Philipp Hurepel ("Struwwelkopf")             Graf von Boulogne (1216-1234)
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1200-18./19.7.1234
 

Einziger Sohn des Königs Philipp II. August von Frankreich aus seiner 3. Ehe mit der Agnes von Meran, Tochter von Herzog Berthold III.
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 2065
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Philip (Philippe Hurepel), französischer Fürst
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* 1201, + Januar 1234

Sohn von Philipp II. Augustus und Agnes von Meranien

Beiname wohl nach seinem ‚borstigen‘ Haaren, wurde durch Bulle vom 2. November 1201 legitimiert. Im August 1201 verlobt mit Mahaut (Mathilde), Tochter von Renaud (Rainald), Grafen von Dammartin, Boulogne und Mortain. 1222 zum Ritter geschlagen, erhielt Philipp Hurepel bald darauf die Grafschaft Boulogne, die seinem Schwiegervater durch Konfiskation entzogen worden war; außerdem hatte er die Grafschaften Domfront, Mortain, Aumale und Clermont (-en-Beavaisis) sowie ein Viertel der Grafschaft Dammartin in Besitz. 1228-1230 nahm Philipp an den Adelskoalitionen gegen Blanca von Kastilien teil, schloß im September 1230 aber Frieden mit der Königin. Er hatte eine Tochter, Jeanne, vermählt mit Gaucher von Chatillon.


Philipp Hurepel war ein Halbbruder des französischen Königs Ludwig VIII., welcher ihm durch Testament die Grafschaften Boulogne, Domfront, Mortain, Clermont und Aumale in der Normandie zusprach. Er nutzte die 1226 einsetzende Regentschaft Blankas von Kastilien, um sein Territorium zu erweitern. Er zögerte nicht, sich zu diesem Zweck mit dem englischen König Heinrich III. zu verbünden. Die Energie der Regentin und die Königstreue einiger Aristokraten machten die Absichten Philipps jedoch zu nichte.

Pernoud Regine: Seite 124,138,140,142,145-146,152,155,174
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"Herrscherin in bewegter Zeit"

Am 3. November versammelte der König seine treuesten Gefährten um sich: seinen Halbbruder Philipp Hurepel, Enguerrand von Coucy und die Marschälle von Frankreich, die Grafen von Blois und Montfort sowie mehrere Prälaten und ließ sie feierlich schwören, seinen ältesten Sohn Ludwig als Erben des Königreiches anzuerkennen.
Würde er sich gegenüber Renaud de Dammartin, Graf von Boulogne, ebenso mild zeigen? Im Gegensatz zu Ferrand von Flandern hatte er echten Verrat begangen; dazu kam, dass Blanka ihn nicht freilassen konnte, ohne es sich mit ihrem Schwager Philipp Hurepel zu verscherzen, auf den die Grafschaft Boulogne übertragen worden war.
Schon Ende Januar beruft Blanka die Vasallen ein, macht sich sogar selbst auf die Reise. Begleitet wird sie von ihrem Sohn, dem König, aber auch von einigen der treuen Barone, allen voran ihr Schwager Philipp Hurepel und Robert Gateble, Mauclercs älterer Bruder. Blanka, der klar ist, dass sie nun nicht geizig sein darf, beeilt sich, Robert von Dreux Ländereien zu schenken und Philipp Hurepel Geld, nachdem sie die Verschwörung gegen die Krone unterdrückt hat.
Eine verstärkte Bautätigkeit in den Gebieten des Grafen von Boulogne erweckte Blankas Argwohn: Philipp Hurepel ließ Boulogne befestigen, errichtete in Calais eine Umwallung und eine Burg und verstärkte die Befestigungen von Hardelot und mehreren anderen Plätzen. Seit dem Tod des Renaud de Dammartin brauchte Hurepel nicht zu fürchten, dass er seine Grafschaft zurückgeben mußte; war er nicht eher geneigt, dem Grafen von Bretagne Gehör zu schenken, der trotz der Vereinbarungen von Vendome nicht wirklich die Waffe aus der Hand gelegt hatte? Kurzum, weshalb sollte sich ein Baron eigentlich nicht des Königreichs und des jungen Königs annehmen, ein Baron wie Philipp, der trotz seiner illegitimen Geburt aufgrund seiner Abstammung in jedem Fall dazu geeigneter war als eine Frau?
Außerdem hat Blanka ihren einstigen Gegner Ferrand von Flandern gebeten, mit dem sie jetzt gut Freund ist, gebeten, gegen Philipp Hurepel zu ziehen, der sich offen mit den Feinden des Grafen von Champagne verbündet hat. Philipp gab nach Ferrands Demonstration auf.
Vermutlich war der Abfall des Philipp Hurepel - er geschah im Herbst nach einem neuerlichen Angriff auf die Besitzungen des Grafen Thibaud von Champagne und einem abermaligen Vorstoß der königlichen Truppen in Richtung Troyes - mit ein Grund für den Rückzug des Königs von England. In der Folgezeit stand Philipp Hurepel unverbrüchlich auf der Seite seines königlichen Neffen.

Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Seite 179
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"Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498."

Es scheint vor allem die Furcht vor Philipp Hurepel, dem Grafen von Boulogne und legitimierten Halbbruder Ludwigs VIII., genauer vor seinen Ansprüchen als nächster männlicher Verwandter des Thronerben gewesen zu sein, die die Entscheidung der traditionellen Machtträger zugunsten der Königin-Mutter beeinflußt hatte. Dem unberechnbaren Halbbruder Ludwigs VIII. traute man die Duldung adliger Umtriebe zu und meinte damit den befürchteten Machtgewinn jener Kräfte, die, gestützt auf ein regionales Sonderbewußtsein und die daraus resultierende partikulare Rechtstellung, eine Loslösung vom beherrschenden Einfluß des Königshofes anstreben konnten. Deshalb bemühte man sich, durch die vor Salbung und Krönung vollzogene Schwertleite Ludwigs den Einfluß Philipps als Schwertmage einzuschränken. In dieser Konstellation - der Durchsetzung der Vormundschaft und Regentschaft der Königin-Mutter als Werk der alten, die Reichseinheit verteidigenden Führungsschicht, um den Zugriff wegstrebender Potentaten auf die Macht zu verhindern - lagen die jahrelangen Wirren begründet, die die Jugend und Erziehung Ludwigs begleiten sollten.

Ehlers Joachim: Seite 144,164
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"Die Kapetinger"

Agnes von Meran war schon 1201 gestorben, nachdem sie einen Sohn zur Welt gebracht hatte, der auf den Namen Philipp getauft und m November desselben Jahres vom Papst als legitimes Kind des französischen Königs anerkannt wurde.
Das sollte sich über die Grenzen der Champagne hinaus als gefährlich für die Monarchie erweisen, denn nacheinander griffen die Herzöge von der Bretagne, von Lothringen und von Burgund, die Grafen von Flandern, von St-Pol, von Dreux und von Coucy in den Konflikt ein, und schließlich gesellte sich noch Ludwigs IX. Onkel Philippe Hurepel ("Borstenhaut"), Graf von Boulogne, zu den Streitenden. Als Sohn Philipps II. aus dessen kirchlich nicht anerkannter Verbindung mit Agnes von Meran war er 1201 legitimiert und dadurch mit Ansprüchen als nächster männlicher Verwandter Ludwigs VIII. versehen worden, so daß er leicht zum Führer und Kandidaten fürstlicher Opposition werden konnte.

Le Goff Jacques: Seite 64-65,68,80-81,83-84,91,892
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"Ludwig der Heilige"

Doch nun traten gewisse Risiken zutage. Der Erbe war ein Kind, und der sterbende König hatte einen Halbbruder, Sohn des Philipp August und der Agnes von Meran: Philipp, genannt Hurepel, der Borstige, Graf von Boulogne - ein Rivale, der mit 25 Jahren im besten Mannesalter stand.
Am 3. November ließ Ludwig VIII. die Barone, Prälaten und höheren Persönlichkeiten, die im Heer zugegen waren, in sein Sterbezimmer rufen, 26 Personen insgesamt, unter ihnen die Erzbischöfe von Sens und Bourges, die Bischöfe von Beauvais, Noyon und Chartres, sein Halbbruder Philipp Hurepel, Graf von Boulogne, die Grafen von Blois, Montfort, Soissons und Sancerre, die Sires von Bourbon und Coucy sowie einige Großwürdenträger des Hofes. Er nahm ihnen das Versprechen ab, seinen Sohn Ludwig (oder, bei dessen Tod, dem nachgeborenen Robert), sobald er hingeschieden sei, persönlich zu huldigen und ihn auf dem schnellsten Weg zum König krönen zu lassen. Dies sind die einzigen Verfügungen Ludwigs VIII., die sich auf eine unwiderlegbare Quelle stützen.
Zweifellos wollen sie zwei Möglichkeiten ausschalten. Die erste und offensichtlichste - die Ludwig VIII. auch zum Schweigen veranlaßt haben könnte - ist die, daß die "Regentschaft" dem nächsten männlichen Blutsverwandten des minderjährigen Königs, nämlich seinem Onkel, dem Halbbruder des Verstorbenen und Sohn Philip Augusts, übertragen wird: Philipp Hurepel, Graf von Boulogne, der, ein mächtiger Baron im besten Mannesalter, dank der Freigebigkeit seines Vaters und dank seiner Ehe über fünf Grafschaften verfügt. Sollte dieser Fall eintreten, wäre das der Ruin der geduldig aufgebauten Erbfolgetradition zugunsten des ältesten Königssohns.
Der junge König hatte zwei Onkel, die 1226, zum Zeitpunkt seiner Thronbesteigung, 25 und 17 Jahre alt waren. Größere Gefahr drohte von seiten des ersteren, Philipp, genannt Hurepel. Der Kirche galt auch er als Bastard, da der Papst die Gültigkeit der dritten Ehe Philipp Augusts mit Philipps Mutter Agnes von Meran nicht anerkannt hatte; nach kanonischem Recht war der König damals immer noch mit Ingeborg von Dänemark verheiratet, die er infolge einer mißlichen Hochzeitsnacht alsbald verstoßen hatte. Unterdessen war Philipp Hurepel aber von Papst Innozenz III. legitimiert worden, und da die französische Aristokratie, ja stillschweigend auch die französischen Prälaten seine Mutter als rechtmäßige Königin von Frankreich akzeptiert hatten, war seine Stellung sehr viel ehrenwerter als die seines Halbbruders. Nach außen hin, von Rechts wegen, besaß Philipp Hurepel sogar einen ganz normalen Status. Dennoch frage ich mich, ob nicht die ihm anhaftende vage Erinnerung an seine Unehelichkeit dazu beigetragen haben wird, daß er keinen wirklich ernsthaften Versuch unternahm, seinem Neffen den Thron von Frankreich streitig zu machen.
Philipp Hurepel war von seinem Vater Philipp August und von seinem Bruder Ludwig VIII. recht großzügig mit Land und Lehen ausgestattet worden, doch da dieses Lehen vormals Rainald von Boulogne gehört hatte, einem der beiden im Turm des Louvre einsitzenden Verräters von Bouvines, hatten die beiden Könige es für verwirkt erklärt, von der Krone konfisziert, an die es folglich heimfallen mußte, wenn Philipp Hurepel ohne männlichen Nachkommen starb (wie es 1236 tatsächlich geschah). Um den Onkel nun versöhnlich zu stimmen, gab ihm der junge Ludwig - besser gesagt, die Königin-Mutter und ihre Ratgeber gaben ihm in Ludwigs Namen mit sofortiger Wirkung zwei der drei Burgen, die Ludwig VIII. für sich behalten hatte, Mortain und Lillebonne, sowie die Lehnshoheit über die Grafschaft Saint-Pol, allerdings auch dies mit der Klausel des Heimfalls an die Krone. Ferner erhilt Philipp Hurepel zu Beginn des folgenden Jahres noch eine Leibrente von 6.000 Tournerse Pfund, gegen die er sich und seine möglichen Nachkommen verpflichtete, keine weiteren Erbansprüche auf irgendwelchen Grundbesitz mehr zu erheben.
Die unruhigen Barone versammeln sich in beträchtlicher Anzahl zu Corbeil und beschließen, Ludwig in ihre Gewalt zu bringen - nicht, um ihn gefangenzuhalten oder zu mißhandeln, und noch weniger, um ihn vom Thron zu stürzen: Vielmehr wollen sie ihn, getrennt von seiner Mutter und von ihren Ratgebern, als Geisel nehmen, in seinem Namen regieren und ihre Habgier an Macht, Land und Reichtümern befriedigen. Um ihren Unternehmen den Anstrich einer dynastischen Legitimität zu geben, stellen sie ihm zwei einflußreiche Männer an die Spitze, die sich der Sache nicht verweigern: Philipp Hurepel, Graf von Boulogne, "borstig", aber weder bösartig noch sehr begabt, der sich willenlos von den anderen gängeln läßt, und zur Kriegsführung Peter Mauclerc, Herzog der Bretragne.
Doch 1228, im zweiten Jahr der Herrschaft Ludwigs IX., schlossen sich die Barone abermals und noch entschiedener zusammen. Unterstützt von Philipp Hurepel, griff diese Koalition, deren Drahtzieher Enguerren von Coucy gewesen zu sein scheint, nicht direkt den König oder seine Mutter an, sondern deren mittlerweile mächtigste Stütze, den Grafen Theobald von Champagne.
Andere personelle Veränderungen haben an der Spitze der großen Lehen stattgefunden. Dabei sind zwei Todesfälle von eher "politischer" Bedeutung: 1233 starb Ferrand, Graf von Flandern, wenige Monate später, im Januar 1234, gefolgt von Ludwigs Onkel Philipp Hurepel, jenem "Borstigen", dem weder Glanz noch Treue nachzusagen waren. Dennoch befreite das Ableebn des letzteren das Königshaus von seiner einzigen familiären Belastung.
Im Jahr 1252 starb Johanna, die Tochter von Ludwigs Onkel Philipp Hurepel, ohne Erben. Das Schicksal seiner Besitzungen, von denen Alfons von Poitiers und Karl von Anjou in ihrer Eigenschaft als Neffen je ein Drittel verlangten, blieb lange in der Schwebe, bis 1258 ein Gericht den Rat mehrerer Prud'hommes einholte und das Ganze dem König zusprach.
 
 
 
 

 1216
  oo 1. Mathilde von Dammartin-Boulogne, Tochter und Erbin des Grafen Rainald
           um 1200-14.1. nach 1261

       1235/38
     2. oo Alfons III. König von Portugal
    - 1253 1210-16.2.1279
 
 
 
 

Kinder:

  Alberic
        - nach 1284

Alberic folgte den Eltern, verzichtete zugunsten der Schwester und ging nach England.

  Johanna
  um 1220-14.1.1252

  oo Gaucher IV. von Chatillon Seigneur de Montjay
             -   1250
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Literatur:
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Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 144,164 - Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 150,152 - Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 Seite 155,168,175,179 - Le Goff Jacques: Ludwig der Heilige, Klett-Cotta Stuttgart 2000 Seite 64-65,68,80-81,83-84,87,91,622,634,892 - Pernoud Regine: Herrscherin in bewegter Zeit. Blanca von Kastilien, Königin von Frakreich. Diederichs Verlag München 1991 Seite 124,128,131,138,140, 142,145,152,155,174 -
 
 
 
 
 
 
 
 
 


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