Eine ansgarische Abstammung Arduins
von Ivrea ist nicht belegbar, es gibt lediglich einige Indizien,
die eine solche als denkbar erscheinen lassen. Zu diesen gehören die
Sukzession in der Markgrafschaft Ivrea, die zuletzt der jüngste Berengar-Sohn
Conrad-Cuno
innegehabt hatte [10 Hartmann IV, 1, Seite 127, etwa geht von einer
Zustimmung OTTOS III. zur Nachfolge
Arduins
in der Markgrafschaft Ivrea aus, da dieser dort reich begütert und
mit der Sippe Berengars verschwägert
gewesen sei. Ähnlich Gabotto, millennio, Seite 19 und Groneur, die
weltlichen Gewalten, Seite 31, der betont, die Nachfolge weitläufiger
Verwandter sei nicht unüblich gewesen. Carutti, conte Umberto, Seite
277, ist der Meinung, daß OTTO III.
gar nicht die Macht gehabt habe, die Mark Ivrea irgend einem unbedeutenden
Adligen zuzugestehen. Zum Teil wurde auch über eine Adoptin
Arduins durch den kinderlosen
Conrad-Cuno
spekuliert, so etwa durch Carutti, conte Umberto, Seite 343f., und diesem
folgend Violini, Seite 50. Oder man setzte wie Dionisotti (zit. nach Sergi,
Movimento, Seite 161 mit Anm. 26) eine Tochter Conrad-Cunos
voraus, die Arduin geheiratet habe.],
und die Existenz eines Bruders namens Amadeus - ein Name, den auch
ein Sohn Ansgars II. getragen hat. Daneben gibt es Hinweise auf
potentielle Besitzverflechtungen Arduins
beziehungsweise seiner mutmaßlichen Nachkommen mit den ANSGARIERN,
insbesondere mit dem Grafen
Otto-Wilhelm von Burgund, dem Sohn Adalberts
und Enkel Berengars II. [11 Adalbert
hatte sich nach seiner endgültigen Niederlage vor OTTO
I. nach Burgund zurückgezogen, wohin sich seine Gemahlin
Gerberga
von Chalon mit dem Kind bereits geflüchtet hatte. Nach
Adalberts
Tod (um 972) heiratete Gerberga Herzog Heinrich
den Großen von Burgund (965-1002), den Bruder Hugo
Capets. Heinrich sollte
dann seinen Stiefsohn, den er adoptiert hatte (Chevrier/Chaume, Nr. 228)
zum Erben in Burgund einsetzen. Vgl. H.-D. Kahl, Die Angliederung Burgunds
an das mittelalterliche Imperium, in: Schweiz. Numism. Rundschau 48 (1969)
Seite 27ff. und Bulst, Seite 22ff. Zur Abstammung der Mutter
Otto-Wilhelms
vgl. auch Pfister, Appendix II, Seite 391ff., Poupardin, Seite 414ff. und
E. Sackur, Die Cluniazenser in ihrer kirchlichen und allgemeingeschichtlichen
Wirksamkeit bis zur Mitte des 11. Jahrhunderts II, Halle 1894, Seite 469ff.]
Vielleicht ist der "Onkel" Adalbert mit dem 963
in der Grafschaft Pombia amtierenden Grafen Adalbert zu identifizieren,
welcher bei der Übergabe eines Teils des väterlichen Erbes des
abgesetzten Grafen Egelrich in Mosezzo an dessen frühere Stiefmutter
Guntilda,
die Tochter Rogers II. von Auriate und der Gemahlin von Amadeus,
des Sohnes des Markgrafen Ansgar II., beiwohnte [105 In Amadeus
ist wohl der Amadeus miles nobilis
zu sehen, der Berengar
II. auf seiner Flucht nach Deutschland begleitete (Liutprand,
Antap. V, 18), vgl. Hlawitschka, Franken, Seite 131. Zu Roger vonAuriate
vgl. ebd., Seite 254. Zum Geschäft von 963: MP, Nr. 147 = BSSS 28,
Nr. 55. Das von Sergi (movimento, Seite 163) aufgrund seiner Untersuchung
der Besitzverhältnisse in Mosezzo angeführte Argument,
Arduin,
der in Mosezzo nicht begütert gewesen sei, habe entweder nicht zum
ansgarischen
Haus gehört, oder man habe zwischen dem Zweig
Ansgars II.,
der in Mosezzo präsent gewesen sei, und dem Berengar
II., dem Arduin angehört
haben könnte, unterschieden (vgl. Sergi, movimento, Seite 166ff. und
Seite 185), erscheint mir nicht beweiskräftig, da Mosezzo ja nicht
eigentlich ansgarischer
Besitz war, sondern erst von der Frau von
Amadeus,
dem Sohn
Ansgars II., erworben wurde, was eventuelle Kinder Ansgars
II. ja nicht betreffen mußte.]. Von der Abstammung des Grafen
Adalbert ist nichts bekannt; daß er einer ansgarischen Nebenlinie
angehörte, ist so bald nach Berengars
Sturz zwar unwahrscheinlich, aber nicht völlig ausgeschlossen, wenn
man die Nachfolge Conrad-Cunos in der
Markgrafschaft Ivrea bedenkt. Fedele Savio etwa geht davon aus, daß
Adalbert
von Pombia ein Sohn Ansgars II. gewesen sei, Ferdinando Gabotto
betrachtet ihn als Sohn eines Bruders
Adalberts
von Ivrea namens Amadeus [107 Storia di Torino, Tavola
I und II und ders., Per la storia del Novarese nell' alto medioevo, Bollettino
storico per las provincia di Novara II (1917) Seite 115 mit Anm. 1. Ähnlich
Baudi di Vesme, Ardoino, Seite 4: Adalbert von Pombia als Sohn eines
Bruders Adalberts von Ivrea.] und Vater Dados. Dieser müsse
deshalb einen erstgeborenen Sohn mit Namen Adalbert gehabt haben,
welcher wiederum der von Arduin eingesetzte
Bischof
Adalbert von Vercelli (997/98) gewesen sei.
Ob Graf Adalbert von Pombia mit Arduins
Vater
Dado verwandt war, kann nicht erwiesen werden. Zwar ist 973 ein Graf
Dado in Pombia als Grundbesitzer belegt, und es ist gut möglich,
daß dieser Dado Arduins (und
Wiberts)
Vater war. Welche Grafschaft er innehatte, ist jedoch nicht erwiesen [108
So gibt es etwa keinen Beleg dafür, daß
Dado Graf
von Pombia war. Vgl. Groneuer die weltlichen Gewalten, Seite 90 mit Anm.
350 oder Andenna, grandi patrimoni. Ebensowenig gibt es freilich einen
Beleg, daß Dado nicht Graf von Pombia war, vgl. Sergi, declino,
Seite 472.]. Seine Identität mit jenem Dato comes Mediolanensis,
der 967 in Ravenna im Gefolge OTTOS DES GROSSEN
auftaucht, ist ebenfalls möglich [109 MP, Nr. 155. Die Grafschaft
Mailand wurde einst von Berengar II.
verwaltet, vgl. CdL, Nr. 558 (941). Auch Conrad-Cuno
war möglicherweise in Mailand präsent gewesen, dies schreibt
zumindest P. Delogu, v. Berengario II., in: DBI IX, Roma 1967, Seite 33.].
Vielleicht entstammte Arduin jener
aufstrebenden, in die ehemaligen ansgarischen Machtpositionen nachrückenden
Familie aus dem nördlichen Piemont [110 Dies vermutet G. Sergi,
Anscarici, Arduinici, Aleamici. Elementi per una comparazione fra dinastie
marchionali, in: Formazione e strutture dei ceti dominanti nel medioevo:
Marchesi, conti e visconti nel regno Italico (sec. IX-XII). Atti del primo
convegni di Pisa 10-11 maggio 1983, Roma 1988, Seite 21. Vgl. auch ders.,
movimento, Seite 162: Die Zugehörigkeit Arduins
zur ansgarischen Sippe sei zwar möglich, aber absolut ungesichert,
vorerst könne die Geschichte Arduins
als Aufstieg eines Amtsträers in einem kleineren Bereich interpretiert
werden. Sergi verweist dabei auf den Aufstieg Arduin Glabrios vom Grafen
von Auriate zum Markgrafen von Turin (Anm. 28).], wie die später eng
mit ihm verbundenen Grafen Hubert und Richard. Bei einer Zuordnung Dados
zu einer aufstrebenden Familie bliebe zudem noch immer die Möglichkeit
einer Ehe Dados mit einer ANSGARIERIN. Belegt gibt es freilich
auch für diese Vermutung nicht.
Ausgeschlossen ist auch nicht, daß jene obenerwähnte,
in Canavese begüterte Berta filia
Amadei Arduins Frau und vielleicht
die Tochter von Ansgars II. Sohn Amadeus war [111 Eine
Enkelin Ansgars II. vermutete in dieser Bertaf.
Amadei bereits C. Dionisotti, Le famiglie celebri medievali dell'Italia
superiore, Torino, 1867, Seite 24. In Arduins
Frau allerdings sah er eine Tochter Conrad-Cunos.].
Der fehlende Verweis in HEINRICHS Fruttuaria-Diplom
auf ihren Gemahl König Arduin
könnte dabei durch die Kanzlei HEINRICHS
erklärt werden. Die curtis Obiano hatte sich einst im Besitz
Berengars befunden, der sie seiner Gattin Willa
geschenkt hatte [112 CdL, Nr. 640 (25. Oktober 960).], dies könnte
auf eine ansgarische Herkunft der ebenfalls in Obiano begüterten
Berta
weisen. Da Berengar über die curtis,
Berta
aber über castellum et capella verfügte, könnte der
Besitz vielleicht zwischen den Söhnen Adalberts I. geteilt
worden sein. Sollte Berta wirklich
Enkelin Ansgars II. und Gemahlin Arduins
gewesen sein, könnten die ansgarischen Besitzungen Arduins
von ihr stammen, zumal Arduins Bruder
Wibert
seinen Besitzschwerpunkt nicht in Canavese hatte - Arduins
zweiter Bruder Amadeus ist nicht als Grunbesitzer faßbar.
Auch Arduins mutmaßlicher Enkel
Arduin
III. hatte noch Besitz in Obiano.
Gegen eine solche Abstammung der Königin
Berta könnte freilich eingewendet werden, daß die
Familie des Ansgar-Sohnes Amadeus - er hatte einen Sohn Berengar
[115 BSSS 78, Nr. 94 (September 985) Berengar fbm Amadei
de locum Mausicio.] - in keiner Weise in Zusammenhang mit den Wirren
um Arduin auftaucht, zudem, daß
der Name von Arduins Bruder Amadeus
eine weiter zurückliegende Verbindung zu den ANSGARIERN nahelegt.
Auf der anderen Seite aber würde diese Herkunft von Arduins
Gemahlin - sie wäre dann immerhin über Ansgars Mutter
Ermengard
eine Nachfahrin der karolingischen Berta
gewesen - ihre bedeutende Stellung in den Königsurkunden ihres Mannes
erklären.
Entsprechende Eheverbindungen sind gegeben im Fall des
Markgrafen
Conrad-Cuno von Ivrea, der mit Richilda, einer Tochter
Arduin Glabrios, verheiratet war, und im Fall des Ansgar-Sohnes
Amadeus,
der eine Nichte Arduin Glabrios, die erwähnte Guntilda, Tochter
Rogers II. von Auriate, geheiratet hatte. Von Richilda und
Conrad-Cuno sind aber keine Kinder
bekannt, von Guntilda und Amadeus nur ein Sohn Berengar.
In Frage käme gegebenenfalls nur eine Heirat Dados mit einer
sonst nicht belegten Tochter aus den obengenannten Eheverbindungen. Eine
Tochter des Amadeus kommt als Mutter Arduins,
der Ende des 10. Jahrhunderts einen erwachsenen Sohn hatte, nicht in Betracht,
da Guntilda und Amadeus erst zwischen 953 und 963 geheiratet
haben können [122 Guntildas früherer Mann Manfred von
Mosezzo ist jedenfalls zwischen 953 und 959 gestorben (BSSS 78, Nr. 47
und 53).]. Bliebe also - wenn überhaupt - eine früh geborene
Tochter Conrad-Cunos und Richildas.
Die oben erwogene Eheverbindung Arduins
mit einer Tochter des ANSGARIERS Amadeus wäre aufgrund des
Verwandtschaftsgrades (4:3) allerdings nicht ganz unproblematisch.