Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 1950
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Sizilien (lateinisch Sicilia)
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A. SPÄTANTIKE, BYZANTINISCHE HERRSCHAFT UND MUSLIMISCHE PERIODE
I. SPÄTANTIKE
[1] Allgemein
Die mit 25.426 km² größte Insel im Mittelmeer lag im geopolitalischen und zentralöstlichen Becken, im NO durch die 3-16 km enge Straße von Messina vom italienischen Festland, im SW durch die über 150 km breite Straße von Sizilien von N-Afrika getrennt.
[2] Spätantike
Nach dem 1. Punischen Krieg (264-241) erste römische Provinz, unterstand Sizilien seit Diokletian einem Corrector, seit Konstantin einem Proconsularis mit Appellationsinstanz des Praefectus urbi (bis 357). Die Bewohner hatten seit Antonius römisches Bürgerrecht, doch blieb die alte staatsrechtliche Gliederung in 68 Gemeinden (Plin. Nat. 3, 88) mit verschiedener Abstufung erhalten. Die wirtschaftliche Struktur war geprägt durch das traditionelle Latifundienwesen in privater, kaiserlicher und später kirchlicher Regie mit eigenem Verwaltungssystem (Greg. M. epist. 11,8), doch ist eine Auflösung in kleinere Wirtschaftseinheiten unverkennber. Neben Vieh- und Schafzucht machte der Getreideanbau (zum Weinanbau vgl. Plin. nat. 14,66) Sizilien mehr uns mehr zur Versorgungsgrundlage für Italien (Greg. M. past. 1,2; epist. 1,70); wichtig war der Abbau der Schwefelvorkommen. Das Christentum bereitete sich offenbar früh aus (Katakomben in vielen Städten; zu heidnischen Überresten vgl. Greg. M. epist. 3,79). Einen Metropliten hatte Sizilien nicht, eine kirchliche Vikariatsrolle nahm der Bischof von Syrakus wahr (Greg. M. epsit. 2,8). 366 dokumentiert eine Synode das Bekenntnis zum Nicaenum.
II. BYZANTINISCHE HERRSCHAFT
[1] 5.-6. Jahrhundert
Inmitten des Römischen Reiches jahrhundertelang von gesamthistorisch relevanten Ereignissen weithin unberührt, wurde die Insel erst infolge der gewaltsamen Landnahme der Vandalen im heute tunesischen N-Afrika seit 440 Raubzügen ausgesetzt; ihre Funktion als primärer Getreidelieferant Roms konnte dadurch gefährdet werden. Das auch im späten 5. Jh. weströmisch beherrschte Sizilien ging 491 nmit Hilfe der ansässigen Nobilität als eines der ersten Gebiete zu Theoderich über, doch traten die Goten in der Folge als Siedler oder militärisch kaum in Erscheinung, sondern gewährten weitreichende Selbstverwaltung. Freundliche Aufnahme fand Belisar zu Beginn des byzantinisch-gotischen Krieges (535-552/555), nachdem er Sizilien bereits 533 beim Sieg über die Vandalen zur Versorgung genutzt hatte. Im Unterschiede zum übrigen Italien wurde Sizilien (seit 536) unter einem Prätor den Zentralbehörden direkt unterstellt, die tonangebende Schicht senatorischer Grundbesitzer eng an Konstantinopel gebunden, was schon zur Zeit von Gregor I. dem Großen zu erkennbaren Soannungen zwischen der griechisch-weltlichen Macht und dem lateinischen Papsttum führte, welches (aus Schgenkungen) zum größten Grundherrn auf Sizilien aufgestiegen war. Die einsetzende Re-Gräzisierung durch Zuwanderer aus den östlichen Reichstteilen erfaßte weniger den Westen mit Palermo denn O-Sizilien, wo mit Syrakus und Catania die administrativen Zenrten lagen.
[2] 7. Jahrhundert
Das von Justinian bald
nach der Rückeroberung der Insel geschaffene System von Institutionen
förderte zumindest im Bereich der üblichen Verwaltungspraxis
eine relative Selbständigkeit Siziliens im Rahmen des Exarchats Italia.
Zudem hatten die Vortsöße der Langobarden in der Apenninenhalbinsel
keine direkten Auswirkungen auf die Verhältnisse in Sizilien; die
kaiserliche Zentralmacht, die stets Aufstände und Abspaltungen befürchtete,
sah keinen Anlaß, die Kontrolle Ravennas besonders zu verstärken.
Im wirtschaftlichen und sozialen Bereich läßt
sich ein Ausbau der Machtstellung der weltlichen und kirchlichen Großgrundbesitzer
feststellen, so daß die Schicht der lokalen "possidentes" in zunehmendem
Maße eine führende Funktion übernahm. Die Rolle der Städte
blieb weiterhin zentral, wobei besonders die Küstenstädte florierten:
im Osten Catania und Syrakus, im Nordwesten Palermo. Der Handel mit den
Erzeugnissen einer blühenden Landwirtschaft und handwerkliche Tätigkeit
ging über den lokalen Bereich weit hinaus. Neben der Präsenz
orientalischer Kaufleute ("negotiatores") ist auch dei Aktivität der
Münzstätten von Catania und Syrakus hervorzuheben. Letztere prägte
nach der Ankunft Kaiser Konstans II.
auch Goldmünzen.
Im Lauf des 7. Jh. verstärkte sich vor allem im
O-Teil der Insel der Byzantinisierungsprozeß der Bevölkerung.
Dieses Phänomen zeigte sich auch im kirchlichen Bereich durch die
Präsenz griechischer Klöster und einens griechischen oder jedenfalls
griechischsprechenden Klerus. Ein wichtiges Zeugnis für die Entwicklung
des lateinischen Elements bieten bereits die Briefe Ppast Gregors des Großen.
Die strategisch günstige Lage Siziliens im Zentrum
des Mittelmeers ließ die Insel zum Vorposten des Krieges gegen die
Muslime werden. Nach den ersten Einfällen der Sarazenen, die das Eingreifen
des Exarchen Olympios erforderten, regierte Konstans
II. von Syrakus aus (seit 663) in der Absicht, dem islamischen
Vorstoß gegen den Okzident Einhalt zu gebieten. Die Ermordung des
Kaisers (668) machte diesen Plan zunichte, was sehr schwere und lange andauernde
Folgen hatte. Die Problematik dieser Ereignisse und das Bedürfnis
einer stärkeren Kontrolle über die Insel führten in der
Anfangszeit der Regierung Justinians II.,
wahrscheinlich zwischen 692 un 695, zur Bildung des Thema Sikelta-Sizilien.
[3] 8.-11. Jahrhundert
Durch den Fall des byzantinischen Exarchats von Karthago (697/698) wurde Sizilien zum Vorfeld der arabischen Expansion und litt bis zur Mitte des 8. Jh. wiederholt unter Plünderungen, abzulesen am gesunkenen Geldumlauf (eigene Münzstätten[n] seit Justinian I. Wie so oft in Krisenzeiten boten gewiß auch damals Höhlen und Grotten im gebirgigen Hinterland (vor allem des Südostens) den Einheimischen Zuflucht (woraus sich die "civilta rupestre" besonders des 9.-12. Jh. entwickelte). Eine arabische Landnahme verhinderte einerseits interne Konflikte der Angreifer und andererseits wirksam werdende Abwehrmaßnhamen, so die Themenordnung ab ca. 700 mit Soldatengütern und der Festungsbau, finanzierbar aus den von Kaiser Leon III. dem Papsttum entzogenen Steuererträgen der kirchlichen Patrimonia. Parallel oder unter Kaiser Konstantin V. ging Rom überhaupt der Jurisdiktion über die sizlischen Bistümer verlustig, welche gleich dem Illyricum dem Patriarchat von Konstantinopel unterstellt wurden. Ikonoklastische Tendenzen sind auf Sizilien allerdings nicht auszumachen. Spätestens mit dem Ende des Exarchats von Ravenna (751) wurde der Stratege des Themas Sikelia (zugehörig auch die Dukate Kalabrien, Otrabnto udn Neapel) zum führenden Vertreter byzantinischer Macht und Interessen in Italien und griff dort (mittels der Flotte) mehrmals stabilisierend aus der Sicht Konstantinopels ein. Die zentrale Kontrolle gegenüber den Strategen erwies sich bei deren Aufständen stark und effizient, separatistische Tendenzen der Bevölkerun sind erst im Fall des Elpidios (781) ansatzweise sichtbar. Seitens KARLS DES GROSSEN wurde die Zugehörigkeit Siziliens zur byzantinischen Sphäre respektiert, erneute arabische Vorstöße (Lampedusa 812) wurden mit hauptstädtischer Hilfe zurückgewiesen. Die militärische Schwächeperiode von Byzanz im Gefolge des Aufstandes von Thomas dem Slaven (821-823) begünstigte eine allgemeinde arabische Eroberungswelle, auch auf Sizilien unter Ausnutzung der Offiziersrevolte rund um Euphemios. Nach der dortigen Landung 827 fiel der W-Teil mit Palermo (831), Corleone und Platani (840) rasch in arabische Hände. Auf der Linie Cefalu-Ena-Butera/Monti-Iblei vermochten sich die Byzantiner bis 854/59) zu behaupten; mit Syrakus (878) fiel ihr insularer Hauptstützpunkt an der O-Küste. Vom aufblühenden Palermo aus verwalteten Gouverneure das arabische Sizilien als autonome Provinz des aglabidischen und (nach 900) fatimidischen Ifriqiya. Wesentlichen Anteil an den Aufstandsbewegungen 913-917 und 937-940 hatten die Berber von Agrigent in ihrer Konkurrenz zu den Arabern Palermos. Unter dem erblichen Emirtum der KALBITEN (seit 947) bestand die Abhängigkeit von den FATIMIDEN (ab 973 in Kairo) und den nachgeordneten ZIRIDEN in Tunis faktisch nur mehr nominell. Neben der profitablen Rolle eines Umschlagplatzes im Warenverkehr vom arabischen Spanien bis Ägypten war die Insel auch aktiv mit Seidenprodukten im (Frei)handel vertreten. Eine Konstante der Außenpolitik bildete die kämpferische Frontstellung gegenüber dem christlich-byzantinischen S-Italien. Der nach 878 vorerst noch verblieben byzantinische Machtbereich im äußeren Nordosten Siziliens ist durch das Festungsdreieck Taormina-Rometta-Demanna umrissen. Sogar nach einer ersten arabischen Eroberung 902 hielt hier lokaler Widerstand bis 965 an, als das großangelgte Unternehmen Kaiser Nikephoros II. Phokas, nach Kreta (961) auch Sizilien zurückzuerobern, in der Niederlage vor Rometta endete. Ein letzter byzantinischer Feldzug 1038-1041/42 unter dem Kommando des Georgios Maniakes (schon unter Beteiligung normannischer Kontingente), welcher den O-Teil der Insel gewinnen konnte, scheiterte an internen Querelen. Von den Voraussetzungen und dem strategischen Ablauf her kann dieser Versuch als direkter Vorläufer der normannischen Eroberung (1061-1091) des zerrütteten, nach 1040 in Teilherrschaften aufgespaltenen arabischen Sizilien gelten. - Auffälligerweise haben weder das reichsbyzantinische noch das arabische Sizilien in seiner jeweiligen Randlage bedeutende literarische und künstlerische Monumente hinterlassen abgesehen von hagiographischen Schriften bzw. der Anthologie des Ibn-al-Quatta. Die kirchliche Mosaikausstattung byzantinischen Stils zu Palermo, Monreale und Cefalu sind zwar von griechischen Künstlern geschaffen, gehören aber allesamt erst der normannischen periode des 12. Jh. an und reflektieren in ihrem Miteinander mit westlich-romanischen und arabischen Elementen die hochstehende Mischkultur jener Epoche.
III. MUSLIMISCHE PERIODE
[1] Allgemein
Die muslimische Herrschaft in Sizilien (arabisch Siqilliya oder al-Gazira 'die Insel'), die vond er 1. Hälfte des 9. Jh. (827) bis zur normannischen Eroberung des späten 11. Jh. (1072 Einnahme von Palermo, 1091 Fall von Noto, des letzten muslimischen Stützpunktes) dauerte, kann nicht als einheitlich oder auch nur einigermaßen "flächendeckende" Beherrschung des Landes gesehen werden, sie zeichnete sich vielmehr durch starke Regionalität und selbst "Lokalität" aus, bei ganz unterschiedlicher Verdichtung; der ungleiche Forschungsstand läßt im übrigen viel Fragen offen. Die Quellenbasis ist denkbar schmal (fast vollständiger Verlust des muslimischen Urkundenbestandes, kaum eigene sizilisch-arabische Historiographie, daher nur - meist verstreute - Erwähnungen in außersizilischen muslimischen Texten: zum Beispeil negativ tendenziöser Augenzeugenbericht des Ibn Hauqal, um 973), archäologische Spuren und topononomastische Überlieferung sind gering; doch ermöglicht die weitaus reichhaltigere historische Dokumentation (einschließlich Urkunden) aus der Zeit der (beginnenden) Normanneherrschaft mitunter Rückschlüsse auf das muslimisch dominierte Sizilien.
[2] Sizilien als Gebiet an der Peripherie des muslimischen Mittelmeerbereiches
Die Geschichte des muslimischen Sizilien ist in einem größeren geographischen Verbund zu sehen; der fortlaufende personelle, politische und kulturelle Austausch mit den gegenüberliegenden nordafrikanischen Territorien (Heutiges Tunesien und W-Algerien; Ifriqiya) bedeutete aber nicht durchgängige politische Abhängigkeit Siziliens, das von den Muslimen auch als Ausgangsterritorium für weitergehende militärische Aktivitäten benutzt wurde (muslimische Eroberungen und zum Teil Ansiedlung in Kalabrien und Apulien, Vorstöße in die nördlicheren Teile Italiens), die nicht selten mit Unterstützung christlicher Territorialherren erfolgten (Mitte und 2. Hälfte des 9. Jh. wiederholt Bündnisse mit den Duces von Neapel). Es bestanden (auch kulturelle) Verbindungen zum muslimischen Spanien, aus dem (militärische) Siedler nach Sizilien kamen. Seit der 2. Hälfte des 10. Jh. etablierte sich ein engerer Kontakt zur schiitischen Kalifen-Dynastie der FATIMIDEN, die (seit dem Anfang des 10. Jh. nominelle Oberherren der Insel) auch nach der Verlegung ihrer Residenz ins ägyptischen Niltal (972/73) Sizilien stets im Blickfeld behielten.
[3] Die Eroberungen des 9. Jh.
Die muslimische Durchdringung, die nicht so sehr das Ergebnis
zentral gelenkter Eroberungszüge war, sondern als langgestreckter
(unregelmäßiger) Prozeß fast drei Generationen der Insel
mit gleicher Intensität: Das am stärksten "muslimisierte" Kerngebiet
war der Bererich des Val di Mazara (der Westen mit Palermo); das Val di
Noto (der Südosten mit Ragusa und Noto sowie die gebniete weiter nördlich)
war dagegen wohl nur muslimisch "durchsetztes" Gebiet, während die
Region des Val Demone (Nordosten: Piani di Catania bis hinauf in die Gegend
von Enna/Castrogiovanni und Agira) nur geringe, lückenhafte muslimische
Besiedlung und Kontrolle erfuhr.
Die muslimische Expansion erfolgte im wesentlichen durch
Gruppen von muslimischen Kämpfern, die mit den auf Syrakus zentrierten
byzantinischen Land- und Seestreitkräften zahlreiche kriegerische
Auseinandersetzungen austrugen. Nach muslimischen Razzien des 8. Jh. setzte
im frühen 9. Jh. die auerhafte Etablerung auf sizilischem Boden ein,
ausgelöst wohl durch ein Bündnisangebot (826) des gegen die byzantinische
Zentralgewalt revoltierenden Admirals Euphemios.
Führende Initiatoren der muslimischen Expansionsunternehmungen
waren die Fürsten der in Kairuan (Tunesien) residierenden Dynastie
der AGLABIDEN (Ziyadatallah
I., 817-838), doch fanden bald auch Kriegszüge in sizilisch-muslimischer
"Eigenregie" statt. Nach Mazara (827) und Palermo (831) wurde 843
Messina erobert; 858 kam Cefalu unter muslimische Herrschaft; 859 fiel
Castrogiovanni (Enna), das letzte Zentrum der byzantinischen Macht. 864/65
wurden Noto und Ragusa dem muslimischen Herrschaftsbereich eingegliedert;
erst 8768 (nach vielen gescheiterten Eroberungsversuchen) Syrakus, schließlich
902 dann Taormina.
B. DAS KÖNIGREICH SIZILIEN
I. HERRSCHAFT DER NORMANNEN UND STAUFER
[1] Die Zeit Rogers II.
Als Regnum Siciliae wurde das Reich bezeichnet, dessen
Königswürde Roger II. von Hauteville,
Graf von Sizilien, im September 1130 vom Gegen-Papst Anaklet
II. erlangte und als dessen Herrscher er am 25. Dezember desselben Jahres
in Palermo gekrönt wurde. Der neue Staat reichte vom Ceprano-Paß
bis zur äußersten Spitze Siziliens. In den darauffolgenden Jahren
wurde die nördliche Grenze bis zum Tronto-Fluß vorgeschoben
und auch das autonome Herzogtum Neapel eingegliedert.
Rogers ursprüngliche
Absicht war, seine Söhne als Mitkönige der Teilreiche an der
Herrschaft zu beteiligen. Aber der frühe Tod von einigen von ihnen
und die Notwendigkeit, das Verhältnis zum Papsttum zu regeln (Verträge
von Mignano) veranlaßten ihn zu einer territorialen Neuordnung, die
auch in den folgenden Jahrzehnten bestehen blieb. Alle festländischen
Gebiete des Königreiches nördlich des Sinni-Flusses in Kalabrien
bis zum Tronto in den Abruzzen wurden in zwei Provinzen geteilt: Ducatus
Apuliae und Principatus Capuae; die Provinz Sizilien umfaßte umfaßte
die Teile Kalabriens südlich des Sinni und die Insel Sizilien selbst.
Zur Verwaltung des territorial komplexen Staatsgebildes bediente sich der
neue König in modofizierter der Form der Strukturen der Zentral- und
lokalen Verwaltung, die ihm bisher in der Grafschaft Sizilien zur Verfügung
gestanden haben und die sich aus byzantinischen, arabischen und franko-normannischen
administrativen Traditionen herleiteten: Er führte in den verschiedenen
territorialen Einheiten des Königreiches Kämmerer und Justitiare
ein, ohne jedoch die bestehenden gleichnamigen zentralen Ämter aufzuheben;
ferner schuf er in Gestalt der duana de secretis ein neues Amt für
Sizilien mit der ausschließlichen Aufgabe, die Insel Sizilien zu
verwalten, und die zentrale Verwaltungsorganisation. Sie bestand aus einer
kleinen Gruppe von Magnaten und Amtsträgern, unter denen der Admiral
und der Kanzler große Bedeutung erlangten. Die Städte wurden
dem König unterstellt, behielten aber gleichwohl häufig ihre
alten Gebräuche und Gewohnsheitsrechte bei. Der König bestimmte
jeweils ihre Amtsträger (Strategen, Katepane, Judices), die er mit
festumrissenen Aufgaben betraute. Neben der Verwaltung der Gerichtsbarkeit
war es vornehmlich die Aufgabe des Königs, das Heer zu organisieren
und zu befehligen. In dieser Hinsicht traf Roger einige umwälzende
Entscheidungen, bei denen er Institutionen des Feudalsystems, das die
in Europa nach der langen Zeit der institutionellen Zersplitterung im frühen
Mittelalter promulgierte Roger im Bewußtsein
seiner einigenden Rolle und der Bedeutung seiner Regierunsgewalt auf dem
Hoftag des Jahres 1140 in Ariano Irpino ein Corpus von Gesetzen (Assisen
von Ariano). In einer neuen und originellen Konzeption der Souveränität
vereinigte sich hier die römisch-byzantinische imperiale Tradition
mit der fränkischen Konzeption der persönlichen Bindung zwischen
Herrscher und Volk. Der König war der Träger umfassender Autorität.
Alle, die im Staat Macht ausübten, taten dies in direktem Auftrag
des Königs, ohne ein festumrissenes Aufgabengebiet. Diese "reductio
ad unum" aller öffentlichen Gewalten des Staates war mit der Konzeption
einer persönlichen Bindung zwischen dem Souverän und dem Volk
verbunden, so daß Treuebruch, der zum Verlust der königlichen
Gnade führte, als schwerstes Delikt erscheinen mußte. Der König
war mit seinen Untertanen direkt, das heißt ohne eine Mittlerfunktion
einer staatlichen Organisation oder lehnsrechtlicher Strukturen (die rein
militärischer Natur waren), verbunden. In den folgenden Jahren konkretisierten
sich diese theoretischen Voraussetzungen in der Ausbildung einer monarchischen
Staatsform, die auf "bürokratischen" Strukturen beruhte, ihren Usrsprung
vom König nahm und auf diesen hin orientiert war, sowie in einem Feudalsystem,
das nur einen Grundtypus des Lehens kannte, das "feudum in capite de domino
rege". Dessen Inhaber war dem König oder dessen Amtsträger direkt
und persönlich für seine Taten und vor allem für die regelmäßige
Leistung des Waffendienstes verantwortlich, die in Proportionen zu seinen
Besitzverhältnissen stand.
[2] Das Königreich unter Wilhelm I.
Einige Jahre vor seinem Tod (26. Februar 1154) hatte Roger II. seinen Sohn Wilhelm (1120-1166) zum Mitkönig eingesetzt (1151), um ihm dadurch die Nachfolge zu sichern. Der neue Herrscher sah sich einer äußerst schwierigen Situation gegenüber. Papst Hadrian IV. anerkannte seinen Königstitel nicht, der byzantinische Kaiser Manuel Komnenos und Kaiser FRIEDRICH I. BARBAROSSA hatten sich verbündet, um in das Königreich Sizilien einzufallen; einige normannische Grafen, die von König Roger mit Waffengewalt zur Botmäßigkeit gezwungen worden waren, verweigerten die Stellung des Aufgebots und strebten danach, die unabhängigen Herrschaften ihrer Väter weiderzugewinnen. Die Lage des jungen Königs besserte sich jedoch, als FRIEDRICH BARBAROSSA den Plan eines Feldzuges nach S-Italien aufgab; am 18. Juni 1156 schloß Wilhelm I. in Benevent Frieden mit dem Papst und erhielt (auch für seine Nachfolger) die Investitur mit dem Königreich. Der neue politische Kurs war hauptsächlich das Werk des admiratus admiratorum Mai von Bari. Seine Kenntnis des Funktionsmechanismen der Zentralregierung verführten ihn jedoch dazu, die Macht zu monopolisieren, so daß er schließlich am 10. November 1160 in einer Adelsverschwörung ermordet wurde. Sein Tod brachte eine tiefgreifende und radikale Änderung der Struktur der Zentralverwaltung mit sich. König Wilhelm setzte einen aus drei Personen bestehenden obersten Kronrat ein (familiares regis). Dieses neue Organ an der Spitze der Zentralregierung sollte von diesem Zeitpunkt an für die Verwaltung des Regnum Siciliae grundlegenden Bedeutung haben. Die unterhalb des Familienrates stehende "reformierte" Curia regis verlor allmählich ihre ursprüngliche Charakteristik eines Organs, das sich aus den qualifiziertesten Mitgliedern der königlichen Entourage zusammensetzte, und wandelte sich zu einem hierarchisch gegliederten, aus spezialisierten Funktionsträgern bestehenden Instrument der Zentralverwaltung. Gleichzeitig mit diesem Strukturwandel fand eine Reform der peripheren Verwaltungsorgane statt: Es wurden Funktionäre auf überprovinzialer Ebene eingesetzt, die die Aktivitäten der Amtsträger der Provinzen koordinieren und kontrollieren sollten. Durch dieses revolutionäre Experiment einer zentralisierten Bürokratie erfuhr das traditionelle Bild des Königs, der - in ständigem Kontakt mit dem Feudalaldel - sich direkt den täglichen Regierungsgeschäften widmet, eine radikale Wandlung. Die faktische Isolierung Wilhelms I. wird bei einem zeitgenössischen Chronisten, dem sogenannten Hugo Falcandus deutlich geschildert: ach 1161 habe Wilhelm sich von den Regierungsgeschäften zurückgezogen und nach dem Vorbild arabischer Herrscher ein Leben "in wollüstigem Müßiggang, dem Luxus und Vergnügen hingegeben", geführt und seine Energie auf den Bau eiens prunkvollen Palastes ("Zisa" bei Palermo) konzentriert.
[3] Die Regentschaft Margaretes von Navarra und die Regierung Wilhelms II.
Infolge der Minderjährigkeit des Thronerben führte
Königin Margarete von Navarra
vom März 1166 bis Ende 1171 die Regentschaft. Die Chronisten
des 12. Jh. bieten ein parteiisches und daher verzerrtes Bild von den Aktivitäten
der Regentin, das auch die moderne Geschichtsschreibung negativ beeinflußt
hat. Die Analyse noch unedierten Urkundenmaterials führt jedoch zu
einer Neubewertung der Politik der Königin
Margarete, die erfolgreich darauf abzielte, das Leben der Monarchie
zu "normalisieren". Dazu mußte der bürokratische Verwaltungsapparat
wieder in Gang gesetzt und dem Feudalaldel zugewiesen werden.
Ende 1171 übergab die Regentin dem jungen König
Wilhelm II. (* 1154) ein Reich mit effizienten Verwaltungsstrukturen.
Zudem gewann die Figur des Herrschers dank der im kulturellen Ambiente
Palermos in jener Zeit verbreiteten Werke Platons und seiner politischen
Lehre ihr volles Prestige zurück. Das Konzept der Königsmacht
als eines Amtes, das der König zur Ausführung des Willens Gottes
benutzen solle, wurde aufgehoben; die neuen Ideen über das Königtum
behaupteten die absolute Freiheit des Souveräns von allen Zwängen
und Konditionierungen; die einzigen Grenzen seiner Absolutheit setzet er
sich selbst, und er müsse sie solange einhalten, bis er nicht ausdrücklich
von ihnen Abstand genommen habe. Die familiares regis, an ihrer Spitze
Erzbischof Walter von Palermo, kontrollierten alle Staatsgeschäfte.
Die Curia regis hatte sich in Organe mit verschiedenen Komponenten organisiert.
Die Gründung und Konsolidierung des Königreiches
Sizilien bedeutete für Europa und den Mittelmeerraum in der Mitte
des 12. Jh. ein schwieriges politisches Problem. Anfangs wollten die beiden
Königreiche (Byzanz und das Reich) die "sizilianische Frage" mit Waffengewalt
lösen. FRIEDRICH BARBAROSSA und
Manuel Komnenos verbündeten sich,
um das Königreich zu erobern und unter sich aufzuteilen, da beide
Ansprüche geltend machten. Die Situation änderte sich radikal
nach 1156, als Papst Hadrian IV. das Königreich Sizilien anerkannte
und es zwischen Papsttum und Reich definitiv zum Bruch kam. Wilhelm
II. verstand es, eine Rolle in dem neuen politischen Kontext
zu spielen: Er unterstützte den Papst und die oberitalienischen Kommunen,
war Vertragspartei im Frieden von Venedig (1177) und betreib eine autonome
Expansionspolitik im östtlichern Mittelmeerraum. Der Tod ereilte ihn
am 18. November 1189, während er mit diplomatischen Vorbereitungen
des 3. Kreuzzugs beschäftigt war.
[4] Das Ende der normannischen Dynastie. Die staufische Dynastie
Da Wilhelm II. keine
leiblichen Erben besaß, hatte er schon beizeiten Vorkehrungen zur
Sicherung der Nachfolge getroffen. 1186 hatte er Konstanze,
Tochter König Rogers II. und letzte
legitime Nachfahrin der Dynastie der HAUTEVILLE,
mit HEINRICH VI., dem Sohn und Erben
FRIEDRICH BARBAROSSAS, verheiratet.
Diese Lösung fand einen heftigen Gegner im Papst, der sich als oberster
Lehnsherr des Königreiches betrachtete, da dadurch die Präsenz
des Kaisers in S-Italien ermöglicht wurde, die Rom bis dahin immer
verhindert hatte. Auch ein Teil des Adels des Königreiches bekämpfte
deise Heirat udn erhob Graf Tankred von Lecce,
einen illegitimen Enkel Rogers II.,
zum König. Der darauffolgende Krieg zwischen HEINRICH
VI. und Tankred endete mit
dem Sieg des Kaisers und führte Ende 1194 zur Unio Regni ad Imperium.
Bei seinem Tod am 28. September 1197 hintereließ HEINRICH
VI. das Königreich seiner Gemahlin Konstanze
und ihrem gemeinsamen Sohn FRIEDRICH
II.
Nach dem plötzlichen Tod Konstanzes
(1198) übernahm Papst Innozenz III. formals die Regentschaft über
das Königreich, die tatsächliche aber in eine Zeit der Anarchie,
des Streites unterschiedlicher politischer Interessen fiel, der auch die
staatlichen Verwaltungsstrukturen zerrüttete. Als FRIEDRICH
1208 für volljährig erklärt wurde und selbst die Herrschaft
übernahm, gelangen ihm wichtige Erfolge gegen die anarchischen Zustände.
Auf päpstliches Betreiben unternahm er gegen den Rat aller einen abenteuerlichen
Zug nach Deutschland und ließ sich am 25. Juli 1215 in Aachen zum
König krönen. Mit großem diplomatischen Geschick überwand
er den Widerstand des Papstes gegen die neue Union des Königreiches
Sizilien und des Königreiches, wurde 1220 zum Kaiser gekrönt
und kehrte dann in das Königreich Sizilien zurück. Sofort leitete
er die Reorganisation der Verwaltungsstrukturen in die Wege, die während
seiner langen Abwesenheit in Verfall geraten waren. Sie gipfelte 1231 in
der Promulgation des epochalen Gesetzwerkes der Konstitutionen von Melfi.
Sie spiegeln FRIEDRICHS Auffassung,
daß er allein über die Staatsgewalt zu verfügen habe -
dieser starre Absolutismus stellte ihn über die Gesetze des Staates
und gab ihm die Entscheidungsgewalt über Tod und Leben seiner Untertanen.
Unter der außergewöhnlichen Persönlichkeit des STAUFERS
spielte das Königreich Sizilien eine erstrangige Rolle im Kontext
der europäischen Politik der 1. Hälfte des 13. Jh. Entschieden
betonte FRIEDRICH II. das Prinzip,
daß jeder König "e´rex in regno suo" sei. Solidarisch
mit den übrigen Herrschern in Europa bekämpfte er rebellische
Autonomiebestrebungen, da sie eine Gefahr für die Monarchien darstellten,
und dann auch das Papsttum, das sich mit den rebellen verbündet hatte,
um die autonome Königsgewalt auszuschalten. Entschlossen, sich der
Einmischung der römischen Kirche in politische Belange zu widersetzen,
beanspruchte er das Recht auf einen nationalen Klerus (dem die ehrenvolle
Aufagbe anvertraut wäre, die Könige zu krönen), um so die
nationalen Monarchien zu stärken und genmeinsame Interssen der weltlichen
Politik zu verfolgen.
Bei seinem Tode am 13. Dezember 1250 in Castel
Fiorentino in Apulien hinterließ FRIEDRICH
testamentarisch as Königreich Sizilien seinem Sohn KONRAD,
der auch sein Thronerbe im Reich war. Erst nach langem Kampf gegen die
antistaufischen Aufständischen
im Königreich Sizilien, die vom Papst unterstützt wurden, trat
KONRAD sein Erbe an. Er starb bereits
1254 und hinterließ das Königreich seinen Sohn Konradin
und der Regentschaft Bertholdss von Hohenburg. Die Minderjährigkeit
des designierten Thronerben und die Versuche des Papstes, sich des
Königreiches zu bemächtigen, das er als Teil des Patrimonium
Petri ansah, schufen die Voraussetzungen, daß der illegitime (später
legitimierte) Sohn FRIEDRICHS II.,
Manfred, am 10. August 1258 in der
Kathedrale von Palermo zum König von Sizilien gekrönt wurde.
In seiner kurzen, aber intensiv genutzten Regierungszeit (1258-1266) erlebten
das kulturelle Leben des Königreiches und die Verwaltungsorganisation
einen deutlichen Aufschwung. Auch die Geschicke der staufischen
Partei in Oberitalien wandten sich für kurze Zeit zum besseren. Dies
alles konnte jedoch die systematischen Aktionen des Papstes nicht hemmen,
der seine Ansprüche auf das Königreich weiterhin verfolgte und
es einem der Fürsten Europas zu Lehen geben wollte. Schließlich
schloß er mit dem Grafen von Provence, Karl
von Anjou, ein Abkommen. Dieser besiegte König
Manfred am 26. Februar 1266 bei Benevent und nahm das
Königreich in Besitz.
II. HERRSCHAFT DER ANJOU UND ARAGON
Am 28. Juni1265 wurde Karl von
Anjou mit dem Königreich Sizilien investiert und am 6.
Januar 1266 in Rom zum König gekrönt. Durch seinen Sieg über
Manfred bei Benevent (26. Februar 1266)
konnte er den Thron besteigen. Gegen ihn richtete sich eine die staufischen
und ghibellinischen Traditionen und Interessen vertretende Opposition unter
der Führung Konrads von Antiochia,
des illegitimen Sohn FRIEDRICHS II.,
und der Lancia (Verwandte der Mutter Manfreds),
der Capece, Filangieri, Ventimiglia sowie des Roger Lluria/Lauria und des
Giovanni da Procida, die vor allem in Sizilien und in Kalabrien wirksam
wurde und anfangs die Rechte Konradins
vertrat (der am 23. August 1268 bei Tagliacozzo besiegt wurde). Die übriggebliebenen
STAUFER-Anhänger schmiedeten im
Exil weiterhin Pläne gegen den ANJOU
und fanden Hof Peters III. von Aragon,
der Manfreds Tochter Konstanze
geheiratet hatte, Zuflucht.
Ausgelöst durch einen eher geringfügigen Anlaß,
brach am 31. März 1282 in Palermo die als Sizilianische Vesper bezeichnete
Revolte aus. Die Stadt, die sich mit dem Verlust ihrer Hauptstadtfunktion
nicht zufriedengab und die nun auch durch den Zuzug aus dem kommunalen
Italien völlig latiniseirt war, rebellierte gegen die angevinische
Verwaltung. Nach einem Massaker an den Franzosen konstituierte sich Palermo
als Kommune, verand sich dabei mit Corleone, dessen Bevölkerung lombardisch
geprägt war, und forderte die anderen sizilianischen Städte zum
Aufstand gegen die ANJOU und zum Bündnis
auf. Der um Schutz gebetene Papst Martin IV. verurteilte jedoch die Revolte,
die schließlich ganz Sizilien erfaßte, zuletzt auch Messina,
wo eine Generalversammlung (Parlamentum) zusammentrat.
Die "Communitas Siciliae" sah sich der Notwendigkeit
gegenüber, die Insel vor dem Heer Karls von
Anjou, das in Kalabrien konzentriert war, zu verteidigen. Man
bat den König von Aragon um Hilfe, dessen Flotte für einen Tunesienkrieg
gerüstet war, und erkannte seine Thronansprüche an. Die Bestrebungen
nach kommunaler Freiheit, die ihren Ausdruck im Volksaufstnd gefunden hatten,
wurden durch die Aktivitäten des exilierten Adels (der in Sizilien
selbst zeitweise durch den neeun französischen Adel ersetzt worden
war) absorbiert.
Peter III. von Aragon landete
am 30. August 1282 in Trapani, wurde in Palermo vom Parlament akklamiert
und hielt am 2. Oktober triumphalen Einzug in Messina. Bestrebt, Karl
von Anjou auf diplomatischer wie auf militärischem Gebiet
zu bekämpfen, belohnte Peter den
neuen baronialen Adel aus der Iberischen Halbinsel für seine Dienste
und eliminierte Alcaimo de Lentini und Simone Fimetta, die wichtigsten
Vertreter guelfischer Tendenzen unter der Protagonisten des Vesperaufstandes.
Er übertrug Königin Konstanze
die Regentschaft und kehrte nach Aragon zurück, wo er am 10. November
1285 starb und die Krone von Sizilien (die er von der Krone Aragon
trennte) seinem zweiten Sohn Jakob
hinterließ.
Die sizilisch-katalanische Flotte unter dem Kommando
von Admiral Roger de Lluria (Lauria) erzielte wichtige militärische
Erfolge bei Malta (8. Juli 1283) und im Golf von Neapel (1284), wo Karl,
der Sohn König Karls I. von Anjou (König
Karl II. von Anjou), der die angevinische
Flotte kommandierte, in Gefangenschaft geriet. Die Aragonesen
eroberten auch einen Teil von Kalabrien.
Jakob, der am 2.
Februar 1286 in Palermo gekrönt wurde, mußte sich gegen die
Einmischung seines Bruders, König Alfons
III. von Aragon, zur Wehr setzen, der in diplomatischen Verhandlungen,
die auch das Geschick Siziliens betrafen, mit den Franzosen eingetreten
war, um ihrem Druck von den Pyrenäengrenzen abzulenken. Durch Alfons'
Tod (18. Juni 1291) unterbrochen, wurden die Verhandlungen von
Jakob selbst wiederaufgenommen, der
seinem Bruder auf den Thron von Aragon nachfolgte, jedoch die Krone von
Sizilien behielt und seinen Bruder Friedrich dort
zum Statthalter einsetzte (12. Juli 1291.
Im Vertrag von Anagni (20. Juni 1295) verzichtete Jakob
auf den Titel 'König von Sizilien'. Der Vertrag sah vor, daß
die Insel als Lehen der Kirche anerkannt wurde, Bonifatius VIII. restituiert
werden sollte, Kalabrien hingegen und die anderen festländischen Gebiete
im Besitz der Aragonesen direkt an Karl II. von
Anjou fallen sollten. Trotz der Proteste der Sizilianer führte
Jakob am 3. November 1295 die Vertragsbestimmungen
aus, indem er auf das Königreich Sizilien verzichtete zund Friedrichs
Statthalterschaft widerrief. Das am 11. Dezember in Palermo
zusammengetretene Parlamentum proklamierte stattdessen Friedrich
zum Signore von Sizilien und akklamierte ihn am 15. Janaur 1296
in Catania nach dem Willen des Volkes und entsprechend dem Sukzessionsrecht
zum Königreich von Sizilien.
Um an die staufische
Tradition anzuknüpfen und im Hinblick auf zirkulierenden Prophezeiungen
nannte sich der neue König Friedrich III.
Am 25. März wurde er in der Kathedrale von Palermo gekrönt, am
3. Mai jedoch zusammen mit seinen Anhängern von Papst Bonifatius VIII.
exkommuniziert, der die Krönung für ungültig erklärte,
da sie die Oberhoheit des Heiligen Stuhls verletze.
Nachdem er den schwachen Widerstand der auf Jakobs
von Aragon Seite stehenden Barone überwunden hatte, erkämpfte
Friedrich im Sommer 1296 die Kontrolle
über ganz Kalabrien. Am 1. September 1298 starteten jedoch Jakob
und Herzog Robert von Anjou
eine Invasion gegen Sizilien. Im Seesieg bei Capo d'Orlando (4. Juli 1299)
errang die angevinisch-ragonesische
Koalition einen bedeutenden Sieg, in dessen Folge der König von Aragon
den Krieg beendete und sich mit seinem Bruder Friedrich
III. versöhnte.
Robert von Anjou,
der von König Karl II. zum Generalvikar
in Sizilien eingesetzt wurde, führte die Eroberung der Insel mit
Erfolg fort und nahm auch Catania ein. Friedrich
konnte jedoch verhindern (1. Dezemer 1299), daß die in Marsala gelandeten
angevinischen Truppen unter dem Komamndo Philipps
von Tarent zu Robert stießen.
Bei Ponza erlitt hingegen die sizilische Flotte, verstärkt durch genuesische
Schiffe und unter dem Kommando des Admirals Corrado Doria, eine Niederlage
(4. Juni 1300). Messina wurde von Robert von Anjou
hart belagert, Kalabrien, wo der Krieg sich in Guerrilla-Kämpfe
ohne bedeutende Schlachten verwandelt hatte, wurde schrittweise wieder
angevinisch.
Durch die Intervention von Friedrichs
Scwester Violante, die mit Robert
von Anjou vermählt war, kam es in Syrakus zwischen Friederich
und dem Herzog zu einem Treffen, bei dem ein kurzer Waffenstillstand vereinbart
wurde. Anfang 1302 nahm man jedoch die Feindseligkeiten wieder auf; Ende
Mai landete nicht weit von Palermo ein Truppenkontingent unter dem Komamndo
Karls von Valois, der von
Karl II. auch die Vollnmacht erhalten hatte, Friedensverhandlungen
zu führen.
Im Vorfrieden von Castronovo (19. August 1302) wurden
erstmals die Trennung Siziliens von der Krone Aragon und seine Autonomie
akzeptiert. Friedrich III. wurde auf
Lebenzeit als König anerkannt und erhielt die von den ANJOU
in Sizilien besetzten Gebiete zurück. Im Gegenzug sollte
er Karl II. alle Gebiete in Kalabrien
abtreten. Im Frieden von Caltabellota (29. August 1302) kam man überein,
daß Friedrich den Titel 'König
von Trinacria' annehmen sollte. Die aus der Ehe Friedrichs
mit Eleonore von Anjou, der Tochter
Karls II., hervorgehenden Söhne
sollten ein neues Königreich oder zumindest eine Abgeltung dafür
erhalten. Bonifatius VIII. hob das Interdikt und die Exkommunikation auf,
erteilte die Ehedispens und infeudierte Friedrich
als Vasallen des Heiligen Stuhles mit Sizilien (Bulle "Rex pacificus" vom
21. Mai 1303).
Am 8. Jni 1312 ließ der König vom Parlament
ein Militärbündnis mit Kaiser HEINRICH
VII. approbieren, dessen Ziel es war, den Frieden mit Neapel
zu brechen und sich der Kontrolle von Aragon über Sizilien zu widersetzen,
ohne Rücksicht auf die neue Situation der Kirche zu nehmen. Das Bündnis,
das zur Invasion in das Königreich Napel führen solle, wurde
am 4. Juli 1312 unterzeichnet. Friedrich,
der zum Reichsadmiral ernannt wurde, sollte ein Drittel des Königreiches
Neapel, wahrscheinlich den südlichen Teil mit Kalabrien, erhalten.
Kraft seiner Autorität hob der Kaiser den temporären Charakter
des Königreiches Trinacria auf und gewwährte den Söhnen
Friedrichs das Nachfolgerecht.
Nachdem der Kaiser Robert von
Anjou abgesetzt hatte, stach die sizilische Flotte von Messina
aus am 1. August 1313 in See und eroberte den südlichen Teil Kalabriens.
Der plötzliche Tod des Kaisers und die Auflösung seines Heeres
zwangen Friedrich zum Rückzug.
Ein Bündnis mit Pisa wies er zurück, um nicht den aragonesischen
Interssen in Sardinien zuwiderzuhandeln.
Der Bruch des Vertrages von Caltabellotta rechtfertigte
eine neuerliche angevinische Invasion
(Juli 1314). Friedrich ließ am
12. Juni 1314 die Nachfolgerechte seiens Sohnes Peter II. vom Parlament
anerkennen und nahm selbst den Titel "Rex Siciliae" an. Um die Isolation
zu durchbrechen, in der der sich infolge der vorsichtigen Taktik Jakobs
II. und der Feindschaft Papst Johannes' XXII. befand, schloß
der König ein Bündnis mit den Ghibellinen Mittel- und N-Italiens
und organisierte im Juli 1320 eine Flottenexpedition, die jedoch von den
genuesischen Guelfen besiegt wurde. Friedrich
wurde deshalb mit dem Bann belegt und das Interdikt über Sizilien
ausgesprochen (1. Januar 1321). Dessen ungeachtet machte der König
seinen Sohn Peter zum Mitregenten (18.
April 1321), nachdem er ihn bereits zum Generalvikar ernannt hatte, und
ließ ihn trotz des Interdikts krönen (19. April 1421).
Durch Vermittlung des Giovanni Chiaromonte schloß
Friedrich im November 1327 ein Bündnis
mit LUDWIG DEM BAYERN. Durch den Tod
Jakobs II. verlor Sizilien eine wichtige,
wenn auch nur im Hintergrund wirkende diplomatische Stütze, und es
machten sich bereits Anzeichen für wirtschaftliche Schwierigkeiten
bemerkbar, zu denen die Kosten der Kriege und die Schäden durch die
ständigen feindlichen Einfälle beitrugen, ferner zeigten sich
Rivalitäten unter den Baronen und eine Schwächung der Autonomie
der Städte. Die Flottenexpedition, die am 6. August 1328 unter dem
Kommando Peters II. in See stach, war
wieder ein neuer eklatanter Mißerfolg. Beim Tode Friedrichs
III. (25. Juni 1337) befand sich Sizilien in einer politisch
und wirtschaftlichen Krisensituation, die seinen Niedergang einleitete.
Nach dem Tod des Vaters geriet Peter
II. unter den Einfluß der Familie Palizzi, die in der
Gunst seiner Gemahlin Elisabeth von Kärnten
stand, bis 1340 sein Bruder Johann,
Herzog von Athen und Neopatras, das Vikariat des Königreiches
übernahm und Damiano und Matteo Palizzi ins Exil zwang. Johann
führte auch nach dem Tod Peters
(1342) für seinen minderjährigen Neffen König
Ludwig I. die Regentschaft. Er warf den Aufstand von Messina
nieder und schloß mit Johanna von Anjou
einen Vertrag (Friede von Catania 1347), der infolge des Pesttodes
des Herzogs (1348) unwirksam blieb. Das Königreich wurde zum Spielball
der Faktionen der Barona: auf der einen Seite die "Lateiner", angeführt
von den Palizzi bis zum Tode Matteos im Aufstand von Messina 1353, auf
der anderen Seite die "Katalanen" unter Führung der Alagona. Die Chiaromonte
übernahmen die Führung der "lateinischen" Faktion und schlossen
1354 mit Nicolo Accaaiuoli ein Abkommen, in dem sie die Oberhoheit Neapels
in Val di Mazara und Val die Noto anerkannten. Mitten im Krieg starb König
Ludwig I. wärend einer neuen Pestepedemie (16. Oktober
1355).
Sein Nachfolger Friederich
war kränklich und geistesschwach, eine am 22. November 1355 in Messina
zusammengetretene Versammlung stellte ihn seiner Schwester
Eufemia als Vikarin zur Seite. Die Autorität des Königs
wurde stark von Baronen eingeschränkt, sie erstreckte sich nicht einmal
auf die von den Chiaromonte kontrollierten Gebieten, zu denen die Hauptstadt
Palermo zählte, wo Johanna I. von Anjou als
Königin anerkannt war. Die Vormachtstellung des Großjustitiars
Artale d'Alagona, der den König bewog, seine Residenz von Messina
nach Catania zu verlegen (22. März 1356), führte zu Auseinandersetzungen
innerhalb der Reihen der königstreuen Barone zwischen den Vertretern
der "katalanischen " Faktion, die die Ehe Friedrichs
mit einer Tochter König Peters IV. von Aragon
vorschlugen, und den Exponenten der "lateinischen" Faktion Ventimiglia
und Rosso, die sich diesem Plan widersetzten. Um den Konflikt beizulegen,
wurde dem König zugestanden, seinen Aufenthalt bei dem Großkämmerer
Francesco Ventimiglia zu nehmen (Juli 1357), der nach Eufemais
Tod (21. Febraur 1359) offiziell die Vormundschaft Friedrichs
übernahm und dessen Ehe mit einer Tochter des Herzogs von Durazzo
plante.
Im Februar 1361 entzog sich der König der Bewachung
des Ventimiglia und begab sich zu Alagona. Am 15. April vermählte
er sich in Catania mit Konstanze von Aragon.
Im Juni versöhnte er sich mit Francesco Ventimiglia und mit Federico
Chiaromonte, die ihn jedoch daran hinderten, sich in Palermo krönen
zu lassen. Das Ergebnis neuer Verhandlungen (Friede von Castrogiovanni,
13. Oktober 1362) war die Anerkennung der beiden baronalen Parteien, die
eine unter der Führung des Alagona, der die Erblichkeit des Großjustitiarats
erwirkte, die andere unter der Leitung von Ventimiglia und Chiaromonte,
deren Beziehungen durch ein weiteres Abkommen geregelt wurden. In den Verträgen
wurden die jeweilige Einflußsphären festgelegt und anerkannt,
daß beide Parteien an der Regierung und Verwaltung der Gerichtsbarkeit
teilhaben sollten.
Der Friede mit dem Königreich Neapel (1372), der
von Gregor XI. trotz der aragonesischen Proteste ratifiziert wurde, definierte
Sizilien als Königreich Trinacria, das sowohl dem Heiligen
Stuhl als auch dem Regnum Siciliae unterstand, und bestimmte für den
Fall des Todes Freidrichs IV. (der
am 27. Juli 1377 in Messina eintrat) die Nachfolge seiner Tochter
Maria. Ihre Vormundschaft übernahm
Artale d'Alagona, der gemeinsam mit Francesco Ventimiglia, Manfredi Chiaromonte
und Guglielmo Peralta das Vikariat des Königreiches innehatte. Die
Königin wurde 1379 entführt und König
Peter IV. von Aragon übergeben. Die Aufteilung des Königreiches
in vier Territorialherschaften wurde trotz der Unterstützung der Päpste
Urban VI. und Benedikt IX. nicht zum Abschluß gebracht, da der Infant
Martin von Aragon, der von seinem Vater
Peter IV. und von seiner Mutter
Eleonore, der Schwester Friedrichs
IV., die Ansprüche auf den sizilischen Thron geerbt und
dessen Sohn Martin der Jüngere
sich mit Königin Maria vermählt
hatte, im März 1392 in Sizilien landete. Unter großen Schwierigkeiten
geleng es den Aragonesen, die Aufstände zu unterdrücken, die
vor allem von Chiaromonte und Alagona, aber auch von Ventimiglia, Peralta
und Moncada entfacht und von Bonifatius IX. und von Ladislaus
von Durazzo unterstützt wurden. Als
Martin der Ältere 1396 den Thron von Aragon bestieg, bedeutete
dies de facto die Union Siziliens mit Aragon, da der König von Aragon
offiziell zusammen mit seinem Sohn und der Königin
Maria weiterhin über Sizilien herrschte, seit 1409 auch
mit dem Titel König von Sizilien, da beide vor ihm starben.
Nach dem Tod König Martins
(31. Mai 1410) begann von neuem der Kampf der Parteien, die sich um
die zweite Gemahlin Martins des Jüngeren
Bianca von Navarra, die bis dahin Vikarin des Königreiches
gewesen war, und um den Großjustitiatar Bernardo Caprere gebildet
hatten. Die Thronfolge wurde erst durch den Kompromiß von Caspe (1412)
festgelegt, bei dem kein Vertreter Siziliens zugegen war. Benedikt XIII.
investieret den neuen König von Aragon Ferdinand
I. mit Sizilien, das sich de facto endgültig in ein Vizekönigreich
verwandelte, wodurch seine Autonomiebestrebungen und Traditionen zunichte
genmacht wurden. In diesem Status verblieb Sizilien unter Alfons
V. il "Magnanimo" (1416-1458) und unter Johann
II. (1458-1479), bis es unter Ferdinand
II. dem Katholischen (1479-1516) eine Provinz des neugeschaffenen
spanischen Reiches wurde.
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Die Ureinwohner (Sikaner und Sikuler) wurden durch Phöniker,
Karthager und Griechen verdrängt, 241 v.u.Z. wurde Sizilien römische
Provinz; 138/32 und 104/01 v.u.Z. erhoben sich die Sklaven in großen
Aufständen; 493 wurde Sizilien ostgotisch, 535 byzantinisch, 827 setzten
sich die Araber fest; 1061/91 eroberten die Normannen Sizilien und vereinigten
es 1130 unter Roger II. mit Unteritalien
zu einem Königreich. 1194 erbten es die HOHENSTAUFEN,
1268 fiel es an Karl I. von Anjou,
1282 vertrieb ein Volksaufstand (Sizilianische Vesper) die Franzosen und
Sizilien kam zu Aragon, 1720/38 war es habsburgisch,
danach selbständiges Königreich ("Sekundogenitur" der spanischen
BOURBONEN); seit 1815 Königreich
beider Sizilien. Die Revolution von 1848 scheiterte, 1860 durch Garibaldi
befreit, wurde Sizilien ein Teil des Königreiches Italien.
HAUS HAUTEVILLE
| Roger I. | Graf von Sizilien (1072-1101) |
| Simon | Graf von Sizilien (1101-1105) |
| Roger II. | Graf/König von Sizilien (1105/30-1154) |
| Wilhelm I. der Böse | König von Sizilien (1154-1166) |
| Wilhelm II. der Gute | König von Sizilien (1166-1189) |
| Tankred von Lecce | König von Sizilien (1189-1194) |
| Roger III. | König von Sizilien (1192-1194) |
| Wilhelm III. | König von Sizilien (1194) |
HAUS HOHENSTAUFEN
| HEINRICH | König von Sizilien (1194-1197) |
| Konstanze | Königin von Sizilien (1194-1198) |
| FRIEDRICH I. | König von Sizilien (1197-1250) |
| KONRAD | König von Sizilien (1250-1254) |
| Konradin | König von Sizilien (1254-1258) |
| Manfred | König von Sizilien (1258-1266) |
HAUS ANJOU
| Karl I. | König von Sizilien (1266-1282) |
HAUS ARAGON (BARCELONA)
| Peter I. der Große | König von Sizilien (1282-1285) |
| Jakob der Gerechte | König von Sizilien (1285-1296) |
| Friedrich II. | König von Sizilien (1296-1337) |
| Peter II. | König von Sizilien (1337-1342) |
| Ludwig | König von Sizilien (1342-1355) |
| Friedrich III. | König von Sizilien (1355-1377) |
| Maria | König von Sizilien (1377-1402) |
| Martin I. der Jüngere | König von Sizilien (1390-1409) |
| Martin II. der Ältere | König von Sizilien (1409-1410) |