Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 1494
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Gleichen, Grafen von
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Das erstmals 1099 in einer Urkunde des Klosters Lippoldsberg an der oberen Weser mit Graf Erwin I. überliefertes Geschlecht nannte sich anfangs nach dem Ort Tonna (Gräfentonna, Kreis Langensalza) und erschien damit im thüringischen Raum, wo es seit dem frühen 12. Jahrhundert in enger Verbindung mit den Erzbischöfen von Mainz zu bedeutender Stellung aufstieg. 1131 wurde von ihm das 1. Zisterzienserkloster Thüringens in Volkenroda (Kreis Mühlhausen) sowie 1162 das Kloster Reifenstein (Kreis Worbis) gegründet, während die Grafen von Tonna gleichzeitig als Vögte der Mainzer Kirche auftraten. Vor allem übten sie seit 1120 die bedeutenden Vogteirechte über die Stadt Erfurt aus, und außerdem waren sie mit der erzbischöflichen Burg Gleichen (Kreis Arnstadt) belehnt, nach der sich dieses Geschlecht seit 1162 nannte. Ein anderer beträchtlicher Besitzkomplex entstand seit der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts im Eichsfeld. Mit diesen Besitzungen vermochten die Grafen von Gleichen ihre Stellung ausbauen, wenngleich durch wiederholte Teilungen schon bald ein Niedergang einsetzte, der sich vor allem durch die Abtretung der Erfurter Vogtei an die Stadt (1290) und den Verkauf des Eichsfelder Besitzes an Mainz (1294) markierte. In der Folgezeit kam es zu umfangreichen Veräußerungen der thüringischen Stammgüter. Seit dem 14. Jahrhundert erscheinen die Grafen von Gleichen - mit gewissen Sonderrechten - unter den Vasallen der WETTINER, während der verbliebene Besitz sich nunmehr auf Gräfentonna und die Burg Gleichen konzentrierte. Doch gelang den Grafen 1342 der Erwerb von Ohrdruf (Kreis Gotha), dessen Stiftvogtei sie schon seit 1170 innehatten. Dorthin verlegten sie nach 1550 ihre Residenz. 1631 ausgestorben, fielen ihre Besitzungen im Erbgang an die Grafen von Hohenlohe.
Literatur:
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H. Tümmler, Die Gesch. der Gf.en v. G. (1100-1294), 1929 - Patze-Schlesinger,
II/1, 1974, 188-193 [Lit.].
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Hans Patze/Walter Schlesinger: Seite 188
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"Geschichte Thüringens"
Das Grafengeschlecht, das sich im hohen Mittelalter zunächst nach
dem Ort Tonna, später nach der Burg Gleichen nannte,
tritt mit einem Grafen Erwin,
der in einer Urkunde des Klosters Lippoldsberg von ca. 1099 als Zeuge erscheint,
in die Geschichte ein. Die Nennung im Zusammenhang mit einem Rechtsgeschäft
an der oberen Werra könnte Anlaß zu der Vermutung sein, die
Grafen kommen aus diesem Raum. Südlich Göttingen erhebt sich
die Burg Gleichen; sie ist zweifellos älter als die Namen der
thüringischen Gleichen-Burgen westlich Erfurt. Wenig Glauben
verdient die Nachricht der Reinhardsbrunner Annalen zum Jahre 1034, Graf
Ludwig der Bärtige habe von einem Grafen Biso (von Tonna) und
anderen Edlen Güter gekauft; denn diese Mitteilung findet sich noch
in einer Fälschung des gleichen Klosters aus dem 12. Jahrhundert auf
Kaiser HEINRICH III. Auf alle Fälle
ist die Herkunftsbezeichnung "von Gleichen"
in der 1. Hälfte des 11. Jahrhundert nicht möglich. Der Graf
Erwin der Lippoldsberger Urkunde ist vermutlich identisch mit dem
Grafen Erwin von Tonna,
der 1110 in einer Urkunde für Reinhardsbrunn genannt wird. Sehr wahrscheinlich
hat dieser Graf Erwin I.
von Tonna, wie Ludwig der Springer, sich in enger Verbindung mit
Erzbischof Ruthard von Mainz emporgearbeitet. Schon 1104 war er Zeuge in
2 Urkunden dieses Erzbischofs in Erfurt und in 2 Urkunden Ruthards für
das Peterskloster in Erfurt. Die an Sicherheit grenzende Vermutung, dass
Erwin schon um 1100
Vogt der Mainzer Kirche in Thüringen war, wird bestätigt, als
Graf Ulrich von Weimar der Mainzer Kirche Dienstmannen "durch die Hand
des Grafen Erwin von Thüringen"
schenkte. Noch andere Eigentumsübertragungen für das Erzstift
wurden durch ihn vorgenommen. Erwin
I. starb als Mönch in Reinhardsbrunn.