Ludwig VI. der Dicke                                König von Frankreich (1108-1137)
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Ende 1081-1.8.1137
Paris         Paris

Begraben: St-Denis
 

Einziger Sohn des Königs Philipp I. von Frankreich aus seiner 1. Ehe mit der Bertha von Holland, Tochter von Graf Florenz I.
 

Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 2181
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Ludwig VI., König von Frankreich aus dem Hause der KAPETINGER 1108-1137
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* wohl Ende 1081, + 1. August 1137
                              Paris

Begraben: St-Denis

Sohn von Philipp I. und Bertha (Berthe) von Holland, verwandt väterlicherseits mit den Häusern VERMANDOIS, BURGUND und NORMANDIE (Heinrich I. von England), mütterlicherseits mit den WELFEN und den Grafen von Flandern (Robert II., Karl der Gute).

Ludwig VI., dessen Erzieher (pedagogus) Hellouin von Paris war, hatte als Sohn von König Philipp (zugunsten von Bertrada vonMontfort) verstoßenen Bertha von Holland eine schwere Kindheit. Er erhielt die Grafschaft Vexin, wurde ca. 1098 zum 'rex designatus' erhoben, nahm seit ca. 1101 für den regierungsunfähig gewordenen Vater faktisch die Herrschaft wahr und erhielt die Grafschaft Vermandois (zwischen 1101 und 1105). Nach dem Tode Philipps I. (+ Ende Juli 1108, begraben Fleury-St-Benoit) ließ sich Ludwig VI. in überstürzter Weise durch Erzbischof Daimbert von Sens (Orleans, 3. Oktober 1108) zum König weihen, um so die Ansprüche Philipps, des Sohnes der Bertrada von Montfort, auszuschalten. Über den bisherigen Einflußbereich der kapetingischen Könige, den Raum von Paris und Orleans, hinausgreifend, ging Ludwig VI. dann unverzüglich gegen den Herrn von Bourbon, Aimon II., vor (Belagerung von Germigny-l'Exempt).
Wie ungefestigt die Macht der KAPETINGER immer noch war, zeigt der Versuch Graf Roberts von Meulan, Paris während einer Abwesenheit des Königs im Handstreich einzunehmen (1111). Das Fehlen legitimer Erben (Ludwig VI. hatte 1107 sein Verlöbnis mit Lucienne de Rochefort annulliert) erweckte nach dem Zeugnis Ivos von Chartres bei manchen Aristokraten Hoffnungen. Diese durchkreuzte Ludwig VI., indem er überraschend Adelaide von Maurienne heiratete (Fastenzeit 1115). Adelaide gebar ihm (mindestens) sieben Kinder. Der älteste Sohn, Philipp (* 29. August 1116), wurde am 18. April 1120 für den Thron designiert, am 14. April 1129 zum (Mit-)König gekrönt, erlag am 13. Oktober 1131 aber einem Sturz vom Pferd. Umgehend ließ Ludwig VI. daraufhin Ludwig VII. den Jüngeren (* 1120) krönen (25. Oktober 1131).
Bei diesen Aktionen treten beherrschende Züge des Charakers und politischen Handelns des Königs hervor:
die Unruhe angesichts von Bedrohungen,
das übereilte Vorgehen (dem oft eine Phase der Entschlußlosigkeit vorausging), zugleich aber der Wille, die Krondomäne (und das Königreich) zu befrieden und ordnen.
Ludwigs sprunghafter Charakter war wohl auch Folge eienr chronischen Krankheit (erbliche Fettsucht) und der schweren Verwundungen in heftigen Kämpfen (1128 vor Burg Livry). Die Atmosphäre am Hof war von Intrigen mächtiger Clans (vor allem der Garlande, bedeutendstes Mitglied: Etienne) geprägt.
Um die geringe Ausdehnung und starke Zersplitterung der Krondomäne zu überwinden, bekämpfte Ludwig VI. nicht nur die Umtriebe lokaler Herren (Hugues du Puiset, 1111-1118; Thomas de Marle, 1115-1130), sondern nahm unter dem Einfluß seiner bedeutenden Ratgeber (Ivo von Chartres, + Ende 1115; vor allem aber Suger von St-Denis, seit März 1122) die Neuordnung der Krondomäne und des Königreiches in Angriff. Er bewegte sich dabei zum Teil in den Bahnen seiner Vorgänger, beschritt aber insofern Neuland, als er (jedoch nur außerhalb der Krondomäne) die Bildung von städtischen Kommunen akzeptierte - Ausdruck eienr umsichtigen Haltung gegenüber einer Bewegung, deren Dimensionen der König und sein Umkreis noch kaum abschätzen konnten. Auf den eigenen Besitzungen beschränkte sich Ludwig VI. dagegen auf die Gewährung bestimmter wirtschaftlicher und finanzieller Privilegien für eine Reihe von Gemeinden (zum Beispiel Charte von Lorris).
Ludwig VI. führte eine aktive "Außenpolitik". Im Westen (Vexin, Normandie) kämpfte er mit wechselndem Erfolg (20. August 1119: schwere Niederlage bei Bremule) gegen Heinrich I. von England und seinen Verbüdeten Tedbald IV. von Blois. Seit 1120 verzeichnete Ludwig VI. zumeist militärische Erfole: 1122 und 1126 führte er zwei Feldzüge gegen Wilhelm VI. von Auvergne durch; 1124 konnte er dank seiner Vasallen die Invasion HEINRICHS V. zurückschlagen; 1127 intervenerte er nach der Ermordung Karls des Guten in Flandern.
Kirchenpolitisch trug Ludwig VI. Konflikte mit zahlreichen Prälaten aus (Erzbischof Raoul de Vert von Reims; Bischof Etienne de Senlis von Paris; Hildebert von Lavardin, Erzbischof von Tours), unterstützte dagegen häufig das Papsttum, so Gelasius II. (1118-1119), besonders dann Calixt II. (1119-1124), den Onkel seiner Gemahlin Adelaide, dem er ftreundschaftlich verbunden war, und schließlich Innozenz II. (1130-1143), der dank der gewichtigen Stimme Ludwigs VI. über seinen Gegner Anaklet II. triumphierte.
Kurz vor seinem Tode verheiratet Ludwig VI. seinen Sohn Ludwwig den Jüngeren mit der Erbin des Herzogtums Aquitanien, Eleonore, und ergrößerte so die Krondomäne beträchtlich
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Brandenburg Erich: Tafel 25 Seite 50
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"Die Nachkommen Karls des Großen"

XII. 211. Ludwig VI., König von Frankreich 1108
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                          + 1137 1. VIII.

Gemahlin: ca. 1120 Adelheid, Tochter Humberts II., Graf von Savoyen (siehe XII 140)
                                    + 1154
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Ludwig VI. der Dicke, der bereits seit etwa 1100 die Politik des französischen Königtums weitgehend bestimmte und dann vom Tode seines Vaters an allein regierte, ging systematisch daran, innerhalb seines engeren Machtbereiches zwischen Paris und Orleans, also innerhalb der königlichen Domäne, die unbotmäßigen, kleineren feudalen Zwischengewalten mit kriegerischen Mitteln zu unterwerfen und so ein ausreichend großes, geschlossenes Gebiet fest unter seine Kontrolle zu bringen. Nach Konsolidierung dieses festen Kerns schaffte er die Voraussetzungen dafür, dass seine Nachfolger später die Wirksamkeit der königlichen Gewalt über dieses begrenzte Gebiet hinaus mehr  und mehr ausweiten konnten. Das heftig umkämpfte Amt des Seneschalls ließ Ludwig VI. nach dem Sturz des allmächtig gewordenen Stephan von Garlande unbesetzt und verhinderte so, dass es dem Königtum über den Kopf wuchs. Seine Versuche, die königliche Oberherrschaft gegenüber den Lehnsfürsten wieder stärker zur Geltung zu bringen, hatten nicht immer Erfolg; aber der Ernst und Eifer mit dem er die Pflichten seines königlichen Amtes erfüllte, und die Tatkraft seines ersten Ratgebers Suger von St. Denis sicherten ihm ein starkes moralisches Übergewicht. Als er im Jahre 1124 zu den Waffen rief, als Kaiser HEINRICH V. in Frankreich einfiel, hatte er neben den Städten fast alle großen Lehnsbarone hinter sich. Am 25.10.1131 ließ er seinen Sohn Ludwig VII. in Reims krönen und salben.
Ludwig VI. wurde in St-Denis begraben.

Pernoud Regine: Seite 11-29
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"Die Kapetinger" in: Die großen Dynastien

Ludwig VI. (1108-1137) hatte von seinem Vater zwar die Fettleibigkeit geerbt (daher sein Beiname der Dicke), nicht aber dessen Leidenschaften. Er war ein empfindsamer Mensch, ein großer Freund des Essens und Trinkens zwar, aber doch von erstaunlichem Unternehmungsgeist. Er war entscheidungsfreudig, leicht zu erzürnen und trotz seines Körperumfangs ein unermüdlicher Reiter. In seiner Jugend hatte er ohne Zweifel unter den ungeordneten Verhältnissen am Hofe seines Vaters gelitten. (Bertrade hatte nichts unversucht gelassen, um statt seiner den Sohn, den sie dem König geschenkt hatte und der ebenfalls den Namen Philipp trug, auf den Thron zu bringen.) Ludwig VI. war ein Mann von untadeliger Integrität, und unter seiner Regierung nannte der Papst Frankreich "die älteste Tochter der Kirche". Sein ganzes Leben hindurch verband ihn eine treue Freundschaft mit Suger, dem Sohn eines Leibeigenen, der jedoch zusammen mit dem Thronerben in der Abtei Saint-Denis erzogen worden war, deren Abt er später wurde.
An den zahlreichen "Kreuzzügen" (vergessen wir nicht, dass es sich dabei um einen modernen Begriff handelt, der allenfalls aus dem 18. Jahrhundert stammt) nahm Ludwig VI. ebensowenig teil wie sein Vater, denn er beschränkte seine Ambitionen auf das ihm anvertraute Land. Mit Nachdruck sorgte er für Recht und Gerechtigkeit. Gegen etliche seiner Vasallen - Raubritter wie Bouchard de Montmorency oder Thomas von Marle (von dem man sagte, er habe seine Domäne zur "Räuberhöhle" und "Drachengrube" gemacht) - wurden Strafexpeditionen durchgeführt, die sie so bald nicht wieder vergessen sollten; und noch viele andere  wären zu nennen, unter ihnen auch Mathieu de Beamont und Lionel de Meung, die für ihre Raubzüge streng bestraft wurden. Kein Unrecht, keine Verfehlung wurden in der Krondomäne geduldet. Nach dem Tod seines Vaters und dessen Überführung nach Saint-Benoit-sur-Loire wurde Ludwig VI. in Orleans zum König gekrönt. Seine fast 30-jährige Regierung war begleitet von - gewiß begrenzten - Polizeimaßnahmen, die den Ruf des französischen Königs, unter seiner Herrschaft lebe man in Sicherheit, begründeten. Darüber hinaus versäumte er keine Gelegenheit, auch außerhalb seiner Domäne, immer als Gerichtsherr, einzugreifen. Als in Flandern Karl der Gute ermordet wurde, beteiligte er sich an der Regelung der Erbfolge und erreichte, dass Thierry von Elsaß seine Oberhoheit anerkannte und daraus Nutzen zog.
Mit dem Herzog der Normandie, dem König von England, kam es immer wieder zu Konflikten, die fast in einer Katastrophe mündeten, als Ludwig bei Bremule im Jahre 1119 geschlagen wurde, dem Gegner das Feld überlassen und sogar den Archivschatz zurücklassen mußte, seine Urkunden, die nach damaligem Brauch in die Schlacht mitgeführt wurden. Im darauffolgenden Jahr indessen machte die Tragödie von Blanchenef alle Hoffnungen zunichte, welche der englische König Heinrich Beauclerc in seine Dynastie gesetzt hatte. Sein Sohn Wilhelm ertrank im Ärmelkanal und mit ihm sein Bruder, eine seiner Schwestern und die gesamte Jeunesse doree Englands. In den 15 Jahren, um die er das Unglück überlebte, hat man auf dem Antlitz des englischen Königs niemals wieder ein Lächeln gesehen.
Am Ende seines Lebens sah Ludwig VI. manche beunruhigende Entwicklung auf sein Land zukommen. Drei große Feudalgeschlechter, deren Reichtum den des Königs weit übertraf, gewannen mehr und mehr an Einfluß: Normandie, Anjou und Champagne. Die einzige dem englischen König verbliebene Tochter war, mit 9 Jahren dem deutschen Kaiser HEINRICH V. angetraut, verwitwet und heiratete nun den Erben der Grafschaft Anjou, den jungen Gottfried (Geoffroi) den Schönen, Geoffroi Plantagenet genannt. Mit dieser Verbindung Anjous, der Normandie und Englands erhob sich im Westen eine bedrohliche Macht.
Da bot sich ganz unerwartet eine Möglichkeit, dieser Gefahr zu begegnen. Der Herzog von Aquitanien befand sich auf der Rückreise von Santiago de Compostela, als er plötzlich erkrankte. Bevor er starb, nahm er seinen Gefährten das Versprechen ab, dem Sohn und Thronerben des französischen Königs, Ludwig dem Jüngeren, die Hand seiner Tochter und Erbin Eleonore (sie war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt) anzubieten. Man kann sich denken, dass Ludwig VI. über diese Aussicht auf eine Erweiterung der Krondomäne hocherfreut war und sich beeilte, den Antrag anzunehmen. Doch sollte er selbst nicht mehr erleben, wie sich diese Hoffnungen erfüllten. Als Ludwig mit seiner Gattin in glänzendem Geleit, zu dem auch Suger, inzwischen Abt von Saint-Denis, gehörte, zur Ile-de-France zurückkehrte, war der König gestorben (1. August 1137).
 
 
 
 

    1104
  1. oo 1. Lucienne von Montmorency, Tochter des Seneschalls Guido I. von Rochfort-en-Yveline
  - 23.5.1107  -   1137

    1115
  2. oo 1. Adelheid von Savoyen, Tochter des Grafen Humbert II.
               um 1092-18.11.1154
 
 
 
 

Kinder:
2. Ehe

  Philipp II. Mitkönig seit 14.4.1129
  29.8.1116-13.10.1131

  Ludwig VII. König von Frankreich
  1120-18.9.1180

  Heinrich Erzbischof von Reims (1162-1175)
  um 1121-13.11.1175

  Hugo
  um 1122- jung

  Robert I. der Große Graf von Dreux
  um 1123-11.10.1188

  Konstanze
  um 1124- um 1180

    1140
  1. oo Eustach IV. von Blois Graf von Boulogne
          um 1122-10.8.1153

    1154
  2. oo Raimund V. Graf von Toulouse
          1134-  1194

   Peter I. Graf von Courtenay
   um 1126-   1179/83

  Philipp Erzbischof von Paris (1157-1159)
  um 1125-4.9.1161
 
 
 
 

Literatur:
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Brandenburg Erich: Die Nachkommen Karls des Großen Verlag Degener & Co Neustadt an der Aisch 1998 Tafel 25 Seite 50 - Csendes, Peter: Heinrich VI., Wissenschaftliche Buchgemeinschaft Wiesbaden 1993, Seite 11,203 - Die Staufer im Süden. Sizilien und das Reich, hg. von Theo Kölzer, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1996, Seite 58-82 - Douglas David C: Wilhelm der Eroberer Herzog der Normandie. Diederichs Verlag München 1994 Seite 258 - Ehlers Joachim: Die Kapetinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 86,92-111,114,120,133,173,191,193 - Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer GmbH 1987 Seite 62,71,85-90,92-96,102-106,108,162 - Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 Seite 113,123,125,127-138,139,145,152 - Favier, Jean: Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite 74,93,95,108 - Houben, Hubert: Roger II. von Sizilien. Herrscher zwischen Orient und Okzident, Primus Verlag Darmstadt 1997, Seite 135,179 - Le Goff Jacques: Ludwig der Heilige, Klett-Cotta Stuttgart 2000 Seite 20,23,97,246,248-249,254,281,304,410,468,650,729,733,782,915 - Mexandeau Louis: Die Kapetinger. Editions Rencontre Lausanne 1969 Seite 240-259 - Pernoud Regine: Die Kapetinger. in: Die großen Dynastien. Karl Müller Verlag1996 Seite 11-29 - Pernoud Regine: Herrscherin in bewegter Zeit. Blanca von Kastilien, Königin von Frakreich. Diederichs Verlag München 1991 Seite 140,143,146 - Schnith Karl: Frauen des Mittelalters in Lebensbildern. Verlag Styria Graz Wien Köln 1997 Seite 195,215,218 - Treffer Gerd: Die französischen Königinnen. Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert) Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1996 Seite 16,84,89,96,134 - Tuchmann Barbara: Der ferne Spiegel. Deutscher Taschenbuch Verlag München 1995 Seite 24 - Vones-Liebenstein Ursula: Eleonore von Aquitanien Herrscherin zwischen zwei Reichen. Muster-Schmidt Verlag Göttingen 2000 - Werner, Karl Friedrich: Königtum und Fürstentum im französischen 12. Jahrhundert, in Probleme des 12. Jahrhunderts Reichenau-Vorträge Band XII, Jan Thorbecke Verlag Konstanz-Stuttgart, Seite 177-227 - Wies, Ernst W.: Kaiser Heinrich IV. Canossa und der Kampf um die Weltherrschaft, Bechtle Esslingen 1996, Seite 276,281 -
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Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller Bernd: Seite 127-138
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"Die französischen Könige des Mittelalters"

Dietrich Lohrmann

LUDWIG VI., König von Frankreich 1108-1137
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* Ende 1081, + 1.8.1137
Paris              Paris

Begraben: St-Denis

Erzogen 1085/86-1092 in St-Denis
1092 Belehnung mit der Grafschaft Vexin, den Städten Mantes und Pontois
24.5.1098 Schwertleite in Abbeville (Grafschaft Ponthieu)
vor dem 25.12.1100 Designation als König, Besuch in Londen
1101 Intrige und Vergiftungsversuch der Bertrada von Montfort gegen Ludwig
Verlust des Vexin bis 1103
1101-1105 Übernahme der Grafschaft Vermandois
Feldzüge gegen die Burgherren von Montmorency, Beaumont, Roucy, Meung-sur-Loitre, Montaigu, Montlhery etc.
1104 Versöhnung mit Bertrada, Übernahme von Montlhery, Zusage von Mantes und Montlhery an Bertrdaas Sohn Philipp
30.4.-3.5.1107 Bündnis mit Papst Paschalis II. in St-Denis
23.5.1107 auflösung von Ludwigs Eheversprechen mit Lucienne von Rochefort
Seneschalat der Garlande
8.8.1108 Krönung in Orleans durch den Erzbischof von Sens
1108-1112 Kämpfe gegen wechselnde Koalitionen des Königs von England, des Pfalzgrafen von Blois, der Herren von Crecy-en-Brie
Bertrada im Anjou, dann im Kloster Bruyere
Vertreibung ihres Sohnes Philipp aus Mantes
Erster Feldzug gegen Thomas von Marle, Sicherung von Amiens
1117-1120 Vostöße in die Normandie, Friede mit Heinrich I. nach Tod des englischne Thronfolgers
Oktober-November 1119 Besuch Papst Calixts II. und neues Bündnis
1124 Doppelbedrohung durch Heinrich I. von England und Kaiser HEINRICH V.
Großes französisches Heer bei Reims
1126 erfolgreicher Feldzug in die Auvergne
Behinderung des Königs durch starkes Übergewicht von Suger hervorgehoben
1127-1128 Sturz des Stephan von Garlande
Eingreifen in Flandern eendet mit Tod des Wilhelm Clito
Januar 1130 Empfang Papst Innozenz' II.
Oktober-November 1130 Unternehmen gegen Thomas von Marle und Coucy, dessen Tod
13.10.1131 Tod des 1129 gekrönten Thronfolgers Philipp
25.10.1131 Salbung des zweiten Sohnes, Ludwig, in Reims durch Papst Innozenz II.
1132-1133 Kreig gegen Theobald IV., Graf von Blois und Champagne
Herbst 1135 Letzter Feldzug nach Chateauneuf-sur-Loire, schwere Dysenterie
Juli 1137 Heirat des Thronfolgers mit Eleonore von Aquitanien
 
 

  oo Ende März 1115
       ADELAIDE VON SAVOYEN
       * um 1092, + 18.11.1154

Tochter des Grafen Humbert II. von Savoyen
 

                                                                          I. Bild in der Geschichtsschreibung

Ludwig VI. erweiterte das französische Kronland, die Domäne, keineswegs im gleichen Ausmaß, wie das seinem Vater, Philipp I., mit dem Erwerb von Gatinais und Vexin, Corbie und Bourges gelungen war. Trotzdem leistete er für das Königtum wesentlich mehr; er konsolidierte diese erweiterte Krondomäne, in der sein Vater nicht wirklich Herr im Hause gewesen war. Ludwig schuf innere Sicherheit, er schleifte Burgen, befreite gefangene Kaufleute, öffnete Straßen und traf dabei auf eine Fülle von Gegnern. Unermüdlich zog er gegen sie zu Felde. Die 37 Jahre seines Wirkens als Thronfolger und König sind fast ganz erfüllt von gefahrvollen Zügen, Gefechten, Belagerungen, Siegen und Niederlagen.
Als unermüdlichen, meist gut gelaunten Kämpfer hat ihn bereits sein Biograph Abt Suger von St-Denis geschildert. Schon bald nach Ludwigs Tod erinnert Suger, der wohl wie Ludwig im Jahr 1081 geboren wurde und ihn seit der Jugendzeit kannte, an den König. Er schreibt Texte zur Lesung an dessen Anniversartag, aus denen später, etwa 1114, die offizielle Vita des Königs hervorgehen wird.
Fast in allen kritischen Phasen war Suger dabei. Er ist in demselben Kloster aufgewachsen, in dem auch Ludwig mehrere Jahre, etwa ab 1086, verbracht hat. Er hat die Kämpfe des jugendlichen Prinzen im Vexin verfolgt, als dieses Gebiet nordwestlich von Paris, das Land des heiligen Dionysius, den Angriffen des weit überlegenen Königs von England, Wilhelm Rufus, ausgesetzt war. Er kannte auch Ludwigs politischen Hauptgegner, Heinrich I. von England, der ab 1106 zugleich die Normandie beherrschte und sich an immer neuen Koalitionen gegen Ludwig beteiligte. Und genauestens glaubt er die ein seinen Augen aufsässigen, räuberischen Adeligen zu kennen, die als Burgherrn durch Überfälle, Raub und Geiselnahme den Frieden des Königs stören, was zugleich Störung des Friedens für die Kirche bedeutete.
Sugers Sicht dieser sich unabhängig gebärdenden Burgherren ist die des Königs und die einer neuen Auffassung von königlicher Autorität. Sie steht im Dienst der Kirchen und der Bevölkerung. Vor dem hellen Grund dieser Zielvorstellungen erscheinen die ehrgeizigen Aufrührer in tiefster Schwärze. Nur rasches militärisches Eingreifen kann sie niederzwingen, denn sie verweigern sich dem königlichen Gericht; List, Wortbruch und Gewalt kennzeichnen ihr Handeln. Suger beschreibt genauestens die Lage jeder umkämpften Burg, die Verteidigungsanlagen, die einzelnen Maßnahmen des Königs. Dessen persönliches Engagement zu Fuß oder zu Pferde geht ihm gelegentlich sogar zu weit, denn er wagt sich stärker ins Getümmel, als es der königlichen Majestät wohl ansteht. Doch in der Gefahr kann den König nichts rühren. Suger hat dann gern einen Vergleich aus der antiken Kriegsliteratur zur Hand: Wenn alle Vasallen dem König ihre Hilfe versagen, stört das diesen so wenig, wie es den Ozean verändern würde, wenn ihm alle Flüsse ihr Wasser entzögen (Lukan, Pharsalia). Immer bleibt Grund zur Zuversicht. So starb ein Herausforderer des Königs Philipp, wie der Biograph des Sohnes zu berichten weiß, noch am gleichen Tage, an dem er den König herausgefordert hatte; seinen Krieg gegen den König nahm der Herausforderer sichermaßen mit sich in die tiefste Hölle.
Sugers Bild des Königs Ludwig ist lange ziemlich kritiklos auch in die Geschichtsbücher eingegangen, und es hat vor allem den Eindruck bestimmt, der jeden jungen Franzosen in der Schule vermittelt wurde: Ludwig als ein König, der nach langen Zeiten der Schwäche Frankreichs endlich den Grund zu dessen Wiederaufstieg legt und als wirklicher König handelt. Darüber hinaus ist er lebensfroh, von stattlicher Körperfülle, in der Jugend ausschweifend, dann treuer Ehemann, Vater zahlreicher Söhne und einer Tochter, vor allem aber Retter des Vaterlandes, der Frankreich nicht nur aus der feudalen Anarchie befreit, sondern (1124) auch vor einer doppelten Invasion des englischen Königs und des bedrohlichen Kaisers HEINRICH V. bewahrt. In keiner Gefahr verzagt er, auch in höchster Not bleibt er geistvoll - so soll er einem Ritter, der ihn allzu hartnäckig verfolgte, zugerufen haben, die Gefangennahme des Königs sei nicht nur im Schachspiel verboten.
Auch die gesamte historische Literatur Frankreichs im 19. wie im 20. Jahrhundert ist auf den Grundton des Dankes für eine große, unverkennbare Leistung gestimmt. Guizot (1839) erkennt bereits im Anschluß an Suger, dass mit Ludwig VI. eine völlig neue Auffassung vom Königtum zum Durchbruch kam, einem Königtum, das nicht nur den Schutz der Kirche gewährleistete, sondern nach langen Versäumnissen nun auch die Sicherheit der Bauern, Handwerker und kleinen Leute erstrebte; das bedeutet für Guizot im Verhältnis zur vorausgegangenen Zeit eine Revolution. Für Michelet (1869) bringt die Regierung Ludwigs das Erwachen des Königtum: Dieser König steht dem Volke nahe, er fördert dessen Schwureinungen in den Städten und kämpft in den Augen der Liberalen nur etwas zu stark im Dienst der Kirche. Besonders intensiv hat Achille Luchaire (1890) sämtliche Nachrichten über Ludwig gesammelt, sie kritisch gesichtet und seiner Persönlichkeit einleitend ein lebendig gestaltetes Denkmal gesetzt.
Die neuere Forschung bemüht sich um ein vertieftes Verständnis von Ludwigs Persönlichkeit innerhalb der Struktur der Königsfamilie. Sie verfügt dabei über ein hervorragendes Spektrum direkter Aussagen von Zeitgenossen, die zunächst allerdings vordergründig bleiben. Sugers Protrait einer hochgewachsenen, in der Jugend eleganten und anziehenden Erscheinung, ansehlich im Schwertkampf und trotzdem von sanftem, fröhlichem, gutmütigen Charakter, wird auch von anderer Seite bestätigt. Der Chronist von Morigny und der kluge Bischof Ivo von Chartres stimmen in ihrer Einschätzung vollkommen überein: ein junger Mann von einfachem, unkompliziertem Wesen (homo simplicis nature), großmütig, sanft und heiter, aber zu naiv in der Aufnahme von Klagen oder Verleumdungen - und von seiner Umgebung auch leicht zu täuschen - so, als er 1106 seine Zustimmung zur Übernahmen der Normandie durch den König von England gewährte. Auch ist er anfangs noch zu flexibel und läßt sich dazu hinreißen, einen Bösewicht wie Thomas von Marle, den er später immer wieder bekämpft, zunächst zu unterstützen. Bischof Ivo rügt ihn 1111 wegen einer Bitte um kostbare, offenbar von Kürschnern in Chartres gefertigte Pelze; eine solche Bitte sei mit der königlichen Ehre nicht vereinbar.
In einer Zeit, in der das Geld längst alle Schichten des wirtschaftlichen und politischen Lebens durchdringt, zeigt sich auch der König von Frankreich diesem Zahlungsmittel gegenüber als empfänglich. Das bringt ihm den Tadel eines adeligen Abtes aus der Picardie ein, der gerade die Entwicklung der Geldwirtschaft mit Sorge und Ablehnung beobachtet. Ludwigs Erscheinung entspricht zwar auch für diesen klugen Literaten (Gilbert von Nogent) voll er königlichen Majestät, aber er mißbilligt seinen Umgang mit Personen niederer Herkunft (zu denen auch Suger zählt) und er ist verärgert über den Widerruf eines königlichen Kommuneprivilegs, den ein massives Geldangebot des korrupten Bischofs von Laon bewirkt hat.
Der Normanne Ordericus Vitalis schließlich sieht Ludwig durchaus nicht als Feind; er anerkennt seine Leistung im Dienst der öffentlichen Ordnung, aber er mißbilligt es, wenn deren Prinzipien bei Einfällen Ludwigs in die Normandie nicht mit gleicher Strenge gewahrt werden, und er protestiert, wenn die Franzosen plündernd durchs Land ziehen und ihre Bischöfe nicht dagegen einschreiten. Auch die königliche Familie des KAPETINGERS wird von ihm nicht geschont. Vielmehr berichtete Ordericus Dinge, die sich bei Suger und den anderen Berichterstattern der Krondomäne nur angedeutet finden oder ganz bei ihnen fehlen.

                                                                    II. Familie: Jugend und frühe Königszeit

Ludwigs Kindheit muß überschattet gewesen sein von einem nicht einfachen Verhältnis der Eltern. Zwar war die Freude bei seiner Geburt nach 8 Jahren Kinderlosigkeit groß gewesen, doch als 10-jähriger erlebte der Prinz die Verstoßung seines Mutter, Bertha von Holland, die schon bald starb. An ihre Stelle trat die ehrgeizige, selbstbewußte, mit Schönheit und weiblichem Charme wohlversehene Bertrada von Montfort, die sowohl den König wie bald wieder den verlassenen Ehemann, den Grafen Fulco V. von Anjou, in ihren Bann zu ziehen verstand.
Die Macht dieser Frau wird in der neueren Literatur zuweilen unterschätzt. Ludwig lebt nun fern vom Königshof. Den Ritterschlag erhält er 1098 nicht vom Vater, sondern durch den Grafen von Ponthieu. Bertrada, bald Mutter zweier Söhne (Philipp und Florus), sinnt unterdessen auf Möglichkeiten, die Thronfolge für ihr eigenes Geschlecht zu sichern. Bei einem Besuch Ludwigs in London versucht sie, mit einem nachgesandten, zwar echt besiegelten, aber trotzdem gefälschten Königsmandat den Stiefsohn auf Lebenszeit festsetzen zu lassen. Nach Frankreich zurückgekehrt, wünscht ihr der Prinz den Tod. Sie beauftragt nun drei ihrer Kleriker, Ludwig zu töten. Dieser Anschlag wird rechtzeitig entdeckt und vereitelt, gegen das anschließend ausgeführte Giftattentat aber war man machtlos: Der Prinz erkrankte lebensgefährlich; er aß nicht mehr, schlief nicht mehr, kein Arzt konnte ihm helfen. Rettung kam schließlich von einem fremden - vermutlich jüdischen - Arzt, der in N-Afrika (Barbarei) die arabische Medizin erlernt hatte.
Diese Interventionen hat uns der normannische Chronist Ordericus verraten, aber sie gehören deshalb noch lange nicht ins Reich der Fabeln (M. Chibnall), denn sie entsprechen in vieler Hinsicht der nachfolgenden Entwicklung. Bertrada betreibt nun Heiratspolitik: Für ihren etwa 10-jährigen Sohn Philipp gewinnt sie als Gemahlin die Erbin einer strategisch zentral gelegenen Burg im Süden von Paris, von der aus seit langem der Verkehr auf der Straße nach Orleans verunsichert wird (Montlhery). Diese Ehe des Halbbruders ist auch für den Thronfolger akzeptabel, da die Burg, solange Bertradas Sohn noch minderjährig ist, vom Vater zunächstLudwigsObhut anvertraut wird. Der Thronfolger erweist sich deshalb auch seinerseits entgegenkommend. Er versöhnt sich, zumindest vorübergehend, mit der Stiefmutter und verspricht seinem Halbbruder die Grafschaft Mantes an der Seine. Er selbst gibt 1104 der noch minderjährigen Tochter des neuen Seneschalls, Guido von Rochefort, ein Eheversprechen, in den Augen vieler eine Messaliance, von Bertrada jedoch begrüßt, denn Ludwigs Verlobte war nun eine Kusine der Frau ihres Sohnes.
Die Folgen treten nach dem Tod des alten Königs zutage (1108-1110). Ludwigs Thronfolge ist keineswegs gesichert. Seine Krönung muß eilends in Orleans vollzogen werden, ohne Beteiligung des Erzbischofs von Reims und ohne Huldigung der meisten Großen des Reiches. Ivo von Chartres rechtfertigt dieses Vorgehen mit der Gefahr von Wirren und Blutvergießen, der Bedrohung für Reich und Kirche; Störer lägen bereits auf der Lauer, um die Herrschaft einer anderen Person zu übertragen. Suger seinerseits spricht zweimal von eidlich vereinbarter machinatio böser und treuloser Elemente. Die gesamte Sippe der Montfort, an der Spitze Bertrada, hoffte, so versichert er, auf den Ruin des Königs und die dann mögliche Nachfolge des Halbbruders, Philipp. Ein Zeuge aus Sens endlich betont die verweigerte Mannschaftsleistung seitens der Herzöge der Normandie, Burgunds und Aquitaniens für die nachfolgende Zeit. Der junge Pfalzgraf Theobald von Blois seinerseits bringt den König in höchste Gefahr, und schließlich dekuvriert sich auch Ludwigs Halbbruder Philipp, der inzwischen als Graf von Mantes eingesetzt ist und von dort aus Unruhe ins Land trägt. Gegen ihn geht der neue König am entschlossensten vor. Die Burg von Montlhery hat er ihm zum Glück nicht übergeben. Mantes wird eingenommen, Philipp vertrieben, und Bertrada, die sich ins Anjou abgesetzt hat, muß beziehungsweise darf gerade noch ihr Wittum verkaufen, mit dem Erlös ein Kloster gründen (Fontevristinnen von Haute-Bruyere) und sich dorthin zurückziehen.
Aus heutiger Sicht klingen diese Geschichten fast wie ein Märchen, und doch ist alles aus zeitgenössischen Quellen bezeugt. Verfassungsrechtliche Strukturen lassen sich daraus vorerst nicht ableiten. In die Zukunft weist nur die starke Betonung der Salbung und des Erbrechts im Ordo von Ludwigs Krönung durch den Erzbischof von Sens. Vor allem die Kirche trägt zur Sicherung der Dynastie bei. Von ihren Vertretern denkt insbesondere Bischof Ivo von Chartres schon an die künftige Thronfolge. Ludwigs Königtum bleibt für Ivo so lange gefährdet, wie keine angemessene Eheschließung erfolgt und kein Erbe geboren ist. Das frühe Engagement mit Lucienne de Rochefort ist bereits 1107 vom Papst gelöst worden, eine Verbindung mit dem Hause MONTFERRAT 1109 nicht zustande gekommen. Länger angedauert hat, wie es scheint, eine freie Verbindung mit einer Tochter Rainalds von Breuillet, aus der eine uneheliche Tochter hervorgegangen ist, Isabelle. Schon regen sich spöttische Zungen, da ermutigt Ivo von Chartres den bereits 33-jährigen König, eine Verbindung einzugehen, die von der Gräfin Flanderns angebahnt worden war. Diesem Rat schließt sich Ludwig an. Ende März 1115 heiratet er Adelaide von Maurienne, eine Nichte des künftigen Papstes Calixt II. aus burgundisch-savoyischem Hochadel. Die Angabe, die Braut sei "sehr häßlich" gewesen und deshalb zuvor vom jungen Grafen des Hennegau zurückgewiesen worden, beruht auf Verwechslung. Giselbert von Mons meint eine ganz andere Braut.

                                                                    III. Personelles Umfeld am Hof

Mit dieser zweiten Ehe kommt Beständigkeit in das Privatleben Ludwigs, und zunehmend auch in die Regierungsgeschäfte des Königs. Die Geburt mehrerer Söhne (Philipp 1116, Ludwig 1120, Heinrich 1121/23, danach werden weitere Söhne geboren) sichert bald die Nachfolge. Die Königin Adelaide wird hochgeehrt; sie ist nicht nur Mutter, sondern tritt häufig auch als Interveninetin bei Regierungshandlungen auf. In den Datierungen der Königsurkunden stehen ihre Regierungsjahre neben denen des Königs (bis 1124), eine formale Berücksichtigung, die nur dieser französische Königin zuteilgeworden ist. Da sie eine Nichte des Papstes ist, spielt sie ab 1119 eine wachsende Rolle im Verhältnis des französischen Königtums zum Papsttum. Innerhalb der französischen Kirche fördert sie die Reformpartei und scheut deshalb auch nicht einen langanhaltenden Konflikt mit dem mächtigsten Mann am Königshof, Stephan von Garlande.
Dieser jüngere Sohn einer Adelsfamilie aus dem Grenzbereich zur Grafschaft Brie-Champagne ist Kleriker, Inhaber zahlreicher Pfründen, Archidiakon von Paris und seit 1103 Kanzler des Königs, während seine Brüder Ansellus und Wilhelm von 1107 bis 1120 als Inhaber des Seneschallats die höchsten militärischen Aufgaben versehen. Danach gelingt es Stephan trotz seines Klerikerstandes und des Konflikt mit der Königin, 1120 beim Tode seines Bruders Wilhelm nun auch das Amt des Seneschalls hinzuzugewinnen. Faktisch führt er es eher in der Art eines königlichen Hausmeiers. So nennt ihn denn auch ausdrücklich der ihm nicht wohlgesonnene Beobachter aus Morigny, Suger pflegt ein gutes Verhältnis zu Stephan von Garlande; er handelt sich damit indes den Tadel des Bernhard von Clairvaux ein. Plastisch schildert Hildebert von Lavardin, Erzbischof von Tours, den allmächtigen Minister an der Seite des Königs: Über ganz Frankreich verfügt er nach Belieben, das Vertrauen des Königs ist ihm sicher, Reichtümer hat er aufgehäuft, Türme und Paläste errichtet und mit den Schätzen des Königs und der Provinzen genießt er das Leben. Aber jetzt (1127-1128) verfolgt ihn der König wie einen Feind, und er verliert sein Geld durch Kriegsausgaben.
Tatsächlich hat Stephan von Garlande während der Abwesenheit des Königs in Flandern versucht, über die Ehe einer Nichte mit Amalrich von Montfort das Seneschalat, das heißt nunmehr das höchste Hof- und Kriegsamt, seiner Familie beziehungsweise der von Montfort auf Dauer zu bewahren, es gleichsam "erblich" zu machen, wie er selbst erklärt haben soll. Damit war eine entscheidende Grenze überschritten. Zudem war als Mitgift der Nichte die Burg Rochefort gedacht, eines der Glieder der alten königsfeindlichen Burgenkette in Süden von Paris. Das traf einen doppelten neuralgischen Punkt des Königs. Die Königin tat ein übriges, den Sturz ihres alten Gegners herbeizuführen. In Paris läßt sie die Häuser des Verbannten niederreißen, seine Weingärten entwurzeln. Allerdings droht nun eine große Auseinandersetzung, denn die Garlande und Amalrich von Montfort finden Unterstützung bei Pfalzgraf Theobald und dem englischen König. Ludwig konzentriert das militärische Geschehen auf eine Burg der Garlande im Osten von Paris, Livry. Er nimmt sie ein, wird aber selbst am Bein verwundet; sein Vetter Radulf von Vermandois verliert ein Auge. Rückschläge in Flandern und die englische Gegnerschaft zwingen sogar zur Versöhnung mit Garlande, woran die Königin sich beteiligt. Ab 1132 erhält Stephan sein Amt als Kanzler zurück, nicht aber das des Seneschalls. Politisch war er ausgeschaltet.
An die Stelle des gestürzten Seneschalls tritt ab 1128 vor allem Graf Radulf von Vermandois, der bei Livry schwer verwundete Vetter des Königs. Daneben erscheint nun aber offiziell stärker hervortretend auch der Abt Suger von St-Denis. Als Berater diente er dem König seit langem. Im Kronrat scheint er als geschickt plädierender Sachwalter vor allem die Eingaben der Kirchen und der unteren Bevölkerungsschichten vertreten zu haben. Seit 1118 hat er diplomatische Aufgaben im Verhältnis zum Papsttum wahrgenommen. Wie meisterlich er es verstand, eine außenpolitisch bedrohliche Lage in eine Manifestation innerer Geschlossenheit fast ganz Frankreichs umzukehren, zeigte er dann 1124. Dem im wesentlichen von ihm mittels der Oriflamme von St-Denis motivierten riesigen Heeresaufgebot bei Reims wagte Kaiser HEINRICH V. erst gar nicht entgegenzutreten. So war der Ausfall des Garlande an sich kein wesentlicher Verlust. Er wurde gravierend nur durch das Eingreifen des englischen Königs.

                                                                     IV. Ludwig VI. und die Fürstentümer
 

Der Kampf mit den kleinen Burgherren innerhalb der Krondomäne ist in dieser Zeit weitgehend gewonnen. Jene stolzen Geschlechter der Herren von Crecy-en-Brie, Rochefort und Le Puiset sind längst bezähmt, der Sperriegel ihrer Burgen im Süden von Paris aufgebrochen, und auch das Bündnis der Garlande mit Amalrich von Montfort vermochte das nicht rückgängig zu machen. Einzig den Räubereien eines Thomas von Marle und Coucy muß der König 1130 noch einmal entgegentreten. Dabei vernichtet Ludwig VI. die Existenz solcher unabhängiger Burgherrschaften wie Coucy in der Picardie keineswegs. Er zwingt sie jedoch zur Anerkennung der königlichen Autorität, beendet die Willkür ihrer Kirchenherrschaft und unterdrückt die Gefahr für eine freie Entwicklung des Handels. Die Herren waren gezwungen, auf Ladung vor dem Königsgericht zu erscheinen. König und Herren stehen nicht mehr auf einer Rangstufe mit diesem freiherrlichen Adel, wie das noch 1104 beim Verlöbnis des Thronfolgers mit Lucienne von Rochefort gegeben schien. Auch Philipp I. hatte sich bei der Entführung der Bertrada von Montfort noch auf dieses Niveau herabgelassen. Aber jetzt herrscht eine neues Königtum und ein neues Bewußtsein königlicher Majestät.
Im Verhältnis zu den großen Fürstentümern Frankreichs freilich vermag sich diese Autorität vorerst nur in Einzelfällen durchzusetzen. Einen Erfolg verzeichnet Ludwig bei seinem zweimaligen Eingreifen in der Auvergne, 1122 und 1125. Der König reagiert hier auf Klagen des Bischofs von Clermont gegen den dortigen Grafen, der auf Unterstützung seines unmittelbaren Lehensherrn, des Herzogs von Aquitanien, hofft. Doch die Heeresmacht des Königs ist insbesondere 1126 so stark, dass der herbeigeeilte Herzog ganz zu ihm übergeht und ihm das Erscheinen seines Vasallen bei einem Hoftag in Orleans zusichert. Heerfolge bei diesem Zuge leisten Flandern, Anjou, Bretagne und sogar ein normannisches Aufgebot des Königs von England. Das große Fürstenheer von 1124 ist also kein Einzelfall. Solche fürstlichen Aufgebote hat schon das 10. und 11. Jahrhundert gekannt. Aber in einem stärkeren Maße als zuvor werden die Heereskontingente der Fürstentümer unter Ludwig VI. freiwillig bereitgestellt. Sie sind nicht zu erzwungen, denn die innere Struktur der Fürstentümer und ihre Verwaltung ist um 1120-1130 mindestens ebenso erstarkt wie die ein der Krondomäne.
Wo die Grenzen der königlichen Macht liegen, zeigen nicht nur die letzthin immer vergeblichen Einfälle in der Normandie. Noch deutlicher wird dies nach Ludwigs Eingreifen von 1127 in Flandern. Suger schildert hierzu die anfänglichen Erfolge, die harte und energische Bestrafung der Mörder des Grafen Karl von Flandern. Mutig sei der König tief in das barbarische Land bis nach Brügge vorgedrungen. Nur ein kurzer Einschub hingegen erwähnt die Einsetzung von Ludwigs besonderem Schützling, Wilhelm Clito, als neuen Grafen von Flandern. Dieser unglückliche Sohn des bis zu seinem Tode eingekerkerten Herzogs Robert von der Normandie ist zuvor mit einer Schwester der Königin, Johanna von Maurienne, verheiratet worden. Auch auf das flandrische Unternehmen hat die Königin befürwortenden Einfluß genommen. Indes, Heinrich I. von England fürchtet für sein Herzogtum in der Normadie. Er läßt die Dinge nicht geschehen. Mit Geld und Truppen greift er in Flandern ein, und schon im Frühjahr 1128 ist der junge Wilhelm Clito erneut auf Hilfe Ludwigs VI. angewiesen. Als dieser die Bürger der Stadt Brügge vermahnt, antworten diese frech, dem König von Frankreich komme keinerlei Recht zu, sich in die Wahl des Grafen von Flandern einzumischen. Tatsächlich haben die flandrischen Großen und Städte ihrerseits Dietrich vom Elsaß gewählt. Als Wilhelm Clito dann im August vor Alost fällt, findet auch Ludwig VI. keine andere Möglichkeit, als diesen neuen Grafen anzuerkennen.

                                                                    V. Umgestaltung von Paris zur Hauptstadt
 

Der eigentliche Gestaltungsrahmen des Königs bleibt somit vorerst die Krondomäne. Sie hat Ludwig, wie wir sahen, grundlegend neu struktuiert. Ein wesentlicher Teil von ihr blieb freilich bisher ausgespart, die Umgestaltung von Paris zur Hauptstadt.
Paris am Ende des 12. Jahrhunderts war im wesentlichen noch immer die Stadt der Seine-Insel, bewohnt von kaum mehr als 3.000 Menschen. Auf dem nördlichen Ufer der Seine liegt ein kleiner Hafen, der Uferstrand (Greve) und darüber eine Gruppe älterer Kirchen mit dem burgus Monceau um die Kirche St-Gervais. Weiter außen, schon in den Feldern - der Name hat sich gehalten - ist um 1060 das Kloster St-Martin-des-Champs entstanden; inzwischen zum Cluniazenserpriorat verändert. Ähnlich steht es um das südliche Ufer. Auch hier sind die alten Namen aufschlußreich: Das ehrwürdige Kloster St-Germin/St-Vincent liegt noch weit auswärts, in den Wiesen. Von der Höhe grüßt das ebenfalls alte Königsstift Ste-Genevieve. Dagegen erscheint eine Siedlung in der Nähe des Brückenkopfes beim Petit-Pont, wo Stephan Garlande noch Wein pflanzen ließ, erstmals 1176. Einem arabischen Geographen, dessen Informationen auf das frühe 12. Jahrhundert zurückgehen dürften (Idrisi), gelten Rouen und Troyes, die Hauptstädte der Normandie und Champagne, um Vergleich zu Paris noch als wesentlich bedeutender.
Unter Ludwig VI. wandelt sich das Bild. Die Stadt wird aus ihrer Isolation im Südwesten wie im Norden befreit. Die wichtigsten Straßen nach Orleans, nach Corbeil und Sens, im Norden nach Senlis, Beauvais, Amiens, St-Quentin, Laon, Soissons und Reims, sind der Gefahr ständiger Überfälle nicht mehr ausgesetzt. Die Bevölkerung nimmt stark zu. Neue kirchliche Institutionen zeigen das unmittelbare königliche Eingreifen. So entsteht an der Seine mit nachdrücklicher Förderung Ludwigs VI. das Stift St-Victor, das sich bald zu einem wichtigen geistigen Zentrum entwickelt (1113). Im Norden weist das neue Leprosenstift St-Lazare (vor 1122) auf eine wachsende Zahl von Kranken hin. An der Gründung eines Damenstiftes auf dem Montmatre ist naturgemäß die Königin beteiligt (1134). Schließlich liegen vor 1137 auch die ersten Ansätze der sehr bald danach als Finanzzentrum hervortretenden Niederlassung des Templerordens in Paris.
Wichtiger noch ist die Verlegung der Hauptbrücke, die von der Cite zum nördlichen Seineufer führt. Über den Zeitpunkt dieser urbanistischen Maßnahme ist viel gestritten worden. Nach Bautier sind alle älteren Erwähnungen der Verlegung gefälscht. Den Anlaß zum Neubau der Brücke, 125 Meter unterhalb der alten römischen Achse, bot ihm zufolge ein Überfall des Grafen Meulan im März 1111. Der Graf nutzte dabei seine Herrschaft über den Monceau-St-Gervais und die Greve unmittelbar beim alten Brückenkopf. Ludwig verlegte diesen deshalb in die Nähe seines Königspalastes. Auf der neuen, nun steinernen Brücke beginnt vor 1133 der Bau von Häusern für die Wechsler. Zum Brückenkopf gehört zwangsläufig auch ein neues Chatelet. Jenseits davon auf dem rechten Seineufer organisiert der König eine Neustadt für Gewerbe und Handel. 1121 verzichtet er auf Abgaben der Pariser Weinschiffer, denen seitdem auf der Seine ein Monopol zusteht. Zur alten Lendit-Messe (die 1124 an St-Denis übertragen wird) tritt ab 1137 die Schaffung einer weiteren Messe bei St-Lazare. Paris wächst an, es blüht auf und mit ihm das gesamte Umland. Für den Chronisten von Morigny überragt es 1137 beim Tode des Königs bereits alle anderen Städte.

                                                                     VI. Krankheiten und Tod des Königs

Spätestens seit seinem 45. Lebensjahr wird die Körperfülle des Königs so unübersehbar, dass selbst sein Biograph sie nicht länger übergehen kann. Die Fettsucht Ludwigs ist offenbar ein erbliches Leiden von beiden Elternteilen her. Der Aufstieg aufs Pferd gelingt ihm nur noch mit Hilfe. Von seinem zweiten Zug in die Auvergne (1126) wird Ludwig allgemein abgeraten, doch nicht einmal die Sommermonate schrecken ihn, und Jüngere, die über Hitze klagen, verlacht er.
Sein Gewicht durch strenge Abstinenz zu reduzieren, liegt nicht im Temperament des lebensfrohen Mannes. Ein englischer Chronist legt ihm wie seinem Vater darum Gefräßigkeit zur Last. Doch verweist Ordericus neben der Korpulenz auch auf ständige Blässe, ein Indiz, das Leberprobleme vermuten läßt und nach Ansicht eines modernen Arztes (A. Brachet) auch auf Wassersucht deuten kann. Kriegsverletzungen kommen hinzu: 1115 eine vermutlich nicht schwere Wunde an der Brust, 1128 ein Beindurchschuß mit einem Armbrustbolzen; selbst diese letzte, ernste Verletzung will der König zunächst nicht behandeln lassen.
Sein körperlicher Gesamtzustand erscheint indes schon 1131-1132 erheblich geschwächt. Schwere Durchfälle plagen ihn häufig. Im Herbst 1135 an der Loire nehmen sie ein Ausmaß an, dass man sein Ende nahe sieht. Er legt die Insignien seines Königtums ab, übergibt seinen Siegelring dem Thronfolger und findet noch einmal den Weg zur Genesung. Er überlebt so selbst seinen alten, an Geld und Machtmitteln meist überlegenen Gegner, den König von England, dessen Nachfolge nach dem 1. Dezember 1135 schwere innere Wirren auslöst. Endlich ist damit für Ludwig der Weg zu größeren Unternehmungen gebahnt. Pfalzgraf Theobald muß sich mit ihm versöhnen. Mit Genugtuung empfängt er die Gesandten, die für Eleonore, die Erbin von Aquitanien, um die Hand des Thronfolgers nachsuchen, und mit Bedauern spricht er von vielen Reichen (regna), die zu bezwingen ihm in der Jugend nicht vergönnt gewesen und jetzt im Alter nicht mehr möglich sei. Dann trifft ihn in einem besonders heißen Sommer eine neue Dysenterieattacke; ihr erliegt er. Am 1. August 1137 stirbt mit Ludwig VI. einer der verdienstvollsten, aber auch sympathischsten Könige des französischen Mittelalters. Am Ende seiner Herrschaft gehorchen ihm, der am Anfang kaum die Straße von Paris nach Orleans kontrolliert hatte, mit Ausnahme der Normandie und Flanderns ganz N-Frankreich und kurzfristig sogar weite Gebiete Aquitaniens.