Sancerre
 

Schwennicke, Detlef: Europäische Stammtafeln. Stammtafeln zur Geschichte der Europäischen Staaten. Neue Folge Band III Teilband 1, Herzogs- und Grafenhäuser des Heiligen Römischen Reiches und andere europäische Fürstenhäuser, Verlag von J.A. Stargardt Marburg 1984 Tafel 112 -
 

Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 1348
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Sancerre
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Grafschaft und kleine Stadt in Mittelfrankreich, nordöstlich Berry, nahe der Loire, entstanden aus der kleinen Seigneurie von Chateaugordon, die vom Erzbischof von Bourges lehensabhängig war und auf eine 957 erwähnte ‚vicaria‘ zurückging. 1030 kam die Herrschaft durch Heirat an Odo II. von Blois-Champagne und seine Nachkommen. 1152, nach dem Tode Tedbalds IV., erbte sie dessen 3. Sohn Stephan (Etienne). Statt nach Chateaugordon hieß die Herrschaft nun nach 'Sancerre' (Sancerum, Sincerum); dieses Toponym war eine volkstümliche Doublette für St-Satur, das am Fuß des Berghügels von Sancerre befindliche Sanktuarium, das mittlerweile von der erhöht gelegenen Stadt und Burg und Stadt Sancerre, die seit 1157 manchmal auch willkürlich 'Sacrum Cesaris' hieß, unterschieden wurde. Wegen der Zugehörigkeit Stephans zum großen Grafenhaus der BLOIS-CHAMPAGNE galt die Seigneurie Sancerre von nun an als Grafschaft. Stephan brach 1171 zum Kreuzzug auf, verweigerte sich im Heiligen Land einer Heirat mit Sibylle von Anjou, der Erbin des Königreiches Jerusalem, nahm nach seiner Rückehr an allen Konstellationen gegen den jungen König Philipp Augustus teil und starb 1191 in Akkon. Sein Sohn Wilhelm I. (Guillaume) verstarb nach der verlustreichen Schlacht von Adrianopel 1218 in byzantinsicher Gefangenschaft. Die Könige von Frankreich, die sich bereits fest in der Region um Sancerre etabliert hatten (Burgen Lere und Aubigny, Abbatiat/Schirmherrschaft über St-Martin de Tours, enge Verbindungen zum Hause SULLY, den wichtigsten Vasallen der Grafen von Sancerre), nutzten die Abwesenheit der Grafen sowie mehrere Minderjährigkeiten, um ihre Kontrolle über die Grafschaft Sancerre zu verstärken (königliche Garnision in Congressault, ab 1152 königliche Garde über das Regularkanonikerstift St-Satur). 1194 wurde der königliche Prevot von Bourges mit der Wahrung der Königsrechte beauftragt. 1234 kaufte der König von Frankreich die Rechte des Grafen von Champagne über seinen Vasallen, den Grafen von Sancerre, zurück. In der 2. Hälfte des 13. Jh. schaltete sich das Parlement de Paris ständig in die inneren Streitigkeiten der Grafschaft ein (Auseinandersetzungen der Grafen einerseits mit geistlichen Institutionen wie dem Kathedralkapitel von Bourges, St-Martin de Tours, St-Satur, der Grammontenserabtei Bois de Charnes, andererseits mit weltlichen Adligen wie dem handelstüchtigen Geoffroy de Vailly). Trotz ihres Grafentitels waren die Herren von Sancerre nur kleine Vasallen des Königs; der berühmteste Vertreter der Familie, der Connetable Louis de Sancerre (um 1340-1403), war nicht regierender Graf, sondern nachgeborener Sohn. Das champagnische Grafenhaus von SANCERRE erlosch mit Jean III. (1398); duerch Heirat fiel die Grafschaft an die DAUPHINS D'AUVERGNE, Berard II. und Berard III., der 1423 alle festen Plätze an den König abtrat. Nach dem Tode Berauds III. fiel die Grafschaft nach langem Prozeß vor dem Parlement, 1451 an den königlichen Heerführer Jean de Bueil (1405/06-1477), Autor des Romans "Le Jouvencel".