Navarra
 

STAMMTAFEL im Anhang Band IX des Lexikons des Mittelalters
 

Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 1058
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Navarra
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Ehemaliges Königreich im Bereich der westlicxhen Pyrenäen

I. DIE ANFÄNGE

Navarra war vom 9. Jh. bis 1512 unabhängiges Königreich. Häufige Grenzverschiebungen, eine heterogene Bevölkerungsstruktur und die Tatsache, dass es wiederholt von fremden Dynastien beherrscht wurde, machen die Besonderheiten der Geschichte dieses Reiches aus.
Um 830-850 unter Unigo Arista, dem 1. König von Navarra (oder vielmehr von Pamplona), entstanden, behauptete sich das Königreich (das in seinen Anfängen nur einige Hochtäler der W-Pyrenäen bei Pamplona umfaßte) gegen die Muslime, die die Iberische Halbinsel seit 711 besetzten, gegen das nördlich benachbarte Aquitanien, das als Regnum zum Reich der KAROLINGER gehörte, und gegen konkurrierende Gewalten in den benachbarten Tälern. Die Dynastie der INIGUEZ konnte sich bis 900 behaupten, als der letzte König Fortun sich nach seiner Absetzung als Mönch nach Leire zurückzog. Sie wurde von den SANCHEZ abgelöst, einem ihrer konkurrierenden Seitenzweige, der sich von König Sancho Garces (905-925) herleitete. Wenn auch das frühe Navarra gegenüber dem Kalifat von Cordoba und den muslimischen Herren des Ebrotals noch viele Angriffsflächen bot, erlebte es doch seine erste Blütezeit unter Sancho III. 'el Mayor' (1004-1035), dem Gatten der Grafen-Tochter Mayor von Kastilien, Begründer eines weiträumigen Reiches (vom Valle de Aran bis Kastilien), in Bündnisbeziehungen mit dem König von Leon, den katalanischen Grafen und den Herzögen von Gascogne, die oft an seinem Hofe weilten. Von Wilhelm Sanchez von Gascogne erbte er jenen Teil Navarras, der künftig "d'Outre-Ports" genannt wurde und von St-Jean-Pied-de-Port (S. Juan de Pie del Puerto) bis zum Becken des Adour reichte. Sancho 'el Mayor' berief Konzilien ein (1025 Synode von Leire), gründete oder förderte in Kastilien und Navarra die Benediktinerabteien und regte die ersten überregionalen Pilgerfahrten nach Santiago de Compostela an. Da sich das Kalifat im Niedergang befand, mußte er keine großen Kriege führen. Nach seinem Tode 1035 wurde das große Reich unter seine Söhne aufgeteilt:
Garcia (1035-1054) erhielt Navarra,
Ferdinand Kastilien,
Ramiro Aragon und
Gonzalo die Grafschaften Pallars und Ribagorza
Es kam zum Bruderkrieg, in dessen Verlauf die Könige von Navarra rasch unterlagen; ihr Reich wurde schließlich Aragon angegliedert, dessen Könige von 1076 bis 1134 den Titel 'Könige von Pamplona' führten. Nach dem Tode Alfons' I. 'el Batallador' (1134) gewann Navarra unter einem Nachkommen der SANCHEZ, Garcia Ramirez 'el Restaurador', die Unabhängigkeit zurück.

II. IM 12. UND 13. JAHRHUNDERT

Bis zum Ende des Mittelalters waren die Grenzen Navarras im wesentlichen festgeschrieben. Infolge der Reconquista des Ebrotals durch Alfons I. von Aragon nahm Navarra das Gebiet um Tudela in Besitz. Hinzu kamen noch die Baskischen Provinzen, Alava, Guipuzcoa und Biscaya (Vizcaya). Auf diese erhob jedoch auch Kastilien Ansprüche, die es um 1200 durchsetzen konnte. Im Norden der Pyrenäen besaß Navarra die Burggrafschaft St-Jean-Pied-de-Port mit dem um 1312 gegründeten befestigten ort Labastide-Clairence als nördlichstem Stützpunkt. Im wesentlichen beherrschten Navarra die Pyrenäen vom Tal von Roncal bis zu den Höhen von Estella und reichte im Süden bis zum Ebro und den großen Hochebenen um Tudela mit ihrem Getreide- und Weinanbau. Sich vom Adour bis zum kastilischen Logtono erstreckend, blieb Navarra dennoch ein kleines Land (12.000 bis 15.000 km²), für dessen Durchquerung ein Ritter nur drei Tagesreisen veranschlagte. Die Bevölkerung war ethnisch uneinheitlich (in den Bergen Basken, im Ebrotal Aragonesen, im Westen Kastilier, im Norden Gascogner, in den Städten auch zahlreiche zugewanderte Franzosen). Viele alte Adelsfamilien sind zu nennen: 10 bis 12 Familien von Ricoshombres, an die hudert Rittergeschlechter (Caballeria), eine große Anzahl von Infanzones bzw. Hidalgos.
Im Laufe des 13. Jh. kam es zum Ausbau eines Systems von Merindades (Amtsbezirken) und Baylis (Stadtherrschaften). Die wichtigsten Städte waren die Hauptstadt Pamplona, Tudela im Süden, Estella im Westen, Sanguesa im Osten und St-Jean-Pied-de-Port im Norden. Die Wirtschaft beruhte auf Ackerbau und Weidewirtschaft im Bergland (bis auf 1500 m: höchste Nutzflächen der W-Pytrenäen) sowie auf Getreide-, Wein- und Olivenanbau in der S-Provinz Ribera; besonders wichtig war jedoch der Duerchgangsverkehr. Navarra kontrollierte die westlichen Pyrenäenpässe, vor allem den ebdeutenden Paß von Roncesvalles, der von jeder eine wichtige Rolle spielte, eine der Zugangsstraßen zum Somport. Hier hatten 778 die Basken (aus rache für dei Zerstörung Pamplonas) die Nachhut KARLS DES GROSSEN beim Rückzug vom gescheiterten Feldzug gegen Zaragoza angegriffen. Über Roncesvalles (den Paß von Ibaneta) zog seit dem 11. Jh. die Mehrzahl der Pilger nach Santiago; im 12. Jh richteten Regularkanoniker ein Hospiz für sie ein. Der Jakobsweg vom Somport kam in Sanguesa auf navarresisches Gebiet. Beide Routen vereinigten sich in Puente-la-Reyna zum berühmten 'Camino Frances'. Im 12. und 13. Jh. verdankten Pamplona, Puente-la-Reyna, Estella und Viana ihren wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung diesem großen internationalen Pilgerweg, der dem Handel (Tuch- und Pferdehandel, Gewürzhandel des Ebrotals) wie dem kulturellen Austausch förderlich war. In den Städten siedelten sich Franzosen (francos) an. Große jüdische Gemeinden entstanden vor allem in Tudela, Pamplona und Estella wie auch in den meisten kleineren Gemeinden. Sie betrieben Handel, Geldverleih und Landwirtschaft und fanden zumeist Schutz beim navarresischen Königtum.
1234 starb Sancho VII. 'el Fuerte' ohne legitimen männlichen Nachfolger. Sein Erbe fiel an den Grafen von Champagne, Tedbald (Thibaud) IV. (I.), Sohn von Blanca, der Schwester Sanchos VII., und Graf Tedbald III. Während ihrer vierzigjährigen Königsherrschaft in Navarra ließen sich die Grafen zwar häufig durch aus der Champagne entsandte Statthalter vertreten, waren aber darauf bedacht, ihr fernes Königreich in Abständen zu besuchen, dort die Krönung zu empfangen, Gesetze zu erlassen und Privilegien (Fueros) zu gewähren.
Als Heinrich III. (I.) 1274 ohne männliche Nachkommen in Pamplona starb, war seine Erb-Tochter Johanna erst vier Jahre alt. Nach einem blutigen Bürgerkrieg (Navarreria in Pamplona) zog das französische Königshaus der KAPETINGER, nach der Heirat Johannas mit Philipp IV. denm Schönen, den navarresischen Thron an sich. Philipp IV. und seine drei Söhne, zugleich Könige von Frankreich und Navarra, residierten selbstverständlich in Paris und behandelten Navarra wie eine französische Provinz; nur Ludwig X. 'le Hutin' hielt sich 1308 drei Monate in Navarra auf. Erst als 1328 das Reich an Johanna, die Tochter Ludwigs X., fiel, die mit ihrem kapetingischen Vetter, dem Grafen Philipp von Evreux, verheiratet war, hatte Navarra wieder eine eigene Dynastie.

III. IM 14. UND 15. JAHRHUNDERT

Die Könige aus dem Hause EVREUX, Philipp (+1343) und Johanna (+ 1349), Karl II. 'der Böse' (+ 1387) und Karl III. 'der Edle' (+ 1425), unterhielten in Pamplona, Tuleda und Olite eine vom navarresischen Adel und Bürgertum getragene Regierung und eine aufwendige Hofhaltung (während zuvor Statthalter der Könige von Frankreich fungiert hatten). Navarra gewann internationale Ausstrahlung. Karl II., der gegen die Könige von Frankreich aus dem Hause VALOIS kämpfte, und Karl III., der sich dann allseits um eine versöhnlichere Politik bemühte, traten auf allen Schauplätzen des 14. und 15. Jh. in Erscheinung, auf der Iberischen Halbinsel (Kastilien, Portugal, Aragon) wie im Frankreich des Hundertjährigen Krieges und sogar im Albanien der ANJOU.
In den oft von Krigen, Pest, Hungersnöten und wirtschaftlichem Ruin überschatteten Jahrzehnten des späten 14. und frühen 15. Jh. fand das politische und militärische Abenteurertum der Navarresischen Kompagnien Unterstützung in Navarra. In den Jahren von 1350 bis 1430 nahmen Mitglieder großer navarresischer Adelsgeschlechter an den Söldnerzügen teil (Gramont, Luxe, Echaux de Baiguer, Henriquez de Lacarra, Aibar, Montagut, Medrano, Leet, Laxague, Lizarazu), aber auch Angehörige namhafter Kaufmannsfamilien aus der städtischen Führungsschicht von Pamplona, Tudela und Estella (Cruzat, Caritat, Renalt de Ujue, Pons. In Navarra ansässige Juden waren als Finanziers auf internationaler Ebene einflußreich (Amarillo, Falaquera, Del Gabay, Benveniste, Menir).
Die Belange der Kirche fanden bei den Herrschern Navarras durchgängig Förderung. Um 1000 beriefen die Könige Gottesfriedenskonzile ein (Liere) und unterstützten das Pilgerwesen. Im 12. Jh. begünstigten sie den Aufschwung der Zisterzienserklöster (Fitero, La Oliva und Iranzu), im 13. Jh. die Konvente der Bettelorden in den Städten. Neben mehreren auswärtigen Bistümern, die über Gebiete des Königreiches Navarra Jurisdiktion ausübten (im Norden Dax und Bayonne, im Nordosten Jaca, im Süden Tarazona, im Südwesten Calahorra), war Pamplona das eigentliche "Landesbistum"; der Bischof von Pamplona saß stets im Kronrat. Ihm folgte dem Rang nach der Prior von Roncesvalles, der auch bei Krönung und Salbung des Königs feste Mitwirkungsrechte hatte. Der Prior der 'Mönchsritter' der Johanniter von Navarra übte auf politischer Ebene eine wichtige Stützfunktion aus. Seit dem 13. Jh. und regelmäßig im 14. und 15. Jh. beriefen die Herrscher die Cortes ein. Vertreter der verschiedenen sozialen Kategorien waren tätig in Regierung, Kanzlei, Scahtzamt, Finanzwesen, in den Amtsstuben der Notare und Hofrichter wie auch in der Provinzverwaltung.
1425 hinterließ Karl III., dessen Söhne im Kindeasalter verstorben waren, das Reich seiner ältesten Tochter Blanca, der Gattin des Infanten Johann (II.) von Aragon. Dreißig Jahre lang sollte Navarra zum Spielball ehrgeiziger Pläne werden, zerrissen von einem Krieg zwischen den Clans der Beaumonteses und Agramonteses, von denen die ersteren die Thronansprüche des Prinzen Karl von Viana, des Sohnes von Blanca und Johann, unterstützten, während die letzteren für seinen Vatetr optierten; der territoriale Bestand des Königreiches wurde durch Kastilien, Aragon und Frankreich bedroht. Der französische Einfluß setzte sich schließlich durch, als 1461, nach dem Tode Karls von Viana, dessen Thronansprüche auf seine Schwester Leonor, die Gattin Gastons IV. von Foix-Bearn, übergingen. Deren Enkel Franz Febus (1467-1483) und Katharina von Foix-Navarra (+ 1517) übernahmen die Regierung. Katharina war vermählt mit Johann von Albret, einem der bedeutendsten Herren SW-Frankreich, der in Bündnisbeziehungen mit den großen, stets unruhigen französischen Fürstlichkeiten stand. Zerrieben zwischen den Machtblöcken Frankreichs und Kastilien-Aragons, vermochte das Königreich Navarra seine territoriale und staatliche Integrität nicht zu behaupten. 1512 annektierten die Truppen Ferdinands des Katholischen den spanischen Teil. Das Königspaar zog sich in den Norden des Landes, in ihre "Hauptstadt" Saint-Palais, zurück und behielt nur Outre-Ports, jene kleine Provinz, die es den Herrschern  nach 1512 ermöglichte, den navarresischen Königstitel weiterhin zu führen und die Krone Frankreichs zu beanspruchen. 1589 besteig der Urenkel von Johann und Katharina als Heinrich IV. den französischen Thron.
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716/19 von den Arabern erobert, Anfang des 9. Jahrhunderts von KARL I. DEM GROSSEN in die Spanische Mark eingegliedert; 905 selbständiges Königreich, dessen Südteil (Ober-Navarra) an Kastilien und der N-Teil (Nieder-Navarra) 1589 an Frankreich kam.
 

HAUS INIGUEZ
 
Inigo Iniguez Arista König von Pamplona  822- 851
Garcias I. Iniguez   König von Pamplona  851- 882
Fortun Garces        König von Pamplona  882- um 900

HAUS SANCHEZ
 
Sancho I. Garces                               König von Navarra  905- 925
Jimeno                     + 29.5.931         König von Navarra  925- 931
Garcias III.                                       König von Navarra  931- 970
Sancho II. Abarka                             König von Navarra  970- 994
Garcias IV. der Zitternde                   König von Navarra  994- 999
Sancho III. der Große                       König von Navarra  999-1035
Garcias V. von Najera                       König von Navarra 1035-1054
Sancho IV. von Penalen                    König von Navarra 1054-1076
Sancho V. von Aragon                      König von Navarra 1076-1094
Peter I. von Aragon                          König von Navarra 1094-1104
Alfons I. der Streitbare von Aragon    König von Navarra 1104-1134
Garcias VI. der Restaurator               König von Navarra 1134-1150
Sancho VI. der Weise                       König von Navarra 1150-1194
Sancho VII. der Alte                         König von Navarra 1194-1234

TEDBALDE/CHAMPAGNE
 
Theobald I. Postumus                      König von Navarra 1234-1253
Theobald II.                                    König von Navarra 1253-1270
Heinrich I. der Dicke                       König von Navarra 1270-1274
Johanna I.                                      Königin von Navarra  1274-1305

KAPETINGER
 
Philipp I. der Schöne                    König von Navarra 1284-1305
Ludwig I. der Zänker                   König von Navarra 1305-1316
Philipp II. der Lange                    König von Navarra 1316-1322
Karl I.                                        König von Navarra 1322-1328
Johanna II.                                 Königin von Navarra 1328-1349

HAUS EVREUX
 
Philipp III. Graf von Evreux         König von Navarra 1328-1343
Karl II. der Böse                         König von Navarra 1343-1387
Karl III. der Gute                        König von Navarra 1387-1425
Blanka von Evreux                      Königin von Navarra 1425-1441

HAUS TRASTAMARA/ARAGON
 
Johann II.                                   König von Navarra 1425-1479
Karl von Viana                           Titular-König 
Blanka von Aragon                     Titular-Königin 
Eleonore von Aragon                   Königin von Navarra 1479

HAUS FOIX
 
Franz Phoebus                           König von Navarra 1479-1483
Katharina Gräfin von Foix           Königin von Navarra 1483-1517

HAUS D'ALBRET
 
Johann II. d'Albret                     König von Navarra 1483-1516
Heinrich II.                               König von Navarra 1517-1555
Johanna III.                              Königin von Navarra 1555-1572

HAUS BOUBON
 
Anton                                       König von Navarra 1555-1562
Heinrich III.                              König von Navarra 1562-1610