Aethgiva (Eadgifu) von Wessex                 Königin von Frankreich
---------------------------------------               Gräfin von Vermandois
905-26.12.956
 

Tochter des Königs Eduard I. von Wessex aus seiner 2. Ehe mit der Aelflede, Tochter von Earldorman Athelm
 

Treffer Gerd: Seite 60-61
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"Die französischen Königinnen. Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert)"

                                       Otgive - von "Übersee"
                                        Geboren: um 903 - Heirat: 919 - + nach 951

Zweite Gemahlin Karls III. des Einfältigen (+ 879; König: 889-922; + 929)

Otgive ist von königlichem Geblüt, Tochter des Königs Eduard I. von England. Fünfzehnjährig quert sie den Ärmelkanal, begleitet von ihren Schwestern Edith und Ethil: ein neues großes Ehesyndikat ist in Sicht (So etwas hat Bertrada schon einmal versucht.). Edith heiratet OTTO I., König des O-Reiches, Ethil wird die Frau Hugues', des französischen Großfürsten. Otgive selbst ist Karl dem Einfältigten, der 24 Jahre älter ist, bestimmt. Sie eröffnet den Reigen englischer Prinzessinnen auf Frankreichs Thron.
Die junge Königin wird den dringenden Wunsch ihres alternden Gemahls erfüllen. 921 bringt sie einen Sohn zur Welt: Ludwig - da seine Mutter von jenseits des Kanals gekommen ist, wird man ihn später Ludwig von Übersee, "Louis d'Outre-mer" nennen. Otgive hat allerdings einen Mann geheiratet, gegen den nun die großen Feudalherren rebellieren. An ihrer Spitze steht Robert, der Graf von Paris. Am 20. Juni 922 wird der KAROLINGER-König abgesetzt. Robert wird von Rebellen zum Thron geführt. An ihrer Spitze steht Gautier, der Erzbischof von Sens, der schon 888 seinem Bruder Odo die Salbung verabreicht hatte. Zum zweiten Mal nimmt ein Graf von Paris, mit Billigung der Hohen Geistlichkeit, auf dem Throne Platz.
Otgive ist mit ihrem Sohn nach Lothringen geflohen. Sie beobachtet gespannt, wie ihr Gemahl Karl eine Armee aufstellt, erwartet fieberhaft am 15. Juni 923 Nachrichten von der Schlacht bei Soissons. Der Pseudo-König Robert, berichtet man ihr, ist im Kampf gefallen. Aber: Karl muß den Truppen dessen Sohn, Hugues' des Großen, weichen. Otgive wartet: Die großen Vasallen wählen nun Roberts Schwiegersohn Raoul von Burgund zum König. Karl muß sich diesem neuen Rivalen stellen. Er glaubt, in dem mächtigen Herbert von Vermandois Beistand zu finden. Karl irrt. Herbert verhaftet den König, kerkert ihn bis zu seinem Tod am 7. Oktober 929 in Peronne ein. Sobald Otgive diese tragische Nachricht erhalten hat, verläßt sie das Land. Mit ihrem Sohn Ludwig, dem rechtmäßigen Erben, schifft sie sich ein, quert den Ärmelkanal ein zweites Mal und stellt sich und ihr Kind unter den Schutz des englischen Königs. Sie können warten: zwei französische Könige lang. Erst 936 - nach dem Tod König Raouls - wird ihr Sohn König. Hugues der Große hat das veranlaßt. Er glaubt mit dem neuen König leichtes Spiel zu haben. Otgive folgte ihrem Sohn an den Hof von Laon. Dort nimmt sie 939 an der Hochzeit Ludwigs IV. mit Gerberge, der Schwester Kaiser OTTOS I., den ihre Schwester Edith einst geheiratet hat, teil. Gerberge wird im folgenden Jahr einen Thronerben haben: Lothar.
Otgive hat keine besondere Aufgabe mehr: Sie ist Zuschauerin, als ihr Sohn Hugues den Großen, der offen revoltiert hat, niederringt, als selbst die Ungarn in sein Könuigreich eindringen und es wie benäßtes Leder abschrumpft. Was bewegt die alternde Otgiva? Sie hat ihren Sohn beschützt. Sie hat ihn behütet. Sie hat in den letzten Jahren zurückgezogen gelebt. Jetzt, 941, mit 38 Jahren, flieht sie vom Hof zu Laon - um erneut zu heiraten: ausgerechnet den Sohn jenes Herbert von Vermandois, der dazumal ihren Mann verraten hatte. Keine Quelle erklärt diese befremdliche Ehe. Suchten die Vermandois nach einer illustren Verbindung? [Schließlich wird die nächste Königin eine Vermandois sein.]. War Otgive - nach ihres Sohnes Heirat, der Geburt seines Thronfolgers - jeglicher politischer Bedeutung enthoben, eine verbitterte, frustrierte Frau? Hatte sie vielleicht nur eine späte Liebe erfahren? Gab es eine explosive Mischung all dieser Motive? Wie auch immer: nach dieser Heirat verliert sich die geschichtliche Spur Otgivas, selbst das genaue Datum ihres Todes ist unbekannt.


Brühl Carlrichard: Seite 58/59
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"Ludwig IV."
in Ehlers/Müller/Schneidmüller, Die französischen Könige des Mittelalters

Nach der Gefangennahme Karls III. war Eadgyfu 923 mit ihrem 3-jährigen Sohn Ludwig ins angelsächsische Exil, das heißt zu ihrem Vater geflüchtet.
Es war kein geringer Schock für Ludwig IV., als seine Mutter Eadgyfu, die in den Jahren ihres Aufenthalts in W-Franken stets im Schatten der Gerberga gestanden und keinen erkennbaren Einfluß auf die Politik ihres Sohnes gewonnen hatte, ausgerechnet den gleichnamigen Sohn des einstigen Kerkermeisters Karls III. von W-Franken heiratete, der erheblich jünger gewesen sein muß als sie. Eadgyfu floh aus Laon und brach mit ihrem Sohn, der ihr sofort das Wittum Attigny und die Abtei Notre-Dame in Laon entzog und letztere sogleich seiner Gemahlin Gerberga übertrug.

Schwager, Helmut: Seite 50,83,173,183 mit Anm. 699
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"Graf Heribert II. von Soissons"

Nach der Gefangennahme König Karls III. durch Graf Heribert II. im Jahre 923 und der Flucht Königin Eadgyfus (+ nach 951) mit ihrem Sohn Ludwig IV. dem Überseeischen (+ 954) ins angelsächsische England wurden natürlich die königlichen Domänen eine Beute der besitzgierigen westfränkischen Großen.
Karls III. Gattin Königin Eadgyfu (+ nach 951) dagegen gelang mit ihrem Sohn Ludwig IV. (+ 954) gerade noch die Flucht nach England zu ihrem Vater, dem angelsächsischen König Eadward dem Älteren (+ 924).
Tusey war nämlich eine alte karolingische "villa", die Ludwigs Vater Karl III. Könifin Eadgyfu als Morgengabe gegeben hatte; nun war Tusey aber von Graf Rotger von Douai (+ 942) besetzt, einem Vasallen Herzog Hugos und Onkel des legendären Rudolf "von Cambrai" (+ 943).
[Nach Lauer, Louis, 37 mit Anm. 4 läuft diese Verwandtschaft dergestalt: Graf Arnulf I. von Flandern ist ein Vetter der Angelsächsin Eadgyfu/Edith (+ 946), der ersten Gattin König OTTOS DES GROSSEN, über seine Mutter Aelfthryth/ Elftrude ( +929) gewesen; mit dem KAROLINGER Ludwig IV. war der Flame über Ludwigs Mutter Eadgyfu/Edgiva (+ nach 951), Schwester der Eadgytha, verwandt; beide Schwestern waren somit Nichten der Gräfin Aelfthryd und Enkel König Alfreds des Großen von England, was im übrigen auch auf Graf Arnulf I. zutraf! Zudem: Kalckstein, Capetinger, 214.]

Konecny Silvia: Seite 145
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"Die Frauen des karolingischen Königshauses. Die politische Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau in der fränkischen Herrscherfamilie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert."

Deutlicher noch als bei ARNULF, hinter dessen Ehen eine heftig umstrittene Bündnispolitik des Adels stand, trat die Annäherung des königlichen Eheverhaltens an das des Adels im westfränkischen Reich zutage. Die Ehen Karls des Einfältigen unterschieden sich von denen ARNULFS allerdings insofern, als der westfränkische KAROLINGER auf eine Gesamtherrschaft in seinem Reich faktisch völlig verzichtete und eine feste Position in Lothringen anstrebte. Damit war eine Annäherung an die übrigen westfränkischen Principes gegeben. Karl der Einfältige wurde bei der Wahl seiner Ehepartnerinnen zumindest teilweise von dieser Politik bestimmt.
Karl wurde als Vierzehnjähriger zum König gekrönt. Eine erste Verbindung ging er wohl unter der Ägide der FULCONEN ein, die seinen Herrschaftsanspruch vor allem unterstützt hatten. Auf Grund der politischen Entwicklung verlor jedoch die erste nicht näher bekannte Verbindung Karls des Einfältigen an Bedeutung, und jene Söhne, die ihr entstammten, blieben als Konkubinsöhne von einem Herrschaftsanspruch ausgeschaltet. Auch die FULCONEN förderten sie nicht, sondern unterstützten Ludwig den Überseeischen. Dieser hatte im Frankenreich keine mütterliche Verwandtschaft und eignete sich deshalb wohl besser zu einem Schattenkönig als selbst ein Kandidat aus den eigenen Reihen. Die Verbindung Karls des Einfältigen mit Friderun, die einem elsässischen Geschlecht entstammte (Richtig wohl eher sächsisches Geschlecht [IMMEDINGER]), sollte Karls Versuche unterstützen, sich im lothringischen Gebiet einen eigenen Herrschaftsbereich aufzubauen. Wie wichtig die Ehe mit Friderun war, wird an deren zahlreichen Anniversarien deutlich, die bezeugen, daß Karl die Bindungen zur Sippe seiner Gemahlin auch nach deren Tod pflegte. Friderun aber gebar keinen Sohn, und daher hatte Karl keine Möglichkeit, eine Fortsetzung seiner elsässischen Politik anzubahnen.
Nach Frideruns Tod heiratete Karl die angelsächsische Prinzessin Eadgivu. Es handelt sich um eine der wenigen Ausländerehen in karolingischer Zeit. Die Verbindung sollte wohl ein Bündnis gegen die Normannen darstellen. Nach dem Tod ihres Gatten kehrte Eadgivu gemeinsam mit ihrem Sohn, Ludwig dem Überseeischen, nach England zurück. Ludwig wurde schließlich von den ROBERTINERN zurückberufen und zum König erhoben. Die Legitimitätsfrage stand bei seiner Herrschaftsübernahme nicht im Vordergrund. Zwar wird eine Krönung Eadgivus nicht erwähnt, der Krönungsbrauch ist jedoch bei den letzten westfränkischen KAROLINGERN so häufig bezeugt, daß diese durchaus anzunehmen ist. Überdies wurde Eadgivu auch Königin genannt. Möglicherweise dotierte Karl der Einfältige seine angelsächsische Gemahlin noch zusätzlich, wie dies im Falle Frideruns deutlich bezeugt ist. Von einer Sonderform der Ausländerehe, die sich rechtlich von der Vollehe unterschied, kann hier jedenfalls nicht mehr die Rede sein.
 
 
 
 

  919
1. oo 2. Karl III. der Einfältige Westfränkischer König
            17.9.879-7.10.929

  951
2. oo Heribert III. der Alte Graf von Soissons
         910/15-29.1.993
 
 
 
 

Kinder:
1. Ehe

  Ludwig IV. der Überseeische
  10.9.920/21-10.9.954

2. Ehe

  Odo
         -

  Adelheid
         -

 976
  oo Karl Herzog von Nieder-Lothringen
       Sommer 953-22.6.992
 
 
 
 

Literatur:
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Althoff Gerd: Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000, Seite 57 - Ehlers Joachim/ Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996, Seite 23,30,34,47,58 - Glocker Winfrid: Die Verwandten der Ottonen und ihre Bedeutung in der Politik. Böhlau Verlag Köln Wien 1989, Seite 20,24,271,273 - Hlawitschka Eduard: Untersuchungen zu den Thronwechseln der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts und zur Adelsgeschichte Süddeutschlands. Zugleich klärende Forschungen um „Kuno von Öhningen“, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1987, Seite 47 - Hlawitschka, Eduard: Die Anfänge des Hauses Habsburg-Lothringen. Genealogische Studien zur Geschichte Lothringens und des Reiches im 9.,10. und 11. Jahrhundert, Saarbrücken 1969, Seite 68,76 - Konecny Silvia: Die Frauen des karolingischen Königshauses. Die politische Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau in der fränkischen Herrscherfamilie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert. Dissertation der Universität Wien 1976, Seite 146 - Riche Pierre: Die Karolinger. Eine Familie formt Europa. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1991, Seite 294 - Schieffer Rudolf: Die Karolinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1992, Seite 202,204,206,230 - Schmid Karl: Reich und Kirche vor dem Investiturstreit. Gerd Tellenabch zum 80. Geburtstag. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1985, Seite 55 - Schwager, Helmut: Graf Heribert II. von Soissons. Verlag Michael Lassleben Kallmünz/Opf. 1994, Seite 50,83,163,173,183 mit Anm. 699,243 - Werner Karl Ferdinand: Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1995, Seite 489,493 - Wies Ernst W.: Otto der Große. Kämpfer und Beter. Bechtle Verlag Esslingen 1989, Seite 122 -
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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