Begraben: Montierneuf in Poitiers
Einziger Sohn des Herzogs
Wilhelm VIII. von Aquitanien aus seiner 3. Ehe mit der Hildegard
von Burgund, Tochter von Herzog Robert I.
Lexikon des Mittelalters: Band IX Spalte 140
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Wilhelm IX. ‚der Junge‘ oder ‚der Troubadour‘, Herzog
von Aquitanien und Dichter
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* 22. Oktober 1071, + 10. Februar 1126
Begraben: Montierneuf in Poitiers
Sohn Herzog Wilhelms VIII. und der Hildegard von Burgund
oo vor 1094 Philippa, Erbtochter Graf Wilhelms IV. von Toulouse und der Emma von Mortain,
von der er zwei Söhne,
Wilhelm X. und
Raimund, Fürst von Antiochia (+ 1149),
sowie 5 Töchter hatte, von denen Agnes in
2. Ehe 1135 König Ramiro II. von Aragon
heiratete.
Wilhelm IX. der Junge
war Herzog von Aquitanien 1086-1126, Graf von Poitou (als Wilhelm
VII.), Graf von Gascogne. Seine Regierung war bestimmt von Auseinandersetzungen
mit dem Hause ST-GILLES um die Erbschaft seiner Gattin Philippa.
Es
gelang ihm zweimal, Stadt und Grafschaft Toulouse zu erobern (1098,1113),
wo Philippa als Gräfin in eigenem
Recht Hof hielt.
Zur Ausrichtung eines Kreuzzuges ins Heilige Land trat
Wilhelm IX. der Junge 1099 seine Rechte
an der Grafschaft gegen Zahlung einer hohen Summe an den Neffen seiner
Gattin, Graf Bertrand von St-Gilles, ab, nur um nach dessen Tod (21.April
1112 im Heiligen Land) erneut von Toulouse Besitz zu ergreifen. Mit Unterstützung
des Adels (Vizegraf Bernhard Atton IV. von Beziers [Trencavel], Graf von
Centulle von Bigorre, Pons von Montpezat) und der Bürger der Stadt
konnte er sich bis 1123 (Eroberung der Stadtburg Chateau-Narbonnais durch
die Bürger) in Toulouse halten, wo Philippa
auch ihren Sohn Raimund
(* 1114/17), dessen Namen ihn als Erben der Grafschaft auswies,
zur Welt brachte.
Die im März 1101 gemeinsam mit Welf IV. angetretene
Kreuzfahrt führte Wilhelm IX. le Jeune
über Konstantinopel nach Heraklea, wo sein Heer im September 1101
von Türken vernichtend geschlagen wurde, während er selbst mit
wenigen Begleitern Antiochia und Jerusalem erreichte. Nach seiner Rückkehr
im Herbst 1102 griff er zunächst auf seiten des Grafen Fulco 'le Rechin'
von Anjou in dessen Streitigkeiten mit seinem Sohn Gottfried Martell ein
(1103), verlor aber nach einer Einigung beider einige Burgen in der Saintogne,
deren Rückgabe er 1107 durch die Gefangensetzung von dessen jüngerem
Sohn Fulco V. von Anjou erzwang. Dafür unterstützte er dann die
Herren von Lusignan und Parthenay in ihrer mehr als achtjährigen Fehde
mit dem Herzog (ab 1100), die erst durch die Einnahme der Burg Parthenay
beendet wurde. Nachdem Philippa ihren
Gatten auf dem Konzil von Reims (1119) des Ehebruchs mit der Vizegräfin
von Chatellerault angeklagt hatte, begab sich Wilhelm
offensichtlich
zur Sühne dafür nach Spanien, unterstützte
Alfons
I. 'el Batallador' von Aragon bei der Eroberung von Calatayud
und errang am 18. Juni 1120 gemeinsam mit diesenm bei Cutanda, nördlich
von Daroca, einen glänzenden Sieg über die Mauren. Da er jedoch
in S-Frankreich die Hilfe Graf Raimund Berengars III. von Barcelona gegen
Alphonse Jourdain von Toulouse brauchte, wechselte er zwei Jahre später
die Fronten und zwang Alfons I. durch
eine Herausforderung zum Zweikampf zum Abbruch der Belagerung Leridas.
Zur Finanzierung seiner Kriegszüge schreckte Wilhelm
IX. weder vor einer Verschlechterung der Münze noch vor
Übergriffen auf Kirchengut zurück. 1126 sollte der Fürst,
der in allen höfischen nd ritterlichen Künsten wohlerfahren war,
bei der Belagerung der Burg Blaye sterben.
XI. 35 c. Wilhelm VII. der Junge, Graf von Poitou
1086
* ca. 1071, + 1126 10.II.
Gemahlinnen: a) ca. 1089 Irmgard, Tochter des Grafen Fulco IV. von Anjou (siehe XII 14)
b) 1094 Philippa (Mathilde), Tochter des Grafen Wilhelm IV. von Toulouse,
Nonne 1115
+ 1117 28.XI.
Wilhelm IX. le Jeune war einerseits Verfechter ritterlicher Ideale und ein berühmter Minnesänger und Troubadour, andererseits ein hemmungsloser Lebemensch und rücksichtsloser Territorialpolitiker. Er stand wegen des Investiturrechtes, das er für seinen Bereich für sich forderte, gegen die französische Krone und suchte dafür die englisch-normannische Unterstützung; er weigerte sich, Kirchenreformen durchzuführen und wurde zeitweise gebannt. Wilhelm führte 1101/03 eine "Sühnefahrt" nach Palästina durch, kämpfte zeitweise in Spanien gegen die Mauren mit und bekriegte jahrelang die Grafen von Toulouse, deren Grafschaft er über seine Frau forderte, besetzte 1114/15 die Stadt Toulouse. Wilhelm war ein tapferer, kampfeslustiger Ritter, der sich um die Verwaltung seiner Länder wenig kümmerte, in ständiger Geldnot war und sich schlecht mit dem Klerus stand.
Kienast Walter: Seite 229-231
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"Der Herzogstitel in Deutschland und Frankreich (9. bis
12. Jahrhundert)"
Guy
Geoffroys Sohn
Wilhelm IX (1086-1126)
folgte seinem Vater, erst 15-jährig, in der Regierung, daher
er zuweilen in den Urkunden noch in späterer Zeit mit dem Beinamen
des Jungen bezeichnet wird. Er war das Gegenteil seines Vorgängers,
kein guter Haushalter, abenteuerlichen Geistes, allerdings ein tapferer,
kampfeslustiger Ritter, der zusammen mit dem König von Aragon in einer
großen Schlacht in Spanien die Ungläubigen besiegte. Auf dem
Kreuzzuge (1101/02) wurde sein Heer von den Türken völlig aufgerieben,
als Bettler rettete er sich nach Antiochia. Um die Verwaltung seiner Länder
kümmerte er sich wenig, war in ständiger Geldnot und stand sich
schlecht mit dem Klerus. Berühmt geworden ist er als der erste Troubadour,
dessen Gedichte uns erhalten sind. Er war ein echter Poet, den neuen höfischen
Idealen hingegeben, aber auch sittelos selbst nach den Maßstäben
seiner Zeit und "einer der größten Betrüger der Frauen".
Der unstete Sinn des Minnesängers versagte vor der
wichtigsten Aufgabe seines Lebens, welche die zähe Tatkraft des unwandelbar
auf ein Ziel gerichteten großen Politikers verlangt hätte. Im
Jahre 1094 heiratete er Philippa, die
Witwe König Sancho Ramiros von Aragon,
die Erbtochter Graf Wilhelms IV. von Toulouse, der kurz vorher gestorben
war, nachdem er die Verwaltung seiner Erblande seinem Bruder Raimund IV.
von S. Gilles und Rouergue übertragen hatte. Die Vereinigung der beiden
größten Mächte des S, Poitou und Toulouse, schien bevorzustehen;
sie hätte dem stolzen Titel des dux Aquitanorum erst seinen wahren
Inhalt gegeben. Raimund von S. Gilles (unten 294, 302) hatte ebenfalls
das Kreuz genommen und seinem Sohn Bertrand die Regierung des Landes überlassen.
Gegen Bertrand eroberte Wilhelm von Poitou
Frühjahr 1098 das Erbe seiner Gemahlin. Aber er verstand nicht, es
zu bewahren. Im Jahre 1100 ist es wieder im Besitz Bertrands. Da wir von
Kämpfen nichts wissen, vermutet man Verkauf zur Finanzierung des Kreuzzuges.
Als Bertrand, den seinerseits das Kreuzzugsfieber gepackt hatte, als Graf
von Tripolis 1112 starb, setzte sich Wilhelm IX.
gegen dessen Bruder, den noch im Kindesalter stehenden Alfons Jordan, wieder
in den Besitz des Toulousain, Albigeois, Quercy und der Diözese Lodeve.
Doch abermas ging das Erreichte verloren, obwohl Wilhelm
sich auf den Grafen von Barcelona als Bundesgenossen stützen konnte,
der mit der Linie von S. Gilles im Streite um die Provence lag. 1123 schütelten
die Bürger von Toulouse die poitevinische Herrschaft ab, entsetzten
den in Orange vom Grafen von Barcelona belagerten Alfons Jordan und führten
ihren angestammten Herrn im Triumph in ihre Stadt zurück. Die eigentiche
Ursache dieser Niederlage war wohl die Trennung Wilhelms
von seiner Gemahlin, die ihn erst zum Herrn von Toulouse gemacht
hatte. Der liebesdurstige Troubadour und ewige Weiberjäger hatte sich
zuletzt die Ehefrau eines seiner Vizegrafen, die den treffenden Namen Dangereuse
führte,
zur Kebse erkoren. Es war tatsächlich eine Liaison dangereuse. Philippa
zog sich ins Kloster Fontevrault zurück, wo sie als Nonne (1117/18)
starb. Den Sohn und Erben Wilhelm
X., den sie 1099 ihrem Manne geschenkt hatte, vermählte dieser
mit einer Tochter seiner Konkubine. Aus dieser Ehe ging die berühmte
Eleonore
von Poitou hervor. Wilhelm IX. ist
1126
(10. Februar) gestorben und wurde im Kloster Montierneuf begraben.
Mexandeau Louis: Seite 257
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"Die Kapetinger"
Viel weniger dem christlichen Glauben und der Verteidigung des Heiligen Grabes verschrieben, war Herzog Wilhelm IX. von Aquitanien, dessen originale Persönlichkeit wir bereits flüchtig betrachtet haben, eine schon modern anmutende Mischung aus dem Geist der Habgier, des Geschmacks an der Macht, der Sinnlichkeit, der Spöttelei und eines ausgelassenen Skeptizismus. "Er war der älteste bekannte Troubadour, ein drolliger und übermütiger Poet, der sich darin gefiel, ständig die Liebe, den Krieg, ja sogar den Kreuzzug zu besingen", an dem er nur zögernd, ohne Begeisterung und ohne Erfolg teilgenommen hatte. Er war zweifellos der erste, der die zweckbestimmten Hintergründe und die Vergeblichkeit dieser weitausgreifenden Unternehmungen enthüllte. Man versteht, daß ihm diese Lauheit bezüglich der Ausbreitung des Glaubens, verbunden mit den Skandalen seines Privatlebens (er entführte dem Vizegrafen von Chatellerault die Gattin), und überdies seine Weigerung, die Kirchenreform zu fördern, die bestrebt war, die Herrschaft der Bischöfe unter die päpstliche Autorität zu stellen, manche Verdrießlichkeit mit seinem Klerus und dem Papsttum zuzog. Er beantwortet Bannflüche und Exkommunikation mit Verachtung und Unverschämtheit. "Ich werde erst dann meine Vicomtesse verstoßen, wenn deine Haare einen Kamm nötig haben werden", sagte er gelegentlich zu dem kahlköpfigen Bischof von Angouleme. Was den König von Frankreich anbelangt, so ignorierte er ihn hochmütig bis zu dem Augenblick, als Ludwig VI. einschritt, um die Interessen der Bischöfe der Auvergne zu schützen. Aber der Aquitanier zog es vor, sich dem König von England zuzuwenden, statt seinem Suzerän. Die Dinge trieben vor der Mitte des 12. Jahrhunderts einer Art Dreiteilung Frankreichs entgegen: in die kapetingische Krondomäne, in den normannischen angevinischen Gesamtbereich, der Form anzunehmen begann und in das Herzogtum Aquitanien. Aber dieses wurde mit dem Tode Wilhelms X., der ein farbloser Abklatsch seiens Vaters war, im Jahre 1137 vakant.
Schneidmüller Bernd: Seite 147
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"Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung."
Das Unternehmen verlief wenig glücklich. Die meisten
Kreuzfahrer kamen in Kleinasien zu Tode oder gerieten in Gefangenschaft.
Welf war am 1. April 1101 aufgebrochen. Mit dem bayerischen und aquitanischen
Kontingent reiste er über Ungarn und Griechenland an den Bosporus.
In Konstantinopel wurde dem Kaiser der Sicherheitseid der Kreuzfahrer geleistet.
Dann folgte man dem Weg des ersten Kreuzzuges, geriet im September 1101
bei Heracles in einen türkischen Hinterhalt und wurde vollständig
geschlagen. Nur wenige entkamen, darunter die Herzöge Welf IV. von
Bayern und
Wilhelm IX. von Aquitanien,
die sich nach Antiochiea retten konnten und von dort nach Jerusalem weiterzogen.
1089
1. oo 1. Irmgard von Anjou, Tochter des Grafen
Fulko IV.
- 1091 1068-1.6.1146
Jerusalem
1094
2. oo 2. Philippa von Toulouse, Tochter des Grafen
Wilhelm IV.
- 1115
-28.11.1117
Eventualerbin
1. oo
Sancho Ramirez König von Aragon
1043-4.6.1094
3. oo 2. Dangerose de l'Isle-Bouchard
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Kinder:
2. Ehe
Wilhelm X.
1099-9.4.1137
3. Ehe
Raimund I. Fürst von Antiochia
um 1100/1113-29.6.1149
Agnes
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1. oo Aimery VI. Vicomte von Thouars
- 1127
2. oo Ramiro II. König von Aragon
-16.8.1147
Wilhelm I. von Poitiers Graf von Valentinois
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1188
Agnes Äbtissin von Saintes
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Heinrich Abt von Cluny
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Literatur:
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Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer
GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 89,106 - Kienast Walter:
Der Herzogstitel in Deutschland und Frankreich (9. bis 12. Jahrhundert).
R. Oldenbourg Verlag München - Wien 1968 Seite 229-238 - Mexandeau
Louis: Die Kapetinger. Editions Rencontre Lausanne 1969 Seite 256-257 -
Runciman,
Steven: Geschichte der Kreuzzüge, Sonderausgabe in 1 Band Verlag H.C.
Beck München 1978, Seite 340-343,346,369,386,391,503 - Schneidmüller
Bernd: Die Welfen. Herrschaft und Erinnerung. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart
Berlin Köln 2000 Seite 147 -