Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 1746
*********************
Chartres
-----------
Grafschaft in Frankreich in der Landschaft Beauce
Die Regierung Tedbalds I. Tricator (+ 975/77); Thibault
le Tricheur) steht am Anfang einer Umstruktuierung der Herrschaftsbverhältnisse
in der gesamten Region. Tedbalds Vater, Tedbald der Ältere,
war Vicecomes von Tours bis ca. 939; er - oder aber sein Sohn, eben
Tedbald I. - eroberte Blois (nach 936); seit 956/60 war Tedbald
auch Herr von Chartres und Chateaudun. Am Ende seines Lebens gebot
Tedbald
über einen Machtbereich, der von Dreux bis Vierzon und bis Tours reichte:
dank seiner Heirat mit Ledgard von Vermandois
beherrschte er auch einen Teil der Champagne, über die schließlich
sein Enkel Odo II. (995-1037) seine Macht weiter ausdehnte, womit
die TEDBALDINER in die Reiher der mächtigsten Fürsten
W-Europas aufstiegen und die französische Krondomäne bedrohlich
umklammerten. Chartres war zumeist nicht die bevorzugte Residenz dieser
Fürstenfamilie, denn zum einen stand den TEDBALDINERN hier
der vom König abhängige Bischof gegenüber, zum anderen verfügten
sie in der Region um Chartres nur über vergleichsweise kleinere Besitzkomplexe.
Im übrigen stammt nur die Familie der Vicecomites - wie die Grafen
- aus dem Loiregebiet, sie errang Selbständigkeit mit der Erbschaft
an der Herrschaft Le Puiset (ca. 1050); die anderen großen Adelsgeschlechter
(GALLARDON, LEVES, die VIDAMES) waren zumeist verwandt mit der Familie
LE RICHE, die vor allem in der Gegend von Paris begütert war.
Gräfin Adela von England, Tochter
Wilhelms des Eroberers und tatkräftige
Gattin des wenig bedeutenden Grafen Stephan, war nicht nur eine
fähige Regentin, mit ihr ist auch ein wichtiges Kapitel der glanzvollenm
Geistes- und Kulturgeschicht des hochmittelalterlichen Chartres verbunden.
Die Gräfin förderte Gelehrte und Dichter (Ivo von Chartres, Anselm
von Canterbury, Hildebert von Lavardin, Hugo von Fleury, Balderich von
Bourgeuil) und trug so dazu bei, daß sich die Bischofsstadt um 1100,
nach der durch Fulbert geprägten ersten Blüteeit des 11. Jh.,
erneut zu einem kulturellen und intellektuellen Zentrum entwickelte. Adelas
Sohn, Tedbald IV. (1102-1151), nahm aktiv an den Angelegenheiten
des anglonormannischen Reiches teil und stand häufig im Gegensatz
zu den französischen Königen Ludwig
VI. und Ludwig VII.; nach
seinem Tod erfolgte jedoch die definitive Trennung der tedbaldinischen
Ländermasse in die Komplexe von Blois-Chartres einerseits und
Champagne andererseits. Tedbald V. (1151-1191) versöhnte sich
mit der kapetingischen Monarchie und
wurde Seneschall von Frankreich, er residierte mit Vorliebe in Chartres.
1218 fiel das Erbe Tedbalds VI. an seine Tanten, deren eine die
Grafschaft Blois (erweitert um das Dunois), deren andere die Grafschaft
Chartres in Besitz nahm. Jean de Chatillon vereinigte letztmalig
Chartres und Blois in einer Hand (1256-1279). Seine Tochter trat die Grafschaft
Chartres im Jahre 1286 an König Philipp IV.
ab gegen eine Rente von 3.000 livres sowie im Ausgleich für
ihre Schulden gegenüber dem König. Die Grafschaft gehörte
fortan zur Apanage Karls von Valois,
sodann seines Sohnes Johann (+ 1328);
nach dem Tode des letzteren fiel die Erbschaft an Johanns
Bruder, König Philipp VI. Die
Grafschaft Chartres war damit in die Krondomäne übergegangen.