Begraben: Abtei Saint-Denis bei Paris
Ältester Sohn des Königs
Karl V. der Weise von Frankreich aus dem Hause
VALOIS und der Johanna von Bourbon,
Tochter von Herzog Peter I.
Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 977
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Karl VI., König von Frankreich 1380-1422
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* 3. Dezember 1368, + 21. Oktober 1422
Sohn von Karl V. und Johanna (Jeanne) von Bourbon
oo Isabella von Bayern
12 Kinder, von denen 6 überlebten
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unter ihnen:
Katherina, oo Heinrich V. von England
König Karl VII.
eine Tochter, Margarete von Valois, entstammte der Verbindung des Königs mit der Mätresse Odette de Champdivers
Karl VI. empfing,
obwohl er noch nicht das in einer Ordonnanz seines Vaters von 1374 vorgeschriebene
Mindestalter hatte, am 4. November 1380 die Königsweihe, unterstand
aber bis 1388 der Vormundschaftsregierung seiner drei Onkel, der Herzöge
Ludwig von Anjou (+ 1384), Johann (Jean)
von Berry und Philipp
des Kühnen von Burgund. Es kam vor allem in den Jahren
1381-1383 zu einer Welle schwerer Unruhen, nicht zuletzt wegen des wieder
schärferen Steuerdruckes (Aufstände im Languedoc, Maillotins
in Paris, Harelle in Rouen, flämische Aufstände). Mit dem Sieg
von West-Rozebeke (1382) über die flandrischen Städte gelang
die Wiederherstellung der monarchischen Autorität. Aus Sorge um die
Fortführung des französischen Bündnisses mit dem Deutschen
Reich und zur Absicherung der eigenen Machtstellung in den Niederlanden
vermittelte Philipp der Kühne
1385 die Heirat des jungen Königs mit der
WITTELSBACHERIN
Isabella. 1338 übernahm
Karl VI.
persönlich
die Regierung, gestützt auf die Beratergruppe der 'Marmousets', die
im Sinne der Politik Karls V. die Stärkung
der monarchischen Zentralgewalt und den Aufbau eines wirksamen Regierungs-
und Verwaltungsapparats betrieben. Um die Popularität des jungen Herrschers
(Charles 'le Bien-Aime') zu
steigern, veranstalteten sie prunkvolle Feste (Ritterspiele in St-Denis,
Einzug der
Königin Isabella in
Paris) und schickten Karl VI. auf eine
große Reise ins Languedoc (1389-1391). Daß es auch Opposition
gab, zeigt der Mordanschlag Herzogs Johanns IV.
von Bretagne gegen den Connetable Olivier de Clisson, einem
Günstling des Königs (1392). Als Karl
VI. daraufhin zu einem Straffeldzug gegen die Bretagne auszog,
trat im Forst von Le Mans erstmals die Geisteskrankheit des Königs
offen zutage, die sich unter anderem in Gewalttätigkeit gegen den
Bruder äußerte. Die lebenslange Erkrankung bestand in einem
Wechsel von manisch-aggressiven und depressiven Phasen, wobei in höherem
Alter Depressionen (Nahrungsverweigerung, körperliche Vernachlässigung,
Todesvorstellungen, Identitätsverlust) überwogen; ein ambivalentes
Verhältnis ("Haßliebe") zum Bruder Ludwig
wird durchgängig deutlich. In längeren Perioden geistiger Wachheit
nahm der König dagegen seine Regierungstätigkeit wieder auf und
wollte für den Frieden wirken. Als Heilmittel empfahlen die Ärzte
Ruhe, die Priester dagegen Gebete für den kranken König, was
zu einer großen Wallfahrtsbewegung führte. Wuchernde Gerüchte
über eine angebliche Vergiftung der Behexung des Königs durch
den Bruder Ludwig oder dessen Gattin
Valentina
Visconti bilden wohl - neben den politischen und kirchenpolitischen
Gegensätzen - den Hintergrund für die Ermordung Ludwigs
auf Befehl Herzog Johanns von Burgund (23.
November 1407). Damit brach der Bürgerkrieg offen aus. Karl
VI. und seine Gattin gerieten 1418 in die Gewalt des Burgunder-Herzogs,
der sie zur Legitimation seiner Macht benutzte. Nachdem sich Karl
VI. noch im Vertrag von Troyes (1420) zur Enterbung des Dauphins
Karl
VII. bereitgefunden hatte, verstarb der König 1422
in tiefer geistiger Umnachtung.
Bei seinem Begräbnis in St-Denis tritt erstmals
das königlich französische Totenzeremoniell in Erscheinung, mit
der auf dem Sarg befestigten Effigies des toten Herrschers und dem Heroldsruf
(dem Sinne nach: "Le roi est mort! Vive le roi!"), Ausdruck des überpersönlichen
Charakters des Königtums. Die katastrophale politische und wirtschaftliche
Lage in der Ära Karls VI. verhinderte
nicht die Fortentwicklung der politischen Strukturen. Die wechselseitige
Identifikation der Leiden des beim Volke beliebten Königs, der Bedrängnis
der Nation und der Passion Christi haben dem entstehenden Nationalgefühl
der Franzosen starke Impulse gegeben.
Pernoud Regine: Seite 11-29
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"Die Kapetinger" in: Die großen Dynastien
Die Regierung Karls VI. (1380-1422)
währte 42 Jahre und bedeutete eine der düstersten Perioden in
der Geschichte Frankreichs, so dass man sich fragen muß, wie das
Land den Erschütterungen jener dramatischen Epoche standhalten konnte.
Karl
V. war verwitwet und hatte die Regentschaft seinem eigenen Bruder,
dem Herzog von Anjou, übertragen. Dieser sah sich jedoch gezwungen,
seine Befugnisse mit seinen Brüdern, den Herzögen von Burgund
und Berry, und schließlich noch mit dem Herzog von Bourbon, einem
Bruder der verstorbenen Königin, zu teilen. Diese Oligarchie riß
alle Regierungsämter an sich. Sie führte die Steuern wieder ein
und provozierte damit Erhebungen in den Provinzen und den Aufstand der
Maillotins in Paris. Ein Angriff der Flamen wurde am 27. November 1382
bei Roosbeke niedergeschlagen.
Dieser Erfolg schien die Stellung des jungen Königs
zu festigen. Dennoch stand er unter dem dominierenden Einfluß seines
Onkels Philipp von Burgund und ließ
sich von ihm zu einem Feldzug gegen den Süden Deutschlands überreden.
Das Ergebnis war die Heirat Karls VI.
mit Isabeau von Bayern, die als Königin
Frankreichs dem Land schadete wie keine andere. Die Ehe begann indessen
glücklich. Der König, um sich dem übermächtigen Einfluß
seiner Onkel, die sich mit Racheplänen gegen England trugen, zu entziehen,
zog es vor, mit Richard II. ein Abkommen
zu schließen. Er entließ seine Onkel, schickte sie auf ihre
Ländereien und rief die früheren Minister Karls
V. zurück, die man spöttisch die "Knirpse" nannte.
Von der Last der Regierungsgeschäfte befreit, stürzte der König
sich unter dem Einfluß seines Bruders, des Herzogs von Orleans, in
ein ausschweifendes Leben. Im Jahre 1393 übernahm Karl
VI. die Führung einer Strafexpedition gegen den Herzog
der Bretagne. Als er an einem glühend heißen Sommertag den Wald
von Le Mans durchquerte, sprang plötzlich ein zerlumpter Mann aus
dem Dickicht, fiel dem König in die Zügel und rief: "König,
du bist verraten!" Der Monarch war durch diesen Zwischenfall sichtlich
aus der Fassung gebracht. Man setzte den Weg fort, da ließ ein Page
eine Lanze auf einen Helm fallen. Der König schreckte auf und mit
dem Ausruf: "Faßt die Verräter!" tötete er vier Männer
aus seinem eigenen Gefolge. Durch einen Sonnenstich hatte er seinen
Verstand verloren und kehrte nur noch sporadisch für kurze Perioden
zurück. Seine Onkel übernahmen wieder die Macht. Im darauffolgenden
Jahr geschah es, dass auf einem Ball vier Maskierte mit ihren Wergperücken
Feuer fingen. Die Schreie dieses "Balls der leuchtenden Fackeln" lösten
bei dem König, dessen Zustand sich bereits gebessert hatte, einen
neuen Anfall des Wahnsinns aus, von dem er sich nie mehr erholte. Seine
Politik des guten Einvernehmens wurde fortgesetzt, und man verheiratete
seine Tochter mit Richard II. Doch
als dieser bald darauf durch seinen Cousin Lancaster entthront wurde, stellte
dies die französische Politik wieder in Frage. Zusätzliche Schwierigkeiten
ergaben sich aus den italienischen Ambitionen des mit Valentina Visconti
verheirateten Herzogs von Orleans, der sich mit Philipp
von Burgund in die Regentschaft teilte. Nach dessen Tod im Jahre
1404 konnte der neue Herzog, Johann ohne Furcht,
keine Einigung mit seinem Cousin erzielen und ließ ihn am 23. November
1407 ermorden. Im Einvernehmen mit Königin
Isabeau von Bayern machte er sich zum eigentlichen Herrn der
Regierung und führte damit die Spaltung Frankreichs in zwei Lager
herbei, die sogenannte Armagnac-Partei auf der einen und die Bourgignons
unter Johann ohne Furcht auf der anderen
Seite. Mehrere Jahre hindurch wütete in Frankreich der Bürgerkrieg,
und der Thronfolger des Hauses LANCASTER,
Heinrich
V., profitierte von dieser Lage, um die seit Du Guesclin unterbrochenen
Kämpfe wiederaufzunehmen. Er landete am 12. August 1415 bei Sainte-Adresse
und fügte am 25. Oktober 1415 den französischen Truppen bei Azincourt
eine vernichtende Niederlage zu. Die Partei Armagnacs organisierte den
Widerstand gegen den Eroberer, wurde jedoch geschlagen und von den Bourgignons
niedergemetzelt. Der Dauphin
Karl beantwortete diesen Schlag mit der Ermordung Johanns
ohne Furcht am 18. September 1419 in Montereau. Das Verbrechen
war umsonst geschehen, denn Karl VI. überließ
unter dem Einfluß Isabeaus von Bayern
seine Machtbefugnisse dem Sohn des Ermordeten, Philipp
dem Guten. Dieser handelte den Vertrag von Arras aus, dem der
Vertrag von Troyes vom 22. Mai 1420 vorausgegangen war. Durch diesen gelangte
Frankreich unter die Herrschaft des englischen Königs, denn die Tochter
Karls
VI. mußte ihn heiraten und nach dem Tod ihres Vaters die
Thronfolge antreten. Der Dauphin Karl
versuchte
dieser Enteignung, deren Opfer er war, Widerstand entgegenzusetzen. Er
hob Truppen aus, schlug die Engländer 1421 bei Bauge und machte Bourges
zu seiner Hauptstadt. König Heinrich V. und
König
Karl VI. starben im Abstand von drei Monaten. Nach dem Ableben
Karls
VI. wurde der Sohn des englischen Monarchen, der erst einjährige
Heinrich
VI., zum König von Frankreich proklamiert, anstelle des
legitimen Thronerben, des Dauphins, der den Namen
Karl
VII. annahm.
Saller Martin: Seite 293
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"Königin Isabeau. Die Wittelsbacherin auf dem Lilienthron."
Karls VI. Tod
Ende September kehren Karl VI.
und Isabeau von Senlis in Hauptstadt
zurück. Trotz der grausamen, periodischen Wahnsinnsanfälle ist
der König rein physisch immer noch kräftig und robust. In Senlis
ritt er auch noch auf die Jagd. Aber seine restliche Geisteskraft verfällt
zusehends. In der Residenz Saint-Paul schütteln den duldenden Monarchen
plötzlich schwere Fieberanfälle und am 21. Oktober
1422 gegen sechs Uhr morgens stirbt er in ärmlicher Verlassenheit,
vierundfünzig Jahre alt, beiseitegeschoben, belächelt und halb
vergessen.
KARL VI. DER WAHNSINNIGE,
König von Frankreich
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* 3.12.1368, + 21.10.1422
Paris
Paris
Begraben: Abtei Saint-Denis bei Paris
Sohn von König Karl V. und der Johanna von Bourbon
1.) - ... vor 1385
ISABELLA VON LOTHRINGEN
* ca. 1368/70, + 1409/11
Tochter von Herzog Johann I. und seiner 1. Frau Sophia
von Württemberg
2.) oo Amiens 17.7.1385
ISABEAU (ELISABETH) VON WITTELSBACH
* 1370, + 30.9.1435
München Paris
Begraben: Abtei Saint-Denis bei Paris
Tochter von Herzog Stephan III. von Bayern-Ingolstadt
und seiner 1. Frau Thaddäa Visconti von Mailand
12 Kinder:
Charles
25.9.1386-28.12.1386
Vincennes
Jeanne
14.6.1388- 1390
Saint-Ouen
Isabella
9.11.1389-13.9.1409
Louvre
19.4.1396
1. oo Richard II. König von England
6.1.1367-14.2.1400
29.6.1406
2. oo Karl I. Herzog von Orleans
26.5.1391-4.1.1465
Johanna
24.1.1391-27.9.1433
Melun
19.9.1396
oo Johann VI. Herzog von der Bretagne
24.12.1389-29.8.1442
Dauphin Karl
5.2.1392-11.1.1400
Hotel Saint-Paul
Marie Priorin in Poissy
22.8.1393-19.8.1438
Vincennes
Michaela (Michelle)
11.1.1395-8.7.1422
Hotel Saint-Paul Gent
1409
oo 1. Philipp I. der Gute Herzog von Burgund
x 13.6.1396-15.6.1467
Dauphin Ludwig von Guyenne
22.1.1397-18.12.1415
1412
oo Margarete von Burgund, Tochter des Herzogs
Johann; Cousine
1393-2.2.1441
Dauphin Johann Graf von Touraine
31.8.1398-5.4.1417
1414
oo 1. Jakobäa Gräfin von Bayern-Holland
25.7.1401-8.10.1436
Katharina
27.10.1401-3.1.1438
Hotel Saint-Paul
2.6.1420
1. oo Heinrich V. König von England
1387-31.8.1422
1429
2. oo Owen Tudor
um 1400-4.2.1461 hingerichtet
Karl VII. der Siegreiche
22.2.1403-22.7.1461
Hotel Saint-Paul
Philipp
10.11.1407-10.11.1407
Illegitim
Margarete Batarde de France
-
oo Jean de Harpedanne, Herr von Montaigu
-
Literatur:
-----------
Alvermann,
Andrea: Geschichte der Grafschaften, Ländereien & der Stadt Saint
Pol. Übersetzung aus dem Mittelfranzösischen Kapitel 43 -
Berg
Dieter: Die Anjou-Plantagenets. Die englischen Könige im Europa des
Mittelalters. Verlag W. Kohlhammer 2003 Seite 255,258,260-263,268 - Calmette,
Joseph: Die großen Herzöge von Burgund. Eugen Diederichs Verlag
München 1996 Seite 31,43,50,55,57,63, 68,73,96,98,102,109,114,120,124,129,138,145,148,158-161,164,178,205,238
- Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin
Köln 2000 Seite 245 - Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs
im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 213,251,259-261,263-267,
275-277,279,294,296,300,303-306,318,326,331 - Ehlers
Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Die
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888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 Seite 10,285,294,299,302,303-320,321,323,327
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Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite 296,344,357, 360,362-366,368,371,375,378,380,382,386,389,392,419,468
- Hoensch, Jörg K.: Die Luxemburger. Eine spätmittelalterliche
Dynastie gesamteuropäischer Bedeutung 1308-1437. Verlag W. Kohlhammer
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Sigismund. Herrscher an der Schwelle zur Neuzeit 1368-1437. Verlag C.H.
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- Hundt, Barbara: Ludwig der Bayer. Der Kaiser aus dem Hause Wittelsbach
Bechtle Verlag Esslingen München 1989 Seite 106 - Jurewitz-Freischmidt
Sylvia: Die Herrinnen der Loire-Schlösser. Königinnen und Mätressen
um den Lilienthron. Casimir Katz Verlag, Gernsbach 1996 Seite 9-25, 27-30,32-36,38,42-45,58,123,130
- Le Goff Jacques: Ludwig der Heilige, Klett-Cotta Stuttgart 2000
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322,327 - Schelle, Klaus: Karl der Kühne. Burgund zwischen
Lilienbanner und Reichsadler. Magnus Verlag Essen Seite 17,19,32,36 - Schnith
Karl: Frauen des Mittelalters in Lebensbildern. Verlag Styria Graz Wien
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Margarete von Österreich. Diplomatin der Renaissance. Verlag Styria
Graz Wien Köln 1995 Seite 14 - Treffer Gerd: Die französischen
Königinnen. Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert)
Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1996 Seite 15,186,192,196,199,205,209
- Tuchmann Barbara: Der ferne Spiegel. Deutscher Taschenbuch Verlag
München 1995 Seite 323,328,345,350-353,374-379,401 -