SACHSEN
 

Lexikon des Mittelalters:
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Sachsen
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I. Frühgeschichte und Ethnogenese:

[1] Entstehung und Verfassung:
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Als Volk treten die Sachsen erstmals in der »Geographischen Anleitung« des griechischen Mathematikers Ptolemaeus auf, der sie im heutigen Schleswig-Holstein lokalisierte. Tacitus hat in der »Germania« keine Sachsen erwähnt. Die moderne Forschung rechnet mit einem spätestens im 3. nachchristlichen Jahrhundert aktiven Stammesbund, der sich in weitgreifender, kriegerisch vorgetragener, aber für neue Bundesgenossen stets offener Bewegung südostwärts ausbreitete. Da es für diese frühe Zeit keine unmittelbaren schriftlichen Quellen gibt, sind wir auf archäologische Zeugnisse angewiesen (vgl. Abschnitt II). Im 10. Jh. erwähnt Widukind von Corvey (I. 2-7) eine von ihm noch selbst gehörte, aber kritisch beurteilte mündliche Tradition, derzufolge die Sachsen entweder von Dänen und Normannen oder (vgl. die fränkische Trojanersage; Trojaner) von den Resten des makedonischen Heeres Alexanders des Großen abzuleiten seien. Als sicheres Wissen nennt er die Ankunft der Sachsen auf Schiffen in »Hadolaun«, worunter heute allgemein das Land Hadeln links der Elbmündung verstanden wird, und ihre Landnahmekämpfe mit den dort siedelnden Thüringern. Das Landungsmotiv findet sich schon in den 60-er Jahren des 9. Jh. bei Rudolf von Fulda, der auch von einem fränkisch-sächsischen Bündnis gegen die Thüringer (Krieg Theuderichs I., 531) weiß; noch früher (um 700) erwähnt der Geographus Ravennas die Sachsen als Nachbarn der Dänen, aus deren Gebiet sie einst gekommen seien. Von sächsischen Seekriegern an den gallischen und britannischen Küsten berichten römische Autoren seit 286 mehrfach; Höhepunkt dieser Seewanderung ist im 5. Jh. die Landnahme in Britannien (Angelsachsen).

[2] Eingliederung der Sachsen in das Frankenreich:
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Fränkische Autoren (Gregor von Tours; »Liber historiae Francorum«; Fredegar) notieren seit 531 andauernde Kontakte und Grenzkämpfe mit den Sachsen, deren Verfassung und Siedlungsgebiet aus solchen »Begegnungsmeldungen« (W. Lammers) aber nicht erschlossen werden können. Erst die Verdichtung der fränkischen historiographischen Nachrichten infolge der Sachsenkriege KARLS DES GROSSEN (Abschnitt A. 3) ergibt einige Anhaltspunkte. Dabei erscheint das zwischen Elbe, Saale, Unstrut, Harz, oberer Leine, Diemel, Ruhr und Ijssel in die Heerschaften der Westfalen, Engern und Ostfalen gegliedert siedelnde königslose sächsische Volk mit seinen jährlichen Versammlungen der »Satrapae« (Gauvorsteher) und je 12 Gaudelegierten der Edelinge, Frilinge und Laten in Marklo an der Weser als Sonderfall frühmittelalterlicher gentiler Verfassung. Schroffe Trennung des mit achtfachem Latenwergeld hoch geschützten Adels von der übrigen Bevölkerung deutet auf Überschichtung durch landnehmende Eroberer (Widukind I. 14) und auf eine rechtlich-soziale Krisenlage, die den sächsischen Adel veranlaßte, seine Stellung durch Öffnung gegenüber der fränkischen Mission zu sichern. Weil die zuvor von Utrecht und Deventer ausgegangene angelsächsische Mission an der engen Beziehung politischen und kulturellen Lebensformen (Irminsul) der Sachsen gescheitert war, entwickelte KARL DER GROSSE seit 772 ein Mission mit Krieg verbindendes Konzept für ihre Integration in das fränkische Reich (Franken, Frankenreich). 775 stieß KARL über die Sigiburg an der Ruhr bis nach Ostfalen vor und erzwang die Anerkennung seiner Oberherrschaft, die aber in den folgenden Jahren von der Basis im Quellgebiet der Lippe (Pfalz Paderborn) aus immer neu gesichert werden mußte. 777 teilte der Reichstag von Paderborn Sachsen in Missionssprengel ein, 782 folgte auf dem Reichstag von Lippspringe die Einführung der Grafschaftsverfassung, verbunden einerseits mit Ernennungen sächsischer Adliger zu Grafen, andererseits mit dem Erlaß der für fränkische Rechtsverständnis ungewöhnlich harten, massiv Todesstrafen androhenden »Capitulatio de partibus Saxoniae«. Im gleichen Jahr stand der seit 778 genannte westfäliische Adlige Widukind an der Spitze einer breiten Aufstandsbewegung, die ein fränkisches Heer am Süntel schlug, doch von sächsischen Großen und fränkischen Truppen niedergeworfen wurde; KARL ließ die ihm ausgelieferten Gefangenen in Verden hinrichten, aber noch 783 kam es bei Detmold und an der Haase zu offenen Feldschlachten. 784 schlossen sich die Friesen Widukind an, KARL brach aber den Widerstand mit umfangreichen Zerstörungen sächsischer Siedlungen seit dem Winter 784/785 und zwang Widukind zu Unterwerfung und Annahme der Taufe in Attigny. Dennoch konnten die Sachsen südlich der Elbe trotz wiederholter Verwüstungen und (wohl nach byzantinischem Vorbild organisierter) Deportationen mit folgendem Zustrom fränkischer Staatssiedler erst 802 endgültig befriedet werden, 804 unterwarfen sich die Nordalbingier unter dem Druck der mit KARL verbündeten Abodriten. Schon 797 waren infolge der Kritik Alkuins die Härten der fränkischen Gesetzgebung durch das »Capitulare Saxonicum« gemildert worden, so daß eine Basis für die noch lange Zeit erfordernde innere Christianisierung geschaffen war. Die Eingliederung der bis dahin heidnischen Sachsen in das Franken-Reich bedeutete für den norddeutschen Raum das Ende der Wanderzeit; das sächsische Siedlungsgebiet mit schwach ausgebildeter Binnengliederung und fließenden Außengrenzen wurde zur klar strukturierten Reichslandschaft umgestaltet, zum regnum als herrschaftlich organisierter Regierungs- und Verwaltungseinheit mit staatlicher Qualität. Genuin sächsische Zentralorte fehlten, denn häufig genannte Befestigungsanlagen wie Eresburg, Iburg, Sigiburg (Hohensyburg) und Skidrioburg lagen eher peripher; erst mit den fränkischen Bistumsgründungen in Sachsen (Osnabrück, Bremen [Hamburg-Bremen], Minden, Münster, Paderborn, Verden, Halberstadt, Hildesheim) und durch die Einführung der Grafschaftsverfassung (782) ergab sich durch Vernetzung von Zentrum und Umfeld ein topographisch faßbarer Großraum, der durch Stifts- und Kl.gründungen (Hameln, Brunshausen, Gandersheim, Corvey, Herford, Möllenbeck, Wendhausen, Wunstorf) unter Beteiligung sächsischer Adelsfamilien weiter differenziert wurde.

J. Ehlers



II. Archäologie:

[1] Einführung:
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Die frühe Kulturgeschichte des sächsischen Stammesverbandes muß wegen mangelnder Schriftquellen über archäologische Fundplätze (Gräberfelder, Siedlungen) erschlossen werden, wobei sich die Fundlage in den verschiedenen Regionen des Stammesgebietes unterschiedlich dicht darstellt. Erst seit dem 8./9. Jh. liefern die Schriftquellen (vgl. Abschnitt I) wichtige Ergänzungen zu den archäologischen Quellen.

[2] Siedlungswesen:
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Es gab einzelne oder in kleinen Gruppen stehende Gehöfte, aber auch Dorfgröße erreichende Ansiedlungen. Steinbauten (Burgen, Kirchen) traten erst in spätsächsischer Zeit unter christlichem Einfluß auf. Ausschlaggebend für den Bau einer Siedlung waren günstige ökologische Bedingungen für intensiv betriebene Viehhaltung und effektive Feldwirtschaft. Kerngebäude der oft eingezäunten bäuerlichen Wirtschaftsbetriebe war das aus drei Pfosten (»dreischiffig«) errichtete »Wohn-Stall-Haus« mit Wohn-, Wirtschafts- und Stallteil. Angegliedert waren auf Ständer stehende Vorratsgebäude, Grubenhäuser und andere Kleinbauten, in denen zum Teil die verschiedenen Handwerke durchgeführt wurden. Die Stallgröße der Wohn-Stall-Häuser erlaubt möglicherweise auch Erkenntnisse über die soziale Bedeutung des Besitzers in der Gemeinschaft. Besonders die im Küstenbereich liegenden Siedlungen der altsächsischen Periode (4.-5. Jh.) wie Wijster, Niederlande, die Wurt Feddersen Wierde und die Geestsiedlung Flögeln im Kreis Cuxhaven, Niedersachsen, haben in den vergangenen Jahrzehnten die Kenntnisse der Wirtschafts- und Sozialstruktur erheblich vergrößert.

[3] Bestattungswesen:
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Die Bestattungssitte der Sachsen auf dem Kontinent wird in der Frühphase (3.-8. Jh.) durch die Leichenverbrennung geprägt. Charakteristisch sind große, oft mehrere tausend Brandgräber umfassende Urnenfriedhöfe unter flachem Felde. Bekannte Beispiele dafür sind die Friedhöfe von Issendorf, Landkreis Stade, oder Westerwanna, Landkreis Cuxhaven in Niedersachsen. Seit dem 4. Jh. wurden auf diesen Brandgräberfriedhöfen gleichzeitig auch West-Ost oder Süd-Nord ausgerichtete Körpergräber angelegt, meist in kleineren Gruppen, die oft am Rande der Brandbestattungen niedergelegt wurden und wahrscheinlich den sozialen und politischen Eliten zuzuordnen sind. Dafür spricht ihre gelegentlich sehr aufwendige Anlage in aus Holz gezimmerten Kammern (Issendorf). Die Sitte, die Friedhöfe »gemischt« zu belegen, hielt sich bis ins späte 8. Jahrhundert, in dem unter christlichem Einfluß dann die Feuerbestattung aufgegeben wurde. Seitdem wurde ausschließlich körperbestattet, wobei die Toten in West-Ost ausgerichteten Reihengräbern beigesetzt wurden. Mit beginnendem Kirchenbau verließ man die heidnischen Bestattungsplätze und legte die Friedhöfe bei den Gotteshäusern an. Einen anderen Verlauf nahm die Bestattungssitte bei den Angelsachsen in Britannien. Aufwendige Grabfunde wie auf der britischen Insel (zum Beispiel Sutton Hoo) fehlen für die festländ. Sachsen.

[4] Tracht und Bewaffnung:
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Wie zu jener Zeit auch bei anderen germanischen Stämmen (Germanen) üblich und erst mit der Übernahme des christlichen Glaubens weitestgehend abgeschafft, wurden die Sachsen in ihrer Tracht beerdigt oder verbrannt. Während Textilien und aus organischen Materialien gefertigte Gegenstände meist vermodert oder im Scheiterhaufenfeuer vollständig verbrannt sind, blieben Trachtbestandteile aus Metall, Schmuck und Waffen in Körpergräbern häufig vollständig, in Brandgräbern oft als brandreduzierte Reste erhalten. Dabei sind geschlechtsspezifische Unterschiede zu erkennen. Frauen trugen oft Halsketten aus bunten Glas- und Bernsteinperlen, sie verschlossen ihre Kleidung mit Bronze- oder Silberfibeln verschiedenster Ausformung, mit Gürtelschnallen aus Eisen oder Bronze, und sie trugen Messer und Schlüssel. Häufig wurden Kammbeigaben und gelegentlich Amulettschmuck, etwa Donaranhänger, in den Gräbern nachgewiesen. In den Männergräbern hingegen finden sich oft Waffen wie die Spatha (zweischneidiges Schwert), Saxe (einschneidiges Hiebschwert; Sachs), Lanzen, Äxte, Pfeil und Bogen und als Schutzwaffe der Schild. Auffallend sind darüber hinaus schwere Gürtelgarnituren aus Eisen oder Bronze und als Beigabe das Messer. Auch Möbel, Kisten, Gläser und Tongefäße wurden den Toten mitgegeben. Mit der Christianisierung erlosch diese Beigabensitte fast gänzlich.

[5] Handwerk:
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Bereits seit der Frühphase sind gut entwickelte Handwerke zu verzeichnen, so etwa das Töpfer-, Tischler- und Zimmermannshandwerk (einschließlich Schiffbau) und die Metallhandwerke, die weiter in Edel- und Buntmetall- sowie Schmiedehandwerk zu untergliedern sind. Bei den metallenen Schmuck- und Trachtbestandteilen kam es in der Frühphase (4.-5. Jahrhundert) mit der Herstellung verschiedener Fibelformen (etwa gleicharmige Fibeln, Schalenfibeln) zu eigenständigen, stammesspezifischen Formen- und Verzierungselementen, wobei spätröm. Verzierungsvorlagen adaptiert wurden. Besonders seit der 2. Hälfte des 5. Jh. wurde die Waffenproduktion (Spatha, Sax, Axt, Speer, Pfeil und Schild) von Bedeutung, die im 6./7. Jahrhundert teilweise hervorragende Qualität erreichte und von einem kenntnisreichen Schmiedehandwerk zeugt.

H.-J. Häßler