Leidinger, Paul: Seite 36-40
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"Untersuchungen zur Geschichte der Grafen von Werl. Ein Beitrag zur Geschichte des Hochmittelalters."

Die Ursache der Unruhen, die von den Werlern in Verbindung mit dem BILLUNGER Thietmar angezettelt wurden, sind daher nicht in einem Kampf gegen den Kaiser, sondern richtiger in lokaler begrenzten Streitfällen zu suchen, denen freilich der Kaiser durch sein Eingreifen schließlich ein Ende setzte.
Auf einem solchen Hintergrund aber sind bereits die Unruhen der Werler und des BILLUNGERS Thietmar zu suchen, von denen in der Überlieferung dieser Zeit gewiß nicht zufällig parallel nebeneinander die Rede ist.
Sehr viel deutlicher wird das im Fall des BILLUNGERS Thietmar in dessen Streit mit dem Bischof Meinwerk von Paderborn, über den die Quellen genauer orientieren. Streitobjekt war hier die Abtei Helmarshausen an der unteren Diemel, im Jahre 997 von einem Grafen Ekkehard und seiner Gemahlin Mathilde gegründet. Im Jahre 1017 wurden Beschwerden über die Abtei von seiten der Erben des zu diesem Zeitpunkt schon verstorbenen Stifters erhoben, denen nach längeren und öfteren Beratungen HEINRICH II. auf dem Fürstentag von Leitzgau am 11. Juli 1017 schließlich ein Ende dadurch setzte, daß er die Abtei dem Reich zusprach. Jedoch wandte er sie sogleich danach dem Bischof Meinwerk zu und unterstellte sie also der bischöflichen Kirche von Paderborn. Wie wir aus der Vita Meinwerci erfahren, gehörte zu den Erben des Klostergründers insbesondere Thietmar, des BILLUNGER-Herzogs Bernhard II. Bruder [14 Vita Meinwerci, cap. 195. Die genaue Art der Verwandtschaft Thietmars zur Stifterfamilie wird freilich nicht deutlich, vgl. Schölkopf, a.a.O., Seite 153f.]. Er war mit der Handlungsweise des Kaisers nicht einverstanden. So hören wir schon bald davon, daß er sich an Meinwerk schadlos zu halten versuchte, indem er raubend über dessen Besitzungen herfiel [15 Thietmar VIII 26 a.a. 1018. Einzelheiten teilt die Vita Meinwerci, cap. 100 und 158 mit, die von der Plünderung des von Thietmars Schwester geleiteten Klosters Herford berichtet.]. Zwar konnte ihn Meinwerk unter kirchlichem Druck in die Schranken weisen und zu Schadenersatz verurteilen [16 Vita Meinwerci cap. 100. Vgl. zur Datierung um 1019 die glweich folgenden Ausführungen.], aber ein endgültiger Augleich wurde erst unter veränderten reichspolitischen Verhältnissen nach dem Tode HEINRICHS II. 1024 auf einem sächsischen Fürstentag zu Werla (an der Oker) erzielt. [17 Vita Meinwerci, cap. 195.]
Daß bei einer solchen gleichartigen Lage der Dinge das Werler Haus und der BILLUNGER Thietmar schließlich in ihrer Selbsthilfe gegen die vom Kaiser bevorteilten Bischöfe zusammenfanden, kann bei der Gleichzeitigkeit ihrer verletzten Rechtsinteressen, bei der Nachbarschaft ihrer Einflußbereiche und bei vielleicht sogar bestehenden verwandtschaftlichen Beziehungen [18 Auf diese deutet Friedrich von Klocke, Gisela Seite 93, in vorsichtiger Weise hin.] nicht verwundern.