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Das erfrorene Paradies

Eine Reise in die Antarktis auf der Santa Maria Australis

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Nachdem ich mich zur Ruhe begeben habe, weiß ich, daß ich nicht der erste sein würde, welcher Sichtkontakt mit der Antarktis bekäme. Ein Rufen: »Wir sehen Land!« läßt mich aus meiner Koje springen, während die andern noch schlafen. Ich stürze hinauf an Deck und frage nur: »Wo seht ihr das?« »Dort vorne im Nebel«, lautet die Antwort, »seit zehn Minuten sehn wir es.« »Ich sehe nichts. Wo soll das sein?« frage ich weiter. An Deck herrscht gebanntes Schweigen. »Gleich muß es wieder zu sehen sein,« antwortet Christian. »Gebt mir das Fernglas«, hake ich nach. »Hier!« sagt er und überreicht es mir mit einem Fingerzeig, »dort an Steuerbord.« Einige Sekunden blicke ich gespannt durch das Glas: »Ich kann nichts sehen, habt ihr euch auch wirklich nicht getäuscht?« »Nein«, meint Christian. »Wer von euch hat es zuerst gesehen?« frage ich zurück. »Ich!« lautet seine knappe Antwort. Christian hat mit der Krängung genug zu kämpfen, er kann sich nicht auch noch auf mich konzentrieren. Minuten des Wartens vergehen, bis der Wolkenvorhang plötzlich aufreißt, lange genug jedoch, um für den Bruchteil einer Sekunde die Richtigkeit seiner Beobachtung zu bestätigen. »Jetzt sehe ich es auch!« rufe ich erleichtert aus, »das ist sie, die Antarktis.« Ein eiskalter Schauer läuft über meinen Rücken, ein zitterndes Glücksgefühl bebt in mir.

 

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»In unseren Träumen sind wir alle Kinder. Wir träumen davon, fremde Länder zu entdecken, unbezwingbare Berge zu erklimmen, auf stolzen Schiffen die Welt zu umsegeln. Dies ist die Geschichte eines Traums, der Wirklichkeit geworden ist.«

Es war einmal ein Land, so groß wie ein Kontinent, das in grauer Vorzeit mit feuerspeienden Bergen übersät war, in dessen weiten Sümpfen riesige Echsen schwerfällig durch Farn- und Schachtelhalmwälder stapften, ewig auf Suche nach Beute, um im Kampf des Überlebens gegen die allseits lauernden Feinde zu bestehen, lange bevor der Mensch das Licht dieser Welt erblickte. Es konnte nicht lange unbekannt bleiben, daß es in unserer Erdvergangenheit einen riesigen Urkontinent gab, welcher den Namen Pangäa trug, eine feste Masse, die unter dem Drängen der Natur in zwei Subkontinente zerbarst: Laurasia und Gondwanaland. Gondwana hieß jener Südkontinent, in dessen zähem Innern, eingebettet zwischen den heutigen Kontinenten Afrika und Australien, dem südamerikanischen und indischen Subkontinent, sich eine Terra australis incognita befand, eine gemutmaßte, lange Zeit unbekannte Landmasse, welcher man nach ihrer Entdeckung den Namen Antarctica gab, als dem Gegenpol zu den schon viel früher entdeckten Polarregionen. Griechischen Vordenkern, die um die Kugelgestalt der Erde wußten, war es vorbehalten zu erahnen, daß ein Teil fehle, hatten doch bereits die Alten Kenntnis davon, daß sich das ganze damals bekannte Festland auf der nördlichen Halbkugel konzentriere, umgeben von den Weiten des umspülenden Ozeans. Allein das Wissen um das statische Gleichgewicht nährte die Annahme, daß es eine ausgleichende Landmasse auf der anderen Seite des Erdballs geben müsse; zu gewagt jedoch erschien es selbst den kühnsten Seefahrern, sich in dem alles verschlingenden Meere auf die Suche danach zu begeben.

Bereits auf Karten des ausgehenden Mittelalters bzw. der anbrechenden Neuzeit sind südliche Polarregionen im wahrsten Sinne des Wortes verzeichnet, denn nachweislich betreten hatte den hypothetischen Kontinent bis dahin niemand. Es mochte allerdings auch nicht lange unentdeckt bleiben, daß ab und an treibende Weiße Inseln gesichtet wurden, deren Herkunft schon der frühe Mensch nicht anders zu deuten wußte als von Zonen alles erstarrender Kälte herrührend.

Unseres Wissens war der Umsegler Australiens und Entdecker Neuseelands, James Cook,  der erste, der bis in die Nähe der Antarktis vordrang. Daß er sie widriger Umstände wegen nicht gesichtet hat, gilt heute als erwiesen. Sein Vorstoß endete in den Nebelbänken an der Treibeisgrenze. Ein Deutscher war es, der sich den Ruhm, als erster die kontinentale Landmasse der Antarktis entdeckt zu haben, erworben hat, Fabian Gottlieb von Bellingshausen, ein in russischen Diensten stehender, später zum Konteradmiral der Schwarzmeerflotte avancierter Marineoffizier, dem 1820 gemeinsam mit Michail Lazarev auf der Vostok zugleich die erste Umrundung des neu entdeckten Kontinents gelang. Nathaniel Palmer, ein amerikanischer Robbenfänger, der fälschlich behauptete, er habe als erster die Antarktis gesehen, kam indes um acht Monate zu spät, nicht wissend, daß ein anderer bereits vor ihm da war. Allerdings hat von Bellingshausen die Antarktis nicht betreten, konnte sie demnach auch nicht für den russischen Zaren in Besitz nehmen. Der erste, der nachweislich die Antarktis am 30. Januar 1820 betreten hat, war Edward Bransfield. Die Süd-Shetland-Inseln wurden bereits 1819 von William Smith für die britische Krone beansprucht. Der erste, der seinen Fuß als Forscher auf die Antarktis gesetzt hat, war wiederum ein Deutscher, Erich Dagobert von Drygalski, ein aus Königsberg stammender Professor für Erdkunde und Geophysik, der 1902 mit dem Schiff Gauß dort ankam. Er gab dem von ihm entdeckten Land den Namen Kaiser-Wilhelm-II.-Land, doch lohnte ihm sein Kaiser schlecht. Nicht genug damit, daß Drygalski keine weiteren Forschungsmittel bewilligt worden waren, was ihn schließlich zum Aufgeben und Abbruch seiner Mission zwang, womit Deutschland im Wettlauf um die Erreichung des Südpols ins Hintertreffen geriet, war Wilhelm II. auch noch darüber ungehalten. Unstreitig bleibt es jedoch von Drygalskis Verdienst, seine Forschungsergebnisse in einem 20bändigen wissenschaftlichen Kompendium veröffentlicht zu haben, das allen späteren Forschern sämtliche Ergebnisse vorwegnahm. Er soll argumentiert haben, daß es für die Erforschung der Antarktis ohne Belang sei, wer als erster am Südpol stehe, übersah dabei aber völlig, daß dem damaligen nationalistischen Zeitgeist mehr daran gelegen war, den siegreichen Ausgang einer solchen Mission verkünden zu können, als nur wissenschaftliche Ergebnisse vorzuweisen.

Etwa zeitgleich mit Drygalski unternahm der Norweger Nordenskjöld eine Schiffsexpedition von Kap Horn aus, die ihn auf die antarktische Halbinsel führte. Scott und Shackelton erreichten in den folgenden Jahren ihr Ziel, als erste am geographischen Südpol zu sein, im ersten Anlauf nicht. Die Endphase in dem Wettlauf begann, als etwa zeitgleich der Norweger Amundsen und der Brite Scott, und zwar beide auf etwa gleichem Wege, nämlich über das Ross-Eisschelf, den Südpol erreichen wollten. Scott wußte nicht, daß er diesen Wettlauf nicht gewinnen konnte, weil der Zeitpunkt, zu dem Amundsen den Südpol bereits erreicht hatte, nicht bekanntgegeben worden war, wohl in der Absicht, daß der zweite, der dort eintraf, einen direkten Beweis von der erfolgreichen Erstbegehung geben könne, was tragischerweise dann auch der Fall war. In dem Glauben, noch vor Amundsen am Südpol zu sein, kamen alle Expeditionsteilnehmer aus Scotts Mannschaft in der Folge um. Die etwa zur gleichen Zeit ausgesandte deutsche Expedition Filchners blieb im Wedell-Schelfeis stecken und mußte aufgeben. Die einzige danach noch spektakuläre Antarktis-Expedition ist die 12 Jahre später erfolgte von Shackelton, dessen Schiff, die Endurance, zwischen Packeis eingekesselt, zerbarst. In einer dramatischen Rettungsaktion konnte die Mannschaft aber noch gerettet werden.

Die Eroberung der Antarktis mit Segeljachten ist ein eigenes Kapitel. Seit der ersten Fahrt einer Segeljacht 1967 wagen sich immer mehr kühne Segler in arktische Breiten vor. Von denen, die hier waren, sagen aber auch die allermeisten, daß sie diese Reise nicht noch einmal machen würden. In den vergangenen 30 Jahren hat es etwa 200 Jachtreisen in die Antarktis gegeben. Der wohl aufsehenerregendste Segeltörn ist die 10monatige Überwinterung der Freydis im Kratersee der Vulkaninsel Deception im Jahre 1990 und ihre anschließende Antarktisumrundung, die insgesamt sieben Jahre in Anspruch nahm. Im Jahr 1991 stieß der Deutsche Wolf Kloss mit der Santa Maria bis in die Antarktis vor, was vor ihm nur zwei deutschen Segeljachten gelungen war. Jedes Jahr besuchen etwa 125 zahlende Gäste den sechsten Kontinent auf einer Segeljacht, Tendenz steigend. Rechnet man diese Zahl hoch, so sind wir in jedem Fall unter den ersten 3750 Besuchern, die die Antarktis auf diese Art bereist haben. Zieht man davon die unter deutscher Flagge fahrenden Jachten ab, so sind wir unter den ersten deutschen Seglern überhaupt, die sich diesem Abenteuer unterzogen haben. Auch wenn es quasi nicht die Jungfernfahrt der Santa Maria Australis ist, so bleibt dennoch festzuhalten, daß wir unter denen, die diese Fahrt auf einer deutschen Segeljacht, unter deutscher Flagge und mit einem deutschen Skipper durchführen, immer noch unter die zu rechnen sind, die zu den absoluten Pionieren zählen, womit wir nun an dem Punkt angelangt wären, wo es von unserer eigenen Reise zu berichten gilt.

Für mich ist es gewissermaßen der Höhepunkt aller meiner bisherigen seglerischen Ambitionen, das Non-plus-ultra des Schwerwettersegelns. Wer die Reiseberichte der bahnbrechenden Entdeckungen eines Ferdinand Magellan oder eines Sir Francis Drake aufmerksam gelesen hat, dem dürfte auch Kap Horn ein Begriff sein. Die Südspitze Amerikas ist berüchtigt für ihre starken Winde; hier ist zugleich der Ort, an dem die höchsten Windspitzen weltweit gemessen werden, weswegen sich die seefahrenden Nationen lange Zeit schwer taten, Kap Horn unbeschadet zu umrunden. An dieser Stelle fällt mir sogleich jene Anekdote ein, wonach einem Seemann zum Urinieren die Hose herunterzulassen erst dann gestattet war, wenn er einmal um Kap Horn gesegelt war. Auch wenn a posteriori nicht feststeht, was an dieser Geschichte Wahres ist, so zeigt sie uns doch, mit welch gebührendem Ernst man sich an jene Seegegend heranwagte, wo die Winde ein solches Ungestüm entfesseln, daß sie alles von Deck fegen, was nicht niet- und nagelfest ist. Der erste, dem es gelang, den südlichsten Zipfel Amerikas zu umschiffen und einen Weg zum Pazifischen Ozean zu finden, der nicht durch die Enge der von Magellan entdeckten Wasserstraße führte, war in der Tat jener bewunderungswürdige Pirat Sir Francis Drake, dem zu Ehren diese Straße heute  ihren Namen trägt. Von Kap Horn bis zur Peninsula antarctica sind es ganze 500 sm einfache Entfernung, und auch unter günstigsten Bedingungen sind für die Überfahrt mit einer Segeljacht volle dreieinhalb Tage anzusetzen. Ausgangshafen für ein solches Unterfangen ist Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, auf Feuerland, direkt am Beagle-Kanal gelegen, indianischen Ursprungs. Die Feuerland-Indianer, die Charles Darwin noch gesehen hat, sie sind inzwischen ausgerottet, ihr kulturelles Erbe untergegangen, allein der Name des Ortes, auf dem Ushuaia heute steht, erinnert noch an sie. Ushuaia erreicht man mit dem Flugzeug von Buenos Aires in vier bis fünf Stunden.

Im Jachthafen Ushuaias, der nur wenige Kilometer vom Flughafen entfernt ist, liegt unser Segelboot am Steg, das den glorreichen Namen von Christoph Kolumbus’ Flaggschiff trägt, die Santa Maria mit dem Beinamen Australis, eine 22-m-Ketch, die unter deutscher Flagge fährt, mit einem Schiffssicherheitszeugnis des Germanischen Lloyd ausgestattet. Es ist nämlich gänzlich unmöglich, in Südamerika, wo jeder Indio, der an einem Gotteshaus vorübergeht, sich bekreuzigt, für ein riskantes Unterfangen nicht den Beistand der Muttergottes zu erflehen. Also konnte in dem gottesfürchtigen spanischen Land gar kein anderer Name gewählt werden als jener, auch wenn eine Fahrt mit einer modernen Segeljacht in die Antarktis den Risiken, die Kolumbus einging, angesichts modernster Navigationssysteme kaum vergleichbar sein dürfte. Die Belegung des Schiffs ist, wie ich bereits vorab erfahren habe, multinational: fünf Deutsche, zwei Österreicher, zwei Franzosen, ein Belgier und eine Australierin, das Schiff ist bis auf den letzten Platz ausgebucht. Mit einigen meiner Mitsegler habe ich, soweit ich ihre Adressen in Erfahrung bringen konnte, schon vorab Kontakt aufgenommen und mich mit ihnen ausgetauscht, und soviel ich der Korrespondenz entnehmen konnte, handelt es durchweg um Leute mit höherer Bildung, denen eine gewisse Erfahrung schon vorab anzumerken ist.

In Buenos Aires herrschen am Tag meiner Ankunft und auch am Tage danach, gemessen am landesüblichen Durchschnitt, wie mir der Taxifahrer versichert, für die Jahreszeit ungewöhnlich niedrige Temperaturen, völlig konträr zu den heimischen Werten, die so mild sind, daß der Winter dieses Jahr gänzlich auszufallen droht. Bereits der Hinflug über die Alpen ließ erkennen, daß nur in den Hochlagen der Gebirge noch Schnee anzutreffen ist. Gerade dieses ausgebliebenen Winters wegen wird uns die Antarktis für den fehlenden Schnee wohl reichlich entschädigen. Der Flug nach Ushuaia längs der argentinischen Küste verläuft bis auf den Landeanflug wenig spektakulär. Über dem Beagle-Kanal allerdings liegt eine massige Bewölkung, die einen Vorgeschmack gibt auf das, was darunter los ist. Angst bereitet es, über den gespenstischen Gipfeln Feuerlands bei nahezu geschlossener Wolkendecke unter heftigsten Windböen zu landen. Unter den Wolken zeigt sich die Welt grau in grau. Mit dem Taxi ist schnell der Jachtclub erreicht. Unter den wenigen dort liegenden Schiffen fällt es nicht schwer, die Santa Maria Australis auszumachen. An Bord begrüßen mich der Schiffsführer und der Bootsmann, doch nicht der, den ich eigentlich erwartet hatte, ist Schiffsführer, sondern ein bestellter Ersatzskipper, der, wie er gleich eingangs zugibt, diesen Törn zum ersten Mal fährt. Mit anderen Worten, man hat uns einen Skipper zugeteilt, der weder Erfahrung mit diesem Schiffstyp hat noch auch die entsprechenden Revierkenntnisse mitbringt, ein Risikokandidat also. Martin heißt er, ist bis auf die Kopfhaut kahlgeschoren und hat eine für meinen Geschmack recht große Nase sowie ein vorspringendes Kinn, wirkt auf den ersten Blick auch nicht sonderlich sympathisch. Bei genauerem Ansehen der Person erweist er sich jedoch als ein sachlicher, ruhiges Blut bewahrender Charakter, der zu wenig Emotionen neigt und auch keine vorschnellen Entscheidungen trifft, sondern alles mit Überlegung und der ihm eignenden Kompetenz angeht. Auch unser Bootsmann stellt sich vor, Jochen mit Namen. Er ist noch recht jung, wohl der Jüngste an Bord, trägt einen lichten Vollbart; was aber am meisten an ihm auffällt, sind seine Korkenzieherlöckchen, sein völlig verfilztes Haar. Aber er ist sofort hilfsbereit und sympathisch, und er hat einen unschätzbaren Vorteil: er kennt aufs genaueste das Schiff und hat den Antarktistörn bereits einmal mitgemacht, weiß also bestens, wo man sicher liegen kann. Nach und nach stellen sich auch meine Mitsegler ein; drei davon sind Ärzte, so daß ich um meine medizinische Versorgung jedenfalls nicht zu bangen brauche. Da wäre zunächst Christian, mit dem ich schon telefonisch in Kontakt getreten war. Er ist der typische Arzt: nicht mehr viel Haar auf dem Kopf, ständiger Dreitagesbart, Sorgenfalten auf der Stirn, überschäumender Redefluß. Seines Zeichens Brillenträger, fahrigen Blicks, schaut er dennoch häufig mit gesenktem Kopf über den Rand seiner Brille heraus und sieht einen dabei an, als wäre man sein Patient. Ich habe ihn mir nur etwas größer vorgestellt. Ganz anders ist da Philippe, Pharmazieprofessor der vornehmsten Art, etwas distinguiert, mit der typischen französischen Riechnase. Doch er besitzt Bildung und hat etwas vornehmere Manieren als Bernard, sein französischer Kollege. Dieser ist ganz Clown, mit einem liebenswerten Charme, der sein schlechtes Benehmen wieder etwas aufwiegt. Mit seinem graumelierten Bart, dem drolligen Blick und dem verschmitzten Lächeln wirkt er ein wenig wie einer von den sieben Zwergen aus Schneewittchen. Alain ist so etwas wie ein englischer Gentleman, er hat ein überaus feines Benehmen, ist zurückhaltend, schweigsam, nachgiebig und duldsam. Aber er hat ganz offensichtlich einen Fotospleen, schleppt beharrlich ein riesiges Teleobjektiv mit sich herum und stört die Gemütlichkeit dadurch, daß er in jeder freien Minute an seinem Laptop hängt und, meist schweigend, im Salon sitzend gebannt aufs Display starrt. Als ich Tarryn, unsere Australiern, auch nur ansehe, erkenne ich sogleich, daß dieses schwache, ängstliche Geschöpf den Belastungen, die ihm in den nächsten Wochen abverlangt würden, nicht gewachsen wäre, und ich wundere mich, wie blauäugig manche Menschen in etwas hineinschlittern, was sich bei etwas weniger Selbstüberschätzung leicht würde vermeiden lassen. Ein solches Beispiel geben auch unsere beiden Österreicher ab, Walter und Martina: sie wissen, daß sie beide seekrank werden, und dennoch unterziehen sie sich den Torturen, die sie an Bord erwarten, völlig unbekümmert darüber, daß sie bei Ausfall ihrer Person anderen zur Last fallen. Als letzter trifft Helmut auf dem Schiff ein, ein gewaltiger Riese mit reichlich viel Übergewicht. Ihm sieht man allerdings an, daß ihm Wind und Wetter nichts ausmachen würden, daß er in allen Situationen seinen Mann stehen würde.

Auf eine einheitliche Sprache an Bord können wir uns nicht einigen, insbesondere sprechen unsere französischen Kollegen kein Wort Deutsch. Viel wichtiger ist jedoch, daß jeder jeden versteht, wenngleich es für die deutsche Seemannssprache nicht in jedem Fall eine adäquate englische Übersetzung gibt, ihre eingefleischten Begriffe nicht jedermann geläufig sind. Mit dem Stauraum in den Kajüten gibt es erhebliche Probleme, man weiß eigentlich gar nicht, wo man seine Sachen hinstellen soll. Was den einen oder anderen aber völlig desillusionieren dürfte, ist, daß die Meerwasserentsalzungsanlage offenbar in der Kälte nicht funktioniert, so daß aus dem täglichen Duschen offensichtlich nichts wird. Wichtiger ist aber fürs erste, daß sich die Mannschaft untereinander gut versteht. Für den ersten Segeltag ist nur ein ganz kurzes Wegstück geplant. Am Vorabend des Auslaufens wird noch einmal richtig essen gegangen, ehe wir uns dann für die erste Nacht zur Ruhe betten, denn die meisten von uns haben sich von dem überlangen Flug noch nicht richtig erholt. Alle Kojen auf dem Schiff sind belegt, Spielraum, sich den Platz auszusuchen, gibt es kaum. Meine Kajüte teile ich mit Helmut, einer deutschen Eiche aus dem Rheinland, der mich schon vorab vor seinem Schnarchen warnt. Er ist schon im Ruhestand, genauer gesagt lebt er von seinem Beratervertrag, und damit läßt er es gelassen angehen, kommt morgens immer als letzter aus seiner Koje. Der viele Schlaf, den er braucht, erklärt sich dadurch, daß er nachts wach liegt, an Schlafstörungen leidet, mich hingegen um meinen gesunden Schlaf beneidet.

Am ersten Tag kommt noch nichts richtig in Gang, das Frühstück bereitet der Bootsmann zu, für uns gibt es nichts zu tun, als uns neugierig aufeinander der Konversation zu widmen. Jeder will von jedem wissen, was der andere beruflich macht, ob nicht ein anderer mehr sein oder haben könnte als man selbst ist oder hat. Schließlich will man doch wissen, mit wem man es zu tun hat, denn davon hängt bekanntlich das eigene Verhalten ab. Gleich ins Herz geschlossen haben mich unsere Franzosen, die mich ob meines eloquenten Französisch loben. Am ersten Morgen kommen insbesondere unsere beiden Frauen lange nicht aus ihren Kojen hervor, während die Herren der Schöpfung beinahe alle schon gefrühstückt haben. Unser Flame schleppt schon am ersten Tag sein riesiges Tele mit sich herum, verwandelt sofort alle seine Aufnahmen auf dem Laptop in digitale Bilder. Er wäre auf einem Kreuzfahrtschiff sicher besser aufgehoben, denn diese Überbetonung des Elektronischen, was ich in dieser Form, ehrlich gesagt, noch nicht erlebt habe, vertreibt ein wenig den Hauch des Abenteuerlichen. Manchmal habe ich das Gefühl, in einem Computerraum zu sitzen anstatt in einem Segelboot, doch vermittelt die Übertechnisierung auch ein Gefühl der eigenen Sicherheit. Am Morgen kommt auch der Veranstalter an Bord, gleichzeitig mit dem argentinischen Zoll; ich habe ihn mir allerdings etwas anders vorgestellt, größer und vor allem rauhbeiniger, wie man sich eben einen Abenteurer vorstellt. Doch nichts von diesem Klischee trifft zu, man steht einem ganz normalen und freundlichen Menschen gegenüber.

Am Montag, den 15. Januar 2007, legen wir, beinahe unauffällig, genau um 12 Uhr mittags vom Kai des Jachthafens in Ushuaia ab. Es herrscht komplette Windstille, die See ist spiegelglatt, der Himmel bis auf wenige Wolkenlücken bedeckt, lediglich die blendend-weißen Schneefelder unter den Bergzipfeln Feuerlands reflektieren das durchgelassene Sonnenlicht in der ringsum grauen Szenerie. Welch ein Gegensatz zu gestern, als höllische Winde wirre Wolkenfetzen über den zumeist blauen Himmel jagten! Unter gleichmäßigem Vibrieren der Motoren laufen wir ein nur kurzes Stück auf dem Beagle-Kanal ab, bis wir auf der chilenischen Seite Puerto Williams erreichen. Vorbei geht es an Inselchen – eine von ihnen mit einem Leuchtturm bewehrt –, auf denen in Symbiose mit Pinguinen, die es dort en masse gibt, Robben sich häuslich eingerichtet haben. Die Inseln sind beliebte Ausflugsziele vieler Touristik-Unternehmen in Ushuaia, die Tagesausflüge zu den Brutplätzen verschiedener Vogelarten anbieten. Auf dem Beagle-Kanal – nach dem Schiff benannt, mit dem einst Charles Darwin hier vorbeikam –, können sich die Wetterverhältnisse rasch ändern. Plötzlich aufkommender Wind verleitet uns zum Segelsetzen. Unser erstes Ausbringen der Segel gerät nicht gerade zu einem Bravourstück, viel zu stark flattert die Genoa im Wind, ohne daß es gelingen könnte, sie auf die richtige Seite zu ziehen. Meine erste persönliche Bekanntschaft mit dem Rudergehen vermittelt ein etwas anderes Gefühl, als man es von einer 14-m-Jacht kennt. Das Ruderlegen ist ausgesprochen anstrengend, der Ruderdruck immens, so daß man nach einer Stunde harter Arbeit eine sportliche Leistung vollbracht hat.

Unser Anlegemanöver in Puerto Williams kann schon als kleines Unglück angesehen werden. Erst sieht unser Skipper ein vor uns liegendes Traditionsschiff nicht und wäre diesem, hätte man ihn nicht noch im letzten Augenblick gewarnt, beinahe aufgefahren, anschließend beschädigen wir beim Anlegen ein fremdes Schiff, weil dieses verglichen mit dem unseren viel zu klein ist, um daran längsseits zu gehen. Der Bootsmann erzählt uns bei der Gelegenheit ganz beiläufig, daß er erst seit einem halben Jahr zur See fährt und davor mit Seefahrt so gut wie nichts am Hut hatte, auch nicht über die erforderlichen Scheine verfügt, die ihn zum Schiffsführer befähigen würden. Er habe rein zufällig auf einer Südamerikareise, als er mit dem Rucksack durchs Land tingelte, auf der Santa Maria Australis angeheuert. Obwohl er seine Sache recht gut macht, fehlt ihm dennoch die langjährige Praxis, die jemand haben müßte, um für alle Eventualitäten einer solchen Reise gerüstet zu sein. Der Skipper ist mit dem Schiffstyp, wie eingangs gesagt, ebenfalls nicht vertraut und muß das Boot erst kennenlernen, denn sein erstes Anlegemanöver war nicht präzise genug, sei es, daß er sich in zu schneller Fahrt dem Anleger näherte oder sich zu dicht in Untiefen hineinwagte. Auch seine Segelmanöver wirken anfangs noch recht holprig, eben wie die eines sich noch in Ausbildung Befindlichen, doch er lernt schnell. Aufgrund vermuteter Schwächen versucht Christian von Anfang an, ihm die Schiffsführung streitig zu machen und seine Autorität zu untergraben, sei es durch beharrliches Hinterfragen all seiner Entscheidungen oder durch schulmeisterliche Besserwisserei. Man merkt deutlich, wie Martin in eine Verteidigungshaltung gerät, die in dauernde Rechtfertigungen ausufert, und ich bewundere die Geduld, mit der er dies erträgt, so als ginge es ihm darum zu beweisen, nicht erst noch sein Patent ablegen zu müssen. Nachdem ich diese schädlichen Diskussionen mitbekomme und die kleinen Fauxpas selbst miterlebt habe, beschleicht mich ein leises Gefühl der Unsicherheit. Wie würde es uns wohl ergehen, wenn wir die erste kritische Situation zu meistern hätten? Alles in allem drängt sich mir der Verdacht auf, daß man uns mit einem riesengroßen Vertrauen in die Antarktis schickt. Wollen wir hoffen, daß aus unserem Abenteuerurlaub kein Himmelfahrtskommando wird.

In Puerto Williams müssen wir einklarieren, und zwar deshalb, damit wir im Zweifelsfalle auch in einer chilenischen Bucht vor Anker gehen können, ohne Gefahr zu laufen, von den Behörden aufgebracht zu werden. Zur Abwicklung der Zollformalitäten kommen die Beamten an Bord des Schiffs, lassen aber alle Angelegenheiten reibungslos über die Bühne gehen. Am Abend sind wir bei Wolf, der den Törn ursprünglich selbst fahren wollte, aber vermutlich aufgrund fehlender Französischkenntnisse einen französischsprechenden Skipper anheuern mußte, zu einem Barbecue eingeladen. Er lebt mit seiner argentinischen Frau und seinen beiden Kindern hier in Puerto Williams, am Ende der Welt  sozusagen, und organisiert von da aus seine Fahrten in die Antarktis. Sein Haus liegt hoch über dem Beagle-Kanal und gewährt einen aussichtsreichen Blick sowohl auf die natürliche Wasserstraße als auch auf das gegenüberliegende Argentinien, sprich Feuerland. Als wir eintreffen, ist der Holzkohlengrill bereits gefeuert, und es liegen verschiedene Bratwürste und Fleischsorten zum Verzehr bereit. Dazu werden frische Salate und ein ausgezeichneter Rotwein gereicht. Da die Wettervorhersage für die nächsten fünf Tage nicht gerade ermutigend ist – starke südwestliche Winde, die uns zum Liegenbleiben zwingen –, kommt es bei einigen unserer Fremdbucher aus Unmut darüber zu ersten Beschwerden. Alain bringt vor, daß man ihm zehn Tage Aufenthalt in der Antarktis verkauft habe, die sich aber bereits nach unserer jetzigen Zeitplanung nicht mehr einhalten ließen. Bernard trägt vor, ihm sei ein französischer Skipper versprochen worden, aber Martin, unser Ersatzskipper, spricht nur ein bißchen besser Französisch als ich, und das in einem derart abgehackten Pfälzer Dialekt, daß er sich rasch den Spott eines Bretonen einhandelt. Nachdem jedem Reiseteilnehmer offenbar etwas unterschiedliche Reiseleistungen versprochen worden sind, bemüht sich Wolf um Schlichtung und gelobt, die Verträge der einzelnen Anbieter zu harmonisieren. Erst sehr viel später finden wir heraus, daß unsere drei Franzosen auf der SY Vaihere gebucht waren, weil diese aber überbucht war, auf die freien Plätze der Santa Maria Australis verlegt wurden. Auch unsere Australierin Tarryn sollte ursprünglich auf einer australischen Segeljacht mitgenommen werden, denn sie konnte, da sie kein einziges Wort Deutsch spricht, kein ureigenes Interesse daran gehabt haben, sich auf einem deutschen Boot einzuquartieren. Nachdem die Wogen geglättet sind, begeben sich die Standfestesten von uns nach dem Essen noch in die Nautik-Bar, die auf dem alten abgewrackten Kahn eingerichtet ist, an dem wir längsseits gegangen sind. Der dortige Standard-Drink, der mit Zuckerrand serviert wird, schmeckt sehr köstlich und verleitet zum Vieltrinken, mit den unangenehmen Folgen, daß man am nächsten Tag Kopfweh davon hat. Die Nacht selbst ist für einige von uns recht unerfreulich, weil es einige arge Schnarcher unter uns gibt, die den anderen den letzten Nerv kosten.

Am nächsten Morgen kommt die ganze Mannschaft nur schleppend in Gang. Während die ersten bereits gefrühstückt haben, liegen die anderen noch immer faul in ihren Kojen. Philippe, Bernard und ich sind wieder die ersten, die aus ihren Federn krabbeln, zuletzt erscheinen gestern wie heute die Ladies. Die Stimmung hingegen ist prächtig; sobald die ersten Witze gerissen worden sind, bricht alles in schallendes Gelächter aus. Nachdem ich zum ersten Mal gegen die unerbittliche Sonne, die uns gestern fast alle verbrannt hat, meine Gletscherbrille aufsetze, werde ich sofort mit Spott bedacht. Insbesondere Helmut, unseren blassesten Hauttyp, hat es schwer erwischt, sein Gesicht scheint vor Röte zu glühen. Auch Walter war entsprechend unvorsichtig. Bei aufkommenden Winden laufen wir am späten Vormittag, nachdem alle notwendigen Vorkehrungen abgeschlossen sind, bei schönem Wetter aus Puerto Williams aus, um uns etwas südlicher auf den großen Schlag über die Drake vorzubereiten. Schnell haben wir die enge Fahrrinne des Beagle-Kanals erreicht; die Insel Navarino zur Rechten, Feuerland zur Linken, geht es mit etwa sieben Knoten bei sieben Beaufort in gemächlicher Fahrt Richtung Lennox-Insel, wo wir in einer gut geschützten Bucht vor Anker gehen wollen. Die majestätischen Berge zu beiden Seiten geben uns das letzte Geleit, denn wir wissen, daß wir hiermit den letzten Hafen verlassen haben, wo uns das Vorhandensein menschlicher Behausungen noch ein Gefühl rettender Zuflucht hätte geben können. Jetzt sind wir ganz auf uns allein gestellt.

Kurz nach dem Auslaufen hören wir über Funk, daß der Hafen von Puerto Williams wegen Sturmwarnung geschlossen wurde. Die jährliche Niederschlagsmenge auf den Inseln südlich von Feuerland ist ausreichend, um noch Bäume von beachtlicher Höhe wachsen zu lassen. Hätte sich in unserem Bewußtsein nicht bereits festgesetzt, wo wir uns befinden, so würde diese Landschaft auch gut zu einem Regenwaldgebiet passen. Lachte uns soeben noch strahlender Sonnenschein, so verdüstern urplötzlich wieder dunkle Nebelschwaden den Himmel. Ein leichtes Nieseln verursacht Frösteln, besonders um die ungeschützten Beine, wenn man keine wärmenden Gummistiefel trägt. Das gleichmäßige Schaukeln des Schiffes verzieht bei den ersten bereits die Mienen. Vermutlich ist das auch der Grund, warum wir unweigerlich auf die Seekrankheit zu sprechen kommen. Unser Bootsmann meint, er sei immer der erste, den es erwische. Danach befragt, warum er diese Tortur dann auf sich nehme, meint er nur, die Vorteile überwögen.

In Höhe der Isla Snipa liegt ein Schiffswrack auf Grund. Es würde aber absolut ruhiges Wetter voraussetzen, um an diesem Wrack anlegen zu können, was wir uns am heutigen Tag allerdings verkneifen müssen. Als wir die schmale Passage zwischen der Punta Oriental und der Punta Occidental passieren, ziehen urplötzlich schwere, dunkle Gewitterwolken auf, die uns dazu zwingen, das erste Reff einzulegen. Es ist wirklich erstaunlich, wie schnell sich das Wetter hier ändern kann. Wo soeben noch eitel Sonnenschein herrschte, ist auf einmal stockdunkle Nacht, das blaue Meer nimmt schlagartig dunkelgrüne Farbtöne an. Und dann folgt erneut ein Wechsel. Mittlerweile hat der Wind derart aufgefrischt, daß Seegang und Krängung erheblich zugenommen haben. Ungeschützt kann man sich beinahe gar nicht mehr aufs Vorschiff wagen, denn einsetzender Regen läßt an Deck die Gefahr des Ausrutschens steigen, Einhaken ist angesagt, und auf das Anlegen von Schwimmwesten kann nicht verzichtet werden. Die zu Beginn der Reise noch gesunde Hautfarbe ist bei einigen einer Leichenblässe gewichen. Und tatsächlich müssen sich die beiden ersten bereits übergeben. Eingehakt hängt Bernard, unsere französische Frohnatur, über der Reling und speit sein komplettes Mittagessen wieder aus. Auch unsere Australierin, selbst Medizinerin, ist gegen solche Unbill nicht gefeit. Was diese Reaktionen ausgelöst haben mag, wird unterschiedlich bewertet: bei dem einen dürfte es die Angst vor dem Unbekannten gewesen sein, bei andern schlichtweg die Reisekrankheit. Viele Menschen wissen eigentlich gar nicht, ob sie zur Seekrankheit neigen, einige sind sogar so dreist, sich gleich auf das wagnisreichste einzulassen, ohne sich vorher auf ihre Seetüchtigkeit überprüft zu haben. Diesmal ging noch alles glimpflich ab, Hagel und peitschender Regen konnten uns nicht zermürben. Auf jeden Fall haben wir einen leichten Vorgeschmack auf das erhalten, was uns noch bevorsteht.

Eine nicht geringe Beeinträchtigung zeigt sich auch darin, daß Christian, unser Bordarzt, selbst im Leben schon einmal Skipper gewesen, häufig alles besser zu wissen glaubt als Martin, wodurch dieser sich in seiner Autorität als Schiffsführer gefährdet sieht und deswegen des öfteren genervt reagiert. Es ist aber ganz und gar schädlich für Schiff und Mannschaft, wenn zwei in ein und derselben Sache entscheiden wollen und sich daher pausenlos aneinander reiben. Für den, der die Last der Verantwortung trägt, ist das in etwa so, als müsse er seine Qualifikation tagtäglich aufs neue unter Beweis stellen. Bereits am frühen Nachmittag haben wir unser Tagespensum erfüllt und bringen bei wagrecht peitschendem Regen in der Caleta Lennox auf der Luis-Halbinsel den Anker aus, um hier über Nacht zu liegen. Obwohl wir einen erfolgreichen Segeltag hinter uns haben, scheint niemand an Bord auf die Idee zu kommen, wie das unter Seglern eigentlich üblich ist, ein Anlegerbier trinken zu wollen: schwarzer Tee mit Milch und Zucker erfüllt denselben Zweck. Wir haben nunmehr so etwas wie ein Basecamp erreicht, denn hier werden wir nun solange liegenbleiben, bis sich die tosende See beruhigt hat. Was es an Freizeitgestaltungsmöglichkeiten auf so einem Schiff alles gibt, bleibt ganz dem Einfallsreichtum der jeweiligen Crew überlassen, reichhaltig ist das Angebot aber nicht. In Muße lesen kann man bei dem Hin-und-her-Schaukeln kaum, und am Kartenspielen wiederum haben viele kein Interesse, so daß man erst gar nicht die erforderliche Zahl von Teilnehmern zusammenbringt. Die jeweilige Musik, die aus dem Bordlautsprecher dröhnt, ist oft nicht jedermanns Geschmack, so daß als einzige Alternative nur das persönliche Gespräch übrigbleibt. Oder man fühlt sich vor lauter Langeweile zum gemeinsamen Kochen angespornt.

Bis auf drei Leute, die nicht mitgehen wollen, hat die gesamte Crew sich zu einem Landgang auf der Lennox-Insel entschlossen. Wie im richtigen Leben gibt einer den Impuls vor, und die anderen laufen mit. Schon jetzt würde ich eine Wette eingehen, daß sie nach wenigen Stunden wieder zurück sind, sobald sie nämlich Hunger verspüren. Während sich also die einen auf Landgang befinden, taucht an Bord ein erstes Problem auf, mit einer Vakuumpumpe, an der sich eine Verschleißerscheinung zeigt. Wie ich beiläufig erfahren habe, stammt sie Santa Maria Australis aus einer Zwangsversteigerung, d.h. neu ist sie jedenfalls nicht. Dem Skipper gelingt es indes, das quietschende Geräusch abzustellen, so daß die Toiletten wieder benutzt werden können. Kaum, daß die restliche Crew von ihrem Landgang zurückgekehrt ist, kippt in dem schweren Sturm der am Heck befestigte Zodiac um, der Außenborder taucht ins Wasser, die Paddel fallen heraus. Skipper und Bootsmann mühen sich vergebens, den Motor wieder lauffähig zu machen, was aufgrund der naß gewordenen Zündspule aber nicht ganz leicht fällt. Unsere zwei Paddel sind in der Zeit, die seit dem Kentern verstrichen ist, unbemerkt abgetrieben. Der Skipper hält nach ihnen Ausschau, jedoch vergebens, wir müssen uns mit dem Verlust abfinden.

Um fünf Uhr nachmittags, Ortszeit, sind wir in der Privatwohnung von Herrn Valdez, dem auf Lennox stationierten Beamten, zum Essen eingeladen. Seine Familie lebt hier für die Dauer eines Jahres in völliger Abgeschiedenheit von der Außenwelt, um im Auftrag der chilenischen Regierung den Funkverkehr auf See zu überwachen. Die gesamte Umgebung seines bescheidenen Hauses ist völlig naturbelassen und unwegsam, Sümpfe und Wasseradern behindern das Fortkommen. Dennoch bringt die Natur einiges hervor, was in dem rauhen Klima noch zu gedeihen vermag, ein bescheidenes Angebot zwar, doch angesichts des extremen Wetters wiederum ein sehr reichhaltiges: Moose, Flechten und Sträucher, die sich unter dem Einfluß des Naturgewalten demütig gegen die vorherrschende Windrichtung verneigen. Und dennoch ist auch hier Leben möglich, ein karges zwar, doch ein friedvolles, das nur durch das Rauschen der Brandung und das Brausen des Windes unterbrochen wird: Wasser so schwarz, daß das Auge kaum einen halben Meter eindringt, feinsandige Kiesel, Reste einer basaltischen Vergangenheit. Der Wind bläst mich fast vom Landesteg, in dessen Nähe sich lediglich eine Möwenkolonie noch zu halten vermag. In gebeugter Haltung gegen den Wind ankämpfend, bemerke ich viel zu spät, daß mir jemand zuwinkt, ins Haus zu kommen. Bereitwillig nehme ich die Einladung an, als Vorhut zwar, denn meine Mitsegler sind alle noch an Bord des Schiffes, doch was bleibt mir in dieser Situation auch anderes übrig. Sogleich sehe ich mich einer etwas holprigen Kommunikation ausgesetzt, denn meine Gastgeber sprechen kein Englisch, so wie ich ihr Spanisch nicht verstehe. Auch wenn sich die Verständigung schwierig gestaltet, so wird mir dennoch in Kürze eine Tasse Tee vorgesetzt. Alle möglichen, leicht zu beantwortenden Fragen werden mir gestellt, angefangen von meinem Namen, über meinen Wohnort bis hin zu meinem Familienstand. Ein Ehepaar, zwei im Vorschulalter befindliche Kinder, ein Hund und eine Hase sind alles, was den besonderen Charme dieser Insel ausmacht. Ungeduldig halte ich mit dem Fernglas Ausschau, wo meine Mitsegler bleiben, fühle mich mit dem ständigen Übersetzen lateinischer Vokabeln ins Spanische überfordert, doch schließlich naht sprachlicher Entsatz, und als wir abends mit dem Schlauchboot aufs Schiff zurückkehren, ist der aufschiebende Aufenthalt auf dieser Insel bereits wieder vergessen. Das hingezauberte Nudelgericht à la Raclette hält die Laune noch halbwegs aufrecht, doch das anschließende Schlafen gerät vielen zum Alptraum. Mit unglaublicher Wucht fegt in der Nacht ein Sturm über uns hinweg, so daß ich kaum ein Auge zubringe. Den anderen dürfte es nicht anders ergehen. Nahezu tausendmal wälze ich mich von einer Seite auf die andere, doch weil man trotz der frischen Luft nicht wirklich körperlich beansprucht ist, es auch kein weibliches Wesen an Bord gibt, bei dem man sich erschöpfen könnte, trägt nichts zu einem gesunden Schlafe bei. Sollte das Wetter so anhalten, wären wir wohl schon demoralisiert, noch ehe wir uns auf die Drake-Straße hinausgewagt haben. Der Skipper findet vielversprechende Worte, um uns den Folterschmerz des Abwartens ein wenig zu mildern, indem er uns in Aussicht stellt, wir würden vielleicht schon einen Tag früher von hier aufbrechen können. Wieviel sich davon aber als wahr erweisen wird, müssen wir ganz den Launen des Wetters überlassen. Es beginnt eine Zeit des Abwartens und Bangens, denn noch hat der Wind nicht auf die gewünschte Seite gedreht, die wir bräuchten, um die Drake überqueren zu können und genau auf Deception Island herauszukommen.

Am Morgen des 18. Januar 2007 lichten wir, nachdem ein letzter Wetterbericht eingeholt wurde und der Wind nun deutlich schwächer geworden ist,  um 9.15 Uhr Ortszeit den Anker und stechen in See, mit Kurs Antarktis, die wir nach einer drei bis vier Tage währenden Überfahrt, die wir für die Überquerung der Drake-Straße veranschlagen müssen, erreicht haben wollen. Es ist dies bereits das zweite Mal, daß die Santa Maria Australis zu einer Fahrt in die Antarktis aufbricht. Der Himmel ist bedeckt, die See schwach, der Wind weht aus südwestlicher Richtung. Kaum jedoch, daß wir die Lennox-Insel an Steuerbord haben liegen lassen, werden die unbändigen Elemente wieder dreister, Regen und Starkwind sind unsere ständigen Begleiter während des Auslaufens aufs offene Meer. Wegen der hohen Wellen ist jetzt Einhaken angesagt. Einige von uns müssen nach vorn zum Setzen des Großsegels. Beim Winschen kurbele ich mir fast die Seele aus dem Leib: irgendeine Leine scheint noch festgemacht, denn es gelingt uns nicht, das Groß ganz durchzusetzen. Hagel peitscht mir ins Gesicht, meine ungeschützten Hände werden klamm. Nachdem wir uns fast eine Viertelstunde abgeplackt haben, ist das zweite Reff endlich ausgebracht, dagegen gerät das Setzen des Vorsegels geradezu zum Kinderspiel. Unsere Foto- und Filmamateure behindern das Arbeiten zusätzlich, es läge am Skipper, ihnen ihr Paparazzi-Verhalten auszutreiben, wenn Manöver gefahren werden. Die gleichen, die gestern erbrochen haben, erbrechen heute wieder. Tarryn, unsere Australierin, ist Anästhesistin, sich selbst kann sie allerdings nicht helfen, nicht einmal Prophylaxen sprechen bei ihr noch an. Christian hat sich diesbezüglich klüger verhalten, er trägt beständig ein Pflaster hinter dem Ohr. Unser kleiner Franzose Bernard rülpst lustig drauf los, doch ihm gelingt es wenigstens, sich seine Frohnatur auch in schwierigen Situationen zu bewahren. Für die meisten an Bord nimmt die ungewohnte Ausnahmesituation immer dramatischere Formen an, gut die Hälfte ist bereits seekrank, von dem andauernden Erbrechen ersichtlich geschwächt. Die es erwischt hat sind plötzlich von der Bildfläche verschwunden, liegen entweder in ihren Kojen oder hängen teilnahmslos im Salon herum, wo sie den anderen jegliche Sitzmöglichkeit rauben. So manch einer, der soeben noch versucht hat, wieder etwas zu essen, muß es schon bald wieder von sich geben. Fast allen ist das Lachen vergangen. Wer so etwas noch niemals mitgemacht hat, weiß eigentlich nicht, wovon er spricht, wenn es um das Thema Seekrankheit geht. Im Liegen ist das ständige Stampfen und Schlagen noch am ehesten zu ertragen. Immer wieder aufs neue rasen gewaltige Brecher auf uns zu, nötigen uns, sie abzureiten. Hilflos schlingert das Schiff in der aufgewühlten See, den tosenden Elementen wie ein Spielball ausgeliefert.

Bei so einem Segeltörn lernt man einander gut kennen. Nun haben wir zwar insgesamt drei Ärzte an Bord, aber man glaube ja nicht, daß diese privat die feinsten Menschen sind. Christian zum Beispiel ist ausgesprochen gefräßig. Was ich und auch viele andere nicht könnten, er bringt es fertig. Gierig schlingt er kalte, verklebte Spaghetti in sich hinein, mit bestandener Soße, davon würde anderen nur schlecht werden. Wenn man wirklich Hunger habe, würde man aber auch das essen, meint unser Bootsmann: eine Verpflegung, die dem hohen Reisepreis nicht gerecht wird. Es ist auch nicht unsere Schuld, wenn unser Bootsmann schnell seekrank wird und seinen Nebenjob als Schiffskoch deshalb nicht ausüben kann. Keinem von uns war das vorher gesagt worden, denn es hieß, daß an Bord gekocht würde und wir uns darum nicht zu kümmern bräuchten. Jedoch kaum jemand von uns vermag einzusehen, warum er sich mit trockenem, hartem Brot begnügen soll. Selbst auf einfachsten Jachten findet man heutzutage serienmäßig einen kardanisch aufgehängten Herd, allein die Santa Maria Australis verfügt über einen solchen nicht. Es ist also nicht möglich, bei größerer Krängung an Bord zu kochen. Auch Jochens Argument, daß die vielen Kranken an Bord keine große Lust verspürten, etwas zu essen, und man schon aus diesem Grund nicht zu kochen brauche, vermag ich nicht gelten zu lassen. Schließlich kann man nicht auch noch die Einsatzfähigkeit der wenigen Seetüchtigen an Bord aufs Spiel setzen, denn wer soll das Schiff noch steuern, wenn außer Martin, Helmut und mir niemand mehr dazu in der Lage ist und auch wir noch durch Unterernährung geschwächt sind? Nicht ohne Grund wurden alle Wachpaarungen so gewählt, daß immer ein Erfahrener mit einem Unerfahrenen zusammen ist, ein des Segelns Kundiger mit einem Unkundigen.

Die Delphine, die uns eine Zeitlang auf dem Bug folgen, versprechen Besserung zu bringen. Die Seeschwalben, die unserem Kielwasser hinterher fliegen, wären in unseren Breiten Vorboten schlechten Wetters. Ob dies hier auch so ist, muß uns ein Rätsel bleiben, denn von welcher Art Insekten sie sich ernähren, finden wir selbst nach längerem Nachdenken nicht heraus. Ringsum sind alle Anzeichen dafür, daß Land in der Nähe sein könnte, verschwunden, uns umgibt sonst nichts als das weite offene Meer, mit meterhohen Wellen und immer stärker sich ablösender Gischt. Die Winde drehen im Laufe des Tages nach rechts, so daß wir schon bald auf den angestrebten Südkurs gehen können. Aber es kommt anders, als wir glauben. Als ich morgens aus meiner Koje krieche, um meine Wache anzutreten, muß ich leider feststellen, daß wir erst auf Höhe von Kap Horn sind. Was ist passiert? Allen Unkenrufen zum Trotz ist der Wind jetzt so schwach geworden, daß wir die Maschine zur Unterstützung mitlaufen lassen müssen. Geschlafen habe ich trotz ruhiger Nacht dennoch nicht, denn durch das ständige Schaukeln rollt man nur von der einen Seite auf die andere, ohne dabei ein Auge zuzutun. Mein Problem ist nicht die Seekrankheit, mein Problem ist der Hunger. Wir sind uns in den nächsten drei, vier Tagen selbst überlassen, da ist niemand, der kocht, der den Tisch deckt. Alles müssen wir uns selbst besorgen. Wenn etwas fehlt, ist es gerade am andern Ende des Schiffs verstaut. Mit gefüllter Kaffeetasse, die man nicht aus der Hand lassen darf, eilt man zum nächsten Schapp, um es mit der freien Hand, die man nicht zum Festhalten braucht, nach dem Gesuchten zu durchwühlen. Und alle sind wir in der Not egoistischer geworden, keiner tut mehr etwas für den anderen, jeder ist sich selbst der nächste. Die Kranken sind im Salon hingestreckt, ohne daß ihnen jemand Essen reichen oder wenigstens ein Getränk bringen würde, die übrigen haben sich durch die doppelten Nachtwachen, die sie abgeleistet haben, eine Erkältung zugezogen und husten oder müssen ständig schneuzen. Wieder andere haben aufgehört, sich zu waschen und die Zähne zu putzen und riechen schlecht; beinah alle aber lassen sich gehen. Bernard ist wieder auf die Beine gekommen: Unkraut vergeht eben nicht! Soeben hat er mir noch erzählt, wie reich er sei, wie viele Immobilien er in Paris und über ganz Frankreich verteilt besitze, und schon hält er auch seine Kamera wieder in Händen, er filmt einfach alles, alles ist für ihn interessant! Tarryn wird von Tag zu Tag dünner, zur Wache ist sie überhaupt nicht zu gebrauchen, sie ißt und trinkt nichts, hängt nur herum, völlig apathisch. Ich habe am Morgen eine kalte Dusche genommen, Kaffee und heißen Tee getrunken, und fühle mich ersichtlich wohl, genieße die frische Luft in vollen Zügen. Eine wahre Armee von Albatrossen jagt hinter uns her, ihr Gekrächze ist neben dem Gurgeln des Kielwassers und dem leise mitlaufendem Motor das einzige Geräusch, das noch an Leben erinnert. Als Helmut zur Wachablösung an Deck kommt, erzählt er, daß sie in der Nacht einen Kometen beobachtet hätten. Gegen Mitternacht soll er am Firmament zu sehen gewesen sein, allerdings zeigte sein Schweif nach Norden, ein böses Omen vielleicht, daß wir besser umkehren sollten! Kurz darauf eröffnet uns Martin, daß er keine Möglichkeit habe, den Wetterbericht einzuholen, weil sich während der Nacht der 220-V-Konverter überhitzt habe. Da fällt mir ein, daß ich dummerweise soeben genau an dieser Steckdose meinen Fön angeschlossen hatte, wobei die Sicherung herausgeflogen sein muß. Zum Glück gibt es noch eine andere Möglichkeit, den Wetterbericht einzuholen, an die wir bisher nicht gedacht haben. Nachdem nun eine größere Tiefdruckrinne durchgezogen ist, kommt eine länger anhaltende Schönwetterfront auf, der Wind flaut ab und die Sonne lacht wieder vom Himmel. Der Seegang ist abgeebbt, die Segel haben wir geborgen, die Maschine angeworfen. Mit fünf bis sieben Knoten machen wir reichlich wenig Fahrt, haben erst eine südliche Breite von 57 Grad erreicht. Da fällt bei absolut ruhigem Schiffsbetrieb plötzlich einer der beiden Motoren aus. Wie sich bald herausstellt, ist lediglich der Kraftstoffilter verstopft. Der Schaden ist schnell behoben und wir können die schleppende Fahrt fortsetzen. Kein Land ringsum, nicht einmal die Spur irgendeines Schiffsaufkommens, und unser einziges Ziel, das wir vor Augen haben, liegt immer noch irgendwo tief im Süden. Mittlerweile kenne ich die Verhältnisse meiner Mitsegler recht gut und weiß um ihre Interessen, der eine geht mehr aus sich heraus, der andere weniger, doch sind es immer wieder dieselben Themen, um die sich unsere Gespräche ranken, die sich in Beruf, Familie und Luxus erschöpfen. Das Stimmengewirr, die immer gleichen Witze und Spötteleien werden langsam zu einem Gefängnis, von dem man umgeben ist.

Graue Theorien sprechen bereits von vier Tagen, die jemand für die Überfahrt ansetzen muß, zuzüglich zu dem Tag, den wir wegen ungünstigen Wetters bereits eingebüßt haben, wären es insgesamt fünf. Damit ist bereits ein Drittel der Zeit ohne große Perspektiven verstrichen, allein aufgrund unfreiwilliger Verzögerungen. Am Abend unseres zweiten Tages auf der Drake-Straße sind wir immer noch nicht weiter als bis zum 57. Breitengrad gekommen. Unter Deck liegen, auch nachdem der Wind längst abgeflaut ist,  immer noch drei Leute herum, die zu nichts zu gebrauchen sind, die aber verpflegt werden müssen. Von den anderen, die aufrecht stehen können, ist der Gemeinsinn gewichen, jeder wühlt in den Schapps herum und zieht heraus, was ihm gerade beliebt, wie unter Plünderern. Es gibt keine geregelten warmen Mahlzeiten mehr, die gemeinsam eingenommen würden, und dieselbigen zu organisieren gelingt trotz des vielbeschworenen Teamgeists nicht. Dieses Laissez-faire-Prinzip vertreibt bei einigen die Laune, weder sind sie selbst dazu in der Lage zu kochen noch auch sind schnell aufzutischende Fertiggerichte an Bord, die wenigstens eine warme Mahlzeit täglich sicherstellen würden. Mit dem ungeregelten Ablauf sinkt auch die Stimmung, bei manch einem macht sich bereits Niedergeschlagenheit breit, denn wenn sich um das leibliche Wohl nicht gekümmert wird, stimmt bald auch alles andere nicht mehr froh. Auf einem Kreuzfahrtschiff würde man die Drake-Straße in nur zwei Tagen überqueren, man hätte geregelte Mahlzeiten an Bord, und es wäre für Unterhaltung gesorgt, und das alles zum halben Preis. Wir hingegen wollten es anders haben, abenteuerlicher, glaubten an die vollmundigen Versprechungen in den Reiseprospekten, denn unser Ziel war es, unsere Grenzen und unsere Belastbarkeit auszuloten. Wie schnell die Grenzen eines an Luxus gewöhnten Menschen erreicht sind, beweist sich hier: In unserem sogenannten »French Quarter« (so nennen wir die vordere Kajüte, in der auf engstem Raum unsere drei Franzosen untergebracht sind) wäscht sich schon längst keiner mehr, die Dusche sei völlig unbenutzt, versichert Bernard. Nun ist das Schiff aber wiederum auch zu klein, als daß man gehörig auf Distanz gehen könnte, und nur von einem feinfühligen Menschen kann man erwarten, daß er erkennt, wie er auf seine Umgebung wirkt. Gerade diese Fähigkeit aber ist kultivierten und zivilisierten Menschen häufig abhanden gekommen. Der Genuß auch nur irgendeiner Speise an Bord bleibt angesichts dieses faden Beigeschmacks eher fraglich. In der Not entbietet sich Christian, uns ein Menue hinzuzaubern. Als das Gericht dann aber auf den Tisch kommt, ist die Enttäuschung darüber eher groß: Tomaten mit Olivenöl und ein hartgekochtes Ei. Ähnlich erfindungsreich hatte er sich bereits bei den beiden letzten Mahlzeiten gezeigt, die er uns kredenzte. Aber der Wille zählt schließlich fürs Werk. Ich verkneife es mir daher, irgend etwas daran auszusetzen, tröste mich damit, daß es schließlich gut für unsere schlanke Linie sei, und finde es immerhin anerkennenswert, daß er sich für die Gemeinschaft einzusetzen bereiterklärt hat, während die andern auch nicht im entferntesten auf die Idee gekommen wären, sich für uns aufzuopfern. Als wir das Mahl nach viel Aufwand endlich bereitet haben, hat Bernard, unser kleiner französischer Barbar, bereits mit dem Essen angefangen, noch ehe alle etwas auf dem Teller haben. Wir schelten ihn deshalb, und am liebsten hätte er seinen Tellerinhalt darob wieder in den Topf zurückgekippt. Als ich mich nach entbehrungsreicher Zeit mit Genuß dem Essen hingebe, redet Bernard, während ich esse, pausenlos auf mich ein, wenngleich ich ihm zu verstehen gebe, daß der Vogel nicht zwitschert, wenn er frißt. Als ich ihm nicht mehr zuhöre, fängt er an, lauthals in der Runde ein Trinklied anzustoßen, während die anderen alle still vor sich hin essen.  Ungeschickt wie er ist, oder einfach nur unachtsam, kippt er dabei mein Weinglas um, so daß sich dessen gesamter Inhalt über meine Hose ergießt. Ärgerlich weise ich ihn zurecht, er hingegen meint beschwichtigend, das sei alles gar nicht so schlimm, und wirft mir dabei das Spültuch zu, das voll in meinem Teller landet. Wie hätte ich es auch auffangen sollen, mit Messer und Gabel in Händen? Meine Aufgebrachtheit gegen ihn hat sich, auch wegen vieler anderer Kleinigkeiten, die mich an ihm stören, mittlerweile derart gesteigert, daß ich ihn scharf zurechtweisen muß, auch wenn er mir deswegen beleidigt ist. Daß Franzosen kaum oder nur wenig Kultur haben, ist nun durchaus nichts Neues, wie weit es aber mit ihnen gehen kann, war selbst für mich, der ich dieses Volk genauestens kenne, überraschend.

Doch auch mit unseren Österreichern ist es nicht weit her. Martina, der Frau von Walter, merkt man an, daß sie aus einfachen Verhältnissen stammt. Nachdem sie bereits aufgegessen hat und ihr Teller bereits leer ist, wischt sie ihn, nachdem er schon eine Viertelstunde auf dem Tisch gestanden hat, noch mit den Fingern ab und leckt die erkalteten Reste auf, wobei ich mir meinen Teil denke. Christian greift sich das schon seit drei Tagen in Benutzung befindliche Geschirrspültuch, das mit Speiseresten bekleckert ist, und wischt sich damit den Mund ab. Jochen läßt jeden wissen, daß er sich nur alle zwei Wochen einmal dusche. Er pinkelt auch am Tage über die Reling, ohne sich anschließend die Hände zu waschen, und faßt danach das Essen wieder an, das er für uns zubereitet. Bertrand hat lange und ungeschnittene Fingernägel, so daß ich jedesmal innerlich zusammenzucke, wann immer er sich an der Essenszubereitung beteiligt. Auch ißt er alles mit den Fingern und schmatzt ständig laut dabei. Helmut und Christian haben auch die Angewohnheit, das Behältnis, in dem sie ihr benutztes Toilettenpapier sammeln, regelmäßig dann an Deck zu bringen, wenn andere gerade beim Essen sitzen. Derart ist es also um die Kultur meiner Mitsegler bestellt.

Als Alain und ich Punkt Mitternacht unsere Wache antreten, hat sich der Himmel wieder zugezogen. Schade, hatten wir doch darauf gehofft, besagten Kometen, der sich gestern am Himmel zeigte, auch noch heute beobachten zu können, wenn es denn einer war. Statt dessen tut sich uns ein anderes, noch viel unheimlicheres Phänomen auf: wir sehen am Horizont Lichter, dort, wo nach menschlichem Ermessen keine sein können. Sie zeigen sich genau im Süden, und ich mutmaße schon, daß es sich um Polarlichter handeln könnte. Was es aber in Wirklichkeit gewesen ist, habe ich bis heute nicht herausfinden können. Vermutlich hat es sich nur um ein sehr entferntes Loch in der Wolkendecke gehandelt, durch das Resthelligkeit des Himmels zu sehen war. Als wir unsere Wache beenden, haben wir den 58. Breitengrad erreicht, der auf unserer Längenposition mit der Treibeisgrenze übereinstimmt. Jochen meint zwar, daß es unwahrscheinlich sei, hier an dieser Stelle auch nur auf kleine Eisbrocken im Wasser zu stoßen, dennoch werden wir ab jetzt unsere Aufmerksamkeit beim Ausschauhalten erhöhen. Den Rest der Nacht verbringe ich mit erquickendem Schlaf. Nachdem die zermürbenden Stampfbewegungen des Schiffs nun aufgehört haben, die See merklich ruhiger geworden ist, sind bei den meisten auch die Ängste verflogen, und die gute Stimmung kehrt allmählich zurück. Lediglich unsere Australierin liegt noch immer mutlos im Salon. Schon als ich sie das erste Mal sah, stellte ich mir im stillen die Frage, ob dieses schwache Geschöpf unserem Vorhaben gewachsen wäre, und somit haben sich meine Befürchtungen aufs vollste bestätigt, denn noch immer kreidebleich im Gesicht, wirkt sie von Tag zu Tag erschöpfter. In solchen Notsituationen kann man auf die selbstheilenden Kräfte der Natur vertrauen, die in einem die letzten Widerstandskräfte mobilisieren.

Mittlerweile finden wir uns alle recht gut damit zurecht, wo sich die lebenswichtigen Dinge auf diesem Schiff befinden, denn diese wurden ohne alle Regel wahllos über alle Schapps verteilt. An mir selbst kann ich beobachten, wie sich meine Eßgewohnheiten in dieser Ausnahmesituation verändert haben. Anstatt Kaffee trinke ich morgens Tee und gebe Zucker hinein, was ich zu Hause nie tun würde. Den nötigen Energievorrat verschaffe ich mir durch mehrere Müsliriegel täglich, teils aus praktischen Gründen, weil ein Brot zu schmieren nicht geringe Umstände bereitet, teils weil ich das ewig trockene Weißbrot und die immer gleiche Marmelade nicht mehr sehen kann. Schon kurz nach dem Frühstück hole ich mir frisches Obst hervor, und zur nachmittägigen Brotzeit hat man mich nicht selten nur mit einer Tomate und Salz bewaffnet speisen sehen. Auch süße Fruchtsäfte und Kuchen schlinge ich haufenweise in mich hinein, eine normalerweise nicht sehr gesunde Art der Ernährung, die aber gerade bei Magenempfindlichkeit eine leicht verdauliche Kost darstellt, welche alldieweil auch für Seekranke bekömmlich ist. Überhaupt ist gerösteter Schiffszwieback, den man zu Hause wohl nie essen würde, an Bord eines Schiffes eine überaus bekömmliche Mahlzeit.

Was hat sich derweil auf unserer Reise Erwähnenswertes getan? Kurz bevor ich meine nächste Wache antrete, überschreiten wir den 59. südlichen Breitengrad, bei sieben Knoten Fahrt über Grund legen wir in einer Stunde genau sieben nautische Meilen zurück. Da 1 Grad 60 nautischen Meilen entspricht, benötigen wir für jeden Grad etwa 8-9 Stunden. Drei Grad haben wir noch bis zu den Süd-Shetland-Inseln zurückzulegen, d.h. wir werden noch ca. 24 Stunden oder einen vollen Tag unterwegs sein. Die Windstärke ist mittlerweile auf Null abgesunken, ein Seegang ist auch kaum mehr wahrzunehmen. Unbeirrt arbeitet sich die Santa Maria Australis nach Süden vor. Die Wassertemperatur beträgt immer noch ansehnliche 7 °C, der Luftdruck liegt bei  1005 hPa, was auf ein ausgedehntes Hoch hindeutet. Walter erzählt mir, daß er an einer Großwetterwarte arbeitet, die sich mit der Auswertung weltweiter Wetterdaten anhand bestimmter Klimamodelle beschäftigt. Über e-Mail ruft er in Abständen immer wieder Wettervorhersagen ab. Doch alle Prognosen für Wind lauten auf Windstille bzw. schwache südwestliche Winde. Darauf angesprochen meint Jochen, die »Drake« habe eben zwei Gesichter, deren eines Extrem wir gerade erlebten. Unten im Salon sitzen einige und schreiben Postkarten, andere geben Flaschenpost auf. Die Technik hat es auch möglich gemacht, über Satellitentelefon mit seinen Angehörigen kommunizieren zu können.

Ein Segeltörn in die Antarktis nimmt auch unter günstigen Bedingungen dreieinhalb Tage in Anspruch. Seinen seglerischen Ehrgeiz muß man wegen der 500 sm, die dabei zurückzulegen sind, etwas zurückschrauben. Man kann nämlich nicht erwarten, daß man diese Strecke ununterbrochen durchsegeln kann. In der Regel müssen längere Schwachwindphasen bis hin zu anhaltenden Flauten durch ständiges Motoren überbrückt werden. Wo soeben noch eitel Sonnenschein herrschte, sind plötzlich dunkle Wolken aufgezogen. Bei drei ausgebrachten Segeln machen wir eine Fahrt mit Spitzen von 8,5 Knoten. Der Wind bläst weiterhin aus südwestlicher Richtung, der Luftdruck ist bis auf 1011 hPa angestiegen. Insgesamt bewegt sich das Wetter exakt innerhalb der Vorhersagen. Als wir den 60. Breitengrad erreicht haben, ist dies erst einmal ein Grund zum Feiern. Ab jetzt gelten hinsichtlich des Ausbringens von Abfällen strengere Vorschriften, nicht einmal organische Abfälle dürfen jetzt noch ins Meer gekippt werden. Das anschließende »Festessen« fällt wieder einmal äußerst knapp aus: ein Teller Suppe für jeden und ein elendes Häuflein Gurkensalat mit Butterbrot. So haben einige von uns sich das nicht vorgestellt und beginnen deshalb zu meutern. Besonders in Christian, unserem nimmersatten Allgemeinmediziner, der nach eigenen Angaben immer Hunger hat, steigt ersichtlich die Nervosität, sowie sein Zuckerspiegel auch nur abzusinken droht. Unruhig und fahrig wirkt er dann, und er steckt uns mit seiner Ungeduld an, überträgt seine Nervosität auf andere. Meine letzte Wache endet am heutigen Sonntag um 22 Uhr argentinischer Zeit, damit liegt eine ungestörte Nacht mit acht Stunden Schlaf vor uns, die nur unterbrochen wird, wenn Helmut aus seiner Koje muß. Allerdings sollte ich mich hinsichtlich der ungestörten Nachtruhe aufs äußerste täuschen.

Wind und Wellen nehmen in der Nacht erneut zu, so daß es mich fast aus meiner Koje schmeißt. Die Geräusche, die vom Schiff kommen, hören sich an, als würde es jeden Augenblick auseinanderfliegen oder als würde es aus größerer Höhe aufs Meer geworfen. Das Schiff scheint von den Wellenbergen förmlich abzuheben, für kurze Zeit übers Wasser zu fliegen, um sodann gegen den nächsten Brecher zu donnern. Es geht um, als würde die Wilde Jagd hinter uns herreiten. Vorzeitig krieche ich aus der Koje, setze mich fröstelnd an Deck, zwei Stunden bevor meine eigentliche Wache beginnt. Als ich das Ruder übernehme, herrschen ideale Segelbedingungen. Mit bis zu 8,5 Knoten nehme ich eine Woge nach der anderen. Ich weiß nicht, was die Ursache war und ob die Segelfläche für diese Windstärke nicht vielleicht zu groß war, denn plötzlich reißt im Strudel der Gefühle, beim Versuch, noch mehr Fahrt herauszuholen, die Genoaschot; es gibt zuerst einen dumpfen Schlag, dann rauscht das Segel aus, flattert wie wild im Wind. Der Bootsmann wird aus seiner Koje geholt, er muß nach vorne aufs Schiff, um das Segel zu bergen. Noch scheint nichts verloren, die Genoa wird gegen die Fock ausgetauscht, was uns jedoch erheblich Fahrt aus den Segeln nimmt. Zu allem Unglück reißt auch noch ein Schäkel aus und löst die Großschot aus ihrer Verankerung. Auch hier weiß sich der Bootsmann zu helfen und bringt eine Nothalterung an. Allerdings müssen wir uns doch sehr wundern, welche Alterserscheinungen unser Schiff bereits zeigt.

Etwa 40 Seemeilen von Livingston Island entfernt lege ich mich nochmals aufs Ohr, vielleicht wird, wenn ich erwache, schon Land zu sehen sein. Aber es will sich kein Land zeigen, die Stunden vergehen, unsere Geduld wird auf eine harte Probe gestellt, das ständige Stampfen des Schiffs ist auch im Liegen nicht zu ertragen. Wir können nichts anderes tun, als in der Kajüte die Stunde Null abzuwarten, ohne Träume, ohne Ansprache. Stunden des Wartens vergehen, sinnlos, zwecklos. Christian ist schon nahe daran aufzugeben, er erwägt den Gedanken umzukehren. Das GPS fällt eine Zeitlang aus, weil es nicht genügend Satelliten findet. Draußen ist alles grau in grau, die Wellen rasen vorbei, das Ächzen des Schiffsrumpfs klingt wie ein leises Klagen, wie entfernte Hilferufe einer weinenden Frau. Die Temperatur des Meerwassers hat nicht signifikant abgenommen, vom Überschreiten der antarktischen Konvergenz haben wir nichts bemerkt. Nichts ist mehr wie früher, das Klima ändert sich, selbst Wolf, der in Puerto Williams am Ende der Welt lebt und die Antarktis kennt wie kein anderer, kann dies bestätigen. Ich konnte es erst nicht glauben, als uns dort irgendwelche Rückkehrer berichteten, daß sie 6 °C Meerwassertemperatur gemessen hätten, aber sie hatten recht damit. Im Laufe des Tages soll der Wind abflauen, so jedenfalls will es der Wetterbericht wissen und verspricht bessere Sicht, womit der trostlosen Monotonie ein Ende bereitet wäre. Wie angenehm war es doch gestern, draußen in der Sonne zu sitzen und ihre wohligen wärmenden Strahlen zu genießen, und schon ein winziges Loch in der Wolkendecke, durch welches ein wenig Blau schimmert, weckt Hoffnung in dem ewigen Grau.

Zurück zu unserem Schiff! Eigentlich werden wir ja verwöhnt an Bord: Bootsmann und Skipper kümmern sich um alles, sie kochen, waschen und räumen ab, während wir nur mit uns selbst klarkommen müssen. Wir sind es, die zusehen dürfen, wie die beiden sich abplacken, und keinen Finger zu rühren brauchen. So gut meint es das Schicksal mit uns, doch wir sind auch noch undankbar.

Unsere Planung sieht die Ansteuerung von Deception Island vor, wo wir bei jedem Wetter gut geschützt liegen können. Zunächst müssen wir dazu aber den 63. südlichen Breitengrad erreichen, auf dem wir einen Wegepunkt in Höhe von Snow Island eingegeben haben. Durch die Boyd-Straße wollen wir zwischen den Süd-Shetland-Inseln hindurchsegeln und dann in östlicher Richtung auf Deception Island zusteuern. Nachdem ich mich zur Ruhe begeben habe, weiß ich, daß ich nicht der erste sein würde, welcher Sichtkontakt mit der Antarktis bekäme. Ein Rufen: »Wir sehen Land!« läßt mich aus meiner Koje springen, während die andern noch schlafen. Ich stürze hinauf an Deck und frage nur: »Wo seht ihr das?« »Dort vorne im Nebel«, lautet die Antwort, »seit zehn Minuten sehn wir es.« »Ich sehe nichts. Wo soll das sein?« frage ich weiter. An Deck herrscht gebanntes Schweigen. »Gleich muß es wieder zu sehen sein,« antwortet Christian. »Gebt mir das Fernglas«, hake ich nach. »Hier!« sagt er und überreicht es mir mit einem Fingerzeig, »dort an Steuerbord.« Einige Sekunden blicke ich gespannt durch das Glas: »Ich kann nichts sehen, habt ihr euch auch wirklich nicht getäuscht?« »Nein«, meint Christian. »Wer von euch hat es zuerst gesehen?« frage ich zurück. »Ich!« lautet seine knappe Antwort. Christian hat mit der Krängung genug zu kämpfen, er kann sich nicht auch noch auf mich konzentrieren. Minuten des Wartens vergehen, bis der Wolkenvorhang plötzlich aufreißt, lange genug jedoch, um für den Bruchteil einer Sekunde die Richtigkeit seiner Beobachtung zu bestätigen. »Jetzt sehe ich es auch!« rufe ich erleichtert aus, »das ist sie, die Antarktis.« Ein eiskalter Schauer läuft über meinen Rücken, ein zitterndes Glücksgefühl bebt in mir. Am Abend des 21. Januar 2007 gegen 20.25 Uhr ist es endlich soweit. Vor uns taucht Smith Island auf, mit dem 1300 m hohen Mount Foster als höchster Erhebung. Smith Island steigt unerwartet und jählings aus dem Südpolarmeer auf, seine Hänge sind schneebedeckt, schroff und abweisend. Es ist dies für uns ein Augenblick der Freude, das lang ersehnte Ziel, es ist erreicht. Selten hinterließ eine Begegnung bei mir einen so nachhaltigen Eindruck wie jene erste Berührung mit dem meistweltabgeschiedenen Kontinent, den wir kennen, eine gewaltige, hinter den meterhoch sich türmenden Wellen und den unermüdlich vor uns herfliegenden Seemöwen sich auftürmende Bergkulisse mit beeindruckenden Schneefeldern und sich ins Meer ergießenden Eismassen. Mit Erreichung der ersten Süd-Shetland-Insel ist jedoch kein Landgang verbunden, da diese allseits steil ins Meer abfällt und zu unwirtlich ist, um überhaupt einem Besucher das Anlegen zu ermöglichen. Nach einer vorgenommenen Kursänderung gen Osten stoßen wir nach weiteren 35 Seemeilen auf Deception Island, einen noch heute tätigen Vulkan, in dessen Caldera man hineinfahren kann. Urweltlich und entrückt sieht diese Insel aus, wenn man sich ihr von See aus nähert. Hier haben Basalt und Winderosion gemeinsam einen schier unglaublichen Einfallsreichtum bewiesen, um zu formvollendeter Gestaltung zu gelangen: Zacken, Zinnen und Kronen bekränzen die steil ins Meer abfallenden Basaltsäulen, die nur Pinguinen einen erträglichen Lebensraum sichern, den hier lebenden Wal- und Robbenfängern aber eher zum Grauen gereichten, wenn die Erde bebte. Jederzeit kann dieses schlummernde Monster sein Unwesen aufs neue entfachen, indem es sich durch Aufkochen des Meeres und Erdstöße ankündigt. Dann ist allen Jachten und Schiffen, die auf dem Kratergrund ankern, tunlichst das Verlassen der Insel und das Weite zu suchen angezeigt. Nachdem wir in den frühen Morgenstunden, die um diese Jahreszeit schon einem fortgeschrittenen Sonnenstand entsprechen, in die Caldera eingelaufen sind, alle wie gebannt das Schreckliche schauend, steuern wir sogleich unseren Ankerplatz an, der allerdings keinen guten Untergrund bietet, so daß wir nach dem Frühstück das Boot versetzen müssen. Sogleich nach dem Begrüßungstrunk machen wir uns daran, die Terra australis incognita zu betreten. Auf zu unserem ersten Landgang, ein wahrhaft historischer Moment!

Ohne großes Pathos betreten wir am Montag, den 21. Januar 2007, gegen 9 Uhr morgens den Boden der Antarktis, auf Deception Island, der Insel der Täuschung, die es eigentlich, wie  alle der ursprünglich 18 angenommenen Inseln, gar nicht geben dürfte. Mit dem Sprung vom Dingi haben wir nach insgesamt vier Tagen wieder festen Boden unter den Füßen. Mit dem Aufplatschen im Wasser betrete ich die Antarktis als den letzten von insgesamt sechs Kontinenten. Nie war eine Reise für mich anstrengender und herausfordernder gewesen. Nach der Überquerung der Drake-Straße haben wir es wahrhaftig verdient, uns die Antarktis als den letzten noch unerschlossenen Kontinent untertan zu machen, und so wie dieser Traum Wirklichkeit geworden ist, ist auch Deception Island, wo wir das erste Mal antarktischen Boden betreten, keine Täuschung, schon gar keine Enttäuschung, es ist eines der meistentlegenen Rückzugsgebiete, in die man sich flüchten kann, allerdings ohne dort wirklich alleine zu sein. Denn soeben setzt ein russischer Eisbrecher, zu einem Kreuzfahrtschiff umfunktioniert, einige Dutzend Touristen an Land, die uns, allesamt gleich gekleidet, aus der Ferne wie gelbe Pinguine vorkommen und in jedes Bild laufen. Es handelt sich zumeist um finanzstarke, aber ansonsten gebrechliche ältere Herrschaften, die sich vorgenommen haben, zum Ausklang ihres Lebensabends sozusagen, auf die bequemste Art, die man sich denken kann, die entlegenste und am schwierigsten zu erreichende Region der Erde zu bereisen, allen früheren Entdeckern und Abenteurern zum Hohn. Wir sind um eine Illusion ärmer geworden. Gebe Gott, daß dieser Schnäppchentourismus endlich aufhört! Ein frommer Wunsch zwar, der aber kaum in Erfüllung gehen dürfte, denn die Antarktis weist jährlich steigende Besucherzahlen auf.

Wie besessen beginne ich, kaum daß ich antarktischen Boden betreten habe, loszulaufen, zuerst den Strand entlang, dann hinauf zu Neptuns Fenster, wo sich uns ein fantastischer Blick hinab auf die enge Einfahrt in die Caldera von Deception Island auftut und auf die höchsten Erhebungen des umlaufenden Kraterrandes. Es ist wie im Märchen, unter meinen Schritten gerät die Natur aus ihren Fugen. Fantasievolle Felsgestalten, soweit das Auge reicht, wurden hier von plutonischen Kräften aus dem Gestein gemeißelt, wie Plastiken von einem Steinmetzen, der kein geringerer ist als die Natur selbst,  geformt und mit ungeahnter Vollendung zu bildhaften Symbolen gewandelt, denen lediglich der eingehauchte Lebensodem fehlt. Zug um Zug arbeite ich mich die Felsen weiter empor, bis ich, beinah atemlos, den Kraterrand erreiche. Ein wahrhaft wundersamer Blick bietet sich von dort über das gesamte Eiland und hinüber zur antarktischen Halbinsel, die noch über hundert Seemeilen von hier entfernt ist. Hier war es auch, wie vermutet wird, wo Edward Bransfield als erster Mensch das antarktische Festland gesehen hat, doch bezeugt ist dieses nicht. In der glasklaren und wolkenlosen Luft zeichnen sich die schnee- und firnbedeckten Berge der Trinity-Halbinsel messerscharf gegen den Himmel ab. Die Sonne erreicht in der Antarktis einen gewaltigen UV-Anteil, bedingt vor allem durch das ständig größer werdende Ozonloch. Ungeschützt sollte man sich der prallen Sonne am besten gar nicht aussetzen, will man am nächsten Tag nicht aussehen wie ein scharlachroter Musketier. Im feinen Lavasand bereitet der Aufstieg zwar einige Mühe, dafür kann man auf ihm in Gummistiefeln aber auch abfahren wie auf einer Skipiste. Auch die Gletscherbrille leistet wertvolle Dienste. Den Tieren darf man nicht so nahe kommen, daß sie sich auch nur in irgendeiner Form gestört fühlen könnten.

Nachdem wir das Abenteuer Deception Island hinter uns gebracht haben und das Dingi uns wieder an Bord geholt hat, können wir uns nach entbehrungsreichen Tagen mangelnder Körperpflege  endlich wieder einmal einem warmen Brausebad hingeben. Man kann sich nämlich an den Schmutz sehr wohl gewöhnen und völlig verwildern, sehr zum Leidwesen der anderen, die sich durch das barbarische Äußere abgestoßen fühlen. Gegen Abend verlegen wir unser Fahrzeug von der Whalers Bay in die Telephone Bay, weil bei jener der Anker nicht halten will. Doch auch in der Telephone Bay haben wir Probleme, denn in dem losen vulkanischen Grund gräbt sich der Anker nur schwer ein. Die Telephone Bay liegt bizarr zwischen Schlacke-Hügeln eingebettet, deren Wasser inmitten des umgebenden rötlichen Saums in der auftreffenden Abendsonne smaragdgrün zu leuchten beginnen. Große Beachtung an Bord finden die Teleaufnahmen unseres Alain, der seine Bilder sogleich auf einem mitgebrachten Laptop auswertet. Alle anderen verwenden ebenfalls ausschließlich Digitalkameras, der einzig Altmodische, der noch überwiegend Dias macht, bin ich. Daher beneide ich die anderen ein wenig, die sofort sehen, ob ihre Bilder etwas geworden sind.

Menschen verhalten sich oft indifferent, das gilt insbesondere auf einem Segeltörn. Zunächst will keiner an Land, als ich jedoch als einziger darauf poche, löse ich eine Welle der Nachahmung aus, und plötzlich wollen alle an Land zum Wandern. Die vulkanischen Aschehügel der Umgebung sind zwar nicht gerade ideal zum Gehen und Klettern, doch so schlecht wiederum auch nicht, daß man auf ihnen nicht querfeldein marschieren könnte. Wie zwei Piraten stürmen Kapitän und Bootsmann den anderen um die Wette voraus, als ginge es darum, als erster den verborgenen Schatz von der Schatzinsel zu bergen. Ich erklimme beinah jeden der Hügel, die sich rings um unsere Bucht aufreihen wie zu einer Perlenkette, um Fotos von unserer Jacht zu schießen. Leider spielt aber das Wetter nicht mit, so daß ich mich diesen Anstrengungen ganz umsonst aussetze. Launisch und windig zeigt es sich, so daß die Natur in ihrer erschreckenden Kargheit noch unheimlicher erscheint. Die noch nicht ganz erloschene vulkanische Tätigkeit gibt Anlaß zu den verschiedensten Anthrazit-, Rot- und Ockertönen, eisige Überreste mischen sich mit dem schwarzen Lavastaub zu einer trügerischen Masse. Teils auf weichem Grund einsinkend, teils auf Geröll abrutschend, sind die Wege in Antarctica durchaus beschwerlich. Verödete Krater wechseln ab mit milchigen Seen. Von draußen kommt durch die schmale Einfahrt eine zweite Jacht herein, die sich uns im weiteren zugesellt. Nachdem dunkle Wolkenfelder durchgezogen sind, reißen die Himmel plötzlich wieder auf, und die Sonne läßt diese Welt in allen Farben aufs herrlichste wie neu erstrahlen. Dann geht es zurück aufs Schiff. Unser ins Wasser gefallenes Dingi hat uns bis jetzt keine größeren Probleme bereitet, wenngleich das Anlassen des Außenborders zunehmend länger dauert.

Deception Island, der erste große Anlaufpunkt für all diejenigen, die die Drake-Passage hinter sich gebracht haben und auf dem Weg in die Antarktis sind, liegt dieser zwar schon sehr nahe, gehört aber eigentlich noch nicht zum antarktischen Festland. Am nächsten Morgen um fünf Uhr verläßt die Santa Maria Australis, ohne daß die Schlafenden etwas davon merken, Port Foster und nimmt Kurs auf Enterprise Island. Bald hat sie die zerklüfteten Klippen vor der schmalen Einfahrt in den Vulkan verlassen und nimmt östlichen Kurs auf. Die Sonne steht trotz der trüben Morgenstunden bereits hoch am Himmel; wegen der Nähe des Polarkreises dauert die Nacht nur wenige Stunden. Die Überfahrt zur antarktischen Halbinsel soll einen vollen Tag in Anspruch nehmen, Winde haben wir dabei kaum zu erwarten. Morgens komme ich wie immer als einer der ersten aus meiner Koje gekrochen und übernehme erst einmal das Ruder, um mir Appetit aufs Frühstück zu verschaffen. Das Meer mißt 4,5 °C und wir haben immer noch keinen einzigen Eisberg gesichtet. Dort, wo wir hin wollen, herrscht schönstes Wetter, man kann es aus der Ferne erkennen, und im Dunst zeigen sich bereits die hohen Berge der antarktischen Halbinsel, von mächtigen Schnee- und Eismassen bedeckt. Dies ist die Zeit, um über einige philosophische Aspekte nachzusinnen, speziell meine ich hier die Selbstsucht: bei einigen nämlich glaube ich bereits deutliche Anzeichen einer beginnenden Verrohung zu erkennen. Ich bin mir bewußt, daß ich hier sozusagen mit den oberen Zehntausend unterwegs bin, Leuten also, die es aufgrund ihrer Ausbildung zu mehr gebracht haben als andere. Man darf nun nicht etwa meinen, daß den oberen Zehntausend auch eine Herzensbildung im Umgang mit Menschen eigne, nein im Gegenteil, sie zeigen die häßlichen Seiten des Menschseins viel deutlicher als weniger Gebildete, ihre Rücksichtslosigkeit nämlich. Mein Zimmergenosse Helmut beispielsweise: schon in der Nacht habe ich mich über ihn geärgert, als ich nämlich wach werde, weil er, obwohl ich ihm schon hundertmal erklärt habe, warum er es nicht tun soll, wieder die Kajütentür sperrangelweit geöffnet hat. Durch die eindringende Wärme ist es derart warm in der Koje – ich liege noch dazu in der oberen –, daß ich jedesmal völlig ausgetrocknet und schweißgebadet erwache. Er möchte es eben lieber warm, so sein Einwand, während ich es lieber kalt mag. Ich liege, aus hygienischen Gründen wohlgemerkt, in meinem Schlafsack, er hingegen deckt sich nur mit dem dünnen Bettzeug zu. Es dürfte wohl klar sein, daß derart konträre Gewohnheiten zu keiner Einigung führen, also werde ich ihn diesbezüglich nochmals ansprechen. Als ich später mein Frühstück zubereiten will, stelle ich fest, daß Helmut den letzten Apfel an Bord in sein Müsli verarbeitet hat, ohne ihn mit wenigstens einem zu teilen. Er hat scheinbar nie gelernt, daß man sich nie ohne zu fragen das letzte Stück nimmt. Unbeeindruckt sitzt er in seinem Eckchen und stampft sein Müsli in sich hinein. Weil es für den Apfel ohnehin zu spät ist, muß ich ihm wenigstens noch zum Vorwurf machen, daß er das Müslibehältnis zwar geleert, nicht aber nachgefüllt habe. Dabei ist gerade er es gewesen, der gemeint hat, daß man auf einem Segeltörn seine Mitmenschen am besten kennenlernen kann. Christian, der Zeuge unserer Auseinandersetzung wird, meint dazu nur spöttisch, daß wir vielleicht demnächst an einem Apfelbaum vorbei kämen, was alle unsere Probleme löse. Er bringt mich durch seinen Beschwichtigungsversuch der Lösung des Problems zwar nicht einen Schritt näher, dafür aber ganz schön auf die Palme, denn mein Appell an mehr Gemeinsinn verhallt ungehört. Und noch einer kommt mir in die Quere, nämlich unser Spaßvogel Bernard. Nicht nur, daß er an Bord demonstrativ in kurzen Hosen und Filzpantoffeln herumläuft, er hat sich auch das Buch, das ich zu lesen begonnen habe, unter den Nagel gerissen, so daß ich den Versuch, es jemals auszulesen, aufgeben muß.

Es ist 9.30 Uhr an jenem Tage, als die Santa Maria Australis ihren ersten Eisberg sichtet, etwa 45° an Backbord relativ zur Recht-voraus-Richtung, in einer Entfernung von viereinhalb Seemeilen. Die Eisberge scheinen nun zahlreicher auf, stets befinden sich zwei bis drei, die wir aber alle in sicherem Abstand passieren, in unserer Nähe. Bei guter Sicht sind Eisberge völlig ungefährlich, wenn man sich ihnen in langsamer Fahrt nähert und die Unterwasserverfärbung rechtzeitig wahrnimmt. Plötzlich reißt die hartnäckige Wolkendecke, die sich zäh über den Inseln gehalten hat, auf und ein prächtiger Blick tut sich auf auf das martialisch aus dem Meer aufsteigende Kap Wollaston mit dem ca. 120 m hohen Tower Hill auf Trinity Island, dessen höchste Erhebung in gleißendes Weiß getaucht ist. Steuerbords rückt Hoseason Island näher, eine weitere vorgelagerte Insel auf dem Palmer-Archipel, womit wir die Bransfield-Straße endgültig überquert hätten und in die Gerlach-Straße einlaufen. Bransfield war der erste, der jemals antarktischen Boden betreten hat; von Gerlach war ein belgischer Offizier im Rang eines Leutnants, der die belgische Regierung von einer Antarktisexpedition überzeugen konnte und 1897-98 die nach ihm benannte Wasserstraße vermaß und kartographierte. Eisberge waren in den Jahren, als die ersten Entdeckungen in der Antarktis gemacht wurden, oft Ursache für vermeintliche, in Wirklichkeit aber nicht existierende Inseln. Von jener Schwierigkeit der Identifizierung werden wir im Augenblick heimgesucht. Vor uns liegt ein riesiger Eisberg, dessen Entfernung wir nur schwer schätzen können und den wir daher mit der Insel Christiana verwechseln. Der Irrtum klärt sich jedoch rasch auf. Nachdem wir nun seit Verlassen des Beagle-Kanals auch nicht die Spur von weiteren Schiffen entdeckt haben, die sich das Seegebiet mit uns teilen würden, fällt unsere erste Begegnung mit einem anderen Boot dann doch überraschend aus. Recht voraus hält eine Jacht auf uns zu, die den Namen »Le Sourire« führt und französischer Nationalität ist. Sie gehört Hugh Delignières und Marie Paul, die ebenso wie Wolf in Puerto Williams leben und die uns jetzt über Funk grüßen. Offenbar ist man neugierig geworden, wer sich in diesen Breiten sonst noch aufhält.  Während wir ganz aufs Fotografieren fixiert sind, muß einer von uns mit Maschinenöl in Berührung gekommen sein, denn seine Spuren lassen sich durchs ganze Schiff verfolgen. Es stellt sich heraus, daß unser kleiner Schelm Bernard die Ursache ist, der aber gleich abwehrt, daß dies ein Komplott der Deutschen gegen ihn sei. Mittlerweile gibt es an Bord, nachdem noch nicht einmal die hälftige Reisezeit abgegolten ist, kein frisches Obst mehr, und das Brot fängt bereits an zu schimmeln.  Ehe wir es uns versehen, fällt Nebel ein, was die Navigation und das Eiswache gehen bedeutend schwieriger macht. Größere Eisberge können leicht im Radar ausgemacht werden, gefährlicher sind da die kleineren Brocken, die einen ganz schönen Schlag erzeugen, wenn man mit ihnen zusammenprallt.

Um 13.20 Uhr sichtet die Santa Maria Australis bei dichtem Nebel den ersten Wal, auf 63° 46' südlicher Breite. In gleichmäßig ruhiger Fahrt von 7 kn fahren wir die Gerlach-Straße entlang, zur Rechten die Insel Christiana, zur Linken die Davis-Küste, zwischen der und Trinity Island die Orleansstraße einmündet. An die Davis-Küste schließt die Danco-Küste an, einem unendlich ausgedehnten Tafelberg gleichend. Kap Herschel, der uns nächstgelegenen Landzunge gegenüber liegt die Diamoneninsel. Vor dem Kap treibt ein gewaltiger Eisberg, wir schätzen seine Höhe auf 20 m. Da die See ruhig und windstill ist, nähern wir uns dem Eisriesen in kaum merklicher Fahrt, so daß wir ihn fast anfassen können. Einmal um ihn herum, wobei wir bewundern, wie sehr sich sein Aussehen dabei ändert, nehmen wir, nachdem wir noch frisches Eis für die Cocktails abgehackt haben, wieder Fahrt auf, wenden uns neuen Zielen zu. Immer noch entlang der unstrukturierten Küste der antarktischen Halbinsel, setzen wir unseren Weg auf der Gerlach-Straße fort. Bald taucht zur Rechten Hummrock Island auf und im Hintergrund die Isle de Liège, während auf der linken Seite sich die Hughes Bay ausdehnt. Durch unsere photographischen Aktivitäten durstig geworden, trinke ich heute ein Bier mehr als sonst. Dabei beobachte ich, daß Helmut, Christian und Bernard, die eigentlich keine Biertrinker sind, sich auch jedesmal ein Bier aus dem Schapp holen, sobald sie mich eines trinken sehen. Noch zu Beginn der Reise hatten sie sich einstimmig dagegen ausgesprochen, daß zusätzliches Bier gebunkert würde. Doch nicht nur Bier findet regen Zuspruch. Durchs Nichtstun hungrig geworden, genehmige ich mir angesichts der wenig abwechslungsreichen Fahrt ein Stück Kuchen. Dabei halte ich es ganz mit der Devise: kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, und biete allen meinen Mitseglern auch ein Stück davon an. Helmut, stets von Futterneid geplagt, fordert sofort auch ein Stück für sich. Nun würde man als normal empfindender Mensch natürlich erwarten, daß jeder der Reihe nach das oberste Stück wegnimmt, aber unter Seglern wird man sich diesbezüglich getäuscht sehen. Martina macht den Anfang, zieht, den Kuchen zerpflückend, eines der unteren Stücke heraus, so als wäre das oberste vergiftet. Helmut folgt ihrem Beispiel, ihm kann kein Stück groß genug sein. Nur Martin der Skipper besitzt Anstand und nimmt sich, wie es sich gehört, das oberste und damit leider auch kleinste Stück.

Was hat sich inzwischen auf unserer Reise zugetragen? Zeitweise im Nebel gefangen, sind wir ganz auf die Hilfe des Radars angewiesen. Die Wolken hängen in der Antarktis häufig sehr tief, liegen oft auf dem Meer auf, während darüber meist strahlender Sonnenschein herrscht. Eisige Cirren und vereinzelte Schäfchenwolken entziehen dem Himmel die Aufmerksamkeit und richten diese ganz auf die schneebedeckten Hänge, Traum eines jeden Skifahrers. Sich mit angeschnallten Fellen den Aufstieg zu verschaffen, weckt schlummernde Sehnsüchte aus vergangenen Tagen, die sich zu erfüllen in den Alpen immer seltener möglich ist. An Steuerbord zieht jetzt die gewaltige Brabant-Insel an uns vorbei, die im Mount Parry Höhen über 2000 m erreicht. Der Mackenzie- und der Hippokrates-Gletscher kalben dort ins eisig-blaue Meer. An Backbord rückt der Mount Zeppelin näher, der höchste Berg, den wir vor Erreichen der Charlotte Bay passieren.

Unser Ziel jedoch, dem wir nun energisch zustreben, ist die Insel Enterprise, wo wir über Nacht liegen werden, aber nicht vor Anker, sondern festgemacht an einem alten Wrack, einem Robben- oder Walfänger. Schon die Anfahrt ist zunehmend aufregend, da der Ort ein ganz unheimlicher ist, nicht nur, weil die ihn umgebenden Berge bedeutend an Höhe gewonnen haben, sondern auch, weil die Bucht, in der wir liegen, von meterdicken Eisdecken eingeschlossen ist, vergleichbar nur einem Hohlzylinder aus Eis. Es dauert eine ganze Weile, bis wir das Wrack entdecken; erst als wir feststellen, daß die angepeilte Insel nicht die gewünschte ist, weichen wir auf die Nachbarinsel aus, in der wir dann tatsächlich das alte Wrack finden. Das Einlaufen in den Hohlkessel löst ein bemerkenswertes Gefühl aus Spannung gemischt mit Staunen aus. Wir blicken fassungslos zu den mächtigen, im Laufe von Jahrtausenden gepreßten Eisplatten auf, die nur an den Steilabstürzen das nackte Gestein zutage treten lassen. Auf der drüberen Seite des Wracks hat bereits ein anderer Antarktisfahrer festgemacht. So menschenleer die Weiten der Antarktischen Halbinsel sonst auch sein mögen, man trifft doch immer wieder auf seinesgleichen, verhältnismäßig selten allerdings im Vergleich zu jedem anderen Revier der Welt. Das Anlegen und Festmachen am Wrack ist für Martin und Jochen fast reine Routinesache und gestaltet sich angesichts der absoluten Ruhe des Wassers ohne Nervosität. Nur die zwitschernden Seeschwalben verursachen in dem Eiskessel einigen Aufruhr.

Am nächsten Morgen sieht die Welt ganz anders aus, zumal der Sonne höchste Kraft direkt in unseren Eistrichter prallt. In gleißendem Weiß zeigen sich die Berge ringsum, einsame Riesen, die an Majestät und Herrlichkeit ihresgleichen suchen. Von den Wänden des Kessels tropft Wasser herab, das geeignet ist, unsere verbrauchten Wasservorräte aufzufüllen. Jochen und ich paddeln am nächsten Morgen mit dem Zodiac hinüber zu den Eisüberhängen, um dort Wasser zu zapfen, das, kleinen Sturzbächen gleich, aus den Spalten des Gletschers rieselt. Das Eis schmilzt gewaltig zu dieser warmen Jahreszeit, wir messen unglaubliche 5 °C Wassertemperatur, und die Lufttemperatur ist gar so, daß man sich im Freien mit blankem Oberkörper aufhalten kann, ohne auch nur leise zu frösteln. Gewiß doch, die Sonneneinstrahlung und die Reflexion des Eises tun ein ihriges, um uns den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Jochen bringt uns mit dem Dingi auf eine der beiden Inselchen, die in der Bucht von Enterprise Island liegen. Dort stoßen wir auf hölzerne Überreste von Wal- oder Robbenfängerbooten. Von wem sie wohl stammen mögen? Sogleich nach dem Anlegen erklimme ich voller Begeisterung den vergletscherten höchsten Punkt der Insel, von wo sich ein überwältigender Blick auf die dramatische Gletscherwelt ringsum auftut. Die majestätischen Riesen liegen genau im Gegenlicht und erfüllen mein Auge mit blendendem Glanz, verwandeln die See in einen glitzernden Spiegel. Es ist, wie man sich die Antarktis vorstellt, eines der letzten Paradiese auf dieser Welt. Jedem, der noch nicht völlig abgestumpft ist, muß diese atemberaubende Kulisse Ehrfurcht einflößen; wir dürfen nicht zulassen, daß auch noch die letzten Reservate unseres Planeten immer weiter zerstört werden, denn alles, was das Leben lebenswert macht, kann sich nur im Einklang mit der Natur vollziehen, niemals gegen sie.

Die Wasserstraßen, Inseln und Halbinseln um Enterprise Island mit ihren Steilküsten, Buchten und Gletschern sind an Großartigkeit durch nichts zu überbieten. In gemächlicher Eisfahrt laufen wir zunächst durch die Plata-Passage, vorbei am Daedalus und Ikarus Point, rechterhand mit Blick auf die fantastische Nansen-Insel, zur Linken auf den vom Mount Johnston herabfließenden Leonardo-Gletscher, auf den der vom Mount Walker herabströmende Blanchard-Gletscher folgt. Um Brooklyn und Pelseneerl Island herum, wo sich uns mächtige Treibeismassen in den Weg legen, schlängeln wir uns durch die engen Durchfahrten, die die Arctowski-Halbinsel im Osten begleiten, hinaus in die Gerlachstraße, wo uns sogleich ein eisiger Wind ins Gesicht bläst. Welch ein Gegensatz zu den geschützten Buchten vor der Danco-Küste, die unter der Abdeckung des Verbotenen Plateaus gegen alle Anfeindungen des Windes geschützt sind! Wir müssen hinter einem Eisberg, der uns wie ein Seeungeheuer mit zwei schrecklichen Greifwerkzeugen anmutet, Zuflucht nehmen. Alle starren wir wie gebannt auf dieses erstarrte Monster aus  Eis, das uns in seinen Schlund zu ziehen droht, werden Spielball der Naturgewalten. Trotzdem haben wir keine andere Wahl: eine Pumpe bereitet Probleme und muß auf der Stelle repariert werden.

Zuweilen verirren sich Buckelwale in der Wilhelmina-Bucht. Diese Meeressäuger sind zwar gut zu beobachten, liefern aber meistens kein gutes Fotomotiv, es sei denn, man hat das Glück, genau dann auf den Auslöser zu drücken, wenn der Wal abtaucht und dabei seine Schwanzflosse aus dem Wasser ragt. Als wir Kap Anna umschiffen, wird der Blick frei auf den höchsten Berg der Umgebung, den auf der Anvers-Insel gelegenen, matterhornähnlichen, etwa 3100 m hohen Mont Français, der als einziger der Gipfel des Trojanischen Gebirges nicht nach einer der Sagengestalten aus der Ilias benannt ist, wie etwa Mount Priamos, Mount Hektor, Mount Agamemnon und Mount Helena. Dem Kartographen scheinen allerdings die Namen ausgegangen zu sein, denn bei weitem nicht alle Gipfel tragen eine Bezeichnung. Die markante Zeiß-Nadel, die an den Zuckerhut in Rio erinnert, weist uns den weiteren Weg nach Cuverville Island, das zwischen der Île de Rongé und der Ostseite der Arctowski-Halbinsel liegt. Diese Insel, bekannt für ihre Pinguinkolonien, besitzt eine romantische Ankerbucht zu Füßen des Mount Tennant. Nachdem wir in der Cuverville Bay an Land festgemacht haben, erwacht bei allen fast gleichzeitig der Heißhunger, da wir uns den ganzen Tag aus lauter Faszination keine Zeit zum Essen genommen haben. Wie die Wilden, raffgierig und rücksichtslos, machen sich alle über das Essen her, so als wäre schon morgen Schmalhans Küchenmeister. Jeder reißt ein Brot an sich, wie er nur kann, bis der Brotkorb vollständig geleert ist, wobei manche sich schon ein zweites genommen haben, noch bevor andere ihr erstes bekommen haben. Es ist, als täte Hunger ungleichmäßig weh, dem einen mehr als dem andern. Wehe, wenn unsere Vorräte sich erschöpfen sollten! Doch ich halte still, sage nichts, obwohl es mir schwerfällt, aber es ist vernünftiger, da wir uns in einer Ausnahmesituation befinden, in der Geschlossenheit gewahrt werden muß, solange es irgendwie geht.

Die höchste Erhebung von Cuverville Island ist nur 280 m hoch und schneebedeckt, das heißt verhältnismäßig leicht zu besteigen. Es ist so warm an diesem Tag, daß durch die Kraft der Sonne der ganze Gletscher wie Butter schmilzt. Ohne größeres Risiko können wir daher, nachdem wir die Santa Maria Australis wegen des schlechten Ankergrundes mit zwei Leinen an den Felsen festgemacht haben, den Anstieg wagen. Sowie ich mich als erster in die Gipfelregion vorgewagt habe, folgt mir Skipper Martin auf den Fersen, und noch einige andere versuchen den Aufstieg, der jedoch kaum der Mühe lohnt, weil sich von ganz oben nicht mehr Überblick bietet als auf halber Höhe. Während meines Aufstiegs scheint sich der gesamte Gletscher in Wasser aufzulösen, so daß ich immer wieder einbreche. Wahre Sturzbäche ergießen sich ins Tal und gestalten das weitere Vorankommen äußerst beschwerlich. Gewisse Zweifel kommen auf, ob die Entscheidung, nur in Stiefeln über den Gletscher zu laufen, richtig war. Doch schließlich habe ich es geschafft: die Santa Maria Australis sieht in der glitzernden Bucht zu Füßen der majestätischen Bergkulisse ganz winzig aus. Vom Mount Tennant gegenüber gehen immer wieder gewaltige Lawinen zu Tal, die sich mit einem unheimlichen Donnern bemerkbar machen. Alles ist wie in Auflösung begriffen.

Als wir vom Berg abgestiegen sind, werden wir Zeugen, wie ein Eisberg gerade auf unsere Festmacherleine zutreibt und diese zu zerreißen droht. Der Skipper versucht in einer Hochgeschwindigkeitsrettungsaktion mit dem Dingi, die Leine über den Eisberg zu stülpen, um Spannung aus dem laufenden Gut zu nehmen. Der Versuch gelingt. Ein Tag mit unvergessenen Eindrücken geht zu Ende, der nicht nur mit herrlichem Wetter gesegnet, sondern auch durch atemberaubende Erlebnisse angehäuft war. Daß allerdings den Pinguinen und den nistenden Vögeln durch unsere Anwesenheit ein Schaden erwachsen sein könnte, daran denkt keiner von uns. Nicht ohne Grund werde ich von mehreren Raubmöwen, sogenannten Skuas, die mich pausenlos wie Stukas anfliegen und mich dabei mit ihrem ätzenden Kot bombardieren, angegriffen. Als ich mich der aggressiven Vögel nicht mehr erwehren kann, gehe ich zum Gegenangriff über und bewerfe die Skuas mit Schneebällen, die ich immer dann zusammenballe, wenn sie mir gerade einmal eine Verschnaufpause von wenigen Sekunden gönnen. Als ich den ersten Volltreffer lande, hagelt es zwar seitens der Skuas schreiende Proteste, aber dafür ist es mit den Angriffen erst einmal vorbei. Wie ich später erfahre, erging es Helmut ähnlich. In Unkenntnis der Folgen nehme ich anschließend meine Gummistiefel zum besseren Austrocknen mit in die Kajüte, so daß ich mich, als ich diese das nächste Mal betrete, über den strengen und ätzenden Geruch wundere, bis ich die Ursache herausfinde, daß das Problem vom Kot der Pinguine, der sich an meiner Profilsohle festgesetzt hat, herrührt.

Am nächsten Morgen herrscht dichter Nebel, und es ist warm, zu warm für die Jahreszeit. In wenigen Jahren werden die Gletscher, die wir noch erleben durften, abgeschmolzen sein, die Pinguine werden in neue Lebensräume ausweichen müssen, wollen sie nicht zugrunde gehen. In mühsamer Fahrt, zuweilen mit einem kurzen Blick durch die Wolkendecke auf die über uns aufragenden Berge, motoren wir durchs Treibeis, im Sog die gegen die Schiffswand schlagenden Eisstücke. Es will sich keine rechte Hochstimmung einstellen an diesem Tag, an dem der Paradise Harbour unser Ziel ist, das Leben ist ungerecht! Die meisten von uns sitzen im Salon und lesen irgend etwas Belangloses oder geben sich trüben Gedanken hin. Bernard, unser kleiner französischer Barbar, schmiert mit Kugelschreiber in einem Buch aus der Bordbibliothek herum, als wäre es sein eigenes. Franzosen haben augenscheinlich eine andere, sozialistischere Auffassung von Eigentum als wir Deutschen, ähnlich wie sie in ihren Großstädten auch keine Hemmung haben, in einer Parklücke andere Autos mit der Stoßstange anzuschieben. Nur mit Hilfe des Radars gelingt es uns an jenem Tag, uns aus der Cuverville Bay hinauszutasten, zunächst in den Errera Channel, sodann, Danco Island an Backbord liegen lassend, hinaus in die Gerlachstraße, bis wir schließlich über die Andvord Bay Kurs auf den Duthiers Point aufnehmen können. Die uns umgebende Szenerie erschließt sich uns nicht, da wir bis zu unserer Ankunft in der Forschungsstation Gabriel Gonzalez Videla keine freie Sicht auf die Berge haben. Nur ab und an lüftet sich der Schleier und gibt kurz den Blick auf die Bergwelt frei. Wir steuern nun direkt auf die enge Durchfahrt zwischen der Lemaire-Insel und dem Festland zu, wo wir schon bald die rotbemalten Häuser der chilenischen Antarktis-Station entdecken, die hier, am Eingang zum Paradise Harbour, 1951 errichtet wurde. Gegenüber, am anderen Ende des Paradise Harbour, befindet sich die argentinische Antarktis-Station, die jedoch in den Sommermonaten geschlossen ist.

Nachdem wir uns bei den Chilenen angemeldet haben, werden wir eingeladen, an Land zu kommen, und aufs herzlichste empfangen. Wer nun allerdings geglaubt hat, er werde von einem Team eifriger Gelehrter empfangen, die ihr Leben ganz der Wissenschaft verschrieben haben, sieht sich getäuscht, denn wer uns hier erwartet sind ausschließlich Militärs, die ängstlich darüber wachen, daß ihnen niemand irgendwelche Gebietsansprüche streitig macht. Es gibt zwar offiziell einen Antarktis-Vertrag, der allerdings de facto wenig wert ist, sollte es einmal dahin kommen, daß die Ölreserven, deren die Menschheit so dringend bedarf, zur Neige gehen. Dann werden sich die territoriale Ansprüche erhebenden Staaten um deren Besitz die Köpfe einschlagen. So leben denn auf der Gonzalez-Videla-Station insgesamt sechzehn Männer, zwölf von der Luftwaffe und vier von der Marine, die jeweils über einen eigenen Kommandeur verfügen. Welche wissenschaftliche Tätigkeit, muß man sich fragen, kann nur hier ausgeübt werden, und nicht ebensogut irgendwo anders? Daß die Vorspiegelung gemeinnütziger Absichten nur die wahren Interessen kaschiert, ist offensichtlich. Dennoch sind die Soldaten sehr freundlich, freuen sich über unseren Besuch und unterrichten uns auf englisch über alles, was ihr Leben und Wohlergehen auf dieser Station angeht. Sogar ein kleines Museum gibt es, mit Fotos von Besuchern und Bewohnern und einem begrenzten Angebot an Souvenirs, die hier zu Traumpreisen feilgeboten werden. Die orangerot gestrichenen Holzhäuser wurden inmitten einer Pinguinkolonie errichtet, offenbar weil Pinguinen die Anwesenheit des Menschen nichts auszumachen scheint. Pinguine erinnern in ihrem sozialen Verhalten sehr an das des Menschen. Wenn ein Pinguinbaby  im Gedränge seine Mutter verliert, wird es von allen anderen Pinguinmüttern mit den Schnäbeln so heftig gebissen und gehackt, bis es vor lauter Schmerzen nicht mehr weiß, wohin es sich wenden soll. Die derart Ausgestoßenen sind wahrhaft arme Teufel, die Natur zeigt sich hier in ihrer ganzen Grausamkeit. Ansonsten wäre vielleicht noch erwähnenswert, daß im Winter 1921 auf 22 zwei junge Männer hier in einem Holzboot überwintert und sich in dieser Zeit nur von Pinguin- und Robbenfleisch ernährt haben, bis sie schließlich gerettet wurden. Die Reste ihres Bootes kann man noch heute bestaunen, dem Ort gab man zur Erinnerung an die denkwürdige Errettung den Namen Waterboat Point.

Nachdem wir im Offizierskasino zu Kaffee und Kuchen eingeladen worden sind, verabschieden wir uns und bedanken uns für die freundliche Bewirtung. Zwischenzeitlich ist auch die Sonne einmal kurz zum Vorschein gekommen und läßt den Paradise Harbour in seiner ganzen Pracht erstrahlen. Gegenüber auf Lemaire Island ragt der majestätische Rojas Peak in den Himmel und hinter uns der Mount Hoegh. Bei spiegelglatter See gleiten wir in bedächtiger, fast lautloser Fahrt, unserer Stimmung angemessen, über den Paradise Harbour, vorbei am Bryde Channel und an Bryde Island, um die schmale Ausfahrt durch den Ferguson-Kanal in die Gerlach-Straße zu finden. Vor uns fließt der Petzval-Gletscher vom Hanron Peak herab, und immer wieder donnert es durch kalbende Gletscher in der Ferne. Gewaltige Eismassen sind es, die sich auf diese Weise ihren Weg hinaus ins Meer bahnen, bis sie in der fünf Grad warmen See irgendwann ihr kurzes Leben ausgehaucht haben. Giganten gleich, treiben vor uns die größten Exemplare ihrer Art, die wir bislang gesichtet haben. Draußen auf der Gerlach-Straße wird die Fahrt wieder sorgloser, unser Blick fixiert Kap Willems, die markanteste Berggestalt der Umgebung, zu unserer Linken, während sich zur Rechten bald die Kette bestehend aus Dayne Peak, Janssen Peak und Luigi Peak als wegweisend herausstellt. Bei der flachen Bob-Insel endet die Gerlach-Straße, stößt bei den Capston Rocks auf die Flandres Bay. Zwischen Ménnier und Littlespace Island und Kap Errera laufen wir in die Butler-Passage ein, die ihre Fortsetzung im Lemaire-Kanal findet. Hier ist es auf lange Sicht das auch unter dem Namen »Titties« bekannte Kap Renard mit seinen fünf markanten Hörnern, das uns den Weg weist, uns wie magisch in den Lemaire-Kanal hineinzulocken scheint. Die letzte Crew mußte hier aufgrund zu dicht gepackten Treibeises die Weiterfahrt abbrechen und nach Port Lockroy ausweichen. Noch wissen auch wir nicht, ob uns der Durchbruch durchs Eis gelingen wird. Stets muß einer auf dem Vorderdeck dem Steuermann die Richtung weisen, in die dieser ausweichen muß, um nicht mit den im Wasser treibenden Eisbrocken zu kollidieren. Geschickt Lücken ausspähend, manövriert uns Martin durch die Eismassen, will keinen außer sich Ruder gehen lassen, seiner Sorgfaltspflicht genügend. Die bedrohlichen Humphries Heights rücken nun näher, saugen uns wie Skylla und Charybdis in die schmale, kaum dreihundert Meter breite Wasserstraße zwischen Booth Isand und der Danco-Küste hinein, begleitet vom Krachen der Eismassen. Risse und Rillen ziehen sich vom Cléry und Wandel Peak bis zum Meer herab, den schwarz-weiß gefleckten Fels auf der Wasseroberfläche spiegelnd. In unserem Rücken erstrahlen weiße Schneefelder in einem schmalen lichtblauen Band in der durchscheinenden Sonne, wodurch die schluchtartige Durchfahrt noch schauderlicher erscheint. Dieselben spitzen Bergformen und die Ähnlichkeit des Gesteins deuten sehr darauf hin, daß Feuerland, genauer gesagt die Südspitze Amerikas, mit dem antarktischen Archipel einstmals zusammenhing und erst, als die Erdteile voneinander wegdrifteten, beide ihre heutigen Positionen einnahmen.

Ein Seeleopard, der hier sein Unwesen treibt, scheint mit unserem Boot spielen zu wollen. Äußerst aufgeweckt, taucht er immer wieder aus den Fluten auf, reckt seinen Kopf weit aus dem Wasser, beobachtet uns neugierig, ehe er sich wie das Ungeheuer von Loch Ness wieder zum Abtauchen anschickt. Manche dieser Seeungeheuer liegen, von uns Menschen völlig unbeeindruckt, träge auf den Eisschollen, als würden sie keinerlei Nahrungserwerb nachgehen, so daß wir sie beinah anfassen könnten. Seeleoparden, von denen es in der Antarktis insgesamt nur etwa 200.000 gibt, können dem Menschen gefährlich werden, so daß es sich nicht empfiehlt, mit ihnen in Berührung zu kommen. Während wir fröstelnd an Deck stehen, um das Naturschauspiel aufmerksam zu verfolgen, hegt unser kleiner Franzose den Wunsch, sich in den Mastkorb hochziehen zu lassen, um das Geschehen an Deck besser filmen zu können. In seiner dicken Pelzmütze und mit seinem dunklen Vollbart wie ein Russe aussehend, lassen wir ihn im Masttop solange baumeln, bis er völlig durchgefroren ist. Er filmt einfach alles, was ihm vor die Linse kommt, hat die ganzen drei Wochen fotographisch festgehalten, und wann immer eine Situation etwas kritischer aussieht, drängt er sich wie ein Paparazzi nach vorn oder dazwischen. Als wir den Lemaire-Kanal etwa zur Hälfte passiert haben, ist es an der Zeit, einen Liegeplatz für die Nacht aufzusuchen. Weder Schiffsführer noch Bootsmann sind je zuvor hiergewesen, eine handgezeichnete Skizze ist alles, was wir als Hilfestellung zur Verfügung haben. Auf langen Umwegen müssen wir uns in der einbrechenden Dunkelheit, die nur durch ein unter der Wolkendecke durchscheinendes Abendrot ein wenig erhellt wird, unseren Weg durch eine dichter werdende Masse von Treibeis vermischt mit Eisbergen bahnen. Immer wieder kommt es zu Eisberührungen, die die Bordwand unserer Stahljacht mit dumpfen Schlägen erfüllen. Plötzlich erleben wir, wie nach einem besonders lauten Schlag Treibstoff austritt und die Wasseroberfläche rasch mit einem Ölteppich überzieht, der längere Zeit hinter uns her treibt. Angsterfüllt blicken wir uns gegenseitig an, fragen nach der Ursache des Lecks. Sind wir wo möglich leckgeschlagen? Ein unbehagliches Gefühl macht sich breit, zumal wir zugleich auch die Orientierung verloren haben, hilflos nach dem beschriebenen Liegeplatz Ausschau haltend. Nun wird auch der Skipper langsam nervös, da wir die Bucht immer noch nicht gefunden haben und die Untiefen in dem unkartografierten Gebiet uns Sorge bereiten. Was würden wir tun, wenn Nebel oder Südwestwind uns behindern würden? Es wäre dann unmöglich, den anzusteuernden Platz auszumachen. Mit dem Dingi schicken wir Jochen und Walter los, die Einfahrt zu finden, fahren selbst dem Schlauchboot langsam hinterher. Und wirklich steht plötzlich definitiv fest, daß wir an dem gesuchten Ort sind: zwei flache Eilande, Florence und Hovgaard, die eine schmale Durchfahrt von 15 m freilassen. Hier können wir die Santa Maria Australis bei jedem Wetter sicher mit Schwimmleinen an Land festmachen. Das Abendessen, Schweinsbratwürste mit Sauerkraut, nehmen wir an diesem Abend sehr spät ein, erst nach Mitternacht. Das Bier ist zur Neige gegangen; ich war es, der die letzte Dose getrunken hat, ohne zu wissen, daß keines mehr da ist. Nun müssen wir über eine Woche lang ohne den köstlichen Gerstensaft auskommen.

An dieser Stelle ist es vielleicht noch einmal angebracht, ein Wort über meine Mitsegler zu verlieren. Bernard ist trotz seines Reichtums ein ganz ungehobelter Kerl. Er läßt absichtlich und ohne sich zu genieren, laut hörbar, Winde fahren und rülpst demonstrativ in Anwesenheit anderer, wobei er noch glaubt, daß er uns dadurch vielleicht erheitert. Als ich ihm einmal meinen Standpunkt klarmache und ihm erkläre, warum ich der Meinung bin, daß Elsaß-Lothringen zu Deutschland gehört, beschimpft er mich wüst mit den Worten: »Il est un Nationaliste.« Noch heute ist also bei der Mehrheit der älteren Franzosen ein gewisser Revanchismus spürbar, den dieses Volk offenbar nicht ablegen kann. Was mich an Philippe stört, ist, daß ihm stets, wenn er sich zu Tisch begibt, die Nase läuft und er nichts dagegen unternimmt, wenn ihm das Sekret wie einem kleinen Jungen in den Mund rinnt und seine Oberlippe, die ohnehin schon ausgeprägt genug ist, noch deutlicher hervortreten läßt. Kaum jemand an Bord wäscht sich die Hände, einige lassen ihr Wasser wie vor hundert Jahren über die Reling und scheuen sich nicht, anschließend das Essen anzufassen.

Auch eine Liebesgeschichte hat sich zugetragen. Sie beginnt damit, daß Jochen eines schönen Tages allein oben an Deck sitzt und verloren aufs Meer hinausschaut. Von mir darauf angesprochen, ob es ihm gut gehe, antwortet er nur, daß er allein sein wolle. Nach einigem Nachdenken komme ich schließlich dahinter, was dafür die Ursache ist. Unsere Australierin, kaum etwas genesen, hatte sich offenbar frisch in den sechs Jahre jüngeren Bootsmann verliebt, ging schon nach wenigen Tagen an Bord ein Verhältnis mit ihm ein, so daß uns nachträglich auch klar wird, warum unser Aufenthalt abends im Salon unerwünscht ist. In regelmäßigen Abständen verschwinden die beiden unbemerkt von der Bildfläche, bis sie ihre Liebesbeziehung irgendwann nicht mehr vor der Öffentlichkeit verbergen können und auch dem unaufmerksamsten Beobachter klar wird, was die beiden miteinander haben. Ob aus dieser Romanze allerdings eine feste Beziehung werden wird, daran haben wir anderen an Bord berechtigte Zweifel, denn neben dem zu großen Altersunterschied ist es hauptsächlich der Umstand, daß Tarryn Seereisen generell nicht verträgt und Jochen als Seemann wohl kaum jemals zu Hause sein dürfte. Solange er aber seine Pflicht als Bootsmann nicht verletzt, kann uns die Sache auch egal sein. Vollkommen glücklich wirken die beiden während der ganzen Reise ohnehin nicht.

Am nächsten Morgen führt unser Bordarzt, Christian, ein ernstes Gespräch mit mir. Er meint, ich müsse mich stärker einbringen und am sozialen Leben an Bord engagierter teilhaben, und zwar, wenn es darum gehe, den Tisch zu decken, abzuräumen, zu spülen oder abzuwaschen. Ich würde wohl meinen, wirft er mir vor, irgendeiner würde das schon machen, wenn ich es nicht tue. Damit kein Unfrieden entsteht, füge ich mich in mein Schicksal, zaubere ein frisches Geschirrtuch hervor und ernte am Ende sogar noch Applaus. Als wir gegen Mittag auslaufen, haben es sich auf einigen der uns die Ausfahrt versperrenden Eisberge Seelöwen gemütlich gemacht. Diese im Wasser so überaus wendigen Tiere lieben es offenbar, faul und träge, ganz unbeweglich auf Eisschollen herumzuliegen, wenn sie nicht die Sorge ums Überleben zum Fische fangen ins Wasser treibt.

Es ist auch bezeichnend für jene Gegend um Pléneau Island, daß das Eis, das diese Inseln überzieht, durch Algen rot eingefärbt ist. Dies ergibt ein ganz ungewohntes Bild, und man muß sich von der Vorstellung, daß Schnee nur weiß sein kann, in der Antarktis trennen. Seit Tagen ist der Luftdruck immer weiter abgesunken, so daß für die nächsten Tage schlechteres Wetter zu erwarten ist. Nachdem wir an der Ostseite der Hovgaard-Insel entlang gefahren sind, nähern wir uns Peterman Island. Peterman war ein deutscher Vermessungsingenieur, der sich um die Kartografierung der antarktischen Halbinsel verdient gemacht hat. Hier auf der Peterman-Insel wird eine kleine britische Forschungsstation betrieben, auf der der Zusammenhang zwischen dem Rückgang der Pinguin-Populationen und dem Rückzug des Eises untersucht wird. Der Leiter des dreiköpfigen Forschungsteams, bestehend aus einem Mann und zwei Frauen, begrüßt uns beim Anlegen und zeigt uns die Stellen, wo wir die seltenen Adélie-Pinguine beobachten können. Auf bestehende Probleme angesprochen, gibt mir der bärtige Biologe bereitwillig Auskunft. Es sei das Ziel ihrer Forschungen, meint er, an der Veröffentlichung eines Artikels zu arbeiten, der demnächst in einer renommierten Fachzeitschrift erscheinen wird und die Öffentlichkeit auf die Probleme einer sich schnell wandelnden Antarktis aufmerksam machen soll. Auf die Frage, ob er sich davon eine Besserung der weltweiten Klimasituation verspreche, gibt er zur Antwort, daß das Bewußtsein der Menschen in bezug auf ihr Energieverhalten, in kleinen Schritten zwar, langfristig beeinflußt oder sogar geändert werden könne: eine blauäugige Meinung zwar, aber immerhin eine, die man gelten lassen muß. Die Temperatur auf der Antarktischen Halbinsel habe sich in den vergangenen dreißig Jahren um bis zu fünf Grad erhöht, meint unser bärtiger Brite weiter, und die gesamte Fläche rund um die Forschungsstation sei früher eisbedeckt gewesen. Manche Pinguin-Populationen seien seitdem zurückgegangen, andere wiederum hätten zugenommen. Im Anschluß daran begegnet mir auf halbem Weg zur Pinguin-Kolonie eine junge Britin, die ebenfalls zum Forschungsteam gehört. Sie grüßt mich sehr freundlich, und ich interessiere mich sogleich für ihre Tätigkeit. Schon bei ihren ersten Worten fällt mir auf, daß sie sehr gelbe Zähne hat, und noch ehe wir unser Gespräch zu Ende gebracht haben, kommt bereits ein Anruf von ihrem Kollegen, der sie zur Arbeit ruft. Scheinbar will man sich bei Anwesenheit von Gästen nicht dem Vorwurf aussetzen, daß ein solcher Forschungsaufenthalt hauptsächlich aus Nichtstun besteht. Ob nun die Ankunft von immer mehr Touristen in der Antarktis auch zur Freude von Naturschützern gereicht, daran müssen allerdings ernsthafte Zweifel angemeldet werden.

Von Peterman Island ist die ukrainische Forschungsstation Vernadsky gerade einmal fünf Seemeilen entfernt. An Backbord begleiten uns auf dem Weg dorthin, welcher durch die Penola-Straße führt, abwechselnd beeindruckende Berge oder Gletscher: der Mount Scott, der Wiggins-Gletscher, der Mount Mill, der Bussey-Gletscher, der Lumière Peak, der Trooz-Gletscher. Sie bilden die majestätische Kulisse zu den grau getünchten Häusern der Vernadsky-Station, die mit ihren weitläufigen Radioantennen in dieser Idylle eher stört. Hinter halbhohen, geschützten, fast eisfreien und nackten Inseln legen wir in einer nicht weit entfernten Bucht neben der unter belgischer Flagge fahrenden Ketch »Vaihere« längsseits an und bringen Landleinen aus. Als ihm das Belegen der Klampe mit der Achterleine befohlen wird, verliert Christian, als er sich in Bedrängnis geraten sieht, weil ich ihm widerspreche, erwartungsgemäß, wie schon öfters in unüberschaubaren Situationen, völlig die Beherrschung, obwohl wir noch nicht einmal in Reichweite des fremden Schiffes sind. Maßlos in seinen Äußerungen, schreit er mich an, als wäre ich die Ursache seines Problems, benimmt sich, als wäre er hier der Kapitän, und bleibt in seiner Ausdrucksweise allgemein weit hinter dem zurück, was man von einem Mann seines Standes eigentlich erwarten würde. Er ist dann auch der erste, der später, als es ans eingemachte geht, die Nerven verliert. Auch bei anderen ist die anfangs geheuchelte Freundlichkeit einer Art Gleichgültigkeit gewichen, alles Anzeichen dafür, daß es langsam Zeit wird, daß unser Törn zu Ende geht. Doch wir müssen leider noch eine Woche miteinander auskommen, und weil der Klügere nachgibt, bewahre ich Ruhe, solange es nur irgendwie geht.

Abends sind wir auf der Vernadsky-Station eingeladen. Als Gastgeschenk bringen wir drei Flaschen unseres besten Rotweins mit, der aber von den Ukrainern gar nicht besonders geschätzt wird, da diese bekanntlich Wodka bevorzugen. Wir werden zwar sehr herzlich empfangen, doch sprechen nur wenige der dort lebenden Wissenschaftler überhaupt Englisch. Ein junger, verheirateter Ukrainer, der sich nach eigenen Angaben diesen Arbeitsplatz selbst ausgesucht hat, um überhaupt einmal im Leben in den Genuß zu kommen, die Antarktis zu sehen, übernimmt unsere Führung. Sein Englisch ist durchaus brauchbar, während der Kommandant sich derart wortkarg zeigt, daß man meinen könnte, wir seien eigentlich gar nicht erwünscht. Vermutlich ist es aber reine Unbeholfenheit oder ein für jemanden in seiner Position erstaunlicher Mangel an Umgangsformen. Wir werden der Reihe nach durch die gesamten Forschungslabors geführt, wo uns jeder der Spezialisten, sofern er dazu in der Lage ist, die Art seiner Tätigkeit beschreibt. Nach allem, was ich sehe, möchte ich allerdings so meine Zweifel anmelden, ob eines der hier verwendeten Geräte überhaupt in der Lage ist, ein präzises Meßergebnis zu liefern. Ich verkneife mir daher die Frage, wann diese Geräte zum letzten Mal kalibriert wurden. Gemessen werden hier vor allem seismische Erschütterungen, die Dicke der Ozonschicht sowie meteorologische Einflußgrößen. Auch in die Wasch- und Aufenthaltsräume gestattet man uns Einblick zu nehmen und somit in den persönlichen Bereich der hier Lebenden.  Insgesamt jedoch ist die ganze Führung recht schnell abgeschlossen, und wir nähern uns dem Kernpunkt dessen, wozu wir hierhergekommen sind, nämlich der Bar. Dieser sehr intim eingerichtete Raum – an den Wänden hängen jede Menge Büstenhalter in verschiedenen Größen, die von mitleidigen Kreuzfahrttouristinnen zurückgelassen wurden – läßt auf reine Männerwirtschaft schließen. Nach Auskunft des uns Führenden werden Frauen auf der Station nicht gern gesehen, weil es verständlicherweise unter den Männern immer wieder zu den gefürchteten Eifersuchtshandlungen kommt, und diese sind in dieser doch sehr entlegenen Region nicht gerade wünschenswert. Ab und zu, meint unser Führer, kämen aber die amerikanischen Wissenschaftlerinnen von der Palmer-Station zu Besuch, doch sähe er das auch noch mit recht gemischten Gefühlen. Schließlich wird uns auf der Station noch ein Stempel in den Paß eingetragen, den wir uns aber gerne geben lassen, ja sogar ausdrücklich darum bitten. Sodann sprechen wir alle reichlich dem Wodka zu. Ich bin mir nicht mehr sicher, wieviel ich davon getrunken habe, aber ich glaube, daß es an diesem Abend insgesamt fünf Doppelte gewesen sind. Dafür schlafe ich diese Nacht tief durch und bin bereits wieder munter und frisch, als die anderen noch in ihren Kojen liegen. Wodka verträgt sich nämlich bestens, und man hat am nächsten Tag weder einen schweren Kopf noch sonstige Beschwerden.

Als wir am nächsten Morgen aus unseren Kojen krabbeln, liegt neben uns noch ein dritter Segler längsseits. Es sind Iren, die sich da in diese Gegenden vorwagen, harte, bärtige Gesichter, denen man ihre keltische Abstammung förmlich ansieht. Diese rauhen Gesellen waren einst gefürchtete Krieger, die auf ihrer Wanderschaft bis nach Kleinasien vordrangen; allein in arktische Gewässer hätten auch sie sich nicht gewagt. Kurz nach dem Auslaufen, nachdem wir noch einmal Wasser gebunkert und unsere Leinen entwirrt haben, entdecken wir draußen vor der Vernadsky-Station Buckelwale. Man darf aber nicht erwarten, daß man von diesen Tieren gute Aufnahmen bekommt, denn sie befinden sich bis auf die Rückenflosse zum größten Teil unter Wasser.

Der Luftdruck scheint sich nun auf seinem Tiefstwert eingependelt zu haben, zumindest fällt er nicht weiter ab. Es regnet und es ist im Vergleich zu früheren Jahren ausgesprochen warm, so daß man weder eine Mütze noch Handschuhe benötigt. Wir fahren nun den gleichen Weg, den wir gekommen sind, wieder zurück, durch die Penola-Straße und den Lemaire-Kanal, nehmen die Butler-Passage, überqueren die Bismarck-Straße und laufen zwischen Doumer und Anvers Island in den Neumayer-Kanal ein, der bei Kap Lancaster beginnt. Unser heutiger Liegeplatz wird Port Lockroy auf der Wiencke-Insel sein. Schon von weitem weht uns der charakteristische Pinguin-Geruch entgegen. Gleichzeitig mit uns läuft das Kreuzfahrtschiff Dolphin Port Lockroy an. Kaum, daß  wir an Land gegangen sind, werden auch schon die Reisegäste ausgebootet und fallen wie Heuschreckenschwärme über die Insel her, so daß es uns vorkommt wie die Invasion in der Normandie, mit dem Unterschied, daß es sich mehrheitlich um Deutsche handelt, die sich hier ein Stelldichein geben. Die Illusion, auch nur irgendwo die einzigen zu sein, wird uns mithin zum dritten Male geraubt. Wegen der Touristen hat man auf der Wiencke-Insel, die zu erkunden wir uns, nachdem unser Schiff fest vertaut ist, alsbald anschicken, ein Walskelett von einem Exemplar, das dort gestrandet ist, zusammengesetzt, um den Besuchern einen Eindruck von den Maßen dieser größten Meeressäuger zu vermitteln. Während wir uns ganz ungeniert zwischen den Pinguinen aufhalten, ist den Kreuzfahrttouristen hingegen selbiges streng untersagt, da sich die Tiere, die normalerweise nicht scheu sind, angesichts solcher Menschenmassen durchaus gestört fühlen könnten.

Als wir am nächsten Morgen nach einem kurzen Abstecher zur Antarktis-Station Port Lock-roy, die von nur drei Leuten besetzt ist – die ihre Hauptaufgabe darin sehen, den Kreuzfahrttouristen Souvenirs zu verkaufen –, auslaufen, stehen bereits zwei weitere Ozeanriesen in der Bucht Schlange. Es sind die Endeauvour und die Explorer II. Eine Reise auf Schiffen wie diesen kann allerdings wegen der mit dem Besuch einer Pinguin-Kolonie und dem Kauf von Souvenirs verbundenen Wartezeiten nicht besonders empfohlen werden, denn die Gäste an Bord müssen oft stundenlang ausharren, bis sie an der Reihe kommen.  Außerdem werden solchen Schiffen, was das Betreten der Inseln anbelangt, beachtliche Auflagen gemacht. So dürfen beispielsweise mit Schlauchbooten nie mehr als hundert Personen auf einmal an Land gebracht werden. Auf einigen Schiffen werden Kajakausflüge angeboten; wer jedoch die Eskimotierrolle nicht beherrscht, für den kann das Kentern in dem kalten Wasser schnell lebensbedrohlich werden. Es sind überwiegend übersättigte, stinkreiche Leute, die sich den Luxus einer mehrwöchigen Kreuzfahrt leisten können, und es sind so gut wie keine Idealisten darunter. Eifersüchtig und neidisch verfolgen und beargwöhnen sie unser allzu freies Treiben. Mich würde es langweilen, mich in dieser Gesellschaft auch nur zu bewegen, auch wäre mir die Zeit, in der man so gut wie nichts Aufregendes erlebt und sie mit irgendwelchen stumpfsinnigen Beschäftigungen totschlagen muß, zu schade. Zudem verlaufen die Diskussionen solcher Passagiere in der Regel relativ flach, und irgendwann könnte man ihre immer gleichen Witze nicht mehr ertragen.

Unsere letzte Etappe auf der Antarktischen Halbinsel verläuft durch den Neumayer-Kanal, zwischen der Wiencke-Insel – benannt nach einem Matrosen, der der erste Tote in der Antarktis war – und der Île d'Anvers hinaus in die Gerlach-Straße, um die Parker-Halbinsel herum und durch den Schollaert-Kanal in Richtung Melchior-Inseln. Die Berge ringsum sind in dichte und tiefliegende Wolken getaucht, zeitweilig erschwert Nebel die Weiterfahrt. Im Neumayer-Kanal behindert uns dichtes Treibeis, wieder und wieder kommt es zu Kollisionen mit kleineren Eisbrocken, so daß der Skipper immer wieder ängstlich nachschaut, ob nicht irgendwo ein Wassereinbruch erfolgt ist. Durch den einsetzenden Regen erscheinen uns die Außentemperaturen kühler als an den Vortagen, und überhaupt macht sich bei vielen leichter Unmut breit. Von insgesamt sieben Tagen waren nur zwei wirklich schön, und so traumhaft die Antarktis bei idealen Witterungsbedingungen sein kann, so trist nimmt sie sich bei Schlechtwetter aus. Durch den ausgefallenen Winter in Deutschland bedingt sehnte ich mich nach ein wenig Kälte und Schnee, jetzt aber brauche ich wieder etwas mehr Sonne.

Die sechzehn Melchior-Inseln sind nach den Buchstaben des griechischen Alphabets geordnet, wir für unseren Teil liegen geschützt zwischen Omega und Eta Island, den zwei größten der Melchior-Inseln. Gegenüber auf der Eta-Insel verhindern überhängende Gletscher das Festmachen der Leinen, zu groß ist unsere Angst, daß uns abgehende Eismassen erschlagen könnten. Martin und Jochen fordern ihr Schicksal zum Abschluß noch einmal heraus und versuchen einen beinah senkrechten Gletscher hinaufzusteigen. Bernard versucht es auch, rutscht aber mehrmals ab und landet im Tiefschnee. Die Aussicht von dort oben ist aufgrund der schlechten Lichtverhältnisse nicht besonders gut, so daß dieses Unternehmen fotografisch rein gar nichts bringt. Am letzten Tag vor der Überfahrt zurück über die Drake-Straße wird noch einmal so richtig dem Alkohol zugesprochen, teils aus Freude über den gelungenen Törn, teils aus Furcht vor dem, was jetzt auf uns zukommt. Zumindest ahnen einige ihre Seekrankheit voraus, andere haben schlichtweg Angst vor dem bevorstehenden Sturm. Nachts um drei wache ich auf, weil Helmut in seinem Delirium wieder einmal laut redet. Angesprochen, das Reden einzustellen, antwortet er, schweigt kurz, redet danach aber hurtig weiter. Ich denke, er hat ein Alkoholproblem, denn mir ist im Leben niemand begegnet, der wie er die ganze Nacht Selbstgespräche führt. Auch tagsüber gehört er zu denjenigen, die lauthals über die geringste Kleinigkeit lachen können. Ich freue mich schon, wenn er seine Wache antritt, wo mir dann wenigstens zwei Stunden Ruhe vergönnt sind. Vor dem Ablegen stattet uns der Skipper eines in derselben Bucht liegenden Bootes einen Besuch ab, um sich von uns den aktuellen Wetterbericht geben zu lassen, weil sein Inmarsat-Empfänger angeblich defekt ist. Ihm komme es primär nicht darauf an, sofort zurückzukehren, meint jener Skipper, der eine Schweizer Gruppe an Bord hat, denn sie würden noch mehr als eine Woche Zeit haben, um zurückzukehren. In etwa zwei Tagen ist Starkwind angesagt, für uns ist daher Eile geboten, dieser Zone zu entrinnen. Nachdem die letzten Vorbereitungen getroffen wurden, machen wir uns los, sagen der Antarktis Lebewohl. Einige von uns werden sie in ihrem Leben wohl nie mehr wiedersehen, andere empfinden beim Abschied leise Wehmut. Ein leichtes Nieseln, eine Meerwassertemperatur von mehr als sechs Grad und erneut fallender Luftdruck machen einigen den  Abschied nicht schwer. Ein breites, anhaltendes und hartnäckiges Tiefdruckgebiet läßt auf längere Sicht keine Besserung erwarten. Was mich aber schmerzt ist, daß die Aussicht, die Antarktis so, wie wir sie jetzt erlebt haben, noch einmal wiederzusehen, gleich null ist. Wenn der eine oder andere von uns in einigen Jahren wieder hierherkommen sollte, wird sich ihm diese Landschaft nicht mehr so zeigen, wie sie jetzt ist, denn das Abschmelzen der Polkappen schreitet zügig voran. Dies ist das wirklich Tragische, daß beinah alles, was der Mensch anfaßt, von ihm zerstört wird, nichts seinem Zugriff entgeht und er sich anschickt, sich selbst von diesem Planeten zu entfernen. Hier in der Antarktis erleben wir es mit eigenen Augen. Wir, die wir hierher kamen, um uns zu überzeugen, wie es um sie steht, sind vielleicht unter den letzten gewesen, die noch halbwegs gute Bedingungen vorgefunden haben, andere, die nach uns kommen werden, werden zweifellos nicht mehr dieselben Eindrücke mit nach Hause nehmen.

Unseren ersten Tag auf der Heimreise motoren wir, um zügig voranzukommen und dem Starkwind, der uns irgendwann einholen wird, zu entgehen. Wir überschreiten den 64. Breitengrad, wir überschreiten den 63., draußen wogt die See in langen flachen Wellen, in ewig tristem Grau. Richtig seekrank ist noch niemand, aber den beiden Frauen an Bord ist schon wieder unwohl. In unserer Kajüte riecht es immer noch nach Pinguinkot, so daß ich eine Aversion verspüre, mich schlafen zu legen. Die Bücher im Schapp habe ich, soweit sie mich interessierten, schon zum dritten Male gelesen. Wir alle sind wortkarg geworden, reden kaum noch miteinander, einer überträgt seine Stimmung auf den anderen. Kaum einer versteht es mehr, noch etwas, womit sich Erwartungen verbinden, von sich zu geben. Haben wir uns anfangs noch interessiert ausgehorcht, öden wir uns jetzt nur mehr an. Während meiner nächsten Wache überqueren wir den 62. Breitengrad, durch Tatenlosigkeit zieht sich die Zeit unendlich hin. Über das weitere Vorgehen herrscht weitgehend Uneinigkeit. Manchmal drängt sich mir der Eindruck auf, daß auf diesem Schiff nicht einer entscheidet, sondern demokratisch von allen entschieden wird. Jeder weiß etwas, gibt etwas zum Besten. Lauter erfahrene Segler, die Angst vor dem Wind haben! Helmut macht den unsinnigen Vorschlag, mitten auf der Drake-Straße liegenzubleiben und zwei Tage abzuwarten, bis das Sturmtief durchgezogen ist. Wozu, frage ich mich nämlich, haben wir versucht, das maximale Etmal herauszuholen oder sind in der Hoffnung auf besseres Wetter nicht gleich zwei Tage länger in der Antarktis geblieben, wenn unser Durchhaltevermögen mitten auf dem Meer plötzlich erlischt? Martin allerdings läßt weiterfahren, trotz aller Unkenrufe. Ein übertechnisiertes Boot, ein ständiges Ablaufen unter Maschine, und das nennt sich nun Segeltörn! Wenn wir weiterhin so gut vorankommen, werden wir zwei Tage zu früh auf Kap Horn sein, um dort die noch verbleibende Zeit abzuliegen. Mich dürstet indes nach Taten, nicht nach Herumliegen!

Stunden stoischer Ruhe vergehen, der Luftdruck sinkt kontinuierlich immer weiter ab, das kann nur in Starkwind münden. Bald werden wir den 60. Breitengrad erreichen, Grund eigentlich zum Feiern, denn nun haben wir den südlichen Ozean verlassen, doch es sind immer noch ganze 5° bis Kap Horn. Unsere Australierin liegt in ihrer Koje und weint, sei es aus Liebeskummer oder weil sie die Reise zu dem einzigen Zweck gemacht hat, um zu leiden. Selbst Bernard, sonst für jeden Spaß zu haben, redet nur mehr wenig. Ganze drei Flaschen Wein sind uns noch geblieben, frisches Obst ist ein Begriff, den wir nicht mehr kennen, ja nicht einmal die Lust auf etwas Süßes können wir stillen, denn Schokolade, ein wichtiges Grundnahrungsmittel, wurde schlichtweg vergessen, Milch gibt es nur noch in pulverisierter Form. Ein scharfes Nudelgericht ist alles, was uns am Abend bei Laune hält. Alles liegt um 20 Uhr bereits in der Koje, schläft vor für die Nachtwache.

Als ich meine Mitternachtswache antrete, ist es draußen stockdunkel, man merkt wieder die Unterschiede zwischen Tag und Nacht. Mit neuneinhalb Knoten unter Maschine machen wir einen richtig guten Schnitt. Zwei Breitengrade haben wir mittlerweile abgefahren, der 60. wäre eigentlich ein Grund zum Feiern gewesen, doch niemandem war danach. Das Schiff krängt auf dem Rückweg nach der anderen Seite, so daß ich aus der Koje jedenfalls nicht mehr fallen kann. Dafür werde ich jetzt außenbords gedrückt, was auch nicht wesentlich angenehmer ist. Als ich am nächsten Morgen aufwache, hat die Maschine ein Problem: Überhitzung! Rauch steigt auf. Der Wind hat nun soweit aufgefrischt, daß wir unter Segeln weiterfahren können. Am 58. Breitengrad wendet sich das Blatt, der Luftdruck steigt steil an, die Bewölkung lockert auf, der Wind wird auffrischen. Helmut sucht Streit, seine Belastbarkeit hat ihre Grenzen erreicht. Er interpretiert böswillig jede meiner Fragen so, als müßte ich sie mir selbst beantworten können. Erst durch eine verbale Attacke gelingt es mir, ihn von seiner Marotte abzubringen.

Als Alain und ich um 10 Uhr unsere Wache antreten, gibt es erneut ein Problem mit der Maschine, einer der beiden Auspuffe qualmt. Der nicht näher einzugrenzende Schaden kann jedoch nach einem Filterwechsel behoben werden. Außerdem sind die Segelbedingungen jetzt so gut, daß wir die Maschine abstellen können. Bei Wellen von drei bis vier Metern Höhe steuern wir nördlichen Kurs, erreichen in Spitzen über zehn Knoten. Das Rudergehen erfordert jede Menge Krafteinsatz, denn das Schiff reagiert nicht sofort, sondern erst relativ spät auf Änderungen der Ruderlage. Nach einer Stunde harter Arbeit bin ich ermattet und übergebe das Ruder an den seglerisch unbedarften und der deutschen Sprache nicht mächtigen Alain, mit den Worten: »Steer a mean course of 330° at the compass, do not leave the track and try to hold zero rudder position.« Alain, der weniger geübt ist als die anderen, kann den Kurs nicht halten, und auch ich kann ihn nicht immer beaufsichtigen wie ein Kind. Immer höhere Wellenberge lassen das Schiff alsbald aus dem Ruder laufen, und dann kommt sie, die unvermeidliche Patenthalse! Mit einem Krachen fliegt der Großbaum auf die andere Seite, eine Leiste wird herausgerissen. Walter und ich müssen nach vorne, um den Schaden zu reparieren. Jener war einst selbst Schiffseigner, erlebte allerdings das Malheur, im Sturme durchzukentern. Dabei büßte er sein Schiff ein, doch haben er und seine Frau den Seeunfall überlebt. Die Versicherung hat den Schaden jedoch nicht übernommen, weil Walter gegen die Vorschrift verstieß, das Schiff mit mindestens drei Personen zu bemannen. Jahrelang hatte er auf diese Anschaffung gespart und alles verloren, geblieben ist ihm lediglich das nackte Leben und das seiner Frau. Auf Halbwindkurs nähern wir uns schließlich Kap Horn, auf etwa 57° südlicher Breite, der Luftdruck ist immer noch stark im Ansteigen. Nach unserer Nachtschicht, zwischen 20 bis 22 Uhr, lege ich mich aufs Ohr, in der Hoffnung, daß wir unser Ziel erreicht haben werden, wenn ich aufwache.

Es soll jedoch ganz anders kommen. An den Bewegungen des Schiffes merke ich, daß der Wind an Stärke zugenommen hat, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Das Ende der Drake-Straße ist erreicht. Innerhalb von einer Stunde dreht der Wind von Nord auf West und frischt gewaltig auf. Das Barometer fällt beinahe senkrecht und gibt Warntöne von sich. Plötzlich Wassereinbruch! Durch das Kajütenfenster dringt Seewasser ein, überschüttet mich, einem wahren Sturzbach gleich. Mein Schlafsack, mein Bett, alle meine Sachen sind auf einen Schlag durchnäßt. Vergeblich versuche ich in der dunklen Kammer das Licht anzumachen, finde es lange Zeit nicht, und als ich die Hand dann doch irgendwann auf dem Schalter habe, funktioniert es nicht. Im dunkeln tappe ich nach meiner Hose, zwänge mich in meine feuchten Gummistiefel, lege hastig die Schwimmweste an und stürze hinaus. Unbeherrscht fahre ich meine Mitsegler an: »Was macht ihr Idioten da?« In der  Offiziersmesse sitzt Christian, ganz alleine, über einer Karte brütend. Seine kappe Antwort lautet, völlig apathisch: »Hier segelt schon lange keiner mehr.« Ohne weiter zu fragen, klettere ich hinauf ins Cockpit und melde Jochen den Schaden. »Sind die Luken dicht?« meint dieser. »Ja, natürlich!« lautet meine Antwort. Jochen will sich persönlich davon überzeugen. Schnell ist die Ursache gefunden: nur einer der beiden Verschlüsse war wirklich fest genug angezogen, der andere nur lose befestigt, und diese war auch der Grund, warum beim Eintauchen Wasser hereinkam. Ich entschuldige mich, nehme alles zurück, die Nerven reagieren entspannter. Dann gibt es erneut Grund zur Besorgnis. Eine der beiden Maschinen arbeitet nicht, dichter und dichter gelangen wir unter Land. Die Situation gleicht der eines Legerwalls, doch wir können nichts dagegen tun. »Halte stärker Backbord«, meint Martin zu Helmut, der schon länger als zwei Stunden am Ruder steht. Er wolle das zu Ende bringen, meint Helmut auf mein Angebot, ihn abzulösen. Mühsam kämpft sich das Schiff durch die Wellen, der Wind hat mittlerweile Orkanstärke erreicht, wir messen Windstärken von acht bis zehn Beaufort, in Böen zwölf. Der Regen peitscht senkrecht übers Deck. Die Vorsegel wurden nicht richtig aufgezurrt; Jochen muß aufs Vorschiff, um die Laschen festzubändseln. Fast zu kippen droht der Wind das Schiff, Rudergehen wird zum reinsten Kraftakt. In dem peitschenden Regen versuchen wir uns in die kleine Caleta Martial zu retten, laufen dazu die Henschel-Insel an, wo wir den Anker ausbringen. Der Anker ruckt kurz ein und er hält, schon beim ersten Versuch. Auch wenn der Wind weiterhin über unsere Köpfe hinwegfegt, hier liegen wir erst einmal sicher, auf gutem Ankergrund. Während wir erbarmungslos hin und her geworfen werden, sich einige von uns einen Scherz daraus machen, den »Wind« zu fotografieren, rieche ich plötzlich Brandgeruch. Martin ist an Deck eingeschlafen; als ich ihn wecke und ihm den Vorfall melde, springt er panikartig auf, reißt den Feuerlöscher heraus und sieht nach dem Brandherd. Seit zwei Stunden schon warte ich darauf, daß endlich die Heizung repariert wird, denn alle meine Sachen sind immer noch klatschnaß und können nicht trocknen; dem Skipper aber sind andere Dinge wichtiger, die Heizung interessiert ihn nur am Rande. Wie es der Zufall will, stellt sich aber genau die defekte Heizung als die Ursache des Kabelbrandes heraus. Da unser Schicksal unbestimmt und die Lage gefährlich ist, müssen wir Ankerwache gehen. Jeder Törnteilnehmer muß jeweils für die Dauer einer Dreiviertelstunde die Position des Schiffes auf dem GPS verfolgen und jede Änderung sofort dem Schiffsführer melden. Draußen tobt das Meer. Weiße Gischt hält die blaue Farbe des Wassers unter einem Mantel aus Schaum verborgen. Horizontal schießt das Wasser pfeilschnell über die kurzen Wellen, als könnte es diese noch einholen. Nie zuvor habe ich einen solchen Sturm erlebt, er übersteigt nahezu alles, was man an Vorstellungskraft aufbieten kann. Der Wind zerfetzt alles, was nicht niet- und nagelfest ist, zerrt an unserem Schiff und läßt die Ankerkette in kurzen Abständen erzittern, im Gleichtakt zum Schlagen der Wanten. In unserem Windschatten hat schwimmend eine Möwe Zuflucht gesucht. Unsere Wasservorräte sind mittlerweile so knapp, daß uns vom Skipper das Duschen untersagt wird. Auch bei stärksten Winden bleibt das Schiff aber fest in seiner Verankerung. Meine Ankerwache, die sich über Mitternacht erstreckt, währt nur eine dreiviertel Stunde. Anschließend wecke ich Bernard und ziehe mich dann in meine nasse Koje zurück, die Kleidung lege ich gar nicht erst ab. Durch die viele Feuchtigkeit hat sich reichlich Kondenswasser angesammelt, nichts ist merklich getrocknet, weil die Luken nicht geöffnet werden konnten. Am nächsten Morgen komme ich wie immer gut ausgeruht als erster aus den Federn hervor, meine Mitsegler hingegen brauchen alle deutlich mehr Schlaf. Der Wind hat jetzt wie vorhergesagt deutlich nachgelassen, erreicht aber in Böen immer noch mehr als vierzig Knoten.

An unserem vorletzten Segeltag zeigt sich sogar ein wenig die Sonne. Ich habe mit dem Skipper abgesprochen, daß ich heute gerne ans Ruder gehen würde, und er stimmt zu. Nur mit der Fock getakelt, segeln wir durch den Bravo-Kanal zwischen der Freycinet- und der Wollaston-Insel hindurch, um Kap Scourfield herum und dann über die Bahia Hartley bis Middle Island, wo wir auf Kurs 350° gehen, um anschließend die Bahia Nassau zu überqueren. Unser Ziel ist die Meeresstraße Paso Goree zwischen der Insel Navarino und der Insel Lennox, wo wir vor drei Wochen unseren Ausgang nahmen. Hier, am schrecklichsten Ende der Welt, ragen bizarre Bergspitzen hoch in den Himmel, ihrer Geologie nach ganz den Gipfeln auf Feuerland ähnlich, mit grünem Bewuchs bis in die Gipfelregionen. Die Bäume dieser Gegend haben eine ganz eigenartige Form entwickelt, unter dem Einfluß des stets vorherrschenden westlichen Windes demütig nach Osten gebeugt, von einseitig krummem Wuchs. Das Meer scheint heute Frieden mit uns geschlossen zu haben, nur mit einem nicht. Als ich am Navigationstisch sitzend mir den Weg in den Karten abstecke, kommt plötzlich hinter mir wie ein Geschoß Bernard im Sturzflug vorbeigeflogen und donnert gegen die Achtertüre, wobei er sich ernste Verletzungen zuzieht. Ungeübte rechnen oft nicht damit, wie sich die Schiffsbewegung auf ihr Gleichgewicht auswirken kann, so auch Bernard. Wir müssen ihn in seine Koje legen und können ihm, außer daß ihm wir ihm ein Schmerzmittel verabreichen, nicht weiter helfen. Er hatte sich während der gesamten Reise schlecht benommen, dennoch tut er mir in diesem Moment leid. Noch wagt keiner unserer Ärzte an Bord eine Diagnose zu stellen, aber er wird sich etwas gebrochen haben. Auf eigenen Wunsch möchte er so schnell wie möglich in ein Krankenhaus gebracht werden.

In der Bahia Nassau geht es noch einmal richtig zur Sache. Meterhohe Wellen müssen abgeritten werden, die Brecher schwappen übers Deck, so daß ich gezwungen bin, ein letztes Mal in mein Ölzeug zu schlüpfen. Am Achterdeck sitzend, genießen wir noch einmal die Urgewalten der See, und wir geraten darüber in Hochstimmung, die uns bis zum Einlaufen begleitet. Am 2. Februar 2007 legt die Santa Maria Australis unter dem Jubel der Menge im Hafen von Puerto Williams an, wo sie vor drei Wochen ihren Ausgang nahm. Gut ein Dutzend Delphine haben uns auf dem Beagle-Kanal ein letztes ehrenvolles Geleit gegeben. Bei schwachen Winden setzen wir wie bei einem Triumphzug sämtliche Segel, gleiten bei voll ausgereffter Takelage unter den majestätischen Bergen Feuerlands sanft durchs Wasser, was wir in den vergangenen drei Wochen nicht ein einziges Mal erlebt haben. Zu stark waren stets die Winde, als daß es uns gestattet gewesen wäre, mehr als ein Vorsegel und ein gerefftes Groß aufzuziehen. Abends in der Bar sprechen wir alle dem Alkohol zu, feiern unsere glorreiche Rückkehr. Das sündhaft teure Elexier, welches man hier in sich hineinschüttet, nennt sich Pisco Sour, gemixt aus Zitronensaft und einem traubenhaltigen Weinbrand. An der Bar begrüßt uns ein britischer Forscher, den dieser Trunk schon halb um den Verstand gebracht zu haben scheint, behauptet er doch felsenfest, daß das, was wir ihm als mit eigenen Augen gesehen berichten, nicht stimme, denn die Eisschilde der Antarktis seien stabil. Ich halte ihn dieser korrupten Aussage wegen für einen von jenen, die sich sehenden Auges an ihren Meßergebnissen ergötzen, anstatt zu warnen, und die deshalb die Schuld trifft, daß dieses erfrorene Paradies nun für immer verlorengeht.

Und als wir am nächsten Tag in Ushuaia einlaufen, dünkt es uns ein Wunder, daß wir diese abenteuerliche Fahrt ohne größere Zwischenfälle unbeschadet überstanden haben. Gewiß, es gab Probleme! Eines jedoch hat sich uns ganz tief eingeprägt: die endlosen Weiten der Drake, die eisbedeckten Berggestalten der antarktischen Halbinsel mit ihren kalbenden Gletschern, die tosenden, alles zerfetzenden Winde, das kältestarrende Eis, die einzigartige Klarheit der Luft, aber auch der charakteristische, von den Pinguinkolonien ausgehende Geruch, die donnernden Eisbrüche und die Enge des mit Treibeis gefüllten Lemaire-Kanals, die spiegelglatte See des Paradise Harbour und die Herzlichkeit der Menschen in den Antarktisstationen. Die Schätze, die wir wie von einem Eroberungsfeldzug heimkehrend mit uns führen, sind nicht greifbar, sie glänzen in unseren Herzen, es sind Reichtümer von unschätzbarem Wert, die niemand rauben, an denen niemand sich vergreifen kann. Als wir am Vorabend unserer Abreise das Abschiedsessen einnehmen, steht der alles erhellende Mond in voller Pracht über den gespenstischen Bergspitzen, und über uns leuchtet das Kreuz des Südens. Am nächsten Morgen liegt frischer Schnee auf den Bergen Ushuaias, die Sonne geht gerade auf und alles erstrahlt wie in Gold getaucht in jenem einzigartigen patagonischen Lichte wie zu einem fröhlichen Farbenzauber.

 
     
 

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