Am Ufer des Niger

Einzug in Timbuktu

In den Hombori-Bergen

 

Heinrich Barth

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Heinrich Barths Einzug in Timbuktu

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»Ur immandes« - »er hört es nicht«

Der Einzug in Timbuktu, welches als Inbegriff einer Wüstenmetropole galt, stellte noch Mitte des 19. Jahrhunderts, also vor Beginn der Kolonialzeit in Afrika, den Höhepunkt im Leben eines jeden Afrikaforschers dar. Heinrich Barth war einer der ersten Europäer, nach Major Alexander Gordon Laing und René Caillié, die das legendäre Timbuktu betraten. Man schrieb den 7. September 1853.

    »Nach einer nicht ganz ohne Sorgen verbrachten Nacht brach der Tag an, an welchem ich das berühmte Timbuktu betreten sollte. Nach mancherlei Aufenthalt konnten wir uns endlich 10 Uhr morgens in Bewegung setzen. Als wir die Sanddünen erstiegen hatten, welche hart hinter Kabara aufsteigen, überraschte mich die öde Landschaft, die nun vor mir lag. Der ganze Landstrich zeigte entschieden den Charakter einer Wüste, wiewohl der Pfad zu beiden Seiten mit Dorngebüsch und krüppelhaften Bäumen besetzt war. Bezeichnend für die Unsicherheit dieser kurzen Wegstrecke zwischen dem Hafenort und der Stadt ist der Name, den man einer Stelle etwa auf der Hälfte des Weges gegeben hat, nämlich »Ur immandes« - »er hört es nicht«; es soll dies soviel heißen, daß das Geschrei des Unglücklichen, der hier vereinsamt in die Hände der Wegelagerer fällt, weder in Timbuktu noch in Kabara gehört werde.
    Endlich erblickte ich die Stadt Timbuktu. Der erste Eindruck, den das lange ersehnte Reiseziel auf mich machte, war eben kein sehr günstiger; denn da der Himmel dick überzogen und die Atmosphäre mit Sand erfüllt war, konnten die dunklen, schmutzigen Tonmassen der Stadt, durch die Sonne nicht beleuchtet, von dem umgebenden Sand und Schutt kaum unterschieden werden. Auch hatte ich keine Zeit, mich umzuschauen, da uns eine Schar Leute aus der Stadt entgegenkam, um den Fremden zu begrüßen und willkommen zu heißen. Es war dies ein bedeutungsvoller Augenblick für mich; die geringste Blöße, die ich mir gab, der geringste Argwohn, den die bewaffnete Schar gegen mich faßte, konnte mir den Eintritt in die Stadt unmöglich machen und mich ins Verderben stürzen. Auf einen Wink von Alauate setzte ich mein Pferd in Galopp und sprengte, meine Flinte zur Hand, meinen Begleitern voraus, um die Entgegenkommenden zu begrüßen. Ohne Anstand erwiderten sie denn auch meinen Gruß mit vielen Salams. Da, im Augenblick des Erfolges, drohte mir eine ernstliche Gefahr. Einer der Männer redete mich auf türkisch an; ich hatte aber diese Sprache fast ganz und gar vergessen, und die Anrede kam so unerwartet, daß ich nur mit großer Not eine passende Antwort finden konnte.
    Trotzdem daß die Straßen und Gassen des Stadtviertels, welches wir zuerst betraten, so eng waren, daß kaum zwei Reiter nebeneinander passieren konnten, machte die dichte Bevölkerung und das wohlhabende Ansehen dieses Teils der Stadt einen großen Eindruck auf mich. So war ich denn endlich an dem Ziele meiner weiten westlichen Wanderung, in dem lange ersehnten Timbuktu, glücklich angelangt.

Timbuktu nach einer zeitgenössischen Darstellung

    Timbuktu ist keineswegs, wie man in Europa bisher allgemein angenommen hatte, der Mittelpunkt eines großen selbständigen Reichs gewesen. Mächtige staatliche Gemeinwesen bestanden schon lange vor seiner Gründung ringsumher, und jahrhundertelang, nachdem die Stadt ins Leben gerufen war, wuchs dieselbe zwar frei und unabhängig, aber ohne die Hauptstadt eines Reichs von einiger Bedeutung zu sein. Nach der Angabe unseres Gewährsmannes für die Geschichte der Nigerländer, Ahmed Baba, wurde dieser berühmte Ort gegen Ende des fünften Jahrhunderts der Hedjra (um 1100 n.Chr.) von einer Abteilung der Tuareg gegründet.
    Aus den ersten zweihundert Jahren ihres Bestehens ist uns nichts von den Schicksalen der Stadt überliefert worden; sie scheint bis dahin weder eine Rolle von einiger Bedeutung gespielt zu haben noch überhaupt mit der Geschichte der umgebenden Landschaft eng verknüpft gewesen zu sein, wie sie durch ihre Lage am Rande der Wüste dem gewöhnlichen Verkehr entrückt war. Selbst durch die Eroberung und Einverleibung in das damals mächtigste Negerreich, das von Melle, im ersten Viertel des 14. Jahrhunderts, erlangte Timbuktu noch keine hervorragende Bedeutung. Erst mit der Zertrümmerung jenes Reichs, der Verödung Walatas und dem mächtigen Aufblühen des Sonrhai-Reichs nimmt es eine hervorragende Rolle in der Geschichte ein.
    Vor meiner Reise waren kaum irgendwelche Daten in bezug auf die Geschichte dieses ausgedehnten und wichtigen Landgebiets bekannt, mit Ausnahme weniger ganz vereinzelter Umstände, die der gelehrte und kritische englische Geograph William Desborough Cooley nach meines vortrefflichen Lehrers Carl Ritter allgemeinen Zusammenstellungen aus El Bekri, der Geschichte Ibn Chalduns, dem dunklen und verworrenen Berichte Leos über den großen Askia und einer ganz kurzen Andeutung der Eroberung Timbuktus und Garhos durch den Feldherrn des Kaisers von Marokko von seiten einiger spanischer Schriftsteller mit großem Scharfsinn kombiniert hatte. Mir selbst erst war das Glück vorbehalten, eine vollständige Geschichte des Königreichs Sonrhai bis zum Jahre 1640 unserer Zeitrechnung durchzusehen.«

Hier folgt ein Abriß der Geschichte Timbuktus und der wichtigsten Königreiche des Nigergebietes vor dem Auftreten der Fulbe, die wir an dieser Stelle, da sie nicht primär mit Heinrich Barths Eindrücken zu tun haben, übergehen wollen. Es folgt die Barths Beschreibung der Stadt Timbuktu.

    »Timbuktu liegt nur wenige Meter über dem mittleren Niveau des Niger und ist etwa 14 bis 16 Kilometer von dem Hauptarme des Flusses entfernt. Die Stadt bildet ein etwas abgerundetes Dreieck, dessen Basis nach Süden, also nach dem Niger, gekehrt ist. Zeichnet sich die Stadt auch nicht durch ihre Größe aus, so unterscheidet sie sich doch durch ihre solide Bauart wesentlich von den hinfälligen Wohnstätten im ganzen übrigen Sudan. Die Häuser sind alle in gutem Zustand, und die Zahl der Tonwohnungen betrug zur Zeit meiner Anwesenheit 980, die der Mattenhütten belief sich entschieden ebenfalls auf einige hundert. Die Tongebäude zeigen einen mannigfaltigen, im ganzen aber den Grundrissen pompejanischer Wohnungen sich annähernden Stil; einige sind niedrig und unansehnlich, andere von größeren Dimensionen und mit einer Art zweiten Stockwerks versehen; ja, selbst Versuche architektonischer Verzierung weisen einzelne Häuser auf. Die Dächer sind flach und mit einer Brüstung eingefaßt; das erwähnte zweite Stockwerk besteht bei den Häusern in einem auf dem flachen Dach erbauten Zimmer, das aber immer nur die Fassade des Hauses einnimmt. Dieses Dachzimmer ist der Lieblingsaufenthalt vieler Bewohner Timbuktus, da es luftig und infolgedessen kühl ist.
    Zur Zeit ist Timbuktu von keiner Mauer umgeben, indem die frühere - wohl auch mehr ein Erdwall als eine Mauer - von den Fulbe bei der Besitznahme der Stadt im Anfange des Jahres 1826 zerstört wurde. Die Stadt hat teils regelmäßige, teils gewundene Straßen; letztere sind nicht gepflastert; einige haben einen Rinnstein in der Mitte, um den beträchtlichen Wassermassen, welche sich bei bedeutenden Regenfällen von den Dächern der Häuser in die Straßen ergießen, einen besseren Abzug zu verschaffen. In dem am dichtesten bewohnten südlichen Stadtteil mangelt es an freien Plätzen.
    Die drei großen Moscheen bilden die einzigen öffentlichen Gebäude des heutigen Timbuktu; es sind die Moscheen Djingereber, Sankore und Sidi Yahia. Die erstere, die Große Moschee, bildet die südwestliche Ecke der Stadt und ist, obgleich in den neueren Teilen nur aus runden Tonklumpen erbaut, doch ein wahrhaft stattliches Gebäude.
    Die Straßen Timbuktus sind meistens wenig belebt und bieten nicht das rege Treiben einer großen Handelsstadt. Die Zahl der wirklich Angesiedelten und dauernd hier Wohnenden beträgt nur etwa 13000 Seelen; dagegen mögen zur Zeit des lebendigsten Geschäftsverkehrs, besonders von November bis Januar, 5000, ja gelegentlich selbst bis 10000 Fremde die Stadt besuchen und sich hier längere oder kürzere Zeit aufhalten. Diese sind teils Mauren der Wüste nebst den arabischen Handelsleuten aus dem Norden, teils und ganz besonders die im Betrieb des Binnenhandels dieser Gegenden eine unendlich wichtige Rolle spielenden Wangaraua oder östlichen Mandingo nebst den Leuten von Mosi.

    So hatte ich also das Ziel meines schwierigen Unternehmens erreicht. Aber von den ersten Stunden meines Aufenthalts in Timbuktu an war es mir einleuchtend, daß ich den Triumph, alle die mannigfaltigen Schwierigkeiten und Gefährlichkeiten des Weges überstanden zu haben, nicht in geistiger und körperlicher Ruhe genießen würde.«

Aus: Heinrich Barth Im Sattel durch Nord- und Zentralafrika. Herausgegeben von Rolf Italiaander. F. A. Brockhaus, Wiesbaden. 

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