»Nach einer nicht ganz ohne Sorgen
verbrachten Nacht brach der Tag an, an welchem ich das berühmte Timbuktu betreten sollte. Nach mancherlei Aufenthalt konnten wir
uns endlich 10 Uhr morgens in Bewegung setzen. Als wir die
Sanddünen erstiegen hatten, welche hart hinter Kabara
aufsteigen, überraschte mich die öde Landschaft, die nun vor
mir lag. Der ganze Landstrich zeigte entschieden den Charakter
einer Wüste, wiewohl der Pfad zu beiden Seiten mit Dorngebüsch
und krüppelhaften Bäumen besetzt war. Bezeichnend für die
Unsicherheit dieser kurzen Wegstrecke zwischen dem Hafenort und
der Stadt ist der Name, den man einer Stelle etwa auf der Hälfte
des Weges gegeben hat, nämlich »Ur immandes« - »er hört es
nicht«; es soll dies soviel heißen, daß das Geschrei des
Unglücklichen, der hier vereinsamt in die Hände der Wegelagerer
fällt, weder in Timbuktu noch in Kabara gehört werde.
Endlich erblickte ich die Stadt Timbuktu. Der
erste Eindruck, den das lange ersehnte Reiseziel auf mich machte,
war eben kein sehr günstiger; denn da der Himmel dick überzogen
und die Atmosphäre mit Sand erfüllt war, konnten die dunklen,
schmutzigen Tonmassen der Stadt, durch die Sonne nicht
beleuchtet, von dem umgebenden Sand und Schutt kaum unterschieden
werden. Auch hatte ich keine Zeit, mich umzuschauen, da uns eine
Schar Leute aus der Stadt entgegenkam, um den Fremden zu
begrüßen und willkommen zu heißen. Es war dies ein
bedeutungsvoller Augenblick für mich; die geringste Blöße, die
ich mir gab, der geringste Argwohn, den die bewaffnete Schar
gegen mich faßte, konnte mir den Eintritt in die Stadt
unmöglich machen und mich ins Verderben stürzen. Auf einen Wink
von Alauate setzte ich mein Pferd in Galopp und sprengte, meine
Flinte zur Hand, meinen Begleitern voraus, um die
Entgegenkommenden zu begrüßen. Ohne Anstand erwiderten sie denn
auch meinen Gruß mit vielen Salams. Da, im Augenblick des
Erfolges, drohte mir eine ernstliche Gefahr. Einer der Männer
redete mich auf türkisch an; ich hatte aber diese Sprache fast
ganz und gar vergessen, und die Anrede kam so unerwartet, daß
ich nur mit großer Not eine passende Antwort finden konnte.
Trotzdem daß die Straßen und Gassen des
Stadtviertels, welches wir zuerst betraten, so eng waren, daß
kaum zwei Reiter nebeneinander passieren konnten, machte die
dichte Bevölkerung und das wohlhabende Ansehen dieses Teils der
Stadt einen großen Eindruck auf mich. So war ich denn endlich an
dem Ziele meiner weiten westlichen Wanderung, in dem lange
ersehnten Timbuktu, glücklich angelangt.
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Timbuktu nach
einer zeitgenössischen Darstellung |
Timbuktu ist keineswegs, wie man in Europa
bisher allgemein angenommen hatte, der Mittelpunkt eines großen
selbständigen Reichs gewesen. Mächtige staatliche Gemeinwesen
bestanden schon lange vor seiner Gründung ringsumher, und
jahrhundertelang, nachdem die Stadt ins Leben gerufen war, wuchs
dieselbe zwar frei und unabhängig, aber ohne die Hauptstadt
eines Reichs von einiger Bedeutung zu sein. Nach der Angabe
unseres Gewährsmannes für die Geschichte der Nigerländer,
Ahmed Baba, wurde dieser berühmte Ort gegen Ende des fünften
Jahrhunderts der Hedjra (um 1100 n.Chr.) von einer Abteilung der
Tuareg gegründet.
Aus den ersten zweihundert Jahren ihres
Bestehens ist uns nichts von den Schicksalen der Stadt
überliefert worden; sie scheint bis dahin weder eine Rolle von
einiger Bedeutung gespielt zu haben noch überhaupt mit der
Geschichte der umgebenden Landschaft eng verknüpft gewesen zu
sein, wie sie durch ihre Lage am Rande der Wüste dem
gewöhnlichen Verkehr entrückt war. Selbst durch die Eroberung
und Einverleibung in das damals mächtigste Negerreich, das von
Melle, im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts, erlangte Timbuktu
noch keine hervorragende Bedeutung. Erst mit der Zertrümmerung
jenes Reichs, der Verödung Walatas und dem mächtigen Aufblühen
des Sonrhai-Reichs nimmt es eine hervorragende Rolle in der
Geschichte ein.
Vor meiner Reise waren kaum irgendwelche Daten
in bezug auf die Geschichte dieses ausgedehnten und wichtigen
Landgebiets bekannt, mit Ausnahme weniger ganz vereinzelter
Umstände, die der gelehrte und kritische englische Geograph
William Desborough Cooley nach meines vortrefflichen Lehrers Carl
Ritter allgemeinen Zusammenstellungen aus El Bekri, der
Geschichte Ibn Chalduns, dem dunklen und verworrenen Berichte
Leos über den großen Askia und einer ganz kurzen Andeutung der
Eroberung Timbuktus und Garhos durch den Feldherrn des Kaisers
von Marokko von seiten einiger spanischer Schriftsteller mit
großem Scharfsinn kombiniert hatte. Mir selbst erst war das
Glück vorbehalten, eine vollständige Geschichte des
Königreichs Sonrhai bis zum Jahre 1640 unserer Zeitrechnung
durchzusehen.«
Hier folgt ein Abriß der Geschichte Timbuktus und der
wichtigsten Königreiche des Nigergebietes vor dem Auftreten der
Fulbe, die wir an dieser Stelle, da sie nicht primär mit
Heinrich Barths Eindrücken zu tun haben, übergehen wollen. Es
folgt die Barths Beschreibung der Stadt Timbuktu.
»Timbuktu liegt nur wenige Meter über dem
mittleren Niveau des Niger und ist etwa 14 bis 16 Kilometer von
dem Hauptarme des Flusses entfernt. Die Stadt bildet ein etwas
abgerundetes Dreieck, dessen Basis nach Süden, also nach dem
Niger, gekehrt ist. Zeichnet sich die Stadt auch nicht durch ihre
Größe aus, so unterscheidet sie sich doch durch ihre solide
Bauart wesentlich von den hinfälligen Wohnstätten im ganzen
übrigen Sudan. Die Häuser sind alle in gutem Zustand, und die
Zahl der Tonwohnungen betrug zur Zeit meiner Anwesenheit 980, die der Mattenhütten belief sich entschieden
ebenfalls auf einige hundert. Die Tongebäude zeigen einen
mannigfaltigen, im ganzen aber den Grundrissen pompejanischer
Wohnungen sich annähernden Stil; einige sind niedrig und
unansehnlich, andere von größeren Dimensionen und mit einer Art
zweiten Stockwerks versehen; ja, selbst Versuche
architektonischer Verzierung weisen einzelne Häuser auf. Die
Dächer sind flach und mit einer Brüstung eingefaßt; das
erwähnte zweite Stockwerk besteht bei den Häusern in einem auf
dem flachen Dach erbauten Zimmer, das aber immer nur die Fassade
des Hauses einnimmt. Dieses Dachzimmer ist der
Lieblingsaufenthalt vieler Bewohner Timbuktus, da es luftig und
infolgedessen kühl ist.
Zur Zeit ist Timbuktu von keiner Mauer
umgeben, indem die frühere - wohl auch mehr ein Erdwall als eine
Mauer - von den Fulbe bei der Besitznahme der Stadt im Anfange
des Jahres 1826 zerstört wurde. Die Stadt hat teils
regelmäßige, teils gewundene Straßen; letztere sind nicht
gepflastert; einige haben einen Rinnstein in der Mitte, um den
beträchtlichen Wassermassen, welche sich bei bedeutenden
Regenfällen von den Dächern der Häuser in die Straßen
ergießen, einen besseren Abzug zu verschaffen. In dem am
dichtesten bewohnten südlichen Stadtteil mangelt es an freien
Plätzen.
Die drei großen Moscheen bilden die einzigen
öffentlichen Gebäude des heutigen Timbuktu; es sind die
Moscheen Djingereber, Sankore und Sidi Yahia. Die erstere, die
Große Moschee, bildet die südwestliche Ecke der Stadt und ist,
obgleich in den neueren Teilen nur aus runden Tonklumpen erbaut,
doch ein wahrhaft stattliches Gebäude.
Die Straßen Timbuktus sind meistens wenig
belebt und bieten nicht das rege Treiben einer großen
Handelsstadt. Die Zahl der wirklich Angesiedelten und dauernd
hier Wohnenden beträgt nur etwa 13000 Seelen; dagegen mögen zur
Zeit des lebendigsten Geschäftsverkehrs, besonders von November
bis Januar, 5000, ja gelegentlich selbst
bis 10000 Fremde die Stadt besuchen und
sich hier längere oder kürzere Zeit aufhalten. Diese sind teils
Mauren der Wüste nebst den arabischen Handelsleuten aus dem
Norden, teils und ganz besonders die im Betrieb des Binnenhandels
dieser Gegenden eine unendlich wichtige Rolle spielenden
Wangaraua oder östlichen Mandingo nebst den Leuten von Mosi.
So hatte ich also das Ziel meines
schwierigen Unternehmens erreicht. Aber von den ersten Stunden
meines Aufenthalts in Timbuktu an war es mir einleuchtend, daß
ich den Triumph, alle die mannigfaltigen Schwierigkeiten und
Gefährlichkeiten des Weges überstanden zu haben, nicht in
geistiger und körperlicher Ruhe genießen würde.«
Aus: Heinrich Barth Im Sattel durch Nord- und
Zentralafrika. Herausgegeben von Rolf Italiaander. F. A.
Brockhaus, Wiesbaden.
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Gerhard Rohlfs