Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 1427
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Bar (Bar-le-Duc)
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Grafschaft, seit 1354 Herzogtum, am Oberlauf der Maas.
Die pagi, aus denen sich später die Grafschaft bildete,
standen seit ca. 959 unter der Herrschaft der Herzöge von (Ober-)Lothringen.
Die Burg Barrum-Ducis (Bar-Le-Duc) am Ornain wurde um 960 von Herzog
Friedrich I. im Grenzgebiet von Lothringen und Champagne errichtet. Die
im Verlauf des 10. Jahrhunderts von den Herzögen erworbenen Grundlagen
der Territorialherrschaft fielen nach dem Tode Herzog Friedrichs II. (1033)
nicht an das neue Herzogshaus, sondern verblieben im Besitz von Friedrichs
Töchtern. Sophie (+ ca. 1092 oo Ludwig, Graf von Mousson)
wird allgemein als erste Gräfin von Bar genannt, obwohl sie
diesen Titel nicht geführt hat. Das reiche Erbe ließ die Grafen
von Bar zu ebenbürtigen Rivalen der Herzöge von Lothringen
werden, die nur über eine sehr schmale Basis ihrer Fürstenwürde
verfügten. Als Zentren der gräflichen Macht sind zu nennen: Bar-le-Duc,
Gondrecourt, St-Mihiel (Vogtei), Amance (nach dem sich die Grafen gelegentlich
nannten), Mousson an der Mosel (auch nach dieser Burg benannten
sich die Grafen sehr oft) und schließlich sehr ausgedehnter Besitz
um Brie mit Thionville, das später aber an Luxemburg überging.
Das politische Geschick von Barwurde zum einen
durch die Rivalität zu den Herzögen von Lothringen bestimmt und
zum anderen durch die exponierte Grenzlage. Als die Champagne 1284 in die
Hand des Königs von Frankreich überging, kam es bald zum Konflikt
unter anderem wegen der Schirmherrschaft über Beaulieu. Graf Heinrich
III. verbündete sich mit König Eduard
I. und fungierte als Vikar ADOLFS VON
NASSAU im Grenzgebiet Lothringens.
Nach der Beendigung des Krieges zwischen Eduard
und Philipp dem Schönen mussten
sich der Graf in Brügge unterwerfen (1301), er trug seine Besitzungen
links der Maas dem König von Frankreich zu Lehen auf (Nouvelle Reprise,
später Barrois mouvant). Seit dieser Zeit orientierten die Grafen
ihre Politik nach den Vorstellungen Frankreichs.
Durch die Minderjährigkeit des Grafen Eduard
I. geriet die Grafschaft in eine schwierige Periode; der französische
Einfluss verstärkte sich weiter. Der junge Graf (+ 1337 als Kreuzfahrer
auf Zypern) wurde am französischen Hof erzogen und 1320 mit Maria
von Burgund verheiratet; er nahm unter anderem an der Hochzeit
Karls IV. teil. 1328 kämpfte Eduard
in der Schlacht bei Cassel. Der frühverstorbene
Heinrich IV. (1337-1344;
oo Yolande von Flandern) hinterließ zwei Söhne, von denen
Eduard II. bald verstarb; die Grafenwürde fiel an Robert
I. (+ 1411).
Yolande, die mehr als 10 Jahre die Regentschaft
innehatte, führte eine äußerst expansive und kriegerische
Politik. KARL IV. fasste am 13. März
1354 (dem Tag der Erhebung Luxemburgs zum Herzogtum) die beim Imperium
verbliebenen Teile der Gesamtgrafschaft zur Markgrafschaft Pont-a-Mousson
zusammen, wodurch die Grafen von Bar (als
Herren der Stadt Pont-a-Mousson) zu Reichsfürsten wurden. Diese Maßnahme
änderte allerdings nichts an der auf Frankreich orientierten Politik
der Grafen von Bar. Noch im Jahre 1354 nahm
Yolande für ihren Sohn den Herzogstitel an, womit dieser einem
Pair von Frankreich gleichgestellt wurde. Herzog Robert "le Magnifique"
regierte nach einigen von Kriegswirren erfüllten Jahren sein Herzogtum
in fähiger und geschickter Weise. Durch den Tod seines ältesten
Sohnes Eduard III. in der Schlacht bei Azincourt (1415) fiel das
Herzogtum an
Ludwig, Bischof von Verdun, genannt "le cardinal
de Bar" (+ 1420). Er adoptierte seinen Großneffen
Rene
d'Anjou (oo 1420 Elisabeth von Lothringen),
was 1420 zur Vereinigung Barsmit Lothringen
führte. Das
Herzogtum Bar ging nach mehrjähriger
Beschlagnahme durch König Ludwig XI. an
Renes Großenkel,
Rene II.,
über.
Die territoriale Entwicklung des Herzogtums
Bar vollzog sich entlang der Maas von Bassigny im Süden bis
Stenay im Norden und erfasste das Gebiet zwischen Argonnen und Mosel, die
Woevre und das Gebiet nördlich Toul. Mit günstigeren ökonomischen
Grundlagen ausgestattet als das Herzogtum Lothringen, wurde das Herzogtum
Bar von bedeutenden Handelsstraßen durchzogen. Es war in Verfassung,
Sprache und Kultur stets mehr Frankreich als dem Imperium zugewandt, mit
dem es nominell verbunden war.