Berry
 

Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 2015
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Berry
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Landschaft in Mittelfrankreich

Entspricht in großen Zügen der civitas der Bituriges, Cubi (Vorort Avaricum, das heutige Bourges). Bis zum 9. Jahrhundert teilte es als Bestandteil von Aquitanien dessen Geschichte und gehörte zunächst zum westgotischen Reich, nach 507 zum Frankenreich. Doch siedelten sich wenige Germanen in Berry an; die Bevölkerung des (dünnbesiedelten) Gebietes war gallorömisch. In den ersten Jahren des 8. Jahrhunderts wurde es infolge der Abspaltung Aquitaniens zum Schauplatz von fränkischen Vergeltungszügen, in deren Verlauf es verwüstet wurde. Seit 768 erneut unter fränkischer Kontrolle, gehörte es zum karolingischen regnum Aquitanien und stand im Zentrum der Auseinandersetzungen zwischen KARL DEM KAHLEN und Pippin II. von Aquitanien. Nachdem es zu mehreren kurzlebigen Herrschaftsbildungen gehört hatte, fiel es schließlich an Bernhard Plantapolisa und seinen Sohn Wilhelm I. den Frommen von Aquitanien, die neben anderen Titeln auch den des Grafen von Bourges führten. Doch verschwindet dieser Grafentitel mit der Familie um 920. Die Region, die wenig von den Invasionen des 9. Jahrhunderts betroffen wurde und eine einheitliche Diözesanorganisation besaß, verlor auf weltlichem Gebiet ihre Einheit. Im Süden gründeten frühere fidelis Wilhelms des Frommen weiträumige Fürstentümer (Bourbon, Deols-Chateauroux). Aus dem ersteren Fürstentum (mit den Herrschaften Montlucon, Herisson und Huriel sowie der Abtei Souvigny) entstand später das Bourbonnais. Das zweite Fürstentum, dem nochmals die Herrschaften Argenton, Boussac, Chateraumeillant, La Chatre und Issoudun unterstanden, wurde von den Grafen von Poitiers, den neuen Herzögen von Aquitanien, lehnsabhängig, ebenso wie die vicomites von Brosse im Südosten. Der ganze Nordosten der Region, das Haut-Berry, war in etwa 10 kleine Kastellaneien zersplittert. Die meisten von ihnen traten im 10. oder aber im 12. Jahrhundert in die Vasallität der Grafen von Blois-Champagne ein, entweder über ihre Lehnsbindung an den Herren von Vierzon (Vierzon, Mennetou) oder an den Herren von St-Aignan (St-Aignan, Vatan), Mehun-sur-Yevre (Mehun, Selles-sur-Cher) oder aber an den Grafen von Sancerre und seine Vasallen, die Sires von Sully und Montfaucon. Zwei andere Herrschaften, Gracay und Buzancais, kamen in die Vasallität der Grafen von Anjou.
So läßt sich das aquitanische Bas-Berry vom Haut-Berry, das auf den nordfranzösischen Herrschaftsbereich orientiert war, scheiden, während des Bourbonnais sich ablöste und ein weitgehend autonomes Leben führte. Die KAPETINGER setzten sich im 11. Jahrhundert im Zentrum des Berry fest (Bourges, Dun), doch blieb ihr Einfluß im 12. Jahrhundert schwach.
Im 11.-12. Jahrhundert entwickelten sich Feudalherrschaft, Bevölkerungswachstum und Landesausbau ähnlich wie in anderen französischen Regionen. Das Erzbistum öffnete sich frühzeitig der Gottesfriedensbewegung und der gregorianischen Refeorm und wurde von diesen Bewegungen tief beeinflußt. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts verschwand das Laienpatronat der Pfarrkirchen, wovon jedoch nicht der Erzbischof von Bourges, sondern die Benediktinerabteien und das bis zu einem gewissen Grad auch Augustinerchorherren, die allerdings häufig ihre Pfarreien vernachlässigten, profitierten. Für das 12. Jahrhundert sind außerdem zahlreiche Eremiten bezeugt, deren Gründungen jedoch rasch unter den Einfluß der neuen Orden (Zisterzienser, Komgregation von Fontevrault, Grammontenser) gerieten.
Seit 1150 versuchten sowohl der KAPETINGER Ludwig VII. als auch der PLANTAGENET Heinrich II., der durch seine Heirat Herzog von Aquitanien geworden war, die örtlichen Herren unter Kontrolle zu bringen, ohne dass Ludwig VII. (außer dem Kauf von Aubigny 1178) größere Erfolge erzielte. Nachdem sich Philipp II. August, König von Frankreich, durch den Vertrag von Le Goulet (1200) die Herrschaftsrechte des englischen Königs Johann Ohneland über das Bas-Berry gesichert hatte, wurde er zum Herren der gesamten Region. Eine zielbewußte königliche Politik (Errichtung von Burgen, enge Bindung der Kastellaneien an die königliche Gewalt - besonders anläßlich der Schlichtung von Erbauseinandersetzungen, juristische Kontrolle durch den königlichen Gerichsthof, später durch das Parlament; Einsetzung eines bailli um 1190, der sich unter Ludwig VIII. in Bourges etablierte) machte aus dem Berry eine königliche terra, die nun Paris zugewandt war und sich vollständig von Aquitanien löste. Ludwig der Heilige vollendete Philipps Werk, indem er die Rechte der Grafen von Blois-Champagne auf das Haut-Berry ablöste (1234) und aus dem Grafen von Sancerre seinen unmittelbaren Vasallen machte; später (1240) ließ er sich von seiner Mutter Blanka von Kastilien die Kastellanei Issodun übertragen, welche diese von ihrem Onkel Johann Ohneland, König von England, erhalten hatte; schließlich unterstellte er die Festunng Chatillon-sur-Indre der Krone (1249). Vom 13. Jahrhundert an erhielt die Region ihre Impulse von der königlichen Regierung, wenn auch das Bas-Berry der Apanage von Alfons von Poitiers (+ 1271) zugeschlagen wurde und die Herrschaft Mehun-sur-Yevre an das Haus ARTOIS überging.
Im 14. Jahrhundert und in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden die ländlichen Gebiete des Berry durch plündernde Söldnerbanden, mehr noch als durch die regulären französischen und englischen Armeen, verwüstet. Von diesen Verheerungen erholte sich das flache Land erst nach 1450. Die Städte, allen voran Bourges, profitierten von der Einrichtung von Höfen in der Region. Zu nennen ist zunächst der Hof des Herzogs Johann (Jean de Berry) seit 1360, der das Berry als Apanage innehatte und prachtvolle Residenzen (Bourges, Mehun-sur-Yevre, Concrressault, Genouilly) und Kirchen (Ste-Chapelle in Bourges) errichten ließ. Doch interessierte sich der Herzog insgesamt mehr für das Poitou und für die Regierung des Languedoc als für das Berry. Nach 1422 entstand infolge der englischen Besetzung weiter Teile Frankreichs das "royaume de Bourges". Wenn auch der Königshof in dieser Periode keine feste Residenz besaß, so wurden doch mehrere Institutionen der Verwaltung (Kanzlei, königlicher Rat, Rechnungshof) fest in Bourges etabliert. Am Ende der Regierung Karls VII. erlebten das Berry und sein Zentrum Bourges ihre größte Wirtschaftsblüte, die durch den Namen Jacques Coeur symbolisiert wird. Auch die Agrargebiete profitierten von diesem Wohlstand, wie die Errichtung zahlreicher Schlösser und Kirchen zeigt. - Die Landwirtschaft im Berry war stark von Naturalwirtschaft, die nur örtlichen Güteraustausch erlaubte, geprägt. In der Champagne berrichonne wurde vorwiegend Weizen, in den sandigen Gegenden (Sologne, Brenne) Roggen angebaut. Die sonnigen Hügel waren mit Wein bepflanzt.



 
 
 
 
 


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