. gar nicht die Macht gehabt habe, die Mark Ivrea irgend einem unbedeutenden Adligen zuzugestehen. Zum Teil wurde auch über eine Adoptin Arduins durch den kinderlosen Conrad-Cuno spekuliert, so etwa durch Carutti, conte Umberto, Seite 343f., und diesem folgend Violini, Seite 50. Oder man setzte wie Dionisotti (zit. nach Sergi, Movimento, Seite 161 mit Anm. 26) eine Tochter Conrad-Cunos voraus, die Arduin geheiratet habe.], und die Existenz eines Bruders namens Amadeus - ein Name, den auch ein Sohn Ansgars II. getragen hat. Daneben gibt es Hinweise auf potentielle Besitzverflechtungen Arduins beziehungsweise seiner mutmaßlichen Nachkommen mit den ANSGARIERN, insbesondere mit dem Grafen Otto-Wilhelm von Burgund, dem Sohn Adalberts und Enkel Berengars II. [11 Adalbert hatte sich nach seiner endgültigen Niederlage vor OTTO I. nach Burgund zurückgezogen, wohin sich seine Gemahlin Gerberga von Chalon mit dem Kind bereits geflüchtet hatte. Nach Adalberts Tod (um 972) heiratete Gerberga Herzog Heinrich den Großen von Burgund (965-1002), den Bruder Hugo Capets. Heinrich sollte dann seinen Stiefsohn, den er adoptiert hatte (Chevrier/Chaume, Nr. 228) zum Erben in Burgund einsetzen. Vgl. H.-D. Kahl, Die Angliederung Burgunds an das mittelalterliche Imperium, in: Schweiz. Numism. Rundschau 48 (1969) Seite 27ff. und Bulst, Seite 22ff. Zur Abstammung der Mutter Otto-Wilhelms vgl. auch Pfister, Appendix II, Seite 391ff., Poupardin, Seite 414ff. und E. Sackur, Die Cluniazenser in ihrer kirchlichen und allgemeingeschichtlichen Wirksamkeit bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts II, Halle 1894, Seite 469ff.]
Vielleicht ist der "Onkel" Adalbert mit dem 963 in der Grafschaft Pombia amtierenden Grafen Adalbert zu identifizieren, welcher bei der Übergabe eines Teils des väterlichen Erbes des abgesetzten Grafen Egelrich in Mosezzo an dessen frühere Stiefmutter Guntilda, die Tochter Rogers II. von Auriate und der Gemahlin von Amadeus, des Sohnes des Markgrafen Ansgar II., beiwohnte [105 In Amadeus ist wohl der Amadeus miles nobilis zu sehen, der Berengar II. auf seiner Flucht nach Deutschland begleitete (Liutprand, Antap. V, 18), vgl. Hlawitschka, Franken, Seite 131. Zu Roger vonAuriate vgl. ebd., Seite 254. Zum Geschäft von 963: MP, Nr. 147 = BSSS 28, Nr. 55. Das von Sergi (movimento, Seite 163) aufgrund seiner Untersuchung der Besitzverhältnisse in Mosezzo angeführte Argument, Arduin, der in Mosezzo nicht begütert gewesen sei, habe entweder nicht zum ansgarischen Haus gehört, oder man habe zwischen dem Zweig Ansgars II., der in Mosezzo präsent gewesen sei, und dem Berengar II., dem Arduin angehört haben könnte, unterschieden (vgl. Sergi, movimento, Seite 166ff. und Seite 185), erscheint mir nicht beweiskräftig, da Mosezzo ja nicht eigentlich ansgarischer Besitz war, sondern erst von der Frau von Amadeus, dem Sohn Ansgars II., erworben wurde, was eventuelle Kinder Ansgars II. ja nicht betreffen mußte.]. Von der Abstammung des Grafen Adalbert ist nichts bekannt; daß er einer ansgarischen Nebenlinie angehörte, ist so bald nach Berengars Sturz zwar unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen, wenn man die Nachfolge Conrad-Cunos in der Markgrafschaft Ivrea bedenkt. Fedele Savio etwa geht davon aus, daß Adalbert von Pombia ein Sohn Ansgars II. gewesen sei, Ferdinando Gabotto betrachtet ihn als Sohn eines Bruders Adalberts von Ivrea namens Amadeus [107 Storia di Torino, Tavola I und II und ders., Per la storia del Novarese nell' alto medioevo, Bollettino storico per las provincia di Novara II (1917) Seite 115 mit Anm. 1. Ähnlich Baudi di Vesme, Ardoino, Seite 4: Adalbert von Pombia als Sohn eines Bruders Adalberts von Ivrea.] und Vater Dados. Dieser müsse deshalb einen erstgeborenen Sohn mit Namen Adalbert gehabt haben, welcher wiederum der von Arduin eingesetzte Bischof Adalbert von Vercelli (997/98) gewesen sei.
Ob Graf Adalbert von Pombia mit Arduins Vater Dado verwandt war, kann nicht erwiesen werden. Zwar ist 973 ein Graf Dado in Pombia als Grundbesitzer belegt, und es ist gut möglich, daß dieser Dado Arduins (und Wiberts) Vater war. Welche Grafschaft er innehatte, ist jedoch nicht erwiesen [108 So gibt es etwa keinen Beleg dafür, daß Dado Graf von Pombia war. Vgl. Groneuer die weltlichen Gewalten, Seite 90 mit Anm. 350 oder Andenna, grandi patrimoni. Ebensowenig gibt es freilich einen Beleg, daß Dado nicht Graf von Pombia war, vgl. Sergi, declino, Seite 472.]. Seine Identität mit jenem Dato comes Mediolanensis, der 967 in Ravenna im Gefolge OTTOS DES GROSSEN auftaucht, ist ebenfalls möglich [109 MP, Nr. 155. Die Grafschaft Mailand wurde einst von Berengar II. verwaltet, vgl. CdL, Nr. 558 (941). Auch Conrad-Cuno war möglicherweise in Mailand präsent gewesen, dies schreibt zumindest P. Delogu, v. Berengario II., in: DBI IX, Roma 1967, Seite 33.]. Vielleicht entstammte Arduin jener aufstrebenden, in die ehemaligen ansgarischen Machtpositionen nachrückenden Familie aus dem nördlichen Piemont [110 Dies vermutet G. Sergi, Anscarici, Arduinici, Aleamici. Elementi per una comparazione fra dinastie marchionali, in: Formazione e strutture dei ceti dominanti nel medioevo: Marchesi, conti e visconti nel regno Italico (sec. IX-XII). Atti del primo convegni di Pisa 10-11 maggio 1983, Roma 1988, Seite 21. Vgl. auch ders., movimento, Seite 162: Die Zugehörigkeit Arduins zur ansgarischen Sippe sei zwar möglich, aber absolut ungesichert, vorerst könne die Geschichte Arduins als Aufstieg eines Amtsträers in einem kleineren Bereich interpretiert werden. Sergi verweist dabei auf den Aufstieg Arduin Glabrios vom Grafen von Auriate zum Markgrafen von Turin (Anm. 28).], wie die später eng mit ihm verbundenen Grafen Hubert und Richard. Bei einer Zuordnung Dados zu einer aufstrebenden Familie bliebe zudem noch immer die Möglichkeit einer Ehe Dados mit einer ANSGARIERIN. Belegt gibt es freilich auch für diese Vermutung nicht.
Ausgeschlossen ist auch nicht, daß jene obenerwähnte, in Canavese begüterte Berta filia Amadei Arduins Frau und vielleicht die Tochter von Ansgars II. Sohn Amadeus war [111 Eine Enkelin Ansgars II. vermutete in dieser Bertaf. Amadei bereits C. Dionisotti, Le famiglie celebri medievali dell'Italia superiore, Torino, 1867, Seite 24. In Arduins Frau allerdings sah er eine Tochter Conrad-Cunos.]. Der fehlende Verweis in HEINRICHS Fruttuaria-Diplom auf ihren Gemahl König Arduin könnte dabei durch die Kanzlei HEINRICHS erklärt werden. Die curtis Obiano hatte sich einst im Besitz Berengars befunden, der sie seiner Gattin Willa geschenkt hatte [112 CdL, Nr. 640 (25. Oktober 960).], dies könnte auf eine ansgarische Herkunft der ebenfalls in Obiano begüterten Berta weisen. Da Berengar über die curtis, Berta aber über castellum et capella verfügte, könnte der Besitz vielleicht zwischen den Söhnen Adalberts I. geteilt worden sein. Sollte Berta wirklich Enkelin Ansgars II. und Gemahlin Arduins gewesen sein, könnten die ansgarischen Besitzungen Arduins von ihr stammen, zumal Arduins Bruder Wibert seinen Besitzschwerpunkt nicht in Canavese hatte - Arduins zweiter Bruder Amadeus ist nicht als Grunbesitzer faßbar. Auch Arduins mutmaßlicher Enkel Arduin III. hatte noch Besitz in Obiano.
Gegen eine solche Abstammung der Königin Berta könnte freilich eingewendet werden, daß die Familie des Ansgar-Sohnes Amadeus - er hatte einen Sohn Berengar [115 BSSS 78, Nr. 94 (September 985) Berengar fbm Amadei de locum Mausicio.] - in keiner Weise in Zusammenhang mit den Wirren um Arduin auftaucht, zudem, daß der Name von Arduins Bruder Amadeus eine weiter zurückliegende Verbindung zu den ANSGARIERN nahelegt. Auf der anderen Seite aber würde diese Herkunft von Arduins Gemahlin - sie wäre dann immerhin über Ansgars Mutter Ermengard eine Nachfahrin der karolingischen Berta gewesen - ihre bedeutende Stellung in den Königsurkunden ihres Mannes erklären.
Entsprechende Eheverbindungen sind gegeben im Fall des Markgrafen Conrad-Cuno von Ivrea, der mit Richilda, einer Tochter Arduin Glabrios, verheiratet war, und im Fall des Ansgar-Sohnes Amadeus, der eine Nichte Arduin Glabrios, die erwähnte Guntilda, Tochter Rogers II. von Auriate, geheiratet hatte. Von Richilda und Conrad-Cuno sind aber keine Kinder bekannt, von Guntilda und Amadeus nur ein Sohn Berengar. In Frage käme gegebenenfalls nur eine Heirat Dados mit einer sonst nicht belegten Tochter aus den obengenannten Eheverbindungen. Eine Tochter des Amadeus kommt als Mutter Arduins, der Ende des 10. Jahrhunderts einen erwachsenen Sohn hatte, nicht in Betracht, da Guntilda und Amadeus erst zwischen 953 und 963 geheiratet haben können [122 Guntildas früherer Mann Manfred von Mosezzo ist jedenfalls zwischen 953 und 959 gestorben (BSSS 78, Nr. 47 und 53).]. Bliebe also - wenn überhaupt - eine früh geborene Tochter Conrad-Cunos und Richildas. Die oben erwogene Eheverbindung Arduins mit einer Tochter des ANSGARIERS Amadeus wäre aufgrund des Verwandtschaftsgrades (4:3) allerdings nicht ganz unproblematisch.