Leon
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 1884
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Leon, Königreich
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[1] Vom asturischen zum leonischen Reich

Das Königreich Leon war Nachfolger des 711 nach der muslimischen Invasion entstandenen asturischen Reiches, das aus Herrschaftsbildungen einheimischer Bevölkerungsgruppen (Kantabrer, Asturier), die von Rom und dem westgotischen Reich von Toledo nur oberflächlich unterworfen worden waren, hervorging, nicht aber als erbe des Westgotenreichs gelten kann. Mitte des 9. Jh. verfügte das asturische Reich, das mit der Hauptstadt Oviedo auch die Gebiete des heutigen Galicien umfaßte, über ein Königtum auf rein agnatischer Grundlage. Zur gleichen Zeit wurde das Reichsgebiet bis zum Duero hin wesentlich erweitert.
Das Land westlich des Duero (Oporto, Chaves, 868) wurde zuerst erobert, wobei es rasch zur Ausbildung adliger Machtzentren kam. Die Eroberung von Leon und Astorga durch Ordono I. (850-866) war der Beginn einer weiteren Expansionsphase, die mit der Einnahme von Zamora (893) und Duenas ihren krönenden Abschluß fand. Die in dieser Phase eroberten Gebiete wurden zwar als völlig unbesiedeltes (strategisches) Niemandsland zwischen dem asturischen Reich und al-Andalus angesehen; tatsächlich gab es dort aber kein absolutes Bevölkerungsvakuum. Noch wichtiger als die bloße politische Konttrolle war die Inbesitznahme, Gestaltung und Beherrschung des Raumes, zusammenfassend mit dem Begriff "Wiederbesiedlung" bezeichnet; der König wie der Hochadel bedienten sich dazu der presura (Landnahme). Vorreiter der Wiederbesiedlung waren neben Herrschern und Adligen die Klöster und Kirchen sowie die genossenschaftlich organisierten Bauern (comunidades de aldea). Bereits im 10. Jh. setzte jedoch ein allmählicher Prozeß des Aufgehens der kleinen Bauerngüter in den großen Adligen und kirchlichen Ländereien ein.
Die Eroberungen und Wiederbesiedlungen führten unter den Nachfolgern Alfons III. (866-910), Garcia (910-914) und Ordono II. (914-924), zur Verlagerung des Zentrums des Reiches in das Gebiet um Leon, das unter Ordono II. als Hauptstadt an die Seite von Oviedo trat. Erst von da an kam man von einem "leonesischen" Reich im eigentlichen Sinn sprechen. Auch in dieser Epoche wurden Herrschaftsausbau und Wiederbesiedlung weitergeführt, so daß sich die Duerolinie stabilisierte; nach dem Sieg Ramiros II. (931-950) über Abdarrahman III. bei Simnancas (939) kam es zu einem Vorstoß südlich des Duero mit Ansätzen zu einer Wiederbesiedlung Salamancas.
In der 2. Hälfte des 10. Jh. vollzog sich ein gewisser Niedergang des asturisch-leonesischen Reiches, nicht nur wegen der Einfälle al-Mansurs, die zur Zerstörung von Leon und Compostela sowie zum Verlust von Zamora (Rücknahme der Duero-Grenze) führten, sondern auch infolge der Adelsaufstände in Galicien und der erfolgreichen Unabhängigkeitsbestrebungen der Grafen des geeinten Kastilien; zudem gab es auch zwischen Cea und Pisuerga faktisch unabhängige Machthaber wie die Grafen von Saldana, Carrion (Beni-Gomez) und Monzon (Ansurez). Doch konnte das Königtum unter Alfons V. (999-1028) zeitweise gegenüber dem Hochadel wieder an Boden gewinnen. Eine geplante Reorganisation des Reiches fand ihren Ausdruck unter anderem in der Territorialgesetzgebung des sogenannten Fuero von Leon (1017).
Auf Verwaltungsebene war das Reich in commissos oder mandationes (Galicien) und in territoria (Asturien und Leon) eingeteilt. Die Verbreitung von Grundherrschaften war bereits wesentlich weiter fortgeschritten als in der Grafschaft Kastilien; die - noch bedeutenden - freien Landgemeinden gerieten in einen Auflösungsprozeß.

[2] Das leonische Kaisertum

Seit Ordono II. führten die asturischen Könige den Titel imperator, weshalb man von der politischen und institutionellen Wirklichkeit eines leonesischen Kaisertums gesprochen hat. Dabei ging man von der Überlegung aus, daß das asturische Reich mit Sitz in Leon der Nachfolger des Westgotenreiches von Toledo sei, eine ideologische Fiktion, die ihre Entstehung der Ausweitung des Reiches zum Duero hin verdankt. Die asturisch-leonesischen Könige führten diesen Titel als Zeichen ihrer Vorrangstellung vor anderen christlichen Fürsten, ohne daß damit aber eine wirkliche Oberherrschaft verbunden gewesen wäre.

[3] Leon und Kastilien

Das asturisch-leonesische Reich erlosch infolge der Expansionspolitik der navarresischen Herrscher mit Vermudo III. (1028-1037). Der Nachfolger Sanchos III. el Mayor, der seit 1029 auch Graf von Kastilien war, Ferdinand, machte dem König von Leon die Gebiete zwischen Cea und Pisuerga streitig (1035). Durch die Niederlage und den Tod Vermudos 1037 bei Tamara wurde Ferdinand König von Leon.
Als leonesischer König war Ferdinand I. (1037-1065) Erbe des asturischen Königtums wie auch des Kaisertitels, der an Leon haftete. Nach dem Tode König Garcias von Navarra bei Atapuerca (1054) war der Kaisertitel gleichbedeutend mit einem Suprematieanspruch (Ausdehnung der Parias, der Tributherrschaften, auf die wichtigsten Taifenreiche). Zugleich knüpfte Ferdinand I. Beziehungen mit Cluny an (als Gegengewicht zur Einschaltung des Heiligen Stuhls in die Kreuzzugsfrage in Spanien) und baute die Königsstadt Leon aus (San Isidoro, 1063). Vor allem im äußersten Westen des Reiches kam es zur Eroberung muslimischer Gebiete (Viseu und Lamego, 1055; Coimbra, 1064), was eine Ausdehnung des Reiches bis zum Mondego zur Folge hatte.
Bei Ferdinands I. Tod wurde das Reich unter seine Söhne aufgeteilt (siehe dazu Kastilien); Leon fiel mit dem Land zwischen Cea und Pisuerga und dem Kaisertitel an den Zweitgeborenen, Alfons VI. Bedeutsam ist die Abtrennung Galiciens als eigenständiges Königreich vom alten asturisch-leonesischen Reich, was wohl mit dem Unabhängigkeitsstreben des mächtigen weltlichen und geistlichen Adels in Galicien zusammenhing.
Unter Alfons VI. (1065-1109), der seit 1072 auch über Kastilien herrschte, kam es in den christlichen reichen Spaniens zu wichtigen Umwälzungen. Die Gesellschaft des Königreiches Leon war eine reine Feudalgesellschaft: Alfons unterstrich die Vorrangstellung seines Kaisertums, indem er seit 1077 in Übereinstimmung mit Cluny und als Reaktion auf die theokratischen Ansprüche Gregors VII. den Titel "imperator totius Hispaniae" führte. Die Eroberung Toledos (1085), der Hauptstadt des ehemaligen Westgotenreiches, sollte nicht zuletzt den Kaisertitel mit einem glaubwürdigen Inhalt füllen. Aus muslimischer Sicht war der Verlust Toledos so schwerwiegend, daß er die Invasion der nordafrikanischen ALMORAVIDEN nach sich zog, was gleichbedeutend mit dem Beginn einer neuen Epoche in der Geschichte von al-Andalus war.
In den neueroberten Gebieten südlich des Duero bildeten sich Concejos mit ausgedehnten Territorien, den sogenannten alfoces; eine Grenzgesellschaft mit städtischen Milizen und freien Bauern entstand, ind er sich edoch allmählich die Umwandlung in eine echte Feudalgesellschaft mit einer typischen Sonderform der Grundherrschaft, dem senorio concejil, vollzog. Nördlich des Duero war die Entwicklung inzwischen bereits klar zugunsten des weltlichen oder geistlichen Grundbesitzes entschieden; dazu kamen noch die Verallgemeinerung der Abhängigkeit der Landbevölkerung, die Gewährung von prestimonia und die Existenz vasallitischer Bindungen innerhalb des Adels. Andererseits fungierten die Adligen als Repräsentanten des Königtums (Verwaltung von königlichen Burgen und Herrschaften), übten aber zugleich Eigengewalt, die in ihrem Allodialbesitz gründete, aus. In den westlichen Territorien kam es eindeutig zu einer Feudalisierung im politischen Sinn; die Schwiegersöhne Alfons' VI., Raimund und Heinrich, erhielten ihre Herrschaft - der eine über Galicien, der andere über das Territorium portucalense - als eine Art Lehnsfürstentum; im Falle Heinrichs bedeutete dies die Grundlage für die rasche Entstehung des Königreiches Portugal.
In der politischen Krise nach dem Tode Alfons' VI. konnte seine Tochter, Königin Urraca (1109-1126), gerade noch die Herrschaft über die eigentlich leonesischen Gebiete behaupten, während Galicien von ihrem Sohn Alfons VII. Raimundez weitgehend eigenständig regiert wurde und Portugal unter Teresa, der Witwe Heinrichs, die Konsolidierung seiner Unabhängigkeit, wenn auch in lehnrechtlicher Bindung an Kastilien errang (1115,1121).
Unter Alfons VII. gewann das Königtum (1126-1157) jedoch seine Handlungsfähigkeit zurück; Kastilien-Leon stellte sich als Feudalgesellschaft mit mächtiger monarchischer Spitze dar, die erneut die Eroberungspolitik in Angriff nahm. Höhepunkt des spanischen Kaisertums war die Krönung Alfons' VII. in Leon (1135); er knüpfte damit an seinen Großvater Alfons VI. an, wodurch die Bindung des Kaisertitels an Leon erhalten blieb; die tatsächliche Wirkung des imperialen Anspruchs zeigte sich in den lehnsrechtlichen Beziehungen anderer Herrscher (vor allem Alfons I. Henriquez als König von Portugal) zum Kaiser. Nach Alfons' Tod (1157) kam es erneut zur Reichsteilung: Ferdinand II. als der Zweitgeborene erhielt Leon und Galicien. Der Vertrag von Sahagun (1158) setzte den Cea als Grenze fest.

[4] Leon als unabhängiges Königreich

Unter Ferdinand II. (1157-1188) und Alfons IX. (1188-1230) war Leon unabhängiges Königreich; seine Herrscher nannten sich Könige von Leon und Galicien, da das Königtum seine Vorrangstellung dort ausbauen wollte. Die Trennung zwischen Kastilien und Leon  verhinderte weder das Kommen und Gehen des Hochadels zwischen den beiden Reichen noch eine weitgehende Angleichung der gesellschaftlichen und institutionellen Strukturen. Die Idee eines spanischen Kaisertums wurde von der Vorstellung der weitgehend gleichrangigen Fünf Reiche (Leon, Kastilien, Navarra, Aragon und Portugal) abgelöst. Politisch gesehen standen die Königreiche Portugal und Kastilien, doch auch die Einfälle der ALMOHADEN (1184) einer weiteren Expansion Leons im Wege. Andererseits führte die von Ferdinand II. und Alfons IX. aktiv betriebene innere Ausbaupolitik (sogenannte repoblaciones interiores) zu einer Reorganisation des Königsgutes in den angestammten Reichsgebieten; Mayorga, Benavente, Villapando und Mansilla entstanden zwischen 1167 und 1181.  Die Konflikte wischen Kastilien und Leon waren von solcher Tragweite, daß sie andere Königreiche wie Aragon und Portugal in Mitleidenschaft zogen und die Beziehungen zu den ALMOHADEN beeinflußten. Die Friedensverträge zwischen den beiden Reichen (Medina di Rioseco 1181, Fresno-Lavandera 1183, Tordehumos 1194, Cabreros 1206) dienten zur Absicherung der Grenzen, machten aber auch die wechselseitige Einmischung des Adels und der Herrscher deutlich. Alfons IX. gelang eine Stärkung der Königsgewalt; das Reich erfuhr unter seiner Regierung mit der Eroberung von Caceres (1229), Merida und Badajoz (1230) seine größte Audehnung.  Grundlage für die Macht der Concejos im Gebiet südlich des Duero und den Transfer dieser Herrschaftsform in den Norden (zum Beispiel nach Leon) war die Konsolidierung der führenden städtischen Schichten. Durch den Aufstieg neuer sozialer Gruppen erfolgte eine allmähliche Umwandlung der königlichen Curia und letztlich die Ausbildung der späteren Cortes; die Hoftage von Leon (1188/1208) und Benavente (1202) belegen bereits diesen reifungsprozeß der leonesischen Feudalmonarchie, der demjenigen in Kastilien unter Alfons VIII. und Ferdinand III. entsprach.

[5] Die erneute Vereinigung

Unter dem Sohn Alfons' IX., Ferdinand III., der seit 1217 König von Kastilien und seit 1230 König von Leon war, kam es nach dem Verzicht der Töchter Alfons' IX. und Teresas, Sancha und Dulce, auf ihre Thronansprüche zur definitiven Vereinigung beider Reiche. Zu diesem Zeitpunkt war die Feudalmonarchie bereits deutlich gefestigt. Kastilien-Leon stand am Beginn einer neuen Phase der Expansion in die andalusische Betica. Dies bewirkte endgültig einen Verzicht auf patrimonaile Vorstellungen, die in älterer Zeit zu Erbteilungen geführt hatten. Die Königsgewalt (senorio del Rey) erschien nun immer deutlicher als die übergeordnete Wirklichkeit, die sowohl in Kastilien als auch in Leon die verschiedenen anderen Herrschaftsformen einschloß.
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Im 2. Jahrhundert v.u.Z. römisch, 5. bis 8.Jahrhundert Herrschaft der Westgoten, danach von den Arabern erobert; 910-1037 und 1157-1230 als Nachfolgestaat Asturiens selbständiges Königreich, 1037-1157 und seit 1230 Vereinigung mit Kastilien.
 
 
 
 
Garcias I.                                          König von Leon  910- 914
Ordogno II.                                       König von Leon  914- 924
Fruela II. der Aussätzige                     König von Leon  924- 925
Alfons IV. der Mönch                        König von Leon  925- 931
Ramiro II.                                         König von Leon  931- 951
Ordogno III.                                      König von Leon  951- 955
Sancho I. der Dicke                           König von Leon  955- 966
Ordogno IV. der Böse                        König von Leon  958- 960
Ramiro III. Flavio                              König von Leon  966- 985
Bermudo II. der Gichtbrüchige           König von Leon  985- 999
Alfons V.                                          König von Leon  999-1028
Bermudo III.                                     König von Leon 1028-1037