Radegunde von Thüringen                          Königin der Franken
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um 518-13.8.587
            Poitiers

Tochter des Thüringer-Königs Berthar
 

Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 387
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Radegunde (Radegundis, frz. Radegonde), Königin
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* 520, + 13. August 587
Erfurt    Poitiers

Aus königlichem Geschlecht der Thüringer stammend, wurde Radegunde als Waisenkind mit ihren Brüdern nach der thüringischen Niederlage (531) als Gefangene nach Neustrien geführt und erhielt auf Chlothars villa Athies christliche Erziehung und eine gewisse literarische Bildung. Trotz Hinneigung zum religiösen Leben wurde sie mit König Chlothar vermählt (vor 540). Sie widmete sich ihren Aufgaben als Königin, entzog sich aber ihrem Gemahl, der sich beklagte, „eher eine Nonne als eine Königin zur Gattin zu haben“. Nachdem ihr Bruder als Vergeltung für den Aufstand der Thüringer (555) hingerichtet worden war, verließ sie den Hof und wurde durch den heiligen Medardus zur Diakonin geweiht. Nach längerem Aufenthalt in der königlichen villa Saix (im Grenzgebiet zwischen Touraine und Poitou), wo sie sich der Armen- und Krankenfürsorge widmete, ließ sie sich trotz aller Versuche des Königs, sie zur Wiederaufnahme der ehelichen Gemeinschaft zu bewegen, in dem Kloster nieder, das Chlothar innerhalb der Mauern von Poitiers für sie hatte erbauen lassen. Dort unterstellte sie sich ihrer zur Äbtissin ernannten Adoptivtochter Agnes. Seit ca. 567 wurde der Dichter Venantius Fortunatus zum Vertrauten und Korrespondenzpartner der Königin. Anläßlich des Eintreffens einer Kreuzpartikel, die Radegunde von dem byzantinischen Kaiser Justin II. erbeten hatte, verfaßte Venantius Fortunatus die Hymnen "Pange lingua gloriosa" und "Vexilla regis". Da sie bei dieser Gelegenheit die Mißgunst des Bischofs von Poitiers, Meroveus, zu spüren bekommen hatte, unterstellte sie ihr Kloster der Regel des heiligen Caesarius, die sie bei einem Aufenthalt in Arles (um 570, gemeinsam mit Agnes) studierte. Radegunde führte in ihrem Heilig-Kreuz-Kloster zu Poitiers ein Leben der karitativen Frömmigkeit und wirkte für den Frieden zwischen den MEROWINGER-Königen, doch deuten die ihr gewidmeten Dichtungen des Venantius Fortunatus auch auf Interesse am gesellschaftlichen Leben hin. In ihren letzten Lebensjahren beachtete Radegunde strenge Klausur. Ihre Begräbnisstätte Ste-Marie (vor den Mauern) nahm in der Folgezeit das Patrizonium der heiligen Radegunde an. Ihr Kult gewann rasche Verbreitung (zahlreiche Wunder vor und nach ihrem Tod); ikonographisch dargestellt ist sie als Königin, bevorzugt aber als Nonne.

Literatur:
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Bibl. SS X, 1348-1352 - LCI VIII, 245-247 - Vies des Saints VIII, 227-234 - R. Aigrain, Ste-R.gonde, 1918 - Et. merov. Actes, 1953 - Bezzola, Litt. courtoise, I, 1958, 55-74 - F. Prinz, Frühes Mönchtum im Frankenreich, 1965 - J. Fontaine, Hagiographie et politique, RHEF 62, 1976, 113-140 - G. Scheibelreiter, Kg.stöchter im Kl., MIÖG 87, 1979, 1-37 - La riche person´nalite de s. R.gonde, 1988 [Beitr. M. Rouche u.a.] - F. E. Consolino, Due agiografi per una regina, Studi stor. 1988, n. I, 143-159 - B. Merta, Helenae compranda regina-secunda  Isebel, MIÖG 96, 1988, 1-32 - S. Gaebe, R.is, Francia 16, 1989, 1-30 - G. Palermo, Venanzio Fortunato: Vite de ss. Ilario er R.gonda ..., 1989 - C. Papa, R.gonda e Baltilde, benedictina 36, 1989, 13-33 - S.Witten, Frauen, Heiligkeit und Macht, 1994, 89-91 -


Frauen der Weltgeschichte: Seite 384
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Königin Radegunde
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um 518-13.VIII.587

Umloht vom Mord und Brand einer nibelungenhaft düsteren Zeit geht die Königs-Tochter Radegunde unbeirrbar den christlichen Weg und wird zum Vorbild der hohen Frauen des frühen Mittelalters. Sie wächst im Hause des thüringischen Königs Irminfried auf, der ihren Vater erschlagen hat. Eine zarte Jugendliebe verbindet sie mit ihrem Vetter Amalafried, bis der Krieg die beiden Kinder für immer trennt. Als der Franken-König Chlothar I., der Unwürdigste der Söhne
König Chlodwigs, im Jahre 531 die Thüringer an der Unstrut besiegt, fällt ihm auch die blonde Radegund mit ihrem Bruder in die Hände. Chlothar läßt die 14-jährige auf seiner Domäne Athies erziehen, um sie einige Jahre später zur Frau zu begehren. Radegunde flieht; sie wird ergriffen, und die Hochzeit wird mit allem Pomp gefeiert. - Welch ein Gemahl! Chlothar ist der Mörder seiner Neffen; er hat neben ihr drei "rechtmäßig" angetraute Gemahlinnen und zahlreiche Nebenfrauen; nach der Hochzeit lockt er ihren Oheim Irminfried in sein Land und tötet ihn. Kurz darauf ermordet er Radegundes Bruder, der mit ihr zu fliehen versucht hat; in gnadenloser Mordwut läßt er wenig später den eigenen gegen seine Tücken aufbegehrenden Sohn mit seiner ganzen Familie im umstellten Hause verbrennen. Endlich gelingt es Radegunde, sich von der Seite des Königs zu befreien. Sie wird zur Büßerin und gründet das Kloster Poitiers, wo sie unter Verzicht auf die Äbtissinnenwürde die letzten Jahrzehnte ihres Lebens zur Sühne für all das Geschehene als dienende Magd verbringt. Der Schriftsteller Venantius Fortunatus, ein lateinisch dichtender Italiener in Poitiers, hat in herrlichen Versen das Bild dieser hochgebildeten heiligen Königin der Nachwelt überliefert.


Radegunde wurde Christin und nach der Eroberung Thüringens durch die Franken deren Gefangene. Sie wurde 553 Nonne, gründete 567 das Kloster St. Croix und starb als Nonne zu Poitiers.

Schreiner Klaus: Seite 37
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"Hildegard, Adelheid, Kunigunde. Leben und Verehrung heiliger Herrscherinnen im Spiegel ihrer deutschsprachischen Lebensbeschreibungen aus der Zeit des späten Mittelalters"
in "Spannungen und Widersprüche. Gedenkschrift für Frantisek Graus"

Radegunde hat sich durch ihre "Flucht aus der Ehe" bereits zu Lebzeiten ihres Mannes einen Namen als Asketin gemacht, der ihr "Königtum ganz in den Hintergrund" rückte. Radegunde stiftete ein Frauenkloster bei Poitiers und nahm in der von ihr eingerichteten klösterlichen Gemeinschaft den Schleier. Demut, Geduld und Weltentsagung machten sie einem leuchtenden Vorbild für ihre Mitschwestern.

Ennen Edith: Seite 52
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"Frauen im Mittelalter"

Eine ganz andere freidliche Welt des Gebets und der guten Werke scheint sich uns aufzutun, wenn wir uns jetzt nach Poitiers begeben, in das von der heiligen Radegundis gestiftete Kloster Sainte-Croix. Als Chlothar I., der Vater von Charibert, Guntram, Sigibert und Chilperich, im Jahre 531 den Thüringer-König Herminafrid besiegte, führte er dessen Nichte Radegundis als Gefangene mit sich und nahm sie zur Frau. Als er ihren Bruder ungerechterweise hatte töten lassen, zog sie sich in das von ihr gestiftete Kloster zum Heiligen Kreuz in Poitiers zurück. Es wohnten dort etwa 200 Nonnen. Das Kloster lag dicht an der Stadtmauer; jenseits der Mauer erbaute Radegundis eine Marienkirche, in der sie ihr Grab fand, heute ist es die Kirche Sainte Radegonde. Dort siedelte sie zur geistlichen Betreeuung des großen Klosters Mönche an. Ihr Kloster unterstand zunächst dem Ortsbischof. Radegunde hatte es wegen Mißhelligkieten mit dem Bischof dann dem Schutz des Königs unterstellt. Nach ihrem Tod erwirkte der Bischof eine Verfügung König Childeberts, daß ihm die Aufsicht über das Kloster zusstehen sollte. Die in ihrem leidvollen Lebensschicksal gereifte Radegunde blieb auch in der maßvollen Askese ihres Klosterlebens an weltlichen Dingen - den politischen Ereignissen am Königshof - interessiert und sah - wie so viele fromme Frauen nach ihr - uim Kloster einen Hort der Bildung.

Ewig Eugen: Seite 34,79
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"Die Merowinger und das Frankenreich"

Hermenefred wurde den Franken tributpflichtig und 533 bei einem Besuch Theuderichs in Zülpich von der Stadtmauer gestürzt und getötet. Seine Witwe Amalaberga floh mit ihren Kindern 535 nach Italien, die Kinder ihres Schwagers Berthachar fielen in die Hände der Franken. Chlothar heiratete Berthachars Tochter Radegunde, konnte abder den damit implizit oder explizit verbundenen Anspruch auf Teile des Thüringerreiches nicht durchsetzen und mußte sich mit einem entsprechenden Anteil an der Beute abfinden.
Besser unterrichtete sind wir über Tracht und Schmuck der Königinnen. Die Königin Radegunde trug ein "mit Gold und Steinen geschmücktes Stirnband (vitta) more barbariso" (Zöllner), das sich vom Stirnjuwel der Damen des Kaiserhofs offenbar unterschied.

Schneider Reinhard: Seite 76
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"Königswahl und Königserhebung im Frühmittelalter"

Nach errungenem Sieg führte Chlothar die thüringische Königs-Tochter Radegunde, die offenbar auch nach Ermordung ihres Vaters Berthachar durch dessen Bruder, den König Herminafried, Erbansprüche geltend machen konnte, zunächst als Gefangene heim und heiratete sie dann [Gregor III, 7 Seite 105; die fromme Radegunde zog sich später in ein Kloster zurück, über sie: C. R. Aigrain, Sainte Radegunde (1917, Neudruck 1952). Diese Radegunde ist eine Nichte der gleichnamigen ersten Gemahlin des Langobarden-Königs Wacho.].

Werner Karl Ferdinand: Seite 334
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"Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000"

Eine Episode im Zusammenhang mit dem Ende des Thüringerreichs beleuchtet eine andere Seite des fränkischen Wesens. Zur Beute Chlothars gehörte auch Radegunde, die Tochter von König Berthachar, dem Bruder Herminafrids. Im Jahre 518 geboren, wurde das junge Mädchen jetzt in der Picardie aufgezogen, und zwar in Athies, einer königlichen villa Chlothars. Nach dem Tod der Königin Ingunde schloß Chlothar eine neue Ehe mit Radegunde (538). Im Jahr 555 zog sie sich vom Hof zurück und ließ sich von Bischof Medard von Noyon zur diacona weihen. Sie lebte dann zunächst auf ihrem Landsitz Saix zwischen Tours und Poitiers, ehe sie noch vor dem Jahre 560 ein Kloster in Poitiers stiftete. Als Äbtissin setzte sie die heilige Agnes ein und erlangte von Kaiser Justinian eine Kreuzesreliqiue, die dem Kloster seinen Namen gab (Sainte Croix). Das Ereignis wurde von Vanantius Fortunatus, dem Freund der beiden Frauen, in zwei Gedichten gefeiert, von denen das eine - Vexilla regis - berühmt geblieben ist. Man hat dem merowingischen Hof das Verdienst an der katholischen Erziehung Radegundes abgesprochen. Man konnte ja unmöglich zugeben, daß eine Heilige auch nur unmittelbar aus der Umgebung der MEROWINGER hervorgegangen sei. Dabei vergißt nman völlig die mit Kirchengründungen verbundenen Heiligen der MEROWINGER-Zeit, deren Zahl so groß war, daß dann unter den KAROLINGERN Klagen aufkamen, es gebe keine (neuen) Heiligen mehr. Das Beispiel einer hochgeborenen Frau wie Radegunde, die schwer am Schicksal ihrer Familie und am Lebenswandel ihres königlichen Gemahls zu tragen hatte, ist ungewöhnlich aufschlußreich für die zutiefst katholische Bildung der Oberschicht im Frankenreich.
 
 
 

538
  oo 5. Chlothar I. König der Franken
  x         um 500- Nov./Dez. 560
 
 
 
 

Literatur:
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Dahn Felix: Die Franken. Emil Vollmer Verlag 1899 - Dahn, Felix: Die Völkerwanderung. Kaiser Verlag Klagenfurth 1997, Seite 370,371 - Deutsche Geschichte Band 1 Von den Anfängen bis zur Ausbildung des Feudalismus. VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1982, Seite 213 - Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C.H. Beck München 1994, Seite 52-55,58,75-76 - Ewig, Eugen: Die Merowinger und das Frankenreich. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln 1993, Seite 34,79,111 - Schneider, Reinhard: Königswahl und Königserhebung im Frühmittelalter, Seite 76,84 - Werner Karl Ferdinand: Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1995, Seite 334,375 - Zöllner Erich: Geschichte der Franken bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts. Verlag C. H. Beck München 1970, Seite 81,83,108,124,177,188,226,240,255 -
 
 
 


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