Home Startseite Impressum Leserbriefe Drucken Kontakt Gästebuch

 

Die letzte Fahrt der Karpasia

kostenlose counterSponsoren-Werbebanner
www.germantop100.de

Etwa zehn Jahre ist es her, daß ich das letzte Mal in Fort-de-France auf Martinique eintraf. Seitdem hat sich der Jachttourismus beständig weiterentwickelt, was uns sogleich aufgrund der unzähligen in der Marina liegenden Boote auffällt. Meinen ersten Kontakt mit zwei meiner Mitreisenden, namentlich Sonja und Nadja, stellte ich noch auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle her. Mit Sonja hatte ich am Vortag spätabends noch telephoniert und ihr dabei einiges über das Leben an Bord erzählt. Außer den beiden Telephonnummern hatte ich nichts von den beiden, und am Flughafen in Paris bekam ich auf meinem Handy keine Verbindung mit ihnen. Während ich nun auf den Shuttle Bus nach Orly warte, fallen mir an der Haltestelle zwei deutschsprechende Frauen auf, eine war blond und die andere schwarzhaarig. Daß dies meine beiden Begleiterinnen sein würden, ließ sich zwar nicht mit einiger Gewißheit erahnen, aber es deutete einiges darauf hin. Die Blonde war voller Tatendrang  und sprühte geradezu vor Energie, trat ungeduldig wie ein feuriges Pferd von einem Bein aufs andere und warf ihre blonde Mähne hin und her, während die Schwarzhaarige aufgrund ihrer Ausdrucksweise und der Art, wie sie sich gab, einen eher blasierten Eindruck erweckte. Im Bus stelle ich mich den beiden Damen dann vor. Die Begrüßung als solche fiel wenig herzlich aus, hatten sie sich doch einen etwas jüngeren Mann als mich erwartet. Um die Konversation nicht von Anbeginn an im Keime zu ersticken, führte ich die beiden seglerisch noch völlig Unerfahrenen in das Leben an Bord ein. Die erste Gegenfrage, die sie mir stellen, ist, warum ich so wenig Gepäck dabei habe. Daraus ließ sich schon erahnen, welche Garderobe sie bei sich haben mußten, so daß es mir zuallererst einmal darauf ankam, den beiden klarzumachen, daß unser Boot kein Kreuzfahrtschiff sei, sondern im Prinzip alles wie zu Hause ablaufe und jeder auch richtig mit anpacken müsse. Ob den beiden jedoch, wenn ich mir ihre langen gepflegten Fingernägel so ansah, die Hausarbeit nun unbedingt gelegen käme, daran hatte ich zu Beginn meine allergrößten Zweifel. In die eine der beiden sollte ich mich später verlieben, sie entsprach ganz meinem Idealbild von einer Frau. Sie hatte lange blonde Haare und war außerordentlich gut gebaut; ihre Brüste quollen über vor Fülle und waren, ohne dabei künstlich zu sein, über die Maßen groß, so daß sie den viel zu knappen Bikini, den sie trug, bei jeder Bewegung zu sprengen drohten. Dazu war sie schlank um die Taille, und ihre blonden Locken fielen schmeichelnd bis auf den Busen herab. Es gab wenige Frauen in meinem Leben, die mich so sehr gereizt haben wie sie. Ihr Lächeln war bezaubernd, und der Klang ihrer Stimme ging bisweilen in ein leises Singen über, so daß es mir erging, wie es dem an den Mast seines Schiffes gefesselten Odysseus beim Gesang der Sirenen ergangen haben mag. Bei allem war sie gebildet, wortgewandt, und sie hatte Umgangsformen. Würde ich sie unter anderen Umständen kennengelernt haben, hätte sie meine große Liebe werden können. So aber lag nichts als eine tiefe Tragik über diesem Schiff.

Unsere Jacht macht nicht gerade den gepflegtesten Eindruck, um ehrlich zu sein, habe ich in meiner langen Segler-Karriere noch nie ein Schiff betreten, wo die Mängel so eklatant und überdeutlich in Erscheinung traten wie auf diesem: „Ein alter abgewrackter Kahn mit einigen Macken", wie der Skipper sogleich einräumt. Einiges auf dem Schiff scheint völlig zu fehlen, denn als ich beim ersten Betreten der Toilette den Wasserhahn öffne, schießt mir ein Schwall entgegen, der mich von Kopf bis Fuß durchnäßt. Mit der Sauberkeit an Bord hapert es gewaltig. Ganz offenbar hatte es die Crew vor uns, die wir noch am Flughafen kennengelernt haben, mit der Bordreinigung nicht so genau genommen: herumstehende Aschenbecher, liegengebliebene Schnapsflaschen und ein zurückgebliebener Alkoholiker, der seinen Rückflug erst für den nächsten Tag gebucht hatte, aber mit Billigung des Schiffsführers noch eine Nacht an Bord zubringen durfte. Ausgerechnet war ich es, der mit ihm die Kabine teilen mußte, was ich allerdings, nachdem ich ihn mir genauer angesehen hatte, nicht über mich brachte: Sein Blick war leer und apathisch, er selbst absolut wortkarg, ein echtes Nordlicht. Das Weiß in seinen Augen war blutunterlaufen; seine Haut schälte sich von dem Sonnenbrand, den er sich irgendwo in der Karibik geholt hatte. Dazu hielt er beständig eine Zigarette zwischen seinen vergilbten Fingern und legte seine Bierdose nie aus der Hand. Doch was mich am meisten störte, war diese häßliche Tätowierung auf seinem Oberarm. Dabei war er durchaus nicht unintelligent, Lehrer, wie es hieß, aber eben völlig heruntergekommen. Also beschloß ich, gleich die erste Nacht an Deck zu verbringen. Nachdem wir alle vom Flug relativ übermüdet waren, legten wir uns an diesem ersten Abend zeitig schlafen. Auf dem Weg von der Dusche traf ich Nadja, sie lächelte geheimnisvoll, und am liebsten wäre ich ihr schon am ersten Tag in ihre Kajüte gefolgt, doch ärgerte mich, daß sie sich nicht für eine Achterkoje entschieden hatte, sei es, daß sie sich eine Bugkoje hatte aufschwatzen lassen oder bei der Kojenvergabe nicht an alles gedacht hatte. Auch für mich blieb nur eine Bugkoje übrig, nur eignete die sich nicht für den Beischlaf. In der Achterkajüte aber lag Sonja, doch war ihre Weiblichkeit nicht zu einer solchen Blüte gereift, daß sie mich hätte reizen können. Sie war außerdem Kettenraucherin und wirkte mit ihrem kurzen Haarschnitt viel zu burschikos. Im übrigen sind die dünnen Wände an Bord nicht geeignet, das Liebesgeschehen so zu vollziehen, daß es vor anderen geheim bleibt. Vorkommnisse dieser Art sind zudem geeignet, die Atmosphäre an Bord total zu vergiften. Doch hat man sich auch immer die Frage vorzulegen, ob andere umgekehrt die gleiche Rücksichtnahme walten ließen.

Wir sind insgesamt fünf Leute einschließlich Skipper, drei Männer und zwei Frauen, an Bord dieser 13-m-Jacht, die bei voller Besetzung Platz für 9-10 Personen böte. Die Frauen sind noch dazu um einiges jünger, bringen aber, wie schon gesagt, keinerlei seglerische Erfahrung mit, während wir Männer, jedenfalls was die Schiffsführung anbelangt, alles alte Hasen sind, die ihr Handwerk verstehen. Jeder, der die Geschichte vom Untergang  der Batavia gelesen hat, deren Auslöser die verschmähte Liebe der schönen Latitia war, weiß um die Tragödie, die sich unter den Überlebenden abgespielt hat, und er weiß auch, was Frauen an Bord anrichten können. Doch hier lag der Fall anders, und ein Eifersuchtsdrama schied aufgrund verschiedener Faktoren von vornherein aus.

Während die ersten Crewgespräche noch durchaus intellektuell verlaufen, kann stets, wenn Männlein und Weiblein, die noch dazu alles Einzelreisende sind, auf engstem Raum auf befristete Zeit miteinander leben und auskommen müssen, das Thema Sexualität nicht ausgespart bleiben, und daher sinkt das Niveau meist schon recht bald, ein sicheres Indiz dafür, daß es sich um Menschen handelt, denen ein wesentlicher Teil im Leben fehlt, nämlich ein fester Partner. Gleich am ersten Abend ließ Nadja verlauten, man habe ihr geraten, sich mit niemandem an Bord einzulassen. Da meine beiden schon etwas älteren Mitsegler mit dieser Bemerkung eher nicht gemeint gewesen sein konnten, konnte ich diese eigentlich nur auf mich beziehen. In der Tat trifft zu, daß es sich mit Frauen verhält wie mit dem Wetter, daß man bei ihnen nämlich nie genau weiß, wie man dran ist.

Während ich also an Bord eine relativ angenehme Nacht verbringe, abgesehen von den penetranten Dieselgerüchen, die von irgendwoher zu kommen scheinen, sich aber nicht eindeutig lokalisieren lassen, müssen wir uns wundern, welches Mißtrauen unsere beiden jungen Damen in uns setzen, schlossen sie sich doch in ihren Kajüten, deren Luken sich nicht öffnen ließen, ein, ohne sich dem kühlenden Durchzug auszusetzen und Luft über ihren Körper streichen zu lassen, womit der Aufenthalt in der Koje noch halbwegs erträglich gewesen wäre. Der Grund, warum die Außenbordluken sich nicht öffnen ließen und verriegelt seien, sei der, erklärte uns der Skipper, daß die Segelteilnehmer regelmäßig vergäßen, sie zu schließen, und dann Wasser eindringe. Eine fadenscheinige Ausrede, wie sich herausstellte, denn der wahre Grund, den ich erst sehr viel später erfuhr, war der, daß die Luken nicht mehr dicht zu kriegen waren und besonders bei höherem Wellengang regelmäßig Wasser durch diese eindrang. Deshalb mußten die Schraubverschlüsse mechanisch aufs äußerste angezogen werden. Allein dies, diese nächtliche Bruthitze unnötig ertragen zu müssen, wäre schon ein Grund für eine Preisminderung gewesen. An das Leben an Bord muß man sich eben erst wieder gewöhnen.

Daß heute alles viel freier ist als anno dazumal, ist nichts aufregend Neues, daß Männer und Frauen in einer Marina aber gemischt duschen, war eine neue Erfahrung für mich. Als ich nämlich in den frühen Morgenstunden einer der ersten bin, die sich unter das kühle Naß begeben, und bereits eingeseift bin, höre ich aus einer der Kabinen eine weibliche Stimme fragen, ob ich denn Feuer hätte und auch, ob die Damenarmbanduhr noch an ihrem Platz neben dem Waschbecken läge. Die Dame getraute sich ganz offensichtlich nicht herauszukommen, was mich wunderte, denn gerade unter Seglerinnen findet man oft die schamlosesten Frauenzimmer, und ich wiederum hatte kein Feuer bei mir, um es ihr hineinzureichen.

Nachdem wir die notwendigen Einkäufe erledigt und im Schiff verstaut haben, legen wir am frühen Nachmittag von Le Marin, unserem Liegeplatz, ab und nehmen Kurs auf den Diamond Rock. Ein aufkommender tropischer Regenschauer bringt sogleich merkliche Abkühlung. Dennoch ist die Luft angenehm klar, und die drückende Schwüle ist wie weggeblasen. Just in dem Moment, als wir an dem Felsen vorbeifahren, dringen einige Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke und bescheinen kurz dieses von Höhlen ausgewaschene, von jähen Überhängen zernagte Felseiland, über das sich eine üppige tropische Vegetation hinzieht. Von größtem Reiz wäre es gewesen, diesen 178 m hohen Diamond Rock zu besteigen, doch hätte man dazu mit einem Schlauchboot näher heranfahren müssen. Selbst dann wäre das Auffinden eines geeigneten Anstiegs, sofern man sich nicht schon vorher kundig gemacht hat, reine Glückssache. Im Regen jedoch scheint das Vorhaben nicht nur nicht ratsam, sondern auch unseren Skipper hätten wir, glaube ich, wohl kaum für diese Idee gewinnen können, zumal unser Dingi Luft verliert und alle zwei Stunden vollständig neu hätte aufgepumpt werden müssen.

In der einsamen Bucht Anse Mitan, gegenüber Fort-de-France, bringen wir abends unsern Anker aus. Während der Nacht öffnet der Himmel seine Schleusen und treibt mich unter Deck, doch bereits am nächsten Morgen scheint der Wettergott wieder mit uns versöhnt und verwöhnt uns mit dem angenehmsten Sonnenschein.

Als ich mich beim Aufdecken unseres ersten gemeinsamen Frühstücks entschlußlos zeige, faucht Sonja mich wie eine Furie an, warum ich an Deck ginge, ohne etwas mit nach oben zu nehmen, und ob ich mich etwa von ihr bedienen lassen wolle, was, nebenbei bemerkt, nicht zu ihrem Selbstverständnis gepaßt hätte. Nun wurde mir schlagartig klar, warum ihre letzte Beziehung gescheitert war, verfuhr sie doch mit ihrem Lebensgefährten wahrscheinlich ähnlich. Männer schätzen es nämlich immer ganz besonders, wenn sie von einem Weibe, das sich besser in Demut faßt, herumkommandiert werden. Es war ihr ja durchaus zuzumuten, daß sie sich, wenn schon nicht mit der Schiffsführung betraut und mit ihren langen Fingernägeln auch als Deckshand nicht zu gebrauchen, wenigstens in der Bewirtung engagierte. Darüber hinaus gibt es kein Gebot, welches besagt, daß an Bord jeder alle Rollen zugleich bekleiden müsse. Viele Frauen wollen einfach nicht begreifen, daß Männer nicht so mit sich umspringen lassen. Später, als sie sah, daß ich mich doch kooperativer zeigte, als sie anfangs dachte, entschuldigte sie sich dann damit, daß sie mich zu dem genannten Zeitpunkt einfach noch nicht gut genug kannte. Dennoch war sie durch ihre Provokation in meiner Gunst gesunken, wohingegen ich noch in der ihrigen zu stehen schien. Dies äußerte sich so, daß sie nach dem Frühstück, während die einen noch in trauter Runde genußvoll an ihren Zigaretten zogen, plötzlich, ich weiß nicht mehr, wie wir auf das Thema Sex zu sprechen gekommen sind, mit einem vorwurfsvollen Blick, so als würden die Zügel mit ihr durchgehen, meinte: „Und was kriegen wir?“ Darauf winkte Kurt rundheraus ab und sagte, er sei zu alt für so etwas, einen hilfesuchenden Blick dabei auf mich richtend. Ich wiederum war zu perplex, als daß ich auf ihre Aufdringlichkeit schlagfertig hätte reagieren können, also maß ich dem ganzen nichts bei und sah Sonja lediglich musternd an. Auf dieses Angebot war ich ersichtlich nicht gefaßt, war ich doch zu sehr auf Nadja fixiert und konnte sie nicht sogleich wieder aufgeben. Außerdem konnte ich mich nicht auf Kurts Ausrede zurückziehen, da man mir dies, kraftstrotzend, nicht abgenommen hätte. Eigentlich, dachte ich, sei es Sache des Mannes, derartige Vorstöße zu unternehmen, doch sah ich mich darin ganz offensichtlich getäuscht.

Kurt war also dem Problem geschickt ausgewichen. Er war der gediegenste von uns allen, war schon im Ruhestand, und sein Metier war das Fischereiwesen im Hause des Fürsten Fugger. Er war verheiratet, und seine Frau ließ ihn die vielen Wochen, die eine Atlantiküberquerung in Anspruch nimmt, unbesorgt auf Achse gehen. Er erfüllte sich damit einen Lebenstraum. Er war in allem versiert, man konnte sich sehr gut mit ihm unterhalten, nur trank er, im Gegensatz zu daheim, wie er meinte, an Bord übermäßig viel Bier. Seine Stimme war identisch zu der meines Onkels, und wann immer er anhub zu sprechen, glaubte ich ihn zu hören.

Sonja hatte die außerordentliche Begabung, gut Witze erzählen zu können, nicht nur auf deutsch, sondern auch auf englisch, was darauf hindeutete, daß sie sich beruflich überwiegend in Männerkreisen bewegte. Alle ihre Witze zielten immer wieder auf das Sexuelle ab, und sie erzählte sie ganz freimütig. Das ging soweit, daß sie, ohne auch nur auf den Gedanken zu kommen, daß ihr Anerbieten Anstoß erregen könnte, ihre Schlüpfrigkeiten auf den männlichen Oralverkehr ausdehnte, so daß selbst hartgesottene Männer bei ihrem Vortrag noch hätten rot werden können. Doch für eine Frau, die gebildet war und studiert hatte, zudem Unternehmensberaterin war, stellte sie manchmal Fragen, als ob ihr ein hinreichendes Basiswissen abginge.

Als wir auslaufen, sehen wir über der Hauptstadt Martiniques, zum Greifen nah, den zuletzt 1902 ausgebrochenen Vulkan Mont Pelée, dessen Gipfel ganz von Wolken verhüllt ist. Bei diesem Ausbruch gab es nur einen einzigen Überlebenden, nämlich einen Häftling, und auch der überlebte nur, weil er eingekerkert war. „Erzähl’ mal ein bißchen über dich“, forderte Nadja mich auf, womit sie mich über meine vergangenen Liebschaften aushorchen wollte. Doch lag es mir fern, Ex-Freundinnen auszurichten, während sie umgekehrt keine Gelegenheit verstreichen ließ, sich über ihre früheren Freunde auszulassen. Mit ihrem letzten Freund habe sie Schluß gemacht, erzählt sie uns, weil der sie schwängern wollte, sie aber wolle kein Kind. Schließlich habe er beim Verkehr überhaupt nicht mehr aufgepaßt. Sie beschwerte sich auch darüber, daß ihm die Knochen so sehr herausstanden, daß nach dem Verkehr mit ihm an ihren Schenkeln regelmäßig rote Striemen zurückgeblieben waren. „Dann bist du ja im wahrsten Sinne des Wortes genagelt worden", meinte ich dazu nur spöttisch. Außerdem war sie angehaucht von dem Vorurteil, Männer seien Schweine, wie sie es selbst ausdrückte, aber es gebe Männer, räumte sie ein, die solches von den Frauen behaupteten. Dies dürfte wohl auch der Grund gewesen sein, warum sie den Kontakt zu ihrem Vater schon frühzeitig abgebrochen hatte. Was ihr geblieben ist, war ihr Schmusekater. Als ich sie wegen ihres Katers einmal fragte, ob sie sich sicher sei, daß es nicht verdrängte Muttergefühle seien, warum sie ihr Herz an ein Tier hänge, bestritt sie dies zunächst, doch später wunderte ich mich wieder über sie, als sie in einer der darauffolgenden Diskussionen, als es darum ging, ob die Familie nicht gegenüber jeder anderen Lebensform in Schutz zu nehmen sei, sagte: „Alles ist möglich."

Unter Küste steuern wir bei böigem Wind an der grünen Küste Martiniques entlang, über deren höchsten Gipfeln sich drohend dunkle Wolken zusammengezogen haben. Gleich am zweiten Tag treffen wir auf einen Schwarm von Delphinen, und wir werten es als ein günstiges Zeichen, denn der Himmel klart mehr und mehr auf. Im Gespräch mit Nadja, man muß dazu wissen, daß sie übertrieben zum Gestikulieren neigte, wobei ihre langen Fingernägel die Luft wie Messer zerteilten, fragte ich sie, als wir uns über ihren Beruf unterhielten, nach welchen Kriterien sie ihre Mitarbeiter einstelle. „Nach ihrer Qualifikation", sagte sie spontan, doch glaubte ich ihr nicht, weil Frauen in ihren Arbeitskollegen immer auch einen möglichen Lebenspartner sehen.

An diesem Abend, als wir beim Abendessen an Deck zusammensitzen, erzählt uns Nadja etwas sehr Trauriges, und sie spricht ganz freimütig darüber. Sie sagt, sie habe einen Gehirntumor, der in der Hypophyse sitze, und daß die Ärzte sich weigerten, sie zu operieren. Da die Hirnanhangdrüse die zentrale Steuereinheit für alle anderen Drüsen des Körpers ist, würde bei ihrem Entfernen der gesamte Hormonhaushalt durcheinandergeraten, mithin die ganze komplexe Hormonsteuerung ausfallen, deren Funktion bislang von keiner noch so aufwendigen medizinischen Behandlung garantiert werden kann. Bei ihr sei die Regel bereits ausgeblieben, meint sie, und sie habe nicht mehr schlafen können, auch müsse sie weibliche Hormone nehmen und könne ohne Schlaftabletten nicht mehr auskommen: eine Frau in den besten Jahren, die fest im Leben steht, von blühendem Aussehen und mit vielen guten Eigenschaften. Ich habe Gott an diesem Tage verflucht, und dies, weil ich bereits ein Gefühl für sie zu entwickeln begann, welches über eine bloße Sympathie hinausging und das mir wieder genommen schien, noch ehe alles richtig begonnen hatte. Ob ich ihr dafür nun dankbar sein sollte, daß sie mich, ehe ich mich hoffnungslos in sie verliebt haben würde, über ihren Gesundheitszustand aufklärte und mich nicht ins offene Messer laufen ließ, oder ob ich sie dafür hassen sollte, daß sie mich sogleich wieder des Glücks beraubte, das für mich gerade erst zu beginnen schien, konnte ich anfangs noch gar nicht ermessen. Gleichwie, sie stürzte mich durch diese Offenbarung in eine tiefe Gewissensnot, denn ich mußte meine Liebe zu ihr wieder zum Absterben bringen, wenn ich nicht den Rest meines Lebens unglücklich sein wollte. Ein Verhältnis mit einer todkranken Frau konnte ich nicht eingehen, dafür hätte das Leben mich zu hart bestraft. Daß nun eine schicksalhafte Liebe ihren Lauf genommen hatte, wollte ich zunächst nicht wahrhaben, denn ich mußte ihr wehtun und mir selbst um so mehr. Ich wußte zunächst nicht, wie ich mich in dieser Situation verhalten sollte, mit ihr darüber sprechen konnte ich nicht, irgendwie wollte ich auch nicht wissen, wie schlimm es um sie wirklich stand. Also haben wir alle, die wir an Bord waren und ihren Zustand kannten, einfach so getan, als gebe es ihn nicht.

Von der Westküste Martiniques steuern wir direkt die Insel Dominica an, die sich aufgrund ihrer zahlreichen Gipfel, unter denen der Morne Maqaque und der Morne Diablotin die beiden höchsten sind, landschaftlich noch schöner als Martinique erweist. Im Lee der Insel flaut der Wind ab, so daß uns nach der bewegten Passage zwischen beiden Inseln nun ruhigere Zeiten bevorstehen. Nadja suchte in ihrer Unausgeglichenheit nach Auswegen; irgendwie tat sie mir leid. Sie hatte ihren Beruf als Krankenschwester wegen Problemen mit der Wirbelsäule nicht mehr ausüben können. Im Grunde war sie ein krankes Geschöpf, obwohl sie gerade erst ein mittleres Alter erreicht hatte und in ihrer Erscheinung noch nicht wie eine reife Frau wirkte. Einmal fragte sie, als wir gemeinsam an Deck saßen, in die Runde, ob jemand sich auf die Kunst des Massierens verstünde, und als ich mich anerbot, ihr den Wunsch zu erfüllen, winkte sie ab mit den Worten: „Nicht hier!" Sie kam allerdings auch nicht mehr auf mein Angebot zurück, wohl weil sie ganz genau wußte, daß es sich nicht schickt, wenn eine Frau einen Mann dazu auffordert, sich von ihm massieren zu lassen. Auch mir war klar, daß sie dies nicht ohne Hintergedanken gesagt hatte.

Aufgrund des längeren Schlages geraten wir in die Nacht hinein. Unter Discoklängen bringen wir in der Bucht von Plymouth den Anker aus und versinken alle, wohl wegen des anstrengenden Tages, in einen tiefen Schlaf. Zuvor noch hatte ich den Skipper auf die Notwendigkeit einer Ankerwache angesprochen, doch der winkt ab. Vielleicht aus falscher Rücksichtnahme auf unsere beiden Mädels, vielleicht auch um zu verhindern, daß sich an Deck zwischen uns etwas abspielen könnte, während die anderen schliefen, hatte Hartmut dieses Unterfangen vereitelt. Als ich nachts aufwache und an Deck gehe, muß ich mit Erschrecken feststellen, daß der Anker nicht gehalten hat. Unser Schiff befindet sich treibend mindestens eine Seemeile vom Ankerplatz entfernt. Wir haben Glück gehabt, daß wir auf keine Untiefe gelaufen sind und die Strömung uns aufs offene Meer hinausgetrieben hat. Ich wecke den Skipper, und auch die anderen kommen ob des Lärms gähnend aus ihren Kajüten. All dies konnte nur passieren, weil Hartmut den Ankergrund falsch eingeschätzt hatte und nicht Ankerwache gehen ließ, wie gute Seemannschaft es erfordert hätte. Beim Wiedereinlaufen zeigt das Echolot falsch an, und der Akku der Hilfslampe, die man braucht, um in einer Ankerbucht Hindernisse rechtzeitig erkennen zu können, ist leer, doch scheint Hartmut dies alles nicht sonderlich zu stören. Die Nacht endet wegen des ungewollten Ankermanövers zwei Stunden zu früh für uns, zum Hahnenschrei. Aufgrund des starken ablandigen Windes schlagen die Wanten so heftig, daß wir kaum mehr Schlaf finden. Am nächsten Morgen erstrahlt die ganze Bucht im silbernen Gegenlicht, und ein unerwartet schöner Tag bricht an. „Gut, daß Du einmal nachgesehen hast", meint Hartmut beim Frühstück mit einem freundlichen Lächeln, und daß ich mich um das Schiff verdient gemacht hätte. Ich erkläre ihm, daß ich lediglich einmal mußte, sonst wären wir wohl noch wesentlich weiter abgetrieben. Einen Eintrag im Logbuch macht er nicht. Besondere Vorfälle wie dieser müßten aber unbedingt eingetragen werden, daher habe ich den Eindruck, daß er den Vorfall am liebsten vertuschen möchte.

Angesichts des herrlichen Wetters nehmen wir die Gelegenheit zu einem Landausflug wahr, mieten uns einen Minibus einschließlich Chauffeur und schauen uns die Insel an. Hartmut fährt nicht mit. Schon in unserem Minibus werde ich das Gefühl nicht los, daß jeder sich so hingesetzt hat, daß er möglichst neben keinem anderen sitzen mußte. Das erste Mal, daß ich bedaure, daß die Gruppe nicht größer ist! Das ganz von Grün überzogene Eiland gilt als das schönste der Nördlichen Antillen. Malerische Felsformationen und immer wieder sich bietende Ausblicke auf einsame Buchten, während wir die mit Haarnadelkurven reichlich gesegnete Küstenstraße entlang fahren, sind beinahe das einzige, was die Insel zu bieten hat. Rund um den Morne Diablotin ist der Regenwald als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Im sogenannten karibischen Reservat leben die letzten Indianer, die es in der Karibik noch gibt. Man erkennt sie an ihrer gelblichen Hautfarbe. Alle Arten von tropischen Früchten gedeihen hier, und wir müssen sie auch alle durchprobieren. Im Inselinnern sind ein von abweisenden Wänden umgebener Wasserfall und der sogenannte kochende See schon beinahe alles, was die Insel an Natursehenswürdigkeiten zu bieten hat. In fotografischer Hinsicht gelingt ob der großen Dunkelheit in den dichten und urwüchsigen Wäldern kaum ein farbenfrohes Bild. Jeder von uns scheint seine Eindrücke in Form von Selbstgesprächen loswerden zu wollen, seine Gefühle hingegen mit anderen zu teilen versteht kaum einer von uns. Erst beim gemeinsamen Mittagessen löst sich die Verkrampftheit ein wenig. Die karibische Küche mit ihren überwiegend kalt dargereichten Gerichten ist ziemlich gewöhnungsbedürftig, mir jedenfalls ist sie kein kulinarischer Genuß.

Am späten Nachmittag kommen wir nach einigen unfreiwilligen Verzögerungen aufgrund des schlechten Zustands unseres Fahrzeugs in die Bucht von Plymouth zurück. Hier lag übrigens oft die „Borea", das Schiff, auf dem Nelson Dienst tat, vor Anker. Nadja ist während des gesamten Ausflugs sehr abweisend, läßt niemanden an sich heran. Ein eisiges Gefühl der Kälte beschleicht mich. Unsere beiden Mitseglerinnen sprechen an diesem Abend, sehr zu meinem Bedauern, verstärkt dem Alkohol zu, wohl weil es auch hier wieder keine Discos gab, wo sie sich richtig hätten austoben können. In ihrer wilden Lebensgier wollen sie beide nicht wahrhaben, daß ein Segeltörn keine Kreuzfahrt ist, bei der das Vergnügen im Mittelpunkt steht, sondern eine sportliche und soziale Veranstaltung, wo es primär darum geht, sich mit anderen, so unterschiedlich die Charaktere auch sein mögen, zu arrangieren.

Als wir alle ein bißchen aus unserem Leben erzählt haben, meint Hartmut lakonisch: „Lauter gescheiterte Existenzen!“ Ich widerspreche ihm sofort aufs energischste, meine, wir hätten doch alle etwas gelernt, einen ordentlichen Beruf, würden gut verdienen, um uns eine solche Reise leisten zu können, nur in unserem Privatleben wären wir eben nicht so besonders glücklich gewesen bisher, aber was mache das schon, wo doch noch viele schöne Jahre vor uns lägen? Hartmut selbst hingegen konnte zutreffend als verkrachte Existenz angesehen werden. Arbeitslos geworden, verdiente er sich mal hier, mal da den Lebensunterhalt, nahm Gelegenheits- und Hilfsarbeiten an, half bei Messen, führte Schiffsüberführungen durch. Er war geschieden, traf sich aber dennoch gelegentlich mit seiner Frau, schlief auch hin und wieder mit ihr. Sein Verhältnis zu seiner Ex-Frau sei erst richtig gut geworden, nachdem er geschieden worden sei, meinte er. Und dieser Mann, der im übrigen nicht unintelligent war, hätte es zu gerne gesehen, wenn er sich unter Seinesgleichen befunden hätte.

Am nächsten Morgen stecken wir Kurs nach den Îles des Saintes ab. Bei guten nördlichen Winden erreichen wir zunächst die Grand Îlet, gehen dann durch die Damenpassage zwischen dieser und La Roche hindurch und laufen durch die Südpassage zwischen Terre de Bas und Terre de Haut in die pittoreske Petite Anse ein, wo wir unter dem Felsen, der den eigenartigen Namen Zuckerbrot führt, Ankerkette geben. Doch die wir uns soeben noch als die einzigen wähnten, müssen bald mit Erschrecken feststellen, daß wir hier doch nicht ungestört bleiben sollen, als der Reihe nach fünf  große Katamarane einlaufen, mit Hunderten von Pauschaltouristen aus Martinique an Bord, die mit ihrem Lärm der noch vor wenigen Minuten hier herrschenden Idylle schlagartig ein Ende bereiten. So blitzartig, wie sie aufgetaucht sind, sind sie auch wieder verschwunden, nicht ohne hier ihre Verrichtungen zu hinterlassen. Unseren Liegeplatz, dessen Strandabschnitt in privater Hand ist, müssen wir auf Weisung der Polizei alsbald wieder verlassen, nicht ohne ein Abschiedsphoto zu machen. Dabei gerät Nadja mir versehentlich aufs Bild. Ungehalten sagt sie plötzlich, nachdem sie sich dessen vergewissert hatte: „Lösche es, bitte!" Von diesem Moment an wagte ich nicht einmal mehr den Versuch, sie auf den Film zu bannen, verweigerte ihr umgekehrt aber auch jedes Erinnerungsphoto, als sie es später wünschte. Unseren Ankerplatz für die Nacht wählen wir vor der îlet à Cabrit. Die von Forts umringte Anse du Bourg ließ sich früher bestens durch Kanonen sichern und bot, leicht zu beherrschen, nicht nur einen sicheren Hafen, sondern war unter Kanonenbeschuß auch eine nicht leicht zu fliehende Falle, die jederzeit zuschnappen konnte, falls Schiffe, die die Örtlichkeiten nicht kannten, sich in sie hineinmanövrierten.

Während es in der Nacht einmal nicht regnet, findet man an Deck die besten Schlafplätze; die Nacht ist sternklar und wir haben abnehmenden Mond, so daß selbst die Lichter über Bourg des Saintes der nächtlichen Beobachtung keinen Abbruch tun. So sitzen wir denn bis spät in die laue Nacht hinein an Deck, um uns beim Rotwein der Beobachtung und Identifizierung der Sterne hinzugeben, die wir aufgrund des Fehlens eines Lichterkegels einer größeren Stadt zu Tausenden auflösen können. Nadja, die vorgibt, sich mit Sternbildern auszukennen, legt ihr Interesse plötzlich ab, als sie merkt, daß ich auch etwas davon verstehe. Dabei wäre es gerade für jemanden, der sich verlieben möchte, die wohl romantischste Gelegenheit, nach Sternen Ausschau zu halten. Doch augenscheinlich wollte sie sich nicht verlieben, denn sonst hätte sie die Sternkarten, die sie dabei zu haben vorgab, hervorgeholt, so daß wir uns gemeinsam am Himmel hätten zurechtfinden können. Erst gegen Morgen ist das Kreuz des Südens zu sehen, das sie alle hatten sehen wollen, doch sie hatten sich lieber schlafen gelegt.

Nach einem kurzen Frühstück nehmen wir früh am nächsten Morgen Kurs durch die Passe de Baleine in Richtung Antigua auf, ganze siebzig Meilen von hier. Wieder werde ich das Gefühl nicht los, als müßten wir irgendeinem dubiosen Vergnügen hinterherjagen, anstatt in Ruhe das Segeln zu genießen. Eine der Fähigkeiten, die zwei Menschen verbindet, ist es, sich mit dem anderen zu beschäftigen, anstatt aus Langeweile in irgendeinem Buch zu schmökern. Sonja schaffte es auf dieser Reise, ein ganzes Buch, das sie sich mitgebracht hatte, zu Ende zu lesen. Wie sehr mußte sie sich mit uns langweilen: Kurt war ihr zu alt, Hartmut zu häßlich, ich nicht an ihr interessiert. Nadja folgte ihrem Beispiel zwar, aber weniger intensiv, sie gab sich öfters auch ihren Gedanken hin. Kurt und Hartmut zogen ohnehin die Unterhaltung vor, zumal sie sich ja auch die meiste Zeit fürs Schiff interessieren mußten und ihnen somit keine Zeit für Entspannung blieb. Ich hingegen pflege wegen des Schaukelns beim Segeln gar nicht zu lesen, und wenn ich es doch tat, so fiel es auf. „Endlich liest du mal was", sagte Nadja, als sie mich dabei ertappte, und es klang wie ein Vorwurf. Ich antwortete ihr mit einem Lächeln: „Weißt du, Nadja", sagte ich, „ich lese so viel, wenn ich zu Hause bin, meine Bibliothek ist übervoll mit Büchern, und ich habe in meinem Leben sicher mehr gelesen als die meisten anderen, so daß ich in der kurzen Zeit, die ich auf diesem Schiff mit dir zusammen bin, es mir durchaus leisten kann, einmal überhaupt nichts zu lesen, ohne dadurch gleich geistig Schaden zu nehmen." Sie sah mich ein bißchen ungläubig an, doch dann schwieg sie.

Guadeloupe, das die Form eines Schmetterlings hat, wollen wir unbehelligt an Backbord liegenlassen, doch als sich herausstellt, daß sich unsere Ankunft in die Nacht hinein erstrecken wird, beschließen wir, besser die Anse Deshaies anzulaufen und die Fahrt am nächsten Morgen fortzusetzen. Da der Ort nicht viel bietet, versorgen wir uns im Supermarkt mit allem, was für ein leckeres Abendessen erforderlich ist, und lassen es uns an Bord gutgehen. Es gibt Garnelen in feiner Knoblauchsoße, dazu Salat und frisches Weißbrot, und zwar in solch rauhen Mengen, daß wenigstens ich mir dieses Gericht für die nächsten zwei Monate nicht mehr verlangen werde. Als ich nach dem köstlichen Mahl noch eine angebrochene Cognacflasche von unserer Vorgänger-Crew entdecke, fordert Nadja mich auf, ihr von dem Rest auch etwas zu geben. Nachdem ich ihr das Glas gereicht habe, stößt sie mit mir an mit den Worten: „Ich wünsche dir, daß du deine Traumfrau findest." Ich hatte es schon auf der Zunge gehabt, ihr zu antworten: „Du bist meine Traumfrau", allein ich tat es nicht. Ich quälte mich lieber damit, sie nicht zu umwerben, wiewohl ich sie aufs heftigste begehrte. Auch war es mir trotz aller Anstrengungen bisher nicht geglückt, bei ihr auch nur die geringste Gefühlsregung zu erwecken. Ich war für sie nicht das Zentrale in ihrem Leben, nur etwas sehr Peripheres, an den Rand Gerücktes, das zwar den Namen Mann verdient, aber mehr auch nicht, und für eine solche Nebenrolle war ich mir zu schade. Es ist eine gravierende Fehlmeinung vieler Frauen zu glauben, daß das Gehirn eines Mannes sich ausschließlich zwischen seinen Beinen befände.

Nach dem Auslaufen am nächsten Morgen kommt rasch guter Wind auf, der uns die vierzig Seemeilen bis Antigua auch erhalten bleibt. Bei idealem Segelwetter laufen wir am späten Nachmittag in den English Harbour ein. Unser Anlegemanöver mißglückt im ersten Anlauf, wobei uns die Mooringleine ins Wasser fällt, doch wäre es Sache des Steuermanns gewesen, und das war Hartmut, so nahe wie möglich und mit soweit verminderter Fahrt an die Boje heranzufahren, daß der, der die Leine aufnehmen sollte, auch eine reelle Chance gehabt hätte, sie zu erwischen. Nachdem uns alle Welt dabei zusieht, wie wir uns anstellen, ist das für den Skipper fast wie ein Beinbruch. Das ganze Hafenbecken ist voll mit Jachtenseglern, die in ihrem Müßiggang nur darauf warten, daß andere einen Fehler begehen, über den sie sich belustigen können, nur damit irgend etwas sie aus ihrer täglichen Monotonie herausreißt. Im Hafen gibt es keinen Landstrom und kein Wasser, zuzüglich ist unsere Bilgepumpe verstopft, was die Stimmung ziemlich in den Keller treibt. Erste Spannungen zeichnen sich ab, besonders Hartmut läßt seine Launen an der Crew aus. So meint er denn, wohl in der Annahme, daß jemand, der einen Sporthochseeschifferschein besitzt, dies, auch wenn er nicht verantwortlicher Schiffsführer ist, sofort bemerken müsse, ob ich denn nicht sähe, als ich mich bei ihm nach Strom erkundige, daß keines der Schiffe entsprechende Anschlüsse gelegt habe, und schließlich, was meine Frage überhaupt solle. Er benahm sich, als würde ich ihm die Schiffsführung streitig machen, doch nichts lag mir ferner. Aufgrund dieser ungerechten Behandlung reichte es mir nun. Er, der sich zeitlebens durchschlagen mußte, war ungerecht gegen die, die es seiner Meinung nach leichter gehabt hatten als er. Nicht einmal die Frage ließ er gelten, ohne unduldsam zu werden, wann wir Wasser und Strom bekämen. Überhaupt habe er erwartet, meint er allen Ernstes, daß wir sowieso alle an Deck duschen würden, und dies, nur damit er die ständig für Überschwemmungen sorgende Bilgepumpe nicht reparieren mußte. Gas Ganze gipfelt dann darin, daß er mir vorhält, er habe meine Wasserreste aufwischen müssen, womit ich ihn lediglich an seine Pflicht erinnern wollte, für das Wohl der Mannschaft zu sorgen. Ab diesem Moment hatte er ein Problem mit mir. Einige Tage lang war nicht herauszukriegen, was ihm nicht paßte. Darüber gesprochen hat er mit mir, mangels Zivilcourage, allerdings nicht, wohl aber versuchte er bei Kurt, Sonja und Nadja Stimmung gegen mich zu machen. Nadja zog mich einmal zur Seite und vertraute mir an, daß ich das Problem sei, welches er habe. Von ihr erfuhr ich zwar, daß es mit mir zu tun habe, aber mehr auch nicht. Worum es ihm dabei genau ging, habe ich nie ganz herausgefunden. Einmal bekam ich mit, wie er meinte: „Dann darf er sich nicht als Sporthochseeschiffer bezeichnen", und das galt natürlich mir, denn außer mir gab es keinen zweiten. Offenbar war er hergegangen und war hinter meinem Rücken, ohne mit mir ein offenes Wort zu reden, über mich hergezogen. Erst viel später sollte ich herausbekommen, daß Hartmut ein Problem mit seiner eigenen Qualifikation hatte, er besaß nicht die erforderlichen Scheine, die ihn zu dem gemacht hätten, wessen er bedurft hätte, um die Fehler, die er gemacht hatte, nicht zu begehen. An Bord einer Jacht herrscht stets eine erzwungene Lebensgemeinschaft. Dadurch fallen eigene Fehler und Schwächen anderen desto stärker ins Auge, auch weil man sie nicht zu verbergen vermag. Die Kunst, hier zu vermitteln, ist nicht jedermann gegeben, aber sie wird nun einmal von einem Skipper erwartet. Er muß Unstimmigkeiten unter der Crew rechtzeitig erkennen und schlichten können, andernfalls fehlt ihm eine ganz wesentliche Eigenschaft, die ihn zur Führung eines Schiffes befähigt.

Auch ein Tag der Ruhe vermag die Konflikte an Bord nicht völlig zu beseitigen, wenngleich nun jeder den Dingen nachgehen kann, zu denen er Lust hat. Nur zu gern hätte ich mich mit Nadja irgendwohin abgesetzt, um einen Tag mit ihr alleine zu verbringen, doch sie hatte andere Pläne. Sie saß nur wenige Minuten wie eine Nixe an Deck und sann über irgend etwas nach, so als würde ihr wunder was entgehen, als sie sich auch schon in Schale geworfen hatte und loszog, ewig rastlos. Sie besaß einfach zuviel Energie, und ich hätte sie ihr gewiß genommen, wenn sie es nur eingerichtet hätte, wie Frauen es einzurichten pflegen. Ich haßte sie in dem Moment, als ich zusehen mußte, wie sie sich für andere Männer herausputzte, mir hingegen nur noch die kalte Schulter zeigte. Auch durchaus verheiratete Frauen machen sich bisweilen für andere Männer zurecht, und sie tun dies ja nicht etwa, weil sie von diesen nicht begehrt sein wollen. Freilich wissen diese Frauenzimmer meistens nicht, was sie ihrem Mann damit antun: sie machen ihn bewußt eifersüchtig und erzeugen in ihm ein Gefühl der Ohnmacht, das sich auch auf seine Libido auswirken kann.

Hartmut war immer noch eingeschnappt und wollte an diesem Abend nicht mit uns essen gehen, die Stimmung war ganz schön vergiftet. Sonja und Nadja waren immer noch nicht zu ihren Urlaubsbekanntschaften gekommen und wollten dies nun nachholen. In puncto Nachtleben hat Antigua, speziell zur Hochsaison, einiges zu bieten, doch ist das Treiben dort sicher nicht nach jedermanns Geschmack. So geraten wir denn in eine dieser dubiosen Hafenkneipen, wo betrunkene Matrosen mehr auf dem Boden liegen, als sie stehen können. Kurt forderte Nadja zum Tanzen auf, doch sie gab ihm einen Korb. Auch Sonja schien sich köstlich zu amüsieren, wenngleich es sich nur um Small talk handelte. Als die beiden dann mit den Matrosen zu flirten anfangen, wußten wir, daß wir hier stören, und wollten ihrem Glück nicht weiter im Wege stehen, also verabschiedeten wir uns und zogen von dannen. Irgendwann spät in der Nacht kamen die beiden dann nach Hause. Ob sie ihr Vergnügen gehabt hatten, ließ sich mit Recht bezweifeln, doch redete darüber am nächsten Tag ohnehin keiner mehr. Irgendwie muß es aber in der Kneipe zu einem Streit zwischen zwei Matrosen gekommen sein, denn am nächsten Morgen, während ich noch schlief, beobachte Kurt auf dem belgischen Marineschiff, von wo die beiden stammten, eine handfeste Schlägerei. Dabei soll es auch zu Fußtritten gekommen sein, und der eine der beiden stieß den anderen vom Kai aus ins Wasser. Als dieser sich an der Kaimauer hochziehen wollte, stieg der andere ihm auf die Finger, so daß er wieder hineinfiel. Sie mußten wohl beide soviel getrunken haben, daß sie selbst am Morgen noch nicht wieder nüchtern waren.

Auf der Insel findet gerade die Antigua-Woche statt, eine der bedeutendsten Regatten der Region, zu der sich Segler und Traditionsschiffe aus aller Welt hier einfinden. Am nächsten Morgen scheint es daher für Nadja und Sonja nichts Wichtigeres zu geben, als sich unabhängig zu machen. „Ich weiß nicht, was ihr machen wollt", sagte Nadja, „ich jedenfalls werde mir jetzt die Regatta ansehen", und verschwand. Es war nicht möglich, mit ihr etwas Gemeinsames zu unternehmen, ihr Drang nach Selbständigkeit hinderte sie daran. In ihrer Rolle als Führungskraft war sie es gewohnt, tonangebend zu sein, aber hier an Bord konnte sie nicht erwarten, daß wir ihr alle nach ihrer Pfeife tanzten. Sie war in ihrem Leben nie zugeritten worden, wußte überhaupt nicht, woher der Wind weht. Aber schließlich gehörte sie ja auch zu der Generation von Frauen, die denken, daß Männer bloß Trottel seien. Hartmut folgte ihr wie Hündchen, Kurt und ich blieben zurück. Trotz des Glamours und Luxus, der uns überall umgab, langweilte ich mich entsetzlich auf dieser Insel der Schönen und Reichen, denn außer seinen Traumstränden, für die Antigua bekannt ist, gab es auf der Insel nichts, was einen längeren Aufenthalt gelohnt hätte. Wir waren Teil dieser Gesellschaft, gehörten aber dennoch nicht dazu. Um uns herum lagen die mondänsten Jachten, die wir je in unserem Leben zu Gesicht bekommen haben, in einer Preisklasse, die für Otto Normalverbraucher niemals erschwinglich ist. Die Sorte Mensch, die darauf zu Hause ist, weiß mit ihrem Reichtum nicht wohin und lebt dennoch isoliert und weltabgeschieden, läßt auch niemanden an sich heran. Während der Morgen mit wehmütigen Blicken auf die draußen vor der Küste aufkreuzenden Dreimaster vergeht, zwingt uns die Hitze des Nachmittags ins kühle Naß. Es stellt sich nachträglich als Fehler heraus, mit Nadja und Sonja zu einer kleinen Wanderung an einen der auf der anderen Seite der Insel gelegenen Badestrände aufgebrochen zu sein, denn auch hier wieder ging es den beiden ausschließlich darum, irgendwelche Männerkontakte herzustellen. Doch es kamen keine Freier vorbei, und schuld war wahrscheinlich ich, einfach nur, weil ich dabei war. Als sie dann auch noch anfangen, bewundernd von den Körpern der Schwarzen zu schwärmen, ist das Maß voll. Wir waren gerade einmal im Wasser gewesen, als Nadja schon wieder zum Aufbruch drängt: „Wir müssen uns beeilen, wenn wir die Verabredung heute abend einhalten wollen", sagt sie, und auch Sonja kleidet sich daraufhin an. Da ich mir schon einen Sonnenbrand geholt hatte, und das, obwohl ich gar nicht an der Sonne gelegen war, ging ich mit den beiden zurück. Wieder auf dem Schiff, putzten sie sich erneut heraus, um ihre Reize noch auffälliger zu machen. Insbesondere Nadja glich an diesem Abend einer Alabasterstatue in ihrem weißen Kleid. Sie sah zwar sehr aufregend aus, aber irgendwie wirkte sie auch unnahbar. Ihr Mund, den sie sich das erstemal, seitdem ich sie kannte, geschminkt hatte, lud zudem überhaupt nicht zum Küssen ein, sondern wirkte eher zugekniffen. Man sprach nicht mehr mit mir, als wir zu Tische saßen, und es war eine groteske Situation eingekehrt. Es schienen irgendwelche hochgestellten Erwartungen im Raume zu schweben, die mitnichten erfüllt werden würden. Aber wir mußten noch eine Woche miteinander aushalten, noch eine ganze Woche. Wenigstens Hartmut schien seinen Groll jetzt abgelegt zu haben, indem er wieder am gemeinsamen Abendessen teilnahm, ohne sich weiterhin etwas anmerken zu lassen. Am Abend gingen dann die, die tanzen wollten, tanzen, und die anderen ließen es bleiben. Doch alle kehrten wir früh am Morgen aufs Schiff zurück und legten uns artig schlafen.

In der Nacht gehen sintflutartige Regenfälle über der Insel nieder, was wiederum den Aufenthalt unter Deck angesichts der permanent geschlossenen Luken nahezu unerträglich macht. Nachdem die Nacht wieder sehr kurz geworden war, laufen wir erst entsprechend spät am kommenden Morgen aus. Unser nächstes Ziel ist die Insel St. Kitts, etwa fünfzig Seemeilen westlich von Antigua gelegen. Wir erreichen sie unter raumen Winden bei aufgewühlter See. Nadja ließ nun in ihrer weiblichen Bosheit nichts unversucht, mich für mein nachlassendes Werben abzustrafen. Kurt und ich wunderten uns, daß sie Hartmut immer etwas leise ins Ohr flüsterte, was wir nicht hören sollten. Als bei halbem Wind die Dünung einmal längere Zeit querab steht und das Boot dabei ordentlich stampft, meint sie aus irgendeiner Laune heraus, als es wieder darum ging, daß das Ruder zur Ablösung an jemand anders übergeben werden sollte, sie würde sich nicht sicher fühlen, wenn ich ans Steuer ginge, da mir anscheinend die nötige Erfahrung dazu fehle. Ich verzichtete nun ganz auf das Rudergehen, bis es den anderen schließlich zuviel wurde und Kurt in meine Kajüte kam, mich beschwichtigte, ich solle Nadjas Geschwätz nicht ernst nehmen, und mich bat, ihn abzulösen. Es war ihnen zwischenzeitlich zu Bewußtsein gekommen, was der Ausfall selbst einer Deckshand bei einer solch kleinen Crew, wie wir es waren, bedeutet – ein Schiff wird plötzlich zu einem Einhandsegler –, so daß Nadja jeden weiteren Widerstand diesbezüglich aufgab.

Schlechtwetterwolken begleiten uns nun auf der gesamten Fahrt, womit sich schon ankündigt, daß die Trockenzeit sich zu Ende neigt. Der Wind weht konstant aus Osten, und durch die mittelhohe Dünung wird uns das Kurshalten bedeutend erschwert. Immer der Gefahr einer Halse ausgesetzt, laufen wir bei achterlichem Wind bis tief in die Nacht hinein, lassen die Insel Nevis unbeachtet an Steuerbord liegen und steuern, nachdem wir das Untiefengebiet Monkey Shoal in der Meerenge zwischen Nevis und St. Kitts passiert haben, die Stadt Basse-Terre an. Die Einfahrt in den Jachthafen ist nur unzureichend befeuert, doch nach einigem Herumsuchen finden wir sie schließlich und gehen längsseits an die Pier. Unterwegs war über längere Zeit das GPS ausgefallen, und da wir wußten, daß Hartmut den Kurs nicht auf der Karte mitgeplottet hatte, wurde uns ganz schön mulmig. Doch weil der Krug solange zum Brunnen geht, bis er bricht, hatten wir Glück im Unglück, und die Satelliten stellten sich wieder ein.

Nevis sowohl als St. Kitts sind wie auch alle übrigen Karibikinseln, die wir bisher gesehen haben, ausschließlich vulkanischen Ursprungs. Die von dichten tropischen Wäldern überzogenen Vulkankegel hüllen sich fast permanent in Wolken, die weitaus meisten von ihnen sind heute erloschen. Jüngstes Beispiel einer Vulkaneruption ist der Ausbruch des Soufrière auf Montserrat 1997.

Während ich mit Kurt zum Frühstücken an Land gehe, erzählt der mir, was sich in meiner Abwesenheit zugetragen hat. Er sagt, er wolle den Törn abbrechen, weil er um seine Sicherheit fürchte. Er habe den Skipper noch nie dabei gesehen, wie er einen Eintrag in der Karte gemacht habe, und dies sei entgegen jeder Seemannschaft und im übrigen grobfahrlässig, und darum werde er die Reise hier abbrechen und mit uns zurückfliegen. Ich entgegne ihm, daß ich zwar seine Ansicht im grundsätzlichen teile, die paar verbleibenden Tage aber noch aushalten und statt dessen vom Veranstalter wegen der zahlreichen Mängel auf diesem Schiff eine teilweise Rückerstattung des Reisepreises fordern werde. Von Kurt erfahre ich auch, daß Nadja ein Komplott gegen mich schmiedete: Sie hatte sich beim Skipper über mich beklagt, daß ich sie durchs Schiff verfolge, ihr andauernd auf den Busen schaue und mit meinen Blicken zwischen ihren Beinen verweile. Ja, sie ging sogar soweit, daß sie behauptete, ich würde mich an Deck gezielt meinen sexuellen Phantasien überlassen, damit es, verstärkt durch die Einwirkung der Sonne, unter meiner Badehose zu eindeutigen Wölbungen käme. Die Wahrheit aber war, daß ihre holde Weiblichkeit solche Hodenkrämpfe bei mir auslöste, daß man sich eine Entmannung kaum schmerzhafter denken kann, und sie mich, da ich mir den Sex mit ihr nur in den wildesten Träumen ausmalen konnte, so lange zappeln ließ, daß ich nicht mehr normal zu sitzen vermochte. Ich hatte mir aber mehr erwartet als nur einen schnellen Akt, dem nach einer kurzen Verschnaufpause noch ein weiterer folgen würde. Vom Skipper auf Nadjas Wunsch hin auf mein Verhalten angesprochen, bestand ich auf einer öffentlichen Aussprache vor versammelter Crew, immer im Hinblick darauf, daß, wenn sich schon einmal die Gelegenheit dazu bot, es gleich alles loszuwerden galt, was auf diesem Schiff nicht in Ordnung war.

Was Nadjas Vorwürfe angeht, so erteilte ich ihr vor versammelter Mannschaft eine Absage, riet ihr, sie bräuchte sich bloß etwas anzuziehen, sollte grundsätzlich weniger auf ihre schlanke Linie achten oder sich notfalls den Busen verkleinern lassen, und schon habe sie dieses Problem nicht mehr; und wenn sie glaube, daß sie sich von mir beobachtet fühle, bräuchte sie ja nur von Bord zu gehen. „Das habe ich mir schon überlegt“, meinte sie daraufhin, jedoch sie blieb, und sie widersprach auch energisch, sich wegen mir einen weniger knappen Bikini anzuziehen, wiewohl sie einen solchen dabei hatte.

Darauf ergriff nun Kurt das Wort und machte sich zu meinem Anwalt. Ich bräuchte mich keineswegs pausenlos dafür zu entschuldigen, daß ich eine höhere Qualifikation als der Skipper habe, meinte er mit Blick auf Hartmut, und dieser solle sich durch mich nicht überwacht oder verfolgt fühlen, denn dazu bestünde, wie er mich mittlerweile kenne, kein Anlaß. Grund dazu ergab sich nach meinem Dafürhalten aber allemal, zumal ich akribisch genau darüber Buch führte, was sich entgegen guter Seemannschaft an Bord alles zutrug, und wann immer dies der Fall war in mein persönliches Logbuch eintrug. Dieses also war es, was mich dem Skipper verdächtig gemacht hatte, aber einmal darauf angesprochen, schienen nun die Zweifel, daß ich meine Aufzeichnungen gegen ihn verwenden könnte, ausgeräumt. Auch die Aussöhnung mit Nadja ließ nicht lange auf sich warten. Als ich nach ihrem Friedensangebot ironisch meinte: „Sie liebt mich wieder!" und das Dichterwort hinzufügte: „Die Gunst der Frauen ist nicht so leicht verscherzt!" meinte sie kopfschüttelnd, bei ihr dauere es mindestens drei Monate, bis sie sich in jemanden verliebe, und solange bleibe dieser nur ihr „Gschpusi".

Bei leichtem achterlichen Wind steuern wir am nächsten Morgen das zwanzig Seemeilen nordwestlich von St. Kitts gelegene, in holländischem Besitz befindliche Sint Eustatius an. Diese Insel besitzt eine schöne ebenmäßige, vulkanische Erhöhung und hat sehr gute Tauchgründe, doch ist das Wetter für einen Badestop nicht gerade günstig, also segeln wir weiter bis nach Saba. In Saba wiederum können wir nur vorübergehend anlegen, da die gesamte Mole eine Baustelle ist, auf der, wie sich schon bald herausstellt, nachts durchgearbeitet werden soll. Unser Längsseits-Anlegemanöver am Kai verläuft fast perfekt, doch noch während des Anlegens müssen wir feststellen, daß die Maschine einen Getriebeschaden hat: auf die Schraube wird plötzlich keine Kraft mehr übertragen. Unter diesen Umständen können wir hier nicht länger bleiben, sondern müssen die Gunst der Stunde nutzen und uns von einem der gerade auslaufenden Fischkutter zur Mooring-Boje hinausschleppen lassen, um dort die Nacht über zu liegen. Die Mooringleine gelingt es uns erst beim dritten Anlauf zu fassen, und auch dann noch geht die Bootshakenhalterung in die Brüche. Aufgrund des starken Schwojens und Schaukelns abseits des ruhigen Hafenbeckens bringen wir bei relativ unruhiger Nacht kaum ein Auge zu. Als ich während meiner Ankerwache mit angelegter Sicherheitsweste auf das Vorschiff gehe, um den Sitz der Leinen zu kontrollieren, versagt die Handleuchte ihren Dienst. Unser Törn scheint nun aufgrund des Getriebeschadens beendet, drei Tage zu früh. Wir müssen ohne Maschine, d.h. unter Segeln, unseren Zielhafen auf Sint Maarten anlaufen. Als wir am Morgen vor Saba ablegen, herrscht im Lee der Insel Flaute. Pech gehabt hätten wir, wenn uns der Strom nun an Land gedrückt hätte. Ein solches Risiko einzugehen war Hartmut aber bedenkenlos bereit. Doch sollte sich unser Schicksal nicht hier vor diesem unwirtlichen Eiland entscheiden. Wir schaffen es hinaus aufs offene Meer zu gelangen. Der Wind frischt nun ordentlich auf und bringt uns zügig zu der fünfundzwanzig Seemeilen entfernt gelegenen Insel St. Maarten, die sich zur Hälfte in britischem, zur anderen Hälfte in niederländischem Besitz befindet. Nadja und Sonja studieren in dieser Zeit mit uns ein Balett ein, wie überhaupt die ganze Reise nur von dröhnender Musik und Tanz begleitet war. Das Anlegen unter Segeln gerät zu einem Bravourstück. Selbst Hartmut, dem wir solches nicht zugetraut hätten, da er schon bei der geringsten Anspannung die Nerven verlor, ist nun über das gelungene Manöver mit sich zufrieden.

Als wir in Philippsburg einlaufen, liegen dort bereits vier große Kreuzfahrtschiffe auf Reede. Im Ort wimmelt es nur so von Touristen, hauptsächlich Amerikanern, die vor Fettleibigkeit nur so strotzen, Frauen, die sich ihrer Silikonbusen brüsten, und lässig mit der Bierflasche im Wasser stehenden Männern. Die durch die Einkaufsmeile promenierenden Kauflustigen bewegen sich kaum schneller als die lustlos agierenden Verkäuferinnen in den Shops. Nachdem ich nun beschlossen hatte, Nadjas Glück nicht mehr im Wege zu stehen und auch Sonjas Launen nicht mehr länger ertragen kann, nutze ich die Gelegenheit für einen Streifzug und setze ich mich für einige Stunden von der Crew ab. Hartmut will während dieser Zeit den Getriebeschaden beheben lassen, damit sich für uns eine wenn auch nur schwache Hoffnung ergibt, die Reise fortsetzen zu können. Als ich nach meinem Landausflug wieder auf dem Schiff eintreffe, ist Hartmut noch immer mit der Reparatur des Getriebes beschäftigt. Die Antriebswelle hatte sich gelöst und war etwa einen halben Meter nach außen gerutscht, so daß uns nichts anderes übrigbleibt, als daß einer von uns unter das Schiff tauchen und sich von außen gegen den Propeller stemmen muß. Nach insgesamt acht Versuchen gelingt es mir endlich, die Welle wieder soweit hineinzudrücken, daß der Skipper sie von der anderen Seite fassen kann. In mühseliger Drecksarbeit schafft er es schließlich, die vier Schrauben, die sich gelöst hatten, wieder zu befestigen, so daß damit das Problem behoben zu sein scheint. Als unsere beiden Mitseglerinnen zurückkommen, ruft Nadja uns schon von weitem zu: „Wir haben jemanden kennengelernt!", und es klang wie ein Triumph aus ihrer Stimme. Da wußte ich nun wirklich nicht, ob ich mich darüber freuen oder ärgern sollte, denn im Grunde liebte ich sie noch immer. „Wo bist du gewesen?" frug sie mich, doch wußte ich nicht, ob aus Eifersucht oder aus Neugierde. Als wir wie gewohnt abends essen gehen, lernen wir in dem Lokal eine Deutsche kennen, die dort als Bedienung jobbt. Sie sei froh, sagt sie, endlich wieder einmal deutsch reden zu können. Als wir sie fragen, ob die Liebe sie hierher verschlagen habe, antwortet sie, daß sie gewiß nicht wegen eines Mannes hier sei, was ihr aber keiner von uns abkauft. Hartmut hat sie, als unser Törn zu Ende war, wie ich später von Kurt, der ja den ersten Teil der Atlantiküberquerung mitgemacht hat, erfahren habe, zu sich an Bord eingeladen. Ansonsten sind wir alle von der vorhergehenden Nacht noch zu sehr übermüdet, als daß es irgendwen von uns gelüsten könnte, sich ausgedehnten Vergnügungen hinzugeben. Rechtzeitig können wir daher am nächsten Morgen in Richtung Anguilla ablegen, und das, obwohl alles bereits so aussah, als hätten wir hierbleiben müssen.

Die Insel Anguilla wirkt, wenn sie in der Ferne auftaucht, durchaus nicht anziehend, denn sie besitzt überhaupt keine Erhebungen, zieht sich vielmehr gleichmäßig flach über ihre gesamte Ausdehnung hin. Rund um die Insel, die als einzige der Antillen nicht vulkanischen Ursprungs ist, dehnen sich Korallenriffe aus. Die von Höhlen durchlöcherte Steilküste sieht mit ihrer rötlichen Farbe beinah aus wie Helgoland. Wegen ihrer endlosen weißen Sandstrände ist auch die Überbauung mit Hotelanlagen relativ dicht, doch können wir nirgends Badegäste entdecken; alles wirkt verlassen und öde, wenngleich die Saison noch nicht zu Ende ist.

Es beweist sich immer wieder, daß man in niemanden sein vollstes Vertrauen setzen darf, und ich hätte es mir wohl nie verziehen, wenn wir hier auf eine Untiefe gelaufen und gestrandet wären. Hartmut, der sich, obwohl er verantwortlicher Schiffsführer war, täglich ins Tanzvergnügen stürzte und daher chronisch übernächtigt und entsprechend unkonzentriert war, verkennt völlig die Größenverhältnisse auf der Seekarte. Er verwechselt ein winziges Felseiland mit Sandy Island und läßt mich Kurs auf die schmale Durchfahrt zwischen diesem und der Steilküste halten, ein Unterfangen, das zweifellos, wenn er nicht in letzter Sekunde noch hätte abdrehen lassen, mit dem Stranden des Schiffs geendet hätte, womit quasi noch durch ein Manöver des letzten Augenblicks Gefahr für Leib und Leben der Besatzung abgewendet worden ist. Nach diesem Schrecken, der selbst Hartgesottene noch mit Entsetzen erfüllt, laufen wir unter Maschine in die halbkreisförmige Road Bay ein, die über einen sehr schönen Sandstrand verfügt. Es gibt außer der Road Bay nur noch eine weitere Ankerbucht auf Anguilla; der Grund für die wenigen Ankermöglichkeiten ist, daß die Korallenbänke rund um die Insel zunehmend von Tauchern zerstört werden, so daß zu deren Erhaltung nichts anderes übrigbleibt, als entsprechende Verbote auszusprechen.

In der Nacht vertreibt mich ein heftiger Regenguß von Deck, und es sieht wirklich so aus, als würde sich allmählich die Regenzeit einstellen. Am nächsten Morgen fahren wir mit dem Dingi zum Einklarieren an Land, wobei ich wegen des Lecks in unserem Schlauchboot immer wieder pumpen muß, damit auf der Fahrt nicht die Luft ausgeht. Dieses kleine Schlauchboot, auf das man in der Karibik so sehr angewiesen ist, taugt wirklich zu nichts mehr, aber nicht nur die Luft entweicht, es dringt auch beständig Wasser ein. So taucht denn jedesmal aufs neue die Frage auf, ob man sich damit noch an Land retten könnte, trockenen Fußes wohlgemerkt, ehe das Boot vollzulaufen und zu sinken droht, und dies verursacht stets auch ein besonderes Prickeln. Es war uns vom Eigner versprochen worden, daß wir bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit ein neues Dingi kaufen könnten, ein Versprechen allerdings, das nie eingelöst worden ist. Wahrscheinlich war Hartmut auch zu phlegmatisch, um mit Nachdruck dafür zu sorgen, daß unsere Sicherheit gewährleistet sei. Es wundert mich immer wieder, wie duldsam unsere beiden Mädels all die vielen Mängel, die dieses Schiff rund um die Uhr als immer neue Überraschungen für uns bereithält, die uns pausenlos in Trab halten, ertragen; wahrscheinlich liegt es daran, daß sie als Bootsneulinge den Vergleich nicht kennen und glauben, das müsse so sein, oder daß die Männer das schon machen werden.

Den letzten noch verbleibenden Tag auf diesem Segeltörn können wir nur noch zu einem Badeausflug nutzen; wir entscheiden uns für die kleine Insel Prickly Pear East. Dort läßt sich erleben, was man sich unter Karibik eigentlich vorstellt: weiße, feinsandige Korallenstrände, die sich in der senkrecht stehenden Sonne soweit aufheizen, daß man sie barfuß nicht mehr betreten kann, und ein in allen Türkis-, Blau- und Grüntönen schimmerndes Meer. Im Hintergrund sieht man die Insel Sint Maarten mit ihren Bergen aufragen, während sich in unmittelbarer Nähe die flachen Gestade von Anguilla hinziehen, einem Aale gleich, denn so heißt dieses Wort auf spanisch. Es ist ein wahrhaft idyllischer Anblick, der dem Paradiese schon recht nahe kommt. Nur die ungehemmt sich tummelnden fettleibigen Amerikaner stören dieses Bild, denn die Menschen im Paradies waren schlank und von natürlicher Schönheit. Während Sonja alleine einen Spaziergang über die Insel unternimmt und für Stunden verschwindet, bleibt Nadja lustlos auf der Jacht zurück, und sie vermittelt mir an diesem Tage das Gefühl unendlicher Einsamkeit. Sie fehlte mir bereits, auch wenn ich nur wenige hundert Meter von ihr getrennt war.

Auf dem gleichen Wege, den wir gekommen sind, segeln wir spätnachmittags wieder nach Anguilla zurück, übernachten ein weiteres Mal in der Road Bay und nehmen am nächsten Morgen Kurs auf Sint Maarten. Am Ende einer Reise aber bereiten Menschen, die ihr Schicksal für einen, wenn auch nur kurzen Teil ihres Lebens zusammenführte, sich für gewöhnlich den größten Schmerz, um sich noch schnell für das ihnen zugefügte Leid zu rächen, vielleicht auch weil sie glauben, daß man einander nun nie mehr wiedersieht. Wiederholt schon hatte ich auf unserer Rückfahrt bemerkt, daß Nadja unruhig die auf ihrem Handy eingehenden e-Mails abruft, was sie auch ganz ungeniert oder gerade, damit wir es bemerken, in unserer Gegenwart tut. Auf all den französischsprachigen Inseln ist ein Datenaustausch nicht möglich, jedoch hier auf Sint Maarten kann man sie unbeschadet empfangen. Natürlich wußte ich, daß es sich bei diesen Botschaften nur um ein Date handeln konnte, das sie vereinbart haben mußte, ehe wir wegfuhren. Kaum daß wir angekommen sind, bekommt sie urplötzlich das Bedürfnis, ihren Körper gründlich zu reinigen, um sich anschließend so aufreizend es irgend ging anzuziehen. Sie schlüpfte an diesem Abend in ein ganz enges, knallrotes T-Shirt, das ihre weiblichen Rundungen desto vorteilhafter betonte. Dazu trug sie ein Parfum auf, wie man es vor Liebesnächten zu tun pflegt. Sie hatte ihr Vorhaben geschickt bis zuletzt vor uns geheim gehalten, aber schließlich eröffnete sie uns doch, daß sie diesen Abend nicht mit uns zu verbringen gedächte. Während wir noch gemeinsam das Abschiedsessen einnehmen, uns den Touristenattraktionen widmen, steht plötzlich ein Schwarzer an unserem Tisch, dem Nadja ein verführerisches Lächeln zuwirft, ehe sie ihn uns vorstellt. Nachdem weder Kurt noch ich großartig Wert darauf legen, diesen Menschen kennenzulernen, steht Nadja, nachdem sie demonstrativ ihr Essen stehenläßt, kurzerhand auf, schwingt ihr Täschchen über den Rücken, und sie trotten gemeinsam davon. Nun sah man allzu deutlich, wes Geistes Kind sie war. Sie hatte sich als billige Sextouristin entpuppt, war nichts als ein geiles Luder. Das war es, was ich die ganze Zeit geahnt hatte und wovor das Schicksal mich gnädig bewahrt hatte. Unsere Stimmung am Tisch war nun schlagartig umgekippt, nicht nur wegen des unerwünschten Besuchers, der uns den letzten gemeinsamen Abend verdorben hatte, sondern auch wegen der exorbitanten Rechnung, die wir aus der Bordkasse zu begleichen hatten. Hartmut hatte es sich nicht nehmen lassen, sich am letzten Abend, auf unsere Kosten wohlgemerkt, denn er wurde aus der Bordkasse mitverpflegt, teueren Hummer zu bestellen und es sich gutgehen zu lassen. Ich für meinen Teil habe an diesem Abend kaum noch ein Wort gesprochen. Sonja schien den wahren Grund meiner Verstimmung zu kennen, stand plötzlich auf und lief weinend davon. Ich folgte ihr nach einer Weile und fand sie irgendwo hinter einem Boot am Boden niedergekauert. Als ich sie fragte, was der Grund für ihre Auflösung sei, gab sie eine ausweichende Antwort: es habe ihr nicht gefallen, was bei Tisch gesprochen worden sei, dafür sei der Abend zu schön gewesen. Nach ein paar tröstenden Worten, die ich ihr schenkte, kam sie schließlich in unsere Runde zurück, die sich dann auch rasch auflöst. Auf dem anschließenden Spaziergang war Nadjas Verhalten der Hauptgesprächsstoff zwischen Kurt und mir. Auch Kurt verurteilte Nadjas Verhalten in ungewöhnlich scharfer Form, kümmerte sich dann aber auch nicht weiter darum. Bei mir indes hinterließ dieses Erlebnis eine offene Wunde. Wenn eine Frau, noch dazu wenn sie schön ist, sich mit einem Schwarzen einläßt, so ist dies für mich nicht nur der Inbegriff der sexuellen Verfehlung, sondern darüber hinaus ein Armutszeugnis und eine Geschmacksverirrung, die jeder Weiße nur als Beleidigung auffassen kann. Nadja war ganz der Typ Frauen, die keinen Herrn über sich dulden, die sich stets nur Männer aussuchen, denen sie sich überlegen fühlen, und die sich auch in keinen verlieben können. Deshalb auch wollte sie keinen Arzt als Lebensgefährten, obwohl sie, solange sie Krankenschwester war, ausgiebig Gelegenheit gehabt hätte, sich einen zu angeln.

In meiner gekränkten Eitelkeit malte ich mir aus, was ich ihr alles sagen würde: daß sie sich unter Wert verkaufe, sich einem x-beliebigen, den sie kaum eine Stunde kenne, an den Hals geworfen habe. Ich wollte sie fragen, ob noch niemand an ihrem Verhalten Anstoß genommen habe und ob sie sich angesichts des Tabubruchs, der ihr sicherlich nicht das erste Mal unterlaufen sei, in den Kreisen, in denen sie normalerweise verkehre, überhaupt noch bewegen könne. Doch es kam ganz anders.

Am nächsten Morgen erschien sie, doch wirkte sie eher ausgeschlafen als übernächtigt, was umgekehrt verwunderlich ist für eine Liebesnacht, in der frisch Verliebte sich, zumal wenn es sich um eine junge Beziehung handelt, eher übersättigen als ein Auge zutun. Ihr Erlebnis kann also nur von kurzer Dauer gewesen sein, oder es ist anders ausgefallen, als sie es sich gedacht hat, und sie hat die Nacht im Hotel allein zugebracht. Nichts von dem, was ich mir ihr zu sagen vorgenommen hatte, kam über meine Lippen, sei es, daß mein Stolz es nicht zuließ, sei es, daß ich sie noch immer liebte. Doch da sie mich entehrt hatte und meine Ehre mir mehr bedeutet als meine Liebe, beschloß ich, ihr ab sofort kein Gefühl mehr zu schenken außer dem, daß ich sie nicht verletzen wollte. Ich tat dies auch auf die Gefahr hin, daß ich mich niemals mehr in eine andere verlieben würde.

Unsere letzte gemeinsame Handlung war die Reinigung des Schiffs. Sie, die das Geld für teure Traumurlaube zu erübrigen können glaubten, geizten nun bei den Reinigungskosten, obwohl es soviel arme Leute rings um uns gab, die diese Aufgabe gerne und für wenig Geld übernommen hätten. Obwohl sie sich gehörig engagierte, war Nadja in meiner Achtung gesunken, hatte sämtliche Attribute eines geliebten Weibes eingebüßt; trotz ihrer vielen körperlichen und geistigen Vorzüge reizte sie mich nicht mehr, ihr schändliches Treiben gab dafür den Ausschlag. Hartmut meinte zum Schluß unter vier Augen, was ihm auf dieser Reise am meisten gefehlt habe, sei eine Wärmflasche mit zwei Ohren gewesen. Als ich Nadja beim Verlassen der Jacht ihr Gepäck hinausreiche, sagte Kurt: „Warum tust du das für sie? Laß sie ihr Gepäck selber holen. Was hat sie in den vergangenen vierzehn Tagen für dich getan?" Nachdenklich geworden, mußte ich ihm recht geben: Sie hatte in den zwei Wochen, die wir gemeinsam verbrachten, nichts, aber auch gar nichts für mich getan, während ich ihr jeden Wunsch nicht nur von den Augen abgelesen, sondern auch bedenkenlos erfüllt hätte. Unser Abschied war herzzerreißend. Sie stand ganz dicht hinter meinem Rücken, als ich auf der Anzeigetafel nach meinem Abfluggate suchte, sagte bloß, sie müsse jetzt gehen. Ich habe mich nicht einmal mehr nach ihr umgedreht, ließ sie einfach stehen, schön wie sie war. Wortlos wandte sie sich ab und verschwand, wir haben uns weder voneinander verabschiedet noch kam irgendein gutes Wort über meine Lippen. Es war besser so, aber ich konnte sie noch lange nicht vergessen.

Erst viel später erfuhr ich, wie es der Karpasia weiterhin ergangen war. Nach unserem Abflug kam eine neue Crew an Bord. Wieder waren Neulinge darunter, die wenig bis gar keine Erfahrung im Segeln hatten, und wieder war eine Krankenschwester dabei. Sie himmelte Hartmut, den Unheilsskipper, hingebungsvoll an und verehrte ihn abgöttisch, so daß er keine Mühe hatte, mit ihr ein Verhältnis zu beginnen. Sie teilten sich eine Kajüte und gingen stets auch gemeinsam auf Wache. Auch erfuhr ich, daß Hartmut sich schon in den Wochen vor uns mit einer Mitseglerin eingelassen hatte, die den Törn zusammen mit ihrem Mann unternahm und in deren Beziehung es kriselte. Jener war arbeitslos geworden und versuchte sein Glück nun als Selbständiger, die gemeinsame Reise sollte ihre Ehe wieder kitten. Hartmut, der diese Ehe schon als gescheitert ansah, noch ehe sie es war, schuf durch seine Verleitung zum Ehebruch vollendete Tatsachen. Mehr und mehr griff er nun im Verlaufe des Törns zur Flasche, sei es, daß ihn sein Gewissen plagte, oder daß er den Anforderungen eines Schiffsführers nicht gewachsen war. Erst sehr viel später erfuhr ich, daß er etwas gegen Besserwisser hatte, was aber eigentlich nur bewies, daß er die für einen Sportbootkapitän erforderlichen Qualifikationen nicht besessen haben kann. Für den Atlantik hatte er überhaupt keine Karten, für die Azoren weder solche mit Detailmaßstab noch waren die, die er besaß, berichtigt. Die Rettungsmittel ließ er in den Kojen aufbewahren, fuhr nachts auf dem Atlantik, ohne Positionslichter zu setzen. Eines Nachts war das Fock-Stag gerissen, auch drang Wasser ein, so daß alle Kojen durchnäßt waren und man nicht mehr trocken in ihnen schlafen konnte. Der Navigationstisch war naß und nicht zu benutzen. Doch schließlich erreichte die Karpasia die Azoren. Dort heuerte Kurt ab und flog nach Hause, ohne die Atlantiküberquerung zu Ende gebracht zu haben. Er erhob anschließend Klage gegen das Unternehmen und den Skipper. Danach haben sich unsere Spuren verloren. Dies war die letzte Fahrt der Akadia.

 

 

 

 

Copyright © Manfred Hiebl, 2004. Alle Rechte vorbehalten.