Bathilde                                                    Königin der Franken
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um 630/35-30.1. nicht vor 680
                Kloster Chelles
 

Angelsächsische Fürstentochter
 

Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 1391
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Balthild (Balthildis, frz. Bathilde), merowingische Königin
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    -30.1. nicht vor 680

Sie kam als Sklavin angelsächsischer Herkunft im Dienst des Hausmeiers Erchinoald (642-657/58) an den neustroburgundischen Hof, wo Chlodwig II. (639-657) sie um 648 zu seiner Gattin erhob. Sie gebar dem König drei Söhne: Chlothar III. (657-673), Theuderich III. (673-690/91) und Childerich II. (661-675). Nach dem Tod ihres Gatten leitete Balthild die Regierung des neustroburgundischen Teilreichs. Nach ihrem Sturz um 665, der zeitlich etwa mit dem Eintritt Chlothars III. ins Mündigkeitsalter zusammenfiel, zog sie sich in das von ihr gegründete Frauenkloster Chelles-sur-Marne zurück, wo sie starb. Hier wurde wahrscheinlich ihre Vita verfaßt, in der Balthild als tatkräftige Herrscherin und christliche Frau gefeiert wird.
Als Persönlichkeit überragte Balthild ihren Gatten und die späteren merowingischen Herrscher; von ihren Söhnen scheint nur Childerich II. die Energie der Mutter geerbt zu haben. Nach dem Tod Erchinoalds, der Chlodwig II. nicht lange überlebte, wurde Ebroin zum Hausmeier erhoben, der seine beherrschende Stellung aber wohl erst durch den Sturz der Regentin erlangte. Von den führenden Männern der Kirche scheinen die Erzbischöfe Eligius von Noyon und Audoin von Rouen der Königin am nächsten gestanden zu haben. Genesius, der "Abt" des königlichen Oratoriums, erhielt durch Balthild das Bistum Lyon.
Von Beginn ihrer Regentschaft an verfolgte Balthild eine zentralistische Politik, die Ebroin nach ihrem Sturz fortführte. Obwohl mehrere Söhne und Erben vorhanden waren, unterblieb die übliche Reichsteilung; die Regentschaft wurde allein im Namen Chlothars III. geführt. Im Zusammenhang mit den immer noch dunklen Vorgängen, die zum Sturz des austrasischen Hausmeiers Grimoald führten, konnte Balthild ihrem jüngeren Sohn Childerich II. 662 die Nachfolge im merowingischen Ostreich sichern. In Burgund kam es zu dieser Zeit zu Unruhen, die vielleicht durch die zentralistische Politik der Regentin hervorgerufen wurden. Die Regierung ließ den "praefectus" von Lyon und seinen Bruder, den Metropoliten Aunemund, hinrichten. Aeddi Stephanus bemerkt dazu, dass durch Balthild als neue Jezabel insgesamt neun Bischöfe ihr Leben verloren. Diese Nachricht läßt sich nicht kontrollieren, ist aber jedenfalls politisch zu interpretieren. Denn antikirchliche Maßnahmen lagen der Regierung fern.
Als Freundin und Förderin des "irofränkischen" Mönchtums von Luxeuil hat sich Balthild dauernden Ruhm erworben. Sie hat nicht nur mit Nonnen aus Jouarre das Frauenkloster Chelles (Diözese Paris), mit Mönchen aus Luxeuil die Männerabtei Corbie (Diözese Amiens) gegründet, sondern auch den sanctus regularis ordo, das heißt die Mischregel von Luxeuil, in den bedeutendsten Basiliken des Frankenreichs eingeführt, von denen die Vita Balthildis sechs nennt: St-Denis, St-German (Auxerre oder Paris), St-Medard(Soissons), St-Martin (Tours), St-Augnan (Orleans), St-Pierre (Sens oder St-Gene-vieve, Paris). Da mit der Einführung der Mischregel die Verleihung der kirchlichen Freiheit (privilegium) durch den Bischof und der weltlichen Freiheit (emunitas) duerch den König verbunden war, besaßen Balthilds Maßnahmen auch eine eminente verfassungsgeschichtliche Bedeutung. Auch an ihnen kann sich episkopaler Widerstand entzündet haben.
Die Tradition, dass ein in Chelles erhaltenes Linnentuch das (Toten-)hemd der Königin Balthild war, ist kürzlich auf Grund überzeugender Indizien bestätigt worden. Die Bestickung ermöglichte die Rekonstruktion eines Gewandschmucks, der der kaiserlichen Hoftracht entsprach oder angenähert war.

Quellen:
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Vita s. Balthildis, MGH SRM II, 482-508 - Vita Wilfridi ep. Eboracensis, MGH SRM VI, 193-262 - Vita s. Aunemundi ep. Lugdunensis, AASS Sept. VII, 694-696 - Translatio an. 833, AASS Jasn. II, 747-749.

Literatur:
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La reine Bathildeet son temps (Exposition merov. Chelles 1961) - E. Ewig, Das Privileg des Bf.s Berthefrid v. Amiens für Corbie von 664 und die Klosterpolitik der Kgn. B., Francia I, 1973, 62-114 - Ders., Stud. zur merow. Dynastie (GFMASt 8, 1973), 15-59 - R. Folz, Tradition hagiographique et culte de S. Bathilde, reine des Francs (Acad. Inscr. et Belles Lettres, Comptes rendus 1975), 369-384 - H.E.F.Vierck, La chemise de S-Bathilde a Chelles et l'influence byz. sur l'art de cour merov. au VII s. (Centenaire de l'abbe Cochet. Actes du colloque internat. d'archeologie, Rouen 1978), 521-564.


Frauen der Weltgeschichte: Seite 46
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Balthilde
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* 680

Wahrscheinlich kam die kleine Angelsächsin schon als Kind in Kriegsgefangenschaft, vielleicht wurde sie auch von Seeräubern entführt; jedenfalls kaufte sie der fränkische Majordomus Erchinald um billiges Geld und machte sie zu seiner Mundschenkin in Paris. Balthilde verstand es, den Werbungen Erchinalds auszuweichen. Als aber der kaum dem Knabenalter entwachsene MEROWINGER Chlodwig II. den fränkisch-merowingischen Königsthron bestieg, ließ sie sich überreden, seine Gemahlin zu werden. Nun begann das Martyrium einer glücklicherweise nur kurzen Ehe. Chlodwig starb bereits mit 23 Jahren in geistiger Umnachtung, der Folge zügelloser Ausschweifungen. Sein Tod brachte der jungen Königin die entscheidende Lebenswende, sie wandte sich ganz den sozialen Aufgaben zu. Als regierende Königin erließ sie Gesetze, um das schreckliche Los der Sklaven zu lindern und den brutalen Verkauf der Kriegsgefangenen zu unterbinden, der althergebrachte Stammessitte war. Scharen von gefangenen oder verschleppten Römern, Galliern, Sachsen und Mauren wurden von ihr befreit, in den Klöstern erzogen oder als human behandelte Helfer auf ihre Güter verteilt. Ihr Bild aus jener Zeit ist in die Geschichtsschreibung  übergegangen: "Sie war von Herzen gütig, von züchtigem Betragen, klug, aber nicht vorlaut, schön anzusehen mit freundlichen Mienen und würdevollem Gang." Sie gründete die Abtei Corbie an der Somme, im Jahre 680 starb sie im Kloster Chelles bei Paris als einfache Nonne unter der Äbtissin Bertilla. Noch hundert Jahre regierten die entarteten MEROWINGER als Scheinkönige; eigentliche Herren waren die "Hausmeier", die Majordomus, deren Stellung etwa der eines heutigen Ministerpräsidenten entsprach; einer von ihnen, der Franke Pippin, wurde zum König gekrönt - er war der Vater KARLS DES GROSSEN.



Bathilde stiftete das Kloster Corbie und war eine bedeutende Regentin, sozial sehr engagiert und wurde 667 vom Hausmeier Ebroin abgesetzt und ins Kloster Chelles gesteckt.
 
 
 
 

  648
   oo Chlodwig II. Frankenkönig von Neustrien
        634- Herbst 657
 
 
 
 

Kinder:

  Chlothar III.
  654-   673 ermordet

  Childerich II.
        -   675 ermordet

  Theuderich III.
         -   691
 
 
 
 

Literatur:
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Bauer Dieter R./Histand Rudolf/Kasten Brigitte/Lorenz Sönke: Mönchtum - Kirche - Herrschaft 750-1000 Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1998, Seite 270 - Dahn, Felix: Die Völkerwanderung. Kaiser Verlag Klagenfurth 1997, Seite 454,457 - Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C.H. Beck München 1994, Seite 254,279,288 Ewig, Eugen: Die Merowinger und das Frankenreich, Seite 79,149, 152-154,156-160,167,175,180,189,199,201,205 - Nack Emil: Germanien. Ländern und Völker der Germanen. Gondrom Verlag GmbH & Co. KG, Bindlach 1977, Seite 255 - Riche Pierre: Die Karolinger. Eine Familie formt Europa. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1991, Seite 40f. - Schieffer, Rudolff: Die Karolinger. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln 1992, Seite 21 - Schneider, Reinhard: Königswahl und Königserhebung im Frühmittelalter, Seite 154,155,164,165,181,247 - Werner, Karl Ferdinand: Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1995, Seite 355,375 -
 
 
 

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