Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 1090
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Burgund, Freigrafschaft
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Die Entstehung der Freigrafschaft (Franche-Comte) Burgund
(diese Bezeichnung ist erst seit dem 14. Jh. belegt), später auch
„comte de Bourgogne d’Outre-Saone“ (Grafschaft von Burgund jenseits [das
heißt links] der Saone) genannt, geht auf die Machtstellung zurück,
die sich im N des Königreiches der RUDOLFINGER
der zweite Sohn Richards des Justitiars, Hugo der Schwarze (914-952),
geschaffen hatte. Noch zu dessen Lebzeiten hat dann Letald, der
Sohn des Grafen Alberich von Macon, begonnen, sich in dieser Region
festzusetzen, ebenso sein Bruder Humbert, erster bekannter Herr
von Salins. Die Grafschaften Amous, Portois, Varais und Escuens fielen
an Letald (952-965); nach dem Tod seines zweiten Sohnes Alberich
(Aubry) II. gelangte die Freigrafschaft Burgund an seine Enkelin (?)
Gerberga
und danach an Ott-Wilhelm (+ 1027), den Sohn der Gerberga
und des Adalbert von Ivrea. Als Nachkommen
Ott-Wilhelms
regierten nacheinander Rainald I. (1027-1057),
Wilhelm der Große
(1057-1087) und Rainald II.; die Fürsten erkannten die
Oberhoheit des deutschen Könige aus dem Haus der
SALIER an. Die Heirat Rainalds II. mit Regina von
Oltingen hatte ein Ausgreifen in das Gebiet östlich des Jura zur
Folge; doch wurde diese Expansion nach der Ermordung
Wilhelms des Deutschen
(1126) und Wilhelm III. (1127), des Sohnes bzw.Enkel Rainalds
II., unterbrochen; die ZÄHRINGER gewannen in diesem Gebiet die
Oberhand.
Ei anderer Zweig der Familie, der auf Stephan I.,
einen anderen Sohn Wilhelms des Großen, zurückging, besaß
die Grafschaften zwischen Saone und Jura. Beatrix,
die Tochter Rainalds III. (1127-1148), brachte sie in ihre Ehe mit
FRIEDRICH
BARBAROSSA ein, welcher die Grafschaft seinem Sohn Otto
I. (1190-1208) übertrug, dem mit dem Titel "Pfalzgraf von
Burgund (comes palatinus de Burgundia)" sein Schwager Otto II., Graf
von Andechs und Herzog von Meranien, und dessen Sohn Otto III. (1231-1248)
nachfolgten.
Daneben führte eine jüngere Linie, die
von Wilhelm, dem Bruder Rainalds III., abstammte, den Titel
"Graf von Burgund":
Etienne (Stephan) II. und Etienne III.
besaßen als hauptsächliches Herrschaftszentrum die Festung Auxonne.
Doch trat der Sohn von Etienne III., Jean (Johann) im Jahre 1237
Auxonne und die (durch Heirat erworbene Grafschaft Chalon an den Herzog
von Burgund ab und erhielt im Austausch dafür die Terra Salins (mit
reicher Saline), die zum Ausgangspunkt für die Bildung eines bedeutenden
Territoriums wurde, in deren Verlauf der Regionaladel gezwungen wurde,
den Grafen als Oberherrn anzuerkennen. Dies setzte Johann in die
Lage, seinen ältesten Sohn, Hugues (Hugo) von Chalon, mit
Beatrix, Tochter Ottos III. und Witwe Philipps von Savoyen,
zu verheiraten: Otto IV., Pfalzgraf und Herr von Salins 1279-1295,
war der Enkel des Jean de Chalon.
Auf die Nachkommen des zweimal wiederverheirateten Otto
IV. gehen die beiden Linien Chalon-Arlay und Chalon-Auxerre
zurück. Sie konkurrierten miteinander sowie mit der pfalzgräflichen
Hauptlinie; an diesen Machtkämpfen beteiligte sich auch eine weitere
Nebenlinie des gräflichen Hauses, deren ältestes Mitglied den
Titel "Graf von Vienne" führte.
Jean de Chalon-Arlay trat, gegen Pfalzgraf
Otto IV., als Parteigänger RUDOLFS VON
HABSBURG auf, der ihm seine Herrschaftsrechte über die
Reichsstadt Besancon, das Münzrecht und den Zoll am Col de Jougne
abtrat. Otto, der enge Beziehungen mit Robert
II., Herzog von Burgund, unterhielt, entschloß sich dagegen,
seine Grafschaftsrechte in Burgund an Philipp
IV., König von Frankreich, abzutreten; dieser übertrug
sie seinem zweiten Sohn Philipp, der
Ottos Tochter Jeanne heiratete.
Der Graf von Burgund hatte seine Macht am Anfang des
11. Jh. auf den nördlichen Teil der Grafschaft Atuyer im W der Saone
ausgedehnt. Doch gelang es ihm nicht, den Elsgau (Ajoie) um Montbeliard
(Mömpelgard) zu erwerben. Die Herzöge von Burgund erweiterten
demgegenüber im Lauf des 13. Jh. den Bereich ihrer Lehnshoheit, die
sich nun auch über einen beträchtlichen Teil der gräflich-burgundischen
Besitzungen erstreckte. Die Erzbischöfe von Besancon, besonders Hugo
von Salins (1031-1066) und seine Nachfolger, hatten ihrerseits die Stadtherrschaft
über Besancon gefestigt; es gelang den Grafen nicht, sie aus dieser
Position zu verdrängen. Daneben bedrohte ein mächtiger Adel zunehmend
die Position der Grafen.
Bedeutende Besitzungen der Grafen waren: Dole,
dessen Burg von
FRIEDRICH BARBAROSSA
neuerrichtet wurde; Gray, für das Otto IV. die Errichtung einer
Universität plante; Vesoul, Arbois und Pioligny. Neben den landwirtschaftlich
genutzten Gütern war das einträglichste Besitztum der Grafen
die Saline von Salins, deren Förderung unter Jean de Chalon reaktiviert
worden war und deren Erträge bald diejenigen der Salinen von Grozon
und Lonsle-Saunier in den Schatten stellten. Der König von Frankreich,
der in den Jahren 1295-1301 den Widerstand des Adels in der Grafschaft
brach, setzte das Werk der grundherrlichen und administrativen Reorganisation
fort; die Grafschaft wurde in zwei bailliages aufgeteilt: Amont
und Aval; einer dieser beiden Gerichtsbezirke dürfte dem Wittum der
Gräfin
Mahaut d'Artois, Witwe des Grafen Otto (+ 1303), entsprechen.
König Philipp V. überließ
die Grafschaft seiner Tochter Jeanne (Johanna),
die sie ihrem Gemahl Odo IV., Herzog von Burgund, in die Ehe einbrachte
(1330). Dieser hatte mit Aufständen des Lehnsadels in der Grafschaft
zu kämpfen, an deren Spitze sich das Haus CHALON-ARLAY gestellt
hatte, ebenso mit Widerständen von seiten des Erzbischofs. Sein Enkel
Philippe
de Rouvres folgte ihm als Graf; nach seinem Tod (1361) kam die Grafschaft
an eine andere Tochter König Philipps,
Margarete von Frankreich, die Mutter
des Grafen von Flandern, Ludwig von Maele, dem sie
Philipp der Kühne, Herzog von Burgund, allerdings nur kurze
Zeit, bestritt. Durch seine Heirat mit der Tochter von Ludwig, Margarete
von Flandern, konnte sich Philipp dann
den Besitz der Grafschaft endgültig sichern. Die Freigrafschaft Burgund
war bis 1493 mit dem Herzogtum Burgund vereinigt; dann verblieb sie, im
Unterschied zum Herzogtum, beim Haus HABSBURG
(bis zur "Reunion" mit Frankreich 1674-1678).