Schölkopf Ruth: Seite 114-116
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"Die sächsischen Grafen 919-1024. Studien und Vorarbeiten zum Historischen Atlas Niedersachsens 22."


13. Die Grafen von Oelsburg
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Unweit von Braunschweig, dem Stammsitz der BRUNONEN, lag Steterburg, der Wohnsitz eines sächsischen Grafen-Geschlechts, das im Schatten der BRUNONEN nie zu großer Macht aufstieg. Die Burg stand schon in den Tagen HEINRICHS I. Sie wurde zu Beginn der Regierungszeit OTTOS DES GROSSEN (938) durch den Sturm der Ungarn vernichtet, aber später wiederhergestellt. Kein Schriftsteller erwähnte diese Familie. Keine Urkunde gab darüber Aufschluß, wo ihr gräfliches Herrschaftsgebiet lag. Es wäre denkbar, dass sie als Unter-Grafen der BRUNONEN amtierten.
Diese Grafen-Familie wäre unbekannt geblieben, wen sie nicht ihr Andenken der Nachwelt durch zwei geistliche Stiftungen bewahrt hätte.
Hathwiga, die Gattin des Grafen Altmann, wandelte nämlich in den ersten Jahren der Regierung HEINRICHS II. ihren Stammsitz Oelsburg in ein Chorherrenstift um. Die Stiftungs-Urkunde ist heute nicht mehr vorhanden. Wir können uns nur auf die Nachricht von Heise [7 Vgl. Hoogeweg, Verzeichnis der Stifter und Klöster Niedersachsens, Seite 100, erwähnt diesen Aufsatz.] stützen, der 1747 in einem Aufsatz in den Braunschweiger Anzeigen diese Urkunde, die 1003 ausgestellt worden sein soll, erwähnte. Anlaß der Stiftung soll der Tod ihres Gatten, des Grafen Altmann, gewesen sein, der ihr keine männlichen Erben hinterließ.
Aus beider Ehe ging eine Tochter hervor, die auf der Steterburg, ihrem ererbten Besitz, ein Nonnen-Kloster einrichtete. Die in diesem Kloster verfaßten Annalen bezeichneten sie als Frideruna venerabilis domna, Altmanni comitis filia et Hadewigis de Alsburch [8 Annales Steterburgenses, SS XVI, Seite 199ff.]. Da die Annalen nur eine Tochter des Grafen Altmann kennen, besteht Heises Aussage zu Recht. Es ist auffällig, dass die Annalen nur Hathwig den Beinamen de Alsburg (Oelsburg) geben. Demnach handelte es sich vermutlich um ihren persönlichen Eigenbesitz und nicht etwa um den ihres Gatten. Friderunas Stiftung erfolgte nach dem Bericht der Annalen post obitum gloriosi principis domini nostri Altmanni comitis et Hadewigis felicis uxoris eius. Frideruna unterstellte das Kloster Bischof Bernward von Hildesheim, der als Kognat bezeichnet wurde. Bernward, qui, ut putatur, de eiusdem generositatis prosapia oriundus, erwirkte für das neu gegründete Kloster eine Bestätigungs-Urkunde. Der genaue Grad ihrer Verwandtschaft läßt sich nicht ermitteln. Sie wird vermutlich von der mütterlichen Seite Friderunas herrühren [1 Über Verwandtschaftsbeziehungen vgl. Bollnow, Grafen von Werl, Anhang VI, Seite 85f.].
HEINRICH II. ließ 1007 [2 DH II. 126 von 1007.] ein Diplom für Steterburg ausstellen. Der Wortlaut steht außerdem in den Annalen des Klosters. Die Urkunde ist durch das Güterverzeichnis bedeutsam, das die Besitzrechte der Grafen-Familie von OELSBURG enthielt. Frideruna war vermutlich Allein-Erbin dieser Familie. Sie wandte die gesamte Hinterlassenschaft, die ihr von ihrer Mutter überkommen war, dem Kloster zu. Die Schenkung umfaßte 211 Hufen [3 Eine Hufe ungefähr 30 Morgen Land.] Land an folgenden Orten:
Linden (Kr. Wolfenbüttel), Thiede (Kr. Wolfenbüttel), Stiddin (Kr. Wolfenbüttel), Nortenhof (Kr. Wolfenbüttel), Stöckheim (Kr. Braunschweig), Meleverode (Kr. Braunschweig), Harsebüttel (Kr. Gifhorn), Thüringsbüttel (wüst Kr. Braunschweig), Thelettunnun (wüst von Veltendorf, Kr. Braunschweig); Rühne (Kr. Braunschweig), Waggum (Kr. Braunschweig), Winnenroth (wüst Kr. Gifhorn), Brenhorst, Eickhorst (Kr. Gifhorn), Meine (Kr. Gifhorn), Schmelicke (wüst bei Meine), Olmhorst (Kr. Gifhorn), Wendenbüttel (wüst Kr. Gifhorn), Dannenbüttel (Kr. Gifhorn), Neu-Bokel (Kr. Gifhorn), Zinilike, Ostruo, Missike, Küblingen (Kr. Wolfenbüttel), Mildanhovede (wüst Kr. Braunschweig), Kleistnau (Kr. Salzwedel), Schlichtenfeld (?), Rötgesbüzttel (Kr. Gifhorn) und Salzdahlum (Kr. Wolfenbüttel). Der Eigentumsbereich erstreckkte sich also ungefähr auf der Nord-Süd-Achse Gifhorn-Wolfenbüttel.
Frideruna selber trat als erste Äbtissin in ihr Kloster ein. Wahrscheinlich blieb sie unvermählt. Vermutlich starb die Familie mit ihr aus, worauf die beiden kurz hintereinander erfolgten Klosterstiftungen hinweisen. Friderunas Todesjahr läßt sich nicht mehr ermitteln [4 Necrol. Hochst. Hildesheim: 16. März: obiit Fritherundis comitissa, mit der sie vielleicht identisch war.].
Ihr Vater starb vor 1003. Vielleicht war er der Altmannus comes, dessen Todestag im Hildesheimer Totenbuch am 20. Oktober notiert wurde. Seine Gattin Hadwig folgte ihm vor 1007 in den Tod, da die Klosterstiftung erst nach ihrem Tode erfolgte. Friderunas Nachfolgerin wurde nach dem Bericht der Klosterannalen eine Hathewiga, die ihrem Namen nach mit der Stifter-Familie in verwandtschaftlicher Beziehung stand.
Versuchen wir nun auf Grund der Namen die Verwandtschaft dieser Familie festzustellen. Dabei ist es vor allem Dingen wichtig, die Herkunft Altmanns zu ermitteln. Dieser Name ist in Sachsen nicht häufig bezeugt.
Thietmar von Merseburg erwähnte nach 1002 [5 Thietmar, VIII, 24.] einen Altmann, den er als iuvenis bezeichnete, was bekanntlich über das natürliche Alter sehr wenig aussagt. Dieser nahm an dem Kleinkrieg Brunos von Braunschweig gegen das Bistum Hildesheim teil. Ob er mit demjenigen Altmann identisch ist, der von Hilderich ermordet wurde, läßt sich nicht feststellen. Der Mörder wurde 1034 [6 Ann. Hild. a. 1034.] auf Verwenden der Kaiserin und des Bischofs von Halberstadt begnadigt. Das Eintreten des Halberstädter Bischofs und die Aufzeichnung in den Hildesheimer Annalen machen wahrscheinlich, daß sich der Vorfall in Sachsen abspielte. Es liegt keine Veranlassung vor, in ihm einen Sohn des Grafen Altmann zu sehen [7 Vgl. Wedekind, Band III, Nr. 13, der dem Grafen Altmann einen gleichnamigen Sohn zusprach.], da weder die verlorengegangene Urkunde noch die Annalen von Steterburg einen Sohn des Grafen erwähnen.
Ein Graf Altmann begegnet uns in zwei Urkunden, die seine Tätigkeit in Nieder-Bayern bezeugen, wo auch seine Grafschaft lag [1 DH II. 160 von 1007, Diplom der Königin Kunigunde Nr. 2 von 1025, Graf Altmann als Zeuge.].
Der Name Altmann trat auch im bayerischen Zweig der OTTONEN auf, in dem ihn ein Bruder HEINRICHS II. und Erzbischof Arnulfs von Ravenna (1013-1016) trug. Dieser Altmann kam durch seine Verwandte, die Äbtissin Adelheid, nach Sachsen, wo er zunnächst Mönch in Magdeburg wurde. Er starb 1017 als Bischof eines nicht mehr genau zu ermittelnden Bistums [2 Thietmar, VII, 67; Ann. Saxo. 1017.].
Als Ergebnis halten wir fest, daß Graf Altmann seinem Namen nach bayerischer Herkunft [3 So auch Anselm Heinrichsen, Süddeutsche Adelsgeschlechter in Niedersachsen im 11. und 12. Jahrhundert, Seite 38.] war. Er siedelte vermutlich erst durch seine Einheirat nach Sachsen über, wo er vielleicht den Herrschaftsbereich der im Mannesstamm ausgestorbenen Grafen von Oelsburg übnernahm. Diese Vermutung, auf die schon G. Bode [4 G. Bode, Die Grafen von Wernigerode, Seite 41.] hinwies, wird durch die Stiftungs-Urkunde von 1003 bestärkt, in der Altmann als Sohn eines Bodo bezeichnet worden sein soll. Es wird noch im Zusammenhang mit den IMMEDINGERN [5 Siehe Seite 132.] davon zu sprechen sein, daß Bodo der für eine nachweisbar bayerische Familie charakteristische Leitname war, so daß also auch von hier aus die bayerische Abstammung Altmanns als wahrscheinlich gelten kann.