Troyes
 

Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 1065
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Troyes
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Stadt, Bistum und ehemalige Grafschaft in der südöstlichen Champagne (Hauptstadt des dep. Aube), am linken Ufer der Seine

[1] Spätantike und königliches Lehen des Frühmittelalters

Troyes geht zurück auf den Vorort der gallorömischen Civitas der Tricasses und hieß seit augusteischer Zeit Augustobona Tricassium. Das Christentum trat seit dem beginnenden 4. Jh. in Erscheinung: Verherung des (bei Gregor von Tours erwähnten) hl. Märtyrers Patroklus; erster Bischof der hl. Amator (um 300). Die Zugehörigkeit der Civitas von Troyes zur Provinz Sens ist durch die NotitiaGalliarum (frühes 5. Jh.) bezeugt. Hohe Verehrung genossen der hl. Frodebert (+ um 673), der vom Mönchtum von Luxeuil geprägte Gründer und Abt des Klosters Moutiers-la-Celle, dann der bedeutende Bischof und karolingische Kirchenpolitiker Prudentius Galindo ca. 846-861)

[2] Politische Entwicklung im Früh- und Hochmittelalter

Bei Gregor von Tours wird bereits die Zugehörigkeit der Civitas von Troyes zur 'Campania' (merowingischer Dukat, seit 10. Jh. Entwicklung zur Grafschaft Champagne) erwähnt. Seit der frühen MEROWINGER-Zeit (König Guntram, 567) gehörte Troyes (im Unterschied zum nördlichen Teil der späteren Champagne) jedoch dem Verband des großen frankoburgundischen Regnums mit Sitz in Chalon-sur-Saone an. Die Diözese von Troyes war in der ausgehenden MEROWINGER-Zeit mehrfach Spielball der Machtkämpfe zwischen Zentralgewalt und Aristokratie: Der Hausmeier Ebroin (657-680/81) trat Troyes an den Dux der Champagne, Waimar, ab, mit dem er zweitweilig gegen die frankoburgundische Adelsopposition (Leodgar) verbündet war. Auch fungierte Troyes bei der Reichsteilung von 741 (Söhne Karl Martells) wohl als südlicher Teil des Dukats, der für den (schließlich aber ausgeschalteten) Grifo vorgesehen war. In der KAROLINGER-Zeit wird dagegen auf einen Champagne-Dukat nicht mehr rekurriert; seit dem frühen 9. Jh. tritt Troyes dafür als Sitz eines karolingischen Grafen hervor.
Wichtig als Vorstufe zur Bildung der Grafschaft Champagne als feudales Fürstentum war die Herauslösung der Grafschaft Troyes aus dem Verbund des entstehenden Herzogtums Burgund: Der zweite Sohn Heriberts II. von 'Vermandois', Robert, bereits Graf von Meaux, gewann die Grafschaft Troyes durch Heirat mit einer Tochter des burgundischen 'ptrinceps' Giselbert von Vergy (950) hinzu. Die Grafschaft, von der mehrere Pagi abhingen, kam so in den Besitz des in der nördlichen Francia eine Schlüsselstellung einnehmenden Fürstenhauses von 'VERMANDOIS' (Heribert III., + 980/84), sodann an das mit ihm verschwägerte große Fürstenhaus von BLOIS, das allerdings lange, bis ins frühe 12. Jh., stärker auf seine westfranzösischen Territorien (Loiregebiet, Chartres; anglonormannisches England: Konkurrenz mit den ANJOU-PLANTEGENET) orientiert war. In Troyes, das im 10. Jh. unter Einfällen der Normannen litt, ist im späten 10. Jh. ein Vicecomes bezeugt. Im 12. Jh. gingen einige stadtherrliche Rechte an den Bischof über.

[3] Im Zeitalter der Champagnemessen

Im 11. und 12. Jh. vollzog sich in Troyes, dank der günstigen Lage der Stadt am Kreuzzungsspunkt wichtiger Verkehrswege, die städtische Entwicklung (1180 als Kommune genannt). Dem Aufstieg zur fürstlichen Residenz und zum Standort einer der größten Champagnemessen ging seit der KAROLINGER-Zeit ein Markt voraus, der in Verbindung mit der Handelstätigkeit der Familia, der großen Abtei St-Germain-des-Pres (Paris) stand und im 10. Jh. von den Einwohnern von Sens periodisch besucht wurde. Wie in den anderen großen Messestädten der Champagne waren es die Grafen, die durch ihre gezielte Förderungs- und Schutzmaßnahmen starken Anteil am Aufschwung der Messen hatten. Bereits unter Tedbald/Thibaud IV. (II.) (+ 1152) vollzog sich die Hinwendung des Hauses BLOIS zu den ertragreichen östlichen Territorien. Der älteste Sohn, Heinrich I. 'der Freigebige' (1152-1181), erbte die ihm als reichstes Territorium vorbehaltene Champagne mit der Hauptstadt Troyes, die er zur fürstlichen Hofhaltung ausbaute und in der seine Gemahlin Marie de Champagne (+ 1198), Tochter König Ludwigs VII. und der Gräfin Eleonore, durch ihr weit ausstrahlendes literarisches Mäzenatentum zum Aufblühen der höfischen Kultur und Gesellschaft in epochaler Weise beitrug.