Begraben: St-Denis
Ältester Sohn des Königs
Ludwig VIII. der Löwe von Frankreich und der Blanka
von Kastilien, Tochter von König
Alfons VIII.
Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 2184
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Ludwig IX. der Heilige, König von Frankreich
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* 25. April 1214, + 25. August 1270
Poissy
Karthago
Begraben: St-Denis
Sohn von Ludwig VIII. (+ 8. November 1226) und Blanca von Kastilien (+ 1252), gekrönt am 29. November 1226 in Reims.
oo 27. Mai 1234 Margarete von Provence
11 Kinder: unter ihnen
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Ludwig (+ 1260)
Philipp III.
Seine Mutter führte bis 1223 die Regentschaft, während
derer sie vor allem die Adelsoppoistion (Grafen von der Marche, Bretagne,
Champagne u.a.) erfolgreich bekämpfte. Nach Erreichen der Volljährigkeit
setzte Ludwig IX. der Heilige seine
Brüder Robert von Artois und Alfons
von Poitiers in ihre Apanagen ein; gegen die Installierung
Alfons' erhob sich ein erneuter Aufstand des Grafen von der
Marche, Hugo von Lusignan, unterstützt von König
Heinrich III. von England. Ludwig IX.
ließ Hugos Burgen im Poitou schleifen und schlug die Verbündeten
bei Taillebourg und Saintes (20. und 22. Juli 1242). Graf Raimund VII.
von Toulouse, der sich gleichfalls erhoben hatte, mußte sich im Januar
1243 unterwefen. Nach der Zerschlagung letzter Widerstandszentren
(Montsegur, Queribus) sicherte der König die Befriedung des Languedoc
durch die Gründung der Hafenstadt Aigues-Mortes (1246) und die Befestigung
von Carcassonne ab. Auch der Herzog von Burgund und der Graf von Champagne
mußten Gehorsam versprechen. Der König behandelte die Barone,
die sich ihm unterworfen hatten, großmütig.
Ludwig IX. der Heilige führte
die traditionell guten Beziehungen der KAPETINGER
gegenüber den STAUFERN
weiter,
ohne sich jedoch der antipäpstlichen Politik FRIEDRICHS
II. anzuschließen, der dii Großen Franreichs auf
seine Seite zu ziehen suchte. Zwar war Ludwig
IX. nicht zu einem Empfang Papst Innozenz' IV. in Frankreich
bereit, doch sicherte er dem Konzil von Lyon (1245) bei einem eventuellen
Anschlag der Kaiserlichen seinen Schutz zu und war bestrebt, eine Versöhnung
zwischen Papst und Kaiser zu erreichen. 1244 nahm er das Kreuz, bereitete
seinen Kreuzzug mit großer Sorgfalt vor und brach 1248 von Aigues-Mortes
in den Osten auf. Nach Überwinterung auf Zypern landete er in Ägypten
und nahm Damietta am 5. Juni 1249 ein Auf seinem Marsch gegen Kairo bei
Mansura aufgehalten und mit den Resten seines Heeres gefangengenommen,
kam er gegen Lösegeld frei. Er blieb bis 1254 im Heiligen Land, um
dessen Verteidigung zu konsolidieren und richtete hier eine ständige
Garnision ein. 1267 nahm Ludwig IX. der Heilige
erneut das Kreuz und landete 1270 in der Nähe von Tunis, starb
aber bald an einer Epidemie.
Schon seit 1248 hatte der König Kontakte mit dem
Hof der Mongolen angeknüpft (Gesandtschaftsreise des Andreas von Longjumeau)
und damit die Mongolen zum Gedanken einer Allainz gegen das Ägypten
der Mamluken angeregt; die Perspektivedieses ereits 1262 von dem Ilchan
Hülägü vorgeschlagenen Bündnisses bestimmte den Kreuzzug
von 1270 mit.
Die Vorbereitung des ersten von Ludwig
IX. durchgeführten Kreuzzuges war Anlaß für
eine weitgespannte Untersuchung (inquisito,
enquete) der
Mißbräuche, die im Namen des Königs und seiner Vorgänger
stattfanden. Nach seiner Rückkehr (1254) erließ Ludwig
IX. der Heilige eine große Ordonnanz, der weitere folgen
sollten. Er reformieret die Justiz, das Pariser Zunftwesen, ließ
das Parlement regelmäßig zusammentreten, verbot den gerichtlichen
Zweikampf und die private Fehde, um den Preis eines Konflikts mit den Baronen
(Affäre des Sire de Coucy) Der König schuf eine neue Münze
(silberner gros tournois d'argent, agnel d'or), bekämpfte
den Wucher und befahl gar die Vertreibung der jüdischen und lombardischen
Wucherer. Er respektierte die Rechte der Kirche, unterband aber eine Ausweitung
der kirchlichen Jurisdiktion und war mit Nachdruck bemüht, die Besteuerung
des Klerus (Zehnten) wiederherzustellen. Häufig wurde Ludwig
IX. der Heilige als Schiedsrichter aufgerufen, so im Erbfolgestreit
der Grafschaften Flandern und Hennegau (1256) sowie in den Konflikten um
Namur, Ligny, Lyon und die Freigrafschaft Burgund. Sein Vermittlungsversuch
im Streit zwischen König Heinrich III. und
den englischen Baronen (sogenannte Mise d'Amines, 1264) scheiterte jedoch.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Ludwig IX. der Heilige
ein
friedliches Verhältnis zum England Heinrichs
III. hergestellt, indem er für die an die KAPETINGER
verlorengegangenen
Gebiete der PLANTAGENETS
finanzielle
Kompensationen geleistet und den Lehnseid König
Heinrichs III. für die Guyenne empfangen hatte (1259).
Auch mit Aragon, dem er die französische Suzeränität (Lehnshoheit)
über Katalonien abtrat (1258), erreichte er einen Ausgleich. Nicht
ohne Zögern erteilte er seinem Bruder Karl
von Anjou die Zustimmung zur Erberung Siziliens (1265).
Fromm erzogen, erfüllte
Ludwig IX. der Heilige mit äußerster Gewissenhaftigkeit
seine Christenpflicht. Dem Reliquienkult und Ablaßwesen tief verbunden,
ließ Ludwig IX. die Sainte-Chapelle
zu Paris als Aufbewahrungsort der Passionsreliquien erbauen. Er gründete
nd beschenkte zahlreiche Klöster, unter anderem Royaumont, förderte
die Bettelorden und erweiterte die karitativen Werke in großem Maße,
wobeier sich in demutsvoller Haltung persönlich der Armenpflege widmete.
Im Bestreben, Juden und Muslime zum Christentum zu bekehren, zeigte er
sich aufgeschlossen für die Mongolenmission Wilhelms von Rubruk. Er
ließ den Talmud verbrennen (1242), erhielt aber im allgemeinen die
Toleranz seiner Vorgänger aufrecht, wenn er auch die Katharerverfolgung
der Kirche unerstützte. Nach seiner Kreuzfahrt wurde er zum strengen
Büßer. Die seiner Lebensführung zuerkannte Heiligkeit führte
rasch zur Eröffnung eines Kanonisationsprozesses, der mit der Heiligsprechung
durch Bonifatius VIII. (1297) seinen Abschluß fand.
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Ludwig IX. der Heilige
folgte seinem Vater unter der Vormundschaft seiner Mutter, die für
ihn 10 Jahre lang die Regentschaft führte und mit Geschick und Umsicht
die innen- und außenpolitischen Angelegenheiten erledigte. Sobald
er volljährig war, stellte er seine diplomatische Begabung unter Beweis.
Ludwig
muß
zu den größten französischen Monarchen des Mittelalters
gerechnet werden. Als kluger und tatkräftiger Mann konnte er sowohl
die englischen Intrigen wie die Unabhängigkeitsbestrebungen des Feudaladels
vereiteln. Durch den Ausbau der königlichen Gerichtsbarkeit (Entwicklung
des zum zentralen Gericht für ganz Frankreich werdenden Parlaments
in Paris) und der Verwaltung mit Hilfe von Rechtsgelehrten aus dem Bürgertum
(Legisten) gelang es ihm, die staatliche Zentralisation zu fördern
und das Ansehen des Königtums weiter zu steigern. Im Ergebnis des
Albigenserkreuzzuges (1229) mußte Raimund VII. von Toulouse einen
Teil der Grafschaft an den König abtreten und seine Erbtochter mit
dem Bruder des Königs,
Alfons von Poitiers,
vermählen. Damit faßte das Königtum an der Mittelmeerküste
Fuß und schuf sich eine Basis in S-Frankreich. Als Führer des
7. Kreuzzuges eroberte er 1249 Damiette, wurde jedoch 1250 bei Mansurah
geschlagen, gefangengenommen und gegen hohes Lösegeld freigelassen.
Als erster französischer König ließ er seit 1257 Goldmünzen
prägen. Im Vertrag von Corbeil (11. Mai 1258) verzichtete Ludwig
IX. auf die praktisch wertlose Lehnshoheit über die Grafschaft
Roussillon und Barcelona und erreichte, dass Jakob
I. von Aragon seine Erbansprüche auf die Grafschaften Toulouse
und Provence aufgab. Im Vertrag von Paris (28. Mai 1258) erkannte Ludwig
IX. den englischen Besitzstand in Aquitanien (Herzogtum Guyenne)
an, dafür verzichtete Heinrich III. von England
auf die Normandie, Anjou und Poitou und leistete für Aquitanien den
Lehnseid. Auf dem 8. im Interesse Karls von Anjou
nach Tunis unternommenen Kreuzzug erlag Ludwig
mit
einem Teil des Heeres der Pest.
Während das Herz des Königs auf Verlangen des
Heeres in N-Afrika blieb, um seither verloren zu sein, und seine Eingeweide
in der Kathedrale von Monreale bei Palermo beigesetzt wurden, gelangten
die Gebeine nach einem langen und beschwerlichen Weg am 21.5.1271 nach
Paris, um nach einer Messe in Notre-Dame sodann in der Königsabtei
von St-Denis bestattet zu werden. Am 11.8.1297 wurde er von Papst Bonifaz
VIII. heiliggesprochen.
Pernoud Regine: Seite 11-29
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"Die Kapetinger" in: Die großen Dynastien
Schon am 29. November dieses tragischen Jahres 1226 fand
die Krönung Ludwigs IX. statt.
"Alles weinte", schreibt ein Augenzeuge der Zeremonie, in der sich "Freude
und Trauer" durchdrangen. Der für die Feierlichkeit ausgewählte
Gesang erstaunte manchen Widerstrebenden. Sein Komponist, ein unbekannter
Geistlicher, hatte ihn Gaude felix Francia überschrieben, freue dich
glückliches Frankreich. Doch im Lauf der Zeit sollte sich dieser Titel
als Prophezeiung erweisen.
Tatsächlich erreichte die Dynastie der
KAPETINGER unter Ludwig IX. (1226-1270)
ihren Zenit. Guillaume des Nangis, ein Mönch, der das sogenannte "historiographische
Atelier" der Abtei Saint-Denis ins Leben gerufen hatte, erging sich um
das Jahr 1300 in enthusiastischen Betrachtungen über das Königreich
der Lilien: "Die französischen Könige pflegten auf ihre Waffen
und Bannern eine aufgemalte dreiblättrige Lilie zu tragen, gleichermaßen
um aller Welt kundzutun, dass von dem Glauben, dem Wissen und der Ehre
des Rittertums durch Gottes Vorsehung in unserem Königreich mehr zu
finden sei als in allen anderen."
Diesen Glanz, zu dem auch Friede und Wohlstand sich gesellten,
verdankte das Land jenem Herrscher, den der Volksmund bereits zu seinen
Lebzeiten "den heiligen König" nannte - aber ebenso seiner Mutter
Blanka. Sie regierte im Namen ihres Sohnes so lange, bis er
mündig geworden war; später trug sie durch tatkräftige Unterstützung
und zunehmend auch durch ihren Rat zum guten Gelingen der Angelegenheiten
des Königreiches bei. Sie übernahm die Leitung der Regierung
vollends, als Ludwig IX. dem Beispiel
seiner Vorfahren folgend, sich mit seiner Gattin im Aigues-Mortes einschiffte,
einem Hafen, den er eigens für seinen Aufbruch ins Heilige Land hatte
bauen lassen. Blanka starb 1252, ohne
ihren Sohn noch einmal gesehen zu haben, doch hinterließ sie ihm
ein intaktes und wohlgeordnetes Königreich.
Ein intaktes Reich. Dem Geist jener Zeit entsprechend,
hatte man nicht versucht, die Grenzen auszudehnen, sondern vielmehr die
durch den Lehnseid geknüpften Bande zu festigen. So anerkannte die
Bretagne nach mehreren Jahren Widerstand im Jahre 1234 die Oberhoheit des
französischen Königs. Diese Oberhoheit wurde über mehr als
100 Jahre, bis zu den Kriegen zwischen Frankreich und England, nicht wieder
in Frage gestellt. Desgleichen versuchte Blanka
unmittelbar nach der Thronerhebung ihres Sohnes, in dem von so vielen blutigen
Schrecken heimgesuchten Süden den Frieden wiederherzustellen. Schon
1229 kam es in Paris zum Abschluß eines Vertrages, mit dem auch Raimund
von Toulouse formell die Oberhoheit des französischen Königs
anerkannte und seine einzige Tochter einem Bruder des Königs, Alfons,
damals bereits Graf von Poitou und Auvergne, zur Gattin versprach. Blanka
hatte sich in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass Raimund VII. ihr
Vetter 1. Grades war. Später sollte sich dieser, nachdem er den Friedensschwur
gebrochen und sich mit dem König von England gegen seinen Lehnsherrn
verbündet hatte, nicht scheuen, sich, um Vergebung zu erlangen, auf
diese Verwandtschaft zu berufen.
Blanka war es auch,
die für ihren Sohn eine Heirat außerhalb seines Reiches in die
Wege leitete, denn auch sie hegte, wie ihre Großmutter, eine Vorliebe
für "europäische Perspektiven". So heiratete Ludwig
Margarete, die älteste Tochter des Grafen der Provence,
Raimund-Berengar VII. Die Verbindung mit Margarete
eröffnete dem Königreich neue Aussichten auf das Rhonetal, auf
jene Gebiete des Kaiserreichs, die im Unterschied zu anderen Ländern
der Languedoc niemals zu Frankreich gehört hatten. Auch führte
diese Heirat der Dynastie wiederum eine eindrucksvolle Frauengestalt zu.
Die junge Margarete (1234, im Jahr
ihrer Heirat mit dem 20-jährigen Ludwig,
war sie erst 13 Jahre alt), zunächst noch von einer Schwiegermutter,
die ihren Fähigkeiten mißtraute, von den Regierungsgeschäften
ferngehalten, sollte diese Fähigkeit später voll zur Entfaltung
bringen.
Margaretes Beteiligung
an der glücklichen Beendigung der Feindseligkeiten gegen England steht
außer Zweifel. Diese Feindseligkeiten hatten beständig zwischen
den beiden Königreichen weitergeschwelt. König
Heinrich III., der unter dramatischen Umständen auf den
Thron des Hauses PLANTAGENET gelangt
war, gedachte natürlich nicht, auf die von seinem Vater von König
Philipp abgenommenen Provinzen (Poitou, Maine, Anjou und das
Herzogtum der Normandie) zu verzichten. Er verweigerte dem französischen
König daher den Lehnseid für Guyenne, das er als Ausgangsbasis
für künftige Rückeroberungen zu benutzen gedachte. Er machte
sich die Unzufriedenheit der südfranzösischen Herren zunutze,
insbesondere die Raymond Trencavels, welcher Anspruch auf Carcassonne erhob
(dem Frieden von 1229 hatte er sich nicht angeschlssen) und landete
1242 in Rouen, mußte jedoch seine hochfliegenden Eroberungspläne
begraben, als er bei Taillebourg und Saintes von Ludwig
IX. vernichtend geschlagen wurde (21./22. Juli 1242). Es war
dies übrigens das einzige Mal, dass der französische König
zu militärischen Operationen auf seinem eigenen Gebiet gezwungen wurde,
wenn man von dem Verlust einiger dem jeweiligen Seneschall anvertrauter
Burgen im Süden absieht, wie zum Beispiel Montsegur 1244 und Queribus
1255. 40 Jahre oder mehr herrschte in seinem Reich ununterbrochen
Frieden, nachdem einige Erhebungen niedergeschlagen worden waren, welche
die ehrgeizigen Barone in der Hoffnung, sich der einer Frau und einem Kinde
zugefallenen Krone bemächtigen zu können, in der Bretagne angezettelt
hatten. Auch mit England wurde durch den Pariser Vertrag von 1258 endlich
Frieden geschlssen. Im darauffolgenden Jahr wurde der Vertrag durch den
englischen König feierlich ratifiziert. Zustande gekommen war er auf
einer gemeinsamen Basis. Ludwig trat
König
Heinrich alle seine Besitzungen in den Bistümern Limoges,
Cahors und Perigeux ab und räumte ihm Rechte über einen Teil
der Gebiete Saintonge, Agennais und Quercy ein, das Johanna von Toulouse
gehörte. Als Gegenleistung erhielt er die Anerkennung seiner Oberhoheit
über das gesamte englische Guyenne. Es geschah, was man seit Beginn
des Jahrhunderts nicht mehr erlebt hatte: Der englische König leistete
seinem Lehnsherrn, dem König von Frankreich, für seinen Kontinentalbesitz
den Lehnseid. Dieser Vorgang bedeutete nicht weniger als das Ende der englisch-französischen
Besitzansprüche auf die von Johann ohne Land
verlorenen
Provinzen.
Margarete hatte ihren
Teil zu den Verhandlungen beigetragen, die das gute Einvernehmen zwischen
Frankreich und England begründeten. Sie stand ihrer Schwester Eleonore
sehr nahe und besaß das uneingeschränkte Vertrauen Heinrichs
III. Wenig später, als er sich von seinen aufsässigen
Baronen bedroht fühlte (unter anderem von Simon de Montfort, der auf
Drängen des Papstes die Führung des des Kreuzzuges gegen die
Albigenser übernommen hatte), vertraute er seinen Privatschatz ihrer
Obhut an, und sie verwahrte ihn in Paris, hinter den festen Mauern des
Temple.
In die weiten Ländereien Frankreichs war mit dem
Frieden der Wohlstand eingezogen. Für die erweiterte Krondomäne
bedurfte es einer gleichmäßigeren Kontrolle. Daher vermehrte
man die Zahl jener Bailli oder Seneschall genannten königlichen Beamten,
die es bereits unter früheren Regierungen gegeben hatte. Es waren
dies nicht mehr, wie ehedem die Vögte oder Kastellane, Männer,
denen die Verwaltung einer Domäne oblag, von der sie ihre Einkünfte
erhoben, sondern vielmehr bezahlte, absetzbare Beamte auf Zeit, deren Aufgabe
es war, den König in allen Dingen zu vertreten. Sie mußten Recht
sprechen, lokale Steurn erheben, Bauwesen und Beschaffung überwachen
usw. In dieser Anfangszeit der Verwaltung führte Ludwig
IX. eine Reform durch, die es in keiner Verwaltung nach ihm
gegeben hat: Er entsandte in das gesamte Reich Untersuchungsbeamte mit
dem Auftrag, nicht etwa Ballis und Seneschalle zu kontrollieren, sondern
herauszufinden, was das niedrige Volk bewegte, seine Klagen zusammenzutragen,
seine Reaktionen auf etwaige Überbelastungen zu registrieren. Mit
einem Wort, sie sollten auch dem Geringsten im Volke die Gegenwart des
Königs fühlbar machen und jene anhören, auf die sonst niemand
hörte. Dieser den kleinen Leuten so verbundene König war es auch,
der die Goldwährung wiedereinführte. Seit fünf Jahrhunderten
waren keine Goldmünzen mehr geprägt worden. Im Jahre 1254, nach
der Rückkehr des Königs aus dem Heiligen Land, wurde diese Maßnahme
in Angriff genommen. Der Goldtaler mit der Lilie wurde zur stabilsten Währung
in Europa; er setzte sich nicht nur in Frankreich, sondern im ganzen Abendland
als Zahlungsmittel durch.
Die Wissenschaft, von der Guillaume de Nangis berichtet,
war würdig vertreten an der Universität von Paris, einem "Born
des Wissens", wo die größten Geister Europas lehrten, von Albert
dem Großen aus Sachsen über seinen Schüler, den Italiener
Thomas von Aquino, bis hin zu dem Engländer Roger Bacon. Eine internationale
Welt, zu der die Studenten von überallher heranströmten und sich
nach ihrer Herkunft in "Nationen" zusammenschlossen. Nach dem Frieden von
1229 öffnete in Toulouse eine zweite Universität für das
Mittelmeergebiet ihre Pforten.
Und schließlich war dies auch die Zeit,in der die
großen Kathedralen des Kronlandes errichtet wurden. Reims, aber auch
Sens, Amiens, Rouen, Chartres und in ihrem Umkreis zahllose Pfarrkirchen
(zwölf allein auf der Ile de la Cite in Paris) legen Zeugnis ab von
der architektonischen Kühnheit, die so großartige Neuerungen
hervorgebracht hat wie den gekreuzten Spitzbogen und den Strebepfeiler.
Diese ermöglichten die durchbrochenen Wände, wie wir sie noch
heute an der Sainte-Chapelle bewundern, die der König für seinen
Palast auf der Ile de la Cite bauen ließ.
Um das Bild abzurunden, muß auch die Inquisition
erwähnt werden. Es sei jedoch hinzugefügt, dass es gänzlich
verfehlt wäre, sie als eine Schöpfung der KAPETINGER
zu bezeichnen, denn es handelte sich um eine Institution des Heiligen Stuhles
und nicht der Krone. Ihr Wirken begann in Frankreich im Jahre 1233, und
wenn der König den Inquisitoren auch Unterstützung bot, so ließ
er es doch nie zu Exzessen kommen wie Raimund VII., Graf von Toulouse,
der 1249 in Berlaigues bei Agen 24 Ketzer ohne ein Urteil der Inquistion
auf den Scheiterhaufen schickte.
Trotz aller Erfolge starb der König unzufrieden,
denn er hatte Jerusalem nicht zurückerobert. Ihm bedeutete das Heilige
Land mehr als seine eigene Heimat. Sechs Jahre seines Lebens, von 1248
bis 1254, widmete er dem Wiederaufbau der Burgen Palästinas und der
Wiederherstellung der Ordnung unter den im Vorderen Orient ansässig
gewordenen Baronen, nachdem sein Kreuzzug gegen Ägypten gescheitert
war. Auf seinem zweiten Kreuzzug, der ihn, wohl auf Veranlassung seines
Bruders Karl von Anjou, über Tunis
führte, starb er, nicht an der Pest, wie immer wieder in den Schulbüchern
zu lesen ist, sondern durch eine Ruhrepedemie, die seine Armee grausam
dezimierte. Seine sterblichen Überreste wurden nach der von ihm gegründeten
Abtei Royaumont überführt und später, als er dem Wunsch
des Volkes entsprechend heiligegsprochen wurde (6. August 1297) nach Saint-Denis
überführt.
27.5.1234
oo Margarete von Provence, Tochter des Grafen
Raimund Berengar V.
1221-20.12.1295
10 Kinder:
Blanka
4.12.1240-29.4.1243
Isabella
2.3.1242-27.4.1271
1255
oo Theobald III. König von Navarra
1237-4.12.1270
Ludwig Erb-Prinz
1244- 1260
Philipp III. der Kühne
3.4.1245-5.10.1285
Johann
-10.3.1247
Johann Tristan Graf von Nevers
8.4.1250-3.8.1270
vor Tunis
1265
oo 1. Jolanthe von Burgund, Tochter des Grafen
Odo, Erbin von Nevers
1248-2.6.1280
Peter I. Graf von Alencon, Blois und Chartres
1251-6.4.1283
Blanka
1253-17.6.1320
Jaffa Paris
Sie gründete das Kloster Cordeliers/Paris.
13.11.1269
oo Ferdinand Herzog de la Cerda
4.1.1256-25.7.1275
Robert Graf von Clermont
1256-7.2.1317
1272
oo Beatrix von Bourbon, Erbtochter des Seigneur
Johann
1257-1.10.1310
Agnes
1260- 1327
1279
oo Robert II. Herzog von Burgund
um 1248-9.10.1305
Margarete
1254- 1271
1270
oo Johann I. Herzog von Brabant
1252/53-3.5.1294
Literatur:
------------
Die Begegnung des Westens mit dem Osten, hg. von
Odilo Engels und Peter Schreiner, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1993,
Seite 142,149, 250, 252,257,283,291 - Ehlers Joachim: Die Kapetinger.
W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 157,159, 161,164-180,182-187,189-194,197,204,220,224,234,239
- Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer
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- Engels, Odilo: Die Staufer. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin
Köln 1972, Seite 137,149, 154,156,159 - Favier, Jean: Frankreich
im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart
1989 Seite 127,142,167-170,177,179,182,187,194,198,200,203-208,211,213-217,219-223,225-231,236,241,244,246,251-257,
259,267,269,298, 301,334,356,387,412,452 - Giardini Cesare: Don
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Sylvia: Die Herrinnen der Loire-Schlösser. Königinnen und Mätressen
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Regine: Herrscherin in bewegter Zeit. Blanca von Kastilien, Königin
von Frakreich. Diederichs Verlag München 1991 Seite 7,45,67,103,111,114,124,126,129,133,136,143,148,155,166,169,172,174,192,195,198,204,207,212,218,221,226,232,236,
250,253,256, 259,261,263,266,269, 273,282,287,291,295,308 - Runciman,
Steven: Geschichte der Kreuzzüge, Sonderausgabe in 1 Band Verlag H.C.
Beck München 1978, Seite 916,928,1032-1033,1034,1035-1038,1038-1039,1039-1040,1041-1046,1048-1051,
1051-1058,1058-1061,1068-1070,1109,1111-1112 - Schnith Karl: Frauen
des Mittelalters in Lebensbildern. Verlag Styria Graz Wien Köln 1997
Seite 213,233 - Taillandier Saint-Rene: Heinrich IV. Der Hugenotte
auf Frankreichs Thron. Eugen Diederichs Verlag München 1995 Seite
31,150,234,252,262,290,348,398,410,425,428,431,455,464,480,487,490-496,498,506,513,517-520
- Treffer Gerd: Die französischen Königinnen. Von Bertrada
bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert) Verlag Friedrich Pustet Regensburg
1996 Seite 15,77, 118,123,126,132,140,161,165,187,192,209,255 - Tuchmann
Barbara: Der ferne Spiegel. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1995
Seite 26,28,33,49,113,424 - Vones Ludwig: Geschichte der Iberischen
Halbinsel im Mittelalter 711-1480. Reiche - Kronen - Regionen. Jan Thorbecke
Verlag Sigmaringen 1993 Seite 123,131-133,151 - Westmitteleuropa
- Ostmitteleuropa. Vergleiche und Beziehungen. Festschrift für Ferdinand
Seibt zum 65. Geburtstag, hg. von Winfried Eberhard, Hans Lemberg, Heinz-Dieter
Heimann und Robert Luft, R. Oldenbourg Verlag München 1992, Seite
64,97,108,111-112,114 - Wies, Ernst W.: Friedrich II. von Hohenstaufen.
Messias oder Antichrist, Bechtle Esslingen 1998, Seite 173,181,223,247,254,263,276,291
- Winkelmann Eduard: Kaiser Friedrich II. 2. Band, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft Darmstadt 1963, Seite 45,125,182,225,241,292,366,385,489
- Wolfram, Herwig: Konrad II. 990-1039. Kaiser dreier Reiche. C.H.
Beck'sche Verlagsbuchhandlung München 2000 Seite 12 -
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Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller
Bernd: Seite 176-193
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"Die französischen Könige des Mittelalters"
Ludwig Vones
LUDWIG IX., König von Frankreich 1226-1270
------------------
* 25.4.1214, + 25.8.1270
Poissy
Karthago
Begraben: am 21.5.1271 in St-Denis
Heiliggesprochen am 11.8.1297
Vater:
-------
Ludwig VIII., König von Frankreich
Mutter:
---------
Blanche (Blanca) von Kastilien, Tochter König Alfons
VIII. von Kastilien und der Eleonotre von England
Salbung und Krönung in Reims am 29.11.1226
Geschwister: unter anderem
---------------
Robert, Graf von Artois (* 4.9.1216, + 9.2.1250)
Alfons, Graf von Poitiers und Toulouse (* 11.11.1220,
+ 21.8.1271)
Karl, Graf von Anjou und der Provence (* Ende 3.1226,
+ 7.1.1285)
Isabellla (sel:) lebte seit 1263 bei den Klarissen von
Longchamp (* 1224, + 22.2.1269)
oo 27.5.1234
MARGARETE VON PROVENCE
* 122, + 20.12.1295
Tochter von Raimund Berengar V., Graf von der Provence
und der Beatrix von Savoyen
11 Kinder: darunter
-------------
Ludwig, Erbprinz (* 1244, + 1260)
Philipp III. der Kühne, König von Frankreich
(* 3.4.1245, + 5.10.1285)
Johann-Tristan, Graf von Nevers (* 8.4.1250, + 3.8.1270)
Peter, Graf von Alencon (* 1251, + 6.4.1283)
Robert, Graf von Clermont (* 1256, + 7.2.1317)
Isabella (* 2.3.1242, + 27.4.1271), Gemahlin Theobalds
V. von der Champagne
Blanche (* 1253, + 17.6.1320), Gemahlin Ferdinands de
la Cerda
Margarete (* 1254, + 1271), Gemahlin des Herzogs Johann
von Brabant
Agnes (* 1260, + 1327), Gemahlin des Herzogs Robert II.
von Burgund
Welche Herrschertugenden mußte ein mittelalterlicher
König aller Welt vor Augen führen, um nur wenige Jahrzehnte nach
seinem Tod heiliggesprochen zu werden, obwohl doch zu seinen Pflichten
auch der Schutz seiner Untertanen und die Bestandsicherung seines Reiches
bis hin zum blutigen Kampf gehörten? Wie mußte er sein Leben,
seine Politk und sein Verhältnis zur Kirche gestalten, um noch vor
seinem Tod in den Geruch der Heiligkeit zu geraten und schon bald danach
jene Verehrung zu erharen, jene Wunder zu bewirken, die die Aufnahme eines
offiziellen Kanonisierungsverfahren rechtfertigen? Kurzum: Wie wurde man
im Mittelalter ein 'Heiliger König'? Solche und ähnliche Fragen
könnten zur Regierungszeit des französischen
Königs Ludwig IX. gestellt werden, um den wirklichen Kern
jener Epoche zu erfassen, die von vielen Historikern als das 'Zeitalter
Ludwigs des Heiligen' - Le siecle de Saint Louis - bezeichnet wird. Als
Papst Bonifaz VIII., der als Kardinal selbst am Heiligsprechungsverfahren
beteiligt gewesen war, 1297 den König endgültig zur Ehre der
Altäre erhob, ließ er nicht nur die Kanonisierungsbulle 'Gloria
laus' veröffentlichen, sondern widmete ihm auch zwei Sermones, die
er im alten Papstpalast sowie in der Franziskanerkirche von Orviete hielt.
Die zweite dieser Predigten stellte er unter das Thema Rex pacificus magnificatus
est, und sah so Ludwig in der Nachfolge
des alttestamentarischen König Salomon,
als der der KAPETINGER schon in den
gemeinsam mit seiner Mutter der Kathedrale von Chartres gestifteten Kirchenfenster
abgebildet war. Hier, in den gleichzeitig oder kurze Zeit danach verfaßten
Lebensbeschreibungen und in den bald entstandenen Offizien erscheint
Ludwig IX., manchmal auch wie ein neur Josias, als rex pacificus,
als friedliebender und friedensbrigender König; als rex iustus, als
gerechter und die Rechte wahrendern Herrscher, für den die Herstellung
der Gerechtigkeit, der iustitia, den Weg zum Frieden bereitet; als rex
pius, als frommer und barmherziger Verteidiger der Kirche; als rex magnus,
als mächtiger König, der in die Ferne wirkt, seine Herrschaft
zur Geltung bringt, ausdehnt und selbst Erhöhung erfährt, aber
immer geleitet wird von christlicher Barmherzigkeit, Demut und der rechten
Absicht; als rex christianissimus, als allerchristlichster König,
dessen ganzes Streben auf Gott gerichtet ist und der seine höchste
Erfüllung in der Liebe zu Gott, im amour de Dieu, findet, ja den man
als amicus Dei mit menschlichen Maßstäben nicht mehr messen
kann, der nicht nur das Leben eines Menschen geführt hat, sed super
hominem - jenseits menschlichen Fassungsvermögen, eben das Leben eines
rex sanctus, der allen anderen Königen die Norm für die Heiligkeit
gesetzt hat: norma sanctitatis regibus.
Schon dem jungen Ludwig
sollte sich reichlich Gelegenheit bieten, sich als rex pacificus zu erweisen,
der seinem Volk die ersehnten Zeiten von Frieden und Gerechtigkeit brachte.
Als sein Vater unerwartet früh am 8. November 1226 in Montpellier
starb, war die Thronfolge durch die vorsorglich niedergelegten Verfügungen
eines ersten Testaments zwar grundsätzlich gesichert, so dass der
12-jährige nur drei Wochen später die Krone, totum regnum Francie
et tota Normandie als Ausstattung empfangen konnte, doch sollte er trotz
gleichzeitiger Schwertleite die Regierungsgeschäfte noch nicht übernehmen.
An seiner Statt führte seine Mutter Blanche
von Kastilien, die nach dem Zeugnis des Jean de Joinville in
seiner Histoire de saint Louis in Frankreich weder Verwandte noch Freunde
hatte, die Regentschaft an der Spitze eines Beraterkreises, der die monarchische
Kontinuität sicherstellte. Der dahinscheidende König sollte noch
auf dem Totenbett seiner Gattin in Form eines letzten mündlichen Willens
die Vormundschaft (totela) über den Thronerben und seine Geschwister
sowie die balla, die Schutzaufsicht, über das Königreich übertragen
haben. Durch diese Zeugnis wurde ein früherer Akt modifiziert, mit
dem der todkranke Ludwig VIII. die
Krönung seines ältesten Sohnes oder, falls dieser sterben sollte,
seines jüngeren Bruders Robert
in die Hand der anwesenden Vertreter des Hofes und des Hochadels gelegt
hatte. Es scheint vor allem die Furcht vor Philipp
Hurepel, dem Grafen von Boulogne und legitimierten Halbbruder
Ludwigs
VIII., genauer vor seinen Ansprüchen als nächster
männlicher Verwandter des Thronerben gewesen zu sein, die die Entscheidung
der traditionellen Machtträger zugunsten der Königin-Mutter beeinflußt
hatte. Dem unberechenbaren Halbbruder
Ludwigs
VIII. traute man die Duldung adliger Umtriebe zu und meinte
damit den befürchteten Machtgewinn jener Kräfte, die, gestützt
auf ein regionales Sonderbewußtsein und die daraus resultierende
partikulare Rechtstellung, eine Loslösung vom beherrschenden Einfluß
des Königshofes anstreben konnten. Deshalb bemühte man sich,
durch die vor Salbung und Krönung vollzogene Schwertleite
Ludwigs den Einfluß
Philipps
als Schwertmage einzuschränken. In dieser Konstellation - der Durchsetzung
der Vormundschaft und Regentschaft der Königin-Mutter als Werk der
alten, die Reichseinheit verteidigenden Führungsschicht, um den Zugriff
wegstrebender Potentaten auf die Macht zu verhindern - lagen die jahrelangen
Wirren begründet, die die Jugend und Erziehung Ludwigs
IX. begleiten sollten, bis er allmählich in die Rolle des
zumindest nach außen hin alleinregierenden Monarchen hineinwuchs.
Der Übergang war fließend und hatte nur wenig mit dem Erreichen
der Volljährigkeit am 25. April 1234 oder seiner Heirat mit Margarete
von der Provence zu tun. Die Machtübernahme schlug sich
vielmehr nur im allmählichen Verschwinden seiner Mutter als Mitausstellerin
der königlichen Diplome nieder, ohne dass sie sich aus den politischen
Geschäften zurückziehen, sondern vielmehr als Beraterin weiterhin
an seiner Seite bleiben und sogar wieder die Regentschaft führen sollte,
als ihr Sohn auf den Kreuzzug ging.
Angesichts solcher Voraussetzungen kann es nicht verwundern,
dass sich schon bald nach der Krönung einer Koalition jener Fürsten
zusammenfand, die von einer starken Monarchie auf die Dauer eine Einbuße
ihrer herausragenden Stellung zu erwarten hatten. Dazu gehörten der
ehrgeizige, aber wenig geschätzte Graf Teobald
IV. von der Champagne, dem Blanche
am Krönungstag den Zugang nach Reims verweigert hatte, Hugo von Lusignan,
Graf von der Marche, den seine Gattin Isabella,
als Witwe Johanns Ohneland ehemalige
Königin von England und Mutter Heinrichs
III., zur Opposition trieb, und Pierre
Mauclerc, der als Graf der Bretagne nach dem Tod seiner Gemahlin
nur noch Statthalter für seinen unmündigen Sohn war und eine
eigene Herrschaft suchte - alle drei hatten schon Ludwig
VIII. vor seinem Tod verlassen und zählten auf die Unterstützung
des englischen Königs, der Hugo von Lusignan die Insel Oleron und
die Saintonge, Pierre Mauclerc die Restitution der Grafschaft Richmond
und eine Eheschließung mit der Grafentochter in Aussicht stellte.
Obwohl noch weitere Regionen zu dieser Zeit der Königsherrschaft nur
schwankend zuneigen, Toulouse und Flandern weiterhin Unruheherd sein sollten,
blieb diese Koalition, aus der schon bald Teobald
IV. abgezogen wurde, ebenso wie eine weitere noch gefährlicheren
Ausmaßes in ihrem Hauptziel erfolglos. Einerseits verstand es die
Königin ausgezeichnet, sich politisch fähiger und einflußreicher
Berater wie des Kardinals Romano Frangipani und des Kämmerers Barthelemy
de Roye zu bedienen, andererseits konnte sie die Schwäche der gegnerischen
Position, die Lehnsabhängigkeit von der französischen Krone -
unter die auch der englische König fiel -, ausnutzen. Als Pierre Mauclerc
eine neue Rechtslage schaffen wollte und Heinrich
III. das Homagium anbot, schlug das Pendel in die andere Richtung
aus, da sich nun selbst seine früheren Verbündeten aufgrund lehnsrechtlicher
Normen dem königlichen Heeresaufgebot anschließen mußten,
um nicht der Anklage der Felonie zu verfallen. Ohne dass die Tendenzen
des Adels zu Aufständen hätten vermieden und die Gelüste
des englischen Königs, der nach wie vor den Lehnseid verweigerte,
zur Intervention in Frankreich bis zur Mitte der 40-er Jahre wirklich hätten
gestillt werden können, bedeuten die Friedensverträge von Vendome
(16. März 1227) mit Pierre Mauclerc
und Hugo von Lusignan sowie von Meaux-Paris (12. April 1229) mit Raimund
VII. von Toulouse, der sich wieder eine unabhängigere Stellung im
Languedoc erkämpfen wollte, einen realen Machtgewinn für die
königliche Seite. In Paris wurde zudem die Heirat von Ludwigs
Bruder
Alfons
(von Poitiers) mit Johanna, der Erb-Tochter Raimunds, ausgehandelt.
Zusammen mit den Apanagen für seine jüngeren Brüder, die
bereits im Juni 1225 durch
Ludwig VIII. festgelegt
worden waren - das Artois für Robert
(1237),
das Poitou für Alfons
(1241)
und Anjou mit Maine für den 1232 verstorbenen
Johann (dies sollte 1246 der nachgeborene Karl
erhalten)
-, sowie den Heiratsverbindungen zu Toulouse und der Provence sollte
Ludwig IX. 1234 auf eine konsolidierte Machtstellung zurückgreifen
können, die er noch durch die endgültige Unterwerfung des Pierre
Mauclerc (1234) und des Theobald von
der Champagne (1237), die Siege von Taillebourg und Saintes
über Heinrich III. (1242), den
Frieden von Lorris mit Raimund VII. (1243) und den Waffenstillstand mit
England in der Gascogne (1243) entscheidend erweiterte. Als sich diese
erste Phase der selbständigen Regierung
Ludwigs
IX. dem Ende zuneigte, war seine Fähigkeit als Friedensbringer
offenkundig und die Monarchie gestärkt aus dem Kampf gegen die Unbotmäßigkeit
des oppositionellen Adels hervorgegangen, dessen Spitzen unter Führung
Theobalds
IV. von der Champagne, Hugos von Burgund
und
des Pierre Mauclerc 1239 auf einen
Kreuzzug nach Akkon gegangen waren.
Erst als die gravierendesten Anfangsschwierigkeiten der
Regierungsübernahme überwunden waren, konnte sich Ludwig
IX. verstärkt jenem Aufgabenfeld widmen, das ihn für
seine Zeitgenossen zu einem rex iustus, zu einem gerechten König,
werden ließ: der Herstellung von iustitia und aequitas, wie
es die mittelalterlichen Fürstenspiegel nach Maßgabe des augustinischen
Verlangens nach pax et iustitia forderten, denn ohne Gerechtigkeit war
Frieden nicht möglich. Ein solches Streben mußte in der Vollendung
und Bewahrung der inneren Ordnung, in der Rechtspflege und Rechtseinheit,
schließlich auch in einer durchgreifenden Verwaltungsreform seinen
Ausdruck finden. Die größte Leistung des Königs bestand
zweifellos darin, dass er seine Jurisdiktionsgewalt über die ursprünglichen
Grenzen der Krondomäne hinaus auf die bis dahin weitgehend unabhängigen
königlichen Lehnsherrschaften ausdehnte; dort zog er die Rechtssprechung,
die Friedensbewahrung sowie den Kirchenschutz an sich und legte auf diese
Weise das Fundament für die Rechtseinheit der späteren nation
France. Geleitet von einem Kreis angesehener, am römischen Recht geschulter
Juristen, darunter Gui Foucois, der spätere Papst Clemens IV., Odo
Rigaud, der Erzbischof von Rouen, Jules de Peronne und Pierre de Fontaine,
sowie berühmter Theologen wie Wilhelm von Auvergne, Thomas von Aquin
und Bonaventura, trachtete Ludwig mit
Hilfe konkreter Rechtsentscheidungen danach, die lokal und regional unterschiedlichen
Rechtsbräuche und Gewohnheitsrechte, die coutumes, zugunsten einer
übergeordneten Jurisdiktion des Königshofes zurückzudrängen
und letzten Endes durch die Anwendung einer übergreifenden Rechtsnorm,
einer consuetudo generalis, zu ersetzen. Diesem Ziel dienten sowohl die
persönlichen Eingriffe des Königs in die Rechtsprechung bis hin
zu jener bekannten Szene, in der Joinville Ludwig
IX. unter einer Eiche in Vincennes selbst als Richter auftreten
läßt, als auch reichsweite Maßnahmen wie die Abschaffung
des gerichtlichen Zweikampfes als Gottesurteil von 1258, der durch die
Inquisitions- und Appelationsgerichtsbarkeit (appellationes de pravo iudicio)
ersetzt und nicht zu Unrecht vom Adel als Einschränkung seines auf
ritterliche Normen beruhenden Rechtsverständnisses empfunden wurde.
Die vereinheitlichende Wirksamkeit des königlichen Hofgerichts führte
nicht nur auf lange Sicht zu einer Gleichbehandlung der Streitfälle
um weltliche Güter und Kirchenbesitz, sondern leitete auch einen auf
das Königtum ausgerichteten Zentralisierungsprozeß ein, dessen
Fernwirkung gar nicht überschätzt werden kann.
Eine Reform der Gerichtsbarkeit wäre jedoch unvollkommen
geblieben, wenn sie nicht zugleich von einer Verwaltungsreform begleitet
worden wäre, die sowohl der jurisdiktionellen Spitze als auch den
ausführenden Organen einen neuen, effektiveren Zug verliehen hätte.
Dazu gehörten einerseits die 1254 einsetzende schriftliche Sammlung
der Beschlüsse und Urteile des Hofes und des Pariser Parlaments in
dem Olim, andererseits die Verabschiedung wichtiger königlicher Ordonnanzen,
durch die die Administration des Königreichs vereinheitlicht und dem
direkten Einfluß der Monarchie geöffnet wurde. Die Forderung
nach allgemeiner pax et tranquillitas konnte so gezielter Nachdruck verliehen
und die bereits seit 1247 von königlichern Amtsträgern systematisch
durchgeführten Enquetes über Klagen der Bevölkerung gegen
die als drückend empfundene unmittelbare Machtausübung wirksamer
behandelt werden. Die große Ordonnanz von Dezember 1254, die - ex
debito regiae potestatis - in ihren verschiedenen Redaktionen für
die Gebiete der Krondomäne des Languedoil, den gesamten kapetingischen
Besitz und die meridionalen Senechausseen Nimes-Beaucaire sowie Carcassonne
im Languedoc bestimmt war, für den Norden in französischer, für
den Süden in lateinischer Sprache veröffentlicht wurde, verfolget
die Zielsetzung eine Reform der Verwaltung durch die königlichen Baillis
unter Zurückdrängung lokaler Interessen. Sie wandte sich zusätzlich
noch gegen Wucher, Gotteslästerung, Prostitution, Glücksspiel
und die Unsicherheit der Wirtshäuser. Diese Ordonnanz, die im Kern
Ludwigs
und
der ihn umgebenden Legisten zu betrachten ist, atmete den Geist der Normen
römischen Rechts- und Staatsdenkens, unterschied zwischen Zivil- und
Kriminalgerichtsbarkeit, führte das Rechtsprinzip ein, dass niemand
ohne Schuld und Verfahren seines Rechts beraubt werden dürfte. Sie
bezog sich auf frühere Verwaltungsreformen, die bereits Alfons von
Poitiers in seinem Machtbereich, aber auch in den Krongütern hatte
propagieren lassen, und hatte als Vorstufen zwei königliche Mandements
für Saint-Gilles und Nimes. Sie stellte den Gipfelpunkt einer Entwicklung
dar, die 1230 und 1240 mit zwei Ordonnanzen zur Stellung der Juden und
der Bedeutung ihres Talmuds begonnen hatte und zu den Ordonannzen von 1262
sowie 1269 über die Zügelung der städtischen Machtgruppen
sowie die Vertreibung der Geldhändler beziehungsweise Wucherer hin-führen
sollte. Die Umgestaltung der Gerichtsbarkeit im Sinne königlicher
Rechtshoheit, die Heranziehung des römischen Rechts als Grundlage
für die monarchische Gewaltausübung, die Festlegung des Rechts
nicht nur durch die Sammlung königlicher Urteilssprüche sondern
auch die niemals offiziell sanktionierte Aufzeichnung herrschenden Rechts
in den Etablissements de Saint Louis, den Livres de Jostice et de Plet,
dem Livre des metiers, dem Grand Coutumier de Normandie, dem Conseil a
un ami, die Einführung der Inquisition zur Bekämpfung der Ketzer,
die Reform des Geldwesens und der Münze (Schaffung des Gros Tournois
d'argent, des Agnel d'or beziehungsweise Ecu) unter Betonung der Herrscherrechte
über die Staatsfinanzen, die Kontrolle des Handels mittels einer gezielten
Wirtschafts- und Geldpolitik, die Heranbildung einer neuen staatstragenden
Regierungsschicht, die sich aus Mitgliedern der Bettelorden, Absolventen
der Universitäten und am römischen Recht geschulten Juristen
zusammensetzte - dies alles waren Instrumentarien einer Königsmacht,
die durch die Vereinheitlichung des Rechts und der Verwaltung, die Stärkung
des Glaubens und die Aufrechterhaltung von Sitte und Moral ein ursprünglich
auseinanderstrebendes und zerrissenes Machtgebilde zu einem zukünftigen
unteilbaren Ganzen zusammenfügen wollte.
Es steht außer Frage, dass das Gelingen einer solchen
Konzeption in erster Linie vom Monarchen und seiner persönlichen Glaubwürdigkeit
abhing, einer Glaubwürdigkeit, die sich zwingend aus seiner Lebensführung
ergeben mußte. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dies Ludwig
IX. glänzend gelungen ist. Kaum ein anderer Herrscher des
Mittelalters hat sich wie er als ein rex pius erwiesen, der durch seine
Frömmigkeit, seine Barmherzigkeit, seine Liebe zu Gott und seine Verehrung
der Kirche und ihrer Heiligen hervorragte, aber natürlich auch durch
seinen Glaubenseifer, der sich einerseits in Zwangsmaßnahmen wie
der Verbrennung des jüdischen Talmud von 1242, andererseits in friedlicher
Bekehrungsversuchen wie der Mongolenmission niederschlagen konnte. Obwohl
er bereits 1228 die Zisterzienserabtei Royaumont gründete - vermutlich
auf Betreiben seiner Mutter, die selbst 1236 die Zisterze Maubuisson stiftete
-, sollte der König zeit seines Lebens mehr den Bettelorden zuneigen,
deren neuartige, sich durch Predigten direkt mitteilende Spiritualität
ihn offenbar besonders anrührte und aus deren Mitte er manche seiner
Ratgeber, seiner Vertrauten bei der Durchführung seiner Reformvorhaben
und seine Beichtväter berief. Befanden sich darunter auch viele Dominikaner
und förderte er ihre Einrichtungen in Rouen, Macon, Jaffa, Compiegne,
Beziers, Carcassonne, Caen sowie den Pariser Konvent Saint Jacques, so
scheint ihn doch der Franziskaner-Orden, dessen Konvente er ebenfalls in
vielen Städten ausbaute und häufig besuchte, mehr angesprochen
zu haben, wohl nicht zuletzt aufgrund der Pariser Predigttätigkeit
des Generalministers Bonaventura zwischen 1257 und 1269, dessen Sermones
die königliche Familie häufig beiwohnte. Grundsätzlich beeindruckten
die Mendikanten Ludwig so stark, dass er manche ihrer Lebensgewohnheiten
annahm, ihrem Beispiel, vor allem dem Vorbild des Franz von Assisi, nachzueifern
und gewissermaßen in der Verwirklichung der vita apostolica sich
selbst wie ein Ordensbruder zu geben suchte. Seine eigene Frömmigkeit
wurde durch ihre Predigten geprägt, und er entwickelte sich zu einem
entschlossenen Verteidiger der Predigtfreiheit der Bettelorden, als diese
im Mendikantenstreit an der Pariser Universität durch die Angriffe
des Magisters Wilhelm von Saint-Amour gefährdet war. Er bemühte
sich trotz seiner Stellung ein denkbar einfaches und sittenstrenges Leben
zu führen, einfache Kleidung zu tragen, die Sünde und die Gotteslästerung
zu meiden, ja selbst in der Ehe ein größtmöglichstes Maß
an Keuschheit einzuhalten, so dass ihm Papst Bonifaz VIII. im Sermo zu
seiner Kanonisation die Tugend der Virginität zugestand, eine Virginität,
die in der Beschränkung auf den ehelichen Verkehr und in der Vermeidung
des Kontakts mit anderen Frauen bestand. "Iste numquam carnem suam divisit
in plures nec cum aliqua peccatum commisit, ita quod excepta uxore propria
virgo ab aliis permansit". Hier erscheint Ludwig
IX. als Vorläufer einer neuen Spiritualität, die ihren
Ausdruck in den keuschen Ehepaaren späterer Jahrhunderte finden sollte,
sich aber beim französischen König darüber hinaus in der
Bereitschaft zeigte, Christus zu imitieren - bis hin zu seinen Erniedrungen
und Leiden.
Wie jeder mittelalterliche Herrscher maß Ludwig
IX. der Verehrung von Heiligenreliquien eine große Bedeutung
zu, was sich in zahlreichen Erwerbungen und Translationen äußerte,
deren bedeutendste gewiß der Kauf der Dornenkrone Christi sowie weiterer
Passionsreliquien, darunter Stücke des Heiligen Kreuzes und der Heiligen
Lanze, von Kaiser Balduin von Konstantinopel war. Diese Dornenkrone Christi,
als Sinnbild des irdischen Jerusalem sogleich Gegenstand höchster
Verehrung, gelangte 1239 nach Frankreich, als gleichzeitig der französische
Hochadel die erwähnte Kreuzfahrt ins Heilige Land unternahm. Dieses
Unternehmen gelangte zwar bis 1241 über Akkon nach Jerusalem und erzielte
nur einen mäßigen Fortschritt bei der Rückeroberung der
christlichen Gebiete, schadete aber nirgends dem Ansehen des abwesenden
Königs. Deshalb entschloß sich Ludwig
1244 angesichts der ayyubidischen Hoheit
über Jerusalem, der vernichtenden Niederlage eines christlichen Heeres
bei Gaza und der zusätzlichen Gefahr durch die aus Osten herandrängenden
Tataren nicht nur zum Bau der Sainte-Chapelle, um die Dornenkrone unter
führender Aufsicht der Bettelorden würdig aufbewahren zu können,
sondern auch zur Vorbereitung eines neuen Kreuzzuges. Das Gelübde
legte er im Dezember nach überstandener schwerer Krankheit ab, doch
sollte die Durchführung Gegenstand der Beratung des Konzils von Lyon
1245 sein und die Teilnehmer, darunter auch Ludwigs
Gemahlin Margarete, erst am 25. August
1248 vom eigens dafür gebauten französischen Mittelmeerhafen
Aigues-Mortes aus aufbrechen, um im September auf Zypern anzukommen. Es
zeigte sich schon bald, dass der Glaubenseifer des Königs größer
war als seine militärischen und strategischen Fähigkeiten. Dazu
kamen noch Eifersucht und Kompetenzstreitigkeiten mit seinem machtbewußten
Bruder Karl von Anjou. Bereits die
Auswahl Ägyptens als erstes Angriffsziel sollte sich als verhängnisvoller
Irrtum erweisen, da im Nildelta die klimatischen und topographischen Bedingungen
für ein Kreuzfahrerheer noch härter und unberechenbarer waren
als in Syrien und Palästina. Zwar gelang die Einnahme von Damiette
überraschend leicht, doch versäumte man die sofortige Vernichtung
der ägyptischen Armee, die in al-Mansura eine neue Verteidigungsstellung
beziehen konnte. In der Folge verzögerte sich der Angriff auf Kairo
so lange, bis sich der wenig vorbereitete Vorstoß der christlichen
Truppen zur Katastrophe auswuchs. Die muslimischen Verteidiger konnten
von Alexendrien aus eine Seeblockade errichten und die Kreuzfahrer von
ihrem Nachschub abschneiden. Robert von Artois
sollte in heldenhaftem Kampf bei der Belagerung von al-Mansura fallen und
der König selbst schließliich zusammen mit seinem Gefolge in
eine ausweglose Gefangenschaft geraten, aus der er sich und seine Getreuen
nur durch die Übergabe von Damiette und die Zahlung eines hohen Lösegeldes
befreien konnte. Gezwungenermaßen mußte Ludwig
seine Operationsbasis nach Syrien verlegen, wollte er überhaupt noch
etwas erreichen. Dort gelang es ihm, die Verteidigung Jerusalems und den
militärischen Ausbau des Heiligen Landes zu organisieren, indem er
den Zwiespalt zwischen den AYYUBIDEN
von Aleppo und den gerade in Ägypten an die Macht gekommen Mamluken
ausnutzte, eine Situation, die er vergeblich noch weiter zu seinen Gunsten
zu verändern trachtete, als er Verhandlungen mit dem Großkhan
und seinen Stellvertretern in die Wege leitete, um auch von Osten her Druck
auf das muslimische Lager auszuüben. Alle weiteren Pläne im Heiligen
Land wurden indes hinfällig, da Blanche von
Kastilien am 27. November 1252 gestorben war und ihr Tod trotz
der sofortigen Entsendung der jüngeren Brüder des Königs;
Alfons
von Poitiers und Karl von Anjou,
zur Unterstützung des minderjährigen Erb-Prinzen
Ludwig die Verhältnisse im Königreich zunehmend destabilisieren
sollte, bis sich Ludwig IX. zur Rückkehr
aus Akkon entschließen mußte. Am 17. Juli 1254 hielt er feierlichen
Einzug in Akkon.
Die Beziehungen des Königs zum Papsttum waren seit
den Zeiten des Kardinallegaten Romano Frangipani ausgezeichnet, zumal die
Kurie seine Unterstützung gegen die Ketzer im Languedoc, gegen die
ehrgeizigen Pläne des englischen Königs und gegen die universalistische
Herrschaftsauffassung Kaiser FRIEDRICHS II.
benötigte. Nachdem durch den Vertrag von Paris 1229 der lange Kreuzzug
gegen die Albigenser im Languedoc und ihren Toulousaner Schutzherrn beendet
worden, die französische Krone nach dem Niedergnag der okzitanischen
Grafengewalt und der Einrichtung der Senechausseen von Nimes-Beaucaire
und Carcassonne endgültig an die Gestade des Mittelmeeres vorgedrungen
war, blieb für die Kirche als dringendste Aufgabe die völlige
Ausmerzung der Häresie in diesem Raum bestehen. Zur Bewältigung
dieser Aufgabe mußte vor allem nach der Einführung der Inquisition
im Jahr 1231 die Hilfe durch die königlichen Amtsträger indispensabel
werden. Dies galt vor allem, als nach den Anfangserfolgen der dominikanischen
Inquisitoren und bald wachsenden Widerstand sowohl im Episkopat als auch
in der Bevölkerung die Ermordung des Inquisitors Guillelmus Arnaldi
in Avignonnet 1242 zu einem erneuten Aufflackern der kriegerischen Auseinandersetzungen
führte. Die Macht des französischen Königs und insbesondere
die Durchsetzungsfähigkeit der königlichen Amtsträger sollten
die entscheidenden Faktoren für die Herrschaftssicherung in diesem
Raum sein. Der Graf von Toulouse, der sich nach anfänglichen Zögern
wieder auf die Seite der Albigenser gestellt und Albi sowie Narbonne erneut
seiner Gewalt unterworfen hatte, mußte sich, von seinen Verbündeten
im Stich gelassen, den überlegenen Kräften Ludwigs
unterwerfen
und im Vertrag von Lorris 1243 seine Niederlage anerkennen. Dies führte
zur Eroberung von Montsegur, wo 1244 mahr als 200 Ketzer verbrannt wurden,
und zu einem fortwährenden erbitterten Kampf gegen die letzten Rückzugsgebiete
der Albigenser, deren hartnäckiger Widerstand erst 1255 durch die
Einnahme von Queribus endgültig gebrochen werden konnte. Indes, nicht
nur zum Kampf gegen die verbliebenen Ketzer im Languedoc benötigte
das Papsttum die Hilfe der französischen Truppen. Zur gleichen Zeit
hatte sich das in der Vergangenheit oft nur mühsam gekittete Verhältnis
zu Kaiser FRIEDRICH II. immer bedrohlicher
gestaltet, als zuerst Gregor IX. und dann Innozenz IV. darangegangen waren,
die Machtposition des STAUFERS mit
ihren Pfeilern im Königreich Sizilien und im Deutschen Reich zu brechen,
durch die der Bestand des Kirchenstaates und damit die Eigenständigkeit
der päpstlichen Herrschaft zunehmend gefährdet wurden. Ludwig
IX. versuchte, mit Papst und Kaiser ein gutes Einvernehmen zu
wahren. Den Höhepunkt der Auseinandersetzungen bildete zweifellos
die Absetzung FRIEDRICHS II. durch
Innozenz IV. auf dem Konzil von Lyon 1245, wo der Papst seinerseits nur
wegen der unmittelbaren Nähe der schützenden französischen
Macht Aufenthalt nehmen konnte. Diese Absetzung durch zahlreiche Vorwürfe
gegen den STAUFER und eine Aufzählung
seiner schlimmsten Vergehen untermauert, erfolgte auf der Grundlage der
päpstlichen Machtvollkommenheit (plenitudo potestatis), die Innozenz
IV. ungeschmälert auch für weltliche Entscheidungen beanspruchte
(potestas directa in temporalibus). In der Folge sollte ein heftiger publizistischer
Kampf entbrennen, in dessen Verlauf Kaiser und Papst Versuche unternahmen,
den französischen König für ihre Seite zu gewinnen, dieser
sich jedoch eher neutral und abwartend verhielt, da die Feindschaft eines
jeden von beiden die seit 1244 geplante Kreuzfahrt hätte in Frage
stellen können. Nichtdestoweniger zeitigte die vom Papst gegenüber
dem König in der Enzyklika 'Etsi cause nostre' vorgebrachte Urteilsschelte
wenigstens den Erfolg, dass Ludwig den
Papst zu einer Unterredung nach Cluny befahl, um sich die rechtlichen Gründe
für die Absetzung darlegen zu lassen und, wenn möglich, eine
Versöhnung in die Wege zu leiten. Innozenz IV. dachte allerdings nicht
daran, sich auf eine Diskussion kirchenrechtlicher Normen einzulassen,
sondern setzte auf eine politische Lösung. Da soeben Graf
Raimund Berengar V. von der Provence ohne männliche Nachkommen
gestorben war und testamentarisch unter Ausschluß seiner übrigen
Töchter
Margarete, Eleonore
und Sancha, Gemahlinnen
Ludwigs IX., Heinrichs III. von England
und RICHARDS von
Cornwall, seine jüngste Tochter
Beatrix zu seiner Universalerbin bestimmt hatte, bot sich die
Gelegenheit für einen politischen Handel. Nicht zuletzt auf Betreiben
der Blanche von Kastilien verhalf der
Papst unter Gewährung der erforderlichen Dispense und unter Abwehr
anderer Ansprüche Ludwigs Bruder
Karl von Anjou zur Heirat mit
Beatrix
und
damit zur Grafschaft Provence, deren Besitz sogleich durch französische
Truppen gesichert wurde. Wenn auch Ludwig trotz
dieser Erweiterung der kapetingischen Einflußsphäre, durch die
die zukünftige Mittelmeerpolitik geprägt werden sollte, seine
grundsätzliche Neutralität nicht aufgab und den STAUFER
weiterhin
als Kaiser der Römer beziehungsweise König von Sizilien anerkannte,
war er doch nun auch machtpolitische enger an das Papsttum gebunden und
fortan in einem latenten Gegensatz zum Kaiser befangen, dessen oberster
Lehnshoheit die Grafschaft Provence eigentlich unterstand. Angesichts dieses
Einvernehmens sollte die spätere Sizilienpolitik der Kurie, nach dem
Tod FRIEDRICHS II. die
staufische
Herrschaft
dort durch eine
ANJOU-Nachfolge im
Königreich zu beenden, nur folgerichtig sein.
Damit sind wir schon mitten in das komplexe Geflecht
der europäischen Politik hineingeraten, in dem der französische
König vor allem als unparteiischer 'Schiedsrichter Europas'
(Kienast) eine weitreichende Wirksamkeit entfalten sollte. Da er daraus
auf den ersten Blick keinen persönlichen Nutzen zog, trug ihm dies
von päpstlicher Seite das ehrende Epitheton eines rex magnus ein.
Gestärkt durch den Frieden von Meaux und Paris, dessen Auswirkungen
vorerst die Verhältnisse im Westen und Süden trotz der lediglich
ungeklärten Machtfrage stabilisieren sollte, wurde die Aufmerksamkeit
des jungen Königs schon bald nach seiner Regierungsübernahme
auf die Grenzgebiete des Imperiums gelenkt, wo sich vor allem in Burgund
ein Feld für den Zusammenstoß gegensätzlicher Interessen
eröffnete. Andererseits konnte am staufischen
Hof und im Bündnis mit FRIEDRICH II.
sowie seinem Sohn HEINRICH (VII.) ein
Gegengewicht zum bedrohlichen englischen Einfluß aufgerichtet werden.
Die Sorge wegen des möglichen Vordringens englischer Interessen bedingte
nicht zum geringsten die von Ludwig
geduldig verfolgte Linie der Neutralität im Streit zwischen Papst
und Kaiser, die er nur verließ, wenn eigene Belange unmittelbar tangiert
waren. Härtere Interessenkonflikte mit dem Reich kündigten sich
an, als sich in den Grafschaften Flandern und Hennegau - letztere gehörte
zu den Reichsfürstentümern - die Nachfolgefrage stellte, zumal
in diesem Raum seit der Vermählung Roberts
von Artois mit Mathilde von Brabant im Jahr 1237 die kapetingischePräsenz
deutlich zugenommen hatte. Das verstärkte Engagement hatte sich wohl
1238 in dem durch Ludwig veranlaßten
Abschluß eines Waffenstillstandes im Krieg von Poilvache als auch
1239 durch den Erwerb der Grafschaft Namur als Pfand niedergeschlagen.
Den sich aufgrund der beiden anfechtbaren Ehe der Gräfin Margarete
von Flandern, seit 1244 Erbin der Grafschaft, und der Legitimität
der daraus entsprossenen Nachkommenschaft entspinnenden flandrisch-hennegauischen
Erbfolgestreit zwischen den Häusern AVESNES und DAMPIERRE versuchte
Ludwig
IX. im Juli 1246 durch den Dit de Paris zu entschärfen.
In diesem Urteil sprach er Flandern einschließlich Reichsflanderns
DAMPIERRE, den Hennegau einschließlich der Hoheit über Namur
AVESNES zu. Gleichzeitig bereitete er unter Beiseiteschiebung der eigentlichen
Lehnsherrn, des Lütticher Bischofs sowie des soeben abgesetzten und
gebannten Kaisers, auf diese Weise die Auflösung eines Machtblocks
vor, der die Ausdehnung des kapetingischen
Einflusses
behinderte. Auch als nach dem Tod FRIEDRICHS II.
der neue König WILHELM von Holland
die verlorenen Gebiete wieder an das Reich zu ziehen suchte und Reichsflandern
sowie Namur als Reichslehen an AVESNES mit dem Argument vergab, Margarete
von Flandern habe seinerzeit die Mutung versäumt, die erzürnte
Gräfin ihrerseits den Hennegau Karl von Anjou
übertrug, um französische Unterstützung zu gewinnen, änderte
dies trotz eines wenig erfolgreichen Feldzugs des provenzalischen Grafen
nichts mehr an den einmal festgefügten Verhältnissen. Der vom
Kreuzzug heimkehrende König, der die Handlungsweise seines Bruders
nicht billigen konnte, da sie seinem Spruch von Paris zuwiderlief, fällte
begünstigt durch den überraschenden Tod WILHELMS
von Holland, am 24. September 1256 den Dit de Peronne. Durch
diesen neuen Spruch wurde die ursprüngliche Regelung bezüglich
des Erbrechts, im Kern die Trennung von Flandern und Hennegau, mit einigen
Korrekturen bestätigt, Karl von Anjou
entschädigt, ein dauerhafter Friede zwischen Flandern und Holland
in die Wege geleitet und der Einfluß der Reiches weiter zurückgedrängt.
In ähnlicher, nicht immer uneigennütziger Weise sollte Ludwig
IX. nach dem Tod FRIEDRICHS II. und
der Schwächung der Reichsgewalt im burgundischen Raum als Friedensstifter
eingreifen. Zwischen Karl von Anjou
und Beatrix von Savoyen, der Witwe Raimund Berengars
V. von der Provence, vermittelte er 1257 in einem Streit um
die Grafschaft Forcalquier zugunsten der angiovinischen
Ansprüche, und noch 1268 legte er einen Konflikt zwischen dem Grafen
von Bar und dem Grafen von Luxemburg um die lothringische Herrschaft Ligny-en-Barrios
bei, wovon hauptsächlich sein Schwiegersohn Graf
Theobald V. von der Champagne profitierte. Die Grafen von Champagne
wiederum waren seit Theobald IV. gleichzeitig
Könige von Navarra. Dieser hatte 1234 als Neffe des letzten ohne Kinder
gestorbenen Herrschers als Theobald I.
den Thron bestiegen. 1253 war ihm sein damals noch unmündiger Sohn
als Theobald II. nachgefolgt, nicht
ohne dass es Ludwig während der
Auseinandersetzungen mit Kastilien und Aragon um den Einfluß im Pyrenäen-Königreich
verstanden hätte, seine Tochter Isabella
dort als Gemahlin des Königs unterzubringen und die zukünftige
Ausrichtung der Dynastie auf den französischen Machtbereich sicherzustellen.
Hatten sich bereits im Verhältnis der kapetingischen
Monarchie zu Toulouse, zum Languedoc und zur Provence noch verhaltene Tendenzen
zur Ausdehnung des eigenen Machtbereichs gezeigt, so traten sie offen zutage,
als die Ambitionen Ludwigs auf den aragonesischen Expansionismus im Mittelmeerraum
trafen, wie ihn das Haus BARCELONA
seit einem Jahrhundert erfolgreich praktitierte. Der Konsolidierung des
französischen Herrschaftsanspruchs bis an die Gestade des Mittelmeers
und im gesamten okzitanischen Raum standen zahlreiche Stützpunkte
aragonesicher Macht nördlich der Pyrenäen, nach dem Verlust der
Provence außer dem Seniorat von Montpellier in der Hauptsache die
Grafschaften Roussillon und Cerdanya, das Capcir, das Val d'Aran, die Vizegrafschaft
Bigorre und Bearn sowie die Lehnshoheit über Carlat, Donezan und Sabartes.
Um den aragonesischen König zur Aufgabe seiner Rechtsansprüche
in diesen Gebieten zu zwingen, griff Ludwig IX.
auf die alten, fast vergessenen karolingischen
Herrschaftsrechte über die einstigen Grafschaften der "Spanischen
Mark" zurück, indem er behauptete, es sei von einer kapetingischen
Rechtsnachfolge
in diesen Regionen des nordöstlichen Pyrenäenraumes auszugehen,
die dortigen Grafschaften rührten "de regno Francie er de feodid suis"
her. Diese Forderung stand in engem Zusammenhang mit der endgültigen
Ausformung der kapetingischen Ideologie
dieser Epoche, die 1253/54 durch den Enzyklopädisten Vincenz von Beauvais
in seinem für Ludwig IX. kompilierten
Speculum historiale kundgetan worden war und von der Vorstellung des reditus
regni Francorum ad stirpem Karoli ausging, von der in der Person
Ludwigs
VIII. als Sohn der Isabella von Hennegau
vollendeten 'Rückgabe' des fränkischen Reiches an das Geschlecht
KARLS DES GROSSEN, von der seit Hugo
Capet bestehenden Nachfolge der KAPETINGER
anstelle der
KAROLINGER, von der Übertragung
des KARLS-Reiches auf die Familie der
Grafen von Paris - eine Übertragung, die nach 1260 durch den Umbau
und die Erweiterung der Grablege von Saint-Denis gewissermaßen in
Stein gehauen wurde, als auf der rechten Seite der Vierung der Klosterkirche
das 'Geschlecht' (genus) KARLS DES GROSSEN
seine letzte Ruhestätte fand, auf der linken Seite aber die Nachfahren
Hugos
Capet, während Philipp II. August
und
Ludwig VIII. gleichsam als Verbindung beider Dynastien in die
Mitte des Raumes gebettet wurden, um unter der Regierung Philipps
IV. noch durch das Grabmal Ludwigs
des
Heiligen ergänzt zu werden. Bedarf es noch des weiteren
Hinweises, dass um 1256 der Legist Jean de Blanot die Formel Rex Francie
in regno suo princeps est prägte, seinem königlichen Herrscher
mit dem imperium über alle Einwohner in seinem regnum eine kaisergleiche
Stellung zusprach, ihm die Ausübung einer jurisdictio generalis mit
der Fähigkeit zur Gesetzgebung zugestand und zugleich der dem römischen
Recht entliehene Rechtssaatz auftauchte: ce que plest au prince vaut loi
?
Durch den juristischen, ideologisch abgesicherten Schachzug
einer kapetingisch-karolingischen Rechtsnachfolge,
der mit der Grafschaft Barcelona die eigene Machtbasis in Frage stellte,
in arge Verlegenheit gebracht, mußte Jakob
I. von Aragon letztlich einen Vergleich schließen und
durch den Vertrag von Corbeil (11. Mai 1258) unter Ausnahme Montpelliers
und des Carlades auf alle Ansprüche im Languedoc verzichten, darüber
hinaus im Juli 1258 offiziell die Provence an Königin
Margarete von Frankreich abtreten. Für dieses Entgegenkommen,
durch das Ludwig IX. ungeachtet des
Testaments Graf Raimund Berengars V. einen
eigenen Rechtstitel auf die Provence und damit eine Handhabe gegen eventuelle
Unbotmäßigkeiten seines Bruders erhielt, wurde die Tochter des
aragonesischen Königs mit Philipp,
dem späteren (seit 1260) Thronerben verlobt. Da zur gleichen Zeit
der englische König Heinrich III.
ebenfalls einen Ausgleich mit Frankreich finden mußte, um seine vom
Papsttum unterstützten Pläne einer Thronfolge in Sizilien für
seinen Sohn Edmund durchsetzen zu können, gestalteten sich die Perspektiven
für Ludwig noch günstiger.
Endlich war Heinrich III. bereit, im
Vertrag von Paris (28. Mai 1258) mit Ausnahme der Guyenne und einiger weiterer
Gebiete auf den Kern des einstigen, auf dem Festland gelegenen PLANTAGENET-Erbes
zu verzichten - auch Aquitanien war ja Bestandteil des KAROLINGER-Reichs
gewesen, die englischen Festlandslehen Teil des reaume de France - und
zudem dem französischen König das längst fällige homagium
zu leisten. Zwar sollte schließlich die Sizilien-Frage allen staufischen,
englischen und aragonesischen Ansprüchen zum Trotz durch eine ANJOU-Thronfolge
gelöst werden, doch waren die Zugeständnisse Heinrichs
III., die im Oktober 1259 ratifiziert wurden, nicht mehr rückgängig
zu machen. Fast gleichzeitig geriet der englische König in einen langwierigen
Verfassungskonflikt mit seinen Baronen unter Führung des Simon de
Montfort, Earl von Leicester, durch den ihm die Hände gebunden wurden,
ja durch den er sogar zeitweise entmachtet und in einen Bürgerkrieg
gezogen werden sollte. Da Heinrich III.
nicht gewillt war, das ihm vom Parlament im Juni 1258 otroykierte Reformprogramm,
die über die 'Magna Charta' hinausgehenden 'Provisionen von Oxford',
zu akzeptieren, den Kampf vorzog und schließlich in seiner Not
Ludwig IX. als Schiedsrichter anrief, kam es am 23. Januar 1264
zum Dit d'Amiens. Durch diesen Spruch wies der französische König,
selbst erfüllt von den Vorstellungen monarchischer Vollgewalt, die
seinem Wesen fremden Forderungen zurück und vertrat den Rechtsstandpunkt
seines 'königlichen Bruders'. Als Simon de Montfort und seine Anhänger
diese Entscheidung nicht annehmen mochten, folgten wechselhafte kriegerische
Auseinandersetzungen, die durch den Tod Simons am 4. August 1265 entschieden
wurden, so dass Heinrich nunmehr die
Provisionen aufheben konnte. Der wahre Sieger war hingegen auch hier Ludwig
IX., dessen Machtstellung nun in Europa ungefährdet war,
dessen Autorität nicht ihresgleichen kannte, dessen Bruder Karl
von Anjou soeben vom Papst mit dem Königreich Sizilien
belehnt worden war, der auf dem Höhepunkt seines Lebens stand
und vielleicht als "ungekrönter Kaiser des Abendlandes" (Kienast)
zu betrachten ist.
In dieser Situation erreichte die Christenheit 1265 die
beunruhigende Nachricht von einer großangelegten muslimischen Offensive
im Heiligen Land durch den mamlukischen Sultan
Baybars I. (Rukn ad-Din Baybars Bunduqdari), der Ludwig
IX. schon bei Damiette gegenübergestanden, mittlerweile
die Mongolen besiegt und neben Ägypten auch Syrien unter seine Botmäßigkeit
gebracht hatte. Er eroberte Caesarea und Arsuf, besetzte und zerstörte
eine Reihe weiterer christlicher Städte, bevor er 1266 mit Safad ganz
Galiläa in seine Hand brachte und 1268 Jaffa zur Kapitulation zwingen
konnte. Als der christliche Einsatz lediglich die Einnahme von Akkon zu
verhindern mochte, fühlte sich Ludwig IX.
ungeachtet seines ersten Kreuzzugsdesasters berufen, zum Entsetzen seiner
engeren Umgebung als Verteidiger des Heiligen Landes 1267 zum zweiten Mal
ein Kreuzzugsversprechen abzulegen. Mit Unterstützung des Papsttums
brachte er ein stattliches Heeresaufgebot zusammen, nachdem neben dem zögernden
Karl
von Anjou, der sich Vorteile für seine Expansionsabsichten
in den östlichen Mittelmeerraum versprach und Konstantinopel als eigentliches
Ziel vor Augen hatte, der König von Aragon, König
Theobald II. von Navarra und der englische
Thronfolger Edward (I.) ihre Teilnahme zugesagt hatten. Obwohl
ihm der Titel rex charistianissimus erst nach seinem Tode zugelegt und
zuvor die gesanmte Familie, durchaus in seinem Sinne, vom Papsttum als
christianissimum genus oder electa domus Francie bezeichnet wurde, hatte
er ihn sich später mit dieser unübersehbaren Demonstration seiner
Glaubenskraft verdient, die keine Rücksichtnahme auf seine persönlichen
Umstände und seine Gesundheit kannte, wenn es um die Verteidigung
des Christentums gegen seine Feinde ging. Allerdings entschloß sich
der König, der vor seinem Aufbruch die Oriflamme, das vermeintliche
Kriegsbanner KARLS DES GROSSEN, vom
Altar der Kirche Saint-Denis aufgenommen hatte, um mit ihr gegen die Ungläubigen
zu ziehen, am 13. Juli zu einem Umweg. Für die anderen Teilnehmer
überraschend, vom ihn selbst hingegen länger geplant, lenkte
er nach der Abfahrt von Aigues-Mortes, die am 2. Juli 1270 ohne die angiovinischen
und englischen Kontingente noch mit dem Ziel Ägypten und Palästina
erfolgt war, das Kreuzfahrerheer über Tunis, um den dortigen HAFSIDEN-Sultan
zu bekehren und die Heimat des Heiligen Augustinus zum christlichen Glauben
zurückzuführen, wenn nötig mit Gewalt. Nach einigen Anfangserfolgen
in N-Afrika, die am 24. Juli die Einnahme von Karthago, aber auch den Tod
seines jetzt zweitältesten Sohns Johann-Tristan
brachten, erkrankte der König schwer und starb am 25. August
im Feldlager vor Tunis, bevor Karl von Anjou
und Eduard von England angekommen waren
- der König von Aragon hatte schon vorher seine Flotte nach dem ersten
Sturm auf See umkehren lassen. Nach seiner Ankunft übernahm Karl
von Anjou gemeinsam mit Theobald II.
von Navarra die Führung des Kreuzzuges, doch begnügte
sich der sizilische König, dem von Anfang an nicht viel an dem wenig
erfolgversprechenden Unternehmen gelegen hatte, mit einem Verhandlungsfrieden
und dem Abzug der Kreuzfahrer nach Sizilien. Einzig der verspätet
auftauchende Eduard von England setzte
den Kreuzzug fort und segelte nach Akkon, um dort zwar nichts auszurichten,
sich aber dennoch einen politisch nutzbaren Ruf als Glaubenseiferer zu
erwerben. Demgegenüber trafen die heimkehrenden und erschöpften
Kreuzfahrer noch auf ihrem Rückweg harte Schicksalsschläge, die
zum Teil das Ergebnis der aus N-Afrika mitgeschleppten Erkrankungen
waren - es starben alsbald Theobald II.von Navarra,
Isabella von Aragon, die Gattin des neuen Königs, und schließlich
noch Alfons von Poitiers.
Noch in seinem Tod hatte sich Ludwig
IX. als unverdrossener Kämpfer für seinen Glauben
erwiesen und damit seinen amour de Dieu allen deutlich vor Augen geführt.
Diese brennende Liebe zu Gott fand ihren deutlichen Ausdruck in jenem Enseignements,
die der König als Fürstenspiegel für seinen ältesten
Sohn
Philipp und seine Tochter Isabellaverfaßt
hatte. Die Liebe zu Gott, ohne die alles seinen Wert veliert, erscheint
als beherrschende Antriebskraft für die königlichen Handlungen,
und die Liebe Gottes, deren Ludwig
sich durch den Erwerb der Dornenkrone versichert hatte, wiederum enthüllte
dem Herrscher, im Zweifelsfall durch die Stimme des Gewissens, den göttlichen
Willen, bewahrte ihn vor einer Mißachtung göttlicher Wünsche.
Entscheidende Grundlage für die Ausübrung der Königsgewalt
war die Vereinbarung des Herrscheramtes und seiner durch die ratio gebotenen
Pflichten mit den Forderungen der göttlichen Liebe. Der König
war gehalten, die Gerechtigkeit als Voraussetzung für den Frieden
zu verwirklichen, in dieser Hinsicht größten Wert auf die Wahrheitsfindung
und die sich daraus ergebende Rechtssicherheit zu legen und Kampf ebenso
wie Krieg als untaugliche Mittel zur Rechtsfindung oder zur Verwirklichung
des göttlichen Willens zu vermeiden, ohne indes den Schutz des Volkes
oder der Kirche als vorrangige Herrscheraufgaben zu vernachlässigen.
Die Enseignements enthalten, entkleidet aller belehrenden Haltung, ein
Regierungsprogramm, dessen Kern in der engsten Verbindung des Königs
zu Gott, in der Übereinstimmung von königlicher Handlungsweise
und göttlichen Willens besteht, das den König für seine
Seele und sein Gewissen nur Gott allein Rechenschaft ablegen läßt
und das in der Verwirklichung der justicia, wie sie vom amour de Dieu gefordert
wurde, den direkten Weg hin zum Frieden - zum Frieden für das Königreich
und zum Herzensfrieden - sah.
Die innere Überzeugung Ludwigs
IX., seine tiefe Frömmigkeit, sein amour de Dieu, seine
Handlungen für sein Reich und für die Christenheit entsprachen
jedoch der Haltung eines rex sanctus, so dass es nicht verwunderlich war,
wenn er, früher manchmal als 'Mönchskönig' getadelt, schon
unmittelbar nach seinem Tod bei seinen Zeitgenossen in den Ruf der Heiligkeit
kam, ja 'heilig' genannt wurde. Während das Herz des Königs auf
Verlangen seines Heeres in N-Afrika blieb, um seither verloren zu sein,
und seine Eingeweide in der Kathedrale von Monreale bei Palermo beigesetzt
wurden, gelangten die Gebeine nach einem langen und beschwerlichen Trauerzug
am 21. Mai 1271 nach Paris, um nach einer Messe in Notre-Dame sodann in
der Abteikirche von Saint-Denis, der Grablege für die französischen
Könige, bestattet zu werden. Nachdem sich bereits während der
Überführung in Italien und Frankreich mehrere Wunder ereignet
hatten, nahmen sie am Grab des Königs unverhältnismäßig
zu, gaben Anlaß zu den ersten Ausprägungen eines Kults und bewirkten
unter anderem das schnelle Interesse der Kurie für das Leben Ludwigs
IX. Dieses Interesse äußerte sich bereits 1272 inoffiziellen
Auftrag für seinen ehemaligen Vertrauten Geoffroi de Beaulieu, seine
Vita et sancta conversatio piae memoriae Ludovici quondam regis Francorum
zu verfassen. Pflichtgemäß gelangte er zu dem Ergebnis, der
verstorbene König sei würdig, unter die Zahl der Heiligen aufgenommen
zuwerden. Obwohl diese zuversichtliche Auffassung und zahlreiche Suppliken,
eine Kanonisation zu erwägen, die Aufnahme eines Verfahrens begünstigten
und bald der Kardinallegat Simon von Brie, der spätere Papst Martin
IV., als früherer conseiller und garde des sceaux Ludwigs
IX. zuerst mit einer geheimen, dann öffentlich geführten
Untersuchung über die Heiligkeit des Königs betraut wurde, dauerte
es noch weiter Jahre, bevor das offizielle Verfahren Ende 1281 eingeleitet,
in der Folge mehr als 330 Zeugen über die Wunder befragt, 38 Aussagen
und eine Vielzahl von Materialein über sein Leben gesammelt wurden.
Trotz dieses Eifers sollte sich das Kanonisationsverfahren bis 1297 hinziehen,
bis Bonifaz VIII., der selbst an der Materialsammlung beteiligt gewesen
war, als er als Kardinal persönlich die Aussage Karls
von Anjou über das Leben seines Bruders entgegengenommen
hatte, die Heiligsprechung vollzog. Dabei wurde er allerdings nicht nur
von frommen, sondern auch, vielleicht sogar vornehmlich, von politischen
Motiven geleitet, da er sich zu dieser Zeit um einen Ausgleich in jenem
tiefgreifenden Konflikt mit Ludwigs Enkel
Philipp
IV., dem Schönen, bemühte, der sich zum letzten großen
Machtkampf zwischen der weltlichen und der geistlichen Gewalt auswachsen
sollte. Ludwig IX. wurde also als rex
sanctus zu einem politischen Heiligen der kapetingischen
Dynastie gemacht, doch sollte dies der enormen Ausstrahlungskraft seines
Kultes, die weit über Frankreich und die benachbarten Reiche bis nach
Skandinavien reichte, keinen Abbruch tun. Im Gegenteil, nach seiner Heiligsprechung
nahm die Verehrung nochmals zu, nicht zuletzt wegen der Förderung
durch Philipp IV., der am 17. Mai 1306
Ludwigs
Haupt
in die Sainte-Chapalle überführen ließ und zahlreiche weitere
Partikel von Körperteilen an Kirchen im gesamten Reich vergab, eine
Praxis, die im Laufe des Spätmittelalters auf ganz Europa ausgedehnt
wurde, so dass Ludwig IX., wenn nicht
zu einem Reichsheiligen, so doch zu einem Heiligen wurde, der für
Frankreich stand.